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Das Original, bekannt aus der TV-Serie True Detective und die Vorlage zu H. P. Lovecrafts Necronomicon. Der König in Gelb erzählt von einem furchtbaren Buch, das jedem, der darin liest, Wahnsinn und Tod bringt. Bemerkt man die Gefahr, ist es längst schon zu spät. Inhalt: Cassildas Lied - Der Wiederhersteller des guten Rufes - Die Maske - Am Hofe des Drachen - Das Gelbe Zeichen - Die Jungfer d'Ys - Das Paradies der Propheten - Die Straße der Vier Winde - Nachwort von Michael Nagula: Robert W. Chambers: Fantast zwischen Poesie und Dekadenz & Die Bücher des Robert W. Chambers H. P. Lovecraft: 'Chambers erklomm beachtliche Gipfel des kosmischen Grauens'. E. F. Bleiler: 'Das wichtigste Buch in der amerikanischen Literatur des Unheimlichen zwischen Poe und den Modernen.' Ein gelungenes Werk in der Manier von H. P. Lovecraft. Die Gestalt des Königs in Gelb ist im Cthulhu-Mythos als Avatar von Hastur bekannt. Sein Erscheinen wird durch das Gelbe Zeichen angekündigt. Diese Ausgabe enthält alle unheimlichen Geschichten des Originals sowie ein ausführliches Nachwort zu Leben und Werk Robert W. Chambers (1865 ? 1933).
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2014
Aus dem Amerikanischen von Andreas Diesel
1. Auflage August 2014
Copyright © dieser Ausgabe 2014 by Festa Verlag, Leipzig
Titelbild: Borja Pindado – www.borjapindado.blogspot.de
Alle Rechte vorbehalten
eBook 978-3-86552-333-4
www.Festa-Verlag.de
DEDICATED
TO
MY BROTHER
Along the shore the cloud waves break,
The twin suns sink behind the lake,
The shadows lengthen
In Carcosa.
Strange is the night where black stars rise,
And strange moons circle through the skies,
But stranger still is
Lost Carcosa.
Songs that the Hyades shall sing,
Where flap the tatters of the King,
Must die unheard in
Dim Carcosa.
Song of my soul, my voice is dead,
Die thou, unsung, as tears unshed
Shall dry and die in
Lost Carcosa.
– Cassilda‘s Song in The King in Yellow,
Act 1, Scene 2
Meinem
Bruder
gewidmet
An der Küste brechen dunkle Wogen,
Die Zwillingssonne hintern See gezogen,
Die Schatten werden lang
In Carcosa.
Seltsam die Nacht, da schwarze Sterne scheinen
Und seltsame Monde am Himmel kreisen,
Doch seltsamer noch ist
Das verlorene Carcosa.
Lieder, welche die Hyaden singen,
Wo die Lumpen des Königs schwingen,
Ersterben ungehört im
Finsteren Carcosa.
Lied meiner Seele, meine Stimme tot,
So stirb ungesungen, wie Tränen rot
Trocknen und sterben im
Verlornen Carcosa.
– Cassildas Lied in Der König in Gelb,
erster Akt, zweite Szene
Ne raillons pas les fous; leur folie dure plus longtemps que la nôtre …
Voilà toute la différence.
