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Bibliolog ist ein inspirierter, gemeinschaftlicher Prozess, der biblische Texte lebensnah erfahrbar und existenziell bedeutsam werden lässt. Als unkomplizierter Weg der Bibelinterpretation lässt er sich mühelos im Gottesdienst, in Schule und Gemeinde einsetzen. Mittlerweile hat sich bibliologisches Arbeiten auch außerhalb Europas, in Ländern anderer Kontinente und deren Kulturen erfolgreich etabliert. Dasein und Überlieferung legen sich im kreativen Spiel wechselseitig aus. Das macht diesen originellen gemeinschaftlichen Zugang nicht nur für Wortverkündigung und Religionsunterricht anschlussfähig, sondern auch darüber hinaus. Der neu vorliegende vierte Band thematisiert die Bedeutung des Bibliologs für Seelsorge, Beratung und interkulturelle Begegnung. Bibliolog wird darin als zunehmend pulsierende kreative Bewegung beschrieben, die längst nicht mehr allein binnenkirchlich engagierte Menschen anspricht. Als ein Zugang, der cross-cultural training, counseling by bible sowie geschützte biografische Narrationen als Potenzial in sich trägt, lädt Bibliolog zu einem neuen Experiment und ungeahnten Entdeckungen ein.
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Maria Elisabeth Aigner
Bibliolog
Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 4: Handlungsfeld Seelsorge
Verlag W. Kohlhammer
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Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Detail_from_ceiling_of_Garnier_Opera,_Paris_(7179080926).jpg
Lektorat: SVBM - Dr. Sigrid Vollmann Lektorat
1. Auflage 2025
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039662-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039663-0
epub: ISBN 978-3-17-039664-7
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»It is all I wished church could be and never was.«
(Susan Pitzele)
Bibliolog ist ein inspirierter, gemeinschaftlicher Prozess, der biblische Texte lebensnah erfahrbar und existenziell bedeutsam werden lässt. Als unkomplizierter Weg der Bibelinterpretation lässt er sich mühelos im Gottesdienst, in Schule und Gemeinde einsetzen. Mittlerweile hat sich bibliologisches Arbeiten auch außerhalb Europas, in Ländern anderer Kontinente und deren Kulturen erfolgreich etabliert. Dasein und Überlieferung legen sich im kreativen Spiel wechselseitig aus. Das macht diesen originellen gemeinschaftlichen Zugang nicht nur für Wortverkündigung und Religionsunterricht anschlussfähig, sondern auch darüber hinaus. Der neu vorliegende vierte Band thematisiert die Bedeutung des Bibliologs für Seelsorge, Beratung und interkulturelle Begegnung. Bibliolog wird darin als zunehmend pulsierende kreative Bewegung beschrieben, die längst nicht mehr allein binnenkirchlich engagierte Menschen anspricht. Als ein Zugang, der cross-cultural training, counseling by bible sowie geschützte biografische Narrationen als Potenzial in sich trägt, lädt Bibliolog zu einem neuen Experiment und ungeahnten Entdeckungen ein.
Maria Elisabeth Aigner arbeitet wissenschaftlich am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz und ist als Lebens- und Sozialberaterin sowie als Bibliolog- und Bibliodramatrainerin international - u.a. regelmäßig in Afrika/Tansania - tätig.
