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Auf Raouls großer Liebe liegt ein Fluch, der ihre Seele in einem ewigen Schlaf gefangen hält. Er kann sie retten doch dafür müsste er ihren gemeinsamen Sohn opfern und zu einem Schicksal schlimmer als der Tod verdammen. Während er noch mit sich hadert, stellt sich heraus, dass der Fluch den Schlüssel zu unvorstellbarer Macht birgt. Diese weckt Begehrlichkeiten bei dem ortsansässigen Werwolfsrudel und einer intriganten Hexe. Plötzlich läuft Raoul Gefahr, zu deren Werkzeug zu werden und alles zu verlieren. Als letzten Ausweg bittet er Aurica und die anderen vom Schloss der Schatten um Hilfe. Doch das Misstrauen gegen ihn ist groß und begründet. Jeder weiß, dass der Vampir gern nach seinen eigenen Regeln spielt. Wird es auch diesmal so sein? Zudem kämpfen Aurica und ihre Freunde mit ihren eigenen Dämonen, denn der Werwolf Attila wird von einem dunklen Geheimnis aus seiner Vergangenheit eingeholt. Zunächst scheinen beide Ereignisse unabhängig voneinander. Doch dann stellt sich heraus, dass in dem einen die Lösung des anderen liegt allerdings zu einem vernichtend hohen Preis. Dies ist der zweite Band der Serie. Zum besseren Verständnis der Handlung, und um sich nicht selbst um eine dicke, fette Überraschung zu bringen, empfehle ich, zunächst den ersten Band "Schloss der Schatten - Blut ist dicker als Wasser" zu lesen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Jeanette Lagall
Schloss der Schatten
Hexenblut
Schloss der Schatten
Vorgeschichte – Blutiger Schwur (ebook) Nur über meine Homepage
Band 1 – Blut ist dicker als Wasser
Band 2 – Hexenblut
Band 3 – Blutmagie
Band 4 – Der Geschmack von Blut (voraussichtlich Frühjahr 2025)
Novelle »Gesang des Blutes« (erscheint kurz nach Band 4)
Jeanette Lagall
Mildred-Scheel Str. 1
50996 Köln
Text: © Jeanette Lagall 2020
Lektorat: Martina Suhr
Korrektorat: Jana Oltersdorff
Covergestaltung: Carolin Liepins
Innengrafiken: Pixabay
3. Auflage März 2025
Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, wozu auch die Verbreitung über »Tauschbörsen« zählt.
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Jeanette Lagall
Schloss
der
Schatten
Hexenblut
~ Band 2 ~
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»Der Traum ist der beste Beweis dafür,
dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind,
als es scheint.«
Friedrich Hebbel
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Einbruchssicher
Gähnende Leere
Schachzug
Zwischen Pest und Cholera
Attilas Problem
Kreuze und Kochlöffel
Mathildas neue Kleider
Avido Optatum
Hyänenbiss
Der Renfield-Faktor
Attilas Schuld
Blutzauber
Wölfe im Haus
Marketingpläne
Trautes Heim, Glück allein
Happy Hour
Einfach unwiderstehlich
Stillleben mit Brief
Die gelbe Kapsel
Keine Kräfte für Aurica
Eine Truhe auf Reisen
Entführung
Neumond
Rückverwandlung
Vertrauensbruch
Abschied vom Glück
Der Traum nach dem Erwachen
Lauschangriff
Wandlersiedlung
Operation Dornröschen
Showdown
Abschied
Fehlende Erinnerungen
Erwachen
Wolf oder nicht
Wiedersehen
Anhang
Wer zum Teufel ist nur auf die hirnrissige Idee gekommen, einbruchssichere Wohnungstüren zu erfinden?!
Sharai tigerte unruhig vor der Wohnungstür umher. Attila war erst vor ein paar Monaten in das Erdgeschoss des neugebauten Mietshauses in Koblenz-Karthause eingezogen. Dank des angrenzenden Stadtwaldes die optimale Wohnlage für einen Werwolf.
Doch das war im Moment unerheblich.
Attila öffnete nicht.
Eigentlich wollten sie heute zusammen zu ihrem Arbeitsplatz, dem Schloss der Schatten, einem Museum für Magie, Schattenwesen und unerklärliche Phänomene, fahren. Er ging auch nicht ans Telefon, und in der Wohnung rührte sich nichts. Eine letzte Chance würde sie ihm noch geben.
Zum gefühlt zwanzigsten Mal fummelte sie ihr Handy aus der Tasche und rief ihn an. Das Telefon ans Ohr und das andere Ohr an die Tür gepresst, lauschte sie dem Tuten aus dem Hörer und der Stille aus der Wohnung. Als Gestaltwandlerin der Gattung Feloidea, der Katzenartigen, hatte Sharai zwar ein außerordentlich gutes Gehör, doch im Moment gäbe sie viel um den Geruchssinn eines Werwolfs oder eines hundeartigen Gestaltwandlers. Dann wüsste sie wenigstens sicher, ob Attila in der Wohnung war.
Verdammte Hacke, schon wieder die Mailbox!
Wütend stopfte sie das Handy zurück in ihre Tasche und nahm ihre ruhelose Wanderung vor Attilas Haustür wieder auf. Es sah dem sonst so verlässlichen, nein, eigentlich überkorrekten Sicherheitschef des Museums überhaupt nicht ähnlich, eine Verabredung einfach so platzen zu lassen. Schon gar nicht, ohne vorher Bescheid zu sagen.
Sharai hatte bereits versucht, die Wohnungstür einzutreten, war jedoch kläglich an dem massiven Objekt gescheitert.
Blöder Einbruchsschutz!
Bei dem Radau, den sie veranstaltete, war sie froh, dass der Nachbar gegenüber vorhin das Haus verlassen hatte. Er war gerade auf dem Weg zur Arbeit gewesen und hatte Sharai dabei hineingelassen. Sonst würde sie jetzt noch vor der Haustür stehen. Viel gebracht hatte es ihr leider nicht, denn nun stand sie genauso nutzlos vor der Wohnungstür.
Den Hausmeister oder gar die Polizei zu rufen, verbat sich von selbst, denn ihr Freund hütete ein Geheimnis, das auf gar keinen Fall auffliegen durfte. Es war zwar unwahrscheinlich, dass man ihn um diese Tageszeit noch in seiner Wolfsform antraf, doch seit geraumer Zeit stimmte mit Attila etwas nicht. Es gab Probleme bei seiner Verwandlung. Leider wusste sie nicht genau, welche, und noch weniger, wieso diese auftraten. Er versuchte zwar, das was-auch-immer vor ihr herunterzuspielen, aber Sharais Gefühl sagte ihr, dass es deutlich schlechter um ihn bestellt war, als er zugeben wollte.
Wider alle Vernunft warf sich Sharai erneut gegen die Wohnungstür. Doch sie hätte genauso gut die Wand daneben attackieren können. Nur mit Mühe drängte sie den Serval in ihrem Inneren zurück. Dasjenige ihrer Tiere, das am liebsten dann ausbrach, wenn sie gereizt war.
Wo blieb bloß dieser verdammte Werwolf?
In Ermangelung von Alternativen hatte sie kurz nach ihrem ersten Scheitern an der massiven Wohnungstür ihren Kollegen Adonis angerufen. Der zweite Sicherheitsmann des Museums war zumindest stark genug, diese verfluchte Eingangstür aufzubrechen. Natürlich hätte das auch einer der Vampire gekonnt, doch denen traute sie nicht über den Weg, zumindest einem nicht. Abgesehen davon würde ihr Attila vermutlich den Kopf abreißen, wenn die Blutsauger von seinen Schwierigkeiten erfahren würden.
Wieder zog sie das Smartphone aus der Tasche und schaute darauf. Als ob ihr das Gerät sagen könnte, wo Adonis gerade war! Sie riss sich zusammen, um ihm nicht hinterherzutelefonieren. Stattdessen klopfte sie sich mit dem Handy gegen die Stirn und überlegte krampfhaft, was sie sonst noch tun könnte. Dabei lenkte sie das verwaschene Grün ihres Haarschopfes ab. Normalerweise leuchteten die Farben frischer, doch sie hatte sich die letzten beiden Tage nicht gut gefühlt und auf das Nachfärben verzichtet. Und nicht nur darauf …
Was noch viel schlimmer war: Auch auf das Lüften des Geheimnisses des magisch verschlossenen Kellers im Schloss der Schatten! Wieso musste sie unbedingt krank werden, wenn es spannend wurde?! Doch das war im Moment ihr geringstes Problem.
Sharai schrak aus ihren Gedanken auf. Hatte sie soeben die Türklingel vernommen? Sie flitzte zum Anfang des Flurs und riss die Haustür auf.
»Adonis, Gott sei Dank! Warum hat das so lang gedauert?« Allerdings ließ sie ihm keine Zeit zu antworten, sondern hastete zurück, wobei sie ihn über die Lage der Dinge in Kenntnis setzte.
An der Wohnungstür angekommen, fackelte der blonde Hüne nicht lang. Nach nur einem Tritt gegen das Türschloss splitterte das massive Holz, und die Tür sprang auf. Zum Glück waren Werwölfe stärker als normale Menschen. Oder Gestaltwandler. Wenngleich der letzte Punkt ziemlich ärgerlich war, denn sonst hätte sie das schon längst selbst erledigen können.
Die beiden stürmten in die Wohnung, wobei Sharai geistesgegenwärtig genug war, die Tür wieder zu schließen, zumindest so gut es ging. Sicher war sicher.
»Attila?«, hörte sie Adonis rufen, während sie ihm folgte.
Keine Antwort.
»Attil... FUCK! Was zum …«
Sharai wäre fast in ihn hineingerannt und konnte gerade noch ausweichen. Entsetzt starrte sie vor sich auf den Boden.