I
Gegen Ende des Jahres 1920 hatte die Regierung der Vereinigten Staaten das Programm so gut wie beendet, das während der letzten Monate von Präsident Winthrops Amtszeit begonnen worden war. Das Land war allem Anschein nach ruhig. Jedermann weiß, wie die Fragen von Tarif und Arbeit gelöst worden waren. Der Krieg mit Deutschland, eine Folge der Eroberung der Inseln von Samoa durch jenes Land, hatte auf der Republik keine sichtbaren Narben hinterlassen, und die zeitweilige Besetzung Norfolks durch das einfallende Heer war in der Freude über die wiederholten Siege auf See und dem darauf folgenden lächerlichen Gelöbnis General von Gartenlaubes im Staate New Jersey vergessen worden. Die Belagerung von Kuba und Hawaii hatte sich hundertprozentig ausgezahlt, und das Gebiet Samoas war als Bunkerstation der Mühe wert. Das Land befand sich in einem ausgezeichneten Verteidigungszustand. Jede Küstenstadt war großzügig mit Landbefestigungen ausgestattet worden; die Armee unter der väterlichen Obhut des Generalstabs, organisiert gemäß dem preußischen System, war auf 300.000 Mann mit einer Reserve von einer Million Landwehrmännern verstärkt worden; und sechs prachtvolle Geschwader von Kreuzern und Schlachtschiffen überwachten die sechs Stationen der befahrbaren Meere und ließen eine Reserveeinheit Dampfschiffe zurück, die mehr als fähig war, die heimatlichen Gewässer zu beaufsichtigen. Die ehrenwerten Herren aus dem Westen hatten sich zu guter Letzt zu dem Eingeständnis genötigt gesehen, dass eine Schule zur Ausbildung von Diplomaten ebenso notwendig war wie die juristische Fakultät für die Ausbildung von Rechtsanwälten; als Folge dessen wurden wir im Ausland nicht länger von unfähigen Patrioten vertreten. Die Nation erblühte. Chicago, einen Augenblick lang betäubt nach einer zweiten großen Feuersbrunst, war aus seinen Ruinen auferstanden, weiß und herrschaftlich und schöner als die weiße Stadt, die im Jahre 1893 als ihr Spielzeug erbaut worden war. Überall wurde schlechte Bauweise durch gute ersetzt, und selbst in New York hatte ein plötzliches Verlangen nach Schicklichkeit einen Großteil der dort vorhandenen Schrecken hinweggefegt. Man hatte die Straßen erweitert, sauber gepflastert und erleuchtet, Bäume gepflanzt, Plätze angelegt, Hochbahnbauten abgerissen und Untergrundtrassen erbaut, um sie zu ersetzen. Die neuen Regierungsgebäude und Kasernen waren schöne Beispiele der Baukunst, und das lange System steinerner Kais, welche die Insel vollständig umgaben, hatte man in Parkanlagen verwandelt, die sich für die Bevölkerung als Geschenk des Himmels erwiesen. Die finanzielle Unterstützung des staatlichen Theaters und der Oper zahlte sich aus. Die nationale Kunsthochschule glich in vielerlei Hinsicht ähnlichen Einrichtungen in Europa. Niemand beneidete den Kultusminister, weder um seinen Posten im Kabinett noch um seinen Amtsbereich. Der Minister für Forst und Wildgehege hatte es dank des neuen Systems berittener Polizisten wesentlich einfacher. Wir schlugen großen Gewinn aus den letzten Abkommen mit Frankreich und England; der Ausschluss von im Ausland geborenen Juden als eine Maßnahme nationaler Selbsterhaltung, die Gründung des neuen, unabhängigen Negerstaates Suanee, die Einwanderungskontrollen, die neuen Gesetze zur Einbürgerung und die allmähliche Zentralisierung der Exekutivmacht trugen alle zum nationalen Frieden und Gedeihen bei. Als die Regierung das Indianerproblem damit löste, dass Schwadronen indianischer Kavalleriekundschafter in überlieferter Tracht von einem vormaligen Kriegsminister den zahlenmäßig reduzierten Regimentern angefügt wurden, entließ die Nation einen langen Seufzer der Erleichterung. Als nach dem gewaltigen Religionskongress Bigotterie und Unduldsamkeit zu Grabe getragen wurden und Güte und Nächstenliebe einander bekämpfende Glaubensgemeinschaften zusammenbrachten, dachten viele, das Reich Gottes sei gekommen, zumindest in der Neuen Welt, die ja ohnehin eine Welt für sich ist.
Doch Selbsterhaltung ist das erste Gebot, und die Vereinigten Staaten mussten in ohnmächtiger Sorge mit ansehen, wie Deutschland, Italien, Spanien und Belgien sich im Griff der Anarchie wanden, während Russland, das sie vom Kaukasus aus beobachtete, nach und nach alle in die Knie zwang und fesselte.
In der Stadt New York war der Sommer des Jahres 1899 durch den Abbruch der Hochbahntrassen gekennzeichnet. Der Sommer des Jahres 1900 wird noch über viele Generationen im Gedächtnis der Bevölkerung New Yorks bleiben; das Dodge-Standbild wurde in diesem Jahr entfernt. Im darauffolgenden Winter begann der Kampf um die Aufhebung der Gesetze, welche den Selbstmord verboten, der seine letzten Früchte im April des Jahres 1920 trug, als die erste Todeskammer der Regierung am Washington Square eröffnet wurde.
