Der Wanderzirkus - Jeanette Lagall - E-Book

Der Wanderzirkus E-Book

Jeanette Lagall

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Beschreibung

Flucht ist der einzige Ausweg. Um einer arrangierten Hochzeit zu entgehen, verkleiden sich die beiden höheren Töchter Riki und Myra als Knaben und schließen sich einem Wanderzirkus an. Doch kaum sind sie den Fesseln der viktorianischen Gesellschaft entkommen, merken sie, dass die Welt der Gaukler zwar herrlich bunt, aber auch gefährlich ist. Ein mächtiges Artefakt, der Karneolvogel, ist verschwunden. Taucht er nicht bis zur großen Versammlung wieder auf, kostet das seinen Hüter, den Artisten Ramiro, den Kopf. Gleichzeitig kämpft Riki gegen ihre aufkeimenden Gefühle für Ramiro, denn ihre Tarnung darf keinesfalls auffliegen. Doch dieser könnte sich ohnehin niemals eingestehen, einen Jüngling zu lieben. Oder? Als endlich eine frische Spur des Karneolvogels auftaucht, stellt sich heraus, dass es einen Verräter unter den Gauklern gibt. Weiß dieser etwa auch um das Geheimnis der jungen Frauen? Was die Zirkusleute nicht ahnen: Ein weiterer, noch viel bedrohlicherer Feind macht Jagd auf die Ausreißerinnen und bringt damit den ganzen Wanderzirkus in Gefahr. "Ein Feuerwerk aus bunten Charakteren, geheimnisvollen Artefakten, amüsanten Verwicklungen und einem miesen Verräter entführt den Leser in die gar nicht immer so glitzernde Welt eines Wanderzirkus." (Blick aktuell)

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Jeanette Lagall

Die Reise

des Karneolvogels - Band 1 -

Der Wanderzirkus

Roman

 

 

 

 

 

Die Karneolvogel-Trilogie:

Die Reise des Karneolvogels - Band 1 - Der Wanderzirkus Die Reise des Karneolvogels - Band 2 - Die Stadt der Gaukler Die Reise des Karneolvogels - Band 3 - Die Macht des Kodex

 

 

 

 

 

Jeanette Lagall

Mildred-Scheel Str. 1

50996 Köln

[email protected]

 

Text: © Jeanette Lagall 2015

Lektorat: Regina Bialy

Korrektorat: Sandra Grüter

Covergestaltung: Laura Newman

 

 

Überarbeitete Neuauflage Februar 2025

 

Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, wozu auch die Verbreitung über »Tauschbörsen« zählt.

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

 

 

 

 

 

 

 

