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Intrigen lauern oft dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Ein Unbekannter hat das Siegel des Karneolvogels gefälscht, mit dem er unermesslichen Schaden anrichten kann. Das müssen Riki und die Gaukler um jeden Preis verhindern. Doch ihr Weg führt sie nicht nur zurück zu Myra, sondern auch in die Nähe von Rikis Onkel. Und der trachtet danach, sie schnellstmöglich vom Zirkus wegzuholen und gegen ihren Willen mit ihrem früheren Verlobten zu verheiraten. Währenddessen erreicht Myra die schockierende Nachricht, dass ihr Ehemann entführt wurde. Zufall? Keineswegs, denn der Fälscher des Siegels hat eine ganze besondere Aufgabe für ihn. Ehe die Zirkusleute sich versehen, sind sie in eine Intrige verwickelt, deren Ausmaß sich ihnen erst nach und nach offenbart – und deren Konsequenzen ein ganzes Land ins Chaos zu stürzen drohen. Wird es Riki gelingen, ihre Freiheit zu bewahren und gemeinsam mit den Gauklern die drohende Katastrophe abzuwenden? Das Buch ist das Finale der Karneolvogel-Trilogie. Um der Handlung in allen Bereichen folgen zu können, ist es empfehlenswert, die ersten beiden Teile zuerst zu lesen.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Jeanette Lagall
Die Reise
des Karneolvogels – Band 3 –
Die Macht des Kodex
Roman
Die Karneolvogel-Trilogie:
Die Reise des Karneolvogels - Band 1 - Der Wanderzirkus Die Reise des Karneolvogels - Band 2 - Die Stadt der Gaukler Die Reise des Karneolvogels - Band 3 - Die Macht des Kodex
Jeanette Lagall
Mildred-Scheel Str. 1
50996 Köln
Text: © Jeanette Lagall 2018
Lektorat: Marlies Lüer
Korrektorat: Jana Oltersdorff
Covergestaltung: Laura Newman
Überarbeitete Neuauflage Februar 2025
Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, wozu auch die Verbreitung über »Tauschbörsen« zählt.
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
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Für alle, die ihren Teil zu der Geschichte beigetragen haben,
egal ob wissentlich oder unwissentlich.
Aber ganz besonders für die, die nichts von ihrer unverzichtbaren Rolle ahnen:
Vielen Dank für die gemeinsame Zeit,
ganz gleich, wie kurz sie auch gewesen ist!
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Inhalt
1. Vor einigen Tagen in Rom
2. Die weise Hummel
3. Der Charme des Franzosen
4. Glückliches Wiedersehen
5. Mrs Huxley
6. Ein ungeplanter Verlauf des Abends
7. Unterwegs ins Ungewisse
8. Warmes Wasser, kaltes Wasser
9. Mr Speeters Auftrag
10. Die Vorzüge eines Badezimmers
11. Dinner bei Mrs Huxley
12. Verwirrung in Form eines Telegramms
13. Der Zirkus im Stall
14. Ein Stapel Telegramme
15. Die Wahl des richtigen Begleiters
16. Wo bin ich?
17. Ein fatales Angebot
18. Zukunftsaussichten und Vergangenheit
19. Männergespräche – Frauengespräche
20. Ein Ort in Spanien
21. Eigenmächtiges Handeln
22. Ungewissheit
23. Ortswechsel
24. Eklat
25. Prophetische Bartmode
26. Die Auflösung des Rätsels
27. Der Karneolvogel als Türöffner
28. Die Spreu vom Weizen
29. Churros
30. Eine schlimme Ernüchterung
31. Entscheidung
32. Ein Wiedersehen
33. Ausbruch
34. Klatschbasen
35. Honig und Vernunft
36. Vergeblich und aussichtslos
37. Esteban
38. El Paraíso
39. Botschaften des Schicksals
40. Der wahre Entführer
41. Gebrannte Mandeln
42. Das Pfund zur Freiheit
43. Der Vorabend des Verbrechens
44. Nervös?
45. Die Parade
46. Kleidersuche
47. Ehrengäste
48. Der Zauber des Castillo
49. Ein Ring aus Karneol
50. Die Macht des Kodex
51. Abschied von Cádiz
52. Reise zu neuen Schwierigkeiten
53. Ankunft
54. Das letzte Gefecht
55. Der Tag davor
Nachwort
Personenverzeichnis
Fußnoten
Mit zitternden Händen strich Peter Trendzew noch einmal abschließend über seine Kleidung.
Ja, er war nervös. Doch das durfte ein Mann auch sein, wenn er in Kürze der einzigen Person gegenübertreten würde, die seinen Ruf in der Gesellschaft rehabilitieren und die Wiedervereinigung mit seiner Familie ermöglichen konnte.
Dabei sah er dem Treffen mit seinem ehemaligen Freund Emilio Benedetti durchaus mit gemischten Gefühlen entgegen.
Indem Benedetti ihn damals – aus zugegebenermaßen eigennützigen Gründen – davon abgehalten hatte, ein Attentat auf den italienischen König Umberto I zu begehen, hatte er Peter Trendzew einen ehrlichen Freundschaftsdienst erwiesen. Wenn auch auf reichlich verdrehte Art.
Denn dass er dazu Trendzews Familie als Druckmittel eingesetzt hatte, hatte ihrer Freundschaft erheblichen Schaden zugefügt – und das war noch vorsichtig ausgedrückt. Benedetti hatte es ernst gemeint. Todernst.
Doch rückblickend betrachtet, war es der einzig gangbare Weg gewesen. So verbohrt, wie Andrea Castoro – so lautete Trendzews richtiger Name – damals gewesen war.
Wie viel Zeit war eigentlich seitdem vergangen? Etwas mehr als zwei Jahre mussten es wohl schon sein. Mindestens.
Wie alt seine süße Giulia inzwischen wohl sein mochte? Er musste kurz zurückrechnen. Unfassbar, die Kleine war vor einiger Zeit bereits sechs Jahre alt geworden! Er würde alles darum geben, sie endlich wiedersehen zu können. Und erst Maria, seine Frau! Beide glaubten, er sei tot. Vielleicht hatte Maria sogar wieder geheiratet? Der Gedanke versetzte ihm einen Stich. Aber Benedetti hätte ihm doch gewiss gesagt, wenn es so wäre. Oder nicht?
Geheiratet. Sie hätte jedes Recht der Welt gehabt, wieder zu heiraten! Immerhin hatte man ihr gesagt, er sei tot. Er hingegen … Er hatte sich der Bigamie schuldig gemacht und dieses unbedarfte, ahnungslose Mädchen geehelicht.
Bei Gott, einen Bigamisten als Ehemann hatte die arme Myra wahrlich nicht verdient! Durch einen unglücklichen Zufall wusste sie über die ganze Geschichte Bescheid, und sie hatten sich kurz vor seiner Abreise noch ausgesprochen, was Trendzew nicht unerheblich erleichterte. Er hatte Myra versprochen, eine Lösung zu finden, bei der sie nicht ruiniert zurückbleiben würde. Wie auch immer diese aussehen mochte.
Doch damit würde er sich zu einem späteren Zeitpunkt befassen. Das Wichtigste war jetzt, dass er erfuhr, wie er seine Familie wiedersehen konnte.
Dieser dringende Wunsch übertünchte auch das ungute Gefühl, das er der ganzen Sache gegenüber hatte und das von Tag zu Tag stärker geworden war.
Obwohl Peter Trendzew den Brief schon auswendig kannte, zog er ihn wieder hervor und überflog ihn:
»Abessinien habe ich, wenn auch unter Bauchgrimmen, mitgetragen. Doch mit dem Bava-Beccaris-Massaker ist er zu weit gegangen. Ein Lump, der Mörder mit Orden ausstattet, ist der Treue nicht wert! Habe meine Gesinnung überdacht. Auch wenn ich Ihre Absichten dem König gegenüber weder billige noch mitzutragen gedenke, so bin ich unter gewissen Bedingungen bereit, zumindest Ihr Ansehen wieder herzustellen und einen Neuanfang zu ermöglichen. Treffen Sie mich im Oktober in Rom. Ihrer Frau und Ihrer Tochter geht es gut. Ich stelle Ihnen frei, zu Ihrer Familie zurückzukehren. Gezeichnet, Emilio Benedetti«
Die Unterschrift war vollkommen unleserlich, doch Trendzew hatte die Handschrift erkannt.
Wieder versuchte er, an dem Zettel etwas Verräterisches zu finden, doch er hatte ihn mittlerweile so oft gelesen, dass das Papier stellenweise schon erheblichen Schaden davongetragen hatte. Selbst wenn der Brief einst verräterische Merkmale gehabt haben sollte, die ihm damals aufgrund seiner Euphorie entgangen waren, so waren diese inzwischen auf dem abgegriffenen Fetzen hoffnungslos zerstört.
Wenn er ehrlich war, war er eigentlich auch erst misstrauisch geworden, als ihn Benedettis zweite Nachricht erreicht hatte, in der er ihn bereits für Anfang September statt im Oktober hierherbeordert hatte.
Das Siegel des Karneolvogels, das der Brief ursprünglich getragen hatte, war in der Zwischenzeit vollkommen abgeblättert. Myra war deswegen vollkommen aufgelöst gewesen und hatte ihn gebeten, etwas über dessen Herkunft herauszufinden. Er selbst hatte ihr nichts dazu sagen können, und das Siegel interessierte ihn auch herzlich wenig, doch Myra zuliebe wollte er ein paar Nachforschungen anstellen.
Doch genug davon. Peter Trendzew straffte sich, steckte den Brief zurück in seine Jackentasche, atmete noch einmal kräftig durch und machte sich dann auf den Weg.