Prolog – Ein persönlicher Einstieg
1. The Movement – Bibliolog und seine ungebrochene Attraktivität
1.1 Bibliolog – kirchennah und kirchenfern
1.2 Bibliolog und Pastoralpsychologie
1.3 Bibliolog in liturgischen Zusammenhängen
1.4 Bibliolog interkonfessionell, interreligiös, interkulturell
1.5 Bibliolog und Ästhetik
1.6 Bibliolog, Kirche und Seelsorge
1.7 Bibliolog und Bibliodrama
2. Selbsterfahrung, Gemeinschaft und Text – die Spannungsbögen im Bibliolog
2.1 Bewegung, Struktur, Formationen
2.2 Die Rolle des Subjektes
2.3 Gemeinschaftsweisen
2.4 Die Spannung von Vergegenwärtigung und Tradition
2.5 Der Text als Memento
3. Bibliologische Potenziale – Embodiment und Spiritualität
3.1 Der Körper als Aufführungsort des Bibliologs
3.2 Körpererleben im Bibliolog
3.3 Vom Text zum Körper
3.4 Sprechen und Imaginieren als leiblicher Akt
3.5 Entdeckungsqualitäten embodied
3.6 Spirituelles Erleben – Körper und Seele in Beziehung
3.7 Spürbewusste Verkörperungen
4. Im Beratungsraum biblischer Geschichten – Counseling by Bible
4.1 Anziehung und Abgrenzung
4.2 Inszenierung und seelsorgliche Beratung
4.3 Counseling by bible konkret – vom biblischen Text zum Erlebnisraum
König und Königin
Prolog
Texthinführung
Encounter
Deroling
Ins kalte Wasser springen
Prolog
Texthinführung
Deroling
Brandgefährlich
Prolog
Texthinführung
Sculpting
Deroling
4.4 Körper, Scham und Transzendenz
4.5 Experimentieren, spielen, entdecken …!
5. Cross-cultural training und Bibliolog
5.1 Cross-continental
5.2 Karibu! – Essay 1
5.3 Bibliolog in Afrika oder: Kann ich dem weißen Feuer wirklich trauen?
Bibliolog
Prolog
Introduction
Deroling
Epilog
5.4 Habari gani – Essay 2
5.5 Cross-cultural training exemplarisch
6. Epilog – Biographische Narrative und Expertisen aus der Szene
Bibliolog erleben
Embodiment
Vernetzt-Sein
Bibliolog und Kirche
Text und Auslegungshoheit
Transzendenz im Spiel
Bibliolog prägt – so wie auch das Bibliodrama – mein Leben. Er hat meinen Werdegang als wissenschaftliche Theologin, meine pastoralpsychologischen Fertigkeiten und auch mein Engagement in Seelsorge und Beratung ganz wesentlich beeinflusst. Bibliologische Praxis verändert Menschen. Das Spiel ermöglicht eine ständige Erweiterung der Rollenbandbreite, die Entdeckung vergrabener und bislang noch nicht gelebter Anteile, das Hereinbrechen völlig unvorhersehbarer Überraschungen. Das macht das Leben leichtfüßig und lenkt die Blickrichtung weg vom Ungelösten, Verworrenen hin zu Eigenverantwortung und Freiheit. Wer mutig ist und spielt, kann verlieren oder gewinnen. Wo immer die Kugel im Moment auch hin rollt, es wartet ein neues Spiel mit anderen Rollen.
Wenn Sie, liebe Leserin/lieber Leser, einen Blick in dieses Buch werfen, werden Sie vielleicht auf Begrifflichkeiten treffen, die Ihnen nicht geläufig sind. So ist beispielsweise vom »weißen und schwarzen Feuer« die Rede, von echoing und interviewing, Prologen und Epilogen, enroling und deroling u. a. Sollten Sie mit Bibliolog vertraut sein, wissen Sie, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt. Falls Sie bislang wenig mit dieser kreativen Textauslegung zu tun gehabt haben, ist es ratsam, sich zuvor den Inhalten der ersten beiden Bände dieser Reihe zu widmen1 bzw. sich selbst in einen Bibliologprozess zu wagen. Interessieren Sie sich für Bibliolog im schulischen Kontext, finden sich entsprechende Anregungen im dritten Band dieser Reihe.2
Das Buch, das Sie soeben in den Händen halten, thematisiert den Bibliolog im Kontext von Seelsorge und Beratung. Ich setze mich mit diesem Thema als katholische Pastoraltheologin und Pastoralpsychologin auseinander. Das bedeutet auch, dass ich mich einer Sprache bediene, die meiner theologischen Herkunft und Konfession entspricht. »Seelsorge« wird demnach weiter gefasst und meint nicht nur die »Individualseelsorge«; mit »pastoral« werden ausgehend vom II. Vatikanischen Konzil jene Handlungsweisen bezeichnet, bei denen es zu einer kreativen Konfrontation zwischen Existenz und Tradition kommt; unter »seelsorglicher Beratung« verstehe ich jene professionelle Beratungstätigkeit, die auch pastoralpsychologische Kenntnisse mit einfließen lässt.
Es ist mir ein Anliegen, den Bibliolog ins Zentrum zu stellen und zu reflektieren, welche Phänomene bibliologischer Arbeit Auswirkungen auf die seelsorgliche Praxis haben können. Ich versuche, diese Phänomene vor dem Hintergrund der Bibliolog-Bewegung tiefenhermeneutisch zu beschreiben und einzuordnen und gehe dabei in erster Linie erfahrungs- und praxisorientiert vor. Das, was sich in der bibliologischen Praxis an Äußerungen in Worten sowie in Ausdruck und Verhalten zeigt, soll in seinem Sinn und seiner Bedeutung für größere Handlungszusammenhänge erschlossen werden. Immer wieder werden dabei auch Bezüge zum Bibliodrama im deutschsprachigen Raum hergestellt.
Aus den oben genannten Gründen werden Sie bei der Lektüre wiederholt auf Originalzitate bestimmter Personen (Paul, Sylvia, Leo, Rosa, Gerda, Birgit, Waltraud, Nina, Ulf) stoßen. Die Zitate stammen aus Interviews, die mit Protagonist*innen der Bibliodrama- und Bibliologszene geführt und deren Namen anonymisiert wurden. Dieses Interviewmaterial ist Teil einer empirischen Studie, welche das Bibliodrama und den Bibliolog als spezifische Entdeckungspraktiken untersucht. Dabei wird davon ausgegangen, dass kreative Auslegungsvarianten dieser Art, methodisch planbare, in ihren Abläufen jedoch unkontrollierbare, ereignisreiche Phänomene repräsentieren. Aus ihnen lassen sich wertvolle Hinweise für pastorales und seelsorgliches Handeln ableiten. Die Studie bildet im Wesentlichen auch die Grundlage für die in diesem Buch dargelegten Ausführungen.3
Das Buch ist so aufgebaut, dass Sie – je nach Lust und Interesse – einsteigen können, wo immer Sie möchten. Ganz zu Beginn wird versucht, zu eruieren, was die Attraktivität der Bewegung ausmacht und welche Gründe es für das nachhaltige Interesse an diesem einzigartigen Zugang gibt. Ein weiterer Schritt beschreibt den spannungsreichen Zusammenhang von Individualität und Gemeinschaftlichkeit im Bibliolog und geht der Frage nach, welche Rolle dabei die Archive der Tradition spielen. Inwiefern trotz der Wortlastigkeit dennoch auch dem Körper eine bedeutende Rolle zukommt und wie sich der Zusammenhang von Embodiement und Spiritualität im Bibliolog beschreiben lässt, ist Teil des darauffolgenden Kapitels. Schließlich wird die Aufmerksamkeit auf jenes Potenzial gelenkt, das die bibliologische Arbeit für Seelsorge und Beratung bereithält. Durch die Inszenierung biblischer Geschichten können pastoral care and counseling-Prozesse eine besondere Qualität erfahren. Zuletzt werfe ich einen Blick auf das interkulturelle Potenzial, das dem Bibliolog innewohnt und beschreibe meine eigenen ersten Lernerfahrungen mit cross-cultural trainings in Tansania. Das letzte Wort im Buch haben in einem »Epilog« erneut diejenigen, die bei dieser Form von kreativer biblischer Auslegung selbst zentrale, für sich und ihr Leben wichtige Erfahrungen gemacht haben. In diesen biografischen Narrationen kommt jene Expertise zum Ausdruck, die von Beginn an prägend für die Szene ist.