 

~~~

 

Für alle, die an dieses Buch und an mich geglaubt haben.

 

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Inhaltsverzeichnis

 

1. Frisches? Brot.

2. Undamenhaft

3. Um ein Haar

4. Was ist das Geheimnis der Hochzeitsnacht?

5. Tödlicher Karneolvogel

6. Die Flucht

7. Endlich Gaukler

8. Übungspartner

9. Der unverhüllte Mann auf der Lichtung

10. Der Kodex der Gaukler

11. Entdeckte Flucht

12. Eine verruchte Nacht

13. Suchtrupp

14. Vertraust du mir?

15. Freiheit im Denken und Handeln

16. Doch, es war Flucht

17. Fahndung

18. Eine Nacht mit besonderem Zauber

19. Der gruselige Fund

20. Eine wichtige Spur

21. Männerfreund

22. Puzzleteile

23. Er liebt dich! Und dann das.

24. Verräterisches Haar

25. Was wäre wenn …

26. Lockvogel

27. Die Razzia

28. Der schöne Schein

29. Verräterisches Gewässer

30. Frau, Frau! FRAU!

31. Karten auf den Tisch

32. Die gestohlene Börse

33. Ein rüder Scherz

34. Überstürzter Auftritt

35. Der wahre Grund

36. Das Geheimnis der Hochzeitsnacht

37. Myras Auftritt

38. Ehrlichkeit

39. Die Schlinge zieht sich zu

40. Wolkenartisten

41. Drei neue Zuschauer

42. Verhängnisvolle Darbietung

43. Polizeiarbeit

44. Die Verhaftung

45. Die Stunde der Wahrheit

46. Entscheidung

47. O Gott, deine Haare, Kind!

48. Der Heiratsantrag

49. Der Verräter

50. Die Kleider des feinen Frolleins

51. Eklat am Bahnsteig

52. Willkommen zu Hause

Personenverzeichnis

Leseprobe aus

»Die Reise des Karneolvogels 2 – Die Stadt der Gaukler«

 

 

1. Frisches? Brot.

Felicitas saß in der Falle. Jetzt kam es darauf an, ob die gestiefelten Wächter ein knapp vierzehnjähriges Mädchen mit einer Tasche voller Brot in einem Kasten von etwa zwei Fuß Kantenlänge vermuten würden.

Höchstwahrscheinlich nicht, da ein normales Mädchen in einen solchen Kasten nicht hineinpassen würde. Das war aber auch ihre einzige Hoffnung, denn ansonsten taugte ihr Versteck nicht viel.

Normalerweise besaß sie genug Geschick, sich gar nicht erst erwischen zu lassen. Aber da war dieser wunderschöne Schal gewesen, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt hatte. Das geheimnisvoll changierende Türkis der glänzenden Seide hatte es ihr sofort angetan. Vielleicht, weil es sie an das ferne Meer ihrer Heimat erinnerte. Warum mussten sie mit dem Zirkus bloß durch dieses kalte England ziehen! Hätte Ramiro sich nicht ein gemütlicheres Land für die große Versammlung der Gaukler aussuchen können?

Felicitas hatte den Schal wohl zu lange begehrlich angeschaut und war dann zu unkonzentriert beim Brotstehlen gewesen. Prompt war sie erwischt worden. Der zeternden Marktfrau hatte sie zwar durch einen gezielten Tritt gegen das feiste Schienbein entkommen können, aber dafür waren ihr jetzt die Stadtwächter auf den Fersen. Dank ihrer zierlichen Statur und ihrer Flinkheit hatte Felicitas immerhin etwas Vorsprung, doch der reichte gerade so aus, um sich in diesen Kasten zu falten. Einen nennenswerten Abstand zwischen sich und die drohende Gefahr brachte es nicht. Schnell zog sie das violette Tuch, das sie als Gürtel trug, in ihr Versteck und überprüfte, dass auch kein Zipfel ihres viel zu weiten, beigefarbenen Hemdes heraushing. Jetzt hieß es beten.

Sie verfluchte sich, den türkisfarbenen Schal und besonders das Brot, das sich immer unerbittlicher in ihre Seite bohrte. Wenn es wirklich so hart war, wie es sich anfühlte, dann würde man einige Zähne opfern müssen, um es zu verspeisen! Von wegen frische Ware.

Felicitas hörte, wie sich die Wachen ihrem Versteck näherten. Sie wünschte, wenigstens etwas sehen zu können, aber das war bei ihrer momentanen Kopfhaltung unmöglich.

»Wo 'sn die verdammte Göre hin?«, fluchte einer der Wächter. »Hab 'se doch um genau dies' verdammte Eck' rennen sehn!«

»Hat sich vermutlich in Luft aufgelöst«, knarrte der andere. »Bei dem verfluchten Gauklerpack weiß ma nie, was die für Hexerei'n drauf ham. Geht alles nich mit recht'n Dingen zu bei den. Ging's nach mir, sollt' man se all' ersäuf'n!«

»Hier kann se ja nich sein. Muss wohl da drüb'n lang sein«, mutmaßte Nummer eins.

Felicitas atmete in ihrem engen Kasten auf, wenn auch nur im Geiste, denn für mehr war kein Platz.

»Halt, da hinter'm Kast'n!«

Felicitas' Herz setzte aus. Sie hörte Schritte in ihre Richtung kommen und hätte viel darum gegeben, wenigstens etwas sehen zu können. Aber so konnte sie nur blind darauf warten, dass man sie gleich mit einem triumphierenden »HA!« aus dem Kasten zerren würde.

»HA!«, brüllte der Wächter. Das Poltern einer zur Seite kippenden Kiste drang an ihr Ohr, die dem Klang nach deutlich komfortabler, aber offensichtlich auch deutlich untauglicher zum Verstecken gewesen wäre.

»Verdammtes kleines Hexenbiest, die hat sich wirklich in Luft aufgelöst. Ersäuf'n soll man se alle!«

»Hier lang«, kommandierte der andere bestimmt, und die schweren Schritte entfernten sich.

Felicitas verharrte noch etwas in ihrem Versteck. Aber selbst bei der ungewöhnlichen Beweglichkeit, die Schlangenmenschen wie ihr zu eigen war, wurde die Enge bald so unerträglich, dass sie sich vorsichtig durch die enge Öffnung nach draußen zwängte. Aufmerksam überprüfte sie die Umgebung, doch es war niemand mehr zu sehen. Sie streckte sich genüsslich und fischte ein farblich zu ihrem Gürtel passendes Tuch aus dem Kasten, das sie sich, ähnlich einem Piraten, um den Kopf band. Die einzige Möglichkeit, ihr störrisches Haar zu bändigen. Manch einer behauptete zwar, das Violett passe nicht zu dem Kupfer ihres Haares, aber da war sie anderer Meinung. Außerdem war »Kupfer« ja wohl bloße Schönfärberei. Grimmig stopfte Felicitas die letzte Strähne unter das Tuch. Orange würde es wohl eher treffen! Dann verschwand sie flink in die entgegengesetzte Richtung, in der die schweren Schritte verschwunden waren.

Hölle mit Grießbrei, das hätt' bös' schief gehen können!, schalt sie sich. Auch wenn sie eine große Schwäche für Schals und Tücher hatte: Das war noch lange kein Grund, sich davon so ablenken zu lassen, dass man sich fast einen Hanfschal um den Hals verdiente! Zumindest wäre das eine der vielen Möglichkeiten, wie man in diesen Zeiten mit dem »Gauklerpack« umging, und zwar für geringere Vergehen als Brotdiebstahl.

Mittlerweile hatte Felicitas das enge Straßengewirr des Städtchens hinter sich gelassen und folgte dem staubigen Weg zu dem außerhalb gelegenen Lagerplatz der Zirkusleute. Das gestohlene Brot versteckte sie unterwegs in einem Baum. Sie musste damit rechnen, dass die beiden Männer sie womöglich doch noch irgendwo abfingen.

Von ferne hörte sie schon aufgeregtes Geschrei aus dem Lager. Vorsichtig näherte sich Felicitas und sah zu ihrem Entsetzen die zwei Wächter, die in eine lautstarke Diskussion mit Dolores verstrickt waren.

Das fehlte gerade noch! Gut, dass sie das Brot versteckt hatte. Aber sie hätte nie damit gerechnet, dass die Stadtwächter auf direktem Wege das Lager ansteuerten. Ihr erster Impuls war, umzudrehen und ganz schnell das Weite zu suchen. Aber Felicitas wusste, würden die Wächter sie nicht beim Zirkus finden, würden sie alle Wohnwagen durchsuchen und dabei mutwillig möglichst viel zerstören. Also näherte sie sich mit klopfendem Herzen und unschuldiger Miene.

2. Undamenhaft

»Junge Dame, es wird Zeit, ein für alle Mal mit diesen Kindereien aufzuhören, das schickt sich nicht! Du bist siebzehn Jahre alt und damit kein Kind mehr! Nein, ein solches Verhalten schickt sich einfach nicht! Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was ich mit dir machen soll. Du wirst so lange hier drinnen bleiben, bis du vernünftig geworden bist!«

Mit diesen Worten schlug Oberin Margret die Tür des Besinnungsraums hinter Riki zu. Riki lauschte dem wohlbekannten Drehen des Schlüssels im Schloss und setzte seufzend das Nähkörbchen auf dem wackeligen Holztisch ab.

»Bis ich vernünftig geworden bin? Also mindestens mal bis in alle Ewigkeit«, murmelte sie und strich sich verärgert eine widerspenstige braune Locke aus der Stirn. Wie sehr wünschte sie sich, diese Worte nicht nur zu murmeln, sondern sie der Oberin selbstbewusst entgegenzuschleudern, woraufhin diese schockiert die Tür öffnen und Riki sprachlos und resigniert für immer in Ruhe lassen würde!

Utopisch. Sowohl, dass Riki offen widersprach, als auch, dass man sie in Ruhe ließe. Wäre sie ein Junge, hätte sich niemand daran gestört, dass sie auf einen Baum geklettert war. Aber für eine Dame höheren Standes schickte sich das nun überhaupt nicht. Diese hatte unter dem Baum zu warten, bis ein edler Prinz des Weges kam, um ihr den gewünschten Apfel zu pflücken. Kam er nicht, musste sie sich eben so lange in sehnsüchtigen Seufzern verzehren, bis sie verhungert war!

Gut, in Rikis Fall hingen zwar keine Äpfel auf dem Baum, und sie war völlig ohne Grund hinaufgeklettert, aber warum musste immer alles einen Grund haben? Wieso, bitteschön, durfte man sich nicht einfach nur vergnügen? Man schrieb das Jahr 1898, zwei Jahre vor der Jahrhundertwende, und es wurde bestraft, wenn man zu seiner bloßen Erbauung einen Baum bestieg. England rühmte sich bei jeder Gelegenheit seiner Fortschrittlichkeit, aber Damen in Bäumen, das verkraftete die Fortschrittlichkeit dann auch wieder nicht!