Das mulmige Gefühl gesellte sich wie ein treuer Hund an seine Seite, schaute mit warnendem Blick zu ihm auf und bellte lautlos, während er durch die nächtlichen Straßen ging. Doch wie jedes überhebliche Herrchen strafte er seinen getreuen Begleiter mit Missachtung.
Eine Gruppe gut gelaunter Matronen zeterte sich freundschaftlich an, und Trendzew machte einen Bogen um sie, so gut es die enge Straße eben zuließ. Dabei geriet er in die Nähe der offenen Tür einer Gaststätte, aus der ihn die Insassen sogleich lauthals einluden mitzutrinken. Er beachtete sie gar nicht.
Die Gegend, in der Benedetti ihn einquartiert hatte, gehörte nicht unbedingt zu den schlechtesten, doch in den späten Abendstunden wurde sie eine Winzigkeit, nun ja, bourgeois. Es war ihm jedoch recht, denn so fiel er möglichst wenig auf. Benedetti hatte wohl auch aus demselben Grund für ihn keines der Hotels gewählt, in denen Trendzew normalerweise abzusteigen pflegte. Die Leute dort hatten einfach zu viel Langeweile. Diese führte zwangsweise zu Neugierde und diese wiederum dazu, dass man sich die perlengeschmückten Hälse nur allzu gern nach den Dingen verdrehte, die einen nichts angingen.
Auch wenn der Name seiner Unterkunft ihm ein leichtes Schmunzeln entlockte: ›Per il Ré e la Patria‹ – Für König und Vaterland. Äußerst passend.
Trendzew bog in eine Straße ein, in der es nach frisch gemangelter Wäsche, Tomatensoße und kräftigem Basilikum roch, und an deren Ende eine getigerte Katze ob seiner Eile maunzend zur Seite sprang. Dabei schaute sie ihn so vorwurfsvoll an, dass er lachen musste. Es gab keinen Grund, dass er so rannte, von seiner inneren Unruhe einmal abgesehen. Trendzew mochte Katzen und lockte das Tigerchen mit ein paar Schnalzlauten zu sich. Sofort näherte sie sich mit hochgerecktem Schwanz. Er streichelte ihr leicht über das Köpfchen, dann mit ein paar kräftigeren Strichen über den Rücken. Die Katze begann sogleich, ihm schnurrend um die Beine zu streichen. Das gleichmäßige Geräusch und das seidige Fell unter seinen Fingern beruhigten ihn etwas. Schließlich richtete er sich wieder auf, woraufhin ihm die Katze einen fragenden Blick zuwarf. »Tja, die Geschäfte warten«, murmelte Trendzew und kontrollierte seine Hosenbeine auf Katzenhaare. Dann setzte er seinen Weg fort. Das Tigerchen ließ sich gemächlich auf der Straße nieder und begann, sich die Pfote zu lecken.
Zwei Wegbiegungen weiter hatte die beruhigende Wirkung der Katze bereits wieder nachgelassen. Die innere Unruhe und das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, ließen sich nicht länger abschütteln. Trendzew bog noch einmal ab und konnte wenige Schritte später bereits das Kolosseum sehen. Doch er hatte keinen Blick für die monumentale Ruine. Er hastete weiter, Richtung Zirkus Maximus, wo er sich durch die schmuddeligen Kleingewerbestände und -hütten drängte, vorbei an dem Gasometer im westlichen Teil, bis er endlich die Basilika Santa Maria in Cosmedin vor sich auftauchen sah.
Hier, genauer gesagt am Bocca de la Verità, wollte Benedetti sich mit ihm treffen. Dass dieser Treffpunkt, wenn man bedachte, welcher Natur ihr Vorhaben war, einen verdächtig bedeutungsschweren Namen trug, nämlich ›Mund der Wahrheit‹, machte es nicht besser. Und dass ein derartig blumiger Treffpunkt eigentlich nicht im Geringsten zu dem nüchternen Benedetti passte, verdrängte Trendzew. Beileibe nicht zum ersten Mal. Zu groß war sein Verlangen, endlich seine Familie wiederzusehen.
Erst als er die fast menschenleere Piazza della Bocca della Verità vor der Kirche überquerte, gelang es seinem Misstrauen, sich schließlich ein wenig durchzusetzen, und er verlangsamte seine Schritte. Vorsichtig blickte er sich um, wobei ihm jedoch nichts Auffälliges ins Auge sprang. Allerdings je näher er der Säulenvorhalle der Basilika kam, in der die rätselhafte runde Scheibe mit dem Gesicht hing, an der sie sich verabredet hatten, desto absurder mutete ihm dieser Ort für ein Treffen mit dem gesetzten Benedetti an.
Doch anstatt umzukehren, betrat Trendzew den Säulengang.
Im nächsten Moment traf ihn ein Schlag auf den Kopf, der ihn so schnell in die schwarze Tiefe der Bewusstlosigkeit riss, dass er nicht einmal mehr einen Blick auf das scheibenförmige Relief werfen konnte.
Zwei kräftige Männer nahmen den zusammengesackten Trendzew zwischen sich, als wollten sie einen betrunkenen Freund stützen, und schleiften ihn hastig zu einer an der Seite der Piazza wartenden Droschke. Zwar waren ein paar wenige Nachtschwärmer unterwegs, doch diese waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass ihnen etwas merkwürdig vorgekommen wäre.
Die helle Scheibe des Bocca della Verità betrachtete das Geschehen schweigend und mit offenem Mund wie bereits seit hunderten von Jahren.
So war der ›Mund der Wahrheit‹ auch der einzige Zeuge, der einen Mann aus den Schatten eines gegenüberliegenden Hauseingangs treten sah, der sich verstohlen umblickte und dann eilig Richtung Stadtzentrum davonrannte.
Riki knabberte gedankenverloren auf einem Getreidehalm herum, während ihr der sonnengewärmte Grenzstein, an dem sie lehnte, den Rücken wärmte. Der Spätsommer schien es darauf angelegt zu haben, sowohl die gefiederten Barden der Lüfte als auch die Poeten und Maler der Menschen zu künstlerischen Meisterleistungen beflügeln zu wollen. Eine laue Brise strich zärtlich durch das Korn hinter Riki und entlockte den schweren Ähren in leisem Wispern die Geheimnisse des Sommers. Der Bauer hatte wohl noch keine Zeit gehabt, die Ernte einzufahren – oder ihm gefiel die goldene Farbe vor dem makellosen Blau des Himmels einfach zu gut.
Den Vögeln war es recht, sie schossen geschäftig wie kleine Dartpfeile über die wogenden Halme und schnappten sich unvorsichtige Insekten aus der Luft.
In tiefen Atemzügen sog Riki die warme Luft ein, die nach der ausklingenden Hitze des Sommers und den ersten Verheißungen des Herbstes roch. Sie fühlte sich herrlich frei, und obwohl nicht alles so war, wie sie es sich gewünscht hätte, war sie glücklich.
Morgen würden sie in Arrington ankommen und vielleicht würde sie sogar morgen schon Myra wiedersehen. Deren – bereits anderweitig verheirateter – Ehemann hatte seine schwangere Frau für die Dauer seiner Reise nach Rom bei Mrs Huxley, einer Freundin der Familie, untergebracht. Zum Glück wohnte die ältere Dame nicht direkt in Arrington, sondern ein gutes Stück außerhalb auf dem Land.
Normalerweise hätte der Zirkus direkt die Stadt angesteuert, doch in diesem besonderen Fall war es wichtig, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Sowohl um Myras als auch um Rikis willen.
Wobei es bei einem Zirkus ohnehin nur eine Frage der Zeit war, bis er auffiel, einerlei, wie weit man sich von belebten Gegenden entfernt hielt.
Den Gedanken, dass daher auch ihr Onkel bald merken könnte, dass sie in der Nähe war, drängte Riki erfolgreich beiseite. Inzwischen war sie recht gut darin geworden, sich keine unnötigen Sorgen darüber zu machen, was möglicherweise sein könnte, sondern sich erst dann um die Schwierigkeiten zu kümmern, wenn sie tatsächlich eintrafen.
Jetzt ging es erst einmal darum, Myra wiederzusehen, und zwar möglichst so, dass man kein unnötiges Aufsehen erregte. Laut Myras Aussage schien ihre Gastgeberin Mrs Huxley selbst zwar recht unkonventionell zu sein, doch Riki kannte die restliche bessere Gesellschaft nur zu gut. Daher wusste sie, dass aufgrund von Myras Vorgeschichte allein die Nähe eines Zirkus ausreichte, um das Getratsche anzufachen.
Und Myras Schwangerschaft war in einem Stadium, das zeitlich zwar durchaus mit ihrer Hochzeit zusammenfallen konnte – allerdings ebenso mit ihrer Zeit beim Zirkus, mit dem sie und Riki im Frühling dieses Jahres weggelaufen waren. Tja, und da man ja nur allzu gut zu wissen glaubte, wie zügellos dieses Gauklervolk doch war, war Myras ›Zustand‹ ein gefundenes Fressen für die gelangweilte viktorianische Gesellschaft.
Nun, in diesem Falle lagen sie nicht einmal verkehrt. Wenn auch nicht die Zügellosigkeit des fahrenden Volkes die Ursache gewesen war, sondern die ehrlich empfundene Liebe zweier Menschen.
Gregor würde es sich nicht nehmen lassen, Myra wiederzusehen, doch das brauchte nur ein neugieriger Dienstbote mitzubekommen, und Myra steckte in ernsten Schwierigkeiten. Denn wenn die Gerüchteküche erst einmal kochte, dann wurde ihr Opfer die ihm angedichteten Unterstellungen ebenso wenig los wie ein angebranntes Gericht den verbrannten Geschmack.