Ich hatte an jenem Tage Dr. Archers Haus in der Madison Avenue verlassen, den ich aufgrund einer bloßen Formsache aufgesucht hatte. Seit dem Sturz von meinem Pferd vier Jahre zuvor war ich zuweilen von Schmerzen im Hinterkopf und Nacken geplagt, die jetzt aber seit Monaten nicht mehr aufgetreten waren, und der Arzt schickte mich an diesem Tag fort mit den Worten, an mir gebe es nichts mehr zu heilen. Es war kaum sein Honorar wert, das zu hören; ich wusste es selbst. Dennoch missgönnte ich ihm sein Geld nicht. Was mir nicht gefiel, war der Fehler, den er zu Anfang begangen hatte. Als man mich von der Straße aufhob, wo ich bewusstlos lag und wo jemand meinem Pferd den Gnadenschuss verpasst hatte, brachte man mich zu Doktor Archer, und der erklärte mein Gehirn für geschädigt und wies mich in sein privates Sanatorium ein, wo ich gezwungenermaßen die Behandlung für Geisteskranke über mich ergehen lassen musste. Schließlich beschied er, dass ich wohlauf sei, und ich, der ich wusste, dass mein Geist die ganze Zeit über so gesund gewesen war wie der seine, wenn nicht noch mehr, »bezahlte meinen Unterricht«, wie er es scherzend nannte, und ging. Ich erzählte ihm lächelnd, dass ich ihm seinen Fehler heimzahlen werde, und er lachte herzhaft und bat mich, ihn dann und wann aufzusuchen. Das tat ich in der Hoffnung auf eine Gelegenheit, die Rechnung zu begleichen, doch er bot mir keine, und ich sagte ihm, ich würde warten.
Der Sturz von meinem Pferd hatte glücklicherweise keine nachteiligen Folgen; im Gegenteil hatte er mein ganzes Wesen zum Besseren gewandelt. Von einem faulen, jungen Mann, der durch die Stadt streifte, war ich zu einem tätigen, energischen, maßvollen und vor allem – oh, vor allem anderen – zielstrebigen Menschen geworden. Es gab nur eine Sache, die mich beunruhigte; ich lachte über mein eigenes Unbehagen, und dennoch beunruhigte es mich.
Während meiner Genesung hatte ich den König in Gelb gekauft und zum ersten Mal gelesen. Ich erinnerte mich, dass mir nach der Lektüre des ersten Akts der Gedanke kam, besser damit aufzuhören. Ich sprang auf und warf das Buch in den Kamin; der Band traf den Kaminrost und blieb aufgeschlagen im Licht des Feuers liegen. Hätte ich nicht einen Blick auf die ersten Worte des zweiten Akts erhascht, hätte ich es wohl nie zu Ende gelesen, doch als ich mich vorbeugte, um es aufzuheben, blieb mein Blick auf der aufgeschlagenen Seite haften, und mit einem Schrei des Entsetzens oder vielleicht eines so durchdringenden Entzückens, dass es in jedem Nerv brannte, riss ich das Ding aus den Kohlen und kroch zitternd in mein Schlafzimmer, wo ich es immer wieder von vorn las, und ich weinte und lachte und bebte vor Grauen, das mich zuweilen noch heute heimsucht. Dies ist, was mich beunruhigt, denn ich kann Carcosa nicht vergessen, an dessen Himmel schwarze Sterne hängen; wo sich der Schatten menschlicher Gedanken des Nachmittags verlängert, wenn die Zwillingssonnen im See von Hali versinken; und in meinem Geist wird auf ewig die Erinnerung an die Bleiche Maske bleiben. Ich bete zu Gott, dass er den Autor verflucht, denn dieser Autor verfluchte die Welt mit seiner wunderschönen, gewaltigen Schöpfung, so schrecklich in ihrer Einfalt, so unwiderstehlich in ihrer Wahrheit – eine Welt, die nun vor dem König in Gelb erzittert. Als die französische Regierung die Übersetzung des Buches in Paris beschlagnahmen ließ, las man es in London natürlich voller Eifer. Es ist wohlbekannt, dass sich das Buch wie eine ansteckende Krankheit von Stadt zu Stadt und von Erdteil zu Erdteil ausbreitete, hier verboten, dort beschlagnahmt, öffentlich angeprangert durch Presse und Pfaffen, missbilligt selbst von den fortschrittlichsten literarischen Anarchisten. Kein feststehendes Prinzip war auf diesen verruchten Seiten verletzt worden, keine Lehre verkündet, keine Überzeugungen beleidigt. Es konnte aufgrund keines bekannten Maßstabes beurteilt werden, und wenngleich man zugab, dass die höchste Note der Kunst im König in Gelb zum Erklingen kam, so spürten doch alle, dass die Natur des Menschen weder dieser Belastung standhalten noch an Worten gedeihen konnte, in denen die Essenz reinsten Giftes verborgen lag. Die äußerste Banalität und Unschuld des ersten Aktes gestattete dem folgenden Schlag lediglich, eine umso schrecklichere Wirkung zu entfalten.