Oh ja, sie hatte sich beim Klettern ein klaffendes Loch von der erschröcklichen Größe eines viertel Fingernagels in ihre blütenweiße, gestärkte Schürze gerissen. Diese albernen Schürzen, auf die sie hier im Pensionat so viel Wert legten! Das war unverzeihlich, irreparabel und wahrlich einer Bestrafung würdig. Riki schnaubte verächtlich.

Mit größerem Bedauern hingegen strich sie über einen unter der Schürze verborgenen Riss in ihrem geliebten Kleid aus braunem Kattun. Von ihrer gesamten Garderobe war es bei Weitem am bequemsten, und obendrein betrachteten ihre Mitschülerinnen es ob seiner praktischen Schlichtheit immer mit einem gewissen Naserümpfen. Weswegen sie es erst recht mochte.

Umgeben von Gleichaltrigen, deren einzige Themen Aussehen, Putz und ihre Aussicht, einen Mann zu ergattern waren, fühlte Riki sich so fehl am Platz wie ein Schweinemetzger auf einem arabischen Basar. Sie begann sich sogar schon zu fragen, ob es normal war, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Vor allem, wenn sie über die obigen Themen hinausgingen. Obwohl sie sich wirklich gern ihre eigenen Gedanken machte. Wäre da nicht noch ihre Freundin Myra gewesen, die ebenso wie Riki lieber erst einmal sehen wollte, was das Leben und die Welt da draußen zu bieten hatten, dann hätten Rikis Selbstzweifel unausweichlich irgendwann überhandgenommen.

Jeder Tag, den sie länger im Pensionat verplemperten, war ein verlorener Tag. Und vor allem brachte er sie ihrer Heirat mit den bereits für sie ausgesuchten Verlobten näher. Ein Ereignis, das es um jeden Preis zu verhindern galt.

Myras Eltern hatten ihre Tochter schon seit Längerem mit einem distinguierten Industriellen Anfang dreißig verlobt und bestanden darauf, dass Myra ihn heiratete, sobald sie die Schule beendet hatte. Sprich in exakt drei Monaten.

Aber dann würden sie nicht mehr hier sein. Schon lange nicht mehr. Denn vor Kurzem hatte sich endlich die seit einer Ewigkeit ersehnte Gelegenheit geboten, wie Myra und sie von hier verschwinden konnten. Keinen Moment zu früh.

Für Riki gab es zwar noch keinen konkreten Hochzeitstermin, doch ihr Onkel Theodore, der seit dem Unfalltod ihrer Eltern ihr Vormund war, hatte bereits einen geeigneten Bewerber gefunden. »Bereits« war gut, denn der arme Onkel war schon seit zwei Jahren in größter Sorge, wie er Rikis Zukunft absichern konnte. In seinen Augen waren Frauen unselbstständige, hilflose Geschöpfe, die man möglichst schnell verheiraten musste, um ihr Überleben zu garantieren. Leider dachte nicht nur er so, sondern die gesamte viktorianische Gesellschaft. Eine Frau der gehobenen Schicht, aus der Riki stammte, bereitete ihrem Mann sogar Schande, ginge sie arbeiten. Immerhin war es Frauen seit einigen Jahren gestattet, das Eigentum behalten zu können, welches sie mit in die Ehe brachten. Es ging nicht mehr automatisch auf den Ehemann über. Dennoch blieben sie von ihm abhängig, da es ihnen weder erlaubt war, ein eigenes Bankkonto zu haben, noch Verträge zu unterschreiben. Ein Wunder, dass sie überhaupt allein die Straße überqueren durften!

Riki knirschte mit den Zähnen. Was, ganz nebenbei, selbstredend fürchterlich undamenhaft war.

Trotz seiner, nun ja, zeitgemäßen Ansichten mochte Riki ihren Onkel. Er war ein ehrlicher, hart arbeitender Geschäftsmann, der immer dort half, wo Not am Mann war. Auch für Riki wollte er nur das Beste. Leider bestand das in seinen Augen nun einmal in einer aussichtsreichen Heirat – und zwar ausschließlich darin. Und da wurde es nach Ansicht von Theodore Speeter für Riki mit ihren siebzehn Jahren gefährlich eng. Doch da war lichtumstrahlt Adalbert Minder erschienen, Rikis rettender Ritter. Beziehungsweise der rettende Ritter ihres Onkels, da sie nicht das Bedürfnis verspürte, gerettet werden zu müssen.

Adalbert war der fleißige und ehrgeizige Sohn eines Geschäftspartners, der mit seinen zweiundzwanzig Jahren bereits eigene Verantwortung im Geschäft seines Vaters trug. Der ideale Kandidat. Er war wohlerzogen, ruhig, zuvorkommend – und jedes Mal wenn Riki ihn sah, langweilte er sie zu Tode. Sie hatte nichts gegen ihn. Nur war er mit seinem ausschließlichen Interesse für Bilanzen und seiner fantasielosen, gesetzten Art das genaue Gegenteil der lebenslustigen, energiegeladenen und altersbedingt grenzenlos romantischen Riki.

Adalbert wiederum mochte sie sehr, und Riki befürchtete bei jedem Besuch, dass er um ihre Hand anhalten würde. Bis jetzt hatte er sich, Gott sei Dank, noch nicht gewagt, allerdings war es nur eine Frage der Zeit. Aber was sollte sie bloß mit einem Bräutigam, der jedes Mal, wenn sie ihn ansah, scheu zu Boden blickte? Das war doch eigentlich die Rolle, die die Gesellschaft ihr zugedacht hatte!

Riki war sich nicht im Mindesten bewusst, welchen Eindruck der kecke Blick ihrer blauen Augen auf den jungen Mann machte. Adalbert hätte stundenlang Rikis schmales, ansprechendes Gesicht mit den frechen Sommersprossen betrachten können, doch das erschien ihm unangebracht. Abgesehen davon schüchterte sie ihn ein. Aber das musste ja niemand wissen.

Zu Rikis Verdruss gab es keine »vernünftigen« Gründe, ihn abzuweisen. Ihr Verlobter in spe war eine gute Partie, jung, nett, fleißig und mit hervorragenden beruflichen Aussichten. Sie hätten in einem schönen Haus im Wohlstand gelebt, und dieser farblose Grottenolm würde sie sicherlich gut behandeln. Obendrein wäre die Geschäftsbeziehung zwischen ihrem Onkel und Adalberts Vater gesichert. Wobei man der Gerechtigkeit halber bemerken musste, dass es Onkel Theodore darauf nicht ankam. Zumindest nicht in erster Linie.

Das alles interessierte Riki nicht. Sie wollte frei sein, etwas von der Welt sehen und eigene Erfahrungen sammeln. Warum sollte dies nur Männern vorbehalten sein?! Außerdem sah sie keinen Sinn darin, ihr Lebensziel darin zu suchen, Mutter zu werden und das lächelnde Beiwerk irgendeines Mannes zu sein, den sie obendrein nicht einmal liebte.

Riki schüttelte ihre unangenehmen Überlegungen ab. In der gehobenen viktorianischen Gesellschaft waren ihre Chancen, Einfluss auf ihre Zukunft zu nehmen, vergleichbar mit denen eines Nichtschwimmers, unbeschadet den Ärmelkanal zu durchkraulen. Und das trieb sowohl Riki als auch Myra gleichermaßen in den Wahnsinn. Daher hatten sie angefangen, die ausgefeiltesten Fluchtpläne zu schmieden. Bloß hatte bislang keiner dieser Pläne eine wirklichkeitsnahe Möglichkeit beinhaltet, wie sie nach ihrer Flucht ihren Lebensunterhalt sichern konnten.

Bis vor Kurzem.

Eines Abends hatten sich die Freundinnen heimlich aus dem Pensionat geschlichen, um die Vorstellung eines Wanderzirkus anzusehen. Der prickelnde Reiz dieses Abenteuers, die glitzernde, märchenhafte Welt der Gaukler, die fremdartigen Gerüche und Klänge und die atemberaubende Darbietung, hatten einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck in ihren hoffnungslosen Seelen hinterlassen. So, und nicht anders wollten sie leben! Und plötzlich wussten sie genau, was sie tun wollten. Sie würden sich als Knaben verkleiden, aus dem Pensionat und ihrem bisherigen Leben ausbrechen und mit einem Zirkus mitziehen. Seit diesem Entschluss eigneten sich beide ebenso heimlich wie besessen Fertigkeiten an, die ihnen dafür nützlich erschienen.

Riki durchquerte das kleine Zimmer bereits recht entschlossen auf den Händen, was schon erstaunlich gut klappte. Zumindest wenn man davon absah, dass sie wegen des langen Rockes, der über ihren Kopf gefallen war, gar nichts sehen konnte.

Bei dem Gedanken, was für ein Bild sie wohl abgab, musste Riki in sich hineinschmunzeln. Ein kopfstehendes Kleiderbündel, aus dem zwei spitzenbeunterhoste Beine herausragten, welches sich ziellos durch ein schmuckloses Zimmerchen bewegte. Reichlich undamenhaft. Obendrein gehörte auf den Händen zu laufen selbstredend nicht zu den Fertigkeiten, die eine gute Ehefrau benötigte!

Umso besser. Riki war durchaus bewusst, wie kindisch es war, dass sie alles mit grimmiger Befriedigung erfüllte, was den Lernzielen des Pensionats möglichst entgegengesetzt stand, aber sie genoss es trotzdem. Noch immer auf den Händen stehend, hakte sie einen Fuß in den Henkel des Nähkorbs, hob ihn an und stellte ihn vorsichtig ein Stück weiter auf dem Tisch wieder ab.

Gar nicht übel, dachte sie amüsiert. Wenn ich den Riss im Kleid jetzt noch mit den Füßen zusammennähen könnte, dann hätte ich meine Zirkusnummer. Prustend und reichlich undamenhaft ließ sie sich auf den Boden plumpsen, richtete sich jedoch gleich wieder auf. Riccarda Speeter, rief sie sich zur Ordnung, Schluss mit den Spielchen. Endlich ist es so weit: Seit gestern gastiert ein Zirkus in der Stadt. Das bedeutet, Myra und ich werden Ende dieser Woche mit ebendiesem Zirkus verschwunden sein und ein neues Leben beginnen!

3. Um ein Haar

»Hier hat niemand etwas gestohlen und ihr werdet keinen Schritt weitergehen!« Mit verschränkten Armen stellte sich Dolores den bulligen Wächtern in den Weg.

»Zur Seite, Weib! Wir sin' hier im Namen des Bürgermeisters von Wellingborough. 'N Diebstahl von 'nem Brot aufklär'n. Also verschwinde, bevor ich Gewalt anwende!«

»Nur über meine Leiche!«

»Kannst du haben, Schlampe!« Dabei stieß der Mann Dolores so grob zur Seite, dass sie stürzte.

»Dolores!«, schrie Felicitas und rannte, ohne weiter nachzudenken, zu ihr.

»Da isse doch, die Göre!«, brüllte der andere Wächter und riss sie am Arm zurück.