Und Riki wusste nicht, wie weit Myras Ehemann im Bilde war.
Es hieß also, vorsichtig zu Werke gehen.
Wichtig, wenn auch zweitranging, war für Riki, dass ihr Onkel am besten gar nicht erst mitbekam, dass sie in der Nähe war. Er hatte sie damals verstoßen, als sie sich geweigert hatte, der Hochzeit mit ihrem Fast-Verlobten Adalbert noch auf dem Bahnsteig zuzustimmen. Womöglich ignorierte Theodore Speeter ihre Anwesenheit auch, selbst wenn er davon erfuhr, doch ihr unberechenbarer und aufbrausender Onkel war niemand, dessen Aufmerksamkeit Riki auf sich ziehen wollte.
Sie schob ihre verbeulte Kappe zurück, die ihr in die Augen gerutscht war, nahm die Getreideähre aus dem Mund und legte ihren Arm entspannt auf ihr angezogenes Knie, das in verschossenen Stoffhosen steckte. Ihr Blick fiel auf den ausgefransten Ärmel ihres Hemdes und entlockte ihr ein wehmütiges Schmunzeln. Sie liebte ihre einfache Knabenkleidung, da sie so unfassbar komfortabel war und ihr an Orten Bewegungsfreiheit gab, an denen sie als Dame sofort unerwünschte Blicke auf sich gezogen hätte. Auch wenn zwischenzeitlich ihr nachgewachsenes Haar, das in vorwitzigen, braunen Kringeln unter der Kappe hervorspitzte, den aufmerksameren Beobachtern verriet, es keinesfalls mit einem Knaben zu tun zu haben. Aber es ging ihr ja auch mittlerweile nicht mehr darum, sich zu verkleiden. Sie fand es schlichtweg bequem.
Eine müde Hummel ließ sich träge auf ihren Ärmel plumpsen, um zu verschnaufen. Die pollenbeladenen Beinchen hielten sich dankbar an dem baumwollenen Gewebe fest, während die Fühler aufmerksam tasteten, ob hier nicht womöglich doch etwas Leckeres zu holen sei. Der pelzig gestreifte Hinterleib pumpte dabei, als wäre sie soeben einen Marathon geflogen. Aber obwohl der Stoff nicht schmackhaft war, schien es der Hummel dort zu gefallen.
»Siehst du, sogar du hast mehr Geschmack als Ramiro«, sagte Riki zu der Hummel, nachdem sie sie eine Weile beobachtet hatte.
Das Tierchen hielt einen Moment inne, krabbelte und tastete dann aber ungerührt weiter umher.
»Aber es ist auch vollkommen einerlei, was er denkt, er ist mir nämlich schnurzepiepe«, fuhr Riki fort.
Die Hummel summte kurz unwillig und änderte abrupt die Richtung.
»In Ordnung, du hast ja recht. Er ist mir überhaupt nicht schnurzepiepe. Aber das sage ich nur dir, und du darfst es niemandem weitersagen!«
Das Insekt ging zwei Schrittchen rückwärts, dann drehte es sich in die Gegenrichtung.
»Nein, ich werde meine Meinung über ihn nicht ändern!«
Die Hummel tastete ein wenig ratlos herum und entschied sich dann wieder für die Richtung, aus der sie ursprünglich gekommen war.
Riki seufzte. »Ja, das stimmt. Ich drehe mich wirklich im Kreis, was diesen unmöglichen Menschen angeht.«
Ihre sechsbeinige Gesprächspartnerin hielt inne, rieb die beiden vorderen Beinchen gegeneinander und wischte sich damit ein paar Mal über die Fühler.
»Das sagst du so einfach! Ich weiß, dass ich mir erst einmal selbst klarwerden sollte, was ich möchte! Als wenn sich das so leicht finden ließe.«
Daraufhin klappte die Hummel die Flügel nach oben und summte ein paar Mal.
»Du hast gut brummen. Bei euch Hummeln ist das sicher alles ganz einfach. Nur bei uns Menschen ist wieder einmal alles fürchterlich kompliziert. Aber vielleicht machen wir es uns auch nur selbst so schwer.«
Das Tierchen hob ein paar Mal hintereinander eines der Beinchen mit den gesammelten Pollen und summte, dass Rikis Hemdsärmel vibrierte.
»Oh, das heißt, du musst jetzt weiterarbeiten?«
Mit einem zustimmenden Brummen hob sich die Hummel in die Luft, wobei ein zarter Lufthauch Rikis Hand streifte, dann taumelte sie in den sonnigen Spätnachmittag.
Riki musste lachen. »Ja, es hat mich auch gefreut, mich mit dir zu unterhalten. Ich wünsche dir noch einen guten Flug!« Dann wurde sie wieder ernst.
Seit den Ereignissen in der Stadt der Gaukler schlichen Riki und Ramiro umeinander herum wie Öl und Wasser in einem Glas: Vollkommen aussichtslos, eins zu werden, aber trotz der klar sichtbaren Trennlinie dennoch unmöglich, beides so voneinander zu isolieren, dass beim einen nicht Spuren vom anderen blieben.
Immer dann, wenn es die Umstände zuließen, ignorierten sich Riki und Ramiro, so gut es möglich war. Das ging seitens Ramiro so weit, dass er sogar draußen schlief, wenn es das Wetter auch nur annähernd erlaubte, nur um Abstand zu Riki zu wahren.
Was nicht nur einmal dazu geführt hatte, dass irgendwann in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden ein leise fluchender und äußerst nasser Ramiro reuig in den Wagen zurückgeklettert kam.
Nun, sollte er ruhig ein solches Theater veranstalten, wenn er das für richtig hielt. Riki würde sich jedenfalls nicht aus ihrem urgemütlichen, nach altem Holz, getrockneten Kräutern und Abenteuer duftenden Wagen vertreiben lassen. Nachdem Ianos wieder zu Dolores gezogen war, schliefen also nur noch Gregor, Riki, gelegentlich Felicitas und wenn es nass wurde, auch Ramiro darin. Eine Konstellation, die ihr nach wie vor ein Lächeln entlockte. War sie doch eigentlich völlig undenkbar für eine viktorianische höhere Tochter.
Und es gab noch etwas, was ihr ein Lächeln entlockte. Wenn auch ein unfreiwilliges und eines, das sie immer schnell zu unterdrücken suchte, sobald sie daran dachte. Zumindest dann, wenn sie vergessen hatte, den Gedanken selbst zu unterdrücken. Was ärgerlich oft vorkam.
Seit zwei Tagen hatte sich ihnen Antoine, ein junger Jongleur, angeschlossen, der ebenfalls bis nach Arrington wollte, wo sich ihre Wege wieder trennen würden. Der charmante Franzose, mit seinen zweiundzwanzig Jahren gerade einmal vier Jahre älter als Riki, liebte es, spielerisch mit ihr zu schäkern. Ramiro ertrug es zähneknirschend, aber mit heroischem Schweigen – und dem Gesichtsausdruck eines Pitbulls, der eine Wagenladung Zitronen verschluckt hatte.
Aber er hatte seine Rechte an Riki nun einmal verloren und bisher auch nichts mehr unternommen, sie gegebenenfalls zurückzugewinnen.
Allerdings hatte Dolores Antoine ebenfalls bei Gregor und ihr im Wagen einquartiert. Und trotz des herrlichen Wetters, das geradezu einlud, die Nächte draußen zu verbringen, schlief auch Ramiro seit zwei Tagen konsequent im Wagen.
Jetzt lächelte sie ja schon wieder!
Als es zeitlich langsam gegen Abendessen gehen musste, machte sich Riki auf den Weg zurück zu den anderen.
Das Bild, das sich ihr am Lagerfeuer bot, war zwar auf den ersten Blick nicht weiter auffällig, aber auf den zweiten handelte es sich um das Ende einer Szene, von der sie sich nur zu bildlich vorstellen konnte, wie sie gerade abgelaufen war – und die ihr allein schon deswegen ein Schmunzeln abnötigte, weil sie so typisch war.
Gregor und Alarico saßen einander schräg gegenüber, wobei Gregor den Blick seitlich zu Boden gesenkt hatte, einen ärgerlichen Ausdruck auf seinem Engelsgesicht. Der Zauberer hingegen, hoch aufgerichtet wie ein Bataillon Sargträger, durchbohrte den Unterlegenen noch mit seinem schwarzen Blick, ohne dabei jedoch einen Muskel seiner aristokratischen Miene zu verziehen. Dolores, die schwarzhaarige Wahrsagerin, stand hinter Gregor, hatte die Hände begütigend auf seine Schultern gelegt und den Blick ihrer grünen Augen mit einem tadelnden Funkeln auf Alarico gerichtet. Ihre Tochter Felicitas saß daneben, verdrehte missmutig die Augen und zupfte an ihrem kupferroten Schopf herum. Der gutmütige Clown Urs rührte hingegen mit verschmitztem Gesichtsausdruck in seinem Kochtopf und unterdrückte ein Lächeln, wobei er seinem Äffchen Uri, die auf seiner Schulter saß, einen Leckerbissen zusteckte.
Für Riki war offenkundig, was sich ereignet hatte:
Gregor hatte schon wieder voller überschäumender Begeisterung verkündet, dass er noch in der gleichen Sekunde, in der die Wagen morgen ihr Ziel erreichten, zu Myra aufbrechen und sie wiedersehen würde. Daraufhin hatte ihn Alarico kühl, aber unmissverständlich darüber in Kenntnis gesetzt, dass das der mit Abstand inadäquateste Weg sei, die Angelegenheit anzugehen – und Gregor tunlichst warten würde, bis die Zeit für ihn gekommen sei. Es sei denn, er beabsichtige, es zwingend darauf anzulegen, Myra Schaden zuzufügen. Mithin war dem ehemaligen Novizen nichts anderes übriggeblieben, als klein beizugeben. Denn wenn der Zauberer es wollte, war es so gut wie unmöglich, sich seiner eisigen Autorität zu entziehen.
