Das Buch der Geister & Spukhäuser - Stephen King - E-Book

Das Buch der Geister & Spukhäuser E-Book

Stephen King

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Beschreibung

Alte und neue Spukhaus- und Geistergeschichten von den großen Autoren des Unheimlichen. Lesen auf eigene Gefahr! Robert Arthur: Glauben Sie an Gespenster? Charles Birkin: Ist da jemand? Algernon Blackwood: Angriff auf die Seele Rhoda Broughton: Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit A. M. Burrage: Smee Nancy A. Collins: Da ist jemand in der Küche Mary Elizabeth Counselman: Der Geist des Schrot-Turms Walter de la Mare: Der Quinkunx Henry James: Spuk in Bly Manor - Die Schlinge wird enger M. R. James: Der Schatz des Abtes Thomas Stephen King: Zimmer 1408 Marghanita Laski: Der Turm H. P. Lovecraft: Träume im Hexenhaus Laura Purcell: Kriechender Efeu Mary E. Wilkins Freeman: Das verlassene Gespenst Carlos Ruiz Zafón: »Wir leben in einer Zeit mit einem dunklen Herzen, die reif ist für das Dunkle und Schauerliche ...« Sarah Perry: »Gothic ist kein Genre. Gothic ist eher ein Gefühl und offenbar nur schwer zu beschreiben.« Das Hardcover mit Leseband ist mit einer Bronzefolie veredelt. Format 22 x 14,5 cm.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 788

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Herausgegeben von Frank Festa

Impressum

Originalausgabe

Copyright © dieser Ausgabe 2024

by Festa Verlag GmbH, Leipzig

Titelbild und Innenillustrationen: Festa Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-98676-182-0

www.Festa-Verlag.de

Inhalt

Henry James

Spuk in Bly Manor – Die Schlinge wird enger

Rhoda Broughton

Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Mary E. Wilkins Freeman

Das verlassene Gespenst

Laura Purcell

Kriechender Efeu

Walter de la Mare

Der Quinkunx

Stephen King

Zimmer 1408

M. R. James

Der Schatz des Abtes Thomas

A. M. Burrage

Smee

Nancy A. Collins

Da ist jemand in der Küche

H. P. Lovecraft

Träume im Hexenhaus

Robert Arthur

Glauben Sie an Gespenster?

Algernon Blackwood

Angriff auf die Seele

Mary Elizabeth Counselman

Der Geist des Schrot-Turms

Charles Birkin

Ist da jemand?

Marghanita Laski

Der Turm

Originaltitel und Einzelnachweise

Henry James

Spuk in Bly Manor – Die Schlinge wird enger

Die Geschichte hatte uns einigermaßen in Atem gehalten, während wir am Kaminfeuer saßen, aber außer der offensichtlichen Bemerkung, dass sie schaurig sei, wie es eine Gruselgeschichte an Heiligabend in einem alten Haus nun einmal sein muss, erinnere ich mich an keinen Kommentar, bis jemand anmerkte, dass dies der einzige Fall sei, den er kenne, in dem ein Kind eine solche Heimsuchung erfahren habe. Ich möchte erwähnen, dass es sich um eine Erscheinung in einem ebensolchen alten Hause wie jenem handelte, in dem wir uns zu diesem Anlass versammelt hatten: eine Erscheinung der schrecklichen Art, die einem kleinen Jungen, der mit seiner Mutter im Zimmer schlief, widerfuhr. Der wiederum weckte sie in seinem Schrecken auf; aber er weckte sie nicht, damit sie ihm den Schrecken nehmen und ihn wieder in den Schlaf wiegen konnte, sondern es geschah, dass sie selbst, bevor ihr dies gelungen war, denselben Anblick ertragen musste, der ihn so erschüttert hatte. Diese Beobachtung entlockte Douglas, wenngleich nicht sofort, sondern später am Abend, eine Bemerkung, die die interessante Folge hatte, auf die ich aufmerksam machen möchte. Jemand anderes erzählte eine nicht besonders wirkungsvolle Geschichte, und ich sah ihm an, dass er nicht mehr bei der Sache war. Dies nahm ich als Zeichen dafür, dass er selbst auch etwas vorzuweisen hatte und dass wir lediglich warten mussten. Wir warteten in der Tat bis zwei Nächte später; aber am selben Abend, bevor wir uns zerstreuten, brachte er hervor, was ihm durch den Kopf ging.

»Was Griffins Geist angeht, oder was auch immer die Erscheinung gewesen sein soll, stimme ich durchaus zu, dass es der Erzählung eine besondere Note verleiht, dass sie zunächst einem kleinen Jungen in so zartem Alter erscheint. Aber es ist nicht das erste Vorkommnis dieser charmant erzählten Art, von dem ich weiß, bei dem es um ein Kind geht. Wenn das Kind den Effekt so vorzüglich verstärkt, gleichsam die Schraube um eine weitere Drehung anzieht, was sagt ihr dann zu zwei Kindern?«

»Wir sagen natürlich«, rief jemand, »dass sie zwei Drehungen wert sind! Zwei Kinder sind doppelt so schlimm. Und wir wollen von ihnen hören.«

Ich sehe vor mir, wie Douglas vor dem Kamin stand, dem er nun seinen Rücken präsentierte, und mit den Händen in den Taschen auf seinen Gesprächspartner hinabblickte. »Niemand außer mir hat die Geschichte bisher gehört. Sie ist einfach zu schreckenerregend.« Daraufhin wurde natürlich von mehreren Stimmen erklärt, dass dies die Sache umso teurer und begehrter machte, und unser Freund bereitete mit stiller Kunst seinen Triumph vor, indem er seinen Blick über unsere Köpfe hinweg wandte und fortfuhr: »Es ist jenseits von allen anderen Geschichten. Nichts, was ich kenne, kommt da heran.«

»Was den blanken Horror angeht?«, erinnere ich mich gefragt zu haben.

Er schien sagen zu wollen, dass es nicht so einfach sei, dass er wirklich nicht wusste, wie er es beschreiben sollte. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und verzog das Gesicht zu einer leicht schmerzhaften Grimasse. »Was das fürchterlich Furchtbare angeht!«

»Oh, wie köstlich!«, rief eine der Frauen.

Er beachtete sie nicht, sondern blickte mich an, aber so, als ob er nicht mich, sondern das sähe, wovon er gerade sprach. »Was die grundlegende, unheimliche Grässlichkeit und den Schrecken und den Schmerz angeht.«

»Na dann«, sagte ich, »setz dich einfach wieder hin und fang an zu erzählen.«

Er drehte sich zum Feuer um, gab einem Holzscheit einen Tritt und beobachtete es einen Augenblick. Dann, als er sich uns wieder zuwandte: »Ich kann nicht einfach anfangen. Ich muss in die Stadt schicken lassen.« Es gab ein einstimmiges Aufstöhnen und viele Vorwürfe, woraufhin er in seiner nachdenklichen Art erklärte: »Die Geschichte ist niedergeschrieben. Sie liegt in einer verschlossenen Schublade; sie ist seit Jahren nicht herausgenommen worden. Ich könnte meinem Butler eine Notiz schreiben und den Schlüssel beifügen; er könnte das gesamte Päckchen schicken, wie er es vorfindet.« Vor allem an mich gewandt schien er dies vorzuschlagen – es schien fast, als würde er um Hilfe bitten, um nicht länger zu zögern: Er hatte eine dicke Eisschicht durchbrochen, die sich in vielen Wintern gebildet hatte; er hatte seine Gründe für sein langes Schweigen gehabt. Die anderen ärgerten sich über den Aufschub, aber es waren gerade seine Skrupel, die mich reizten. Ich beschwor ihn, die Notiz gleich zu schreiben, mit der ersten Post zu senden und mit uns ein baldiges Vorlesen zu vereinbaren; dann fragte ich ihn, ob das besagte Erlebnis sein eigenes gewesen sei. Darauf antwortete er prompt. »O nein, Gott sei Dank nicht!«

»Und sind die Aufzeichnungen von dir? Du hast das alles niedergeschrieben?«

»Von mir ist nur der Eindruck. Den habe ich hier hereingenommen«, er tippte sich ans Herz. »Und nie wieder vergessen.«

»Dann ist dein Manuskript …?«

»Es ist in alter, verblasster Tinte und in schönster Handschrift verfasst.« Er stieß wieder ins Feuer. »Von einer Frau. Sie ist seit 20 Jahren tot. Sie hat mir jene Seiten geschickt, bevor sie starb.« Jetzt hörten alle zu, und natürlich gab es jemanden, der spitzbübisch nachhakte oder zumindest die naheliegende Schlussfolgerung zog. Aber wenn er die Anspielung ohne ein Lächeln aufnahm, so auch ohne jede Irritation. »Sie war eine sehr charmante Person, aber zehn Jahre älter als ich. Sie war die Erzieherin meiner Schwester«, sagte er leise. »Sie war die sympathischste Frau, die ich je in dieser Position kennengelernt habe; sie wäre auch jeder anderen Stellung würdig gewesen. Es ist lange her, und diese Episode liegt noch länger zurück. Ich war am Trinity College und fand sie zu Hause vor, als ich im zweiten Sommer herunterkam. Ich war in jenem Jahr viel dort – es war ein wirklich schöner Sommer –, und wenn sie freihatte, teilten wir einige Spaziergänge und Gespräche im Garten. Gespräche, bei denen sie mir als ausnehmend klug und nett auffiel. O ja, ihr braucht nicht zu grinsen: Ich mochte sie sehr und bin bis heute froh, dass sie mich wohl auch mochte. Wenn sie es nicht getan hätte, hätte sie es mir nicht anvertraut. Sie hatte es nie jemandem erzählt. Das brauchte sie mir gar nicht zu sagen, denn ich wusste, dass sie es nicht getan hatte. Ich war mir sicher; ich konnte es ihr ansehen. Wenn ihr die Geschichte hört, werdet ihr leicht beurteilen können, warum.«

