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Erkennen – verstehen – handeln Depressive Schüler:innen und Auszubildende stellen Lehrkräfte vor zunehmende Herausforderungen. Wer in dieser Situation richtig handelt, kann allerdings auch erheblich zur psychischen Stabilisierung und Vorbeugung beitragen. Katharina Kolberg leitet von praxiserprobten therapeutischen Grundgedanken ein Konzept für den Unterrichtsalltag ab, das auf drei Säulen ruht: Wahrnehmung, Kontakt und pädagogisches Handeln. Es ermöglicht Lehrkräften, Depressionen zu erkennen, angemessen zu reagieren und – ganz wichtig – sich selbst zu entlasten. Das Buch schult den Blick für die Anzeichen von Depression und vermittelt ein differenziertes Verständnis für die Symptome. Praxiserprobte Strategien und klare Handlungsschritte helfen, professionell und lösungsorientiert mit Schüler:innen, Erziehungsberechtigten und Helfer:innen zu kommunizieren. Fallbeispiele illustrieren das fachliche Wissen, konkrete Anleitungen und Checklisten erleichtern den Transfer in den eigenen Schulalltag. Die Autorin: Katharina Kolberg, Dr. jur.; Volljuristin, Oberstudienrätin; psychotherapeutische Heilpraktikerin, Systemischer Coach, Supervisorin, Studienseminarleiterin am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, Mentorin für Lehramtsanwärter:innen, Fortbildnerin zum Thema »Depressionen im System Schule«.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Was treibt Menschen zum Lernen an? Was hält sie davon ab? Wie kann eine funktionierende Lehrer-Schüler-Eltern-Beziehung entstehen? Wie gelingen Erziehung und Bildung? Was sind Kompetenzen und wie lässt sich deren Reifung unterstützen? Wie fördert man Persönlichkeiten?
Diese und ähnliche Fragen stehen im Mittelpunkt der Systemischen Pädagogik. Das Ziel ist ein von wechselseitigem Respekt geprägter Umgang von Schülern, Lehrern, Erziehern und Eltern. Gemeinsames Lernen mit Zuversicht und Spaß, der Blick auf die Potenziale und Fähigkeiten – zwei Grundannahmen der Systemischen Pädagogik. Gleichzeitig ist sich die Systemische Pädagogik der Tatsache bewusst, dass Menschen lernfähig, aber unbelehrbar sind. Welche Konsequenzen sich daraus für gelingende Lern- und Bildungsprozesse für Lehrende bzw. Lernbegleiter ergeben, ist eine wichtige Zukunftsfrage der Systemischen Pädagogik.
Der Ansatz der Systemischen Pädagogik verbindet systemtheoretische Erkenntnisse, Sicht- und Handlungsweisen mit dem Forschungsstand und den Erkenntnissen der Erziehungswissenschaften und macht sie für den pädagogischen Alltag nutzbar. Auch im familiären Erziehungsalltag lässt sich systemisches Denken und Handeln gut nutzen, ohne Kinder zu disziplinieren oder ihnen mit Anpassungsforderungen zu begegnen. Selbstkritische und selbststeuerungsfähige Menschen benötigen sehr spezifische Möglichkeiten der Reifung und Auseinandersetzung beim Aufwachsen. Welche das sind und wie das gehen kann, zeigen anerkannte Therapeuten, Pädagogen und Berater in den Büchern dieser Reihe.
Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Arnold
Herausgeber der Reihe Systemische Pädagogik
Katharina Kolberg
Wahrnehmung – Kontakt – pädagogisches Handeln
2024
Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:
Prof. Dr. Dr. h. c. Rolf Arnold (Kaiserslautern)
Prof. Dr. Dirk Baecker (Dresden)
Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)
Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)
Dr. Barbara Heitger (Wien)
Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)
Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)
Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)
Dr. Roswita Königswieser (Wien)
Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)
Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)
Tom Levold (Köln)
Dr. Kurt Ludewig (Münster)
Dr. Burkhard Peter (München)
Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)
Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)
Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)
Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)
Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)
Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)
Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)
Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)
Jakob R. Schneider (München)
Prof. Dr. Jochen Schweitzer † (Heidelberg)
Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)
Dr. Therese Steiner (Embrach)
Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)
Karsten Trebesch (Dallgow-Döberitz)
Bernhard Trenkle (Rottweil)
Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)
Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)
Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)
Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)
Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)
Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)
Themenreihe: »Systemische Pädagogik«
hrsg. von Rolf Anold
Reihengestaltung: Uwe Göbel
Umschlaggestaltung: Melanie Szeifert
Umschlagmotiv: © fotomowo – stock.adobe.com
Redaktion: Veronika Licher
Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach
Printed in Germany
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage, 2024
ISBN 978-3-8497-0541-1 (Printausgabe)
ISBN 978-3-8497-8500-0 (ePUB)