Dolores, deren weiches Herz nur zu gut nachvollziehen konnte, wie sich Gregor fühlte, hatte ihn in Schutz genommen, auch wenn sie in diesem Fall Alaricos Meinung teilte. Dennoch hatte sie dem Magier wohl deutlich mitgeteilt, dass er nicht so hart mit dem Jungen sein sollte. Was wiederum Felicitas auf die Nerven fiel – wie so ziemlich alles, was ihre Mutter tat und sagte.
Urs hingegen, der das Szenario bereits ebenso gut kannte wie Riki, hatte sich einfach weiter dem Kochen gewidmet und überlegte vermutlich gerade, ob sich diese typische Szene in irgendeiner Form in eine Clownsnummer für die Manege verwandeln ließ.
Das clevere Eselchen Flipflip graste unmittelbar daneben, die Aufmerksamkeit auf die kleine Gruppe gerichtet, für den Fall, dass einer der Menschen einen Leckerbissen für es hervorzaubern würde. Lächelnd ging Riki zu ihm und kraulte es zwischen den Ohren, wofür es sogar das Grasen unterbrach.
Eine Weile später hatten sich alle zum Abendessen eingefunden. Wie üblich ließ sich ihr vorübergehender Neuzugang Antoine schwungvoll neben Riki fallen, hob ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf.
»Bonsoir, ma belle. Zwar wäre die Nacht bereit, misch die Mysterien des Üniversums zu offenbaren, doch mit Freuden würde isch darauf verzichten, könnte isch stattdessen eine Kuss von Ihnen stehlen!«
Daraufhin spitzte der unverschämte Kerl die Lippen und wackelte auffordernd mit den Augenbrauen, woraufhin ihm sein dunkelblondes Haar keck in die Stirn fiel.
Riki versetzte ihm lachend und kopfschüttelnd einen Stoß. Er trug aber auch jedes Mal dicker auf!
»Hör' dir lieber an, was dir das Universum zu sagen hat, statt mir Küsse stehlen zu wollen, da hast du mehr davon!«, rügte sie ihn spielerisch, woraufhin er theatralisch mit einem ergebenen Seufzer in sich zusammensackte.
»Und erneut abgewiesen«, jammerte er. »Du legst es darauf an, mir das 'erz zu breschen! Doch isch werde bis zu die letzte Atemzug weiter um dein Gunst kämpfen.«
»Nun, daran kann ich dich nicht hindern«, versetzte Riki. »Doch lege ich dir nahe, deine amouröse Energie vielleicht für ein lohnenderes Objekt aufzuheben.«
Antoine warf ihr einen Hundeblick zu und schüttelte wie in tiefster Resignation den Kopf.
»Wann wirst du misch endlisch glauben, dass du für misch das größte Belohnung auf die Welt wärst? Eh bon. Kann ich misch dein Gunst wenigstens erkaufen? Vielleischt mit ein Schälschen Suppe?«
Riki runzelte die Stirn, als müsse sie angestrengt nachdenken, und schüttelte dann geringschätzig den Kopf. »Für ein Schälchen Suppe bekommst du allenfalls die Gunst, neben mir sitzen zu dürfen.«
»Ah, dann muss misch das reichen.« Er warf einen schnellen Seitenblick auf Ramiro, dann schnurrte er ihr noch für alle gut hörbar ins Ohr »Schließlisch ist es unsere letzte gemeinsame Nacht.«
Antoine wusste nur zu gut, wie er den Spanier auf die Palme bringen konnte. Riki wunderte sich ohnehin, dass es Ramiro bisher auf wundersame Weise gelungen war, noch auf keine der verspielten Neckereien Antoines anzuspringen.
Auch wenn der charmante Jongleur nicht wusste, was genau zwischen Riki und Ramiro vorgefallen war, hatte er ziemlich schnell bemerkt, dass es irgendetwas zwischen ihnen gab. Seitdem machte er sich einen Spaß daraus, den Spanier aus der Reserve zu locken. Bisher ohne Erfolg, obwohl man den Rauch, der Ramiro aus Nase und Ohren quoll, schon fast sehen konnte.
Wenn Riki ehrlich war, wünschte sie sich sogar, dass Ramiro die Fassung verlor. Dann konnte sie ihn für diese Anmaßung nämlich endlich in der Luft zerreißen. Schließlich waren Ramiro und sie kein Paar mehr, woran einzig und allein er die Schuld trug. Weswegen es ihn auch nichts anging, was sie mit Antoine tat oder ließ. Ramiro war eindeutig der Letzte, der sich hier einmischen durfte.
Dolores warf einen Blick auf den kochenden Spanier und schob Ianos, der gerade ankam, wortlos neben ihn. Der kräftige Entfesselungskünstler war als einziger stark genug, Ramiro ohne Hilfe zurückzuhalten, wenn diesem irgendwann doch das Temperament durchgehen sollte. Ansonsten brauchte es mindestens zwei Männer. Der Spanier war zwar klein, aber da er nicht nur Seiltänzer, sondern gleichzeitig auch Bodenakrobat war und am Vertikalseil arbeitete, bestand er aus purer Kraft und Muskeln.
»Wunderbar, dann wären wir ja vollzählig«, sagte Urs mit einem Blick auf Ianos und begann, Suppe in die irdenen Schüsseln zu schöpfen und weiterzureichen.
Eine Weile löffelten alle schweigend, bis der erste Hunger gestillt war. Dann begannen Urs und Alarico sich zu unterhalten, und Felicitas beschwerte sich bei Dolores über irgendeine Aufgabe, die sie von ihr bekommen hatte. Das vertraute Gemurmel löste schließlich auch ein wenig die Anspannung, die in Ramiro steckte, auch wenn er Riki und Antoine weiterhin mit Argusaugen beobachtete.
Doch Antoine wäre nicht Antoine gewesen, wenn er nicht weiterhin versucht hätte, die Sache auf die Spitze zu treiben.
»Ganz ehrlich, isch bedauere es wirklisch, euch morgen schon zü verlassen«, sagte er zu Riki.
»Mir tut es auch leid«, antwortete sie aufrichtig. Sie mochte den unverschämten Burschen und liebte die unbeschwerten Neckereien mit ihm. Er erinnerte sie an einen übermütigen jungen Hund, der überall seine Grenzen auslotete. Riki war nicht mehr so naiv wie früher. Sie wusste genau, dass, wenn sie Antoine auch nur ein wenig mehr entgegengekommen wäre, er auch mehr von ihr genommen hätte als lediglich freundschaftlich mit ihr herumzukabbeln. Er war jemand, der nahm, was er bekommen konnte und der durchaus zu schätzen wusste, was das Leben ihm bot. Doch er war Riki kein einziges Mal zu nahe getreten, hatte ihre Grenze niemals überschritten, ja, es nicht auch nur ansatzweise versucht, was sie ihm hoch anrechnete.
»'eißt das, du schenkst misch dein 'eutigen Abend?«, fragte Antoine und legte seinen gesamten Charme in sein spitzbübisches Grinsen.
Riki brauchte gar nicht erst zu Ramiro zu schauen, um zu wissen, dass sie und Antoine seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatten.
Sie stellte ihr Suppenschüsselchen bedächtig neben sich auf den Boden und tat so, als müsse sie überlegen »Tjaaa, womöglich? Was hättest du mir denn so zu bieten?«
Antoine lehnte sich etwas mehr zu ihr und ließ seinen Blick bedeutungsvoll zu Ramiro huschen, allerdings so, dass dieser es nicht sehen konnte.
»Eine sternenklare Nacht, an eine ge'eime, romantische Platz, nur du und isch …« Er ließ den Satz verheißungsvoll ausklingen, als plötzlich ein lautes Knacken aus Ramiros Richtung kam.
Irritiert schaute Riki zu ihm, konnte jedoch nur erkennen, dass er Antoine mit zusammengepressten Lippen und flackerndem Blick anstarrte. Riki erkannte die Ursache des Geräuschs erst, als Dolores Ramiro vorsichtig die Überreste seiner Suppenschüssel aus der Hand nahm, über der noch die andere Hand mit dem Löffel schwebte. Es war das Bersten des Tons gewesen. Allerdings war der Artist so beschäftigt, Antoine mit Blicken zu erdolchen, dass er nichts mehr um sich herum wahrnahm.
»Besser, du hast ein Auge auf unser Pulverfässchen«, unterwies Dolores Ianos leise, woraufhin dieser vorsorglich seine eigene Schüssel auf dem Boden abstellte, um die Hände frei zu haben.
Um Antoines Mundwinkel zuckte es verräterisch. Er lehnte sich noch näher zu Riki und hob die Hand, um ihr damit sanft über den Oberarm zu streichen.
»Isch verspreche dir, es wird eine unvergleischlische Nacht für disch werd...«
»LASS MICH LOS, DU HORNOCHSE!«
Eindeutig Ramiro. Riki bemühte sich tapfer, nicht laut loszulachen, und konzentrierte sich darauf, ihrem Galan tief in die Augen zu schauen, der sich ebenfalls schon auf die Lippen biss, um nicht herauszuplatzen.
»Wirklich?«, hauchte sie betont naiv, erhob sich und reichte Antoine die Hand. »Dann lass uns gehen.«
Aus Ramiros Ecke kamen ein dumpfes Keuchen und unverständliche Laute, die darauf hindeuteten, dass ihn irgendwas am Sprechen beziehungsweise Brüllen hinderte.