»Weil die Sache so furchterregend war?«

Er fixierte mich immer noch. »Ihr werdet es gleich verstehen«, wiederholte er. »Du wirst es verstehen.«

Ich fixierte ihn ebenso nachdrücklich. »Ich verstehe. Sie war verliebt.«

Da lachte er zum ersten Mal. »Du bist scharfsinnig. Ja, sie war verliebt. Das heißt, sie war es gewesen. Das kam deutlich zutage: Sie konnte ihre Geschichte nicht erzählen, ohne dass es zum Vorschein kam. Ich sah es ihr an, und sie sah mir an, dass ich es gesehen hatte; aber keiner von uns sprach darüber. Ich erinnere mich an die Zeit und den Ort: die Ecke des Rasens, den Schatten der großen Buchen und den langen, heißen Sommernachmittag. Es war ganz und gar keine Szenerie, die zum Erschaudern einlud; aber oh …!« Er gab seinen Platz vor dem Feuer auf und ließ sich in seinen Sessel zurückfallen.

»Du wirst das Paket also am Donnerstagmorgen erhalten?«, erkundigte ich mich.

»Wahrscheinlich nicht vor der zweiten Post.«

»Nun denn, nach dem Essen …«

»Ihr erwartet mich dann alle hier?« Er schaute uns wieder an. »Geht denn niemand vorher?« Da schwang beinahe ein Ton der Hoffnung mit.

»Alle werden bleiben!«

»Ich bleibe« und »Ich auch!« riefen die Damen, deren Abreise eigentlich bereits feststand. Mrs. Griffin jedoch äußerte das Bedürfnis, ein wenig mehr Licht ins Dunkel zu bringen. »In wen war sie denn verliebt?«

»Die Geschichte wird es zeigen«, antwortete ich.

»Oh, ich kann es kaum erwarten, die Geschichte zu hören!«

»Die Geschichte wird es nicht zeigen«, widersprach Douglas, »jedenfalls nicht auf eindeutig ausbuchstabierte, vulgäre Weise.«

»Dann ist es schade darum. Das ist die einzige Art und Weise, wie ich es je begreifen werde.«

»Wirst du es uns nicht enthüllen, Douglas?«, erkundigte sich jemand anderes.

Er sprang wieder auf. »Ja doch, morgen. Jetzt muss ich zu Bett gehen. Gute Nacht.« Er griff schnell nach einem Kerzenhalter und ließ uns gelinde verwirrt zurück. Von unserem Ende der großen braun getäfelten Halle hörten wir seine Schritte auf der Treppe, woraufhin Mrs. Griffin das Wort ergriff. »Nun, wenn ich auch nicht weiß, in wen sie verliebt war, weiß ich doch, wer er war.«

»Sie war zehn Jahre älter«, sagte ihr Mann.

»Raison de plus – in diesem Alter! Aber es ist doch ganz niedlich und nett, seine lange Zurückhaltung.«

»40 Jahre!«, warf Griffin ein.

»Mit diesem Ausbruch tritt endlich alles zutage.«

»Der Ausbruch«, erwiderte ich, »wird den Donnerstagabend zu einem gewaltigen Ereignis machen«, und alle stimmten mir so sehr zu, dass wir angesichts dieses Ereignisses jede Aufmerksamkeit für alles andere verloren. Die letzte Geschichte, so unvollständig sie auch sein mochte, da sie wie der bloße Anfang einer Serie schien, war erzählt worden; wir gaben uns die Hand, »kerzenhalterten« einander, wie jemand sagte, und gingen zu Bett.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass ein Brief mit dem Schlüssel mit der ersten Post an seine Londoner Wohnung gegangen war; aber trotz – oder vielleicht gerade wegen – der gemächlichen Verbreitung dieser Kunde ließen wir ihn bis nach dem Abendessen in Ruhe, und zwar bis zu jener Abendstunde, die am besten zu der Art von Gefühl passte, auf die unsere Hoffnungen gerichtet waren. Dann wurde er so mitteilsam, wie wir es uns nur wünschen konnten, und gab uns in der Tat den besten Grund dafür, so gesprächig zu sein. Erneut bekamen wir es von ihm vor dem Kaminfeuer in der Halle präsentiert, so wie wir am Abend zuvor unsere harmlosen, wundersamen Erzählungen erlebt hatten. Es zeigte sich, dass diese Erzählung, die er uns vorzulesen versprochen hatte, für ein angemessenes Verständnis tatsächlich ein paar Worte der Vorrede erforderte. Ich möchte an dieser Stelle klar und deutlich sagen, dass ich diese Erzählung, die auf einer exakten, viel später von mir angefertigten Abschrift beruht, im Folgenden genauso wiedergeben werde. Der arme Douglas übergab mir vor seinem Tod, als dieser bereits in Sicht war, das Manuskript, das ihn am dritten Tage endlich erreichte und das er am Abend des vierten Tages an gleicher Stelle mit großer Wirkung unserem stillen kleinen Kreis vorzulesen begann. Die abreisenden Damen, die gesagt hatten, sie würden bleiben, blieben natürlich, dem Himmel sei Dank, nicht: Sie gingen, infolge der getroffenen Vorkehrungen von einer rasenden Neugierde erfüllt, wie sie erklärten, hervorgerufen durch die Andeutungen, mit denen er uns bereits bearbeitet hatte. Aber das machte sein kleines Auditorium am Ende nur noch kompakter und erlesener, hielt uns, rund um das gesellige, schützende Feuer des Kamins, einer gemeinsamen Erregung unterworfen.

Die erste dieser Andeutungen vermittelte, dass die schriftliche Darstellung die Geschichte an einem Punkt aufnahm, nachdem sie in gewisser Weise bereits begonnen hatte. Man sollte also vorher wissen, dass seine alte Freundin, die jüngste von mehreren Töchtern eines armen Landpfarrers, im Alter von 20 Jahren, als sie zum ersten Mal den Dienst als Hauslehrerin antrat, ängstlich nach London gekommen war, um persönlich auf eine Anzeige zu antworten, die sie bereits in einen kurzen Briefwechsel mit dem Inserenten gebracht hatte. Diese Person erwies sich, als sie sich in einem Haus in der Harley Street zur Begutachtung vorstellte, als groß und imposant – nein, das Haus erwies sich als groß und imposant, der potenzielle Klient erwies sich als Gentleman, ein Junggeselle in der Blüte seines Lebens, eine Gestalt, wie sie einem aufgeregten, ängstlichen Mädchen aus einem Pfarrhaus in Hampshire nie zuvor begegnet war, außer in einem Traum oder einem alten Roman. Man konnte seinen Typ leicht bestimmen; er stirbt glücklicherweise nie aus. Er war gut aussehend, direkt und liebenswürdig, unverstellt, fröhlich und gutherzig. Er erschien ihr unweigerlich galant und großartig, aber was sie am meisten für ihn einnahm und ihr den Mut gab, den sie später zeigte, war, dass er ihr das Ganze als eine Art Gefallen darstellte, eine Verpflichtung, die er mit Dankbarkeit einzugehen bereit war. Sie hielt ihn für reich, aber auch für furchtbar extravagant: Sie sah ihn im Glanz der geschmackvollsten Mode, des guten Aussehens, der teuren Gewohnheiten und des charmanten Umgangs mit Frauen. In der Stadt residierte er in einem großen Haus, das mit Reiseandenken und Jagdtrophäen gefüllt war; aber er wünschte, dass sie sofort zu seinem Landsitz, einem alten Familienanwesen in Essex, reisen sollte.