Bibliolog heißt für mich, dem Prozess zu vertrauen und damit auch den Menschen, dem Text und mir selber. Wir lernen es von Kindheit an, bestimmte Tasten unserer biografischen Klaviatur zu spielen. Darin sind wir geübt. Im Rollenspiel werden andere Tasten ausprobiert – mal zaghaft, dann wieder eindringlich und mit Nachdruck; vielleicht einmalig spontan oder mehrfach wiederholt. Das Spiel verändert sich – die inneren Maskenbilder sind vertraut und fremd, erschreckend oder tröstlich. Jede neue Maske ist ein wahres Gesicht, das uns herausfordernd anblickt. Kann sie ein Teil unseres alltäglichen Lebens werden?
Vielleicht ist das der größte gemeinsame Nenner von Bibliolog und Seelsorge: Beides kann uns im besten Fall helfen, den Alltag zu bewältigen; beides fordert und fördert uns zugleich; beides tröstet, ermächtigt, belebt und beflügelt uns. Dort, wo es um jene Punkte geht, die ganz und gar die Existenz betreffen, taucht auch der Schmerz auf, ohne den es keine wendende Heilung gibt. Davon ist auch schon in den biblischen Texten die Rede. Im Bibliolog wird augenscheinlich, dass wir unser Leben nicht alleine bewältigen können, dass wir – um gemeinsam friedvoll miteinander leben zu können – einander bedürfen und in all unseren Bemühungen auch aneinander schuldig werden.
Nichts ist gegenwärtig so bitter nötig wie der Friede – der Friede mit uns selbst, mit dem Kosmos und mit unseren Mitmenschen. Seelsorge möchte Menschen wieder zu einer bestimmten Form von Selbstbestimmtheit und Lebensvergewisserung führen, die wissen lässt, mit allen und allem verbunden zu sein. Es geht um die Verbindung zur eigenen Seele, zur Natur, zu denen, die mich umgeben, und denen, die ganz fern von mir sind, aber auch um die Verbundenheit zu den Ahninnen und Ahnen und deren Lebens- und Glaubensgeschichten. Bibliolog würdigt diese Geschichten und schreibt unsere eigenen weiter.
Ich hoffe, dass dieses Buch Sie, liebe Leserin/lieber Leser, Verbindungslinien zwischen bibliologischer Praxis und seelsorglichem Handeln entdecken lässt. Möge es Anregungen für Sie bereithalten, sich auf die Suche nach unbekannten Rollen, alten Geschichten und neuen Entdeckungen zu begeben!
Graz, im März 2024, Maria Elisabeth Aigner
Die Anfänge einer Bewegung werden retrospektiv meist in verschiedensten Varianten erzählt. In bestimmter Weise entzieht sich den Beteiligten im Laufe der Zeit der eigentliche Moment des Ursprungs. Menschen entdecken etwas Neues, Interessantes, Bewegendes und beginnen sich zu vernetzen, um mehr darüber zu erfahren, Anderes auszuprobieren und zu erkunden. Mythen entstehen, Geschichten werden mündlich tradiert und beginnen sich dadurch beständig in neuen Bildern, Farben und Formen in den Prozess einzuschreiben.
Was den Bibliolog betrifft, gehört zu den Anfangsmomenten sicherlich die Bibliodramabewegung – vor allem, dass Peter und Susan Pitzele nach Europa gekommen sind, um ihre Arbeit vorzustellen. Einer kleinen Gruppe von Männern und Frauen in Deutschland war es in der Folge wichtig, diese neuen Impulse aufzunehmen, um sie gemeinsam weiterzuentwickeln. Das, was danach geschah, hat mit Neugier, Begeisterung, Experiment und Reflexion zu tun. Das dezidierte Interesse an dieser besonderen Form der gemeinschaftlichen Textinszenierung war sicherlich der primäre Fokus, den die Protagonist*innen verfolgten. Das ging nicht ohne entsprechende Organisationsformen, Arrangements, Workshops, Kongresse u. v. m. Viel wichtiger jedoch waren die Begegnungen – das Sich-freundschaftlich-Verbinden, die gemeinsamen Suchprozesse, die Reibebäume an Auseinandersetzung, die Lust und Freude zu spüren, dass da etwas in Gang kommt, das immer größer werden will.
Bibliolog hat zu tun mit der Verschränkung religiöser und spiritueller Traditionen: das Jüdische, das Christentum, die evangelischen Schwestern und Brüder, die Katholik*innen, Angehörige der Freikirche und auch Menschen, die sich von kirchlichen Zusammenhängen inzwischen weitgehend distanziert haben, gehören dazu. Das, was in Deutschland vor mittlerweile schon beinahe drei Jahrzehnten begonnen hat, weitet sich aus: Zunächst in die umliegenden Länder Österreich und die Schweiz, bald in den skandinavischen Raum, nach Belgien und Frankreich sowie in andere europäische Länder. Mittlerweile gibt es erste Bibliolog-Spuren in anderen Kontinenten: Afrika, Lateinamerika und Asien.
Zur Verbreitung des Bibliologs und zur Sicherung der Qualität des Zugangs, um Treffen zu organisieren und die Kontakte untereinander zu fördern, beschließen die Protagonist*innen ein Netzwerk zu gründen, das so wenig Struktur wie möglich und so viel wie nötig beinhaltet. Bibliolog wird in Kursen in seiner Grundform von qualifizierten Trainer*innen gelehrt und mit Blick auf spezifische Situationen und bestimmte Textsorten in Aufbauformen modifiziert vertieft. Die Vernetzung geht weiter: in Form von Regional- und Peergruppen, bei Kongressen und Tagungen, in Austauschforen und Chats – und schließlich – seit Corona – in Form von Online-Meetings-, -trainings und -konferenzen sowie online praktizierten Bibliologen.