»Was wollt ihr?!«, schimpfte das Mädchen.

»Was wir woll'n? Is ja wohl 'ne Frechheit! Erst 'n Brot klau'n un dann die Unschuld in Person!«

»Ich hab kein Brot geklaut.«

»Ha!«

»Wo soll hier ein Brot sein?« Die Zigeunerin sprang auf und schritt mit wehenden Röcken auf die Männer zu. »Lasst sie in Ruhe!«

»Die hat geklaut und kommt jetzt mit«, fuhr der Wächter sie an.

»Siehst du vielleicht irgendwo ein Brot bei ihr?«, funkelte Dolores ihn aus grünen Augen an und trat bedrohlich einen Schritt auf ihn zu. »Sieh nach, ob du etwas bei ihr findest. Wenn ja, nimm sie mit, wenn nein, lass sie los und verschwinde, bevor ich dir die Pest an den Hals wünsche!«

Die Drohung verfehlte bei dem abergläubigen Stadtwächter ihre Wirkung nicht. Instinktiv trat er einen Schritt zurück, zog Felicitas jedoch mit sich. Er drehte sie grob nach allen Seiten, zerrte an ihr herum, und es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte er sie noch auf den Kopf gestellt und gründlich durchgeschüttelt. »Da is' nix«, stellte er ebenso scharfsinnig wie frustriert fest.

»Dann verschwinde!«, forderte Dolores mit hocherhobenem Kopf. Ihre Augen blitzten.

»Die hat geklaut!«

»Hast du was gefunden?«

Der Wächter schüttelte Felicitas noch einmal abschließend durch, als hoffe er, dass vielleicht doch noch ein gestohlenes Brot aus ihr herausfallen würde. Dann stieß er sie wutschnaubend beiseite.

»Verschwindet und lasst uns in Ruhe!«

»Wir komm' wieder und dann kannste was erleb'n, Hexe!«, fuhr der Wächter Dolores an und warf einen begehrlichen Blick auf ihre vollen Brüste, die sich gegen das schwarze Schnürmieder stemmten.

»Ersäuf'n sollt man se alle!«, ergänzte der andere, bevor sie wütend davonstapften.

»Was heißt hier: ›Wenn ihr was findet, nehmt sie mit‹?!«, fauchte Felicitas, als die beiden Männer außer Hörweite waren. »Was wäre denn, wenn ich doch irgendwas bei mir gehabt hätte?«

»Danke, dass du mich da rausgeholt hast, obwohl ich hoch und heilig versprochen habe, nicht mehr zu stehlen. Wie wär es denn damit?«

Verdammt, Dolores hatte ja recht! Aber das würde Felicitas auf keinen Fall zugeben. »Hölle mit Grießbrei, woher wusstest du, dass ich nichts bei mir habe?«, insistierte sie daher betont patzig.

Dolores stemmte entnervt ihre roten Schnürstiefel in den Boden und fegte mit einer energischen Bewegung ihre dunklen Locken zur Seite. »Sogar du bist lernfähig. Aber jetzt ist endgültig Schluss mit Stehlen, bevor du uns alle noch in ernsthafte Schwierigkeiten bringst!«

»Ich habe nichts gestohlen!«

»Felicitas, kein Wort mehr!«

»Aber woher …«, protestierte sie, als sich von hinten eine kräftige Hand beschwichtigend auf ihre Schulter legte. Sie drehte sich um und schaute direkt in Ianos' braungrüne Augen, die sie amüsiert musterten. Felicitas wurde rot.

Die Zwillinge Joff und Ianos waren vor etwa einem Jahr zu der Truppe dazugestoßen und traten als Entfesselungskünstler auf. Sie zerrissen Eisenketten, jonglierten mit Ambossen und befreiten sich aus jedweder Lage.

Seit etwa einem Monat war Felicitas furchtbar verliebt in Ianos. Und jetzt hatte er natürlich wieder mitbekommen, wie man sie beschimpfte. Weil ihr Fehler die kleine Gesellschaft abermals in Gefahr gebracht hatte. Deshalb würde er sich nie in sie verlieben, sondern erst recht für immer bei Dolores bleiben! Ohne ein weiteres Wort rannte sie davon.

Warum war sie nur so jung und er so alt? Für sie wäre das ja unwichtig, aber er beachtete sie einfach nicht! Zumindest nicht so, wie sie das gern wollte. Leider war sie selbst schuld, denn jedes Mal, wenn er mit ihr sprach, wurde sie rot und lief weg. Felicitas war das ein Rätsel, denn früher hatte sie ganz normal mit ihm sprechen können. Aber seit einiger Zeit brachte sie kein vernünftiges Wort mehr heraus und fühlte sich furchtbar hässlich. Sie verstand ja selbst nicht, was mit ihr los war. Aber was musste er auch plötzlich so gut aussehen! Und sie? Na ja. Gegen Dolores' üppige Kurven war sie ohnehin chancenlos.

Komischerweise hatte sein Bruder Joff, der praktisch genauso aussah, nicht diesen merkwürdigen Effekt auf sie. Aber der war ja auch doof, sagte nie etwas und interessierte sich für nichts.

Mit einem Kopfschütteln und einem kleinen Lächeln trat Ianos zu Dolores und legte ihr die Arme um die Taille.

»Ein schwieriges Alter«, seufzte Dolores und lehnte sich an ihn. »Wenn das nur schneller vorbeiginge!«

Er wiegte sie tröstend. »Das wird schon.«

»Was mir Sorgen macht, ist das Stehlen. Eines Tages entdeckt man etwas bei ihr oder erwischt sie, und dann gnade ihr Gott. Und uns auch. Was ein Gaukler tut, haben alle getan, zumindest, wenn es was Schlechtes ist.«

»Heute ist die erste Vorstellung. Normalerweise stimmt das die Leute milder«, beruhigte Ianos sie und vergrub die Nase in ihrem Haar.

»Dein Wort in Gottes Ohr!«

Doch diesmal sollte Ianos' Wort Gottes Ohr nicht erreichen.

4. Was ist das Geheimnis der Hochzeitsnacht?

Der Aufenthaltsraum der Mädchen summte schlimmer, als jeder Bienenstock es vermocht hätte. Normalerweise wussten die jungen Damen sich bereits trefflich zu benehmen, doch heute herrschte Ausnahmezustand, denn morgen war großer Ausgangstag. Zunächst würden sie alle zum Einkaufen in die Stadt fahren und danach gemeinsam die Zirkusvorstellung besuchen. Bei derart viel Aufregung vergaßen sogar die wohlerzogenen Schülerinnen einen Großteil ihrer kostspieligen Erziehung.

Riki hatte den Raum noch nicht richtig betreten, da schoss bereits ihre ehemalige Zimmergenossin Sabrina auf sie zu. »Ich bin ja schon entsetzlich aufgeregt, ich möchte mir unbedingt ein paar dieser schönen rosa Bänder kaufen!«

»Du hast doch erst letztes Mal rosa Bänder gekauft, was willst du denn damit?«, fragte Riki entgeistert.

»Siehst du, hier.« Sabrina deutete auf ein völlig intaktes Seidenband in ihrem blonden Schopf. »Sie ribbeln sich bereits wieder auf. So kann ich mich unmöglich in der Öffentlichkeit zeigen, diese hier sehen furchtbar aus!«

»Ähm, ich kann zwar nicht erkennen wo, aber wenn du meinst, wird das schon so sein.« Obzwar Riki nicht beabsichtigt hatte, Sabrina ihr inneres Augenrollen hören zu lassen, war dieses dennoch bei ihr angekommen.

»Das kannst du mit deiner trampeligen Art auch nicht verstehen!«, schnappte die unverstandene Seidenbandträgerin beleidigt.

»Besser trampelig mit Mann als töricht ohne!«, schnappte Riki entgegen ihrer Überzeugung zurück. Hauptsache, es saß.

»Du bist gemein, schlampig und hässlich, ich weiß nicht, was dieser Adalbert an dir findet!«, keifte Sabrina den Tränen nahe.

»Vielleicht, dass ich nicht sein ganzes Geld für rosa Bänder ausgebe?«

»Wirklich, Mädchen, wir sollten uns auf Wellingborough freuen, anstatt zu streiten«, versuchte Myra zu schlichten, die soeben dazugetreten war. »Immerhin soll Tingegood's Drapery & Fabric eine komplette Lieferung neuer Bänder bekommen haben.«

»Du hast gut reden. Deine Eltern sind Barone, und du bist verlobt, sogar mit einem reichen Mann! Aber ich …« Sabrinas Stimme drohte in Selbstmitleid zu versinken. Sie hob theatralisch die Hände, bevor sie mit einer dramatischen Kehrtwende aus dem Raum stürmte.

»Ja, ich könnte vor Glück an die Decke springen«, murmelte Myra und schaute ihr kopfschüttelnd hinterher.

»Na, na, ich muss doch sehr bitten, Miss Lacin! Das ist ja nun wahrlich keine angemessene Ausdrucksweise für eine wohlerzogene junge Dame. Abgesehen davon gehört es sich für ebendiese nicht, an die Decke zu springen«, belehrte Riki sie scherzhaft. Dann hob sie den Zeigefinger und dozierte in einer perfekten Imitation ihres Onkels: »Du wirst deinen Platz in der Gesellschaft schon finden und dich an das erbauliche Leben einer gut gestellten Gattin gewöhnen. Was denkst du dir eigentlich, deine privilegierte Position nicht als Geschenk des Himmels anzusehen! Wie undankbar! Andere gäben alles dafür, mit deinen gesellschaftlichen Voraussetzungen geboren zu sein. Wenn du denn unbedingt all diese gottgegebenen Geschenke wegwerfen willst, dann tue es, werde Dienstmagd und mische dich unter …«

»Oh, schweige still, Miss Speeter«, unterbrach Myra sie lachend. »Bevor ich dich noch mit diesem Wollknäuel erschlage!« Drohend hielt sie Riki ein zerzaustes Knäuel unter die Nase.

Betrachtete man die zierliche Gestalt in dem duftigen, zartgrünen Kleid, dann ließ sich kaum ahnen, dass hinter Myra mehr als nur ein zerbrechliches Geschöpfchen steckte. Auch ihr fein geschnittenes Gesicht mit der vornehmen Blässe täuschte perfekt darüber hinweg, dass sie es faustdick hinter den Ohren hatte. Doch wer einmal den koboldhaften Ausdruck in ihren großen Augen gesehen hatte, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

»Bloß nicht. Bedenke, ich könnte blaue Flecken davontragen, und mit solch gravierenden Schönheitsmakeln will Adalbert mich gewiss nicht mehr heiraten!«, frotzelte Riki. »Obwohl, wenn ich mir das so überlege: Schlag zu!«

»Das würdest du aufs Spiel setzen?«, neckte Myra, ein freches Leuchten in den graugrünen Augen. »Das kann ich auf keinen Fall verantworten! Ich dachte, du kannst es kaum erwarten, in der Hochzeitsnacht mit ihm allein zu sein, um endlich das große Geheimnis eines Mannes zu ergründen? Gelüstet es dir nicht danach, ihm das Hemd vom schmächtigen Leibe zu reißen, um endlich die geheimen Früchte der Ehe zu naschen, während er dir zärtlich die aktuellsten Bilanzzahlen ins Ohr säuselt?«