© 2024 Carl-Auer-Systeme Verlag
und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg
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Geleitwort
Vorwort
1 Depressionen im System Schule und Ausbildung
1.1 Lehrer zwischen Unterricht, Beratung, Erziehung und Therapie?
1.2 Folgen für die Lehrer
1.3 Was ist eine Depression?
1.4 Wie entsteht eine Depression?
1.4.1 Psychosoziale Ursachen
1.4.2 Körperliche Ursachen
1.5 Das depressive Gehirn
1.6 Geschlechtsspezifische Unterschiede
1.7 Steigende Zahlen bei Jugendlichen
1.8 Entlastung durch Entscheidung – das Dreischritt-Konzept
2 Das Dreischritt-Konzept
2.1 Wahrnehmung schärfen
2.1.1 Eindrücke der Lehrer
2.1.2 Schilderung der Wahrnehmung von Betroffenen
2.1.3 Verarbeitung der eigenen Wahrnehmungen
2.1.4 Entlastung durch Einordnung
2.1.5 Grundlagen der Diagnose
2.1.6 Vorangehende Ausschlüsse
2.1.7 ICD-10 und ICD-11
2.1.8 Die Symptome der Depression nach ICD-11
2.1.9 Abgrenzung der Depression
2.1.10 Die ärztliche Diagnose der Depression nach ICD-11
2.1.11 Depressionen mit psychotischen Symptomen
2.1.12 Depressionen bei Kindern und Jugendlichen
2.1.13 Die Säulen der Therapie
2.1.14 Ambulante vs. stationäre Therapie
2.1.15 Depressive Schüler in unseren Klassen – Musterfälle
2.2 Kontakt aufnehmen
2.2.1 Wer ist alles im Unterstützungssystem unserer Schüler?
2.2.2 Mit wem gehe ich in Kontakt?
2.2.3 Wo und wann gehe ich in Kontakt?
2.2.4 Wie gehe ich in Kontakt? – »Zugewandte Ansprache«
2.2.5 Anregungen für ein Eltern- und Angehörigengespräch
2.3 Pädagogisches Handeln
2.3.1 Pädagogen und Ausbilder sind keine Therapeuten – oder doch?
2.3.2 Ressourcen für eine Pädagogik abseits der Wissensvermittlung
2.3.3 Was können wir Lehrer von anderen Professionen lernen?
2.3.4 Vorüberlegungen zu den pädagogischen Handlungsoptionen
2.3.5 Anregungen für pädagogische Interventionen im Schulalltag
2.3.6 Erwartungsmanagement
2.3.7 Welches konkrete Handeln ist sinnvoll gegenüber den sechs Beispielschülern?
2.3.8 Beschließen, dass es genug ist
3 Schule der Zukunft
3.1 Die politische Seite: Das 10-Punkte-Programm
3.2 Die schulische Seite: Wofür können wir uns noch einsetzen?
3.2.1 Psychische Erkrankungen – Aufklärung und Prävention
3.2.2 Aufklärung und Prävention bezüglich des Konsums von Drogen und Alkohol
3.2.3 Förderung von Sport und Bewegung
3.2.4 Förderung einer gesunden Ernährung
3.2.5 Zwischenfazit
4 Checklisten
4.1 Checkliste 1: Was mache ich schon, und was möchte ich noch in meinen Unterrichtsalltag integrieren?
4.2 Checkliste 2: Was möchte ich in Zukunft nicht mehr tun?
Schlusswort
Hier gibt es Hilfe für Betroffene und ihre Angehörigen
Telefonnummern und Onlinehilfen
Arzt, Therapeut oder Klinik finden
Websites
Selbsthilfeangebote
DVD
Danksagung
Literatur
Über die Autorin
Es ist mir eine große Ehre und Freude, ein Geleitwort zu diesem Buch zu schreiben, das sich einem Thema von immenser Bedeutung widmet: dem sensiblen und professionellen Umgang mit depressiven Schülerinnen und Schülern.
Aktuelle Statistiken zeigen eine besorgniserregende Zunahme psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Insbesondere während und nach der COVID-19-Pandemie wurden deutliche Steigerungen in der stationären Behandlung von Angststörungen, Essstörungen und Depressionen verzeichnet. Psychische Störungen und insbesondere die Zunahme von Depressionen zählen inzwischen sowohl in Deutschland als auch weltweit zu den häufigsten chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.1
Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention erkranken aktuell etwa 3 bis 10 % aller Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren an einer Depression. Angesichts dieser erschreckenden Zahlen ist es nahezu unvermeidlich, dass Lehrkräfte im Verlauf ihres Berufslebens auf Schülerinnen und Schüler treffen, die mit dieser psychischen Erkrankung konfrontiert sind. Daher ist es für Lehrkräfte von entscheidender Bedeutung, grundlegende Kenntnisse über Depressionen, einschließlich ihrer Symptome, zu besitzen und zu wissen, wie sie den betroffenen Schülerinnen und Schülern professionell begegnen können.
Jedoch zeigt sich in der Praxis, dass Lehrkräfte in Bezug auf dieses Thema häufig nicht ausreichend vorbereitet sind. Weder in der Ausbildung noch in der Fortbildungsphase ist der Umgang mit psychischen Erkrankungen von Schülerinnen und Schülern curricular verankert. Das vorliegende Buch von Katharina Kolberg bietet hier eine fundierte und sehr praxisorientierte Grundlage für Lehrkräfte, aber auch für Ausbildende und Vorgesetzte, um junge Menschen mit psychischen Erkrankungen handlungssicher und kompetent begleiten zu können.
Der besondere Mehrwert des Buches besteht dabei in den vielfältigen Praxiserfahrungen der Autorin und den konkreten Handlungsempfehlungen. Die Fähigkeit, depressive Verhaltensweisen frühzeitig wahrzunehmen, Kontakt zu anderen im System arbeitenden Personen und ggf. den Erziehungsberechtigten herzustellen und angemessen pädagogisch zu handeln, ist nicht nur für die betroffenen Schülerinnen und Schüler von unschätzbarem Wert, sondern kann maßgeblich zu einem positiveren Lern- und Arbeitsumfeld beitragen und damit auch die psychische Gesundheit von Lehrkräften schützen.
Ich lade Sie daher ein, dieses Buch als Wegweiser zu betrachten, der Ihnen helfen kann, ein unterstützendes, verständnisvolles und gesundes Umfeld für Ihre Schülerinnen und Schüler und damit auch für sich selbst zu schaffen.
Mit den besten Wünschen für eine bereichernde Leseerfahrung,
Prof. Dr. Kira Elena WeberUniversität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft
1 World Health Organization (2022): World mental health report: Transforming mental health for all. Geneva (World Health Organization). Verfügbar unter: https://www.who.int/publications/i/item/9789240049338 [4.4.2024].
Seit über zwei Jahrzehnten übe ich den Beruf der Lehrerin an Hamburger Schulen aus. In dieser langen Zeit habe ich miterlebt, wie sich der Schulalltag, die Schülerschaft und die Anforderungen an uns Lehrkräfte grundlegend gewandelt haben. Mit diesem Buch möchte ich einen Beitrag zu einem mir sehr am Herzen liegenden Thema leisten: dem pädagogischen Umgang mit Schülerinnen und Schülern, die unter Depressionen leiden.