Es war, wie ich mich entsinne, am 13. April 1920, dass die erste Todeskammer der Regierung an der Südseite des Washington Square zwischen der Wooster Street und der South Fifth Avenue eröffnet wurde. Den Häuserblock, der zuvor aus einer Menge schäbiger alter Gebäude bestanden hatte, von Ausländern als Cafés und Restaurants benutzt, hatte die Regierung im Winter des Jahres 1898 angekauft. Die französischen und italienischen Gaststätten wurden abgerissen; der gesamte Block war von einem vergoldeten Eisengeländer umschlossen und in einen lieblichen Garten mit Rasen, Blumen und Brunnen verwandelt worden. Inmitten des Gartens stand ein kleines, weißes Gebäude, streng klassisch in der Bauweise und umgeben von Blumenhecken. Sechs ionische Säulen trugen das Dach, und die einzige Tür war aus Bronze gefertigt. Eine herrliche Marmorgruppe der drei Parzen stand vor dem Eingang, das Werk eines amerikanischen Bildhauers namens Boris Yvain, der im jungen Alter von 23 Jahren in Paris gestorben war.
Die Einweihungsfestlichkeiten waren bereits im Gange, als ich den University Place überquerte. Ich bahnte mir den Weg durch die stumme Schar der Zuschauer, wurde aber an der Fourth Street von einem Polizeispalier aufgehalten. Ein Ulanenregiment der Vereinigten Staaten war im Viereck um die Todeskammer aufgestellt. Auf einer erhöhten Tribüne, die dem Washington Park gegenüberlag, stand der Gouverneur von New York, und hinter ihm befanden sich die Bürgermeister von New York und Brooklyn, der Oberinspektor der Polizei, der Befehlshaber der staatlichen Truppen, Oberst Livingston, der militärische Berater des Präsidenten der Vereinigten Staaten, General Blount, kommandierend auf Governor‘s Island, Generalmajor Hamilton, Befehlshaber der Garnison von New York und Brooklyn, Admiral Buffby von der North-River-Flotte, Generalstabsarzt Lanceford, der Stab des National Free Hospital, die New Yorker Senatoren Wyse und Franklin und der Beauftragte für öffentliche Bauarbeiten. Die Tribüne war umgeben von einer Schwadron Husaren von der Nationalgarde.
Der Gouverneur beendete gerade seine Antwort auf die kurze Rede des Generalstabsarztes. Ich hörte ihn sagen: »Die Gesetze, die Selbstmord verbieten und jeden Versuch, sich selbst zu entleiben, unter Strafe stellen, sind aufgehoben worden. Die Regierung hält es für angebracht, den Menschen das Recht zu gewähren, ein Dasein zu beenden, das unerträglich geworden ist, sei es durch körperliches Leiden oder seelische Verzweiflung. Wir glauben, dass die Gesellschaft von der Entfernung solcher Menschen aus ihrer Mitte profitieren wird. Seit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes ist die Anzahl der Selbstmorde in den Vereinigten Staaten nicht angestiegen. Nun, da die Regierung beschlossen hat, eine Todeskammer in jeder Groß- und Kleinstadt und jedem Dorf des Landes einzurichten, wird man sehen müssen, ob jene Gruppe menschlicher Geschöpfe, aus deren mutlosen Reihen täglich neue Opfer der Selbstzerstörung anheimfallen, die damit gebotene Erleichterung annehmen.« Er hielt inne und wandte sich zu der weißen Todeskammer. Die Stille auf der Straße war ungebrochen. »Hier erwartet ein schmerzloser Tod diejenigen, welche die Sorgen dieses Lebens nicht länger ertragen können. Ist der Tod ihnen willkommen, so sollen sie ihn hier suchen.« Dann wandte er sich rasch dem militärischen Berater aus dem Stab des Präsidenten zu und sprach: »Ich erkläre die Todeskammer für eröffnet«, und nachdem er wieder der gewaltigen Menge gegenüberstand, rief er mit klarer Stimme: »Bürger von New York und der Vereinigten Staaten von Amerika, im Namen der Regierung erkläre ich die Todeskammer für eröffnet.«
Das feierliche Schweigen wurde von einem scharfen Befehl gebrochen: Die Husarenschwadron bildete hinter der Kutsche des Gouverneurs eine Reihe, die Ulanen schwenkten und formierten sich an der Fifth Avenue, um auf den Brigadier der Garnison zu warten, und die berittene Polizei folgte ihnen. Ich verließ die Schar, welche die Todeskammer aus weißem Marmor anstarrte, überquerte die South Fifth Avenue und ging auf der westlichen Seite jener Hauptverkehrsader zur Bleecker Street. Dann bog ich nach rechts ab und blieb vor einem schäbigen Geschäft stehen, über dem dieses Schild hing:
