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Aurica liebt ihren neuen Job im „Schloss der Schatten“ - einem Kuriositätenmuseum für Magie, Schattenwesen und unerklärliche Phänomene. Sie schwärmt heimlich für ihren attraktiven Kollegen Daniel, auch wenn er sie provoziert, wo er nur kann. Zunächst ahnt sie nichts von seinem gruseligen Geheimnis. Erst als der mysteriöse Raoul auftaucht und Interesse an Aurica zeigt, ändert sich Daniels Verhalten. Doch weswegen? Zufällig entdeckt sie einen magisch versiegelten Keller auf dem Museumsgelände, über den Raoul mehr zu wissen scheint als jeder andere – und beharrlich schweigt. Als Aurica herausfindet, was Daniel und Raoul wirklich verbindet, ist sie zutiefst schockiert. Kann sie überhaupt einem von beiden trauen? Die Antwort liefert der versiegelte Keller – doch auf das, was sich darin verbirgt, ist niemand gefasst. Es muss nicht immer London, Paris oder New York sein! Auch im bodenständigen Koblenz treiben Vampire, Werwölfe und andere Sagengestalten ihr Unwesen. Urban Fantasy vom Feinsten!
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Jeanette Lagall
Schloss der Schatten
Blut ist dicker als Wasser
Schloss der Schatten
Vorgeschichte – Blutiger Schwur (ebook) Nur über meine Homepage
Band 1 – Blut ist dicker als Wasser
Band 2 – Hexenblut
Band 3 – Blutmagie
Band 4 – Der Geschmack von Blut (voraussichtlich Frühjahr 2025)
Novelle »Gesang des Blutes« (erscheint kurz nach Band 4)
Jeanette Lagall
Mildred-Scheel Str. 1
50996 Köln
Text: © Jeanette Lagall 2018
Lektorat/Korrektorat: Sandra Grüter
Covergestaltung: Carolin Liepins
Innengrafiken: Pixabay
4. Auflage März 2025
Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, wozu auch die Verbreitung über »Tauschbörsen« zählt.
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Jeanette Lagall
Schloss
der
Schatten
Blut ist dicker als Wasser
~ Band 1 ~
~~~
Für Jürgen
Eine Tasse Tee oder ein Käffchen zum richtigen Zeitpunkt können Autorenleben retten.
Genauso wie Spaghetti mit Tomatensoße, Fusilli mit Tomatensoße, Penne mit Tomatensoße, Makkaroni mit Tomatensoße und vor allem: Nudeln mit Tomatensoße!
Und ein Weihnachtsbäumchen.
Vielleicht lade ich dich dafür noch einmal ins Musical ein. Du weißt schon in welches.
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Prolog
Schrumpfköpfe
Gartenmagie
Exmodeus' Truhe
Die Entdeckung im Wald
Eine schwere Kiste
Magie des Blutes
Samstagnacht
Jagdtrieb
Gedankenmanipulation
Mission erfüllt
Raoul
Picknick im Garten
Nächtlicher Ausflug
Geruchsspuren
Die Neuen
Unerwarteter Besuch
Misstrauen
Einladung
Vergessene Bilder
Herrentorte
Reine Magie
Ich lege dir die Stadt zu Füßen
Was willst du?
Falsches Interesse
Fenster zur Vergangenheit
Böse Überraschung
Alte Pläne
Falsches Werkzeug
Vampire im Wohnzimmer
Nichts ist umsonst
Drohung oder Liebeserklärung?
Leibwächter
Geständnis
Die dritte Zutat
Die Wirkung von Silber
Ein paar Wahrheiten
Epilog
Anhang
Leseprobe aus »Schloss der Schatten – Hexenblut«
Der Kies des Friedhofswegs knirschte unter seinen Schritten, als Raoul sich dem Treffpunkt näherte.
Wollten sie ihn damit etwa beeindrucken? Mit einem Treffen auf dem Friedhof?
Derlei hätte ihm schon zu Lebzeiten nicht mehr als ein Gähnen entlockt.
Man sagte Friedhöfen nach, dass es Orte seien, an denen die Grenzen zur Zwischenwelt dünner, die Magieströme stärker und dass das Durchführen von manchen Ritualen sogar nur dort möglich wäre. Nun, das mochte sein. Allerdings handelte es sich bei dem heutigen Treffen um nichts anderes als eine Übergabe. Da hätte es jeder andere Ort genauso gut getan!
Auch wenn das Objekt, das den Besitzer wechseln sollte, nichts Geringeres als eine Mordwaffe war. Raouls Hand legte sich vorsichtig auf das Päckchen in seiner Jackentasche. Die Erinnerung schmerzte fast noch so sehr wie damals. Dass die Jahrzehnte sich mittlerweile auf über ein Jahrhundert summiert hatten, änderte daran nichts.
Es widerstrebte ihm, ausgerechnet diesen Gegenstand aus der Hand geben zu müssen, doch es ging nicht anders. Er war so kurz davor, endlich das zu bekommen, was er schon so lange wollte!
Raoul bog am Ende des Weges ab und lief direkt auf eine imposante, wenn auch leicht verfallene Gruft zu. Es war niemand dort. Zumindest wollte man ihn das glauben machen, denn er witterte die drei Hexen deutlich. Falls sie beabsichtigten, ihn durch plötzliches Auftauchen aus dem Nichts überraschen oder gar einschüchtern zu wollen, dann kannten sie seine Spezies offenbar nicht gut.
Schade, dass er keine von ihnen zuvor gesehen hatte, sonst hätte er ihr den Gedanken eingeben können, schon vorzeitig zu erscheinen und damit ihren lächerlichen Überraschungseffekt zunichtezumachen.
»Ich habe heute noch eine Verabredung zum Essen, meine Damen. Wäre es zu viel verlangt, wenn wir die Sache hinter uns bringen könnten?«, sprach er in die scheinbare Leere vor sich.
Das kaum wahrnehmbare Rascheln von Stoff zeigte ihm Bewegung an, vermutlich verständigten sich die drei gerade untereinander. Im nächsten Moment ertönte ein Knall, und ein greller Lichtblitz ließ Raoul geblendet die Augen zusammenkneifen.
Himmel, was für eine schauderhafte Vorstellung!
Vor ihm standen drei Frauen in einheitlichen schwarzen Kutten mit Kapuzen, die ihre Gesichter vollständig verdeckten.
»Was soll das Theater?«, fragte er ärgerlich.
»Je weniger du von uns weißt, desto besser«, krächzte die große Hagere ganz links. Von Stimme und Haltung her musste sie schon älter sein.
Nun, einerlei. Am besten ließ er ihnen den Spaß. Er wusste, wie sie rochen, und würde sie bei Bedarf wiedererkennen. Aber das war nur von Bedeutung, wenn sie ihre Arbeit nicht machen würden. Für ihn war die Sache erledigt, sobald sie den Zauber gesprochen und Daniel in das Schloss der Schatten gelockt hatten. Der Rest interessierte ihn nicht. Am liebsten wäre ihm, das alles ließe sich jetzt sofort erledigen. Doch leider war das nicht möglich. Was er vorhatte, brauchte Zeit. Heute konnte er lediglich die Grundlagen legen und sein Vorhaben in die Wege leiten.
Die schlanke Hexe ganz rechts stieß ein bellendes Husten aus, worauf die Köpfe der beiden anderen vorwurfsvoll zu ihr ruckten. Hier hatte jemand früher eindeutig zu viel geraucht. Der fehlende Rauchgeruch verriet, dass sie damit aufgehört hatte, doch der Raucherhusten war geblieben.
Die Alte wandte sich wieder Raoul zu. »Gib es mir«, verlangte sie und streckte die Hand aus.
Widerstrebend zog er das Päckchen aus der Tasche und schlug den Stoff beiseite. Zum Vorschein kam ein Messer mit einer langen, geraden Klinge, deren Metall stumpf und fleckig wirkte. Behutsam strich er über den braunen Holzgriff mit dem Adlerwappen.
Es missfiel ihm, den Hexen den Dolch zu geben. Niemand sollte ihn anrühren. Aber es gab nun mal eine Sache, die wichtiger war. Am besten brachten sie es hinter sich. Sobald die Magierinnen hatten, was sie brauchten, würde er das Messer wieder mitnehmen. Abgesehen davon, dass niemand Fremdes das Recht hatte, es zu besitzen, musste Raoul die Waffe dorthin zurücklegen, woher er sie genommen hatte. Zum Glück hatte Daniel die sentimentale Angewohnheit, sich mit alten Erinnerungsstücken zu umgeben! Anders wäre es unmöglich gewesen, an die Zutat heranzukommen, die so zwingend für den Erfolg seines Plans vonnöten war.
Kaum hatte Raoul den dreien das Messer hingehalten, grapschte die Alte es ihm auch schon aus der Hand.
Sogleich rotteten sich die Hexen um die Waffe wie die drei Moiren um ein Bündel mit Schicksalsfäden. Die etwas kleinere, korpulente zog eine winzige Phiole aus ihrem Umhang, was vom auffälligen Klackern einer ungeheuren Menge Armreife begleitet wurde, und die Schlanke einen Zauberstab. Dann hustete sie noch einmal bellend, was den beiden anderen ein warnendes Zischen entlockte.
Endlich begannen die drei, fremdartig klingende Formeln zu murmeln und dazu Gesten zu vollführen, die lächerlich gewirkt hätten, wenn sie nicht auf eigentümliche Art den Singsang ergänzen würden.
Gegen seinen Willen gebannt, schaute Raoul ihnen zu. Durch eine Lücke zwischen ihnen hatte er einen direkten Blick auf das Messer. Nach einer Weile fing es an zu leuchten. Die Hexen steigerten die Lautstärke und Intensität ihrer Zauberformeln, bis die Alte den Dolch schließlich mit der Klinge nach unten auf Augenhöhe hielt. Sie stieß drei Worte aus, die Raoul nicht verstand, woraufhin das Leuchten schlagartig erlosch.