Hektisch biss Aurica von ihrem Brötchen ab und schlüpfte kauend in ihren Pulli. Niemals hätte sie gedacht, nach dem mehr als ereignisreichen gestrigen Abend schlafen zu können. Doch sie konnte, und sie würde es immer noch, wenn Daniel sie nicht geweckt hätte.
Ihr Blick wanderte zu dem attraktiven, wasserstoffblonden Vampir, der mit locker verschränkten Armen an ihrer Küchenzeile lehnte und sie halb liebevoll, halb spöttisch musterte.
Der hatte gut Grinsen über ihre morgendliche Hektik!
Nicht jeder hatte das Glück, nach dem Aufstehen immer top gestylt auszusehen und sich zu allem Überfluss nicht auch noch mit zeitraubenden Banalitäten wie Frühstück herumschlagen zu müssen. Trotzdem fragte sich Aurica ernsthaft, wie er nach den gestrigen Ereignissen so gute Laune haben konnte.
Raoul hatte es zwar nicht übers Herz gebracht, seine eigenen Pläne auf Daniels Kosten zu verwirklichen – jedoch nur um Haaresbreite. Das Thema war längst nicht vom Tisch, im Gegenteil, die Sache fing jetzt erst so richtig an: Raoul hatte Daniels Mutter Mathilda, die sich seit über einhundert Jahren in einer Art Zauberschlaf befand, in das Haus gebracht, das er gemeinsam mit Daniel bewohnte. Was im Klartext bedeutete, dass weder Daniel noch Aurica in Zukunft dort sicher waren.
So sehr sich Aurica auch wünschte, dass das Gute in Raoul siegen mochte: Man blieb besser realistisch. Raoul war es jederzeit zuzutrauen, dass er seine Skrupel über Bord warf und Mathilda doch noch erweckte. Wobei das Ansinnen selbst nicht böse, sondern sogar edel war. Das Perfide daran war jedoch, dass der Erweckungszauber als Zutat Daniels Lebensglück forderte, was diesen zu einem zutiefst trostlosen und düsteren Dasein verdammen würde.
Das wusste auch Raoul, weswegen er gestern in letzter Sekunde einen Rückzieher gemacht hatte. Doch nur weil er einmal eine Anwandlung von Moral hatte, hieß das nicht automatisch, dass es so bleiben würde. Und der einfachste Weg, an Daniels Glück zu kommen, führte über sie selbst.
Denn Daniel liebte sie – und Liebe war das größte Glück von allen.
Doch trotz dieser Brisanz harrte ihrer heute Morgen noch ein viel drängenderes Problem: In einem der leerstehenden Büros im Schloss der Schatten wartete Terra, ein etwa vierzehnjähriges Mädchen, dessen Hexen-Mutter gestern von Raoul getötet worden war. Allerdings ahnte das Kind noch nichts davon. Aurica wusste weder, wie sie dem Mädchen das sagen, noch was sie nun mit ihr machen sollten. Der Fall einer ermordeten Hexe war nichts, womit sich die Polizei beschäftigen durfte. Vertuschen ging jedoch auch nicht, denn was sollte nun mit dem Kind geschehen?
Zu guter Letzt lag im Keller des Schlosses der Schatten die Leiche der getöteten Hexe. Es sei denn, Raoul hatte Wort gehalten und sie weggeschafft.
Weggeschafft.
Aurica lief ein Schauer über den Rücken. War sie wirklich schon so abgebrüht? Nein, offenbar nicht. Denn als die Bilder der sterbenden Frau vor ihrem inneren Auge auftauchten, fingen ihre Knie an, unkontrolliert zu zittern.
Daniel war mit wenigen Schritten bei ihr und schloss sie in seine Arme. So sehr Aurica die Gabe ihres Freundes, Gefühle zu erspüren, manchmal auf die Nerven ging, gab es Gelegenheiten, da war sie wirklich von Vorteil.
»He, das wird wieder. Ich will nicht behaupten, dass du dich an den Anblick gewöhnst, aber die Erinnerung verblasst irgendwann. Außerdem wird es mit der Zeit besser«, versuchte Daniel sie zu beruhigen.
»Eigentlich hoffe ich, dass ich so etwas nie wieder sehen muss!«, nuschelte Aurica an seine Brust geschmiegt, während er ihr über den Rücken strich.
»Das würde ich dir gern versprechen, aber dafür hast du wohl den falschen Freund, ich die falsche Verwandtschaft und selbige die falschen Feinde.«
Aurica runzelte die Stirn und sah zu ihm hoch. »Wenn ich den Gedanken logisch fortführe, brauche ich dich also bloß in den Wind zu schießen, und schon bin ich alle Sorgen los?«
Daniel rieb sein Kinn, als müsse er darüber nachdenken. »So ist es«, erklärte er feierlich. Dabei blitzte jedoch der Schalk in seinen unverschämt blauen Augen auf, in denen Aurica jedes Mal von Neuem zu versinken drohte. »Aber dafür bin ich viel zu gut im Bett. Es ist es nicht wert, das dafü...«
»DANIEL!« Empört stieß Aurica ihn von sich, wenngleich sie ein Schmunzeln nicht ganz unterdrücken konnte. Sie rückte ihre Brille zurecht. »Wie pietätlos! Außerdem, wie kann sich jemand nur so maßlos …«
»Unterschätzen? Bescheiden sein? Sein Licht unter den Scheffel stellen?«, bot er an und fing sie wieder ein.
Aurica sträubte sich, doch als seine Lippen die ihren berührten, erlahmte ihr Widerstand – wobei dieser wankelmütige Gesinnungslump den Namen Widerstand eigentlich kaum verdiente. Warum konnte dieses Prachtexemplar von Vampir nur so unfassbar gut küssen?!
Vermutlich schwappte Auricas Begierde in genau diesem Moment ungefiltert zu Daniel hinüber und bestätigte sein überbordendes Ego auch noch! Zum Glück war Aurica ein außerordentlich pflichtbewusster Mensch. Nur so konnte die Tatsache, dass sie spät dran waren, sich in ihr Bewusstsein drängen und diesen Kuss vorzeitig beenden. Bevor Daniel die Gelegenheit bekam, ihr zu beweisen, dass seine maßlose Selbstüberschätzung in Wirklichkeit auf belegbaren Fakten beruhte.
Mit einem Seufzen drückte sie sich von ihm weg. »Wir müssen los, wir kommen zu spät!« Dabei versuchte sie, so viel Nachdruck wie möglich in ihre Stimme zu legen. Daniel ließ tatsächlich von ihr ab und verkniff sich sogar jeden Kommentar. Allerdings ließ sein überzogen selbstzufriedener Gesichtsausdruck, den er demonstrativ zur Schau trug, keinen Zweifel darüber offen, was er über sich, Aurica und die Halbwertszeit ihres Widerstands dachte.
Kurze Zeit später saßen sie in Daniels altem Kadett und rauschten die B42 am Rhein entlang.
»Was machen wir jetzt nur mit dem Mädchen?«, überlegte Aurica laut, dann warf sie Daniel einen fragenden Blick zu. »Glaubst du, Terra ist auch eine Hexe?«
»Nein. Zumindest hat es sich noch nicht in ihrem Blut manifestiert. Ich konnte sie gestern problemlos beeinflussen.«
Das war von Vorteil. Wenn ein Vampir jemanden biss, so konnte er über die dabei entstehende Blutverbindung dessen Gedanken manipulieren. Jedoch funktionierte das nur bei Menschen, nicht bei Hexen. Allerdings hatte Daniel das Mädchen gestern nur in einen Hypnoseschlaf geschickt, um sich in Ruhe überlegen zu können, wie er ihr Gedächtnis verändern wollte.
»Dann könntest du ihr doch einfach die Erinnerung an das nehmen, was gestern Nacht passiert ist?«, murmelte Aurica halbherzig, wohlwissend, dass sich das Problem »Terra« dadurch nicht löste.
Daniel streifte sie mit einem spöttischen Seitenblick. »Ich könnte ihr nicht nur die Erinnerung nehmen, ich könnte sie sogar durch jede beliebige ersetzen. Allerdings sollte es keine sein, die eine Großfahndung nach ihrer Mutter auslöst, weil sie sie vermisst. Denn die bleibt tot.«
Aurica schlug die Hände vors Gesicht. »Ich will ihr diese Nachricht nicht überbringen! Und ihrer Familie auch nicht, falls sie eine hat.«
»Sollte sie eine haben, können wir Terra nicht nach Hause schicken, ohne uns die anderen vampirjagenden Hexen auf den Hals zu hetzen.« Daniel presste die Lippen zu einem festen Strich zusammen. Sein Ausdruck gefiel Aurica überhaupt nicht.
»Ach, dann willst du sie also für immer in das Büro sperren? Oder besser: direkt adoptieren?«
»Weder noch«, entgegnete er mit unbewegter Miene. Sein Finger jedoch fuhr gedankenverloren das Lenkrad entlang.
Aurica lief es eiskalt den Rücken hinunter, und sie rückte instinktiv ein Stück von dem Vampir weg. »Du kannst sie nicht einfach töten!«
»Warum nicht? Das wäre das Einfachste.«
Weder Daniels Gesichtsausdruck noch sein Tonfall ließen erkennen, ob er seine Worte ernst meinte.
Aurica verschlug es die Sprache. Sie konnte ihn nur mit offenem Mund anstarren.
Schließlich hoben sich Daniels Schultern in einem lautlosen Seufzer. »Jetzt sei doch nicht so leichtgläubig. Ich tue ihr schon nichts! Du solltest mich eigentlich besser kennen.« Der letzte Teil klang fast ein wenig pikiert.
»Wenn das eben ein Scherz sein sollte, dann war das nicht lustig!«
Der Vampir seufzte erneut. »Und wenn nicht, dann läge es ohnehin an Raoul, den Schlamassel gefälligst aufzuräumen, den er uns eingebrockt hat«, murmelte er.