Durch den Tod der Eltern in Indien war er zum Vormund eines kleinen Neffen und einer kleinen Nichte geworden, Kinder eines jüngeren Bruders, eines Soldaten, den er zwei Jahre zuvor verloren hatte. Diese Kinder und die Verantwortung für sie, die ihm das seltsamste Schicksal aufgebürdet hatte, waren für einen Mann in seiner Position – einen völlig alleinstehenden Mann ohne die nötige Erfahrung und ohne ein Quäntchen Geduld – sehr belastend. Bisher stellten sie vor allem eine große Sorge dar, und von seiner Seite war er ihnen zweifellos mit einer Reihe von Fehlgriffen begegnet, aber er hatte großes Mitleid mit den armen Küken und hatte alles getan, was er konnte; er hatte sie vor allem in sein anderes Haus geschickt, denn der richtige Ort für sie war natürlich das Land, und dort hatte er sie von Anfang an bei den besten Leuten untergebracht, die er finden konnte, damit diese sich um sie kümmerten, wobei er sich sogar von seinen eigenen Bediensteten trennte, damit sie auf sie aufpassten, und selbst hinfuhr, wann immer er konnte, um zu sehen, wie es ihnen erging. Das Unangenehme war, dass sie praktisch keine anderen Verwandten hatten und dass seine eigenen Angelegenheiten seine ganze Zeit in Anspruch nahmen. Er hatte ihnen mit Bly Manor ein gut situiertes und wertsicheres Anwesen überschrieben und zur Verfügung gestellt und an der Spitze ihres kleinen Haushalts – natürlich nur intern, unter den Bediensteten – eine ausgezeichnete Frau, Mrs. Grose, platziert, von der er überzeugt war, dass sie auch seiner Besucherin gefallen würde, und die früher die Zofe seiner Mutter gewesen war. Sie war jetzt Haushälterin und fungierte auch als Aufseherin für das kleine Mädchen, welches sie, die keine eigenen Kinder hatte, zum Glück sehr liebte. Es gab also genug Leute, die halfen, aber natürlich würde die junge Dame, die als Erzieherin eingesetzt werden sollte, die oberste Autorität haben. Sie würde sich in den Ferien auch um den kleinen Jungen kümmern müssen, der bereits ein Schuljahr lang in der Schule gewesen war – auch wenn er beinahe noch zu jung sein mochte, um fortgeschickt zu werden, aber was sollte man sonst tun? – und der nun, da die Ferien begannen, von einem Tag auf den anderen zurückkehren würde. Für die beiden Kinder war zunächst eine junge Dame da gewesen, die sie unglücklicherweise hatten verlieren müssen. Sie hatte sich sehr gut um sie gekümmert und war eine sehr respektable Person, bis zu ihrem Tod, dessen große Pein und Peinlichkeit dem kleinen Miles keine andere Wahl als die Schule gelassen hatte.

Was Benehmen und solche Dinge betraf, hatte Mrs. Grose seither für Flora getan, was sie konnte, und dann gab es noch eine Köchin, ein Hausmädchen, ein Milchmädchen, ein altes Pony, einen alten Stallknecht und einen alten Gärtner, die alle ebenfalls sehr anständig waren.

So weit hatte Douglas seine Darstellung präsentiert, als jemand eine Frage stellte. »Und woran ist die ehemalige Gouvernante gestorben? An gar so viel Anstand?«

Die Antwort unseres Freundes kam prompt. »Das wird noch enthüllt. Ich werde nichts vorwegnehmen.«

»Verzeihung; ich dachte, das wäre genau das, was du gerade tust.«

»An der Stelle der Nachfolgerin«, gab ich zu bedenken, »hätte ich gern erfahren, ob diese Tätigkeit auch …«

»Gefahr für Leib und Leben involviert?«, vervollständigte Douglas meinen Gedanken. »Das wollte sie auch erfahren, und sie hat es erfahren. Ihr werdet morgen hören, was sie alles erfahren hat. In der Zwischenzeit wirkte die Aussicht auf die Anstellung natürlich etwas trostlos auf sie. Sie war jung, unerfahren, nervös: Es war ein Bild von verantwortungsvollen Pflichten und wenig Gesellschaft, von wirklich großer Einsamkeit. Sie zögerte; sie brauchte ein paar Tage, um sich zu beraten und zu überlegen. Aber das angebotene Gehalt überstieg bei Weitem ihr bescheidenes Maß, und bei einem zweiten Gespräch stand sie dafür gerade, sie sagte zu.« Und damit machte Douglas eine Pause, die mich dazu bewog, etwas einzuwerfen, um die Runde noch neugieriger zu machen.

»Die Moral von der Geschicht’ war natürlich die Verführung durch den prächtigen jungen Mann. Sie ist ihm erlegen.«

Er stand auf und ging, wie schon am Abend zuvor, zum Kaminfeuer, stieß mit dem Fuß sacht gegen ein Holzscheit und blieb dann einen Moment mit dem Rücken zu uns stehen. »Sie hat ihn nur zweimal gesehen.«

»Ja, aber das ist ja gerade das Schöne an ihrer Leidenschaft.«

Zu meiner Überraschung drehte sich Douglas daraufhin zu mir um. »Das war das Schöne daran. Es gab andere«, fuhr er fort, »die sich nicht überzeugen ließen. Er erzählte ihr ganz offen von seinen Schwierigkeiten: dass die Bedingungen für mehrere Bewerberinnen inakzeptabel gewesen waren. Irgendwie hatten sie alle schlicht Angst gehabt. Es klang langweilig, es klang seltsam, und das umso mehr, als es um seine Grundbedingung ging.«

»Und die lautete …?«

»Dass sie ihn niemals belästigen sollte; wirklich niemals, niemals: weder um zu flehen noch um sich zu beklagen noch um zu berichten; sie sollte sich alle Fragen selbst beantworten, alle Gelder von seinem Anwalt entgegennehmen, die ganze Sache in ihre Hände nehmen und ihn in Ruhe lassen. Sie versprach, dies zu tun, und sie erwähnte mir gegenüber, dass sie sich damals bereits belohnt fühlte, als er für einen Moment, erleichtert und hocherfreut, ihre Hand hielt und ihr für das Opfer dankte, dass sie bringen würde.«

»Aber war das wirklich schon alles?«, fragte eine der Damen.

»Sie hat ihn nie wiedergesehen.«

»Oh!«, stieß die Dame hervor; und da unser Freund uns danach sofort wieder allein ließ, war dies das einzige weitere Wort von Bedeutung, das zu dem Thema beigetragen wurde, bis er am nächsten Abend an der Kaminecke im besten Sessel den verblichenen roten Einband eines dünnen, altmodischen, goldumrandeten Albums öffnete. Die ganze Sache hielt uns tatsächlich mehr als eine Nacht in ihrem Bann, aber beim ersten Mal stellte dieselbe Dame eine andere Frage. »Wie lautet der Titel?«

»Ich habe keinen.«

»Oh, aber ich habe einen!«, sagte ich. Aber Douglas beachtete mich gar nicht, denn er hatte begonnen, mit einer feinen Deutlichkeit und Klarheit zu lesen, die sich wie die Wiedergabe der Schönschrift der Verfasserin für das Ohr anließ.

1

Ich erinnere mich an den ganzen Anfang als eine Abfolge von Höhen und Tiefen, ein kleines Hin und Her von richtigen und falschen Gefühlen. Nachdem ich in der Stadt aufgestanden war, um seiner Bitte Folge zu leisten, hatte ich auf jeden Fall ein paar sehr schlimme Tage: Ich zweifelte wieder, war mir sogar sicher, dass ich einen Fehler gemacht hatte. In diesem Zustand verbrachte ich die langen Stunden in der holpernden, schaukelnden Kutsche, die mich zu dem Haltepunkt brachte, an dem ich von einem Fahrzeug des Hauses abgeholt werden sollte. Diese Annehmlichkeit, so sagte man mir, war von ihm bestellt worden, und ich fand dort gegen Ende des Juninachmittags einen bequemen Einspänner vor, der auf mich wartete. Als wir zu dieser Stunde an einem mildwarmen Tag durch eine Landschaft fuhren, deren sommerliche Süße mir ein freundliches Willkommen zu bieten schien, stieg meine Tapferkeit erneut in mir auf, und als wir in die Allee einbogen, erblickte ich zu meiner großen Erleichterung, die wahrscheinlich nur ein Beweis dafür war, wie tief mein Mut zuvor gesunken war – nun, ich hatte wohl etwas so Düsteres erwartet oder gefürchtet, dass das, was mich begrüßte, eine schöne Überraschung war. Ich erinnere mich an den sehr angenehmen Eindruck, den die breite, klare Fassade, die offenen Fenster und die frischen Vorhänge machten, ebenso die beiden Dienstmädchen, die herausschauten; ich erinnere mich an den Rasen und die leuchtenden Blumen und an das Knirschen meiner Räder auf dem Kies und an die dicht gedrängten Baumkronen, über denen die Saatkrähen kreisten und in den goldenen Himmel krächzten. Die Szenerie besaß eine Größe, die sie von meinem eigenen kargen Zuhause unterschied, und an der Tür erschien sofort eine höfliche Person mit einem kleinen Mädchen an der Hand, die mir einen so anständigen Knicks machte, als wäre ich die Herrin oder eine angesehene Besucherin. Ich hatte in der Harley Street eine engere Vorstellung von dem Ort bekommen, und als ich mich daran erinnerte, hielt ich den Besitzer noch mehr für einen Gentleman, denn es ließ vermuten, dass das, was ich genießen sollte, weit über sein Versprechen hinausgehen könnte.