Dafür färbte sich das getrocknete Blut auf der Klinge plötzlich wieder leuchtend rot, wurde flüssig und tropfte in die winzige Phiole, die die korpulente Hexe darunter hielt.
Es war keine große Menge, aber der Geruch weckte eine der schmerzhaftesten Erinnerungen in Raouls Leben. Doch den Anflug von schlechtem Gewissen und den Zweifel, ob er wirklich das Richtige tat, wischte er im gleichen Augenblick beiseite. Diesmal würde er es durchziehen.
Der letzte Blutstropfen landete mit einem leisen Platschen in der Phiole, die die korpulente Hexe sofort verschloss. Die Klinge war nun glänzend sauber. Raoul fragte sich unwillkürlich, wie er den alten Zustand wieder herstellen sollte, denn irgendwann musste Daniel auffallen, dass die Schneide auf einmal blitzsauber war. Doch dann murmelten die Magierinnen eine abschließende Formel, woraufhin die Klinge plötzlich wieder stumpf und fleckig wurde. So praktisch das auch war, hinterließ es ein ungutes Gefühl. Für die Hexen gab es keinen Grund, hier derart gründlich vorzugehen. Wenn sie so gewissenhaft alle Spuren verwischten, verfolgten sie womöglich eigene Interessen.
Raoul konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, welche das sein sollten, doch bei Hexen war prinzipiell Vorsicht angeraten.
Er würde sie im Auge behalten. Sollte er merken, dass sie irgendwelches Schindluder trieben, würde er sie töten.
»Pass doch auf!«, schrie Aurica entsetzt, schlug sich jedoch sogleich erschrocken die Hand vor den Mund. Ein solcher Ausbruch war äußerst ungewöhnlich für sie.
Daniel interessierte ihr Protest allerdings herzlich wenig. »Komm wieder runter, Brillenschlange«, schnaubte er und verschwand im Lagerraum.
Aurica starrte ihm gereizt hinterher, dann – zu ihrem nicht geringen Ärger – auf den Hintern, und danach schnell wieder auf die staubige Kiste, die er ihr auf die Arbeitsplatte gestellt hatte. Beziehungsweise eher geworfen. Dieser Idiot! Er wusste so gut wie sie, dass sich darin möglicherweise wertvolle Exponate befanden!
Dass sich der Kerl ihr gegenüber wie ein Halbstarker mit Rückendeckung seiner Kumpels verhielt, war schon schlimm genug. Dass er seine Launen an den Transportkisten ausließ, war jedoch neu.
Besorgt öffnete sie den Kasten, um den Inhalt zu überprüfen. Zum Glück waren die Sachen gut verpackt. Vorsichtig entfernte sie das Füllmaterial und …
UAH! Pfui Teufel, wie scheußlich! Schrumpfköpfe!
Eine mehr als unwürdige Reaktion für jemanden, der Kunstgeschichte studiert und vor Kurzem seinen Master der Museumswissenschaften erlangt hatte. Aber Aurica hatte von jeher eine Aversion gegen Schrumpfköpfe.
Sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück, wobei sie gegen etwas stieß, das vorher noch nicht da gewesen war. Mit einem leisen Schrei fuhr sie herum.
»Hoppla, hab ich dich erschreckt?«, erkundigte sich Daniel scheinheilig. »Das tut mir aber leid!«
Er griff an ihr vorbei und fischte einen der Schrumpfköpfe aus der Kiste, wobei er wie zufällig mit der Brust ihre Schulter streifte. Aurica gab sich größte Mühe, so zu tun, als ließe sie das kalt. Sie verfluchte sich dafür, dass Daniels Berührung einen angenehmen Schauer durch ihren Körper jagte – was der Arsch vermutlich ganz genau wusste.
»Hey, Kleiner«, sprach ihr Kollege derweil den Miniaturkopf an, »du musst bei Vierauge etwas rücksichtsvoller sein. Das Mädel ist sensibel, da kann der plötzliche Anblick deiner hässlichen Visage weiß der Himmel was anrichten!«
»Es reicht, Daniel! Leg ihn zurück.« Aurica betrachtete den Schrumpfkopf mit einer Mischung aus Faszination und Ekel. Dabei tat er ihr mit seinen zugenähten Augen und dem zugenähten Mund sogar ein wenig leid.
»Aber du siehst aus, als ob du ein Geheimnis bewahren könntest, mein maulfauler kleiner Freund«, fuhr Daniel unbeirrt fort. »Unsere Brillenschlange ist bislang ungeküsst und steht auf Leute, die nicht so viel reden. Also, vielleicht wird noch was aus euch zwei Hübschen!« Er warf erst einen abschätzigen Blick auf Aurica, dann auf den Kopf. »Ihr würdet wirklich ein schönes Paar abgeben: Sie vier Augen, du keine. Aussehenstechnisch ähnliche Aussichten auf dem Heiratsmarkt. Totquasseln würdest du sie offensichtlich auch nicht. Und – upsi! Was sehe ich denn da? Sie würde nach wie vor ungeküsst bleiben!« Dabei machte er eine Bewegung, als würde er sich den Mund zunähen. »Ach ja, wildes Fummeln fällt ebenfalls weg – mangels Finger. Ich wünsche schöne Flitterwochen!« Damit warf er Aurica noch im Weggehen den Schrumpfkopf zu, die ihn reflexmäßig auffing und im nächsten Moment um ein Haar ebenso reflexmäßig wieder von sich geworfen hätte. Lediglich ihr Respekt vor wertvollen Exponaten und ein Hauch von Pietät verhinderten dies.
Dennoch gelang es ihr nur mit äußerster Selbstbeherrschung, das Artefakt nicht fallen zu lassen, sondern es zurück in die Kiste zu legen. Dann rieb sie sich die Hände hektisch an ihren Jeans ab, doch das Gefühl des dichten Haarschopfes und des ledrigen Gesichts an ihren Handflächen wollte einfach nicht weichen. Wenn sie Körperkontakt zu Toten hätte haben wollen, dann wäre sie in die Forensische Medizin gegangen! Fluchend stürzte sie zum Waschbecken und begann, sich die Hände abzuschrubben.
Daniel war wirklich der größte Schrumpfkopf von allen! Man sollte nicht meinen, dass er bereits vierundzwanzig Jahre zählte, denn meistens verhielt er sich wie zwölf!
Was allerdings viel schlimmer war: Dank seiner ewigen Sticheleien fühlte sie sich jedes Mal wie zwölf, dabei war sie sogar zwei Jahre älter als er und sollte über derartigen Kindereien stehen. Dass schlagfertiges Antworten nicht ihr Ding war, damit hatte sich Aurica abgefunden. Umso mehr ärgerte es sie jedoch, dass Daniels dämliche Bemerkungen nicht einfach an ihr abprallten - wie sie es eigentlich sollten.
Aurica wusste beim besten Willen nicht, was sie ihm getan hatte, dass er dauernd auf ihr herumhackte. Aber vermutlich glaubte er, in der unauffälligen und zurückhaltenden jungen Frau ein leichtes Opfer zu haben. Wahrscheinlich gehörte er zu den Männern, die es für ihr Selbstbewusstsein brauchten, andere klein zu machen.
Aurica liebte ihren neuen Job. Nur, dass sie ausgerechnet mit Daniel Ritter zusammenarbeiten musste, war eindeutig Pech. Als sie vor etwa zwei Monaten im Schloss der Schatten angefangen hatte, war Daniel bereits dort gewesen. Er hatte bei der Renovierung des baufälligen ehemaligen Weingutes geholfen und arbeitete jetzt als eine wilde Mischung aus Mädchen für alles und Hausmeister hier. Hoffentlich war der neue Kollege, der später beim Dekorieren und In-Szene-Setzen der Exponate helfen sollte, nicht auch so ein oberflächliches Spatzenhirn wie dieser blondierte Hausmeister.
Autsch. »Blondierter Hausmeister« klang wirklich übel. Aurica grinste unwillkürlich in sich hinein, wobei sie ihr freundliches Gesicht versehentlich Daniel zuwandte, der gerade mit einer neuen Kiste aus dem Lager kam.
»Ist das da auf deinem Gesicht das Lächeln einer erfüllten Liebschaft?«, flog es prompt gehässig in ihre Richtung.
Aurica verdrehte lediglich die Augen und wandte sich ab. Was auch bitter notwendig war, denn sie hatte diesen Mistkerl schon wieder angestarrt.
Bedauerlicherweise war der sehnige Körper unter dem schwarzen T-Shirt viel zu gut definiert, um einfach darüber hinwegzusehen. Der Kerl war groß, über eins achtzig, jedoch nicht bullig, sondern besaß die schlanke Statur eines Läufers. Sein schmales, unverdient attraktives Gesicht mit den sinnlichen Lippen war leider ebenfalls wenig hilfreich, wenn man das Ziel hatte, ihn mit Nichtbeachtung zu strafen. Allerdings hatte er eine Frisur wie ein wasserstoffblondiertes und danach in einen Orkan geratenes Alpaka. Oder wie Billy Idol. Je nachdem, wie man es betrachtete. Der Typ sah aus, als wäre er direkt aus den Achtzigern gepurzelt! Fehlten eigentlich nur noch der Kajalstrich, das Nietenarmband und die Sicherheitsnadel durch die Nase.
Aurica verstand sich in Bezug auf ihn selbst nicht. Warum wanderten ihre Blicke immer wieder zu ihm? Sie mochte Daniel nicht, das reichte normalerweise, dass sie jemanden keines Blickes mehr würdigte, egal wie er aussah.