Hawberk, Waffenschmied
Ich spähte durch die Tür hinein und sah, dass Hawberk in seinem kleinen Laden am Ende des Gangs beschäftigt war. Er blickte auf, und als er mich erkannte, rief er mit seiner tiefen, herzlichen Stimme: »Kommen Sie herein, Mr. Castaigne!« Constance, seine Tochter, erhob sich, um mich zu begrüßen, als ich über die Schwelle trat, und streckte mir ihre hübsche Hand entgegen, doch ich sah das Erröten der Enttäuschung auf ihren Wangen und wusste, dass sie einen anderen Castaigne erwartet hatte, meinen Vetter Louis. Ich lächelte über ihre Verwirrung und machte ihr Komplimente für das Banner, das sie gerade nach dem Vorbild eines farbigen Holzschnittes bestickte. Der alte Hawberk saß da und vernietete die abgetragenen Beinschienen einer uralten Rüstung, und das Ting-ting-ting seines kleinen Hammers klang angenehm in dem altmodischen Laden. Bald darauf ließ er den Hammer fallen und fuhrwerkte einen Augenblick lang mit einem winzigen Schraubenschlüssel herum. Das sanfte Scheppern des Kettenpanzers sandte mir einen Wonneschauer über den Rücken. Ich liebte die Musik von Stahl, der gegen Stahl schlägt, den sanften Stoß des Holzhammers gegen Schenkelstücke und das Klingeln des Kettenpanzers. Das war der einzige Grund, warum ich Hawberk aufsuchte. Er selbst hatte mich nie interessiert, auch nicht Constance, abgesehen von der Tatsache, dass sie in Louis verliebt war. Das zog meine Aufmerksamkeit auf sich und hielt mich zuweilen sogar vom Schlafen ab. Doch im Herzen wusste ich, dass alles sich zum Guten fügen würde und dass ich für ihre Zukunft ebenso alles einrichten sollte wie für die meines gütigen Arztes John Archer. Jedoch wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, sie in diesem Moment zu besuchen, hätte die Musik des klingelnden Hammers nicht die besagte Faszination auf mich ausgeübt. Ich konnte stundenlang dort sitzen und immerzu lauschen, und wenn ein verirrter Sonnenstrahl auf den eingelegten Stahl traf, war das Gefühl, das dieser Anblick in mir auslöste, fast zu heftig, um es ertragen zu können. Meine Augen wurden dann starr, dehnten sich vor Wonne so aus, dass jeder Nerv fast bis zum Reißen gespannt war, bis eine Bewegung des alten Waffenschmieds den Sonnenstrahl abschnitt. Dann, noch immer insgeheim erregt, lehnte ich mich zurück und lauschte erneut dem Klang des Poliertuchs, das – wisch, wisch, wisch! – den Rost von den Nieten rieb.
Constance arbeitete mit der Stickerei auf den Knien und hielt dann und wann inne, um das Muster auf dem farbigen Holzschnitt aus dem Metropolitan Museum näher zu untersuchen.
»Für wen ist das?«, fragte ich.
Hawberk erläuterte, dass er neben den Schätzen der Rüstungskammer des Metropolitan Museum, dessen offizieller Waffenschmied er war, auch für mehrere Sammlungen im Besitz reicher Liebhaber verantwortlich sei. Dies sei die fehlende Beinschiene einer berühmten Rüstung, die einer seiner Kunden in einem kleinen Laden am Pariser Quai d‘Orsay aufgestöbert hatte. Er, Hawberk, habe um die Beinschiene gehandelt und sie auch erhalten, und nun sei die Rüstung vollständig. Er legte seinen Hammer nieder und las mir die Geschichte jener Rüstung vor, die von 1450 an von Besitzer zu Besitzer gegangen war, bis Thomas Stainbridge sie erworben hatte. Als dessen kostbare Sammlung verkauft worden war, habe jener Kunde Hawberks die Rüstung erhalten, und seit diesem Augenblick war die Suche nach der fehlenden Beinschiene im Gange gewesen, bis man das Objekt fast durch Zufall in Paris entdeckte.
»Haben Sie die Suche so beharrlich geführt, ohne mit Sicherheit zu wissen, dass die Beinschiene überhaupt noch existiert?«, fragte ich.
»Natürlich«, antwortete er gelassen.