Gemächlich drehten sie der Gruppe den Rücken zu und gingen.
»… ZU IHR!«
Ah, Ramiro hatte sich offensichtlich zum Teil freigekämpft.
»Er lässt dich los, wenn du Antoine in Ruhe lässt«, ließ sich Dolores' mahnende Stimme vernehmen.
Ein abfälliges Schnauben ertönte.
»Und?«
»Ich habe mit Antoine nichts zu schaffen.« Dabei ging ›Antoine‹ mit einer Betonung einher, die normalerweise eher »Furunkel auf der Nase« oder Ähnlichem vorbehalten war.
Nur wenige Sekunden später wurde Riki am Arm gepackt und herumgewirbelt.
»Lass ihre Hand los«, blaffte Ramiro ihren Begleiter an, der sicherheitshalber gehorchte.
»Und du kommst sofort mit!« Dabei war diese Aufforderung vollkommen überflüssig, denn Ramiro zerrte Riki bereits hinter sich her wie ein Wolf das erlegte Wild. Notgedrungen stolperte sie ihm hinterher und spürte, wie aufgrund seines Gebarens langsam die Wut in ihr hochkroch. Gut so.
Als er sie endlich außer Hör- und Sichtweite der anderen gebracht hatte, baute er sich vor ihr auf wie ein zu klein geratener Rachegott.
»Was fällt dir ein, dich dem Kerl dermaßen an den Hals zu schmeißen?«
Wie bitte? Das war ja wohl die Höhe.
Riki stemmte die Arme in die Hüften. »Und was fällt dir ein, dich einzumischen?«
Ramiro starrte sie einen Moment aus dunklen, schmalen Augen an, dann deutete er, ohne sich von ihr abzuwenden, mit einer wütenden Geste in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
»Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte: Der Kerl war gerade dabei, dir an die Wäsche zu gehen!«
»Ach, tatsächlich?«
»Ja, tatsächlich!«, äffte Ramiro sie nach. »Du glaubst doch nicht ernsthaft …«
»Und selbst wenn es so wäre, dürfte ich bitte erfahren, was dich das angeht?«
»Was mich das angeht?!« Ramiros Stimme schnappte beinahe über, und er warf ungläubig die Hände in die Luft.
»Soweit mir bekannt, habe ich unsere Beziehung beendet, nachdem DU deiner alten Flamme bei erstbester Gelegenheit das Bett warmgehalten hast. Ich wüsste nicht, dass ich mich zwischenzeitlich anders entschieden hätte.«
»Das hat doch damit nichts zu tun!«
»Ach, hat es das nicht? Woher nimmst du dann das Recht, dich in meine Angelegenheiten zu mischen?«
»Ich bin …« Ramiro gestikulierte fahrig und setzte dann erneut an. »Ich mache mir Sor...« Auch hier unterbrach er sich schnell, bevor er zu viel sagte, und setzte stattdessen ein drittes Mal an. »Ich wollte dich …« Er fuhr sich aufgebracht mit den Händen durch die Haare und zog dabei versehentlich eine braune Strähne aus dem Zopf. »Ach, zum Teufel, Riki! Du warst kurz davor, eine Riesendummheit zu begehen!«
»Nein, das war ich nicht!«
»Du hast wirklich keine Ahnung.« Ramiro lief aufgeregt vor ihr auf und ab und gestikulierte wild. »Er war nur darauf aus …«
»Das habe ich sehr wohl verstanden. Hör auf, mich für so hoffnungslos naiv zu halten! Außerdem bist du derjenige, der keine Ahnung hat. Antoine hat nur versucht, dich in Harnisch zu bringen; was ihm übrigens wunderbar gelungen ist. Und ich habe ihm gern dabei geholfen.«
Unter finster zusammengezogenen Augenbrauen blickte er sie zweifelnd an. Zumindest hatte er aufgehört herumzurennen. Bevor er etwas sagen konnte, reckte Riki herausfordernd das Kinn.
»Abgesehen davon: Du hast kein Recht, dich in meine Angelegenheiten zu mischen. Und wenn ich mit irgendjemandem eine Riesendummheit begehen will, dann ist das meine Sache!«
Ramiro sah zwar nicht so aus, als teilte er diese Meinung, aber offensichtlich fiel ihm kein Gegenargument ein. Stattdessen fuhr er sich erneut aufgebracht durch die dunklen Haare und trat von einem Fuß auf den anderen.
»Oder erwartest du jetzt von mir, dass ich nach dir keinen anderen Mann mehr anschaue?«
Ramiro knirschte hörbar mit den Zähnen. »Natürlich nicht«, gelang es ihm irgendwie hervorzupressen. »Aber …«
»Was aber?!«
»… nicht gerade ihn«, endete Ramiro schwach.
»Ach, und wen denn dann?«, explodierte Riki. »Oder maßt du dir etwa an, den richtigen Umgang für mich bestimmen zu wollen?!«
»Riki, bitte. Das tue ich nicht.« Er raufte sich die Haare, blieb dabei hängen und zerrte bei seinem ungeduldigen Befreiungsversuch eine weitere Strähne aus seinem Zopf, was er mit einem ungehaltenen Knurren quittierte. »Aber er ist gewiss nicht der richtige Umgang für dich!«
»Oh, da bin ich aber froh, dass du dir nicht anmaßt, mir die Entscheidung abzunehmen«, entgegnete Riki spöttisch. »Und wer wäre dann der richtige Umgang für mich? Etwa du?«
Ramiro schüttelte den Kopf, in seinem Gesicht arbeitete es. »Nein, ich ganz gewiss nicht.« Seine Aussage klang eigentümlich schwermütig. »Vergiss, was ich gesagt habe. Aber du solltest bedenken, dass diesem Kerl mit Sicherheit nichts an dir liegt.«
»Und woher willst du das wissen? Vielleicht aus Erfahrung? Weil er so ist wie du?« Eigentlich wollte Riki giftig klingen, klang jedoch nur bitter.
Diesmal sah Ramiro ihr in die Augen. »Mir liegt so viel mehr an dir, als du glaubst«, sagte er leise. Dann schluckte er, atmete tief durch und verschränkte die Arme vor der Brust. Vermutlich sollte das abweisend wirken, doch es erweckte eher den Anschein, als wollte er sich schützen. »Willst du ihn denn so unbedingt?«
Riki starrte ihn verblüfft an. Hatte er es wirklich noch nicht verstanden? Sie hob unwillkürlich die Hand, um ihn zu berühren, hielt jedoch auf halbem Weg inne und ließ sie wieder sinken.
»Ramiro, das war ein Scherz. Ein Scherz, um dich wütend zu machen. Ja, ich mag Antoine sehr gern. Aber nicht auf diese Art. Das stand niemals zur Debatte.«
Während sie sprach, hatte Ramiro den Blick gesenkt, um die Erleichterung darin zu verbergen. Er kämpfte einen Moment um die Kontrolle, dann blickte er wieder auf.
»Ich kann nicht sagen, dass mich das traurig macht.« Er versuchte sich an einem schiefen Lächeln, doch es missriet.
»Aber du bist in letzter Zeit so widersprüchlich«, platzte es aus Riki heraus. »Ich verstehe ja, dass du nach Inés' Tod Zeit brauchst. Und ich brauche wegen dieser anderen Sache mit Inés Zeit. Tatsache ist: Wir sind kein Paar mehr. Und dann passieren solche Dinge wie eben mit Antoine – aber auf der anderen Seite hast du seit der Stadt der Gaukler nicht den geringsten Versuch unternommen, mich zurückzugewinnen.« Jetzt war es an Riki, wild zu gestikulieren. »Das soll jetzt kein Vorwurf sein, ich will dich ja gar nicht mehr. Trotzdem verstehe ich dich einfach nicht!«
Ramiro biss sich auf die Lippe. »Ich wollte dich ja nur beschützen.«
»Ich will aber nicht, dass du mich beschützt. Also halt dich das nächste Mal bitte raus!«
»Das kann ich nicht versprechen.«
»Wie bitte?« Der Ärger, der sich zwischenzeitlich gelegt hatte, kochte wieder in Riki hoch. »Soll das heißen, jedes Mal, wenn ich einem anderen Mann zu nahekomme, springst du dazwischen und schlägst ihn in die Flucht?«
»Ja! … Nein! Hach, das ist kompliziert«, knurrte er mit finsterem Blick, doch ohne es näher auszuführen.
»Da ist gar nichts kompliziert. Du kannst wohl kaum von mir erwarten, dass ich nie wieder einen anderen Mann anschaue, nur weil wir einmal ein Paar waren! Was glaubst du eigentlich, wer du bist?!«
Für eine Weile starrten sich Riki und Ramiro nur an, ohne dass einer etwas sagte. Schließlich brach Riki das Schweigen.
»Da du ja offensichtlich nichts Nennenswertes mehr zu unserer Unterhaltung beizutragen hast: Für mich ist dieses Thema beendet. Du wirst dich in Zukunft aus diesen Sachen raushalten, oder du lernst mich richtig kennen!«
Damit ließ sie ihn stehen. Riki war nicht im Geringsten geneigt, auch nur eine Minute länger mit derart fruchtlosen Diskussionen zu verschwenden. Und sie würde sich von Ramiros Torheiten auch nicht den Abend verderben lassen. Dafür freute sie sich schon viel zu sehr auf morgen, wenn sie endlich Arrington erreichten. Vielleicht war das Glück ihr ja hold, und sie würde womöglich schon morgen Myra wiedersehen!
Ramiro machte auch keinen Versuch, sie aufzuhalten. Er wusste, dass er die Zurechtweisung verdient hatte. Die Frage, warum er sich, sobald es um Riki ging, zuverlässig jedes Mal wie ein Idiot verhielt, stellte er sich schon gar nicht mehr. Unbewusst strich er über die frische Narbe an der Innenseite seines Unterarms.