Obendrein fand sie seine blondierten Haare affig, auch wenn sie einen attraktiven Kontrast zu den blauen Augen mit den dunklen, geraden Augenbrauen und ebenso dunklen Wimpern boten – und ihm der Look zugegebenermaßen gut stand. Abgesehen davon bevorzugte sie dunkelhaarige Männer – wenn man einmal außer Betracht ließ, dass das eigentlich nebensächlich war. Doch in Daniels Fall konnte man sich eine gepflegte Oberflächlichkeit getrost leisten.
Aber Schluss jetzt. Sie hatte wirklich noch mehr als genug Arbeit und wenig Lust, ausgerechnet wegen ihres »Lieblingskollegen« mit selbiger ins Hintertreffen zu gelangen.
Aurica rückte ihre Brille zurecht, zog sich ihre Handschuhe über und widmete sich wieder der Kiste mit den Schrumpfköpfen. Diese enthielt insgesamt vier Tsantsas, alle datierten zwischen Mitte des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Einer von ihnen war besonders schön mit Federn und Muscheln geschmückt. An ihm konnte Aurica sogar schwache Spuren von Magie spüren. Vielleicht war der Kopf ja früher im Besitz eines Schamanen gewesen, oder er war mit einem Zauber belegt beziehungsweise für einen solchen benutzt worden. Der letzte Schrumpfkopf hatte kurze blonde Haare und einen Bart. Es war klar erkennbar, dass er ursprünglich zu einem Europäer gehört hatte. Leider fanden sich keine Informationen darüber, ob es sich um das Relikt eines unglücklichen Amazonasforschers handelte, oder ob er tatsächlich in Europa hergestellt worden war. Im 19. und 20. Jahrhundert waren Tsantsas beliebte Mitbringsel von Seeleuten oder Reisenden gewesen, um die sich seinerzeit Museen, aber auch private Sammler geradezu gerissen hatten. Dies hatte dazu geführt, dass man in seiner Not gern einmal auf frische Gräber vor Ort zurückgriff, um die Nachfrage bedienen zu können.
Mit einem leisen Schaudern legte Aurica die Schrumpfköpfe zurück in die Kiste und versah sie mit einem Vermerk, dem Daniel entnehmen konnte, in welchen Raum der Ausstellung er das Behältnis bringen sollte.
Als Nächstes wandte sie sich einem kleineren, unauffälligen Karton zu. So wie es aussah, befanden sich alte Fotografien darin. Darum würde sie sich später kümmern, denn das versprach aufwendiger zu werden.
Der Inhalt der darauffolgenden Kisten brachte Aurica zum Schmunzeln, da er so eklatant im Gegensatz zu den gruseligen Schrumpfköpfen stand. Es handelte sich um unterschiedliche, oftmals auffällig glitzernde Utensilien, die Jahrmarktzauberer verwendeten, um ihr Publikum in Erstaunen zu versetzen. Zwar gab es auch ein paar ältere Stücke darunter, aber die meisten waren neueren Datums, wahrscheinlich, um die Ausstellung zu vervollständigen.
Als Aurica sich der nächsten Transportbox zuwandte und sie zum besseren Arbeiten näher unter die Lampe ziehen wollte, erlebte sie eine Überraschung. Die Kiste bewegte sich keinen Millimeter. Das war merkwürdig. Daniel hatte das Teil doch vorhin noch auf die Arbeitsfläche gehoben, und sie konnte sich nicht erinnern, dass er dazu einen Gabelstapler verwendet hätte! Verkeilt hatte sich die Box auf dem glatten Stahl des Tisches ebenfalls nicht. Aurica stemmte sich mit ihrer ganzen Kraft dagegen. Doch alles Prusten und Schnaufen nutzte nichts, der Kasten bewegte sich nicht einmal das kläglichste Stückchen. Sauschwer war noch eine hoffnungslose Untertreibung. Verwundert runzelte Aurica die Brauen. Wie hatte Daniel dieses Monstrum allein auf die Arbeitsfläche bugsieren können? Sicher, sie hatte sich die letzte Zeit auf ihre Arbeit konzentriert und ihrem Kollegen keine Beachtung mehr geschenkt. Aber für einen derart großen, dementsprechend unhandlichen und vor allem schweren Kasten hätte er irgendein Hilfsmittel verwenden müssen – was ihr mit Sicherheit aufgefallen wäre. Oder hatte er sich Hilfe geholt? Doch die anderen Männer, die hier beschäftigt waren, hätten sie auf jeden Fall gegrüßt, und Aurica war diesmal nicht so sehr in ihre Arbeit vertieft gewesen, dass ihr das entgangen wäre.
Die Arbeitsfläche war auf große Lasten ausgelegt, es stand also nicht zu befürchten, dass sie zusammenbrechen würde. Sie hätte vermutlich sogar ohne zu ächzen das Gewicht des Kolosses von Rhodos getragen. Es gab auch tatsächlich einen Uralt-Flaschenzug an der Decke, mit dem man schwere und unhandliche Güter hinaufhieven konnte. Allerdings quietschte und kreischte dieser wie eine Halle voller Teenager beim Auftritt ihrer Lieblingsboygroup und war unmöglich zu überhören.
Aurica versuchte noch einmal, die Kiste zu bewegen, gab es jedoch gleich wieder auf. Merkwürdig. Wie hatte Daniel das bloß bewerkstelligt? Wahrscheinlich war sie doch zu vertieft gewesen. Hochgezaubert hatte er sie jedenfalls nicht, denn die Anwendung von Magie wäre ihr keinesfalls entgangen, egal wie versunken sie in ihre Arbeit gewesen wäre. Aber wie auch immer, ohne Hilfe konnte sie das Objekt nicht unter die Lampe schieben.
»Daniel?«
Stille.
Aurica versuchte es lauter. »Daniel?«
Nichts.
Wo steckte dieser Kerl denn bloß?
Sie ging zu dem funzelig beleuchteten Lagerraum, konnte jedoch niemanden entdecken.
»DANIEL!«, brüllte sie in die Tiefen des Lagers.
»Hast du Sehnsucht?«, kam es prompt aus einer stockfinsteren Ecke. Aurica fuhr zusammen. Sie kam nicht umhin, sich zu wundern. Zum einen hätte er sie dort hören müssen, außer er wollte nicht, zum anderen …
»Was machst du da völlig ohne Licht in der Finsternis?«
»Mir ist die Taschenlampe runtergefallen, also keine Panik. Außerdem bin ich ein großer Junge und fürchte mich nicht im Dunkeln.«
Na dann.
»Ich bräuchte da draußen gerade mal deine Hilfe.«
»Hast du eine Kiste mit Statuen von nackten Männern geöffnet, denen ich jetzt Feigenblätter auf den Jungfernschreck kleben soll, damit du weiterarbeiten kannst?«
Herrgott noch mal, hatte der Typ eigentlich kein anderes Thema?
Aurica wartete nicht, bis er sich zu ihr durchgearbeitet hatte, sondern ging zurück zu der Problemkiste.
»Hilf mir mal, das Ding hier unter die Lampe zu schieben«, instruierte sie Daniel, sobald er in der Tür erschien.
Zu ihrer Überraschung ging er kommentarlos um den Tisch herum, sodass sie beide Hand anlegen konnten, und stemmte sich gegen den Kasten. Mit viel Ächzen und Schnaufen bekamen sie ihn Stück für Stück dahin gewuchtet, wo Aurica ihn haben wollte.
»Danke, das reicht«, keuchte sie schließlich. »Wie hast du den eigentlich hier hochgekriegt?«
Noch während sie die Frage stellte, verfluchte sie sich für die ungeschickte Formulierung. Daniel schwang sich mit einem lässigen Satz über die Arbeitsplatte und landete mit einem zweideutigen Grinsen direkt – und sehr nah – vor ihr. Aurica wollte zurückweichen, doch der Tisch hinderte sie daran. Nervös rückte sie ihre Brille zurecht, die ein wenig verrutscht war.
»Da hast du wohl in der Schule im Aufklärungsunterricht wieder mal nicht aufgepasst, Vierauge.« Er beugte sich noch ein Stückchen zu ihr herunter und flüsterte dabei fast zärtlich: »Das mit dem Hochkriegen könnte ich dir zwar erklären, aber am besten googelst du das mal im stillen Kämmerlein. Ich will ja nicht schuld sein, wenn du einen Herzkasper kriegst.«
Ohne dass sie es verhindern konnte, schoss Aurica die Röte ins Gesicht. Allerdings trug der blöde Spruch nur zum Teil die Verantwortung dafür. Die weitaus größere Schuld traf Daniels Nähe und vor allem die Tatsache, dass diese ihr nicht einmal im Ansatz so unangenehm war, wie sie es hätte sein sollen.
Herrgott, was sollte das?! Der Typ war ein Arsch allererster Güte! Entschlossen, wenngleich auch mit zitternden Fingern, schob sie ihn auf Abstand – was er glücklicherweise brav mit sich machen ließ. Dabei weigerte sie sich standhaft, der aparten Festigkeit seiner Brust unter ihren Händen Beachtung zu schenken. Aurica wünschte sich zum tausendsten Mal, dass sie wenigstens etwas wortgewandter wäre, um ihm mit einem saftigen Spruch Paroli zu bieten. Aber so musste sie eben mit dem arbeiten, was sie hatte. Sie räusperte sich.
»Ich meinte den Kasten, du Idiot!«
»Upsi! Kleines Missverständnis! Sorry, dass dir das gleich wieder ein heißes Köpfchen verpasst hat.«
Ja, super. Immer nur schön rein in die Wunde. So leicht würde sie sich jedoch nicht ablenken lassen.
»Diese Kiste ist abartig schwer. Wie hast du die vorhin ganz allein auf den Tisch heben können?«
Für einen winzigen Moment zuckte Daniels Blick zur Seite. Doch er hatte sich sogleich wieder im Griff und schaute sie an, als wäre sie unfassbar dumm und lebensfremd. Mit einer lässigen Handbewegung deutete er Richtung Decke.