»Ahhhrgh! Das ist ja ekelhaft! Das will ich nicht wissen! Und ich meine nicht die Bilanzzahlen!« Riki schüttelte sich. »Wenn sie uns hier schon auf die Ehe vorbereiten, warum gehört so etwas eigentlich nicht dazu?«

»Was? Bilanzzahlen?« Myra setzte einen unschuldigen Ausdruck auf.

Riki verdrehte die Augen. »Sicher. Ich meinte das Geheimnis der Hochzeitsnacht, du unmögliche Person! Beziehungsweise, wie man in der Hochzeitsnacht mit einem mageren, blässlichen, glitschigen Ehemann umgeht.«

Myra stellte sich absichtlich dumm. »Wie meinen? Also eher im handwerklichen Sinne oder in puncto Schrecknisbekämpfung?«

»Verehrte Miss Lacin, ich bin von der Frivolität und Wollust Ihrer Gedanken auf das Äußerste abgestoßen«, feixte Riki. »Ich sprach selbstverständlich von der Vorbereitung auf die Schrecknisse!«

»Du meinst, mit Mister Featherstone als Anschauungsobjekt? Wenn er zur Abschreckung mit entblößtem Wohlstandsbauch referiert?«

»Mhhh, ja, erzähl mir mehr«, kicherte Riki. »Aber womöglich sollte man diese Aufgabe doch besser Signore DiGiorno übertragen, da ist das Zuhören gleich viel erbaulicher.«

»Das geht leider nicht. Du verlangtest, auf spätere Schrecknisse vorbereitet zu werden. Dazu eignet sich Signore DiGiorno indes überhaupt nicht.«

»Nun, wenn dem so ist, müssen wir uns anpassen und das Thema ändern. Angelo DiGiorno bringt mir die Geheimnisse der Hochzeitsnacht nahe.«

Myra schmunzelte spitzbübisch. »Hättest du wohl gern. Pass lieber auf, dass uns keine unserer Mitschülerinnen hört. Dein ungehörig lockerer Umgang mit diesem pikanten Thema brächte uns in Teufels Küche!«

»Verstehe, du übst dich neuerdings in Wohlanständigkeit, das finde ich angemessen.« Riki zwinkerte ihr zu. »Aber mal im Ernst. Wenn der einzige Zweck dieser Schule ist, uns zu guten Ehefrauen auszubilden, warum erfahren wir nichts darüber? Ich meine, ich habe nicht einmal Ahnung, wie ein unbekleideter Mann aussieht, geschweige denn, was dieser in der Hochzeitsnacht von uns erwartet.«

Myra zuckte halb amüsiert, halb nachdenklich die Schultern. »Es muss entweder etwas wahrlich Anstößiges oder etwas sehr Gefährliches sein. Sonst würde man doch nicht ein solches Geheimnis darum machen.«

»Tja, und wir berauben uns der einmaligen Gelegenheit, es jemals herauszufinden, indem wir quasi kurz vor der Hochzeitsnacht auf Nimmerwiedersehen verschwinden.« Riki schlug die Hand vor den Mund und schaute sich um, doch ihre Mitschülerinnen waren viel zu sehr in ihre eigenen Gespräche vertieft, um sie zu beachten.

»Oh, warte es ab, womöglich lernen wir einen unglaublich gut aussehenden Gaukler kennen, der uns auf Händen trägt, und wir erfahren alles von ihm«, setzte Myra den Gedanken ironisch fort.

»Prima, da haben wir gleich die Gelegenheit, uns mit unserer Ahnungslosigkeit zu Tode zu blamieren.«

»Das wäre wohl unvermeidlich. Das fahrende Volk soll es angeblich mit der Moral nicht sonderlich genau nehmen.« Plötzlich sah Myra leicht besorgt aus.

»Oh bitte, Miss Vergesslich! Das könnte eben nicht passieren! Wir verkleiden uns doch als Knaben. Dieser Gaukler müsste wahrlich merkwürdige Vorlieben haben.«

»Oh, stimmt.« Myra kratzte sich verlegen hinter dem Ohr.

»Aber wir waren gerade etwas von unseren Schrecknissen abgekommen«, erinnerte Riki. »Es wäre ratsam, ab sofort so wenig wie möglich aufzufallen. Daher sollten wir jetzt dringend hinunter zum Abendessen und uns mit den anderen halbwegs interessiert über die neueste Kleidermode und die hinderlichsten Röcke unterhalten.«

5. Tödlicher Karneolvogel

»Gott wird dich für deine Sünden strafen!« Gregor riss entsetzt seine großen, blauen Augen auf, als Felicitas ihm ihr Abenteuer in den schillerndsten Farben erzählte.

»Hölle mit Grießbrei, tu nicht so moralisch! Du bist kein Mönch mehr, also hör auf, wie einer zu predigen«, schimpfte das Mädchen auf den ehemaligen Novizen ein. »Du bist jetzt ein Gaukler, also denk auch wie einer.«

»Ich denke wie ein Gaukler, aber nicht wie ein Dieb!«

»Ich bin kein Dieb und es war nur ein mickriges Brot.«

»Und das hast du wohl gekauft, was? Außerdem, was heißt ›nur ein Brot‹. Erst ist es nur ein Brot und irgendwann werden die Sachen immer teurer.«

Vor Felicitas' innerem Auge blitzte kurz der Schal auf. »Du hast ja recht. Ich will auch niemandem schaden, aber ich mag einfach den Nervenkitzel.«

»Weißt du eigentlich, was passiert, wenn sie dich erwischen? Sie hängen dich! Und wenn es ihnen passt, uns gleich mit. Wir sind für das feine Bürgertum nicht viel besser als irgendwelche Räuber und Wegelagerer! Es ist zwar offiziell verboten, uns wie Verbrecher oder Vieh zu behandeln, aber das interessiert doch in Wirklichkeit niemanden.«

»Ich weiß es ja«, gab Felicitas zerknirscht zu. »Aber fang bitte nicht wieder an, zu predigen.«

»Ich mache mir nur Sorgen. Wir können diesbezüglich eben von den ehrenwerten Bürgern nichts erwarten. Sie schauen uns zwar gern zu, wir bringen sie auf andere Gedanken, wir unterhalten sie und lenken sie von ihrem langweiligen Alltag ab, deswegen dulden sie uns. Aber in ihren Augen sind wir trotzdem nicht mehr als Vogelfreie. Wenn es um ihre Besitztümer geht, dann ist unser Leben keinen Penny wert! Gesetz hin oder her.«

»Du wolltest doch nicht predigen«, lenkte Felicitas ab und knuffte ihn freundschaftlich in die Seite.

»Ich bin ja schon fertig.« Gregor schaute lächelnd auf sie hinab. Obwohl sie nur drei Jahre jünger war als er, fühlte er sich in ihrer Gegenwart mitunter erstaunlich weise und abgeklärt. Ein eigentümliches Gefühl. Ober er in ihrem Alter wohl auch noch so unbekümmert gewesen war?

Die beiden saßen eine Weile schweigend nebeneinander, bis Felicitas ein neues Thema aufwarf. »Was meinst du eigentlich, wie Ramiros Karneolvogel weggekommen ist? Wurde er gestohlen oder war Ramiro einfach nur trottelig und hat ihn verloren?«

»Na ja, dass ihn jemand gestohlen hat, ist ein schlimmer Gedanke. Das wäre eine furchtbare Tat! Ich hoffe nicht, dass dem so ist. Aber ›trottelig‹ ist ein arg hartes Wort.«

»Typisch unser Gregor. Kein böses Wort über irgendjemanden«, schmunzelte Felicitas. »Gerade du als ehemaliger Möchtegernmönch solltest doch wissen, dass man die Wahrheit ruhig sagen kann.« Sie wurde ernst. »Und nur weil der Diebstahl des Vogels etwas Schlimmes ist, heißt das noch lange nicht, dass es niemand tut! Also, was denkst du?«

Ein jungenhaftes Grinsen huschte über Gregors Gesicht. »Tja, manchmal steckt mir der Mönch doch noch zu tief in den Knochen. Offen gestanden, ich weiß nicht genau, was ich denken soll. Ramiro ist nicht der Typ, der ein so wertvolles Artefakt leichtfertig verliert. Was aber nicht ausschließt, dass es trotzdem passieren könnte. Der Vogel war gut versteckt, sodass ein Diebstahl nicht einfach wäre. Ein Außenstehender hätte den Karneolvogel allein kaum finden können. Aber …« Gregor zögerte.

»Was ›aber …‹? Jetzt spuck's schon aus!«

»… es wäre durchaus möglich, wenn der Dieb einer von uns gewesen wäre oder ihm jemand von uns geholfen hätte. Aber das will ich eigentlich gar nicht in Betracht ziehen.«

Felicitas blieb wie vom Donner gerührt die Kinnlade offen stehen. »Hölle mit Grießbrei, du meinst …?«

»Nein, ich meine nicht!«, brauste Gregor unvermittelt auf. »Ich weiß es schlichtweg nicht! Deswegen bin ich ja so vorsichtig mit meiner Äußerung. Aber wenn wir den Punkt ›Diebstahl‹ in Betracht ziehen, dann müssen wir auch die Möglichkeit bedenken, dass es bei uns vielleicht einen Verräter gibt. Ich bete allerdings zu Gott, dass Ramiro den Vogel einfach nur durch einen unglücklichen Umstand verloren hat.«

Niedergeschlagen ließ sich Felicitas zurückfallen.

»Macht dir nicht zu viele Gedanken, Kleines«, sagte Gregor und wuschelte ihr tröstend durch das kupferfarbene Haar. »Wir wissen noch nicht genug, und bevor eine schlimme Ahnung nicht Gewissheit ist, sollte man sie nicht mit Vermutungen nähren.«

»Aber ich will nicht, dass Ramiro stirbt! Was ist das überhaupt für eine blöde Sitte? Wegen so einem doofen Vogel!«

»Das ist kein doofer Vogel«, bemerkte er sanft. »Der Karneolvogel ist ein uraltes Symbol der Gaukler für unsere Freiheit, unsere Gemeinschaft und vieles mehr. Er ist es wert, dass man ihn wie seinen Augapfel hütet.«

»Aber Ramiro! Er kann doch gar nichts dafür, und sie werden ihn töten«, murmelte Felicitas.

Gregor legte ihr tröstend den Arm um die Schultern. »Was habe ich denn gerade gesagt? Sieh doch nicht so schwarz. Wir finden den Vogel schon wieder und dann passiert Ramiro überhaupt nichts.« Sofern bis dahin nicht ohnehin schon die halbe Gauklerwelt mitbekommen hat, dass das Artefakt verschwunden ist, ergänzte er in Gedanken.

6. Die Flucht

Endlich war der große Tag gekommen. Die Frühlingssonne meinte es gut mit den Stadtbummlern. Auf dem Platz vor dem Tor des Anwesens standen die Kutschen bereit. Eine aufgeregt schwatzende Schar junger Mädchen strömte aus dem Tor, mühsam in Schach gehalten von den verzweifelt hin- und hereilenden Lehrkräften.

»Meine Damen, bitte mäßigen Sie sich!« Doch die Rufe des kleinen Musiklehrers Timothy Trump gingen ungehört unter.