Er fühlte sich nach wie vor für Riki verantwortlich, hatte sich aber wohlweislich gehütet, ihr dies vorhin zu sagen. Ihre Reaktion auf eine solche Aussage konnte er sich nur allzu bildlich vorstellen. Seit sie vor etwa zwei Wochen aus der Stadt der Gaukler aufgebrochen waren, hatte er sich, so gut es ging, von Riki ferngehalten. Er war dem Rat der Gaukler fast dankbar, dass er durch den tiefen Schnitt in seinem Arm, den man ihm als Strafe für den Verlust des Karneolvogels zugefügt hatte, nicht mit Riki hatte trainieren können. Denn so war es ihm überhaupt möglich gewesen, ihr aus dem Weg zu gehen. Abgesehen davon hielt sie ihn ohnehin auf Abstand. Zum Glück.
Damit Riki nicht zu viel von dem verlor, was sie sich bis jetzt angeeignet hatte, hatte er ihr zwar diverse Übungen gezeigt, die sie allein machen konnte, und ihre Technik dabei überwacht, doch dieses gemeinsame Arbeiten war weitestgehend berührungslos. Und da sie beide nach den Ereignissen in der Stadt der Gaukler ein wenig Abstand brauchten, hatte es soweit ganz gut funktioniert, auf dieser rein professionellen Ebene zusammenzuarbeiten. Obwohl es Ramiro von Mal zu Mal schwerer fiel, auch wenn er es nicht zeigte.
Er schob den Ärmel seines Hemdes zurück und blickte gedankenverloren auf den verheilenden Schnitt. Ein wenig Schonfrist hatte er noch, aber er mochte gar nicht daran denken, wie es werden würde, wenn sie das Training wiederaufnahmen – mit allem Drum und Dran.
Ramiro liebte Riki mit jeder Faser seines Herzens. Sich die ganze Zeit von ihr fernzuhalten, war die reinste Folter für ihn gewesen, doch durch den erzwungenen Abstand war es noch gegangen, wenn auch mehr schlecht als recht. Aber ihr wieder so nah zu sein, sie wieder zu berühren, auch wenn es nur wegen des Trainings war, würde ungleich schlimmer werden. Er sehnte sich mit einer geradezu verzweifelten Heftigkeit nach Riki, die ihm fast schon körperliche Schmerzen bereitete. Doch es durfte nicht sein. Er hatte jedes Recht verwirkt, sie jemals wieder die Seine zu nennen. Das hatte er sich in der Stadt der Gaukler geschworen. Es war einfach das Beste für Riki. Und sie machte es ihm leicht, da sie ihm die kalte Schulter zeigte.
Entgegen seiner Vorsätze war Ramiro dennoch ein paar Mal schwach geworden und hatte sich Riki in der Absicht genähert, sie ein wenig mehr für sich einzunehmen. Bevor er jedoch sein Vorhaben ernsthaft in die Tat hatte umsetzen können, waren Inés' letzte Augenblicke vor seinem inneren Auge aufgetaucht. So deutlich, dass er fast das Blut an seinen Händen und den Körper in seinen Armen spürte, als die einzige Frau, die er – außer Riki – jemals wirklich geliebt hatte, in seinen Armen ihr Leben aushauchte. Weil sie eine Kugel abgefangen hatte, die eigentlich ihm galt.
Die Erinnerung war so greifbar und scharf, als wäre sie lebendige Gegenwart, und traf ihn jedes Mal mit der Wucht eines Armbrustbolzens direkt in den schutzlosesten Teil seiner Seele. Weswegen er seine Ambitionen Riki gegenüber jedes Mal schlagartig fallen gelassen hatte. Wenn sie durch seine Schuld ebenfalls verletzt oder gar getötet werden würde … das könnte er nicht ertragen. Er musste sie daher um jeden Preis vor sich schützen.
Denn wie er es auch drehte und wendete: Letztendlich war Inés' Tod seine Schuld gewesen. Zwar durch eine Verkettung ungewöhnlicher und unglücklicher Gegebenheiten, doch Auslöser waren in jeder Hinsicht seine dummen, unbedachten und verantwortungslosen Handlungen. Daher musste er Riki so weit wie möglich von sich fernhalten. Beziehungsweise er sich von ihr.
Dazu gehörte zwar auch, sich nicht in ihre Entscheidungen zu mischen, was Liebesdinge betraf, aber als er vorhin den Blick gesehen hatte, mit dem dieser Franzose Riki verschlungen hatte, war es mit seiner Selbstbeherrschung vorbei gewesen.
Allein schon, wie dieser Kerl von Anfang an um Riki herumscharwenzelt war! Ramiro hatte zwar durchaus bemerkt, dass Antoine es von Beginn an darauf angelegt hatte, ihn zu reizen. Nur deshalb war es ihm überhaupt so lange gelungen, ruhig zu bleiben. Wobei ruhig nicht unbedingt der richtige Ausdruck war. Selbst vorhin hatte er im Grunde geahnt, dass es diesem dämlichen Jongleur nur wieder darum ging, ihn aus der Reserve zu locken.
Nun, das Ziel hatte er offensichtlich erreicht.
Aber Ramiro wusste genau, dass Antoine zu Riki gewiss nicht nein sagen würde, würde sie auf sein scherzhaftes Werben eingehen. Allerdings, so, wie er Riki kannte, wusste sie das ebenfalls. Sie war zwar in vielen Dingen mitunter noch immer reichlich naiv, aber sie war nicht dumm und sie hatte in den letzten Monaten sehr viel gelernt. Er, Ramiro, hatte sich also – mal wieder – vollkommen unangebracht benommen.
Aber vielleicht war es gar nicht so ungünstig, wenn er sich Riki gegenüber wie ein Idiot verhielt. Das würde sie zumindest in ihrem Entschluss bestärken, ihn weiterhin auf Abstand zu halten. Und sich wie ein Idiot zu benehmen, beherrschte er ja nachweislich hervorragend.
Kaum hatte der Zirkus am nächsten Tag an einem geschützten Platz in der Nähe von Mrs Huxleys Anwesen gehalten, war Riki auch schon aus dem Wagen gestürmt und hatte sich auf den Weg zu Myra gemacht. Es hatte einiges an Überredungskunst gekostet, Gregor davon zu überzeugen, dass es besser war, wenn Riki erst einmal die Lage auskundschaftete, bevor sie gleich zu mehreren über Myras Gastgeberin herfielen. Ein Stück weit hatte sie noch Antoine begleitet, der weiter nach Arrington wollte, doch den Rest des Weges war sie allein gegangen.
Nun näherte sich Riki ebenso vorsichtig wie aufgeregt Mrs Huxleys Anwesen. Um einen möglichst guten Eindruck zu machen, hatte sie ihr bestes Kleid angezogen. Obwohl sie die Welt, der sie sich gerade näherte, in- und auswendig kannte, schließlich hatte sie einst selbst dazugehört, fühlte sie sich plötzlich sehr unsicher. Doch vermutlich würde sie heute ohnehin weder Myra noch Mrs Huxley zu Gesicht bekommen. Unangekündigt, wie sie war, konnte sie nicht erwarten, dass man sie empfing. Daher würde sie höchstwahrscheinlich nur ihre stümperhaft von Hand geschriebene Calling Card dalassen können und sich ansonsten unverrichteter Dinge wieder zurückziehen. Das hatte sie Gregor wohlweislich verschwiegen.
Nervös näherte sich Riki dem Haus und wusste noch immer nicht, wie sie sich verhalten sollte: Wie die höhere Tochter, die sie einst gewesen, oder wie die fahrende Gauklerin, die sie nun war?
Letztendlich entschied sie sich für die höhere Tochter, auch wenn ihr derzeitiges Erscheinungsbild dem nicht restlos entsprach. Dennoch sah sie auch nicht wie eine Gauklerin aus, daher gab es keinen Grund, sich wie eine solche zu benehmen. Abgesehen davon würde man sie mit höherer Wahrscheinlichkeit davonjagen, wenn sie sich nicht standesgemäß verhielt.
Nun trennten sie nur noch wenige Meter von der Haustür, und ihr Herz schlug wie ein Trommlerbataillon in einem Gardekorps. Riki atmete noch einmal tief durch, straffte ihre Haltung und betätigte dann den Türklopfer.
Kurz darauf öffnete ein grauhaariger Butler die Tür, der äußerst vornehm wirkte.
»Ja, bitte?«, näselte er. Dabei brachte er das Kunststück fertig, sie mit einem Blick zu mustern, der ihr einerseits das Gefühl gab, soeben Queen Victoria persönlich von ihren Regierungsangelegenheiten abzuhalten (und dadurch möglicherweise einen Krieg auszulösen), aber andererseits dennoch nicht im Mindesten unfreundlich zu wirken. Hierbei war es allerdings vor allem Letzteres, welches Riki erstaunte.
»Ich wünsche, Mrs Huxley und Mrs Trendzew in nicht allzu ferner Zukunft meine Aufwartung zu machen, und möchte zu diesem Zweck meine Karte hinterlassen«, versetzte Riki und wunderte sich gleichzeitig, wie selbstverständlich ihr die Worte samt angemessen autoritärem Tonfall über die Lippen gingen.
»Wen darf ich melden?«
»Miss Riccarda Speeter.«
Der Butler nickte knapp. »Bitte treten Sie ein.« Zu Rikis nicht geringer Verblüffung öffnete er die Tür und geleitete sie in einen kleinen Salon. Dort stand auch ein zierliches Tischchen mit einem silbernen Tablett, auf dem der Besucher seine Calling Card hinterlassen konnte. Der Butler verzog keine Miene, als sie ihre dürftige Imitation einer Karte darauf ablegte.