»Schon mal was vom Prinzip des Flaschenzugs gehört? Die Dinger gibt’s seit ein paar hundert Jahren. Ich dachte, ihr Brillenschlangen seid so belesen?«
So viel stand jetzt zumindest fest: Ihr geliebter Kollege log. Nie und nimmer hatte er die Kiste mit dem Flaschenzug auf die Arbeitsplatte befördert! Das antiquierte Gerät war nicht zu überhören, und Aurica hatte es auch nicht überhört. Kurz überlegte sie, ob sie nachbohren und sich mit Daniel auf eine Diskussion einlassen sollte, verwarf den Gedanken jedoch sogleich. Sie würde ohnehin nur ein paar Beleidigungen kassieren, ohne dabei etwas Vernünftiges aus ihm herauszubekommen.
»Na, dann«, murmelte sie vage und trat noch ein Stück von ihm zurück. Auf einmal war ihr Daniel – und überhaupt diese ganze Sache – unheimlich. Aurica hatte plötzlich das Bedürfnis nach frischer Luft. Sie wollte nicht mehr mit ihm allein sein, so weit ab vom Schuss, in diesem dämmrigen Raum voller Kisten mit beunruhigenden Artefakten.
Mit einer gestammelten Entschuldigung machte sie sich eilig auf den Weg zur Tür. Von dort aus blickte sie sich verstohlen um. Fast erwartete sie, dass Daniel ihr folgen und sie zurückzerren würde. Was er natürlich nicht tat. Er stand noch immer an der gleichen Stelle wie vorhin und sah ihr mit einem eigentümlichen Ausdruck im Gesicht hinterher, der viel zu viel Spielraum für ihre verrücktspielende Fantasie ließ.
Aurica mochte sich irren, doch in diesem Moment kam er ihr im höchsten Maße bedrohlich vor.
Mit klopfendem Herzen rannte sie nach draußen und kam erst wieder zum Stehen, als sie das Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Weinguts, in dem der Lagerraum lag, ein Stück hinter sich gelassen hatte.
Die Weinberge selbst waren schon lange verschwunden. Der Forst hatte sich die Hänge und Ebenen bereits seit Jahrzehnten wiedererobert. Mittlerweile lag das Anwesen ein wenig abgelegen im Wald, allerdings mit einer guten Anbindung an Koblenz, zumindest wenn man endlich die B9 erreicht hatte.
Auf der einen Seite des Gebäudes gab es eine große Lichtung, auf der für das zukünftige Museum ein Garten angelegt wurde. Passend zum Thema »Magie, übernatürliche Wesen und unerklärliche Phänomene« sollte er entsprechend verwunschen gestaltet werden. Dies war der einzige Platz auf dem Grundstück, auf den halbwegs verlässlich die Sonne fiel – und genau dort zog es Aurica jetzt hin.
»Was ist denn mit dir los? Du siehst ja aus, als ob du einen Geist gesehen hättest!«, vernahm sie eine Stimme hinter sich und fuhr erschrocken herum.
»Florentin!« Erleichtert lächelte sie den jungen Gärtner an und entspannte sich augenblicklich. Eine perfektere Gesellschaft als den unkomplizierten, immer gut gelaunten und irgendwie sonnigen Kollegen konnte sie sich im Moment nicht wünschen.
Er schaute sie besorgt aus seinen sandfarbenen Augen an und wirkte in seinem labbrigen Batikshirt, der weiten Cargohose und den tarngrünen Gummistiefeln so normal, dass sich Aurica wegen ihrer Panikattacke ein wenig albern vorkam.
Die ursprünglich dunkelblonden, doch mittlerweile von der Sonne ausgebleichten Dreadlocks hatte er im Nacken zusammengebunden, um ungestört arbeiten zu können.
Da Aurica noch immer nicht reagierte, wischte sich Florentin die erdverschmierten Hände an seiner Hose ab und drehte seine schweigsame Besucherin in Richtung des Gartens.
»Na los, lass uns eine Runde durch die Botanik drehen. Danach ist alles meist nur noch halb so wild.«
»Eine prima Idee. Außerdem habe ich deine Fortschritte schon viel zu lange nicht mehr bewundert.«
Florentin Blumensatt strahlte über das ganze sonnengebräunte Gesicht und strich sich geschmeichelt über sein Ziegenbärtchen. Der Garten war sein Ein und Alles. Die Begeisterung, die er für seinen Beruf hegte, riss auch den hartgesottensten Gartenmuffel mit. Obwohl das bei Aurica nicht nötig war, denn sie spazierte gern durch die Natur, egal, ob sie künstlich angelegt oder eher urwüchsig war.
»Dann komm!«
Florentin hüpfte ihr voran wie ein junges Ziegenböckchen. Er war zwar im gleichen Alter wie Aurica, wirkte aber manchmal so verspielt, dass sie sich in seiner Gegenwart wie ein hausbackenes und etwas betuliches Tantchen fühlte. Unwillkürlich musste sie lächeln.
Ihr Kollege war als Gärtner ein Genie. Sicher, es gab noch viel zu tun, doch der Garten war jetzt schon herrlich. Wenn er erst fertig war, würde er wirklich ein Traum sein! Auf dem Gartengelände verteilt standen ein paar Ruinen und Mauerreste, vermutlich von ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, die sich die Natur bereits auf sehr malerische Art zurückerobert hatte. Florentin hatte den natürlichen Bewuchs geschickt ergänzt und das Gesamte perfekt in den Garten integriert. Fast hatte man den Eindruck, durch ein verwunschenes Dorf zu schreiten, von dem nur noch wenige steinerne Zeugen geblieben waren, um von dem Leben zu erzählen, das sich in längst vergangenen Zeiten hier zugetragen hatte.
»Und hier werde ich noch eine Laube bauen, an der Glyzinien entlangranken können. Was glaubst du, wie das duften wird!«, drang es an Auricas Ohr, die in den Anblick einer verträumt mit Efeu und wildem Wein berankten Mauer versunken war.
»Ähm, was ist denn eine Glyzine?«
Florentin bedachte sie mit einem mitleidigen Blick und rang in gespielter Verzweiflung die Hände. »Glyziniiie! Niemals Glyzine! Merk dir das, Ahnungslose. Es heißt Gly-zi-nie. Ansonsten auch Wisteria oder Blauregen. Du siehst sie oft an alten Häusern emporranken. Sie haben hübsche, knorrige Stämme und im Frühling verschwinden sie schier unter diesen wunderschönen blauen Blütendolden.«
»Ah, jetzt weiß ich, was du meinst.«
»Na, bestens.« Der leichte Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören. Sie folgten einem romantisch verschlungenen Pfad, der beim letzten Mal noch nicht da gewesen war, und Florentin sprudelte begeistert mit allem hervor, was er geplant oder bereits umgesetzt hatte. Es war interessant, was er ihr erzählte, und Aurica liebte es, ihm zuzuhören, auch wenn sie sich das meiste davon ohnehin nicht würde merken können, selbst in den Fällen, in denen sie es verstand. Aber den Garten genießen konnte sie schon jetzt. Sie spürte, wie ihre Aufregung sich legte.
»Hier, komm, ich zeige dir, was ich im Moment gerade mache.« Damit packte Florentin sie bei der Hand und zog sie mit glänzenden Augen hinter sich her.
»Da, schau!«, rief er überschwänglich, während er ihre Hand losließ und auf ein Plateau mit einem Pavillongerippe und ziemlich viel aufgewühlter Erde ringsum zeigte, aus der nackte grün-braune Stängel hervorragten. Etliche weitere dieser nackten, dornigen Stängel in unterschiedlichen Größen und mit Wurzelballen standen und lagen überall verstreut.
Aurica räusperte sich und strich sich verlegen eine aschblonde Strähne, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte, hinter das Ohr. Sie wusste, dass es hier mit Sicherheit einmal schön werden würde, konnte sich im Moment allerdings gar nichts darunter vorstellen.
Mit einem leisen Lachen trat Florentin hinter sie und drehte sie immer leicht in die Richtung, in der er ihr beschrieb, was er dort ausgetüftelt hatte. Erstaunlicherweise sah sie plötzlich vor ihrem inneren Auge, was er meinte. Sie bemerkte die kunstvoll geschwungene, schmiedeeiserne Struktur des Pavillons, sah, wie sich mit den Jahren Rosen daran emporrankten, roch ihren betörenden Duft. In einigem Abstand dazu standen rundum fünf ebensolche Rosenbögen wie Tore zu verzauberten Königreichen. Auch um diese rankten sich üppige Rosen wie Legenden um längst vergangene Geschehnisse. Zahllose Rosenbüsche, unterbrochen von Rispen- und Schleierblüten, Lavendel, Buchsbaum, Rittersporn und duftigen Gräsern füllten die Flächen dazwischen und verbargen den Ort vor neugierigen Blicken. Der ganze Platz hatte etwas Verwunschenes. Fast konnte Aurica die angenehme Kühle auf ihrer Haut spüren, die der Schatten des Pavillons ihr spendete, während der Gesang der Vögel und das geschäftige Summen der Bienen sich in einer sommerlichen Melodie vereinten.
»Unglaublich!«, hauchte sie ergriffen, derweil das Bild vor ihrem inneren Auge verblasste und wieder dem aufgewühlten Erdreich Platz machte. Ein leichter Nachhall von Magie lag in der Luft, doch der konnte auch von diesem zauberhaften Ort stammen.
»Siehst du, man muss nur hinschauen«, lächelte Florentin in ihrem Rücken, während er beiseitetrat. Er deutete auf zwei alte Klappstühle mit orange-geblümtem Bezug, die in der Mitte des Pavillons standen. So wie sie aussahen, mussten sie noch aus den Siebzigern übrig geblieben sein.