Da entwickelte ich zum ersten Mal ein persönliches Interesse an Hawberk.
»Weil es Ihnen so viel wert ist«, bemerkte ich.
»Nein«, erwiderte er lachend, »meine Freude beim Finden war mein Lohn.«
»Haben Sie kein Verlangen danach, reich zu sein?«, fragte ich lächelnd.
»Mein einziges Verlangen ist, der beste Waffenschmied der Welt zu sein«, antwortete er ernst.
Constance fragte mich, ob ich die Feierlichkeiten bei der Todeskammer gesehen habe. Sie hatte an jenem Morgen die Kavallerie auf dem Broadway gesehen und hätte auch gern die Einweihung erlebt, doch ihr Vater wollte das Banner fertig haben, und so war sie auf seine Bitte hin daheimgeblieben.
»Haben Sie Ihren Vetter, Mr. Castaigne, dort gesehen?«, fragte sie mit kaum merklichem Beben ihrer Wimpern.
»Nein«, entgegnete ich leichthin. »Louis‘ Regiment ist zum Manöver in Westchester County.« Ich erhob mich und nahm meinen Stock und Hut.
»Gehen Sie hinauf, um den alten Irren wieder zu besuchen?«, lachte der alte Hawberk. Hätte er gewusst, wie sehr ich das Wort ›Irrer‹ verabscheue, so hätte er es nie in meiner Gegenwart verwendet. Es erweckt gewisse Gefühle in mir, die ich an dieser Stelle nicht erläutern möchte. Ich antwortete ihm jedoch ruhig: »Ich glaube, ich schaue für einen oder zwei Momente bei Mr. Wilde vorbei.«
»Der arme Kerl«, sagte Constance kopfschüttelnd, »es muss schwer sein, jahrein, jahraus alleine zu leben, arm, verkrüppelt und fast verrückt. Es ist sehr gut von Ihnen, Mr. Castaigne, dass Sie ihn so häufig besuchen.«
»Ich halte ihn für boshaft«, bemerkte Hawberk und nahm wieder den Hammer zur Hand.
Ich lauschte dem goldenen Klingeln der Beinschienen, und als er fertig war, entgegnete ich: »Nein, er ist weder boshaft noch auch nur ansatzweise verrückt. Sein Verstand ist eine Wunderkammer, aus welcher er Schätze hervorzuholen vermag, für die Sie und ich Jahre unseres Lebens gäben, um sie erwerben zu können.«
Hawberk lachte.
Ein wenig ungeduldig fuhr ich fort: »Er kennt den Lauf der Geschichte wie niemand sonst. Nichts auch noch so Triviales entgeht seinem forschenden Blick, und sein Gedächtnis ist so vollkommen, so genau in allen Einzelheiten, dass die Menschen ihn nicht genug bewundern könnten, wäre in New York bekannt, dass es einen solchen Mann gibt.«
»Unsinn«, murmelte Hawberk und suchte den Boden nach einer hinuntergefallenen Niete ab.
»Ist es Unsinn«, fragte ich und unterdrückte erfolgreich meine Gefühle, »ist es Unsinn, wenn er sagt, dass der Panzerschurz und die Beinharnische jener emaillierten Rüstung, die man gemeinhin die ›Prachtrüstung des Prinzen‹ nennt, in einem Haufen verrosteter Theaterrequisiten, ausrangierter Öfen und Lumpensammlerzeugs in einer Mansarde in der Pell Street gefunden werden können?«
Hawberks Hammer fiel zu Boden, doch er hob ihn auf und fragte selbstbeherrscht, woher ich wisse, dass Panzerschurz und Beinharnisch der ›Prachtrüstung des Prinzen‹ vermisst würden.
»Ich wusste es nicht, bis Mr. Wilde es mir gegenüber vor Kurzem erwähnte. Er sagte, sie befänden sich in der Mansarde in 998, Pell Street.«
»Unsinn«, rief er, doch ich bemerkte, dass unter der ledernen Schürze seine Hand zitterte.
»Ist das ebenso Unsinn?«, fragte ich vergnügt, »ist es Unsinn, wenn Mr. Wilde von Ihnen beständig als dem Marquis von Avonshire spricht, und von Miss Constance als –«
Ich brachte den Satz nicht zu Ende, denn Constance war aufgesprungen, und auf jeden Zug ihres Gesichtes war das Entsetzen geschrieben. Hawberk blickte mich an und strich langsam seine Lederschürze glatt. »Das ist unmöglich«, sagte er. »Mr. Wilde mag viele Dinge wissen –«
»Über Rüstungen zum Beispiel, wie etwa die ›Prachtrüstung des Prinzen‹«, warf ich lächelnd ein.