Ein gänzlich ungeeignetes Argument, um Aurica davon zu überzeugen, dass dem Mädchen nichts geschah.
»Sie zu töten, würde euch die anderen Hexen auch nicht vom Leib halten! Ich bin mir ziemlich sicher, sie wüssten genau, wer dafür verantwortlich ist«, argumentierte sie daher weiter.
»Wenn es andere gibt, dann wissen sie Bescheid. Ja, ich hab kapiert, was du mir sagen willst, und nein, ich hatte nicht ernsthaft vor, die Kleine zu töten.« Auch wenn ihm diese Option kurz durch den Kopf gegangen war, aber das musste sie ja nicht wissen.
»Hm. Und was dann?«, erkundigte sich Aurica.
»Vielleicht lösche ich ihr Gedächtnis, verankere eine diffuse Erinnerung an einen Unfall darin und setze sie in der Nähe eines Krankenhauses ab.«
»Sie ist fast noch ein Kind! Du kannst sie nicht einfach sich selbst überlassen!«
Daniel lag eine eindeutige Bemerkung auf der Zunge, die er jedoch wohlweislich hinunterschluckte. Außerdem waren sie bald da, und er hoffte, weiteren Diskussionen aus dem Weg gehen zu können.
Während er den Wagen in den Waldweg lenkte, der zum Schloss der Schatten führte, fragte er sich, wann die Stadt endlich mit der Befestigung der Straße zu beginnen gedachte. Da das Museum bereits in einem Monat seine Pforten öffnen wollte, wäre es dringend notwendig, bald etwas vorweisen zu können, was auch der Laie problemlos als Zufahrt erkannte.
Allerdings hatte er im Moment größere Probleme. Noch immer wusste er nicht genau, was er mit Terra tun sollte. Auricas wütend-ängstliche Stimmung schlug ihm auf die Laune, dementsprechend eilig stieg er aus, kaum, dass er geparkt hatte. In der Hoffnung, Aurica könne mit seinem Tempo nicht mithalten, eilte er auf das Gebäude zu, in dem er Terra in einem Hypnoseschlaf zurückgelassen hatte. Auf die Vampirgeschwindigkeit verzichtete er. Damit hätte er Aurica zwar kurzfristig abgehängt, aber das würde ihm todsicher Ärger einbringen. Außerdem hoffte er, dass ihm bei normaler Geschwindigkeit unterwegs noch eine Lösung einfiel.
Der Plan ging nicht auf. Allerdings musste er das auch nicht, denn kaum stand Daniel vor dem Zimmer, wurde ihm klar, dass hier etwas faul war. Das Büro war abgeschlossen. Das war insofern bemerkenswert, da kein Schlüssel zu dem Raum existierte. Oder besaß Adonis einen, von dem er nichts wusste? Jedoch hatte der Vollmond den Wachmann während der ganzen Nacht an seine Wolfsgestalt gefesselt, und in dieser konnte er keine Tür absperren. Gut, heute Morgen wäre das möglich gewesen, aber warum hätte er das tun sollen? Wo steckte der Kerl überhaupt?
Daniel rammte seine Schulter gegen die Tür. Das Holz splitterte, das Türblatt knallte gegen die Wand und von dort wieder gegen Daniel, doch er bemerkte es kaum. Der Raum war leer. Terra war verschwunden.
Raoul!, war sein erster Gedanke, doch dann stieg ihm der fremde Geruch in die Nase.
Ein Hauch davon war ihm bereits auf dem Weg aufgefallen. Allerdings war die Spur draußen nur noch schwach gewesen, und in seiner Eile hatte er nicht weiter darauf geachtet.
Inzwischen hatte Aurica zu ihm aufgeschlossen und starrte perplex in das leere Zimmer. Ihr Blick wanderte zum Türschloss, und sie kniff die Augen zusammen. »Hier hat jemand Magie gewirkt.«
»Ja.« Daniel nickte langsam. »Es stinkt nach Hexe.«
»Also haben sie Terra schon gefunden und mitgenommen«, schlussfolgerte Aurica.
»Sieht so aus.«
»Tja, und nun?«
»Nichts.« Daniel lehnte sich in den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. »Jetzt muss ich mir wenigstens nicht mehr den Kopf zerbrechen, was ich mit der Kleinen mache.«
Aurica starrte ihn ungläubig an. »Ist das alles? Findest du es nicht komisch, wie schnell die Hexen herausgefunden haben, wo Terra ist? Eben wolltest du noch um jeden Preis verhindern, dass die Hexen auf Vampirjagd gehen, und jetzt bist du heilfroh, dass sie dir die Mühe abgenommen haben, das Problem mit Angelika Purgis' Tochter zu lösen?«
Daniel schenkte ihr ein geradezu unverschämtes Grinsen. »Das trifft es ziemlich genau. Die Hexen melden sich schon, wenn sie uns umbringen wollen. Mich interessiert viel mehr, warum wir allein sind. Immerhin sind wir spät dran. Um unser Verwaltungsmädchen hat sich sicher Raoul gekümmert, damit wir die Sache mit Terra in Ruhe regeln können. Aber Sharai und Attila müssten wieder auf dem Damm sein. Und Adonis würde nicht einfach gehen, bevor Attila hier ist. Die Faune …«
»Na endlich!« Florentin bog mit wehenden Dreadlocks um die Ecke. »Ich dachte schon, der Keller hätte euch gestern alle verschluckt, und war schon kurz davor, selbst hinunterzusteigen!« Der Satyr verzog bei dem Gedanken angewidert das Gesicht. Nach eigener Aussage fühlten sich Faune unterirdisch ausgesprochen unwohl, weswegen sie gestern Abend auch nicht mitgekommen waren. »Zunächst einmal guten Morgen.« Er strahlte sie aus seinen sandfarbenen Augen an. »Aber jetzt erzählt schon, was war denn in dem Keller drin?«
Aurica und Daniel erwiderten den Gruß.
»Gleich. Du hast heute Morgen nicht zufällig eine Hexe und ein etwa vierzehnjähriges Mädchen hier gesehen?«, erkundigte sich Aurica.
Florentin schüttelte den Kopf. »Nein. Eines der Regale mit Setzlingen ist zusammengebrochen, warum auch immer. Wir waren die ganze Zeit beschäftigt. Romeo ist immer noch dran, aber ich wollte nachschauen, ob ich irgendjemanden finde.«
»Warum auch immer? Das Regal war also eigentlich stabil?«, forschte Daniel nach. »Könnte es womöglich sein, dass es zusammenbrechen sollte, um euch abzulenken?«
Florentin schaute ihn verblüfft an, nickte dann jedoch bedächtig. »Das wäre möglich, denn das Regal war einwandfrei.«
»Lass uns mit ihm rübergehen, und ich schaue es mir an«, schlug Aurica vor. »Wenn Magie im Spiel war, werde ich das spüren. Und währenddessen können wir den beiden erzählen, was vorgefallen ist.«
Daniel legte Aurica einen Arm um die Taille und küsste sie auf die Schläfe. »Eine hervorragende Idee. Brillenschlangen sind eben doch schlauer als andere Leute.«
Aurica knuffte ihn in die Seite. »Du musst nicht mehr um jeden Preis versuchen, das Ekelpaket zu spielen. Leider bin ich dir trotzdem auf den Leim gegangen!«
»Das leider habe ich jetzt großzügig überhört. Genauso wie das Ekelpaket. Außerdem spiele ich das nicht, sondern bin von Natur aus so charmant.«
»Leider«, stöhnten Aurica und Florentin im Chor.
Obwohl Malwine weder die Leiche ihrer Hexenschwester noch eine sonstige Spur von ihr in dem Keller gefunden hatte, bezweifelte sie dennoch, dass Angelika Purgis ihren unklugen Mordversuch an Raoul Chevalier überlebt hatte. Dass sich hingegen der Vampir weiterhin seiner untoten Existenz erfreute, hatte Terra ihr gerade brühwarm bestätigt. Mehr konnte Angelikas Adoptivtochter ihr über den Verlauf des Abends jedoch nicht sagen, denn als es richtig interessant geworden war, war sie nicht zugegen gewesen.
Womöglich hatte der Vampir auch Terras diesbezügliche Erinnerung manipuliert? Doch das würde erst recht beweisen, dass er gewonnen und Angelika verloren hatte. Außerdem waren Vampire Meister im Verschwindenlassen von Leichen.
Jedenfalls sprach der aufgeräumte Zustand des Kellers deutlich für Angelikas Niederlage. Dort war nichts weiter zu finden gewesen als ein zerbrochenes Athame. Raouls Ehefrau war fort und mit ihr jener Stein, der sie, Malwine, ans Ziel ihrer Wünsche bringen sollte. Doch womöglich war noch nicht alles verloren. Nachdenklich trommelte sie mit ihren hageren Fingern auf das Lenkrad.
»Und dir ist wirklich nichts weiter aufgefallen, als du draußen gesessen hast?«, erkundigte sie sich zum wiederholten Male bei Terra, obwohl sie die Hoffnung auf sinnvolle Informationen bereits aufgegeben hatte.
Der rotblonde Teenager verdrehte genervt die Augen. »Nei-hein. Der Pflock hat den schwarzhaarigen Vampir zwar getroffen, aber er muss das Herz verfehlt haben, denn er ist nicht zu Staub zerfallen. Er hat das Ding wieder rausgezogen, und kurze Zeit später hat mich dieser Werwolf nach draußen gedrängt. Irgendwann kamen die Vampire auch raus, und an mehr kann ich mich nicht erinnern. Ende der Geschichte. Wo ist eigentlich Angelika?«
Malwine seufzte und strich eine graue Strähne zurück, die sich aus ihrem Dutt gelöst hatte. Nein, das klang für sie nicht nach einer manipulierten Erinnerung, sondern nach der Wahrheit. Terra hatte offenbar wirklich nicht mehr gesehen, und vermutlich hatte ihr dieser Werwolf das Leben gerettet, indem er sie aus der Kampfzone gebracht hatte.