Bis zum nächsten Tag hatte ich keinen weiteren Tiefpunkt, denn meine Vorstellung bei dem jüngeren meiner Schüler trug mich triumphal durch die folgenden Stunden. Das kleine Mädchen, das Mrs. Grose begleitete, erschien mir auf der Stelle als ein so bezauberndes Geschöpf, dass es ein großes Glück sein musste, mit ihm zu tun zu haben. Sie war das schönste Kind, das ich je gesehen hatte, und ich wunderte mich im Nachhinein, dass mein Arbeitgeber mir nicht mehr von ihr erzählt hatte. Ich schlief wenig in dieser Nacht, ich war zu aufgeregt; und auch diese Faszination blieb, wie ich mich erinnere, bei mir und verstärkte meine Dankbarkeit für die Großzügigkeit, mit der ich behandelt wurde. Das große, imposante Zimmer, eines der besten des Hauses, das große Prunkbett, das ich als beinahe königlich empfand, die vollen, gemusterten Vorhänge, die hohen Spiegel, in denen ich mich zum ersten Mal von Kopf bis Fuß sehen konnte, all das wirkte auf mich – wie auch der außerordentliche Charme meines kleinen Schützlings – wie so viele Dinge, die mir zusätzlich zu meinem Gehalt geschenkt wurden. Es war auch vom ersten Augenblick an so, dass ich mich mit Mrs. Grose wunderbar verstand, während ich auf der Fahrt in der Kutsche, wie ich fürchte, deswegen noch ziemlich gegrübelt hatte. Das Einzige, was mich bei dieser ersten Begegnung hätte zurückschrecken lassen können, war der deutliche Umstand, dass sie sich so sehr freute, mich zu sehen. Innerhalb einer halben Stunde merkte ich, dass sie so froh war – diese kräftige, einfache, schlichte, reinliche, liebenswerte Frau –, dass sie sich geradezu davor hütete, es allzu sehr zu zeigen. Ich wunderte mich schon damals ein wenig, warum sie es nicht zeigen wollte, und das hätte mich natürlich mit etwas Nachdenken, mit etwas mehr Misstrauen nervös machen können.

Aber es war ein Trost, dass es in Verbindung mit etwas so Himmlischem wie dem strahlenden Bild meines kleinen Mädchens kein Unbehagen geben konnte: Der Anblick ihrer engelhaften Schönheit war wohl mehr als alles andere für die Unruhe verantwortlich, die mich vor dem Morgen mehrmals aufstehen und in meinem Zimmer umherwandern ließ, um das ganze Bild und die Aussicht in mich aufzunehmen; um von meinem offenen Fenster aus die erste Sommermorgenröte zu beobachten, um jene Teile des übrigen Hauses zu betrachten, die ich von meiner Warte aus erblicken konnte, und um, während in der schwindenden Dämmerung die ersten Vögel zu zwitschern begannen, auf die mögliche Wiederholung eines oder zweier Geräusche zu lauschen, die ich weniger natürlich und nicht von draußen, sondern von drinnen zu hören geglaubt hatte. Es gab einen Moment, in dem ich meinte, in der Ferne den schwachen Schrei eines Kindes zu vernehmen; es gab einen anderen, in dem ich mich dabei ertappte, wie ich aufschreckte, als ich vor meiner Tür leise Schritte hörte. Aber diese Fantasien waren nicht ausgeprägt genug, um nicht gleich wieder verworfen zu werden, und erst im Licht (oder besser gesagt in der Düsternis) anderer und späterer Dinge kommen sie mir jetzt wieder in den Sinn. Die kleine Flora zu behüten, zu unterrichten, zu »formen«, das bedeutete ganz offensichtlich, dass ich ein glückliches und nützliches Leben führen würde. Wir hatten unten bereits vereinbart, dass ich sie nach dieser ersten Begegnung nachts ganz selbstverständlich bei mir haben sollte, und ihr kleines weißes Bettchen war zu diesem Zweck bereits in meinem Zimmer aufgestellt. Ich würde mich voll und ganz um sie kümmern, und sie war diese Nacht nur aus Rücksicht auf meine unvermeidliche Fremdheit und ihre natürliche Schüchternheit bei Mrs. Grose geblieben. Trotz dieser Schüchternheit – zu der das Kind selbst auf die seltsamste Art und Weise ganz offen und tapfer gestanden hatte, indem es ohne ein Anzeichen von Unbehagen, sondern mit der tiefen, süßen Gelassenheit eines der heiligen Kinder in den Gemälden Raffaels zugelassen hatte, dass darüber gesprochen und sie ihr zugeschrieben wurde und uns bestimmte – war ich ganz sicher, dass sie mich schon bald gernhaben würde. Es war ein Teil dessen, wofür ich Mrs. Grose selbst schon mochte, dieses Vergnügen, das sie an meiner Bewunderung und Verwunderung empfand, als ich beim Abendessen saß, mit vier hohen, schlanken Kerzen und mit meiner Schülerin in einem Hochstuhl und einem Lätzchen um den Hals, die mir strahlend bei Brot und Milch gegenübersaß. Natürlich gab es Dinge, die in Floras Gegenwart nur in Form von beeindruckten und zufriedenen Blicken sowie obskuren und umständlichen Anspielungen zwischen uns vor sich gehen konnten.

»Und der kleine Junge, sieht er aus wie sie? Ist er auch so bemerkenswert?«

Einem Kind sollte man nicht schmeicheln. »Oh, Miss, sehr bemerkenswert. Wenn Sie sie hier gut finden …« – und sie stand da mit einem Teller in der Hand und strahlte unseren Schützling an, während das Mädchen von einer zur anderen schaute, aus ruhigen, engelsgleichen Augen, deren Blick nichts enthielt, was uns hätte innehalten lassen.

»Ja? Wenn ich das tue …«

»Dann werden Sie von dem kleinen Gentleman hingerissen sein!«

»Nun, ich denke, deshalb bin ich hergekommen: um hingerissen zu sein. Ich fürchte jedoch«, ich weiß noch, dass ich den Impuls verspürte, es hinzuzufügen, »ich lasse mich ziemlich leicht mitreißen. Ich war auch in London hingerissen!«

Ich sehe noch das breite Gesicht von Mrs. Grose, als sie dies sacken ließ. »In der Harley Street?«

»In der Harley Street.«

»Nun, Miss, Sie sind nicht die Erste und werden auch nicht die Letzte sein.«

»Oh, ich erhebe keinen Anspruch darauf«, konnte ich lachend erwidern, »die Einzige zu sein. Mein anderer Schüler kommt jedenfalls, wie ich gehört habe, morgen zurück?«

»Nicht morgen. Freitag, Miss. Er kommt wie Sie mit der Kutsche an, in der Obhut eines Begleiters, und soll vom selben Einspänner abgeholt werden.«

Ich brachte sogleich zum Ausdruck, dass es sowohl angemessen als auch liebenswürdig und nett wäre, wenn ich ihn bei der Ankunft der Mietkutsche mit seiner kleinen Schwester erwarten würde; ein Gedanke, dem Mrs. Grose so herzlich zustimmte, dass ich ihr Verhalten irgendwie als eine Art tröstliches Versprechen auffasste – das Gott sei Dank auch nie enttäuscht wurde –, dass wir in jeder Frage ganz einer Meinung sein würden. Oh, sie war so froh, dass ich da war!

Was ich am nächsten Tag fühlte, war, glaube ich, nichts, was man mit Fug und Recht als Reaktion auf die Freude bei meiner Ankunft bezeichnen könnte; es war wahrscheinlich höchstens eine leichte Beklemmung, die dadurch hervorgerufen wurde, als ich das Ausmaß meiner neuen Lebensumstände erkannte, während ich diese einkreiste, betrachtete und in mich aufnahm. Diese Umstände besaßen sozusagen ein Format und eine Masse, auf die ich nicht vorbereitet war und in deren Gegenwart ich mich ganz frisch, ein wenig ängstlich, aber auch ein wenig stolz wiederfand. In dieser Aufregung geriet der Unterricht gewiss etwas ins Stocken; ich überlegte, dass es meine erste Pflicht war, dem Kind durch die sanftesten Künste, die ich mir ausdenken konnte, ein gutes Gefühl dabei zu geben, mich kennenzulernen. Ich verbrachte den Tag mit Flora im Freien; ich vereinbarte mit ihr zu ihrer großen Zufriedenheit, dass sie, nur sie, mir das gesamte Anwesen zeigen sollte. Sie zeigte es mir Schritt für Schritt und Zimmer für Zimmer und Geheimnis für Geheimnis, mit lustigen, entzückenden, kindlichen Gesprächen darüber und mit dem Ergebnis, dass wir binnen einer halben Stunde bereits dicke Freundinnen wurden. So jung sie auch war, ich war während unseres kleinen Rundgangs beeindruckt von ihrer Zuversicht und ihrem Mut, wie sie in leeren Gemächern und zwielichtigen Korridoren, auf krummen Treppen, die mich innehalten ließen, und sogar auf dem obersten Absatz eines alten, viereckigen Turms mit Auslassungen im Boden, der mich schwindelig machte, ihre Morgenmusik ertönen ließ und ihre Bereitschaft zeigte, mir so viel mehr zu erzählen, als sie selbst zu erfahren verlangte, und mich immer weiterführte. Ich habe Bly Manor seit dem Tag, an dem ich es verließ, nicht mehr gesehen, und ich wage zu behaupten, dass es meinen älteren und sachkundigeren Augen jetzt ausreichend geschrumpft erscheinen würde. Aber als meine kleine Führerin mit ihren goldenen Haaren und ihrem blauen Kleid vor mir um Ecken tanzte und durch Gänge hüpfte, hatte ich das Bild eines romantischen Schlosses vor Augen, das von einer rosigen Elfe, einem Naturgeist bewohnt wurde; das Bild eines Ortes, gegen den – um den frisch aufgekommenen Gedanken weiterzuspinnen – alle Märchenbücher und -geschichten augenblicklich verblassten. Handelte es sich nicht bloß um ein Bilderbuch, über dem ich verliebt eingenickt war und von dem ich nun träumte? Nein, es war ein großes, hässliches, uraltes, aber zweckmäßiges Haus, das noch einige Aspekte eines noch älteren, halb ersetzten und halb genutzten Gebäudes enthielt, in dem ich mir unwillkürlich vorstellte, dass wir fast so verloren waren wie eine Handvoll Passagiere auf einem großen, dahintreibenden Schiff. Nun, und ich war seltsamerweise am Steuer!