»Ja«, fuhr er langsam fort, »auch über Rüstungen, das mag sein – doch er liegt falsch hinsichtlich des Marquis von Avonshire, der, wie Sie wissen, den Verleumder seiner Gemahlin vor vielen Jahren ermordete und nach Australien ging, wo er seine Frau nicht lange überlebte.«
»Mr. Wilde ist im Unrecht«, murmelte Constance. Ihre Lippen waren bleich, doch ihre Stimme klang süß und ruhig.
»So wollen wir, wenn Sie mögen, darin übereinkommen, dass Mr. Wilde in diesem einen Falle falsch liegt«, sagte ich.
II
Ich erklomm die drei baufälligen Treppenfluchten, die ich schon so oft hinaufgestiegen war, und klopfte an eine kleine Tür am Ende des Gangs. Mr. Wilde öffnete, und ich trat ein.
Nachdem er die Tür zweifach verriegelt und eine schwere Truhe davorgeschoben hatte, kam er herüber und setzte sich neben mich, um mir mit seinen kleinen, hellen Augen ins Gesicht zu blicken. Ein halbes Dutzend neuer Kratzer bedeckte seine Nase und Wangen, und die silbernen Drähte, welche seine künstlichen Ohren trugen, waren verrutscht. Ich glaubte, seine Abscheulichkeit noch nie so faszinierend gefunden zu haben. Er hatte keine Ohren. Die künstlichen, die nun in einem Winkel von dem dünnen Draht abstanden, waren sein einziger Makel. Sie waren aus Wachs gefertigt und perlmuttfarben bemalt, doch sein restliches Gesicht war gelb. Er hätte sich besser den Luxus einiger künstlicher Finger für seine linke Hand gestattet, die völlig fingerlos war, doch schien ihm das keinerlei Verdruss zu bereiten, und seine Wachsohren genügten ihm. Er war sehr klein, kaum größer als ein Kind von zehn Jahren, doch seine Arme waren prachtvoll entwickelt und seine Schenkel so kräftig wie die eines Athleten. Dennoch war das Bemerkenswerteste an Mr. Wilde die Tatsache, dass ein Mann von seiner erstaunlichen Intelligenz und seinem großen Wissen einen solchen Kopf besaß. Dieser hatte eine flache Stirn und lief nach oben spitz zu, wie die Köpfe so vieler jener Unglücklichen, die man in Heime für Schwachsinnige sperrt. Viele nannten ihn einen Verrückten, doch ich wusste, dass er ebenso vernünftig war wie Sie und ich.
Ich stelle nicht in Abrede, dass er verschroben war; der Fimmel, den er für diese Katze hatte, die er zu reizen pflegte, bis sie ihm wie ein Dämon ins Gesicht sprang, war gewisslich verschroben. Ich konnte weder verstehen, wieso er diese Kreatur bei sich behielt, noch welches Vergnügen er daraus zog, sich mit dem verdrießlichen, bösartigen Biest in seinem Zimmer einzusperren. Ich weiß noch, wie ich einmal von dem Manuskript aufblickte, das ich im Lichte einiger Talgkerzen las, und Mr. Wilde reglos auf seinem Sessel ausgestreckt liegen sah, seine Augen vor Erregung funkelnd, während die Katze, die sich von ihrem Lager vor dem Ofen erhoben hatte, langsam über den Boden auf ihn zukroch. Bevor ich mich regen konnte, hatte sie ihren Unterleib zu Boden gepresst und sich geduckt, war erbebt und ihm ins Gesicht gesprungen. Schreiend und fauchend rollten sie über den Boden, einander kratzend und schlagend, bis die Katze kreischend unter die Vitrine floh, während Mr. Wilde sich auf den Rücken wälzte, wobei seine Gliedmaßen sich zusammenzogen und einrollten wie die Beine einer sterbenden Spinne. Er war verschroben.
Mr. Wilde hatte sich in seinen Sessel gestemmt, und nachdem er mein Gesicht betrachtet, nahm er ein eselsohriges Hauptbuch zur Hand und schlug es auf.
»Henry B. Matthews«, las er vor, »Buchhalter bei Whysot, Whysot and Company, Kirchenschmuckhändler. Besuch am dritten April. Ruf auf der Rennbahn ruiniert. Als Betrüger bekannt. Zum ersten August soll der Ruf wiederhergestellt sein. Lohn: fünf Dollar.« Er blätterte um und fuhr mit fingerlosen Knöcheln über die eng beschriebenen Spalten.