Bibliolog ist zum einen dieser sehr klar strukturierte frame, der im Lodern des weißen Feuers, das durch die Rolleninszenierungen entsteht, das schwarze Feuer – den inspirierten heiligen Text der Traditionen – neu wahrnehmbar werden lässt. Zum anderen schwappt dieser spezielle, einmalige und einzigartige Akt der »Feuerperformance« auch über auf das Leben jener Menschen, die sich daran beteiligen. Bibliolog wirkt prägend auf die Individuen – er verbindet, verändert und verwandelt die Beteiligten ganz selbstverständlich, egal, ob ausgesprochen oder unausgesprochen. Die Bewegung, the move, scheint daher nach wie vor zu bewegen. Die damit einhergehende Dynamik betrifft die Individuen, religiöse, spirituelle und auch säkulare Gemeinschaften sowie die Kirchen.
Anders als die Bibliodramabewegung, die sich vor allem zu Beginn kirchendistanziert und kirchenkritisch zeigt, lässt sich beim Bibliolog gerade in seinen Anfängen eine größere Kirchennähe feststellen. Diese kreativen Formen gemeinschaftlicher Inszenierungsvarianten biblischer Texte bedeuten automatisch ein Eingebundensein in kirchliche und theologische Zusammenhänge. Bibliolog entsteht in einer Zeit, in der die religiös-kirchliche Kommunikation, die Handlungsstrukturen und Praktiken innerhalb kirchlicher Vollzüge, aber auch die akademische Theologie bereits die Konfrontation mit Erkenntnissen aus Psychologie und Psychotherapie erfahren hatten. Die Versuche, das Wissen neuerer therapeutischer Ansätze in die kritische Analyse seelsorglicher, kirchlicher und theologischer Vollzüge einzubeziehen, hatten bereits mehr an Selbstverständlichkeit gewonnen, als sich der Bibliolog zu etablieren beginnt.
Bibliolog wird in explizit (binnen)kirchlichen Zusammenhängen, aber auch am Rande und außerhalb von Kirche praktiziert. Bibliologische Prozesse finden einerseits in der pfarrlichen Gemeindearbeit, der Liturgie, in Bibelkreisen, im Zusammenhang mit der Predigt, innerhalb der Kinder- und Jugendarbeit, im Bereich der kirchlichen Erwachsenenpädagogik und in v. m. statt. Andererseits vermag dieser Zugang mit seinen klar definierten Leitungs- und Ablaufstrukturen sowohl Menschen, die im kirchlichen Kernbereich sozialisiert und engagiert sind, als auch kirchlich wie religiös-konfessionell völlig ungebundene Frauen und Männer zu erreichen.
Womöglich hat diese breite Resonanz damit zu tun, dass Bibliolog der Sehnsucht nach Rückzug und Identitätsfindung entgegenkommt und gleichzeitig der Suche nach Zugehörigkeit und (öffentlicher) Vergemeinschaftung Raum verschafft. Die Arbeit mit und an den eigenen biografischen Anteilen erfolgt im Bibiolog geschützter als im Bibliodrama. Der Vorspann – der sogenannte »Prolog« – versichert denjenigen, die an einem bibliologischen Prozess partizipieren wollen, dass es auch legitim ist, dies in Stille zu tun. Es gibt keinen Druck, performen zu »müssen« und sich mit aktiven Redebeiträgen zu beteiligen.
Beim Bibliodrama hingegen sind alle Personen allein schon über die Körperarbeit automatisch in das Geschehen mithineingenommen. Die körperliche Inszenierung – Rollenspiel auf der Bühne, Gebärdenarbeit, Aufstellungsarbeit u. a. – lässt in bibliodramatischen Prozessen die eigene Lebensgeschichte unverhüllter zutage treten. Körper- und Bühnenarbeit sowie die wiederkehrenden Reflexionsprozesse haben im Bibliodrama starken gemeinschaftsbildenden Charakter.
Im Bibliolog spielt jedoch die Gemeinschaft eher eine passive Rolle. Zwar entsteht durch die Wortmeldungen der repräsentativen Charaktere ein verbindendes Netz an Zusammengehörigkeit, jedoch wird diese Verbundenheit nicht explizit zum Ausdruck gebracht oder gar bearbeitet. Freilich lassen sich in anschließenden Reflexionsrunden oder zum Beispiel im Epilog Bezüge dazu herstellen. Der Bibliolog bedient sich, so wie das Bibliodrama, der individuellen lebensgeschichtlichen Anteile der Beteiligten, um den Text auszulegen, schützt sie aber zugleich durch den strikten methodischen Rahmen vor zu großer öffentlicher Anteil- oder Bezugnahme und Nähe.
Dass der Gemeinschaftsbezug im Bibliolog methodisch nicht vordergründig für einen gelingenden Prozess thematisiert wird, nimmt den Teilnehmenden die Angst vor meist unausgesprochenen, aber umso wirksameren Gruppen- oder Anpassungszwängen. Beides – der Schutz der Biografie sowie der Schutz vor gemeinschaftlicher Vereinnahmung – ist identitätsstiftend. Es ermöglicht einen Freiraum für Entwicklung, eingeständiges Intervenieren und selbstbestimmtes Handeln. Die Bedeutung der Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe oder Gemeinschaft tritt dadurch in den Hintergrund. Alle dürfen sich beteiligen und ihre existenziellen, durchlebten und erlittenen Erfahrungen dem Texterkundungsprozess zur Verfügung stellen – egal, ob kirchlich sozialisiert oder von der Kirche distanziert, religiös praktizierend oder fern jeglicher Glaubenspraxis, theologisch gebildet oder ohne jeglichen Theologiebezug.