»Setzen wir uns, und du erzählst mir, was vorhin los war, als du wie ein verschrecktes Kaninchen in den Garten gekommen bist.« Er drehte sich schwungvoll um, wobei seine Dreadlocks über Auricas Arm kitzelten. Sie wunderte sich stets von Neuem, wie kratzig sie eigentlich waren.
Aurica folgte seiner Einladung, und sie setzten sich, obwohl die altersschwachen Stühle ein wenig vertrauenerweckendes Ächzen von sich gaben. Argwöhnisch sah sie nach unten. Florentin zuckte lediglich die Achseln und streckte entspannt die Beine von sich.
»Also meiner hat vorhin noch gehalten. Wie es mit deinem aussieht, weiß ich allerdings nicht.«
»Na, vielen Dank, du machst mir ja Hoffnung!«
»Och, wenn du gleich auf dem Boden sitzt, setze ich mich einfach zu dir.«
Aurica musste lachen und beschloss, dass, wenn der Stuhl bereits so lange gehalten hatte, er das auch noch weitere zehn Minuten tun würde.
»Also, was war eben los?«
»Hm, na ja, so genau weiß ich es selbst nicht. Eigentlich war überhaupt nichts los. Wahrscheinlich sehe ich schon Gespenster. Das ist ja bei dem alten Kasten auch kein Wunder!«
Der junge Gärtner zog fragend eine dunkelblonde Augenbraue nach oben und Aurica seufzte. Dann erzählte sie ihm die ganze Geschichte, obwohl sie sich ein bisschen blöd dabei vorkam.
»Weißt du, ich glaube, ich sollte zwischendrin einfach mal öfter an die frische Luft gehen«, endete sie schließlich. »Den lieben langen Tag nur Kisten mit eigentümlichem Inhalt öffnen und registrieren, da muss man ja Wahnvorstellungen von bekommen!«
Florentins sandfarbene Augen musterten sie prüfend. »Daniel ist dir jetzt aber nicht irgendwie dumm gekommen, oder? Also ich meine, nicht dümmer als sonst. Er hat dich nicht bedroht, oder so?«
Aurica schüttelte entschlossen den Kopf. »Nein, das hat er ehrlich nicht. Er hat mich weder bedrängt noch bedroht, sondern sich nur so verhalten wie immer. Wie ein Vollidiot eben.«
»Sicher?«
»Ja, absolut sicher. Es waren nur meine Nerven in diesem düsteren Gemäuer. Und jetzt komme ich mir wirklich dumm vor«, gestand sie verlegen. »Und vermutlich war ich doch zu sehr in meine Arbeit vertieft, um zu bemerken, dass Daniel den Flaschenzug benutzt hat.«
Florentin lächelte sie verschmitzt an. »Na ja, wahrscheinlich ist es ungesund, sich den ganzen Tag mit Schrumpfköpfen zu beschäftigen. Ich denke da insbesondere an diesen blonden, der seinen noch auf den Schultern trägt.«
Aurica kicherte. »Da hast du wirklich recht. Vermutlich habe ich einfach nur überreagiert, weil Daniel so ein Arsch ist.«
Sie nahm ihre Brille ab und hauchte darauf, da sie verschmiert war. »Weißt du, er muss mich ja nicht mögen. Aber das könnte er dann wenigstens für sich behalten!«, sprudelte es plötzlich aus ihr heraus, während sie die Brille an ihrem Schlabberpulli sauber rieb. »Auf diese Weise könnte man zumindest auf einer professionellen Ebene zusammenarbeiten, seinen Job erledigen und danach wieder getrennter Wege gehen. So wie jetzt macht man sich doch nur unnötig das Leben schwer! Beziehungsweise wohl eher er mir. Mir fällt ja umgekehrt leider nichts ein, um ihm blöd zu kommen! Obwohl ich das gar nicht wollen würde.«
»Ach, ich wäre mir gar nicht so sicher, dass er dich nicht mag«, zwinkerte Florentin.
Aurica starrte ihn an, als hätte er ihr gerade erzählt, dass er den Garten planieren und in einen Parkplatz verwandeln wollte.
»Wie bitte? Nie im Leben! Es mag ja Fälle geben, in denen ein Junge ein Mädchen mag, und versucht, mit so einer Taktik ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber aus dem Alter sind wir raus! Sogar Daniel. Du kannst mir ruhig glauben, er meint das, was er sagt, bitterernst. Er kann mich nicht ausstehen und findet mich todsterbenslangweilig, verklemmt, doof, hässlich, weiß der Himmel noch was! Kann er ja gern tun. Aber er müsste es wirklich nicht dauernd zeigen.«
Der letzte Satz rutschte Aurica etwas kläglicher heraus als beabsichtigt. Um diese Wirkung zu mindern, schaute sie schnell möglichst entschlossen drein und setzte sich ruckartig auf – was der Stuhl mit einem warnenden Quietschen quittierte.
»Also ist Blondie nicht nur ein Idiot, sondern hat obendrein auch keine Ahnung und noch weniger Geschmack. Ja, so hatte ich ihn von Anfang an eingeschätzt«, kommentierte Florentin mit übertriebener Kennermiene, während er fachkundigen Blickes an seinem Ziegenbärtchen zupfte. Damit brachte er Aurica zum Lachen.
»Ach, Florentin, was würde ich nur ohne dich tun! Jedenfalls würde ich viel lieber mit dir zusammenarbeiten als mit Daniel! Vielleicht schule ich eines Tages um und werde Gärtner.«
»Von mir aus gern«, schmunzelte er. »Ich würde dich sogar ungelernt nehmen. Außerdem verspreche ich, dass ich dir keine blöden Sprüche an den Kopf werfe. Okay, zumindest nicht dauernd.«
»Das glaube ich dir aufs Wort. – Oje, so lange wollte ich dich gar nicht von der Arbeit abhalten! Im Übrigen sollte ich wohl besser auch langsam mal zu meinen Kisten zurückgehen und nachschauen, was in diesem schweren Monstrum überhaupt drin ist.«
»Du hältst mich nicht ab. Außerdem mache ich genug Überstunden, dass ich mir so ein Päuschen locker leisten kann. Und abgesehen davon: Es gehört zum Service des Hauses dazu, das wieder einzurenken, was unser geschätzter Kollege verbockt hat«, erwiderte Florentin großzügig.
»Danke, das hat bestens funktioniert. Ich fühle mich ausreichend gewappnet, mich unserem Hausmeister zu stellen.«
»Prima, dann habe ich meine Aufgabe ja zur vollsten Zufriedenheit erledigt. Ich begleite dich jetzt aber trotzdem zurück. Nur für den Fall, dass deine Panikattacke dich nicht getrogen und Blondie sich in der Zwischenzeit in einen Ork oder Ähnliches verwandelt hat. Obwohl – seinen Manieren könnte das eigentlich nur zuträglich sein.«
»Ach so? Ich dachte, Orks sind – nun ja, eher – ungehobelt?«
»Ja, so kann man es sagen. Sogar unfassbar ungehobelt! Aber eben doch Waisenkinder gegen Blondie.«
Die beiden machten sich lachend auf den Weg, wobei der junge Gärtner die Gelegenheit nutzte, um Aurica noch auf diverse Neuerungen im Garten aufmerksam zu machen. Als sie wieder an ihrer Wirkungsstätte ankamen, war Daniel nicht auffindbar. Florentin mutmaßte sogleich, dass er sich vermutlich doch in einen Ork verwandelt hatte und jetzt irgendwo in der Ecke sitzen und sich schämen würde, da ein Ork – wie soeben festgestellt – ja viel bessere Manieren als Blondie hatte.
Als Aurica wieder allein war, machte sie sich mit einem Brecheisen daran, den zugenagelten Holzdeckel von der Kiste zu lösen.
Es fiel in ihren Verantwortungsbereich, dass sämtliche Exponate für die Ausstellung der magischen und kultischen Gegenstände aus aller Welt ordentlich erfasst, auf Unversehrtheit überprüft und später dann angemessen präsentiert wurden. Wobei das Erfassen eher einem Abhaken glich. Die meisten Objekte waren bereits sorgfältig katalogisiert und im Computer hinterlegt worden. Das erklärte immerhin, wieso man eine Einsteigerin wie sie mit einer solchen Aufgabe betraute. Zumindest hoffte Aurica, dass sie den Job nicht nur deshalb bekommen hatte, weil die Chefin des Schlosses der Schatten eine Verwandte ihrer Mutter war – wenn auch eine sehr weitläufige.
Das wirklich Faszinierende an ihrer Arbeit war jedoch, dass einige der magischen Gegenstände tatsächlich magisch waren. Es entzog sich Auricas Kenntnis, ob die Initiatoren der Ausstellung davon wussten. Sie jedenfalls konnte die – mal mehr, mal weniger starke – Magie in den Ausstellungsstücken fühlen. Damit hatten ihre übernatürlichen Fähigkeiten aber bereits ihre Grenzen erreicht.
Die magische Veranlagung hatte sie von ihrer Mutter. Diese praktizierte jedoch seit einem Unfall nicht mehr, der lange vor Auricas Geburt lag. Was genau damals geschehen war, hatte sie ihrer Tochter niemals erzählt, was diese akzeptierte. Und wenn sich Aurica ihre klägliche übersinnliche Begabung so ansah, war es wohl auch besser, dass ihre Mutter sie nicht in die Welt der Hexen einführte. Aurica wäre ohnehin nur eine Enttäuschung für sie gewesen.