2

Das wurde mir klar, als ich zwei Tage später mit Flora hinüberfuhr, um, wie Mrs. Grose sagte, den kleinen Herrn kennenzulernen; und zwar umso mehr, als sich am zweiten Abend ein Vorfall ereignete, der mich zutiefst beunruhigt hatte. Der erste Tag war, wie ich schon sagte, im Großen und Ganzen beruhigend gewesen; aber ich sollte ihn mit großer Besorgnis zu Ende gehen sehen. In der Posttasche befand sich an jenem Abend – es war schon spät – ein Brief in der Handschrift meines Arbeitgebers an mich, der jedoch nur aus ein paar Worten bestand und dem ein weiterer, an ihn selbst adressierter Brief mit einem noch nicht gebrochenen Siegel beigefügt war. »Das ist, wie ich unschwer erkenne, vom Schulleiter, und der Schulleiter ist ein schrecklicher Langweiler. Lesen Sie ihn bitte; beschäftigen Sie sich mit ihm; aber berichten Sie nicht. Kein einziges Wort. Ich muss fort!« Ich brach das Siegel nur mit großer Anstrengung: Es war so groß, dass ich lange dazu brauchte; ich nahm das ungeöffnete Schreiben schließlich mit auf mein Zimmer und nahm es mir erst kurz vor dem Schlafengehen vor. Ich hätte es besser bis zum Morgen warten lassen sollen, denn es bescherte mir eine zweite schlaflose Nacht. Da ich auch am nächsten Tag noch keinen Rat wusste, war ich sehr verzweifelt, und schließlich wurde es mir so unangenehm, dass ich beschloss, mich wenigstens Mrs. Grose gegenüber zu öffnen.

»Was bedeutet das? Das Kind wurde von seiner Schule entlassen.«

Sie warf mir einen Blick zu, der mir in diesem Moment auffiel; dann schien sie ihn zurücknehmen zu wollen und setzte unverkennbar ein nichtssagendes Gesicht auf. »Aber sind sie nicht alle …?«

»Nach Hause geschickt worden, ja. Aber nur über die Ferien. Miles darf gar nicht mehr zurück.«

Unter meiner Aufmerksamkeit errötete sie unwillkürlich. »Sie wollen ihn nicht wieder aufnehmen?«

»Sie lehnen es absolut ab.«

Daraufhin hob sie den Blick, den sie von mir abgewandt hatte, und ich sah, wie sich ihre Augen mit aufrichtigen Tränen füllten. »Was hat er getan?«

Ich zögerte; dann hielt ich es für das Beste, ihr einfach meinen Brief zu überreichen, was jedoch zur Folge hatte, dass sie ihn nicht annahm, sondern einfach die Hände hinter dem Rücken verschränkte. Sie schüttelte traurig den Kopf. »Solche Dinge sind nichts für mich, Miss.«

Meine Ratgeberin konnte nicht lesen! Ich ärgerte mich über meinen Fehler, den ich so gut es ging zu mildern versuchte, und öffnete meinen Brief erneut, um ihr den Inhalt wiederzugeben, aber dann stockte ich und faltete ihn wieder zusammen und steckte ihn zurück in meine Tasche. »Ist er wirklich so schlimm?«

Die Tränen standen ihr noch in den Augen. »Sagen die Herren das denn?«

»Sie gehen nicht auf Einzelheiten ein. Sie drücken lediglich ihr Bedauern darüber aus, dass es unmöglich sein wird, ihn weiter dortzubehalten. Das kann nur einen Grund haben.« Mrs. Grose hörte ergriffen, aber verständnislos zu; sie unterließ es, mich zu fragen, was dieser Grund sein mochte, sodass ich, um die Sache einigermaßen zusammenhängend und nur mithilfe ihrer Anwesenheit in meinen eigenen Gedanken zu sortieren, fortfuhr: »Dass er eine Behinderung, ein Schaden für die anderen ist.«

Daraufhin fuhr sie mit einem der schnellen Stimmungswechsel, die einfache Leute an den Tag legen, plötzlich hitzig hoch. »Der junge Herr Miles! Er soll ein Schaden sein?«

Es lag eine solche Flut von Gutgläubigkeit in ihrem Tonfall, dass ich, obwohl ich das Kind noch nicht einmal selbst gesehen hatte, inmitten meiner Ängste die Absurdität des Gedankens erkannte. Und dann, um meine Freundin besser einschätzen zu können, brachte ich spontan noch ein sarkastisches Bild hervor: »Für seine armen, kleinen, unschuldigen Kameraden!«

»Es ist zu furchtbar«, rief Mrs. Grose, »so etwas Grausames zu sagen! Er ist doch kaum zehn Jahre alt.«

»Jaja, das wäre wohl unglaublich.«

Sie war offensichtlich dankbar für diese Art Bestätigung. »Sehen Sie ihn sich zuerst an, Miss. Wenn Sie es dann immer noch glauben!« Ich spürte sofort eine neue Ungeduld, ihn zu sehen; es war der Beginn einer Neugier, die sich in den nächsten Stunden fast bis zum Schmerz steigern sollte. Mrs. Grose war sich, wie ich ihr leicht ansehen konnte, bewusst, was sie in mir auslöste, und sie ließ eine weitere Gewissheit folgen. »Da können Sie ja gleich dasselbe von der kleinen Dame glauben, Gott segne sie«, fügte sie im nächsten Augenblick hinzu, »sehen Sie sich das Püppchen doch nur an!«

Ich drehte mich um und sah, dass Flora, die ich zehn Minuten zuvor mit einem weißen Blatt Papier, einem Bleistift und einem Exemplar schöner »runder O« in der Schulstube platziert hatte, sich nun an der offenen Tür präsentierte. Sie drückte auf ihre niedliche kleine Art eine außerordentliche Distanz zu unangenehmen Pflichten aus, sah mich jedoch mit einem großen kindlichen Leuchten in den Augen an, welches diese Nachlässigkeit als bloße Frucht ihrer Zuneigung zu meiner Person erscheinen ließ, die es notwendig gemacht hatte, dass sie mir folgte. Ich brauchte nichts weiter als diesen Anblick, um den Vergleich, den Mrs. Grose angestellt hatte, zu begreifen, und ich nahm meine Schülerin sogleich in die Arme und bedeckte sie mit Küssen, die einen reuigen Schluchzer verbargen.

Dennoch suchte ich den Rest des Tages nach einer weiteren Gelegenheit, mich meiner Kollegin zu nähern, zumal ich gegen Abend den Eindruck hatte, dass sie mir eher aus dem Weg gehen wollte.

Ich holte sie, wie ich mich erinnere, auf der Treppe ein; wir gingen gemeinsam hinunter, und unten hielt ich sie mit einer Hand auf ihrem Arm zurück. »Ich nehme das, was Sie mir heute Mittag gesagt haben, als Ihre Bestätigung, dass Sie ihn niemals böse erlebt haben.«

Sie warf den Kopf zurück; sie hatte inzwischen eindeutig und ganz ehrlich eine trotzige Haltung dazu eingenommen. »Oh, ihn nie böse erlebt – das will ich nicht behaupten!«

Ich war aufs Neue verstimmt. »Dann haben Sie ihn also so erlebt?«

»Ja, in der Tat, Miss, und Gott sei Dank!«

Nach einem Moment des Nachdenkens akzeptierte ich dies. »Sie meinen, dass ein Junge, der nie …?«

»Ist kein Junge für mich!«

Ich hielt ihren Arm noch fester.

»Sie mögen es, wenn sie Energie haben und frech sind?« Dann brachte ich zeitgleich mit ihrer Antwort eifrig hervor: »Ich auch! Aber nicht in dem Maße, dass sie ihr Umfeld korrumpieren …«

»Korrumpieren?« Mein großes Wort ließ sie ratlos zurück. Ich erklärte es. »Andere verderben.«

Sie starrte mich an, um zu verstehen, was ich meinte, aber es löste nur ein seltsames Lachen in ihr aus. »Befürchten Sie denn, er könnte Sie verderben?« Sie stellte die Frage mit einem so feinen, kühnen Humor, dass ich mit einem Lachen antwortete, das zweifellos ein wenig albern war und zu ihrem eigenen passte, und ich nahm für den Moment hin, dass ich mich lächerlich machte.