Für Angelika war die Sache jedenfalls nicht gut ausgegangen. Allerdings berührte das Malwine nicht weiter, denn durch ihre Verbohrtheit hatte sich ihre Hexenschwester ihr eigenes Grab geschaufelt. Es war nur ärgerlich, dass dadurch wichtige Informationen verloren gegangen waren! Dabei war es noch Glück im Unglück, dass Angelikas dummer Rachefeldzug schiefgegangen war, denn wäre er gelungen, hätte sie damit Malwines Pläne zunichtegemacht. Nicht auszudenken!
Zumindest hatte Malwine keine verkohlte Leiche in der Gruft gefunden, was bedeutete, dass niemand versucht hatte, den Schlafzauber, der über Raouls Frau lag, zu brechen. Hätte man das falsche Athame, das noch in dem Keller lag, dazu benutzt, wäre Raouls Frau unweigerlich in Flammen aufgegangen – und mit ihr Malwines Hoffnung. Da das nicht geschehen war, musste der Ritualdolch also auf andere Art und Weise zerbrochen sein. Doch wie, war nicht weiter wichtig.
Die Frage lautete vielmehr: Wo befand sich derzeit das richtige Athame, beziehungsweise, wer besaß es?
Raoul Chevalier hatte seine Frau vermutlich zu sich nach Hause gebracht. Das war prinzipiell nicht schlecht, denn somit war auch der Stein vorerst in Sicherheit. Trotzdem nutzte das Malwine nichts, solange ihr das Original-Athame fehlte, mit dem der Schlafzauber vor so langer Zeit über Frau Chevalier ausgesprochen worden war! Angelika würde ihr dazu jedenfalls nichts mehr sagen können. Hach, sie könnte diese noch nachträglich für ihre Dummheit erwürgen! Dieser alberne Rachefeldzug brachte doch wirklich niemandem etwas! Aber Wehklagen änderte auch nichts. Stattdessen musste sie überlegen, wie sie …
»Ich will nach Hause«, nörgelte Terra in ihre Gedanken hinein.
»Wir fahren kurz zu dir nach Hause, damit du dir das Nötigste zusammenpacken kannst. Dann bringe ich dich zu Bekannten.«
»Was? Wieso das denn? Angelika …«
Malwine seufzte. »Ich will ehrlich sein. Deine Mutter wird vermutlich nicht mehr zurückkehren.«
»Sie ist nicht meine Mutt... Was? Wieso das denn?«
»Deine Mutter …«
»Sie ist nicht …«
»Ja! Also deine Adoptivmutter ist … nun ja, ich befürchte, dass sie die Auseinandersetzung mit den Vampiren nicht überlebt hat.«
Für einen Moment klappte Terras Unterkiefer nach unten.
»Ja, aber ich habe mich doch auch mit denen angelegt, und mir haben sie doch auch nichts getan.«
Offenbar war die Tragweite des Gesagten noch nicht zu ihr durchgedrungen.
»Du warst die meiste Zeit draußen. Dennoch muss ich gestehen, dass es mir ein Rätsel ist, dass sie dich verschont haben.«
»Aber warum muss ich denn zu diesen doofen Bekannten von dir? Ich kann doch einfach zu Hause warten, vielleicht kommt Angelika ja noch zurück.«
»So leid es mir tut, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht zurückkommt. Daher …«
»Ja, aber dann kann ich doch trotzdem zu Hause wohnen bleiben«, bockte Terra.
Vor lauter Verblüffung über diese Dreistigkeit hätte Malwine fast die rote Ampel überfahren. Von den finanziellen Aspekten einmal ganz abgesehen, aber: »Junge Dame, fändest du es nicht angemessen, dich zumindest ein klein wenig über den Tod deiner Mutter zu …«
»Sie ist nicht meine Mutter! Sie hat mich zwar aus dem Heim geholt, aber sie konnte mich noch nie leiden!«, schrie Terra. »Das Einzige, was sie interessiert hat, war ihre komische Rache, sonst nichts! Und als ich nicht voller Begeisterung darauf angesprungen bin, hätte sie mich am liebsten wieder umgetauscht. Ihr Pech, dass das leider nicht ging! Also mach mir bloß keine Vorwürfe, wenn ich nicht Rotz und Wasser heule.« Terra verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich demonstrativ in den Sitz zurückfallen.
Malwine schnaufte entnervt. In der Vergangenheit hatte sie durchaus mitbekommen, dass sich Angelika und ihre Adoptivtochter nicht sehr gut verstanden. Aber ein bockiger Teenager, der die unangenehmen Tatsachen nicht an sich herankommen lassen wollte, war wahrhaftig nichts, mit dem sie sich jetzt herumzuplagen gedachte. Malwine begann ernsthaft zu bedauern, das Mädchen in dem leeren Büro gefunden und vor allem aus dem Hypnoseschlaf geweckt zu haben. Eine Weile sagte keiner etwas.
»Die Vampire haben nicht zufällig erwähnt, was sie mit der Frau aus dem Sarg vorhatten?«, wagte Malwine einen letzten Versuch.
»Warum ist das so wichtig? Willst du Angelikas doofen Rachefeldzug etwa weiterführen, oder was?«
»Ich?! Gewiss nicht.«
Welch absurde Vorstellung.
»Und wieso ist dir dann diese eklige Leiche so wichtig?«
Herrje. Kinder waren wirklich enervierend!
Malwine krallte sich ins Lenkrad, atmete tief durch und antwortete so beherrscht wie möglich: »Das ist keine Leiche, sondern eine in einem Zauberschlaf gefangene Frau. Außerdem geht es mir um das Avido Optatum!«
Entsetzt biss sie sich auf die Lippen und hätte sich am liebsten selbst eine schallende Ohrfeige verpasst. Diese nutzlose Diskussion mit Terra brachte sie noch um ihre Selbstbeherrschung!
Worum es wirklich geht, braucht niemand zu wissen. So werden auch keine Begehrlichkeiten geweckt!
»Avido was?«
»Unwichtig. Jedenfalls beabsichtige ich nicht, diesen Rache-Firlefanz fortzusetzen.«
»Ach, und wieso fragst du dann dauernd, wenn das angeblich so unwichtig ist?«, entgegnete Terra patzig.
Malwine platzte der Kragen. Dieses Kind war für ihren Geschmack viel zu neugierig!
»Das geht dich nichts an!« Natürlich war ihr bewusst, dass diese Antwort denkbar ungeeignet war, um unwillkommenes Interesse im Keim zu ersticken. »Lerne Latein und finde es meinetwegen selbst heraus.«
Sie bezweifelte, dass dieser Nachsatz Terras Eifer tatsächlich dämpfen würde, hoffte es allerdings dennoch.
Wie zu erwarten, tat er es nicht.
»Is' mir doch egal! Wenn du mir nichts sagen willst, dann google ich das eben.« Das Mädchen zog demonstrativ sein Smartphone aus der Tasche.
»Was willst du googeln?«, fragte Malwine verwirrt, obwohl sie herzlich wenig daran interessiert war, was diese Nervensäge tat oder unterließ.
»Ave Opossum.«
»Wie bitte?!«
Terra verdrehte die Augen und stöhnte dramatisch. »Boah, Alter! Das hast du doch grad eben selbst noch gesagt! Das Dings, das irgendwie bei dieser Leiche im Zauberschlaf ist, was so meeegawichtig ist. Ave Opossum, oder so!«
In allerletzter Sekunde hielt Malwine sich zurück, Terra aus Reflex mit einem empörten »A-vi-do Op-ta-tum« zu korrigieren. Genaugenommen sollte sie sich glücklich schätzen, dass die heutige Jugend derart unaufmerksam war und sich nicht einmal zwei lateinische Wörter merken konnte! Allerdings hörte ihr die Jugend ohnehin nicht mehr zu, da sie mit der Nase am Handy klebte.
»Oh, voll SÜÜÜSS, das Vieh!«, quietschte der Teenager unvermittelt drauflos, sodass Malwine zusammenzuckte. »Guck mal!«
Ungeachtet der Tatsache, dass die Hexe mit Autofahren beschäftigt war, hielt ihr Terra das Smartphone vors Gesicht.
»Ich weiß, wie ein Opossum aussieht!«, blaffte Malwine entnervt und knallte unsanft den nächsthöheren Gang rein.
Terra zog beleidigt das Gerät zurück und verdrehte die Augen. »Boah, wie kann man nur immer so scheiße drauf sein? Chill mal dein Leben! Aber so ein Vieh hab ich bei der Leiche gar nicht gesehen. Läuft das etwa noch in dem Keller rum?«
Ja, war das denn die Möglichkeit?
»Nein!«, presste die Hexe zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Da läuft kein Opossum herum, und es gibt keine Leiche! Die Person liegt lediglich in einem Zauberschlaf!«
Warum gebe ich mir überhaupt die Mühe? Dieses unsägliche Kind hört ja ohnehin nicht zu! Abgesehen davon: Je weniger Terra weiß, desto besser. Soll sie doch ruhig die falschen Schlüsse ziehen und mit ihrem Opossum glücklich werden!
»Ey, ich kapier langsam echt gar nichts mehr.«
»Das musst du auch nicht, weil dich das alles nichts angeht!!!«
Erleichtert registrierte Malwine den Nachrichtenton von Terras Smartphone, der die Aufmerksamkeit des Mädchens sofort auf sich lenkte.
»Dann eben nicht«, maulte der Teenager, wandte sich seinem Telefon zu und war kurz darauf in einen offenbar ziemlich fesselnden Chat verwickelt.