»Wenn Sie bitte einen Moment warten würden, Miss Speeter.«
Riki nickte möglichst huldvoll und schaute sich dann unauffällig um. Es galt als unschicklich, die Umgebung des Gastgebers allzu offensichtlich zu mustern, obwohl es jeder tat. Selbstredend diskret.
Mrs Huxley war nicht nur wohlhabend, sondern reich. Zum ersten Mal in ihrem Leben fiel Riki auf, dass eine solche Umgebung durchaus einschüchternd wirken konnte, wenn man es nicht gewohnt war. Auch wenn ihre eigene Familie nicht ein solch beträchtliches Vermögen besaß wie Mrs Huxley, so hatte Riki früher doch oft genug in einer ähnlichen Umgebung verkehrt, ohne, dass ihr die Kostspieligkeit der Ausstattung besonders aufgefallen wäre.
Der kleine Salon war sehr stilvoll eingerichtet. Schwere Samtvorhänge in einem erstaunlich sonnigen Ton umrahmten die Fenster, die den Blick auf den gepflegten Vorgarten freigaben. Die Seidenbezüge der Sitzmöbel waren in einem freundlichen Gelbton gehalten, und die delikaten Blumenmuster fanden sich in einer raffinierten Abwandlung sowohl in der Wandbespannung als auch in dem kostbaren Teppich wieder. Zu den angenehm hellen Stoffen bildete das dunkelpolierte Teakholz der Möbel einen harmonischen Kontrast. Die mit aufwendigen Ornamenten reich verzierten Füße, Armlehnen und Rückenteile hätten zu der schlichten Einrichtung von Rikis Wohnwagen im Zirkus keinen größeren Kontrast bilden können. Rikis Blick fiel auf einen eindrucksvollen Spiegel, in dem sie sich selbst in diesem geschmackvollen Ambiente betrachten konnte. Unbewusst hatte sie die ihr für solcherlei Umgebung anerzogene Haltung und Attitüde angenommen. Sie passte noch immer hierher – aber andererseits auch wieder nicht.
Doch bevor sie ihre Überlegungen fortführen konnte, fegte Myra mit einem Freudenschrei durch die Tür des Salons, fiel Riki um den Hals und drückte sie an sich, als hätten sie sich zwanzig Jahre nicht mehr gesehen.
Riki erwiderte die Umarmung ebenso herzlich, wobei sie deutlich Myras Bäuchlein gewahr wurde. Nachdem sie sich eine Weile schluchzend in den Armen gelegen hatten, schob Riki schließlich die Freundin von sich und betrachtete sie mit strahlenden Augen. Myra war insgesamt etwas fülliger geworden, doch sie sah gut aus und sie war unverkennbar Myra. Ihre mittelblonden Haare waren zu einer schlichten aber dennoch eleganten Frisur gelegt, und in dem roséfarbenen Kleid wirkte sie ein wenig brav. Aber ihre graugrünen Augen blitzten koboldhaft wie eh und je.
Im nächsten Moment fielen sie sich wieder in die Arme und redeten beide gleichzeitig.
Mrs Huxley stand in der Tür und beobachtete sie lächelnd. Ihr Butler hatte seinen Posten in ihrer Nähe bezogen, mit einer undurchdringlichen Miene, wie nur ein englischer Butler sie nach jahrzehntelanger Übung zustande bringen konnte.
Noch immer lächelnd wandte sich Mrs Huxley leise ab, um die beiden Freundinnen allein zu lassen, und der Butler folgte ihr diskret.
»Du siehst fantastisch aus«, stellte Myra fest, als sie sich wieder voneinander gelöst hatten. »Das freie Leben tut dir gut!«
»Oh ja, es ist einfach herrlich, aber du siehst auch fabelhaft aus! Und dieses Bäuchlein ist wirklich herzallerliebst!« Sie deutete auf Myras deutlich gerundete Leibesmitte.
»Oh! Von wegen!«, protestierte Myra und warf die Hände in die Luft. »Du musst ja auch nicht damit herumlaufen!« Doch im nächsten Moment legte sie zärtlich ihre Hand darauf, und ein verklärter Ausdruck erschien in ihren Augen, bei dem Riki nicht anders konnte, als sich mit ihr zu freuen.
»Wie geht es dir denn jetzt in den Umständen? Wie ist es dir überhaupt ergangen?«
»Ich fühle mich großartig. Auch wenn ich mir trotz allem nicht wirklich vorstellen kann, dass ich bald mein eigenes Kind in den Armen halten soll. Was alles andere betrifft, erzählst du mir zuerst mal, wie es dir ergangen ist! Bei mir ist es weitestgehend uninteressant. Aber ich will alles wissen, was seitdem geschehen ist, wie es den anderen geht, wie es …«, sie schaute sich verstohlen um und senkte die Stimme. »Wie es Gregor geht. Er ist doch hier, oder? Wo sind denn alle? Was ist mir dir und Ramiro? Wie war es in der Stadt der Gaukler? Was …«
»Warte, Myra, warte!«, lachte Riki. »Ich erzähle dir ja alles, aber dazu musst du mich auch zu Wort kommen lassen! Und ja, sie sind hier in der Nähe. Ich wollte nur zuerst allein meine Aufwartung machen, ich wusste ja nicht, was mich erwartet. Und ich hatte auch noch gar nicht damit gerechnet, schon heute zu dir vorgelassen zu werden. Das ist so ungewöhnlich.«
»Ach, Mrs Huxley ist einfach wunderbar! Wo ist sie überhaupt?« Sie blickte sich erneut um, konnte aber niemanden entdecken.
»Nun, vielleicht sollten wir ein klein wenig spazieren gehen, dann können wir in Ruhe reden.« Damit zog sie Riki auch schon ungeduldig Richtung Tür.
Draußen auf dem Gang löste sich der Butler aus der schräg gegenüberliegenden Ecke und kam auf sie zu.
»Haben Sie irgendwelche Wünsche?«, erkundigte er sich mit geradezu zeremonieller Würde, der auch das rosafarbene Tuch mit Blumenmuster keinerlei Abbruch tat, das er akkurat gefaltet über dem Arm trug.
»Nein, vielen Dank, Jasper. Aber wo ist Mrs Huxley?«
»Sie lässt ausrichten, dass sie müde ist und sich ein wenig ausruhen möchte. Sie geht davon aus, dass Sie sich kümmern werden, dass es unserem Besuch an nichts fehlt.«
Während Riki noch rätselte, ob das vorwurfsvoll oder scherzhaft gemeint oder lediglich eine neutrale Weitergabe von Fakten war, lächelte Myra den Butler geradezu keck an.
»Kann es sein, dass Sie vergessen haben, mir Mrs Huxleys Augenzwinkern zum Schluss ebenfalls auszurichten?«
Jasper verzog keine Miene. »Bedaure, für derlei Akrobatik ist mein Gesicht nicht ausgelegt.« Die Antwort staubte nachgerade aus seinem Mund, doch für den Bruchteil einer Sekunde blitzte es verschmitzt in seinen Augen.
Riki unterdrückte ein Lachen, Myra war weniger zurückhaltend.
»Sollte jemand nach uns fragen, wir unternehmen einen kleinen Spaziergang«, informierte sie ihn schließlich.
»Selbstverständlich. Darf ich Sie bitten, für alle Fälle dieses Schultertuch mitzunehmen? Sie sollten sich in Ihrem Zustand nicht erkälten.« Damit reichte er ihr das akkurat gefaltete Tuch mit dem Blumenmuster, das er über dem Arm trug.
»Sie sind ein Schatz, Jasper. Vielen Dank.«
Jaspers rechte Augenbraue, die ein winziges Stück nach oben wanderte und dabei einen dezent erfreuten Ausdruck hinterließ, bewies, dass er wohl doch über mehr Mimik verfügte, als er zuzugeben bereit war.
Der Butler räusperte sich und schritt dann in lotrechter Gewissenhaftigkeit zur Tür, um sie ihnen zu öffnen.
»Ich wünsche einen angenehmen Nachmittag.«
»Ich denke, dass wir zum Tee zurück sein werden«, teilte Myra ihm mit, und die Freundinnen traten hinaus in die Sonne.
»Wo sind die anderen? Können wir zu ihnen gehen?«, wollte Myra wissen, kaum, dass die Tür hinter ihnen geschlossen war.
Riki warf einen skeptischen Blick auf Myras Bauch. »Na ja, ein Stück ist es schon. Ich habe bestimmt eine gute halbe Stunde gebraucht und ich bin äußerst zügig gegangen.«
»Gut, so schnell werden wir dann nicht sein, aber das schaffe ich. Das reicht zumindest, alle wenigstens einmal kurz zu sehen und dennoch rechtzeitig zum Tee zurück zu sein. Ich habe Mrs Huxley so viel von dir erzählt, dass sie dich unbedingt kennenlernen möchte. Wenn sie uns jetzt schon die Zeit für uns gibt, ist es wohl das Mindeste, dass du sie nachher begrüßt.«
»Selbstverständlich. Ich freue mich sogar auf sie. Du schriebst mir ja bereits, dass sie ein wenig unkonventionell ist.«
Myra strahlte. »Oh ja, das ist sie. Ein wahrer Glücksfall, dass Peter mich hier ›abgeliefert‹ hat. Seit ich wieder ein mehr oder weniger vollwertiges Mitglied der besseren Gesellschaft bin, langweile ich mich nämlich schier zu Tode! Das erzähle ich dir nachher, auch wenn es da nicht sonderlich viel zu erzählen gibt. Aber jetzt will ich erst einmal alles wissen, was seit damals passiert ist! Wie ist denn das Leben in Freiheit? Und vor allem, was ist denn nun mit dir und Ramiro?«
Riki rollte die Augen. »Ach, der! Das ist natürlich kompliziert.«
»Wie? Immer noch?«
»Nein, wieder! Aber jetzt lass mich doch von vorne anfangen.« Sie warf der Freundin einen gespielt strengen Blick zu, woraufhin sich diese kichernd bei ihr unterhakte.