So wie sie auch sonst recht wenig von ihrer schönen, rothaarigen Mutter hatte. Aurica empfand sich selbst als eher unauffällig. Weder hübsch noch hässlich, etwas weniger als durchschnittlich groß, gewöhnliche Figur, bebrillt, Augen in einem Allerweltsbraun und ihre glatten, halblangen Haare erstrahlten in einem nichtssagenden Aschblond. Nicht zu verwechseln mit der derzeit angesagten Trendfarbe, sondern mit der Farbbezeichnung im ursprünglichen Sinne. Sprich: Straßenköterblond, in genau der trostlosen Ausprägung, die die Natur immer dann wählte, wenn sie nach einem viel zu üppigen Mittagessen gerade überhaupt keine Lust mehr verspürte, auch nur den geringsten Funken an Kreativität walten zu lassen.
Aber derzeit verspürte Aurica ihrerseits ebenfalls keine Lust, diesen Mangel auszugleichen – was sie übrigens lange genug getan hatte. Es gab Wichtigeres, und wenn der Mann ihres Lebens nur deshalb blind an ihr vorbeistolpern sollte, weil ihre Haarfarbe nichtssagend war, dann hatte er es auch nicht verdient, der Mann ihres Lebens zu sein.
Waren ihr jetzt wirklich für einen Moment eine blondierte Sturmfrisur und blaue Augen unter dunklen Brauen durch die Gedanken gesprungen?
Im Leben nicht! Bei aller Liebe – beziehungsweise hier wohl eher Zwietracht –, auf dieser Position sah sie Daniel nun beim besten Willen nicht!
Abgesehen davon hatte sie hier etwas vor sich stehen, das viel interessanter war.
Aurica entfernte das Verpackungsmaterial und fand darin etwas, das wie eine Truhe aussah, und die ganze Transportbox auszufüllen schien. Herausheben konnte sie den Inhalt nicht, also demontierte sie die äußere Kiste. Sie würde sie ohnehin nicht mehr brauchen.
Hervor kam eine schön gearbeitete Metalltruhe, deren Material sowohl der Farbe ihrer Legierung nach als auch ihrem Gewicht gemäß zu urteilen, hohe Anteile an Blei enthalten musste. Sie war über und über mit verschlungenen, mystisch aussehenden Symbolen verziert. Eine stabil wirkende Mehrfachverriegelung sowie mehrere schwere Vorhängeschlösser sorgten dafür, dass ihr Inhalt sicher verschlossen blieb. Aurica musste sich eingestehen, dass das Ganze ziemlich gefährlich wirkte. Beziehungsweise vermittelte, dass der Inhalt es war. Sie spürte zwar keine Magie, doch wenn die Truhe tatsächlich aus Blei war, dann konnte es schon sein, dass dieses die Magie des Innenlebens abschirmte.
Aurica beschloss, besser zuerst in ihrem Computer nachzusehen, was die Kiste enthielt, bevor sie eine unliebsame Überraschung erlebte.
Linke Hand des Dämons Exmodeus. Mit Beschwörungsgarnitur, Frankreich, 1513 (Angabe des Vorbesitzers), Bleitruhe, Schlüssel beiliegend, informierte die Datenbank sie.
Mehr fand sich dazu nicht. Weder den genauen Namen des Vorbesitzers noch wann und wozu die Dämonenklaue gebraucht worden war. Wenn man einmal davon absah, dass vermutlich jemand versucht hatte, damit Exmodeus zu beschwören. Leider gab es auch keine Informationen darüber, wie mit dem Artefakt umzugehen sei. War die Hand wirklich echt? Konnte man die Truhe gefahrlos öffnen?
Unwillkürlich überzog eine Gänsehaut Auricas Rücken. Sie war noch immer allein und wünschte sich plötzlich Florentin, ja, sogar Daniel zurück. Dann ärgerte sie sich über sich selbst. Das war doch albern! Die konnten ihr im Falle einer wildgewordenen Dämonenhand, die zu ihrem Körper zurückwollte, oder des Angriffs eines wütenden Dämons, der seine Hand zurückforderte, auch nicht helfen.
Andererseits, wenn sich die Beschwörungsgarnitur in der Truhe befand, dann würde die Hand von allein vermutlich auch nichts machen. Außerdem: Ließen sich Dämonen so ohne Weiteres ihre Hand rauben? Gab es überhaupt Dämonen?
Auricas Mutter hatte ihr nie etwas darüber erzählt, so, wie sie sich bei allem, was auch nur annähernd mit Magie zu tun hatte, äußerst bedeckt hielt. Erst als damals in der Schule Okkultismus durchgenommen wurde, war Bewegung in die einstmalige Hexe gekommen. Schon nach Auricas ersten Fragen bezüglich Gläserrücken, Séancen, Dämonenbeschwörungen, Satanismus und derlei hatte ihre Mutter ihr derart vehement verboten, auch nur darüber nachzudenken,sich näher damit zu beschäftigen, dass Aurica ahnte, dass nicht alles davon bloßer Humbug war.
Tja, und jetzt stand sie hier mit einer angeblichen Dämonenhand und der Pflicht, alle Exponate zu überprüfen, zu katalogisieren und einem Ausstellungsbereich zuzuordnen. Aurica ärgerte sich, dass sie die Zurückhaltung ihrer Mutter bezüglich Magie bisher akzeptiert hatte. Hätte sie früher bloß öfter nachgehakt! Dann wüsste sie nun vielleicht etwas, das ihr weiterhelfen könnte. Nun gut, es nutzte ja nichts.
Wie der Computer versprach, war in einem separaten Kästchen eine erstaunliche Menge an Schlüsseln vorhanden. Ein kompletter Schlüsselsatz für eine Truhe, die laut den Angaben des Vorbesitzers aus dem Jahr 1513 datierte? Nun ja. Vielleicht waren Eigentümer von Dämonenhänden ja äußerst ordentliche Leute, die nichts verlegten. Aber bei genauerem Hinsehen schienen sowohl manche der Schlüssel als auch der Schlösser etwas neueren Datums zu sein. Während der langen Existenz der Truhe waren einige Verschlussvorrichtungen abhandengekommen und ersetzt worden. Ein richtig modernes Schloss befand sich jedoch nicht darunter.
Aurica begann, die Schlüssel durchzuprobieren, und tatsächlich: Nach und nach ließ sich jeder Verschluss öffnen, bis nur noch die stabil aussehende Mehrfachverriegelung übrig war. Es verblieb auch noch genau ein kunstvoll gearbeiteter Schlüssel.
Mit einem Seufzen steckte Aurica ihn in das Schloss und drehte ihn herum. Erst hakte er ein wenig, doch dann glitten die Verriegelungen widerstandslos zurück.
Die Truhe war offen.
Nichts geschah.
Aurica atmete tief durch und klappte den Deckel vorsichtig auf. Er war extrem schwer, was bei dem Material nicht verwunderlich war.
Es geschah noch immer nichts, und Aurica lugte argwöhnisch in die Truhe. Ihr Blick fiel auf einen Einsatz mit einem Griff in der Mitte, ähnlich wie bei einer Werkzeugkiste, in dem sich allerlei Phiolen, Döschen, ein Drudenfuß, Räucherwerk und ein zusätzlicher Schlüssel mit einem dämonisch aussehenden Symbol am Griff befanden.
Behutsam nahm sie den Einsatz heraus, der ebenfalls aus einer Bleilegierung bestand, und stellte ihn beiseite. Darunter kam ein weiterer Deckel zum Vorschein, der mit einem Schloss gesichert war. Eine separate Kammer also, in der sich dann wohl Exmodeus' Hand befand.
Aurica wurde zunehmend mulmiger zumute. Sie wünschte sich wirklich, das hier nicht allein durchstehen zu müssen! Aufmerksam streckte sie ihre Sinne aus, konnte jedoch keinerlei Magie spüren.
Nun gut, dann auf in die letzte Runde!
Sie atmete noch einmal tief durch und begann, das verbliebene Schloss zu öffnen. Es schien innen stark verrostet zu sein, wodurch es sich zunächst allen Öffnungsversuchen erfolgreich widersetzte. Für Auricas Geschmack machte es dadurch die Sache nur unnötig spannend. Sie wusste nicht, wie lange sie in dem Verschluss herumgestochert hatte, als er endlich aufsprang.
Mit zitternden Fingern hob sie den Deckel an. Ein schauderhaftes Kreischen ertönte, sodass sie ihn vor Schreck gleich wieder fallen ließ. Ohne es zu merken, hatte Aurica einen Satz nach hinten gemacht. Ihr Herz hämmerte, als wollte es sich gewaltsam aus ihrem Brustkorb befreien.
Vorsichtig näherte sie sich der Truhe.
Dann fiel ihr auf, dass es die Scharniere waren, die derart beängstigende Laute von sich gaben, kein aus der Kiste herausfahrender Dämon. Entschlossen packte sie den schweren Bleideckel, klappte ihn auf und sprang sicherheitshalber ein Stück zurück. Die Truhe stand vollkommen ruhig da. Weder kroch eine Hand heraus, noch versuchte ein erzürnter Dämon, zu selbiger zu gelangen.
Ermutigt lugte Aurica in die Truhe und verzog angewidert das Gesicht. Auf einem eingesunkenen Polster aus grünem Samt ruhte ein kompletter, mumifizierter Unterarm. Ein außergewöhnlich langer und kräftiger Arm. Die schwärzlich verfärbten Finger der Hand waren zu Krallen gekrümmt, und der Arm wies ungewöhnlich lange, rote Haare auf. Die Extremität war zweifellos nicht menschlich, ziemlich eklig, aber in etwa so magisch wie ein Sack Kartoffeln. Hiermit konnte man definitiv nichts und niemanden beschwören.
Aurica atmete erleichtert aus und schüttelte gleichzeitig den Kopf über sich. Sie hatte sich von der kunstvoll-martialischen Art der Truhe täuschen lassen. Ganz so, wie es vermutlich vom »Hersteller« dieses Dämonenarms beabsichtigt war, um möglichst viel Geld dafür zu bekommen. Höchstwahrscheinlich handelte es sich bei dem Ganzen um nichts anderes als einen ausgemachten Schwindel, wie es oft bei magischen Gegenständen der Fall war.