»P. Greene Dusenberry, Geistlicher, Fairbeach, New Jersey. Ruf geschädigt im Rotlichtviertel. Sobald wie möglich wiederherzustellen. Lohn: 100 Dollar.«
Er räusperte sich und fügte hinzu: »Besuch am sechsten April.«
»Dann sind Sie ja nicht gerade in Geldnot, Mr. Wilde«, stellte ich fest.
»Hören Sie«, und er räusperte sich wieder.
»Mrs. C. Hamilton Chester aus Chester Park, New York City. Besuch am siebten April. Ruf geschädigt in Dieppe in Frankreich. Zum ersten Oktober wiederherzustellen. Lohn: 500 Dollar.
Anmerkung: C. Hamilton Chester, Kapitän der U.S.S. Avalanche, wird von der Südseeschwadron am ersten Oktober heimgerufen.«
»Nun«, sagte ich, »der Beruf eines Wiederherstellers des guten Rufes ist anscheinend lukrativ.«
Seine farblosen Augen suchten meinen Blick. »Ich wollte Ihnen nur zeigen, dass ich recht hatte. Sie sagten, es sei unmöglich, als Wiederhersteller eines guten Rufes Erfolg zu haben; selbst wenn ich in einzelnen Fällen erfolgreich sei, werde es mich mehr kosten, als ich damit einnehme. Heute habe ich 500 Mann in meinen Diensten, die dürftigen Lohn erhalten, ihre Arbeit jedoch mit einem Eifer betreiben, der vielleicht aus Angst geboren ist. Diese Männer kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten; manche sind sogar die Stützen der erlesensten Tempel der Gesellschaft; andere sind der Stolz der Finanzwelt; wieder andere herrschen uneingeschränkt über das Reich der schönen Künste. Ich wähle sie nach meinem Geschmack unter jenen aus, die sich auf meine Anzeigen melden. Es ist äußerst leicht, es sind alles Feiglinge. Ich könnte ihre Anzahl binnen 20 Tagen verdreifachen, wenn ich wollte. Sie sehen also: Jene, die den Ruf ihrer Mitbürger in der Hand haben, stehen in meinem Sold.«
»Sie könnten sich gegen Sie wenden«, gab ich zu bedenken.
Er rieb sich mit dem Daumen über die abgeschnittenen Ohren und richtete die Wachssurrogate wieder aus. »Ich denke nicht«, murmelte er nachdenklich. »Ich muss nur selten die Peitsche schwingen, und dann auch nur einmal. Zudem möchten sie bezahlt werden.«
»Wie schwingen Sie denn die Peitsche?«, fragte ich.
Einen Moment lang bot sein Gesicht einen fürchterlichen Anblick. Seine Augen verengten sich zu zwei grünen Funken.
»Ich lade sie ein, hier einen kleinen Plausch mit mir zu halten«, sagte er mit sanfter Stimme.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn, und sein Gesicht nahm wieder einen liebenswürdigen Ausdruck an.
»Wer ist da?«, fragte er.
»Mr. Steylette«, lautete die Antwort.
»Kommen Sie morgen wieder«, entgegnete Mr. Wilde.
»Unmöglich«, fing der andere an, wurde aber von einer Art Bellen Mr. Wildes zum Schweigen gebracht.
»Kommen Sie morgen wieder«, wiederholte er.
Wir hörten, wie jemand sich von der Tür entfernte und an der Treppe um die Ecke bog.
»Wer war das?«, fragte ich.
»Arnold Steylette, Besitzer und Schriftleiter der großen New Yorker Tageszeitung.«
Er trommelte mit seiner fingerlosen Hand auf das Hauptbuch und fügte hinzu: »Ich bezahle ihn sehr schlecht, doch er hält es für einen guten Handel.«
»Arnold Steylette!«, wiederholte ich erstaunt.
»Ja«, sagte Mr. Wilde und räusperte sich selbstzufrieden.
Die Katze, die während seiner Rede hereingekommen war, zögerte, blickte zu ihm hoch und fauchte. Er stieg vom Sessel hinab und kauerte sich auf den Boden, nahm das Geschöpf auf den Arm und liebkoste es. Die Katze hörte zu fauchen auf und begann sogleich zu schnurren, wobei sie mit jedem Streicheln lauter zu werden schien.
»Wo sind die Unterlagen?«, fragte ich. Er wies zum Tisch, und zum wohl hundertsten Male nahm ich das Manuskriptbündel mit dem Titel
DIE KAISERLICHE DYNASTIE AMERIKAS