Aber am nächsten Tag, als die Stunde meiner Fahrt näher rückte, versuchte ich es an anderer Stelle erneut. »Wie war die Dame, die vorher hier war?«

»Die letzte Hauslehrerin? Sie war auch jung und hübsch, beinahe so jung und auch fast so hübsch, Miss, wie Sie.«

»Ah, dann hoffe ich, dass ihre Jugend und ihre Schönheit ihr geholfen haben!«, gab ich leichthin zurück. »Er scheint uns jung und hübsch zu mögen!«

»Oh, das hat er immer«, stimmte Mrs. Grose zu. »Das war die Art, wie er sie alle mochte!« Kaum hatte sie das gesagt, fing sie sich wieder. »Ich meine, das ist seine Art – die des Herrn.«

Ich war erstaunt. »Aber von wem haben Sie zuerst gesprochen?«

Sie schaute ausdruckslos, aber sie wurde rot. »Na ja, von ihm.«

»Vom Hausherrn?«

»Von wem sonst?«

Es kam so offensichtlich niemand anderes infrage, dass ich im nächsten Moment den Eindruck verlor, sie habe versehentlich mehr gesagt, als sie beabsichtigte, und ich fragte nur, was ich wirklich wissen wollte. »Hat sie denn etwas an dem Jungen gesehen …?«

»Das nicht in Ordnung wäre? Sie hat mir nie so etwas gesagt.«

Ich hatte Skrupel, die nächste Frage zu stellen, aber ich überwand sie. »War sie umsichtig und pingelig?«

Mrs. Grose schien sich zu bemühen, gewissenhaft zu antworten. »Bei einigen Dingen, ja.«

»Aber nicht bei allen?«

Wieder überlegte sie. »Nun, Miss, sie ist tot. Ich werde nicht lästern.«

»Ich verstehe sehr gut, wie Sie darüber denken«, beeilte ich mich zu erwidern; aber ich dachte nach einem Augenblick, dass es nicht gegen dieses Zugeständnis spräche weiterzufragen: »Ist sie hier gestorben?«

»Nein, sie ging fort.«

Ich weiß nicht, was mir an dieser knappen Antwort merkwürdig zweideutig vorkam. »Sie ist zum Sterben fortgegangen?« Mrs. Grose blickte geradewegs aus dem Fenster, aber ich fand, dass ich hypothetisch gesehen ein Recht darauf hatte, zu wissen, was von jungen Leuten, die für Bly Manor arbeiten, erwartet wurde. »Sie meinen, sie wurde krank und ging nach Hause?«

»Soweit ersichtlich, wurde sie nicht hier in diesem Haus krank. Sie verließ es am Ende des Jahres, um, wie sie sagte, für einen kurzen Urlaub nach Hause zu fahren, worauf sie aufgrund der Zeit, die sie hier verbracht hatte, sicherlich das Recht hatte. Wir hatten dann eine junge Frau, ein Kindermädchen, das über die Kleinkinderzeit geblieben und ein braves und kluges Mädchen war; und sie übernahm die Kinder für diese Zeit ganz. Aber unsere junge Frau kam nicht mehr zurück, und in dem Moment, als ich ihre Rückkehr erwartete, erfuhr ich vom Hausherrn, dass sie tot war.«

Ich dachte darüber nach. »Aber woran starb sie denn?«

»Das hat er mir nie gesagt! Aber bitte, Miss«, sagte Mrs. Grose, »ich muss mit meiner Arbeit weitermachen.«

3

Dass sie sich auf diese Weise von mir abwandte, war ungeachtet meiner berechtigten Sorgen glücklicherweise keine Brüskierung, die das Wachstum unserer gegenseitigen Wertschätzung bremsen konnte. Nachdem ich den kleinen Miles nach Hause gebracht hatte, begegneten wir uns auf dem Boden meiner Verblüffung, meiner allgemeinen Ergriffenheit, vertrauter denn je: Denn so ungeheuerlich erschien es mir mit einem Mal, verkünden zu müssen, dass ein solches Kind, wie es mir jetzt offenbart worden war, unter einem Hausverbot stehen sollte. Ich kam ein wenig zu spät zum Treffpunkt, und als er wehmütig vor der Tür des Gasthauses stand, an dem die Kutsche ihn abgesetzt hatte, fühlte ich, dass ich in ihm auf der Stelle von außen und innen den wunderbaren Glanz der Frische, den gleichen positiven Duft der Reinheit gesehen hatte, die ich vom ersten Augenblick an auch in seiner kleinen Schwester erblickt hatte. Er war unglaublich schön, und Mrs. Grose hatte es auf den Punkt gebracht: Alles außer einer Art leidenschaftlicher Zärtlichkeit für ihn wurde in seiner Gegenwart hinweggefegt. In diesem Augenblick schloss ich ihn in mein Herz, denn er hatte etwas Göttliches an sich, das ich in diesem Ausmaß noch bei keinem Kind gefunden habe: seine unbeschreibliche Ausstrahlung, als ob er nichts auf der Welt wüsste oder kannte außer Liebe. Es wäre unmöglich gewesen, einen schlechten Ruf mit einer größeren Süße der Unschuld zu ertragen, und als ich mit ihm nach Bly Manor zurückkehrte, war ich nur noch verwirrt – das heißt, soweit ich nicht vielmehr empört war – über den schrecklichen Brief, der in meinem Zimmer in einer Schublade lag. Sobald ich ein privates Gespräch mit Mrs. Grose führen konnte, erklärte ich ihr, dass es grotesk sei.

Sie verstand mich sofort. »Sie meinen die grausame Anklage …?«

»Die kann keinesfalls wahr sein. Meine liebe Frau, sehen Sie ihn sich doch nur an!«

Sie lächelte, weil ich offenbar vorgab, diejenige zu sein, die seinen Charme entdeckt hatte. »Ich versichere Ihnen, Miss, ich tue nichts anderes! Was werden Sie denn sagen?«, fügte sie sofort hinzu.

»Als Antwort auf den Brief?« Ich hatte mich längst entschieden. »Nichts.«

»Und seinem Onkel?«

Ich war bissig. »Nichts.«

»Und dem Jungen selbst?«

Ich war wunderbar. »Nichts.«

Sie wischte sich mit ihrer Schürze über den Mund. »Dann werde auch ich dazu stehen. Wir werden das aus der Welt schaffen.«

»Wir werden es aus der Welt schaffen!«, erwiderte ich leidenschaftlich und reichte ihr meine Hand, um das Gelübde zu bekräftigen.

Sie hielt mich einen Moment fest, dann hob sie mit ihrer freien Hand die Schürze wieder an. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, Miss, wenn ich mir die Freiheit nehme …«

»Mich zu küssen? Nein!« Ich nahm das liebe Geschöpf in die Arme, und nachdem wir uns wie Schwestern umarmt hatten, fühlte ich mich noch mehr gestärkt und empört.

Das galt jedenfalls vorerst und für einen Zeitraum, der so erfüllt war, dass ich, wenn ich mich daran erinnere, wie alles verlaufen ist, nur an den kreativen Aufwand denken kann, den ich jetzt brauche, um ihn in der Erzählung hervorzuheben. Was ich im Nachhinein mit Erstaunen betrachte, ist die Situation, die ich mir aufgebürdet hatte. Ich hatte mir vorgenommen, mit meiner Kollegin gemeinsam herauszufinden, worin der Vorwurf gründete, und ihn aus der Welt zu schaffen, und ich stand offenbar unter einem Zauber, der über das Ausmaß und die ausufernden und schwierigen Zusammenhänge einer solchen Anstrengung hinwegzutäuschen vermochte. Ich wurde auf einer großen Welle der Zuneigung und des Mitleids emporgehoben. Es fiel mir leicht, in meiner Unwissenheit, meiner Verwirrung und vielleicht meiner Einbildung anzunehmen, dass ich mit einem Jungen fertigwerden könnte, dessen Erziehung für die Erwachsenenwelt gerade erst begonnen hatte. Ich kann mich heute nicht einmal mehr daran erinnern, welchen Vorschlag ich für das Ende seiner Ferien und die Wiederaufnahme seines Unterrichts gemacht habe. In jenem bezaubernden Sommer hatten wir alle eine Theorie, was er lernen sollte; aber jetzt habe ich das Gefühl, dass wochenlang ich diejenige war, die ihre Lektionen lernte. Ich lernte etwas, zu Beginn jedenfalls, das nicht zu den Lehren meines kleinen, gedrängten Lebens gehört hatte; ich lernte, mich zu amüsieren und sogar amüsant zu sein und nicht an den nächsten Tag zu denken. Es war praktisch das erste Mal, dass ich Raum und Luft und Freiheit, die ganze Musik des Sommers und das ganze Geheimnis der Natur erlebte. Und dann war da alles, was ich zurückbekam: Die Entlohnung war süß. Oh, es war eine Falle – nicht als solche geplant, aber nichtsdestotrotz eine tiefe Grube – für meine Vorstellungskraft, für mein Zartgefühl, vielleicht für meine Eitelkeit; für alles, was in mir am erregbarsten war. Am besten kann ich diese Phase beschreiben, indem ich sage, dass ich unvorsichtig, unvorbereitet war. Sie bereiteten mir so wenig Mühe, legten eine so außergewöhnliche Sanftmut an den Tag. Ich pflegte darüber zu spekulieren – aber selbst das mit einer dumpfen Entrücktheit –, wie die raue Zukunft (denn alle Zukünfte sind rau!) sie wohl behandeln und womöglich verletzen würde. Sie hatten rosige Wangen, waren gesund und glücklich; und doch, als wäre ich für ein Paar kleiner Granden von adligem Blut verantwortlich, deren Umgebung stets umhegt und geschützt sein müsste, um angemessen zu sein, war die einzige Form, die ihre späteren Jahre in meiner Fantasie annehmen konnten, die einer romantischen, einer wahrhaft königlichen Erweiterung des Gartens und des Parks. Es mag natürlich sehr gut sein, dass das, was dann plötzlich hereinbrach, der vorangegangenen Zeit einen Zauber wie den des Stillstands verlieh: jene trügerische Ruhe, in der sich etwas zusammenbraut oder in Lauerstellung geht. Die Veränderung kam dann über uns wie der Ansprung eines wilden Tieres.