Jene Regel, dass sich im Bibliolog alle zu Wort melden können, aber niemand darum gebeten oder gar dazu angehalten wird, entlastet. Nicht selten bewirkt sie eine Umkehrung hinsichtlich der Dominanz der Redebeiträge: Sonst eher ruhige, zurückhaltende Personen beginnen sich verstärkt zu beteiligen, wohingegen dominante Wortgewalt sich im Prozess häufig gleichstufig einfügt. Als Teilnehmerin gehöre ich auch dann dazu, wenn ich mich nicht zu Wort melde. Von diesem Freiraum lebt der Bibliolog und dieser Freiraum ermöglicht es auch jenen, die mit Kirche, Glaube oder Religiosität ganz auf Distanz gegangen sind, teilzunehmen.
»… dadurch, dass du immer sagen kannst, ihr müsst nicht mitmachen, sondern ihr könnt das auch einfach erleben, ist dieses »Wenn-ich-nicht-mitmache-dann-fall-ich-raus-Gefühl«, was bei Bibliodrama auf jeden Fall so ist, einfach …– das gibt mehr Freiheit.« (Nina, 426–432)
Die zweite mindestens ebenso bedeutende Regel im Bibliolog zielt auf die Wertschätzung der Wortmeldungen ab. Indem der Bibliologleiter oder die Bibliologleiterin den Rollen Fragen stellt, die das weiße Feuer schüren, gibt es kein »richtig oder falsch«. Diese methodische Finesse öffnet das Tor hin zu einer Form von Respekt, der radikaldemokratisch im Miteinander wirkt und Gleichstufigkeit in Bezug auf theologisches Wissen und Lebenskenntnis bedeutet.
»… und dann hat mich auch immer wieder diese Frage verfolgt, wie können wir diese Vision, die wir in den biblischen Texten vorfinden, formulieren und mit welchen Verfahren können wir in Gemeindeveranstaltungen wirklich die Leute ins Gespräch holen und zwar so, dass die sich nicht als belehrte Objekte erleben, sondern dass sie mitgestalten, also praktisch an einer demokratischen Erwachsenenpädagogik im kirchlichen Kontext.« (Gerda, 168–177)
Letztendlich heißt das: Bibliolog lebt von der Diversität der Teilnehmenden, ja, er bedingt sie geradezu. Unterschiede hinsichtlich soziokultureller Herkunft, Bildung, Alter, Religiosität, Kirchenzugehörigkeit u. v. a. m. beleben bibliologische Prozesse und sind Voraussetzung dafür, dass sich die gemeinschaftliche Auslegung des Textes vertieft.
Die Pastoralpsychologie entsteht in den 1960er- und 1970er-Jahren in Deutschland und seinen Nachbarländern. In Wissenschaft und Praxis setzt sie innerkirchlich und theologisch Bewegungen in Gang, die den Boden für die Entwicklung des Bibliodramas und in der Folge des Bibliologs bereiten. Der Einsatz des Körpers, die dramaturgische Inszenierung, Rollenspiele und die damit einhergehenden Identifizierungen sind Elemente, die nicht nur das Bibliodrama und der Bibliolog kennen, sondern welche sich vor allem in den körperorientierten Therapieansätzen wie beispielsweise der Gestalttherapie oder dem Psychodrama zeigen.
All diese Einflüsse waren maßgeblich für das Entstehen der Pastoralpsychologie als theologisches Fach und akademische Disziplin. Ohne die unterschiedlichen Ausprägungen der Pastoralpsychologie und den ihr entsprechenden Formen der Seelsorgelehre wären auch gewisse methodisch-didaktische Entwicklungen im Bibliodrama bis hin zum Bibliolog nicht denkbar gewesen. Insofern verbinden die Pastoralpsychologie und diese Formen der kreativen Bibelarbeit auch eine gewisse »Schicksalsgemeinschaft«: Beide lenken ihr Augenmerk in erster Linie auf die konkrete vorfindbare menschliche Existenz und versuchen diese vor dem Hintergrund theologischer Tradition zu deuten und zu bearbeiten. Sie tun dies seit ihrer Entstehung unter Zustimmungsvorbehalten seitens der universitären Wissenschaft ebenso wie seitens der Amtskirche(n). Dennoch konnte sich die Pastoralpsychologie als wissenschaftliche Disziplin etablieren und auch als »Teilgebiet und Grunddimension« (Heribert Wahl) der Praktischen Theologie Bedeutung innerhalb der pastoralen Weiterbildungslandschaft erlangen. Der Bibliolog profitiert von dieser Entwicklung. Bibliologische Prozesse bestehen aus Kreuzungspunkten zwischen Text und Leben – beides legt sich gegenseitig aus. Der Text erfährt Auslegung, wird weitererzählt, weitergeschrieben, tiefer erfasst und verstanden. Die eigenen Lebensgeschichten spiegeln sich in den Geschichten der Ahn*innen wider. Das ist verbunden mit Konfrontation und Herausforderung, aber auch mit der Erfahrung von Solidarität und Heilung.
Die Pastoralpsychologie wird dadurch ausgezeichnet, dass sie mit Wissen und Sensibilität die Lebens- und Leidenserfahrungen von Menschen zum Thema macht. Sie versucht dabei auch verborgene, dunkle sowie unbewusste menschliche Vorgänge aufzuspüren und zu thematisieren. Als praktisch-theologische Disziplin hat sie jedoch nicht allein die Individuen des Volk Gottes im Blick, sondern sie versucht, ihren Reflexions- und Deutungshorizont diakonisch-optional auszurichten. Ihre Stärke liegt demnach nicht nur im empathischen Verstehen einzelner Subjekte, sondern auch in einer systemischen Wahrnehmungsfähigkeit und im Erkennen struktureller Zusammenhänge. Dass sie auf Religion und ihre Organisationsformen hin eine emanzipatorische sowie kritische Funktion besitzt, macht sie auch angreifbar.