Mehr Gehör hingegen fand Oberin Margret, allerdings auch nur, weil sie genau das sagte, was alle hören wollten: »Bitte bilden Sie Sechsergruppen und besteigen Sie die Kutschen. Sie werden am Marktplatz abgesetzt, wo Sie sich bitte auch pünktlich um fünf Uhr nachmittags wieder einfinden, damit wir geschlossen die Zirkusvorstellung besuchen können. Pünktlich um fünf Uhr!«

Das ließen sich die Schülerinnen nicht zweimal sagen. Unter dem hilflosen Kopfschütteln der Lehrer erstürmten sie mit undamenhafter Eile die Wagen. Die Kutscher bemühten sich zwar redlich, den Damen galant in die Gefährte zu helfen, waren dem Ansturm jedoch hoffnungslos unterlegen. Endlich war das letzte kichernde Mädchen sicher verstaut.

Auch in der Kutsche, die Riki und Myra bestiegen hatten, wurden eifrig Pläne geschmiedet.

»Ich muss unbedingt zu Bloomfield's Wool Snuggery«, rief die strickbesessene Meryl.

»Und ich brauche dringend aktuellen Stoff für ein schickeres Kleid«, fiel Bessy ein, die immer nach der neuesten Mode gekleidet war.

»Meine Güte, meine Haare, ich sehe entsetzlich aus! Nein, es duldet keinen Aufschub, ich muss zum Friseur. Mit dieser Frisur wird mich kein Mann beachten!«, jammerte Agnes, die von allen die Eitelste war.

»Ich sterbe für ein paar dieser köstlichen Schokoladenpralinen von Peabottom's Confisery!«, schwärmte die dicke Holly.

Daraufhin redeten alle wild durcheinander, bis sich Meryl durchsetzte. »Ich schlage vor, wir beginnen bei Bloomfield's Wool Snuggery, gehen dann zum Stoffgeschäft und danach begleiten wir Agnes zum Friseur. Ganz am Schluss besuchen wir gemeinsam Peabottom's Confisery und essen dort noch ein Stück Kuchen. Seid ihr damit einverstanden?«

Muss man eigentlich überall zusammen hinglucken?, dachte Riki entnervt. Sie könnten so viel mehr sehen, wenn sie nicht alle mit Agnes beim Friseur säßen.

»Und was habt ihr vor?«, fragte Meryl Myra. Ihr Unterton enthielt dabei ein unüberhörbares »Hauptsache, ihr kommt nicht mit uns«.

Etwas zum Feuermachen, Essgeschirr, einen Satz Wurfmesser und Vorräte für die große Flucht besorgen, ergänzte Riki amüsiert für sich.

»Stickgarn, bunte Bänder, Puder und eine Bürste kaufen«, antwortete Myra, ohne eine Miene zu verziehen.

»Dann geht ihr sicherlich erst zum Drogisten«, manipulierte Meryl hoffnungsvoll.

»Was meinst du, Myra?«, fragte Riki tückisch. »Wir könnten uns doch den anderen anschließen und zuerst zu Tingegood's Drapery & Fabric gehen?«

Meryl zuckte merklich zusammen.

»Mh, scheint eine gute Idee zu sein.« Myra zog eine nachdenkliche Miene und freute sich an dem sich rasch ausbreitenden Unbehagen auf Meryls Gesicht. »Wir könnten ein wenig umplanen, die Reihenfolge ist nicht schlecht, und nach dem Kuchen am Schluss gelüstet es mir ebenfalls.«

»Unbedingt! Eigentlich muss ich mir auch dringend die Haare machen lassen.«

Meryls Gesicht entgleiste immer mehr.

»Aber, Riki, ich war erst vor Kurzem beim Friseur. Es wäre doch reichlich ungeschickt, wenn ich dort die ganze Zeit auf euch warten müsste.«

»Auch wieder wahr. Nein, wie schade. Aber du hast recht. Vielleicht gehen wir doch besser zuerst zum Drogisten.«

»So machen wir es. Wirklich sehr schade, dass wir euch nicht begleiten können, es tut uns furchtbar leid«, bedauerte Myra.

Daraufhin sah Meryl dermaßen erleichtert aus, dass Riki Mühe hatte, ihr aufkommendes Grinsen in ein bedauerndes Lächeln umzuformen.

 

Kurze Zeit später hielten die Kutschen am Marktplatz und entließen ihren aufgeregten Inhalt, der sogleich in sämtliche Himmelsrichtungen davonstob. Die »Pünktlich-um-fünf-Uhr«-Rufe der Lehrer gingen im allgemeinen Trubel unter.

Riki und Myra ließen sich absichtlich zurückfallen. Sie durften sich auf keinen Fall dabei erwischen lassen, wie sie in das Waffengeschäft hineinspazierten, um die Wurfmesser für Riki zu besorgen. Zum Glück lag es in einer Seitenstraße. Sie näherten sich vorsichtig, aber da niemand zu sehen war, konnten sie unbemerkt hineingehen.

Begleitet vom Klingeln der Ladenglocke betraten sie einen recht nüchtern eingerichteten Raum, dessen einziger Schmuck aus ein paar Bildern mit Jagdszenen bestand, die in üppige goldene Rahmen gefasst waren. Etwas unsicher schritten sie an den dunklen Holzregalen mit Gewehren vorbei, die den Raum rechts und links flankierten. In der Mitte standen Schaukästen, in denen alle möglichen Arten von Messern und Schwertern auf Tüchern aus grünem Samt ruhten. Riki warf neugierig einen Blick darauf.

»Seien Sie willkommen, seien Sie willkommen!«, unterbrach ein dröhnender Bariton ihre Betrachtungen. »Welch ungewöhnlicher Besuch! Darf ich fragen, was zwei so hübsche Damen zu mir führt?« Hinter der Theke trat ein älterer, gleichwohl recht sportlich gebauter Mann hervor, auf dessen wettergegerbtem Gesicht ein leicht erstaunter Ausdruck lag.

Riki erwiderte den Gruß. »Ich suche ein Geschenk für meinen Bruder. Er wünscht sich einen Satz Wurfmesser. Führen Sie etwas Derartiges?«

»Ah, verstehe.« Der erstaunte Ausdruck des Mannes milderte sich ab. »Ein wahrhaft ungewöhnlicher Wunsch, aber selbstverständlich kann ich damit dienen. Einen Moment bitte.« Der Verkäufer verschwand im hinteren Bereich des Geschäfts.

Derweil sahen sich die Mädchen die Auslagen an. Plötzlich öffnete sich die Ladentür. Riki fuhr entsetzt herum, aber es war nur ein fremder, dunkel gekleideter Gentleman, der die Freundinnen mit einem knappen Kopfnicken grüßte, um sich sogleich den Schwertern und Degen zuzuwenden. Riki warf Myra einen erleichterten Blick zu. Obwohl der Mann sie nicht weiter beachtete, war es ihr dennoch unangenehm, dass jemand ihren Kauf bemerkte.

»So, meine Damen, ich hätte hier sogar zwei unterschiedliche Sortimente«, sagte der Verkäufer und stellte die beiden Kästen auf die Theke. »Da wären einmal fünf Messer mit Holzgriff, einseitig geschliffen. Oder aber das kleinere Set, drei Stück ohne Griff, die nur stumpf angeschliffen sind. Einerlei welche Variante, beide lassen sich vom Griff oder von der Klinge aus werfen.«

»Nun, wie gesagt, es handelt sich um ein Geschenk für meinen Bruder«, betonte Riki. »Er hat etwas Derartiges noch nie gemacht. Welche Messer sind dafür denn besser geeignet?«

»Ah, ein Anfänger also. Dann empfehle ich die stumpfen, wegen der Verletzungsgefahr.«

»Stumpfe Messer? Und die bleiben stecken?«

»Junge Dame«, schaltete sich der pomadisierte fremde Gentleman in belehrendem Ton ein, der plötzlich neben ihnen auftauchte.

Riki und Myra fuhren zusammen, da sie ihn nicht hatten kommen hören.

»Beim Messerwerfen kommt es nicht darauf an, ob die Messer scharf sind, sondern sie müssen spitz zulaufen. Dafür, dass sie stecken bleiben, ist wiederum die richtige Wurftechnik unerlässlich.« Er nahm aus jedem Kasten ein Exemplar und balancierte es mit einer erstaunlich routiniert wirkenden Bewegung auf seinem Finger aus. »Die mit Griff sind schlecht gewichtet, die anderen hingegen sind ordentlich mittig ausbalanciert. Nehmen Sie diese.« Damit wandte er sich, ohne Riki eines weiteren Blickes zu würdigen, wieder seinen Schwertern zu.

Die Freundinnen wechselten einen vielsagenden Blick.

Rikis erster Impuls war, jetzt erst recht die Messer mit Griff zu kaufen. Allerdings hatte die Logik des anmaßenden Gentleman etwas unleugbar Einleuchtendes, auch wenn sie es sich nur ungern eingestand. »Ich nehme diese«, entschied sich Riki nach kurzem Kampf und deutete leicht widerwillig auf die bereits von zwei Seiten empfohlenen.

Der Verkäufer gratulierte ihr zu der guten Entscheidung, packte ihr die Messer sorgfältig ein und wünschte ihrem Bruder viel Erfolg beim Werfen. Riki nickte nur zerstreut, während sie bezahlte, denn nun kam es darauf an, das Geschäft ungesehen wieder zu verlassen. Zur Erleichterung der beiden Mädchen wandte sich der Verkäufer sogleich seinem anderen Kunden zu, sonst hätte er sich womöglich gewundert, warum sie sich noch eine Weile am Fenster herumdrückten und die Straße beobachteten.

Endlich erschien ihnen die Gelegenheit günstig genug, hinauszutreten, und sie hörten gerade noch, wie der dunkel gekleidete Gentleman von oben herab zu dem Verkäufer sagte »Ich brauche etwas Vernünftiges. Hiermit kann ich nichts anfangen. Besorgen Sie doch besser …«

»Klack« fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss.

»Herrje«, prustete Myra los, »Gott sei Dank kam gerade im richtigen Moment der Experte für Wurfmesser! Wer weiß, womöglich kann er uns auch zu Wolle beraten? ›Nehmen Sie diese, junge Dame, die ist länglich und nicht rund aufgewickelt. Daher ist sie auch ordentlich mittig ausbalanciert. Das ist etwas Vernünftiges, damit kann man etwas anfangen!‹ Warum hast du eigentlich gemacht, was er gesagt hat?«

»Ich habe getan, was der Verkäufer empfohlen hat«, verteidigte sich Riki. »Lass uns schnell noch die restlichen Sachen besorgen! Außerdem finde ich Hollys Idee mit dem Kuchen zum Abschluss brillant, und überhaupt kann ich es kaum noch erwarten, bis die Vorstellung endlich losgeht.«

Noch wussten die Mädchen nicht, dass die Vorstellung diesmal einen unüblichen Verlauf nehmen würde.

 

Zur vereinbarten Uhrzeit fanden sich alle Schülerinnen mit einer Pünktlichkeit am Treffpunkt ein, die nur dem anstehenden Zirkusbesuch zugerechnet werden konnte. Vom Marktplatz aus lief man die kurze Strecke zum Zirkus zu Fuß und fand sich schon bald mit vielen anderen fröhlich durcheinanderschwatzenden Stadtbewohnern vor der Manege ein.