Zu Malwines Erleichterung diskutierte Terra nicht übermäßig, als sie bei ihr zu Hause ankamen. Seltsamerweise gab es weniger zu packen als erwartet. Wie lange hatte das Mädchen bei Angelika gelebt? Ein Jahr – oder waren es doch schon zwei gewesen?
Unwichtig.
Die Wohnung würde fürs Erste bestehen bleiben, schließlich wusste niemand sicher, dass ihre Mitschwester wirklich tot war, auch wenn Malwine fest damit rechnete. Jetzt war es erst einmal wichtig, die Behörden hinzuhalten und die Sache zu vertuschen, so lange es ging. Um alles weitere konnte sie sich später kümmern. Da ein minderjähriges Kind im Spiel war, würde das nicht ganz so einfach werden, doch als Hexe hatte man gewisse Möglichkeiten … Daher machte sich Malwine wenig Gedanken über die Zukunft.
Ihre oberste Priorität lag darauf, das Avido Optatum zu erschaffen und in ihren Besitz zu bekommen. Das würde schwierig werden, zumal sie es nicht selbst erstellen konnte, wenn sie vermeiden wollte, dass es an Macht einbüßte.
Allein Raoul Chevalier war dazu imstande, das wertvolle Artefakt so zu erschaffen, dass es so mächtig wie irgend möglich wurde. Nur falls er das tat, würde er ihr das Avido Optatum niemals freiwillig aushändigen. Allerdings – und an dieser Stelle umspielte ein siegessicheres Lächeln Malwines dünne Lippen – hatte der Vampir ihr etwas überlassen müssen, das es ihr sehr erleichterte, ihn dazu zu zwingen.
Blieb lediglich Terra, die dank Angelikas Eigenmächtigkeit in irgendeiner Form versorgt werden musste. Doch auch dafür hatte sie einen Plan. Das Werwolfrudel, mit dem Malwine oft zusammenarbeitete und das ihr damals geholfen hatte, die Bleitür im Keller des Schlosses der Schatten anzubringen, schuldete ihr noch einen Gefallen. Daher würde sie Angelikas Adoptivtochter dort unterbringen. Dann war dieses lästige Kind wenigstens schon einmal aus den Füßen.
Dass ausgerechnet dieser clevere Schachzug eine neue Schwierigkeit in die Durchführung von Malwines Plänen bringen würde, konnte sie zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich ahnen.
Nur langsam gelang es Raoul, sich aus den Strudeln seiner Gefühle und Erinnerungen herauszukämpfen. Er lag auf der Seite, das Gesicht seiner Frau zugewandt, um ja keine ihrer Regungen zu verpassen – Regungen, von denen seine Vernunft ihm sagte, dass es sie nicht geben würde. Aber was war schon die Stimme der Vernunft gegen die des Herzens?
Nachdem er Mathilda gestern nach Hause gebracht hatte, war er noch einmal widerwillig aufgebrochen, um die Leiche der Hexe verschwinden zu lassen. Zwar wusste er genau, dass Mathilda in der Zwischenzeit nicht aufwachen würde, aber dennoch hatte es ihn zu ihr zurückgezogen – nur für den Fall, dass sie womöglich doch … Was natürlich Unsinn war. Doch falls …
Letztendlich hatte er trotz seiner Eile vor ihrer Zimmertür gestanden und sich um ein Haar nicht hineingewagt. Nicht aus Schüchternheit, aber er befürchtete, sein Anblick könnte sie erschrecken. Immerhin war er für Mathilda bereits seit fünfzehn Jahren tot. Wie sollte man auch verkraften, plötzlich dem verstorbenen Ehemann gegenüberzustehen – noch dazu um keinen Tag gealtert?
Als Raoul zufällig an sich hinuntergeschaut hatte, war ihm aufgefallen, dass sein Anblick noch aus vollkommen anderen Gründen verstörend war. Daraufhin war er schleunigst unter der Dusche verschwunden und hatte sich das ganze Blut und den Schmutz abgewaschen. Doch nicht nur optisch hatte das warme Wasser wahre Wunder bewirkt. Nach und nach beruhigten sich seine angespannten Nerven, und der Verstand übernahm wieder die Oberhand. Mathilda würde nicht aufwachen. Als Raoul aus der Dusche stieg, war er froh, im Bad noch halbwegs frische Kleidung zum Überziehen zu finden. In seiner Kopflosigkeit hatte er natürlich nicht an Wechselsachen gedacht und die Schlafende in seinem Zimmer untergebracht – in dem auch sein Kleiderschrank stand.
Eigentlich wollte Raoul gestern nur noch einmal kurz nach ihr sehen, ob alles in Ordnung war, und sich dann ins Wohnzimmer zurückziehen. Doch als er sie so ruhig und friedlich in seinem Bett liegen sah, übermannte ihn die Sehnsucht, und er konnte sich nicht mehr von ihr trennen. Obwohl sie vermutlich keine Kälte fühlte, hatte er sie behutsam zugedeckt. Anschließend hatte er sich ganz vorsichtig, um sie nicht zu stören – auch wenn das wohl ebenfalls kaum möglich war – neben sie auf die Bettdecke gelegt und sie einfach nur angeschaut.
Dann waren die Erinnerungen gekommen. Zunächst schwebten sie nur sanft auf ihn nieder, wie einzelne Blütenblätter, die im Wind umhertanzten. Es waren schöne Erinnerungen, die ihm unwillkürlich ein Lächeln auf die Lippen zauberten. Mathildas strahlende Augen auf einem Jahrmarkt, ihr Lachen während einer Kutschfahrt, das Glück auf ihrem Gesicht, als sie ihr erstes gemeinsames Kind in den Armen hielt. Er erinnerte sich an ein besonderes Picknick im Spätsommer, eines der wenigen mit allen vier Kindern zusammen. Mathilda, wie sie sich bemühte, bei einer besonders altklugen Erklärung Daniels ernst zu bleiben. Ihre Rührung, als Charlotte ihr den ersten selbstgepflückten, und leicht zerknitterten Strauß Gänseblümchen überreichte.
Plötzlich fühlte sich Raoul wieder in ihr Haus in Frankreich zurückversetzt. Es schien, als könne er den Duft des Lavendels riechen, der durch die offenen Fenster hereinwehte, als höre er das Trippeln kleiner Füße auf den Holzböden und die kichernden Stimmchen, die »Fang mich!« riefen. Vor seinem inneren Auge tauchte Mathilda auf, wie sie sich am Klavier abmühte. Es war ihr nie gelungen, das Instrument richtig zu beherrschen, aber wenn sie anfing zu singen, war alles andere zweitrangig.
Raoul ließ sich bereitwillig von den lang verschütteten Erinnerungen an ein anderes Leben forttragen und versank in dem verklärten Pastell der Vergangenheit, wenngleich ihre Unwiederbringlichkeit das Gedankengemälde mit bittersüßen Tönen durchwob.
Doch nach und nach wandelten sich die Bilder, wurden dunkler. Mathildas Lächeln verlor an Leichtigkeit, und das Strahlen ihrer Augen wurde immer öfter von Schatten durchzogen. War Melancholie zunächst nur ein gelegentlicher Weggefährte, so dominierte sie mit der Zeit immer stärker das Wesen der einst unbeschwerten jungen Frau. Raoul wusste genau, wer das zu verantworten hatte: Niemand anders als er selbst.
Nach und nach hatten sein Egoismus und seine Zügellosigkeit alles zerstört. Das Schlimme daran war, dass Mathilda ihrem Ehemann immer treu zur Seite stand, einerlei, was er sich geleistet hatte. Nichts konnte ihre Liebe zu Raoul erschüttern – und gerade das war das Letzte, was er verdiente. Das Absurde daran war, dass er Mathilda ebenfalls geliebt hatte. Immer noch liebte. Dennoch hatte ihn das nie davon abgehalten, sich mit anderen Frauen zu vergnügen. Dabei war es ihm keinesfalls gleichgültig gewesen, dass sie das verletzte. Trotzdem hatte er weitergemacht.
Zahllose Erinnerungen stürmten auf Raoul ein, in denen Mathilda auf ihn wartete, bis er von einem weiteren Abenteuer zurück nach Hause kehrte. Manchmal saß sie im Wohnzimmer, ein aufgeschlagenes Buch auf dem Schoß, dessen Lektüre sie schon vor langer Zeit aufgegeben hatte. Mehr als einmal war sie in dem großen Ohrensessel am Kamin eingeschlafen, sodass Raoul sie behutsam nach oben trug. Sie war niemals dabei aufgewacht. Bisweilen hatte er sie noch mit einer Handarbeit beschäftigt vorgefunden, wobei der waidwunde Blick, der ihn traf, sobald sie den Kopf hob, ihm jedes Mal mitten durchs Herz gegangen war. Meistens aber hatte sie schon schlafend im Bett gelegen, die Tränenspuren noch auf ihrem Gesicht.
Mathilda war nie laut geworden, das verbot ihre gute Kinderstube, und abgesehen davon passte es nicht zu ihrem sanften Wesen. Oh, sie hatte durchaus versucht, mit ihm zu sprechen, hatte gefleht und geweint, manchmal hatte sie sich auch von ihm abgewandt oder probiert, ihm die Unnahbare vorzuspielen. Aber selten hatte Raoul mehr tun müssen, als sie an sich zu ziehen, sie festzuhalten, bis ihr Widerstand erlahmte, ihr zu versichern, dass seine Eskapaden ihm nichts bedeuteten und Besserung zu geloben. Seine Liebschaften waren tatsächlich nur belanglose Vergnügungen ohne tiefere Bedeutung für ihn gewesen. Niemals mehr. Und in jenen Momenten war es ihm stets ernst damit gewesen, sich zu bessern. Jedes einzelne Mal. Bis die nächste Versuchung ihn seinen Vorsatz – nein, sein Versprechen – vergessen ließ.