Im Jahr 2001 wagte ich den Seiteneinstieg in den Lehrerberuf an einer beruflichen Schule, nachdem ich zuvor als Rechtsanwältin tätig war. Schon während meines Referendariats wurde ich zur Klassenlehrerin und hatte seitdem immer die Verantwortung für zwei bis drei Klassen. Um meine Schülerinnen und Schüler noch besser unterstützen zu können und mich beruflich weiterzuentwickeln, absolvierte ich eine systemische Coachingausbildung und arbeite seit 2006 als Lerncoach. In dieser Rolle hatte ich die Gelegenheit, Schülerinnen und Schüler außerhalb des Unterrichts in ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten. Im Laufe der Jahre führte ich Hunderte von Gesprächen mit Schülern ab dem vierzehnten Lebensjahr. Abseits von Noten und Bewertungen öffneten sich viele von ihnen und teilten ihre inneren Anliegen mit mir. Diese Gespräche bestätigten, was ich in verschiedenen Schulen beobachtete: Immer mehr Schülerinnen und Schüler leiden psychisch, fühlen sich überfordert, verunsichert und sind tief unglücklich.
Nicht nur Schülerinnen und Schüler waren auffällig von Niedergeschlagenheit betroffen, sondern auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen gaben an, sich zunehmend überfordert zu fühlen. Einer der Gründe dafür war wiederum die steigende Anzahl psychisch herausfordernder Schülerinnen und Schüler. Besonders im Umgang mit depressiv auffälligen Schülern herrschte sowohl bei meinen Kolleginnen und Kollegen als auch bei mir große Unsicherheit darüber, wie wir ihnen begegnen sollten und welche Anforderungen an uns als Lehrkräfte gestellt würden. Um diesen Schülern gerecht zu werden, habe ich zahlreiche Fortbildungen absolviert, die Prüfung als Heilpraktikerin für Psychotherapie abgeschlossen sowie Weiterbildungen in kognitiver Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, ZRM (Züricher Ressourcenmodell) und MBSR (Mindfully-based Stress Reduction) sowie schließlich einen Lehrgang zur Supervisorin. Ich erkannte immer deutlicher, dass viele unserer Schülerinnen und Schüler tatsächlich unter psychischen Erkrankungen leiden und wir Lehrkräfte nicht ausreichend darauf vorbereitet sind.
In Gesprächen mit meinen Kolleginnen und Kollegen wurde deutlich, dass wir alle täglich mit dem Thema psychischer Erkrankungen bei unseren Schülerinnen und Schülern konfrontiert sind. Doch es fehlt uns an einer klaren Herangehensweise. Wir neigen dazu, einzelne Schülerinnen und Schüler je nach unserer Beziehung zu ihnen, den Gelegenheiten oder spezifischen Vorfällen auf ihre psychischen Auffälligkeiten anzusprechen. Viele von uns scheuen jedoch den Umgang damit, da wir uns unsicher darüber sind, wie wir mit den Informationen aus solchen Gesprächen umgehen sollen und welche Auswirkungen sie auf unsere pädagogische Arbeit haben könnten. Dadurch erscheint der Umgang mit psychisch auffälligen Schülerinnen und Schülern oft willkürlich, was bei uns Kolleginnen und Kollegen Frustration hervorruft.
Ein ähnliches Dilemma erleben die Ausbilderinnen und Ausbilder im dualen System unserer Berufsschullehrgänge. Sie sehen sich vermehrt mit Auszubildenden konfrontiert, die nicht nur durch häufiges Fehlen im Berufsalltag auffallen, sondern auch durch eine geringere Arbeitsleistung, was wiederum zu zahlreichen Problemen in den Betrieben führt.