Riki und Myra nahmen mit den anderen zusammen auf den roh behauenen Bänken Platz und warteten, vor Spannung zitternd, auf den Beginn der Darbietung. Das hier war ihr Zirkus, ihr Fahrschein in die Freiheit. Hier würden sie hoffentlich bald dazugehören!

Es handelte sich um einen kleinen Wanderzirkus ohne eigenes Zelt. Die Vorstellung fand unter freiem Himmel statt, doch die Kronen der Bäume waren den Freundinnen Zelt genug. Die einfachen Holzbänke umschlossen eine kleine Manege, was den Eindruck verstärkte, unmittelbar Teil des Geschehens zu sein. Wie das Tor zu einer anderen Welt mutete das den Zuschauerrängen gegenüberliegende Artistenportal an. Ein leiser Abendwind lockte verheißungsvoll mit dem rotsamtenen Vorhang und wehte den glitzernden Geruch von Sägespänen, Zirkus und Traumland über den Platz. Dahinter bildeten die bunten Wagen eine halbrunde Kulisse für die berauschende Welt der Illusion, in die man unmerklich mehr und mehr eintauchte.

Musik erklang und das Gemurmel auf den Bänken wich erwartungsvoller Spannung. Rund um die Manege entzündeten sich nach und nach Fackeln, die alles in ein flackerndes, geheimnisvolles Licht tauchten. Eine rassig aussehende Frau mit dunklen Locken trat in die kleine Arena. Rikis Herz hüpfte vor Aufregung eine Etage höher. Myra stieß sie in die Seite und grinste sie mit glänzenden Augen an. Es ging los!

Mit temperamentvollem, leicht spanisch klingendem Akzent, stellte sie sich als Dolores vor, hieß das Publikum herzlich willkommen im Wanderzirkus ›Fuego Ardente‹ und kündigte die erste Darbietung an.

Kurz darauf schauten sie fasziniert einem beeindruckenden Zwillingspaar zu, wie diese sich aus dicken Ketten befreiten, sich gegenseitig Ambosse zuwarfen und mit gewaltigen Eisenkugeln, wie Strafgefangene sie hatten, jonglierten. Was für Kerle! Und so gut gebaut! Riki und Myra zwinkerten sich beredt zu. Derart skandalöse Gedanken dachten sich besonders gut inmitten dieser Horde prüder Hühner und zukünftiger braver Ehefrauen.

Danach lachten sie herzlich über den Clown, der vergeblich versuchte, einen mitgebrachten Amboss aus der Manege zu räumen. Das Publikum brüllte vor Vergnügen, als sein Hund das Pappteil einfach in die Schnauze nahm und wegtrug.

Daraufhin flickflackte ein kleiner, drahtiger Mann mit langen Haaren auf die Bühne, endete in einem gewagten Salto und begann, auf dem Seil die erstaunlichsten Dinge darzubieten. Riki und Myra hielten den Atem an, denn gemäß den Gesetzen der Schwerkraft und erst recht der Vernunft, hätte der Gaukler eigentlich jederzeit zu Boden stürzen müssen.

Ein kleines Äffchen erlöste sie von der Spannung. Es schnitt dem Artisten eine Grimasse, worauf sich die beiden ein Wettklettern an zwei in den Bäumen befestigten Seilen lieferten. Natürlich gewann der Affe und feixte, was das Zeug hielt. Das Publikum war außer sich und feuerte das Äffchen an, das daran sichtlich Gefallen fand.

Riki und Myra fühlten sich pudelwohl und eigentlich konnte nichts mehr an ihrem Entschluss rütteln …

... als plötzlich der in einen schwarzen Umhang gehüllte Magier die Bühne betrat. Myra erstarrte. »Riki«, wisperte sie, »das ist doch der arrogante Mensch aus dem Messergeschäft.«

Riki schaute genauer hin und erkannte das scharf geschnittene Gesicht unter den mit Pomade zurückgekämmten Haaren sofort wieder. »Das darf doch nicht wahr sein! Was sollen wir jetzt nur tun?!«

»Später. Wir sprechen nach der Vorstellung«, winkte Myra ab.

Die Mädchen beobachteten die Darbietung des Magiers wachsam und waren von seiner Fingerfertigkeit und seinem Können beeindruckt. Es wirkte fast, als sei echte Magie im Spiel, so unerklärlich und faszinierend waren seine Kunststücke.

Aber konnten sie jetzt noch mit diesem Zirkus mitziehen? Würde der Zauberer sie nicht trotz ihrer Verkleidung wiedererkennen?

Es fiel niemandem auf, dass der Clown nach der Vorstellung des Zauberers nicht kam. Stattdessen bot Dolores einen Tanz dar. Zuerst allein, dann zusammen mit dem langhaarigen Artisten, der sich vorhin den Wettkampf mit dem Äffchen geliefert hatte. Bewundernd schauten die Mädchen ihr zu. Sich so bewegen können, das wäre traumhaft! Der Tanz war fremdländisch, mit einem pulsierenden, mitreißenden, ja geradezu skandalösen Rhythmus. Auf eine seltsame, geheimnisvolle Art drückte er ebenso brennende Leidenschaft wie Distanz und Sehnsucht aus und rührte gleichermaßen flüchtig wie eindringlich für einen kaum wahrnehmbaren Moment an die Grenzen, hinter denen das Verbotene begann. Auch in den Reihen des Publikums war es still geworden und alle verfolgten den Tanz mit angehaltenem Atem. Die Art wie sich die beiden in der Manege bewegten, ließ die Tatsache, dass ihr Tanzpartner ein gutes Stück kleiner war als Dolores, unwichtig erscheinen.

Es war wieder der Clown, der die Zuschauer aus ihrer entrückten Stille riss und sie der Entscheidung enthob, ob sie nun entrüstet oder begeistert sein sollten. Er parodierte den vorangegangenen Tango, indem er mit einem jungen Mönch in zu kurzer Kutte versonnen in die Manege tanzte, dicht gefolgt von dem Esel, der sich, das Äffchen auf dem Rücken, um sich selbst drehte. Dieses verspeiste ungerührt von der Dreherei einen Apfel. Die beiden seltsamen Paare schwoften und fegten noch eine Weile durch das Zirkusrund, wobei der Clown und der Mönch einige groteske Figuren darboten. Nachdem sie geendet hatten, sprang der Affe vom Rücken des Esels und baute sich vor einer korpulenten Dame in der ersten Reihe auf. Dabei verbeugte er sich und streckte die Pfote aus, gerade so, als wolle er sie zum Tanzen auffordern. Die feiste Dame kreischte vor Entsetzen, das Publikum kreischte vor Lachen, der Affe kreischte vor Vergnügen und sprang ein paar Mal in die Luft, ehe er mit dem Clown verschwand.

Als Nächstes sagte Dolores das Schlangenmädchen Felicitas an.

D…och kaum hatte das zierliche Mädchen mit dem Kupferhaar die Bühne betreten, krakeelte es auf einmal aus den hinteren Reihen: »Das isse, das is die Diebin!« Eine zeternde Marktfrau versuchte, nach vorne in die Manege zu gelangen. »Die wars, die hat mich bestohl'n! Jetzt kannste was erleben, dreckiges Gör!«

Ein paar Leute hielten die sich heftig wehrende Bäckersfrau fest, bevor sie die Manege erreichte.

»Loslassen! Für das Diebesgesindel gibt's jetzt Saures!« Die Bäckerin schrie Zeter und Mordio, während ein paar Zuschauer vergeblich auf sie einredeten, um sie zu beruhigen.

Felicitas hatte sich eng an Dolores gedrückt und starrte die Marktfrau mit großen, entsetzt aufgerissenen Augen an.

»Da! Seht, wie se mich anglotzt! Wie'n Kaninchen in der Falle«, triumphierte die Händlerin. »Der steht die Schuld doch ins Gesicht geschrieb'n!« Sie riss sich los und stürmte weiter Richtung Manege. »Jetzt kriegt das kleine Biest, was es verdient!«

Sie hätte sich vermutlich sofort auf Dolores und Felicitas gestürzt, wenn sich nicht die Zwillinge mit grimmigen Gesichtern schützend vor den beiden aufgebaut hätten.

Die Marktfrau blieb wie festgewurzelt stehen. »Versucht wohl, mich einzuschüchtern, oder was?«, blaffte sie die Hünen an. »Das wirkt bei mir nich', das könnter glatt vergessen. Bei mir nich'!« Trotzdem blieb sie vorsichtshalber, wo sie war.

In der Zwischenzeit waren alle Besucher von ihren Plätzen aufgesprungen. Die hinteren standen sogar auf den Bänken, damit sie nichts verpassten. Es war totenstill und eine erwartungsvolle Spannung kroch durch die Reihen.

»Was hat sie denn gestohlen?«, tönte ein sonorer Bass von der anderen Seite der Manege und ein distinguierter Gentleman trat vor.

»Polizeipräsiden Just«, plärrte die Marktfrau. »Sie wer'n mir sicha recht geb'n, dass ma die Sitt'n nich' so verfall'n lass'n kann unn die Schuldigen bestraf'n muss! Die …«, und sie zeigte mit vor Empörung bebendem Zeigefinger auf Felicitas, »hat mir das frischste, größte, beste Brot geklaut, das ich am Stand hat'! Dafür steh ich nich' in aller Herrgottsfrühe auf unn schuft mir'n Buckel wund! Wir ehrlich arbeitende Leut' soll'n wohl die faulen Gauner durchfüttern. Nich' mit mir! Hängen soll se!«

»Gibt es Zeugen?«, fragte der Polizeipräsident.

»Ja, ich hab's geseh'n.«

»Ich auch«, meldeten sich vereinzelte Stimmen aus den Reihen der Zuschauer.

»Seh'n Se, seh'n Se!« Die Stimme der Marktfrau überschlug sich geradezu. »Hängt se!«

Zustimmendes Gemurmel aus dem Publikum breitete sich aus und der Kreis um die Manege wurde langsam enger. Die Zwillinge spannten sich merklich an, bereit, Felicitas vor dem nun Kommenden zu verteidigen.

Just hob beschwichtigend die Hand. »Wir sind eine friedliche Stadt voller ehrlich arbeitender Bürger und dulden Diebespack weder in noch vor unseren Mauern. Es gibt Zeugen, das Mädchen ist demnach schuldig. Wir können auf keinen Fall tatenlos zusehen, wie sich solche Missetaten ungehindert in unserer Stadt ausbreiten.«

»Hängt sie!«, schallten die ersten Rufe aus dem Publikum.

Der Polizeipräsident gebot mit einer herrischen Geste Einhalt. »Allerdings«, fuhr er fort, »handelt es sich hier um den Diebstahl eines Brotes, sprich einer Kleinigkeit.«

Die Bäckersfrau wollte protestieren, wurde jedoch von Just unterbrochen.