Als stünde sie in diesem Moment vor ihm, sah Raoul den stummen Vorwurf in ihren Augen, während sie die Kinder versorgte, den Dienstboten Anweisungen gab oder die Blumen auf der Anrichte arrangierte. Er hatte ihr nie etwas vormachen können. Sie durchschaute ihn immer, wusste genau, wo er gerade herkam. Im Nachhinein hatte er jedes Mal sein Tun bereut; doch natürlich zu spät.
Letzten Endes hatte Raoul alles zerstört und sich selbst, seinen Kindern und Mathilda von Anfang an die Möglichkeit genommen, die glückliche Familie zu werden, die sie liebend gern gewesen wären. Mathilda hatte sich vor den Kindern nie etwas anmerken lassen.
Aber Kinder waren nicht dumm. Zwar war es den Eltern immer wieder gelungen, beruhigende Erklärungen zu finden, warum Mami so traurig war – zumindest für die kleineren Kinder. Doch eines Tages hatte Daniel seinem Vater auf den Kopf zugesagt, dass Mama seinetwegen weinte. Noch heute konnte Raoul den kleinen Kerl im Türrahmen stehen sehen, der ihn mit grimmiger Miene und trotzig verschränkten Armen zur Rede stellte. Anfangs hatte er es noch geschafft, seinen Sohn auf andere Gedanken zu bringen. Doch es war von Mal zu Mal schwerer geworden.
Irgendwann war Raoul bewusst geworden, dass er so nicht weitermachen wollte. Seine Abenteuer fingen an, ihn zu langweilen, und er begann, sich selbst für das zu verachten, was er seiner Familie antat. Irgendwo in seinem Inneren hatte eine Veränderung eingesetzt, und er erkannte, dass er sich eigentlich nach etwas ganz anderem sehnte.
Unweigerlich drifteten Raouls Gedanken zu einer Erinnerung, die er am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen würde. Es war der Moment, als die Pistolenkugel seinen Brustkorb durchschlug und all seine Vorsätze binnen Sekunden zerstörte. Das war der Augenblick, in dem ihn das Schicksal dazu verdammte, nur noch ein passiver Beobachter zu sein.
Raoul hatte seine Familie nie verlassen. Er hatte seine Kinder aufwachsen sehen, seine Familie unterstützt, soweit es ihm möglich war, und inständig gehofft, Mathilda würde wieder glücklich werden – alles, ohne in Erscheinung zu treten und ohne dass sie von ihm wussten. Sicher, er hätte sich ihnen offenbaren können. Doch so sehr es ihn schmerzte und so sehr er es sich auch gewünscht hätte, Raoul hatte sich dagegen entschieden. Er wollte sie nicht noch tiefer ins Verderben stürzen, sie dazu zwingen, mit einem Toten zu leben und sie dadurch jeglicher Möglichkeit berauben, am Leben teilzuhaben – und sich letztendlich etwas Neues, Besseres aufzubauen.
Raoul hätte damals nicht bleiben müssen, doch er wollte es so. Obwohl er seine Familie nur bedingt zu unterstützen vermochte, denn zu jener Zeit fehlte ihm ein Schutz gegen das tödliche Licht der Sonne. Jedoch war ein Beschützer aus den Schatten immer noch besser als gar keiner, und er konnte zumindest dafür sorgen, dass es Mathilda und den Kindern an nichts mangelte. Besonders zu Beginn hatte es etliche übelwollende Subjekte gegeben, die beschlossen hatten, der nun vater- und schutzlosen Familie Chevalier das Leben zur Hölle zu machen. Bei denjenigen, die es am schlimmsten trieben, hatte es seinerzeit ein paar rätselhafte Todesfälle gegeben, und auch die anderen Missetäter hatte Raoul schnell davon überzeugt, es sein zu lassen.
So hart seine Entscheidung, präsent, aber unsichtbar zu bleiben, für ihn selbst auch gewesen war, so war es ihm auf diese Weise gelungen, zumindest nach seinem Tod endlich Verantwortung für seine Familie zu übernehmen. Erst nachdem seine jüngste Tochter Charlotte glücklich verheiratet und abzusehen war, dass dadurch auch für Mathilda gesorgt sein würde, hatte er sich entschlossen zu gehen.
Da war Daniel bereits fort gewesen. Unweigerlich drängte sich die Erinnerung an Daniels Tod in Raouls Gedanken. Wäre er nur fünf Minuten früher bei ihm gewesen, hätte er verhindern können, dass sein Sohn starb! Aber er war zu spät gekommen. Daniel hatte schon zu viel Blut verloren und stand bereits an der Schwelle des Todes. Ihn zu einem Vampir zu machen, war eine Kurzschlussreaktion gewesen, doch Raoul hatte ihn nicht sterben lassen können.
Als wäre es erst gestern gewesen, schmeckte er die beschämende Süße von Daniels Blut auf seiner Zunge, wie es warm und samtig seine Kehle hinabrann, während der Herzschlag seines Sohnes langsam erstarb. Der Vampir in Raoul jubilierte bei dieser Erinnerung, für den Vater wurde es zu viel. Mit einem Keuchen riss sich Raoul von der Vergangenheit los. Es fehlte ihm schlichtweg die Kraft, sich diesen Bildern zu stellen.
Mühsam kämpfte er sich in die Wirklichkeit zurück.
Mittlerweile war es draußen hell geworden. Raouls Blick wurde klar und fokussierte sich wieder auf die Schlafende neben ihm. Er stützte sich auf einen Ellenbogen und strich seiner Frau zärtlich über das Gesicht. Sie sah nicht viel älter aus als damals, als er die Familie endgültig verlassen hatte. Folglich musste sie ziemlich bald darauf in diesen Zauberschlaf versetzt worden sein. Raoul rechnete nach. Bei Charlottes Hochzeit war Mathilda zweiundvierzig Jahre alt gewesen. Offenbar war ihr danach nicht mehr viel Zeit vergönnt gewesen.
Er runzelte die Stirn und fühlte Wut in sich aufsteigen. Wieso hatten die Hexen ihr das angetan? Mathilda war zeitlebens nie mit ihnen in Berührung gekommen, also konnte sie sich wohl kaum ihren Unmut zugezogen haben.
Nein, sie nicht. Aber er.
Zumindest, wenn er dieser Irren glauben durfte, die gestern versucht hatte, sich an ihm zu rächen. Für irgendetwas, was er angeblich einer ihrer Vorfahrinnen angetan hatte. Doch sich dafür an Mathilda zu vergreifen, war schlichtweg ehrenrührig. Schade, dass die Dame, die seine Frau damals verflucht hatte, schon lange tot war! Aber offenbar gab es noch genug magische Weibsstücke, die diesen irrsinnigen Rachefeldzug fortführten. Grimmige Vorfreude huschte über sein Gesicht. Nun gut, sollten sie nur kommen.
Der Gedanke, es diesen vermaledeiten Hexen heimzuzahlen, musste allerdings warten. Viel wichtiger war, Mathilda endlich aus ihrem Dornröschenschlaf zu erwecken. Womöglich gab es nach ihrem Erwachen Schwierigkeiten, bei denen er die Hilfe der Hexen noch brauchte. Von dem Schock des Zeitsprungs einmal abgesehen, wusste niemand, welche Folgen ein solcher Zauberschlaf nach sich zog.
Aber jetzt in diesem Moment wollte Raoul nicht darüber nachdenken. Noch nie war er der Erfüllung seines Traums, mit Mathilda ein neues Leben anzufangen, so nah gewesen! Sofern sie ihn noch wollte, nach allem, was er ihr angetan hatte. Wobei die Chancen nicht schlecht standen, schließlich hatte sie ihm damals auch immer wieder verziehen. Und diesmal würde er sich ihr gegenüber so verhalten, wie sie es verdient hatte! Wenn sie ihn nicht mehr akzeptierte, dann musste er das hinnehmen. Dennoch wollte er nichts unversucht lassen, sie wieder für sich zu gewinnen. Doch das Wichtigste war zunächst, sie aus diesem unsäglichen Zustand zu befreien.
Die Sache hatte nur einen Haken: Daniel.
Raoul musste sich mit der Tatsache anfreunden, dass es ihm offenbar doch nicht so ohne weiteres gelang, das Lebensglück seines Sohnes dafür zu opfern. Andererseits war er auch nicht bereit, auf sein eigenes zu verzichten. Aber wollte er es Daniel wirklich antun, nie wieder Glück empfinden zu können? Und zwar in jeglicher Form. Nie wieder Freude fühlen, an nichts mehr Spaß haben, nie wieder lieben können.
Der Preis war zu hoch. Und dennoch. Sollte Mathilda auf ewig in diesem Dämmerzustand gefangen sein? Nie Erlösung finden?
Raoul hörte in sich hinein, um herauszufinden, ob es ihm wieder einmal nur um seine eigenen Bedürfnisse ging oder tatsächlich auch um seine Frau. Wundersamerweise war beides der Fall. Mathilda lag zwar vollkommen ruhig da und wirkte friedlich, aber war das wirklich so? Er wusste ja nicht einmal, wie es ihr ging! Bekam sie womöglich doch etwas von ihrer Umgebung mit? Spürte sie etwas, war jedoch unfähig, darauf zu reagieren, gefangen in ihrem eigenen Körper? Entsprach ihr Zustand eher einer Lähmung denn einem tiefen, traumlosen Schlaf? Litt sie am Ende, ohne sich mitteilen zu können, oder war ihre Seele schon längst weit fort?
Diese Ungewissheit brachte ihn schier um den Verstand. Womöglich konnte er doch irgendwie zu ihr durchdringen? Er zog ihr die Decke weg, damit ihm auch nicht die kleinste Regung entging, und sprach sie an.