Aurica nahm den Arm genauer in Augenschein. Angeblich sollte er bereits fünfhundert Jahre alt sein. Mumifizierung hin oder her, man konnte davon ausgehen, dass er in dieser Zeit nicht durchgängig ordnungsgemäß gelagert worden war. Dafür wiederum sah die Hand jedoch zu gut aus, selbst wenn die Kiste vergleichsweise luftdicht abschloss. Fünfhundert Jahre war sie mit Sicherheit nicht alt.
Wo eine Lüge war, steckte meist noch eine weitere. Unabhängig davon, ob es Dämonen nun gab oder nicht, war sich Aurica zumindest in Exmodeus' Fall sicher, dass sie es mit einem gefälschten Dämon zu tun hatte.
Sie überlegte, zu welchem Lebewesen der Arm einmal gehört haben könnte. Wenn man ausschloss, dass der ehemalige Eigentümer ein rothaariger Riese aus einer reisenden Kuriositätenschau gewesen war, dann musste es sich um ein großes Tier gehandelt haben, menschenähnlich, mit langem, rotem Fell. Da blieb eigentlich nur ein Orang-Utan. Das passte auch zu Größe und Proportionen des Arms.
Keine schlechte Idee, denn selbst wenn das Artefakt erst hundert Jahre alt sein sollte, hatten damals die wenigsten Leute von einem Orang-Utan gehört. Und viel wichtiger: Kaum jemand wusste zu jener Zeit, wie einer aussah. So hatte man natürlich die perfekte Dämonenhand. Sehr clever.
Diese Vermutung würde Aurica bei Gelegenheit noch wissenschaftlich belegen lassen, doch fürs Erste reichte es, wenn sie sie in den Computer eintrug.
Danach überprüfte sie den Einsatz mit den diversen Fläschchen auf Vollständigkeit. Dabei fiel ihr auf, dass ganz unten ein vergilbter Umschlag lag, den sie vorher nicht bemerkt hatte. Im Computer stand auch nichts darüber.
Sie zog das Kuvert hervor und schaute hinein. Es befand sich eine Handvoll uralter Lichtbilder darin. Streng dreinschauende Herren und vornehm aussehende Damen aus den Anfängen der Fotografie blickten Aurica würdevoll und sepiafarben von hochwertigen, dicken Fotokartons entgegen. Die Rückseiten waren teilweise mit Bleistift beschriftet, doch die altmodische Handschrift war derartig verblichen, dass sie fast nichts davon entziffern konnte. Lediglich ein paar Jahreszahlen ließen sich erkennen. 1868, 1872, 1889, die restlichen waren zu verwaschen. Ein Bild war kleiner als die anderen. Bei näherem Hinsehen bemerkte Aurica jedoch, dass jemand es aus einem größeren Abzug herausgeschnitten haben musste. Es zeigte einen ziemlich gut aussehenden jungen Mann im dunklen Anzug, der im Gegensatz zu den Personen auf den anderen Bildern einen weniger ernsten, geradezu unbeschwerten Eindruck machte. Leider war die Fotografie unten und seitlich schräg abgeschnitten, sodass sich nicht erkennen ließ, wer oder was sonst noch mit abgebildet war. Auf der Rückseite stand nichts. Schade.
Auf den ersten Blick gelang es Aurica allerdings nicht, eine Verbindung zwischen den Lichtbildern und Exmodeus' Hand herzustellen. Sie würde sich bei Gelegenheit darum kümmern. Obwohl die Wahrscheinlichkeit groß war, dass es überhaupt keine Verbindung gab. Womöglich hatte irgendein früherer Besitzer die Fotografien lediglich bei den Fläschchen abgelegt und dann vergessen. Mehr als ihre Vermutungen in den Computer eintragen, konnte sie im Moment jedoch nicht.
Nachdem das erledigt war, hätte Aurica gern weitergearbeitet, aber die Truhe blockierte ihre Arbeitsfläche. Daniel machte sich weiterhin rar, und Exmodeus' Miniaturbleisarg war viel zu schwer, als dass sie ihn hätte allein bewegen können. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach einem Helfer zu machen.
So langsam wurde es wirklich Zeit, dass die neuen Mitarbeiter kamen! Es waren einfach zu wenig Leute da. Weit und breit befand sich niemand, der Aurica hätte helfen können.
Derzeit gab es im Schloss der Schatten nicht viele feste Mitarbeiter und nur einige Handwerker. Aber Letztere hatten bereits Feierabend gemacht, und die anderen blieben wie vom Erdboden verschluckt, sodass das ehemalige Weingut im Moment einen vollkommen verlassenen Eindruck machte. Aurica fürchtete sich zwar nicht, doch ganz geheuer war ihr nach der Sache mit Daniel vorhin auch nicht zumute.
Unwillkürlich musste sie an die Geschichten denken, die über das Schloss der Schatten im Volksmund kursierten. Damals hatte es aus gutem Grund noch einen anderen Namen. Sie schüttelte sich und blickte sich verstohlen um.
Das schöne, wenn auch mit einem gewissen morbiden Charme ausgestattete und teilweise verfallene Gebäude bot wirklich den perfekten Rahmen, um darin zukünftig ein Museum für Magie, übernatürliche Wesen und unerklärliche Phänomene unterzubringen! Es strahlte die richtige Mischung aus düsterer Vergangenheit, mystischer Faszination und einer vagen Bedrohung aus, die eine solche Sammlung optimal zur Geltung bringen würde. Mitten im Wald, umgeben von hohen alten Laubbäumen, die den Sonnenstrahlen nur ein flüchtiges Streicheln der dunklen Basaltmauern gestatteten, lag das Anwesen wie ein steinernes Dornröschen. Um dem vulkanischen Basaltgestein ein wenig von seiner Düsternis zu nehmen, hatte man seinerzeit die Fenster- und Türfassungen aus hellem Tuffstein gefertigt. Doch auf Aurica wirkte das eher wie der hilflose Versuch, Jack the Ripper durch das ärztlich verordnete Tragen von Röcken in einen Frauenversteher zu verwandeln.
Bald konnten sich hier also nicht nur Hexen, Zauberer und Magieinteressierte, sondern auch hartgesottene Skeptiker – ebenso wie einfache Schaulustige – magische und kultische Gegenstände aus aller Welt anschauen. Nichtsdestotrotz würden auch Gruselfans auf ihre Kosten kommen. Denn man wollte der Vielzahl übernatürlicher Wesen, die die Fantasien der Menschen seit Jahrhunderten beschäftigen, ebenfalls ihren verdienten Tribut zollen.
Doch damit es überhaupt etwas zu bestaunen gab, sollte Aurica jetzt wirklich dringend jemanden auftreiben, der ihr mit dieser vermaledeiten Kiste helfen konnte!
Die gegenwärtig noch provisorisch eingerichteten Büros waren, wie zu erwarten, leer. Attila, der Sicherheitschef, drehte vermutlich seine Runde auf dem Gelände. Barbara, die sich um Sekretariat und Organisatorisches kümmerte, hatte nur einen Halbtagsjob und war schon längst nach Hause gegangen. Madame Lafour, die Chefin, pflegte ohnehin mehr unterwegs als vor Ort zu sein.
Aurica war das recht, denn so richtig warm wurde sie mit der Dame nicht, obwohl diese sie eingestellt hatte und eine weitläufige Verwandte ihrer Mutter war. Zwar hatte Aurica persönlich noch keinerlei Probleme mit ihrer Chefin gehabt, aber deren überkandideltes Gehabe störte sie. Außerdem fand sie es albern, dass Madame Lafour darauf bestand Madame Lafour genannt zu werden. Dabei war sie gar keine Französin. Irgendwelche Lafour’schen Vorfahren stammten zwar aus Frankreich, doch Madame selbst sprach nicht einmal mehr die Sprache, was die ganze Sache in Auricas Augen hoffnungslos überzogen wirken ließ.
Sie verließ die provisorischen Büros und lief auf gut Glück ein Stück Richtung Wald. In dieser Ecke des Geländes war sie zuvor noch nie gewesen. Sie sollte bei Gelegenheit mal eine ausgiebige Erkundungstour über das ganze Areal machen, aber jetzt gab es anderes zu tun. Wenn sie weder Attila noch Daniel fand, würde sie Florentin fragen. Er war mit Sicherheit irgendwo in seinem Garten, aber sie wollte ihn nicht schon wieder in seiner Arbeit unterbrechen.
Plötzlich schaute sie sich irritiert um. Es lag etwas in der Luft, und zwar wortwörtlich. Außerhalb des Schlosses der Schatten hatte Aurica noch nie Magie wahrgenommen, bis jetzt. Nur hauchzart, kaum wahrnehmbar, aber sie war da.
Auricas Freundin Jelly – die Einzige außer ihren Eltern, die noch von ihrer Begabung wusste, – hatte sie oft gebeten, ihr zu beschreiben, wie sich Magie anfühlte. Wobei man nicht von einem direkten Fühlen sprechen konnte, so wie man beispielsweise Wind auf der Haut fühlte, Hitze, Kälte oder das Summen von Strom. Es gab nichts Derartiges zu spüren – was die Beschreibung erschwerte.
Magie verschob die Normalität gewissermaßen. Sie verfremdete die Atmosphäre, verdichtete sie, lud sie auf. Ein wenig so, wie Luft und Farben vor einem Gewitter intensiver wurden, das Flair surrealer und sich die Stimmung mit einem Hauch von Unwirklichkeit anreicherte. Nur all dies noch viel machtvoller und dennoch dezenter – so widersprüchlich sich dies auch im ersten Moment anhörte. Denn Magie war nicht greifbar, sie existierte gerade außerhalb der normalen Wahrnehmung und berührte ihre Grenze nicht. Eine Grenze, die für Auricas Sinne zwar unsichtbar, aber nicht unpassierbar war – und ihr dadurch ermöglichte, zu spüren, was anderen verborgen blieb.