»Also das Leben in Freiheit ist rundweg traumhaft! Es ist wirklich so, wie wir uns das ausgemalt haben. Gut, mit ein paar Einschränkungen, das muss ich schon zugeben. Und die unbescholtenen Bürger können auch ziemliche Stinkstiefel sein. Das hast du damals ja auch schon mitbekommen. Aber wen interessiert schon das Gestänker von Leuten, die sich für etwas Besseres halten, wenn man dafür den Beschränkungen entkommen kann, die einem als höhere Tochter auferlegt werden! Mir fehlt absolut nichts, und ich bin so glücklich wie nie zuvor in meinem Leben.«
Dann berichtete Riki ihrer Freundin, wie sie nach ihrer Rückkehr vom Bahnhof mit offenen Armen vom Zirkus empfangen worden war. Wie sie und Ramiro ein Paar wurden und wie glücklich sie zusammen waren. Dann schilderte sie ihre Fortschritte beim Training und dass sie schon zuverlässig kleinere Auftritte meistern konnte – auch wenn sie noch immer vor jedem Auftritt vor Lampenfieber schier starb.
Myra sog jedes Wort gierig in sich auf und unterbrach Riki kein einziges Mal. Was sie jedoch nicht davon abhielt, mit Lautäußerungen, Gesten und Festklammern an Rikis Arm an der Geschichte teilzuhaben.
Als Nächstes erzählte Riki der Freundin von den Ereignissen in der Stadt der Gaukler. Sie berichtete von Tara und Aileen, die ihr zu guten Freundinnen geworden waren, von den O'Flannagans, mit deren tatkräftiger Unterstützung sie den Vogel zurückgeholt und der brodelnden Stimmung in der Stadt der Gaukler entgegengewirkt hatten. Wie herausgekommen war, dass der Dieb des Karneolvogels ein früherer Freund von Ramiro war, der sich an ihm rächen wollte, was ihm auch fast gelungen wäre. Obwohl der Drahtzieher hinter dem Ganzen nicht ebendieser Paco, sondern eine gewisse Alessara war, die eigentlich ganz andere Pläne verfolgte und die nicht wusste, dass der Hüter des Karneolvogels ihr früherer Geliebter war.
Myras Augen wurden mit dem Fortschreiten der Erzählung immer runder.
Als Riki von dem rätselhaften Zustand Alessaras berichtete, in der mehrere unterschiedliche Persönlichkeiten wohnten, schnappte Myra ungläubig nach Luft. Aber wirklich schockiert war sie, als sie von Ramiros Seitensprung mit seiner früheren Geliebten erfuhr, woraufhin sich Riki von ihm getrennt hatte.
»Aber weißt du«, schloss Riki, »so richtig kompliziert wurde es für mich dann, als Alessara beziehungsweise Inés,, in seinen Armen gestorben ist.«
»Sie ist gestorben?!?«, entfuhr es Myra.
»Ja. Für ihn. Und wenn sie ihn nicht gerettet hätte, dann wäre Ramiro heute nicht mehr am Leben.«
Daraufhin sprudelte die gesamte Begebenheit aus ihr hervor, mitsamt Rikis zwiespältigen Gefühlen, ihrer Verwirrung und dass sie beim besten Willen nicht wusste, wie sie weiter mit Ramiro verfahren sollte – zumal er sich seitdem auch so eigentümlich verhielt.
»Ach du meine Güte!«, rief Myra aus. »Was für eine Geschichte! Aber wie macht ihr das denn mit dem Training? Ich meine, ihr seid euch dabei doch sehr nah und wenn eine solche Sache zwischen euch steht …«
»Oh, im Moment arbeiten wir nicht zusammen. Also zumindest nicht so eng. Allerdings nicht deswegen. Nach der Sache mit Inés wollte ich nichts mehr mit Ramiro zu tun haben. Dolores hat mich jedoch davon überzeugt, dass ich mir letztendlich nur selbst schade, wenn ich all die mühsam erlernten Dinge nicht mehr anwende. Im Moment ist es leider nun einmal so, dass ich noch längst nicht gut genug bin, um allein zu arbeiten. Es geht nicht ohne ihn.« Riki seufzte ergeben und fuhr dann fort. »Allerdings musste er auf der Versammlung der Gaukler eine symbolische Blutschuld bei dem Karneolvogel bezahlen, da ihm als Hüter sein Artefakt abhandengekommen war. Dabei hat der Henker – ich nenne ihn jetzt einfach einmal so – zu tief geschnitten und die Muskeln verletzt. Dolores hat Ramiro daraufhin alles untersagt, wofür er den Arm braucht. Dafür betreibt er nun alles, wofür er den Arm nicht braucht, bis zum Exzess. Außerdem ist er bestimmt den gesamten Weg von der Stadt der Gaukler bis hier zu Fuß gegangen, weil er nicht still auf dem Wagen sitzen konnte.« Riki rollte die Augen, und Myra prustete unvermittelt los.
»Bitte entschuldige, aber das passt zu ihm!«
»Oh ja, das tut es zweifelsfrei. Aber weißt du, was ich so ungerecht finde? Obwohl Ramiro den Arm nicht oder nur wenig verwenden kann, ist er vielseitig genug, dass er seine Nummern so abändern kann, dass er trotzdem auftritt. Ich hingegen bin ohne ihn vollkommen nutzlos. Ich kann nicht auftreten und meinen Beitrag beisteuern. Nicht, dass mir das jemand vorwerfen würde, aber mich stört es.«
»Oh, das kann ich gut verstehen.« Myra strich ihr mitfühlend über den Arm. »Und wie lange wird das noch so gehen?«
»Nicht mehr allzu lange. Bald ist die von Dolores verordnete Schonfrist um, und dann werden wir wieder miteinander arbeiten – und du kannst mir glauben, dass ich mich davor regelrecht fürchte.«
»Ach, das wird wahrscheinlich gar nicht so schlimm werden, wie du jetzt glaubst«, beruhigte sie Myra. »Und wie macht ihr das im Moment?«
Riki schnaubte. »Wir schleichen umeinander herum. Er hat mir eine Menge Übungen gezeigt, die ich allein ausführen kann, und er überwacht, dass ich es richtig mache. Allerdings hält er dabei einen Abstand zu mir, als entstellten mich offene Geschwüre. Nicht, dass du mich falsch verstehst: Mir ist das durchaus recht. Ich will diesen Idioten am liebsten gar nicht in meiner Nähe haben!«
»Gaaar kein bisschen?«, fragte Myra mit einem engelsgleichen Augenaufschlag.
»Hmpf«, antwortete Riki.
Myra grinste, dann wurde sie ernst. »Allerdings solltest du dir irgendwann schon darüber klarwerden, ob du dich erneut auf ihn einlassen möchtest oder nicht.«
»Ja, ich weiß. Aber nicht jetzt. Jetzt bin ich erst einmal hier und will endlich wissen, wie es dir ergangen ist!« Sie tippte auffordernd an Myras Arm. »Und ich will wissen, was es mit diesem rätselhaften Brief an deinen Ehemann auf sich hat.«
»Nun ja, ergangen ist es mir genau so, wie du es dir schon denken kannst. Kaum war ich zurückgekehrt, konnte es meinen Eltern mit der Hochzeit nicht schnell genug gehen. Dass sie meinen Verlobten und mich nicht noch auf dem Nachhauseweg in eine Kirche gezerrt haben, war gerade alles.« Sie stieß unwillig die Luft aus.
»Kaum zu Hause, haben wir in fliegender Hast geheiratet, und kurz darauf wurde ich ins Pensionat zurückgeschickt, um die verbliebenen drei Monate der Ausbildung noch zu beenden. Es war grauenhaft – einerseits – aber andererseits war mir alles einerlei.«
»Oh je, du Ärmste«, sagte Riki mitfühlend.
»Das ging alles ja noch. So richtig schlimm wurde es, als ich nach meinem Abschluss nach Hause zurückkehrte und mein Zustand«, sie deutete auf ihren Bauch, »bekannt wurde. Das Getratsche der Leute kannst du dir ja sicher bildhaft vorstellen. Jetzt konnte ich für die überstürzte Hochzeit sogar dankbar sein!«
»Und Trendzew? Weiß er, dass das Kind nicht von ihm ist?«, erkundigte sich Riki.
»Er wusste es die ganze Zeit.«
Riki blieb verblüfft stehen. »Wie bitte?! Und er hat dich nicht verstoßen?«
»Nein. Aber das wäre ja auch noch schöner! Er hat wahrhaftig selbst genug zu verbergen! Allerdings schnell eine ganz andere Frage: Ist es noch weit? Sonst würde ich mich gern einen Moment hinsetzen.«
»Nein. Ich schätze, keine fünf Minuten mehr. Aber wir können trotzdem kurz rasten, wenn du möchtest. Wie geht es dir überhaupt als werdende Mutter?«
Myra lachte. »Es geht mir blendend, also mach dir keine Sorgen. Und wenn es wirklich nur die paar Minuten sind, dann brauche ich auch keine Pause.«
Sie setzten sich wieder in Bewegung.
»Ach so, das sollte ich dir vielleicht noch sagen, bevor du die Zirkusleute wiedersiehst: Alarico ist der neue Hüter des Karneolvogels.«
»Holla! Da dürfte er aber glücklich sein!«