»Mathilda, mon amour. Peux-tu m’entendre?« Kannst du mich hören?
Keine Reaktion.
»Fais-moi un signe. Un tout petit tressaillement, un souffle, quel que soit! S’il te plaît.« Gib mir ein Zeichen. Eine winzige Bewegung, atme, was auch immer! Bitte.
Keine Reaktion.
Er versuchte es weiter, mit anderen Worten, mit Berührungen, am Ende sogar, indem er sie anstieß und leicht kniff. Doch so aufmerksam Raoul sie auch beobachtete, so genau er hinhörte, Mathilda blieb vollkommen reglos. Selbst seine feinen Vampirsinne konnten nichts wahrnehmen. Nein, nichts stimmte nicht. Er spürte, dass sie lebte. Mehr jedoch nicht. Er bemühte sich, mithilfe seiner Gabe zu ihr vorzudringen, aber auch das brachte kein Ergebnis. Entweder gab es keine Reaktion, oder der Zauber schirmte alles vor ihm ab.
Womit er wieder am Anfang war. Raoul stöhnte frustriert. Nein, er konnte sie unmöglich in diesem Zustand lassen! Allein die Vorstellung, dass sie seit weit über hundert Jahren eine Gefangene in ihrem eigenen Körper war und es auch bleiben sollte, verursachte ihm beinahe physische Schmerzen. Er musste sie von diesem grauenhaften Zauber befreien, egal um welchen Preis!
Wirklich? Um jeden Preis?
Wie sollte er sich jemals zwischen der Liebe seines Lebens und seinem Fleisch und Blut entscheiden können?!
Mit einem gequälten Schrei sprang Raoul aus dem Bett und streifte rastlos durch das Zimmer. Er hatte das dringende Bedürfnis, auf etwas einzuschlagen. Etwas kaputtzumachen. Aber das würde sein Dilemma auch nicht lösen. Sein Blick wanderte hilfesuchend zu Mathilda, und er wurde etwas ruhiger.
Denk nach!
Vorsichtig setzte er sich neben sie auf die Bettkante und betrachtete seine schlafende Frau. Zärtlich strich er über ihr langes blondes Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte. Aus einem Impuls heraus versuchte er, ihre Hand zu ergreifen, doch sie ließ sich nicht bewegen.
Auch wenn Mathildas Körper ansonsten weich und biegsam wie der einer Schlafenden war, traf das nicht auf ihre über der Brust zusammengelegten Hände zu. Sie umklammerten jenes steinähnliche Gebilde, das bereits so bereitwillig Daniels und sein Blut aufgenommen hatte und nun auf Daniels Lebensglück wartete. Im Gegensatz zum restlichen Körper waren Mathildas Hände bis zu den Ellenbogen hinauf vollkommen starr und ließen nicht die winzigste Bewegung zu. Raoul hätte es mit Gewalt probieren können, doch das war ihm zu riskant.
Stattdessen umfasste er ihre Hände, so gut es ging, doch die Starre fühlte sich unangenehm an, sodass er wieder losließ. In alter Gewohnheit zog er Mathilda an der Taille ein wenig näher zu sich und streichelte gedankenverloren ihre Seite entlang.
Gab es wirklich nur diese eine, schreckliche Möglichkeit, den Zauberbann zu durchbrechen? Was, wenn die Hexen ihn angelogen hatten? Raoul hoffte es aus tiefstem Herzen. Allerdings durfte er sich keine Illusionen machen. Es war zwecklos, sich an einen Strohhalm zu klammern, der beim nächsten Windhauch umknicken und ihn dann umso härter auf dem Boden aufschlagen lassen würde. Womöglich würde er sich eines Tages zwischen Mathilda und Daniel entscheiden müssen. Zu wessen Gunsten das Pendel dann ausschlug, wusste er nicht.
Das Athame, das er gestern im Keller gehabt hatte, war laut Angelika Purgis' Aussage eine Fälschung gewesen. Also musste das richtige Athame, mit dem man den Bann brechen konnte, irgendwo in der Nähe sein. Er brauchte es nur zu finden.
Dass er nicht die geringste Ahnung hatte, wo er anfangen sollte zu suchen, trieb ihn schier in den Wahnsinn – und gleichzeitig war er heilfroh darüber.
»Scheiße, Mann! Bist du sicher, dass du heute zur Arbeit gehen willst?«, erkundigte sich Adonis schockiert, während er dem blutüberströmten Attila aufhalf, dessen Wunden sich zwischenzeitlich geschlossen hatten.
Sharai hatte sich diskret umgedreht, nachdem Attila seine menschliche Form wiedererlangt und zu heilen begonnen hatte. Ebenso wie Gestaltwandler waren Werwölfe nach der Rückverwandlung in einen Menschen nackt. Doch das war nicht der einzige Grund, weswegen sie ihm den Rücken zuwandte. In ihren Augen standen Tränen, die er nicht sehen sollte. Die Verwandlung war eigentlich keine blutige Sache. Nun, eigentlich war Attila auch ein Werwolf und kein … Sharai schluckte. Sie hätte niemals geglaubt, dass so etwas überhaupt möglich war.
Wie lange würde er das noch durchhalten?
»Arbeiten? Sicher«, knurrte Attila bedrohlich, obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte und wenig überzeugend hin- und herschwankte.
»Hör mal, du …«, setzte Adonis an.
»Klappe halten. Gib mir 'ne Minute. Bin gleich wieder auf dem Damm.« Im selben Moment gaben seine Knie unter ihm nach, und er sackte zusammen.
Der blonde Werwolf schleifte ihn zur Couch und setzte ihn darauf ab.
»Ja, das sehe ich.«
»Die Minute ist noch nicht um«, ächzte Attila.
»Kann ich mich umdrehen?«, fragte Sharai.
Sie hatte sich wieder im Griff und wollte sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie es ihrem Freund wirklich ging.
»Äh, Moment«, stammelte Adonis und schaute sich suchend um.
In Ermangelung einer besseren Alternative drückte er dem Sicherheitschef des Schlosses der Schatten mit einem entschuldigenden Gesichtsausdruck ein Sofakissen in die Hand. Dieser maß ihn mit einem strafenden Blick, bedeckte jedoch sicherheitshalber seine Blöße mit dem dargereichten Notbehelf.
»Also eigentlich bin ich noch nicht präsentabel«, versuchte er sich herauszureden.
Doch Sharai hatte die Bewegung in ihrem Rücken mitbekommen, und ihr Gehör verriet ihr, dass sie niemanden mehr in Verlegenheit bringen würde.
Der Anblick, der sich ihr bot, hätte bei jedem anderen Mann lächerlich gewirkt, nicht jedoch bei Attila. Sie hatte früher eine Weile bei ihm gewohnt, daher wusste sie, wie er mit wenig Kleidung aussah. Seine Erscheinung war dennoch immer wieder beeindruckend. Attila war das, was man gemeinhin als einen Schrank bezeichnete. Einen dunkelhaarigen, muskelbepackten und ziemlich grimmig dreinblickenden Schrank. Mit einem Sofakissen. Sharai zwang sich, das Kissen samt aller unangebrachten Gedanken sowie das ebenso eindrucksvolle wie sehenswerte Darüber zu ignorieren und stattdessen dem finsteren Blick am ganz oberen Ende standzuhalten.
»Es ist schlimmer geworden«, stellte sie so sachlich wie möglich fest.
»Blödsinn!«, blockte Attila ab, doch der wütende Ausdruck in den bernsteinfarbenen Augen wurde bereits weicher.
Wie so oft, wenn er Sharai ansah. Allerdings ärgerte seine Sturheit sie zu sehr, als dass sie sich diesmal davon besänftigen lassen wollte. Sie baute sich vor ihm auf, verschränkte die Arme vor der Brust und pustete sich eine halb grüne, halb blonde Strähne aus den Augen.
»Nein, kein Blödsinn! Das ist doch nicht normal. Du brauchst jedes Mal länger, bis du dich zurückverwandelt hast, es wird jedes Mal schmerzhafter, blutiger – und eigentümlicher. Versuch gar nicht erst, es abzustreiten!«
Im ersten Moment wirkte Attila, als wolle er protestieren, doch er schien einzusehen, dass Leugnen zwecklos war.
»Okay, du hast recht. Aber ich kann es nicht ändern.«
Nein, dachte Sharai traurig. Aber ich werde alles daran setzen, jemanden zu finden, der es kann.
Allerdings hütete sie sich wohlweislich, das laut auszusprechen. Sie ließ sich mit etwas Abstand neben ihm nieder und überlegte, wie sie ihm unauffällig noch ein paar Informationen entlocken konnte.
»Haben diese verfluchten Vampire damit zu tun?«, schaltete sich Adonis ein, der an der Schrankwand lehnte und sich zwischenzeitlich etwas gefangen hatte.
»Nein, wieso das?«, wunderte sich Attila.
»Weil Raoul Sharai und dich gebissen hat, um euch zu manipulieren. Ihr wart die letzten Tage nicht krank. Aber er hat es euch glauben lassen, damit ihr bei der Sache mit dem Keller nicht stört.«
»WAS hat er?!«
Um ein Haar wäre Attila vom Sofa hochgeschossen, besann sich jedoch noch rechtzeitig, dass er dafür zu wenig anhatte. Das Grollen, das aus seiner Brust drang, verhieß allerdings nichts Gutes. Im Gegensatz zu ihm war Sharai tatsächlich aufgesprungen und starrte Adonis auffordernd an.
»Das, und auch was gestern passiert ist, erkläre ich euch gern später«, wiegelte dieser ab und strich leicht verlegen über seinen Bart, bevor er sich wieder an den Sicherheitschef wandte. »Jetzt erklärst du mir gefälligst erst mal, was mit dir los ist und wie lange das schon so geht!« Er holte tief Luft und schüttelte immer noch fassungslos den Kopf. »Ich meine, du hast dich in ein gottverdammtes …«
»Sprich es aus und du bist ein toter Mann!«, grollte Attila.