Doch woher kam auf einmal die Magie auf dem Anwesen? Neugierig folgte sie der fragilen Spur.
Das Gelände begann ziemlich rasch unwegsam zu werden. Der Bewuchs des Bodens nahm zu, und kurz darauf stand Aurica vor einer Brombeerhecke. Hier war kein Durchkommen, aber irgendwo hinter den Brombeeren oder darin, das ließ sich von hier nicht sagen, war die Magie deutlich stärker.
Befand sich dort möglicherweise eine alte Kultstätte? Oder ein Ort mit besonderen Kräften? Wenngleich solche Orte früher oftmals als Kultstätten genutzt wurden. Oder war es lediglich ein Nachhall, weil jemand dort irgendwann einmal einen Zauber gewirkt hatte? Womöglich handelte es sich aber auch einfach nur um einen verlorenen magischen Gegenstand. Wobei sich in dem Fall die Frage stellte, wann, wieso und von wem ein solcher verloren worden war.
Jetzt war Aurica wirklich neugierig. Sie lief ein Stück an der Brombeerhecke entlang, in der Hoffnung eine weniger dichte Stelle zu finden. Dabei verflüchtigte sich zwar das Echo der Magie, doch Aurica wusste ja grob, in welcher Richtung sie suchen musste, wenn sie erst einmal einen Weg durch das dornige Gestrüpp gefunden hatte.
Es dauerte nicht allzu lange, bis die Brombeeren langsam lichter wurden und einem etwas kooperativeren Gewächs wichen. Hier konnte sie hindurchschlüpfen und ihre Suche fortsetzen. Das Gelände war zwar noch immer unwegsam, dennoch kam man deutlich bequemer voran. Aurica stolperte eine Weile durch das Unterholz, als die Luft plötzlich dichter zu werden schien. Sie hatte die Spur wiedergefunden.
Mit jedem Schritt, den sie sich durch das Gestrüpp am Boden kämpfte, fühlte sie, wie die Magie stärker wurde. Aurica gelangte schließlich an einen fast vollkommen von Pflanzen überwucherten Steinhaufen. Wobei »Haufen« schon übertrieben war. Es sah eher so aus, als hätte jemand übrig gebliebene Steine dort zusammengetragen und dann vergessen.
Aurica lief daran vorbei, und die Magie wurde sofort schwächer. Sie ging zurück und umrundete den Steinhaufen argwöhnisch, konnte aber nichts Auffälliges erkennen. Da ihre Augen ihr hier nicht weiterhalfen, tastete sie sich mit ihrem magischen Sinn vorwärts. Dort drüben! Ein Stück entfernt von dem Haufen war es am intensivsten. Vorsichtig näherte sie sich der Stelle. Plötzlich sah sie es: Fast unsichtbar unter dem üppigen Bewuchs verborgen, führte eine verfallene Treppe in die Tiefe. Unbewusst hielt Aurica den Atem an. Eine Treppe mitten im Wald?
Als sie ihren Blick ein wenig schweifen ließ, bemerkte sie an der Seite noch einen niedrigen Mauerrest. Vermutlich hatte hier früher einmal ein Gebäude gestanden. Demnach resultierte der Steinhaufen nicht aus überzähligen Steinen, die man dort hingeworfen hatte, sondern aus übrig gebliebenen, nachdem man das Gebäude abgerissen und das Baumaterial anderweitig verwendet hatte. Die Treppe führte in den ehemaligen Keller – und von dort unten kam die Magie.
Die Härchen in Auricas Nacken stellten sich auf, doch sie musste herausfinden, was es mit der Zauberei auf sich hatte. Für einen Moment überlegte sie, ob es womöglich klüger wäre, zunächst zurückzugehen, eine starke Taschenlampe zu holen und jemandem Bescheid zu geben, wohin sie ging. Allerdings ließ sich schlecht erklären, was sie hier in dieser abgelegenen Ecke zu suchen hatte. Dass Magie sie hergeführt hatte, konnte sie erst recht niemandem sagen, ohne für verrückt gehalten zu werden. Aber Licht brauchte sie. Vielleicht würde ja die Taschenlampe ihres Smartphones ausreichen.
Jetzt war sie Daniel sogar dankbar, wer hätte das gedacht! Früher hatte sie ihr Handy auf der Arbeit nämlich immer in ihrer Handtasche oder auf dem Tisch liegen lassen und in einem Fall wie diesem daher nicht zur Hand gehabt. Doch seit sie hier war, steckte sie es grundsätzlich in die hintere Tasche ihrer Jeans. Aurica traute Daniel ohne Weiteres zu, sich des herumliegenden Geräts zu bemächtigen und irgendetwas Dummes damit anzustellen, was es um jeden Preis zu vermeiden galt.
Sie schaltete die Taschenlampe ein und machte sich an den Abstieg. Wenn das Licht zu schwach war, konnte sie noch immer zurückgehen und eine stärkere Lampe holen.
Wer Aurica nicht kannte, hätte ihr mit Sicherheit nicht zugetraut, dass sie allein in diesen verlassenen, dunklen Keller hinabstieg. Doch nur weil man ruhig und zurückhaltend war, musste man nicht automatisch auch ängstlich sein. Obwohl ihr das Herz im Moment bis zum Halse schlug. Abgesehen davon war es wirklich nicht allzu klug, mutterseelenallein hier herunterzusteigen. Aber wen hätte sie bitten können, sie zu begleiten? Es gab nun einmal keinen vernünftigen Grund, der schlüssig erklärte, wie sie diese abgelegene Treppe überhaupt hatte finden können.
Vorsichtig kletterte Aurica Stufe für Stufe hinab. Die Stiege war steil, machte jedoch zumindest einen stabilen Eindruck. Leider reichte das Tageslicht nicht weit, und auch das Licht des Handys spendete nur einen kleinen hellen Kreis, der sich viel zu schnell in der Dunkelheit verlor. Es war stockfinster in dem Keller. Wenn es einmal Fenster oder wenigstens Lichtschächte gegeben haben sollte, dann waren sie mittlerweile zugewachsen oder verschüttet.
Mit Grausen bemerkte Aurica, dass sogar die Geräusche aus der Welt über ihr verschwunden waren. Rabenschwarze Stille umfing sie. Das Einzige, was sie jetzt noch vernahm, war das tastende Schlurfen ihrer eigenen Schritte, die sie in die Tiefe des Raumes führten. Sie richtete den Schein ihrer Lampe ein wenig von sich weg, in dem Versuch, die Größe des Gewölbes zu erfassen. Vergeblich. Fast schien es, als ob die undurchdringliche Dunkelheit den kläglichen Lichtkreis packte und in ihrer Faust zu einem Nichts zusammendrückte. Schaudernd gab Aurica das Vorhaben auf. Doch als sie versehentlich mit dem Fuß einen Stein wegtrat, konnte sie an seinem Nachhall hören, dass der Keller relativ groß sein musste. Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, was hier alles in den entfernten Winkeln lauern mochte, auch wenn sich diese Gedanken immer weniger verdrängen ließen. Für einen Moment überlegte sie, einfach umzudrehen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Der Hades selbst könnte nicht finsterer sein, wie sollte sie hier mit ihrer mickrigen Smartphonelampe etwas finden?! Doch mit jedem Schritt, den Aurica in die Schwärze vordrang, wurde die Magie stärker.
Nein, sie konnte jetzt nicht aufgeben, sie musste wissen, was hier unten war!
Aber was, wenn an den alten Geschichten über das ehemalige Weingut tatsächlich etwas dran war? Ihr kroch eine Gänsehaut über den Rücken.
Niemand kannte den richtigen Namen des Gutes. In Anlehnung an die Bezeichnung französischer Weingüter wie Château Lafite, Château Pétrus und ähnliche wurde es seit jeher im Volksmund nur Château Vampire genannt. Das kam leider nicht von ungefähr. Der letzte Besitzer hatte die Angewohnheit, seine Rotweine mit Rinder- und Schweineblut zu strecken. Angeblich sollte ihnen das sogar eine exotische Note gegeben haben. Doch dann begannen in der Umgebung auf einmal junge Frauen zu verschwinden, und plötzlich munkelte man, dass das Blut in den Weinen nicht länger Tierblut sei. Ob dies der Wahrheit entsprach oder nicht, wurde niemals aufgeklärt. Ein wütender Mob hatte seinerzeit die Sache in die Hand genommen und auf seine Weise geregelt. Das war nun weit über hundert Jahre her. Seitdem hatte das Anwesen wechselnde Besitzer und ebenso wechselnde Funktionen gehabt, gammelte jedoch seit Ende des Zweiten Weltkriegs mehr oder weniger vor sich hin.
Doch hier unten in der Düsternis wirkte die schaurige Geschichte erschreckend real. Vielleicht lagen die Gebeine der ermordeten Jungfrauen gerade außerhalb des trügerischen Schutzes ihres Lichtkreises? Vielleicht streckte bereits in diesem Moment der untote Besitzer des Weingutes seine eisige Klaue nach ihr aus, vielleicht …
Aurica zwang sich, ihre Gedanken wieder auf die Magie zu lenken und weiterzugehen. Fast hätte sie aufgeschrien, als plötzlich etwas Dunkles im Schein ihrer Taschenlampe auftauchte. Am äußeren Rand des Lichtstrahls stand wie aus dem Nichts ein Paar Beine in dunklen Herrenschuhen. Aurica erstarrte. Die Erscheinung rührte sich nicht, sodass Aurica schließlich mit zitternden Fingern wagte, den Lichtkegel nach oben wandern zu lassen.