Die pastoralpsychologische Disziplin setzt bei der Notwendigkeit an, im Hinblick auf die Lebensrealitäten von Menschen in einen kritischen Dialog mit der Psychologie sowie den verschiedenen psychotherapeutischen Richtungen zu treten. Sie versteht sich sowohl in ihrem methodischen Vorgehen als auch im Austausch mit den sogenannten Human-, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften von jeher als theologische Disziplin. Es ist eine Stärke pastoralpsychologischer Reflexionsstrukturen über den Lehr- und Forschungsbereich hinaus die komplexen Zusammenhänge aufzuspüren, mit denen Theologie, Kirche und Gesellschaft konfrontiert sind. Dabei geht es um die systemischen Strukturmechanismen, die das Spannungsfeld Staat – Kirche – Gesellschaft aufwirft ebenso wie um die eigenen biografisch bedingten Existenzformen. Pastoralpsychologisches Wissen und Know-how und die Fähigkeit, beides auch in den wissenschaftlichen Alltag einzubringen, bedeutet, Ressourcen von »Beziehungsarbeit« auf ganz vielen Ebenen zur Verfügung zu stellen. Bibliologisches Arbeiten bewegt sich im Grund auf den Spuren dieser pastoralpsychologischen Matrix. Seine Stärken liegen in der Unmittelbarkeit der sich erschließenden textlichen wie lebensweltlichen Narrative. Diese lassen sich methodisch so inszenieren, dass diese Performance sogar im öffentlichen Raum – im Gottesdienst, in der Schulklasse, auf der Straße – in angemessener Weise durchgeführt werden kann.
Bibliologe gewissenhaft vorzubereiten, erfordert einen aufmerksamen Blick auf die Gruppe und ein genaues Textstudium. Es gibt ein Bedürfnis, mit dem Text so in Kontakt zu kommen, dass er sich als unmittelbar relevant für Lebensereignisse erweist. Die Achtsamkeit in Bezug auf den körperlichen Ausdruck, die Rollenpräsenz und die emotional geprägten verbalen Äußerungen dienen der Textauslegung und dem Verständnis gegenüber dem Text und den anklingenden eigenen biografischen Anteilen. Die Deutungsmacht liegt in der Summe der einzelnen Beiträge – seien dies ausgesprochene oder unausgesprochene Gedanken, Gefühle und innere Bilder.
Die Rezeption psychodramatischer und bibliodramatischer Fähigkeiten und Kenntnisse hat ebenso wie das Aufgreifen unterschiedlicher gruppenpädagogischer Expertisen für den Bibliolog ganz wesentliche Auswirkungen in Bezug auf dessen Qualität und Professionalität. Die Nähe und der Kontakt zur Pastoralpsychologie und deren Reflexionshorizonten können die bibliologische Arbeit bereichern, vertiefen und präzisieren. Es geht um den respektvollen Umgang dem Text und den Menschen gegenüber und dieser zeigt sich sowohl in der Vorbereitung als auch in der Leitung. Bibliologprozesse sind kritisch zu reflektieren und trotz methodischer Stringenz auch weiterzuentwickeln. Die neuen Möglichkeiten, die sich durch digitale Formate ergeben oder auch jene Fragen, die in Zusammenhang mit interkulturellen Prozessen stehen, stellen beispielsweise neue Herausforderungen für die Pastoralpsychologie, aber auch für das Bibliodrama und den Bibliolog dar.
Das unmittelbare Zusammenfließen von Existenz und Glaubensarchiven im Bibliolog lenkt die Aufmerksamkeit von Beginn auf den liturgischen Kontext. In der Liturgie geht es um das Auslegen der Schrift im Wechselspiel mit aktuellen Lebensereignissen. Die Predigt beispielsweise hat zum Ziel, einen biblischen Text durch eine Rede – und somit auch sprachlich/rhetorisch – so auszulegen, dass er für die Gegenwart bedeutsam wird. Das verlangt in der Vorbereitung den Gang zu den »toten Buchstaben«, die exegetische Bearbeitung und damit die Konfrontation mit einem unendlich langen und breiten Graben an Geschichte, der zwischen dem Heute und dem Damals – der Entstehungszeit dieser alten Texte – angesiedelt ist. Trotz dieses gewaltigen Abstandes wird diesen biblischen Zeugnissen in Textform in der Verkündigung ein »Vorschussvertrauen« entgegengebracht. Die Texte thematisieren schaurige, heilende, erschreckende und wunderbare (Gottes)Erfahrungen, denen zugetraut wird, unsere eigene gegenwärtige Existenz zu erhellen. Zu ihnen hinzuführen, es zu ermöglichen, sich ihnen zu nähern und sich von ihnen berühren zu lassen, ist Aufgabe des Predigers/der Predigerin. Die entscheidende Frage ist, wie Prediger*innen es schaffen, den sich vor jedem Akt der Verkündigung erneut auftuenden Graben zu überwinden?
Der Prediger/die Predigerin nimmt den Text von seinem/ihrem Standpunkt aus eindimensional wahr. Im Bibliolog blicken mehrere Teilnehmende aus ihrer jeweiligen Blickrichtung auf dieses »schwarze Feuer«, die gedruckten Buchstaben, Wörter, Verse und Abschnitte. Dieser mehrdimensionale Blick wird vielstimmig durch Wortäußerungen in den Raum getragen und im echoing verstärkt. Deutung geschieht hier und dort – eindimensional und mehrdimensional. Beides hat seine Berechtigung, seinen Preis und seine Chancen.