In den ersten Wochen waren die Tage lang; sie schenkten mir oft das, was ich meine eigene Stunde nannte: die Stunde nachdem für meine Schüler die Essens- und Schlafenszeit absolviert waren, in der ich noch eine kleine Pause für mich allein hatte, bevor ich mich endgültig zu Bett legte. Sosehr ich meine kleinen Gefährten auch mochte, diese Stunde war das, was ich am Tag am meisten mochte; und am liebsten mochte ich sie, wenn das Licht verblasste – oder besser gesagt, wenn der Tag verweilte und die letzten Rufe der letzten Vögel in einem erröteten Himmel von den alten Bäumen ertönten –, ich eine Runde durch den Park gehen und die Schönheit und Würde des Ortes genießen konnte, mich beinahe so fühlen konnte, als gehörte das alles mir. Das Gefühl amüsierte und umschmeichelte mich. Es war ein Vergnügen, mich in diesen Momenten gelassen und rechtschaffen zu fühlen; zweifellos auch bisweilen darüber nachzusinnen, dass ich durch meine Besonnenheit, meinen unaufdringlichen gesunden Menschenverstand und ganz allgemein meinen hohen Anstand demjenigen, auf dessen Drängen ich zugesagt hatte, Freude bereitete – falls er überhaupt je daran dachte! Was ich tat, war genau das, was er sich aufrichtig erhofft und direkt von mir verlangt hatte, und dass ich es nun tatsächlich tun konnte, erwies sich als eine noch größere Freude, als ich erwartet hatte. Ich fürchte, dass ich mir einbildete, eine bemerkenswerte junge Frau zu sein, und ich sonnte mich in der Zuversicht, dass dies auch offener und öffentlich zum Ausdruck kommen würde. Nun, ich musste bemerkenswert sein, um den bemerkenswerten Dingen, die sich schon bald darauf ankündigten, etwas entgegenzusetzen.

Es geschah eines späten Nachmittags, mitten während meiner freien Stunde: Die Kinder waren zu Bett gebracht, und ich war zu meinem Spaziergang herausgekommen. Ich scheue mich nicht im Geringsten, zuzugeben, dass einer der Gedanken, die mich bei diesen Wanderungen begleiteten, jener war, dass es ebenso reizvoll wie auch eine reizende Geschichte wäre, plötzlich jemandem zu begegnen. Ein gewisser Jemand würde an einer Wegbiegung auftauchen, vor mir stehen und mich anlächeln und anerkennend nicken. Ich verlangte nicht mehr als das: Ich verlangte nur, dass er es wissen sollte; und der einzige Weg, sicher zu sein, dass er es wusste, wäre zu sehen, wie sich sein hübsches Gesicht erhellte, wenn er mich erblickte. Und genau das war mir gegenwärtig – ich meine, sein Gesicht stand mir vor Augen –, als ich bei der ersten dieser Gelegenheiten, am Ende eines langen Junitages, aus einer der Anpflanzungen heraustrat und in Sichtweite des Hauses kam. Ich blieb abrupt stehen. Was mich dort so stutzen ließ, und zwar mit einem Schock, der viel größer war, als jedes Traumbild mir vorgegaukelt hatte, war das Gefühl, dass meine Fantasie blitzartig Wirklichkeit geworden war. Er stand tatsächlich da, aber hoch oben, jenseits des Rasens und ganz oben auf dem Turm, auf den mich die kleine Flora an jenem ersten Morgen geführt hatte. Dieser Turm war einer von zweien: quadratische, unpassende, zinnenbewehrte Bauwerke, die aus irgendeinem Grund, obwohl ich kaum einen Unterschied erkennen konnte, als der neue und der alte unterschieden wurden. Sie flankierten die einander gegenüberliegenden Enden des Hauses und waren wahrscheinlich architektonische Absurditäten, die in gewissem Maße dadurch gerettet wurden, dass sie weder völlig allein standen noch eine zu prätentiöse Höhe besaßen. Sie stammten aus der Neoromantik, die in ihrer verwunschenen Altertümlichkeit bereits wieder salonfähig geworden war. Ich bewunderte sie, schwärmte von ihnen, denn wir alle konnten in gewissem Maße von der Erhabenheit ihrer dräuenden Zinnen profitieren, vor allem wenn sie sich in der Dämmerung abzeichneten; doch die Figur, die ich so oft beschworen hatte, schien auf einer solchen Höhe nicht wirklich am richtigen Ort zu sein.

Ich erinnere mich, dass diese Gestalt im wolkenlosen Dämmerlicht in mir zwei aufeinanderfolgende Gefühlswallungen auslöste, nämlich den Schock meiner ersten und den meiner zweiten, noch größeren Überraschung. Die zweite war die erschütternde Erkenntnis des Irrtums meiner ersten: Der Mann, dessen Blick meinem begegnete, war nicht die Person, die ich voreilig angenommen hatte. So kam es zu einer Verwirrung des Sehens, von der ich nach all den Jahren keine lebendige Vorstellung zu geben hoffe. Ein unbekannter Mann an einem einsamen Ort kann einer jungen Frau, die behütet im Privaten aufgewachsen ist, durchaus Angst machen; und die Gestalt, die mir dort oben gegenüberstand, war – ein paar weitere Sekunden Blickkontakt versicherten mir das – ebenso wenig jemand anderes, den ich kannte, wie sie dem Bild entsprach, das ich im Kopf hatte. Ich hatte sie nicht in der Harley Street gesehen, ich hatte sie nirgendwo gesehen. Außerdem war der Ort auf die seltsamste Art und Weise der Welt in diesem Augenblick entrückt worden, und allein durch die Tatsache seines Erscheinens gab es nur ihn und mich in dieser plötzlichen Einsamkeit. So erschien es mir zumindest; und wenn ich meine Aussage hier mit einer Bedachtsamkeit mache, wie ich es noch nie getan habe, kehrt das ganze Gefühl jenes Augenblicks erneut zurück: Es war, als ob, während ich wahrnahm, was ich wahrnahm, der ganze Rest der Szenerie vom Tod heimgesucht worden wäre. Während ich dies schreibe, höre ich wieder die intensive Stille, in der die Geräusche des Abends verstummt waren. Die Saatkrähen hörten auf, in den goldenen Himmel zu krächzen, und die angenehme Stunde verlor für eine Minute ganz und gar ihren Klang. Aber es gab sonst keine Veränderung in der Natur der Dinge, es sei denn jene, dass ich alles mit einer seltsamen Schärfe sah. Das Gold war noch am Himmel, die Klarheit in der Luft, und der Mann, der mich über die Zinnen hinweg ansah, war so deutlich gemalt wie ein Bild im Rahmen. So dachte ich mit außerordentlicher Schnelligkeit an jede Person, die er hätte sein können und die er nicht war. Wir standen uns über unsere Entfernung hinweg lange genug gegenüber, dass ich mich intensiv fragen konnte, wer er denn sei, und dass ich als Folge meiner Unfähigkeit, es zu sagen, eine Verwunderung empfand, die in wenigen Augenblicken noch intensiver wurde.