Das glaubte ihm der blonde Werwolf offenbar aufs Wort und hob beschwichtigend die Hände.
Attilas warnender Blick wanderte von seinem Kollegen zu Sharai. »Kein Wort über das, was ihr gesehen habt. Zu niemandem!«
»Bist du wahnsinnig? Du kannst wohl kaum …«
»Zu nie-man-dem, Adonis. Das ist mein tödlicher Ernst!«
Der Angesprochene wollte protestieren, überlegte es sich jedoch anders. Selbst nackt mit Sofakissen wirkte Attila überaus bedrohlich. Respekt. Das musste ihm erst einmal einer nachmachen.
»Wie du meinst.« Adonis stieß resigniert die Luft aus und streifte Sharai mit einem frustrierten Blick, die in einer vergleichbaren Geste die Schultern hob und sich wieder auf das Sofa fallen ließ.
»Ich geh duschen, dann fahren wir«, entschied der Sicherheitschef knapp, wobei sein Tonfall keinen Zweifel daran ließ, dass jeder geäußerte Widerspruch auch der letzte sein würde.
Als er Anstalten machte aufzustehen, trat Adonis automatisch einen Schritt auf ihn zu, doch Attila blockte ab. »Allein.«
»Schon gut, ich bin nicht scharf drauf! Ich habe eh schon mehr gesehen, als mir lieb ist.«
Sharai wandte sich seufzend ab. Sie wusste, dass es zwecklos war, mit Attila zu diskutieren, wenn er in dieser Stimmung war. Die Couch ächzte erleichtert, als sie von gut hundert Kilo Muskelmasse befreit wurde. Kurz darauf plumpste das Sofakissen neben Sharai auf die Sitzfläche. Fassungslos registriert sie, dass ihr tatsächlich eine feine Röte ins Gesicht stieg. Ausgerechnet ihr! Attila hatte Glück, dass sie Freunde waren und sie ihn respektierte. Bei jedem anderen hätte sie sich demonstrativ zurückgelehnt und genüsslich gemustert, worauf es nun freie Sicht gab.
Erst als sie sich sicher war, dass er sich umgedreht hatte und auf dem Weg zum Bad war, schielte sie ihm aus dem Augenwinkel hinterher. Selbstredend nur, um sich zu vergewissern, dass er sich zwischenzeitlich erholt hatte. Das war tatsächlich der Fall. Werwölfe waren robust und heilten schnell. Die kleine Wandlerin atmete für den Moment erleichtert auf. Ihr war bewusst, dass das Problem wieder auftauchen würde. Schlimmer als zuvor.
»Der Teppich ist jedenfalls hinüber«, riss Adonis sie aus ihren Gedanken, dann fixierte er sie. »Wie lange geht das schon so?«
Sharai rieb sich nervös über die Oberschenkel.
»Keine Ahnung. Er sagt es mir nicht. Wenn ich es nicht durch einen Zufall vor ein paar Monaten selbst herausgefunden hätte, wüsste ich auch von nichts. Allerdings hat es sich die letzten zwei Monate rapide verschlechtert und das heute …« Immer noch fassungslos schüttelte sie den Kopf. »Das war echt die Krone. Er braucht Hilfe, ob er will oder nicht.«
»Das würde ich aber auch sagen.« Adonis' besorgter Blick wanderte in die Richtung, in die Attila verschwunden war. Sie schwiegen einen Moment, dann zuckte Sharai die Schultern »Na, die Couch ist jedenfalls ziemlich eingesaut. Ich hol was zum Abwaschen, bevor das Blut trocknet. Ist ja zum Glück Leder.« Damit verschwand sie in Richtung Küche.
»Du hast echt Nerven, hier aufzuschlagen!«, fauchte Sharai Raoul an, als dieser am späten Nachmittag plötzlich im Schloss der Schatten auftauchte.
Die zierliche Gestaltwandlerin schoss auf ihn zu, und Aurica hätte es nicht gewundert, wenn sie sich im Sprung verwandelt und ihm mit allen zwanzig Krallen gleichzeitig ins Gesicht gefahren wäre. Doch sie baute sich lediglich in ihrer menschlichen Form vor ihm auf und funkelte ihn angriffslustig von unten herauf an.
»Was spricht dagegen?«, erkundigte sich der schwarzhaarige Vampir verwundert.
»Was dagegen spricht?! Das spricht dagegen!« Sie deutete aufgebracht auf ihren Hals. »Du hast mich gebissen! Und Attila auch!«
Um Raouls Mundwinkel zuckte es amüsiert. »In der Tat. Aber bei dir war es mir ein weit größeres Vergnügen, falls du …«
Weiter kam er nicht, denn Sharai packte mit bedrohlich zusammengekniffenen Augen den Stoff seines T-Shirts in Brusthöhe und zog den Vampir zu sich herunter, was er brav mit sich machen ließ. Aurica legte ihre Papiere beiseite und verfolgte das Schauspiel interessiert.
»Das wirst du nie wieder tun, verstanden? Ich habe heute etwas sehr Interessantes über die Wirkung von silberdurchwirkten Holzpflöcken erfahren. Wenn du dich noch einmal an mir oder jemand anderem vergreifst, wirst du dir wünschen, dass dieser Pflock nur in deinem Herz steckt und nicht dort, wo ich ihn für dich vorgesehen habe!«
Raouls linke Augenbraue wanderte belustigt nach oben. »Inspirierende Vorstellung.« Dann umspielte ein fast schon kokett zu nennendes Lächeln seine Lippen. »Solche Fantasien aus so zartem Munde? Wenn das eine charmant verpackte Einladung war: Ich bin jederzeit offen für Neues.«
Sharai schnaubte abfällig und zog ihn noch näher zu sich heran. »Ach wirklich? Auch dann, wenn ich dir sage, dass ich auf Intimschmuck aus Silber stehe? Bei Männern natürlich.«
»Autsch!« Er hob die Handflächen, und in seinen grünen Augen blitzte es amüsiert. »Ich räume freiwillig das Feld. Du bist eine zu harte Gegnerin.«
»Also?«
»Also was?«
Sharai verdrehte die braunen Augen und tippte gegen ihren Hals, während sie ihren Gegner herausfordernd musterte.
»Ich entschuldige mich in aller Form dafür. Derartiges wird nicht wieder vorkommen.«
»Na, immerhin besser als nichts. Auch wenn ich dir kein Wort glaube.« Damit entließ sie ihn aus ihrem Griff.
Raoul richtete sich mit einem pathetischen Seufzen auf. »Immer dieses Misstrauen.«
»In der Tat. Vollkommen unverdient«, bemerkte Daniel sarkastisch, der in diesem Moment ebenfalls durch die Tür des Arbeitsraums trat. Während er schützend seinen Arm um Aurica legte, musterte er Raoul aus schmalen Augen. »Also, was willst du? Dir das richtige Athame abholen, mich einkassieren und beenden, was du gestern angefangen hast? Dann muss ich dich enttäuschen. Wir wissen nicht, wo es ist.«
Raoul schnaubte. Jedoch konnte Aurica nicht genau erkennen, ob er belustigt, resigniert oder ein bisschen von beidem klang.
»Nicht ganz. Den Teil mit dir würde ich gern vermeiden. Aber wo wir schon so schnörkellos beim Thema angekommen wären: Ich wollte euch um eure Hilfe ersuchen.«
»Ach, tatsächlich? Ich glaub’s ja nicht!«, höhnte Daniel. »Bitte verzeihen Sie. Sie sehen meinem rücksichtslosen, selbstherrlichen und gemeingefährlichen Erzeuger zwar täuschend ähnlich, aber was bitteschön haben Sie mit Raoul gemacht? Der würde niemals …«
»Jetzt hör ihn doch erst mal an«, unterbrach Aurica ihn genervt.
Das brachte ihr zwar einen finsteren Blick ein, doch zumindest ließ er es dabei bewenden. Als Wiedergutmachung schmiegte sie sich enger an ihn. Gleichzeitig versuchte sie, über ihre Irritation mit dem »Erzeuger« hinwegzukommen. Raoul sah aus wie Daniels älterer Bruder. Sie konnte ihn immer noch nicht als seinen Vater sehen.
Der schwarzhaarige Vampir nickte ihr zu, bevor sein Blick wieder zu Daniel wanderte und er sein Anliegen vorbrachte.
»Womöglich haben die Hexen uns belogen. Dich ebenso wie mich. Vielleicht gibt es mehr als nur eine Möglichkeit, deine Mutter aufzuwecken. Das mag sich am Ende als falsche Hoffnung herausstellen, doch ist es allemal wert, hier nachzuforschen. Des Weiteren sollten wir herausfinden, was es mit diesem Stein auf sich hat, den Mathilda festhält.« Er schaute in die Runde. »Von euch kennt niemand eine Hexe, die wir fragen können?«
»Etwa ein Drittel der Hexen, die ich kenne, hast du gestern Nacht umgebracht«, entgegnete Daniel. Er verzog das Gesicht. »Was in dem Fall ausnahmsweise mal kein Vorwurf sein soll.«
»Na ja, ich könnte meine Mutter fragen«, bot Aurica an. »Nur fürchte ich, dass das nichts bringen wird. Sie blockt alles ab, was auch nur annähernd in die Richtung geht. Und ich selbst«, sie streckte entschuldigend die Hände aus, »bin zwar eine Hexe, aber eine ohne Kräfte und Ahnung.«
Allerdings ist es langsam, aber sicher an der Zeit, ein paar Antworten einzufordern, gestand sie sich ein, ohne es jedoch laut auszusprechen.