Bibliolog im Gottesdienst – ob als Einstieg, Lesung oder Predigt – heißt, Experimente im Raum zu riskieren. Durch enroling, Rollenidentifikationen, Rollenwechsel sowie durch die vielschichtigen Sequenzen von Inszenierungen mutiert der Aggregatszustand der Buchstaben in einen Aggregatszustand der Erfahrung. Bibliologische Prozesse bei der Gestaltung liturgischer Feiern bedeuten, Sinn und Zweck dieser Form von Verkündigung auszuloten. Bibliolog wirft neue pastoralästhetische Fragestellungen auf und trägt zu einer neuen Form der Auseinandersetzung im Bereich liturgischer Präsenz bei. Dort, wo es um die Ausbildung und Förderung der pastoralen Kompetenz, insbesondere um Haltungen und methodische Zugänge für die hermeneutische, kommunikative und seelsorgliche Arbeit in den Gemeinden geht, leistet Bibliolog einen genuinen Beitrag. Bibliologische Arbeit ermöglicht in Hinblick auf die Wortverkündigung explizit und implizit ganz spezifische Formen des Lehrens und Lernens. Bibliolog heißt explizit, dass die Schrift nicht nur von einem oder einer, sondern von allen in der Gemeinschaft ausgelegt wird. Implizit wirkt bibliologisches Arbeiten Hierarchisierungen, Entsolidarisierungen und dem Klerikalismus entgegen. Die wertschätzende Haltung dem Text und allen Beteiligten gegenüber eröffnet Freiräume für Individualität, Spontanität und Kreativität.Hinsichtlich der Predigt zeigt das methodische Vorgehen im Bibliolog neue Perspektiven für den Raum, die Rolle der Leitungspersonen (Bibliolog*in, Pfarrer*in) sowie für die Gottesdienstgemeinde als Hörende und potenziell aktiv Partizipierende auf. Echoing ermutigt und bestätigt, dient als Sprachhilfe, verlangsamt und vertieft – ermöglicht es allen, sich selbst und andere besser zu verstehen. Die gemeinsame Auslegung geschieht konsequent skriptural und verzichtet auf die metaskripturale Übertragung von außen. Die Texte kommen so allen Beteiligten erschreckend nahe und zugleich lässt das weiße Feuer – die Fülle an persönlichen und spielerischen phantasievollen Gedanken – genug Distanz, falls nötig.
Gottesdienst knüpft an, an das Mysterium, das Mythenspiel, den Sakralraum, das Heilige. Dazu lässt sich das bibliologische Geschehen parallel setzen. Im Bibliolog existieren »innere Bühnen«, Dramaturgien in den Köpfen und Heiliges, wenn sich schwarzes und weißes Feuer ineinander verweben. Gottesdienstbesucher*innen und Bibliologteilnehmer*innen sehen sich im Vollzug von außen mit anderen Augen. Das hat mit dem Wechsel von der Alltagswelt zur Bühnenrealität zu tun. Der Person, die predigt, entspricht im Bibliolog die Leitungsrolle (facilitator, director, conductor, enabler …). Beiden kommt eine bestimmte dienende Funktion zu, die darin besteht, das ihnen Mögliche bereitzustellen, um Menschen den Zugang zu ihren Geschichten und zum Göttlichen zu ermöglichen. Das, was im Bibliolog gang und gäbe ist, nämlich die Protagonist*innen und Akteur*innen eines Textes auf die innere Bühne zu bringen, kann mit Blick auf eine Predigt dann hilfreich sein, wenn die unterschiedlichen Blickwinkel der jeweiligen Rollenaspekte »zu sprechen« beginnen. In der Folge kann es auch in der Predigt zu einem Rollentausch kommen, wenn es der Predigerin/dem Prediger beispielsweise gelingt, die Hörer*innen gedanklich in die Sichtweisen anderer (des Aussätzigen, eines Engels, Gottes …) zu versetzen. Der Bibliolog bietet kreative und innovative Impulssetzungen auf mehreren Ebenen. Durch den methodischen Ansatz und die dahinterliegende Haltung wirken bibliologische Prozesse jedenfalls gewinnbringend für theologische wie didaktische Lehrereignisse und Erkenntnisprozesse – vor allem mit Blick auf liturgische Handlungen.
In der Entstehungsgeschichte des Bibliologs selbst ist das Zu- und Miteinander von Judentum und Christentum grundgelegt. Dieser Ursprung hat auch Auswirkungen auf den Umgang mit unterschiedlichen Konfessionen, religiösen Prägungen und Kulturen innerhalb der Szene. Im schwarzen Feuer lodern andersgeartete kulturelle Ausformungen und Narrative, insofern ist jede Bibliologpraxis in sich bereits ein interkultureller Vorgang. Bibliolog hat allein schon durch den starken Textbezug eine multikulturelle Schlagseite. Je diverser die daran partizipierenden Menschen in Erscheinung treten, desto vielfältiger und verdichteter flammt das weiße Feuer empor.
Der relativ frühe Kontakt mit anderen europäischen Ländern macht es innerhalb der Bibliologszene notwendig, sich auch über Länder und Konfessionen hinweg mit kulturell bedingter Andersartigkeit zu konfrontieren. Die interkulturellen Begegnungen schüren das Feuer in Bezug auf die gegenseitigen Verständigungsprozesse. Das, was im Bibliolog gewinnbringend aktiviert wird, kann sich jedoch in den Begegnungen jenseits des bibliologischen Prozesses auch als »Schall und Rauch« erweisen. Zu jedem Feuer gehört auch Rauchentwicklung. Die Wirkmächtigkeit der biblischen Texte überträgt sich automatisch auf die bibliologische Wirkmächtigkeit im Prozessverlauf. Die Bibliolog-Arbeit wird mit Menschen unterschiedlicher kultureller, konfessioneller und religiöser Herkunft erst so richtig positiv befeuert, weil die Auslegungspraxis davon lebt, dass unterschiedliche Verständnisse und Auslegungen aufeinandertreffen.