Die große Frage, oder eine der großen Fragen, ist, wie ich weiß, im Nachhinein in Bezug auf bestimmte Dinge jene, wie lange sie gedauert haben. Nun, diese meine Verwunderung, von der Sie halten können, was Sie wollen, dauerte so lange, wie ich ein Dutzend Möglichkeiten in Betracht zog, von denen keine einen sichtbaren Unterschied zum Besseren machte, die die Tatsache erklären könnten, dass noch eine Person im Haus war – und vor allem, wie lange schon? –, von der ich nichts wusste. Sie dauerte, während ich mich ein wenig aufbäumte in dem Gefühl, dass mein Amt doch wohl verlangte, dass es keine solche Unwissenheit und keine solche Person geben sollte. Sie dauerte, solange dieser Besucher, der einen Hauch seltsamer Freiheit verströmte, da er wie jemand, der hier gewohnheitsmäßig ein und aus ging, keinen Hut trug, mich von seiner Position aus mit ebenjener Frage zu fixieren schien, mich mit dem gleichen, prüfenden Blick im schwindenden Licht zu erkennen trachtete, den seine eigene Anwesenheit hervorrief. Wir waren zu weit voneinander entfernt, um einander etwas zuzurufen, aber es gab einen Moment, in dem bei geringerer Entfernung eine ausgesprochene Herausforderung, die die Stille durchbrochen hätte, das natürliche Ergebnis unseres direkten gegenseitigen Blickwechsels gewesen wäre. Er stand in einem der Winkel, dem vom Haus abgewandten, sehr aufrecht, wie mir auffiel, und hatte beide Hände auf dem Sims abgestützt. Ich sah ihn also so deutlich, wie ich die Buchstaben sehe, die ich auf dieser Seite male; dann, nach genau einer Minute, wie um das Schauspiel zu vervollständigen, wechselte er langsam seinen Platz: Er ging, mich die ganze Zeit fest anblickend, in die gegenüberliegende Ecke des Turms. Ja, ich hatte das starke Gefühl, dass er währenddessen seine Augen nicht von mir abwandte, und ich sehe es immer noch vor mir, wie seine Hand von einer der Zinnen zur nächsten wanderte, während er ging. An der anderen Ecke blieb er stehen, aber weniger lange als zuvor, und selbst als er sich abwandte, fixierte er mich noch deutlich. Er wandte sich ab; danach wusste ich nichts mehr.

4

Es war nicht so, dass ich bei dieser Gelegenheit nicht auf mehr wartete, denn ich war ebenso fest mit dem Boden verwachsen wie erschüttert. Gab es ein Geheimnis in Bly Manor, ein ›Geheimnis von Udolpho‹, oder einen geisteskranken Verwandten, über den man nicht sprechen durfte und der hier in unvermuteter Gefangenschaft gehalten wurde? Ich kann nicht sagen, wie lange ich darüber nachdachte oder wie lange ich in einem Wirrwarr aus Neugier und Furcht an derselben Stelle stehen blieb, an der ich ihn erblickt hatte; ich erinnere mich nur daran, dass, als ich das Haus wieder betrat, die Dunkelheit sich schon ganz breitgemacht hatte. Die Aufregung in der Zwischenzeit hatte mich sicherlich länger festgehalten und umgetrieben, denn ich muss, während ich dort umherschweifte, drei Meilen weit gelaufen sein; aber ich sollte später noch so viel mehr überwältigt werden, dass diese bloße Episode, die erste Dämmerung des Schreckens ein vergleichsweise menschlicher Schauer war. Der eigentümlichste Teil des Ganzen – so eigentümlich wie alles andere auch – war die Begegnung mit Mrs. Grose in der Halle. Ich erinnere mich an dieses Bild im allgemeinen Gedankengang, an den Eindruck, den ich bei meiner Rückkehr von dem weiten, weiß getäfelten Raum mit seinen Porträts und dem roten Teppich hatte, der im Lampenlicht leuchtete, und an den überraschten Blick meiner Freundin, der mir sofort sagte, dass sie mich vermisst hatte. Bei ihrer Berührung wurde mir sofort klar, dass sie bei aller Herzlichkeit, bei aller Erleichterung über mein Erscheinen, absolut nichts wusste, was mit dem Vorfall zu tun haben könnte, den ich nun für sie bereithielt. Ich hatte im Voraus nicht geahnt, dass ihr wohlbekanntes Gesicht mich aufmuntern würde, und irgendwie maß ich die Bedeutung dessen, was ich gesehen hatte, daran, dass ich nun zögerte, es zu erwähnen. Kaum etwas in der ganzen Geschichte erscheint mir so merkwürdig wie die Tatsache, dass ich erst dann anfing, Angst zu verspüren, als mir klar wurde, dass mein Instinkt mir riet, meine Gefährtin zu schonen. In der bereits heimeligen Halle und unter ihrem besorgten Blick fasste ich also aus einem Grund, den ich damals nicht hätte formulieren können, spontan einen inneren Entschluss, gab einen vagen Vorwand für meine Verspätung an und ging mit Worten über die Schönheit des Abends und den schweren Tau und meine nassen Füße so schnell wie möglich auf mein Zimmer.

Ab da war es etwas anderes; ab diesem Abend beschäftigte mich die Begegnung für viele Tage danach als zweifelhaftes Rätsel. Es gab immer wieder Stunden, Tag für Tag, oder zumindest gab es Momente, die ich sogar von meinen Pflichten abzwackte, in denen ich mich einschließen musste, um nachzudenken. Es war nicht so sehr, dass ich nervöser war, als ich es ertragen konnte, sondern dass ich auffällige Angst davor hatte, nervös zu werden; denn die Wahrheit, die ich jetzt zu verarbeiten hatte, war schlicht und einfach jene, dass ich keinerlei Erklärung für den Besucher finden konnte, mit dem ich auf so unerklärliche Weise und doch, wie es mir schien, so eng verbunden war. Es dauerte nicht lange, bis ich merkte, dass ich, auch ohne Nachforschungen und ohne selbst Misstrauen zu erwecken, jegliche häuslichen Komplikationen ausloten konnte. Der Schock, den ich erlitten hatte, musste alle meine Sinne geschärft haben; am Ende von drei Tagen war ich – durch aufmerksame Beobachtung allein – sicher, dass mir die Dienerschaft keinen Streich gespielt oder mich zum Gegenstand irgendeines obskuren »Spiels« gemacht hatte. Von dem, was ich wusste, war um mich herum nichts bekannt. Es gab nur eine logische Schlussfolgerung: Jemand hatte sich eine ziemlich grobe, dreiste Freiheit genommen. Das war es, was ich mir immer wieder sagte, wenn ich mich in mein Zimmer zurückzog und die Tür verschloss: Wir alle waren Opfer eines Eindringlings geworden. Irgendein skrupelloser Reisender, neugierig auf alte Häuser, hatte sich unbeobachtet Zutritt verschafft, die Aussicht vom besten Standpunkt aus genossen und sich dann wieder hinausgestohlen. Dass er mich so dreist angestarrt hatte, war nur ein weiterer Aspekt seines fehlenden Anstands. Das Gute an dieser Erkenntnis war, dass wir ihn sicher nicht noch einmal zu Gesicht bekommen würden.

So gut war aber auch das nicht, gebe ich zu, denn was dafür sorgte, dass ich allem anderen nur geringe Bedeutung beimaß, war im Grunde einfach meine reizvolle Arbeit. Meine reizvolle Arbeit bestand in meinem Leben mit Miles und Flora, und durch nichts konnte ich dieses Leben so sehr würdigen wie durch das Gefühl, dass ich darin aufgehen konnte, wenn mich meine Sorgen umtrieben. Die Anziehungskraft meiner kleinen Schützlinge war eine ständige Freude, die mich dazu brachte, mich erneut über die Eitelkeit meiner ursprünglichen Befürchtungen zu wundern, über die Abneigung, die ich anfangs gegen die angenommene graue Prosa meines Amtes gehegt hatte. Es würde aber keine graue Prosa geben, wie es schien, und keine lange Plackerei; wie könnte also eine Arbeit nicht reizvoll sein, die sich Tag für Tag in Schönheit präsentierte? Keine graue Prosa, sondern die Romanze des Kinderzimmers und die Poesie des Schulzimmers. Damit meine ich natürlich nicht, dass wir nur Belletristik und Verse studierten; ich weiß nur nicht, wie ich sonst die Art von Interesse ausdrücken könnte, das meine kleinen Gefährten weckten. Wie soll ich das beschreiben, außer indem ich sage, dass ich mich nicht an sie zu gewöhnte – und das ist ein Wunder für eine Erzieherin: Ich rufe die Schwesternschaft zum Zeugen auf! –, sondern ständig neue Entdeckungen machte. Es gab allerdings eine Richtung, in der keine weiteren Entdeckungen warteten: Das Verhalten des Jungen in der Schule lag weiterhin im Dunkeln. Wie ich bereits erwähnte, hatte ich augenblicklich beschlossen, diesem Geheimnis ohne ein schlechtes Gewissen zu begegnen. Vielleicht käme es der Wahrheit sogar näher zu sagen, dass er selbst, ohne ein Wort zu verlieren, das Geheimnis gelüftet hatte. Er hatte die Anklage ganz ad absurdum geführt. Meine Folgerung erblühte, als ich der Rosenröte seiner Unschuld gewahr wurde: Er war nur zu schön und zart für die kleine, schreckliche, unreine Schulwelt, und er hatte einen Preis dafür bezahlt. Ich dachte mit Schmerzen darüber nach, dass das Gefühl solcher Unterschiede, solcher qualitativen Überlegenheit bei der Mehrheit, zu der auch dumme, schmutzige Schuldirektoren gehören können, unweigerlich in Rachsucht umschlägt.