Da ich selbst täglich vor diesen Herausforderungen stand, entwickelte ich im Laufe meiner Weiterbildungen einen klaren Prozess für mich selbst. Ich wollte eine bewusste Entscheidung darüber treffen, wie ich mit den Wahrnehmungen in meinen Klassen und in meinen Beratungs-, Coachinggesprächen, in meinem Unterricht und in meinen Seminaren umgehe. Es sollte nicht mehr dem Zufall überlassen bleiben, welche Unterstützung meine Schülerinnen und Schüler von meinen Schulen erhielten. Parallel dazu begann ich als Seminarleiterin für das Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung junge Lehrerinnen und Lehrer im Vorbereitungsdienst auszubilden. Ich entwickelte die Idee, mein Konzept als Modul über vier Stunden anzubieten und den jungen Kolleginnen und Kollegen meine Vorgehensweise vorzustellen.
Das Modul war schnell ausgebucht, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schätzten die klaren Handlungsempfehlungen. Infolgedessen wurde das Seminar auf acht Stunden ausgedehnt und ergänzt um einen Abschnitt, in dem gemeinsam darüber nachgedacht wurde, wie nicht nur einzelne Schülerinnen und Schüler im System effektiv unterstützt werden können, sondern auch, wie der Unterricht gestaltet werden sollte, um psychisch kranke Schüler angemessen zu fördern und gesunde Schüler vor schulbedingten Erkrankungen zu schützen.
Das Seminar erhielt positive Resonanz und die Anmeldungen übertrafen bei Weitem die verfügbaren Plätze. Auch in meinen Coaching- und Beratungsgesprächen wurde das Thema des Umgangs mit psychisch kranken Schülerinnen und Schülern, der Abgrenzung und des Erwartungsmanagements immer präsenter. Aus den Fragen, dem Wissen, den Ideen und Erfahrungen von Hunderten von Teilnehmenden verschiedener Schulformen ist nun dieses Buch entstanden. Es ist kein typisches wissenschaftliches Werk, sondern ein Buch einer Praktikerin für andere Praktikerinnen und Praktiker. Der Text spricht jegliche Lehrkräfte an, wobei darunter nicht nur die Lehrenden an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen gemeint sind: Alle Ansätze lassen sich auch für verschiedenste andere Ausbildende und Vorgesetzte zum Beispiel in der Wirtschaft übertragen, die um eine professionelle Begleitung des ihnen anvertrauten Personals bemüht sind.
Dieses Buch präsentiert zum einen therapeutische Ansätze als Grundlage für eine innovative system- und lösungsorientierte Pädagogik. Es bietet zudem Informationen sowie zahlreiche Best-Practice-Beispiele und Formulierungsvorschläge für die Kommunikation mit unseren oft stark belasteten Schülerinnen und Schülern, Auszubildenden und Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmern in Betrieben. Jede Zeile dieses Buches vermittelt das Verständnis dafür, wie anspruchsvoll und dynamisch unsere Stellung als Vorgesetzte ist. Mein größter Wunsch ist es, dass dieses Werk nicht nur dazu beiträgt, Sicherheit im Umgang mit von Depressionen Betroffenen zu gewinnen, sondern auch eine zunehmende Entlastung und größere Zufriedenheit im Arbeitsalltag für uns als Lehrkräfte und Ausbilder sowie Arbeitgeber ermöglicht.
Insbesondere Lehrerinnen und Lehrer werden ermutigt, ihr bestehendes pädagogisches Handeln zu reflektieren und neue Wege im Umgang mit einzelnen Schülerinnen und Schülern sowie ganzen Klassen zu gehen. Die Vermittlung meines Konzepts dient als Leitfaden, um der wachsenden Herausforderung zunehmender Depressionen im schulischen Umfeld zu begegnen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder, der zu diesem Buch greift, nur eines möchte: seine Schülerinnen und Schüler, seine ihm anvertrauten jungen Menschen bestmöglich unterstützen, damit sie ihren Weg ins Leben erfolgreich gehen können. Und dieser Erfolg bemisst sich immer mehr unabhängig von akademischen Leistungen.
Dr. Katharina Kolberg,Hamburg, im April 2024