Eine gewichtige Rolle spielt dabei die Leitung, die die Spannung zwischen den verschiedenen Auslegungsperspektiven der Teilnehmenden bzw. deren unterschiedliche Deutungen untereinander nicht nur aushalten, sondern sogar verstärken muss. Die je eigenen Sichtweisen seitens des Bibliologleiters/der Bibliologleiterin kommen zwar in der Vorbereitung zum Tragen, müssen jedoch im Prozess ganz losgelassen werden. Das ist das Privileg der Leitung, dass sie sich völlig neu von der Textauslegung der Gruppe überraschen lassen und die eigenen Wünsche, Vorstellungen und Ambitionen in Bezug auf das Textverständnis hintanstellen muss. Es gehört zu ihrer zentralen Verantwortung, die eigenen Machtansprüche auf den Text und auf die Teilnehmenden hin zur Gänze loszulassen. Das bedeutet Dienst und Verzicht um den Preis der Zeug*innenschaft einer ungeplanten Entdeckungsreise.
Das Leben hier ist anders als dort. Bringen fremde Kulturen andersartige Tänze, Musikvarianten und Theaterelemente mit, hat das Auswirkungen auf die Textinszenierungen. Jedoch auch ein verschiedenartig gelebter Alltag, divergierende soziokulturelle Machtverhältnisse, ungleich gelagerte Besitzansprüche, neue Formen der Freizeitgestaltung, Regenbogen-Lebensformen u. v. a. m. lenken die Textauslegung im Bibliolog womöglich in eine völlig andere Richtung. Andere Menschen – andere Sitten und andere Zugänge zur Bibel, die in den Inszenierungsformen nach ganzheitlichen und erfahrungsbezogenen wie gesellschaftspolitischen Momenten Ausschau halten. Menschen an der Basis, Künstler*innen, politisch Aktive, Kinder, Seelsorger*innen, Schüler*innen und Pensionist*innen – alle können am Bibliolog partizipieren. Widerstand entsteht wohl am ehesten bei jenen, die der Demokratisierung religiösen Wissens und dem Respekt gegenüber der Divergenz religiöser Praktiken ablehnend gegenüberstehen.
Die Frage im Bibliolog ist nicht, wie Menschen verschiedener Kulturen und Religionen einen inspirierten Text verstehen, sondern ob sie einer Inszenierungsvariante folgen können, die von der Pluralität lebt und nicht müde wird, diese zu befeuern. Es geht auch weniger darum, ob die methodischen Schritte mit der jeweiligen kulturellen Konvention kompatibel sind. Bibliolog bietet stattdessen einen beinahe simplen, dafür aber umso stärker wirksamen Zuspruch, nämlich die unwiderrufbare Vereinbarung zur Vorbehaltlosigkeit.
Die interkulturellen Praktiken im Bibliolog-Geschehen erfahren nicht immer eine reflexive Rückbindung. Dort, wo nach dem Prozess die Möglichkeit besteht, sich über das gemeinsam Erlebte auf einer Metaebene auszutauschen, wird jedoch zweierlei deutlich: Zum einen wird die Erfahrung gemacht, dass Bibliolog einen Raum zur Verfügung stellen kann, der ein Überschreiten kultureller Grenzen ermöglicht ohne das Gefühl derjenigen, die daran partizipieren, sich dabei zu entblößen oder gar auszuliefern. Freilich ermöglicht hier die strikte Methodik eine Erfahrung, die womöglich auch eine »Ausnahmesituation« darstellt und auch als solche erlebt wird. Zum anderen kann und darf im Bibliolog trotz der Entdeckung von Gemeinsamkeiten Fremdes auch fremd bleiben. Die Äußerungen bleiben stehen, werden nicht bewertet oder diskutiert. Dennoch tauchen sie den Text und unser Verständnis darüber oftmals in ein ganz anderes Licht, dessen Schattierungen womöglich auch fremd oder unbequem anmuten.
Interreligiosität gestaltet sich im Bibliolog anders als im Bibliodrama. Das spezifische Textgeschehen im Bibliodrama legt es nahe, die interreligiösen Bezüge auch explizit unter den drei Buchreligionen zu suchen. Das Bemühen um Toleranz und Gleichberechtigung ermöglicht in bibliodramatischen Prozessen Formen gelungener Begegnungsqualität, die Chancen, Herausforderungen und Grenzen mit sich bringen. Im Bibliolog steht jedoch der Text stärker im Fokus. Das heißt, dass beispielsweise Bibliologversuche mit anderen »Heiligen Texten« ein entsprechendes Commitment mit Blick auf die Tradition erfordern. Durch die Wortmeldungen aus dem weißen Feuer werden nämlich nicht nur die Bereiche persönlicher Wirklichkeit geteilt. In ihnen spiegeln sich indirekt immer auch Formen religiöser Praktiken. Dabei wird »verhandelt«, was es mit den Fragen nach Gott, Sünde, Vergebung, der eigenen Berufung, dem Glaubenssinn oder den Sehnsüchten nach Heilung auf sich hat. Das Bibliodrama ermöglicht es methodisch, die Tiefendimensionen dieser Begriffe personen- und religionsspezifisch zu teilen und zu deuten. Das ist im Bibliolog nicht der Fall. Er folgt der Texttradition, mit der sich die Teilnehmenden mehr oder weniger verbunden wissen, die aber auf jeden Fall wirkt und im schwarzen Feuer, jedoch auch implizit im Lodern des weißen Feuers zum Ausdruck gebracht wird.