»Wir sind friedliebende und gesetzestreue Bürger, die bereit sind, die Schuldigen nach einer angemessenen Strafe zu entlassen. Die schuldige Gauklerin soll der geprellten Marktfrau hier und jetzt das gestohlene Brot bezahlen. Dann soll sie sich öffentlich und für alle hörbar entschuldigen sowie geloben, es nie wieder zu tun. Zudem untersage ich den Zirkusleuten, für diese Aufführung Spenden einzusammeln. Ferner haben sie bis morgen Mittag den Platz vor unserer Stadt zu räumen, weiterzuziehen und für die Dauer der nächsten zehn Jahre nicht mehr zurückzukehren. Die heutige Vorstellung ist somit beendet. Gute Frau, was schuldet Euch die Diebin?«

»Acht Pence!«

»Das ist aber ein teures Brot, dafür kriege ich woanders glatt drei«, feixte jemand aus dem Publikum.

»Aber in Gold eingeschlagen«, tönte es aus einer anderen Ecke.

»Das is für'n Ärger, den ich desweg'n hatt'. Unn außerdem isses als Strafe für das diebische Biest!«

»Am Stand waren das höchstens zwei Pence! Diese gierige Kuh!«, zischte Felicitas wütend in Dolores' Ohr.

»Shhht, das hätte wesentlich schlimmer ausgehen können. Und halt bloß den Mund, sonst überlegen sie es sich noch anders!«

»Die Strafe lege immer noch ich fest!«, polterte der Polizeipräsident. »Dann soll Ihnen das Mädchen sechs Pence zurückzahlen. Los!«

»Mister Polizeipräsident …«, hub die Marktfrau an zu protestieren, doch Just donnerte ein »Setzen Sie sich« in ihre Richtung, das keinen Widerspruch duldete.

Beleidigt ließ sie sich direktemang auf die Bank fallen, vor der sie zufällig stand. Die ehemaligen Platzinhaber konnten sich gerade noch zur Seite retten.

Der Mönch hatte mittlerweile das Geld geholt und gab es Felicitas. »Geh schon, Kleines, bring's hinter dich.«

Unter den verächtlichen Blicken der braven Bürger trat das Mädchen mit hochrotem Kopf und gesenkten Augen seinen Spießrutenlauf an. Begleitet von empörten Zwischenrufen wie »Pack«, »Unmöglich« und »Diebe« schlich es zu der selbstzufrieden auf ihrem Platz thronenden Marktfrau.

»Hier, das Geld. Entschuldigen Sie bitte, ich werde es nie wieder tun«, würgte Felicitas heraus.

»Das will ich hoff'n, das nächste Mal bringt's dich annen Galg'n, dreckige Diebin!«, antwortete die Marktfrau selbstgefällig und wollte dem Mädchen ins Gesicht schlagen. Doch dieses wich flink aus und eilte schnell zurück in die Manege.

Hölle mit Grießbrei, wer ist hier die Diebin?, dachte Felicitas wütend. Vier Pence hat sie glatt erbeutet! Aber bei ihr ist das in Ordnung, sie ist ja eine respektable Bürgerin. Ha ha!

»Nun, das war ein wenig dürftig, junge Dame!«, schalt der Polizeipräsident.

»Sie hat das Geld zurückgegeben und sich entschuldigt, so wie Sie es verlangten. Damit ist der Pflicht Genüge getan. Das reicht!«, forderte Dolores, die nicht länger an sich halten konnte.

»Nun gut, für diesmal mag es reichen. Die Vorstellung ist vorbei, bitte verlassen Sie den Zirkus«, wandte sich der Polizeipräsident an das Publikum, ohne die Gaukler eines weiteren Blickes zu würdigen.

Die Zuschauer begannen langsam, ihre Sachen zu packen.

»Mama, warum müssen wir jetzt alle gehen?«, fragte ein kleiner Junge neben Riki.

»Weil jemand von diesen Leuten etwas ganz Böses getan hat. Und deswegen werden nun auch alle Unschuldigen bestraft und dürfen die Vorstellung nicht zu Ende anschauen. Du siehst, es lohnt sich nicht, böse Dinge zu tun«, moralisierte die Mutter.

»Ach, aber wenn die Marktfrau völlig ungestraft vor allen Leuten den vielfachen Preis verlangt, dann ist das nichts Böses?!?«, platzte Myra der Kragen.

Die Frau schaute Myra irritiert aus großen, unverständigen Kulleraugen an und drehte sich kopfschüttelnd zum Gehen.

Die Mädchen kochten vor Wut. Eine feine Gesellschaft war das! Erst genossen sie alle die Vorstellung, und dann verzichteten sie widerspruchslos wie eine Herde einfältiger Schafe auf ihr Vergnügen. Und das wegen einer solchen Bagatelle! Schlimmer noch, sie stellten sich auf einmal geschlossen gegen die Leute, denen sie eben noch zugejubelt hatten. War das denn plötzlich nichts mehr wert? Und was war mit der Leistung, die die Gaukler bislang erbracht hatten? Was diese dämliche Marktkuh betraf, wollte Riki gar nicht erst weiterdenken, so wütend machte es sie.

Lektion des heutigen Tages: Was bei den gesellschaftlich Geächteten schlimm war, war es bei den »braven Bürgern« nicht. Eine feine Gesellschaft war das. Und die durchschauten es nicht einmal! Oder wollten es in ihrer bigotten Selbstgerechtigkeit gar nicht sehen.

Auf der Heimfahrt hielt sich Riki mit Mühe aus der heißen Diskussion heraus, da sie viel zu wütend war und vermutlich jedem an die Gurgel gegangen wäre. Myra versuchte zwar, ihre Mitschülerinnen davon zu überzeugen, wie ungerecht die Entscheidung des Polizeipräsidenten war, scheiterte jedoch kläglich.

Die Freundinnen konnten es nicht erwarten, endlich auf ihr Zimmer zu kommen. Sie mussten sich nun schnell entscheiden, denn bis morgen Mittag würde der Zirkus die Stadt verlassen haben – und mit ihm ihre letzte Chance, ihrem Los als aufopferungsvolle Ehefrauen zu entgehen.

 

Endlich waren sie ungestört.

Riki ließ sich wütend aufs Bett plumpsen und bediente sich eines Ausdrucks, der sie gleich für mehrere Tage in den Besinnungsraum gebracht hätte. Die Wände ihres Zimmers, bisher immer ein willkommener Schutz gegen die Welt draußen und die Oberflächlichkeit ihrer Mitschülerinnen, kamen ihr auf einmal wie ein Gefängnis vor.

»Diese bigotten Heuchler! Und dieser Hühnerstall hier im Pensionat! Ich kann diese ganzen grässlichen Menschen nicht mehr länger ertragen! Aber eins muss uns bewusst sein: Wenn wir zum fahrenden Volk gehören, werden uns die ›unbescholtenen Bürger‹ genauso ungerecht behandeln. Schluss mit den Privilegien der hohen Tochter.«

Myra versuchte vergeblich, Rikis Redefluss zu bremsen.

»Bis morgen Mittag! Diese Wahnsinnigen. Das heißt, wir müssten bereits heute Abend aufbrechen. Zum Glück ist morgen frei, sodass man unser Fehlen nicht sofort bemerkt«, fuhr Riki ungerührt fort.

»Mh, ja, das stimmt schon. Aber das ist alles so plötzlich. Und was ist, wenn uns dieser Zauberer erkennt?«, zögerte Myra. »Vielleicht sollten wir noch warten, bis der nächste Zirkus kommt?«

Riki hielt schockiert inne. Sie wollte über den berechtigten Einwand der Freundin nicht nachdenken und fühlte die leise Panik in sich aufsteigen, niemals aus diesem Pensionat herauszukommen. »Und wann soll das bitte sein?«

»Weiß ich doch auch nicht.«

»Schön. Und wie viel Zeit gedenkst du noch bei diesem Haufen törichter hoffentlich-bald-Ehefrauen zu verbringen??!!«

»Was hast du denn nur? Ich wollte lediglich wissen, ob dieser Zauberer uns vielleicht erkennen könnte.«

»Das ist doch jedes Mal das Gleiche mit dir!«, explodierte Riki. »Erst hast du eine Idee, die derart verwegen ist, dass ich braves Töchterchen nicht mal im Traum daran gedacht hätte. Dann schmieden wir große Pläne, und wenn es wirklich ernst wird, dann haderst du und machst einen Rückzieher!!!«

»Gar nicht wahr! Ich bedenke nur, was geschähe, sollte dieser Mensch uns erkennen. Der schickt uns doch sofort zurück! Und dann, Madame Obergescheit? Überhaupt, was heißt hier ›immer‹???«

»Na, als wir uns das letzte Mal diese teuren Schuhe kaufen wollten, warst du ja zuerst auch Feuer und Flamme. Aber als wir schließlich davor standen, hieß es wieder ›ach nun ja, ich weiß nicht so recht‹«, äffte Riki ihre Freundin nach.

»Das hier ist wohl ein bisschen etwas anderes!«

Es war in der Tat ein unpassender Vergleich. Aber Myra wusste durchaus, worauf Riki hinauswollte. Ihre gelegentliche Unentschlossenheit fiel ihr ja selbst gründlich auf die Nerven.

»Das ist NICHTS anderes«, meckerte Riki.

»So kommen wir keinen Schritt weiter.«

Riki öffnete den Mund zu einer hitzigen Erwiderung, musste sich aber eingestehen, dass Myra recht hatte. Widerwillig klappte sie ihn zu, rang eine Weile mit sich und erwiderte kurz darauf zerknirscht: »Ja, tut mir leid. Wir sollten unsere Zeit besser nutzen, um die tatsächlichen Unwegsamkeiten zu besprechen. Nur ertrage ich diese ganzen törichten Hühner nicht länger! Und ich habe entsetzliche Angst, dass der nächste Zirkus nicht rechtzeitig kommt, bevor Adalbert …« Sie schluckte.

Myras Zorn verflog. Tröstend legte sie einen Arm um die Freundin. »Ich verstehe dich ja, ich will doch auch so schnell wie möglich von hier fort. Aber du hast mich erwischt. Jetzt, wo es tatsächlich so weit sein könnte, verliere ich den Mut.« Sie lächelte Riki mit einem entschuldigenden Augenaufschlag an.

Riki lehnte für einen kurzen Moment ihren Kopf an Myras. »Das kann ich dir so gut nachempfinden! Es ist wahrlich nicht so, dass ich keine Angst hätte. Aber was auf mich zukommt, wenn wir nicht von hier fortgehen, erschreckt mich noch viel mehr.«

»Mich eigentlich auch«, antwortete Myra. »Aber es ist nicht nur das. Ich mache mir Sorgen um meine Eltern. Was soll aus ihnen nur ohne mich werden? Diese Heirat mit dem wohlhabenden Peter Trendzew, die sie für mich arrangiert haben, ist im Grunde ihre letzte Hoffnung, dass wieder Vermögen in die Familie kommt.«

Riki legte der Freundin tröstend den Arm um die Schulter. »Es wäre weniger schwer, wenn deine Eltern nicht adelig, sondern nur einfache Leute wären, oder?«, erwiderte sie mitfühlend.

»Ja, das trifft es genau. Besser schon immer arm als verarmter Adel, der nach außen den schönen Schein wahren muss. Hach, und ich fühle mich so fürchterlich verpflichtet und so schuldig, weil ich durch die Heirat ihre finanzielle Situation retten könnte!« Myras grazile Gestalt sackte in sich zusammen.