Die Stadt der Gaukler - Jeanette Lagall - E-Book

Die Stadt der Gaukler E-Book

Jeanette Lagall

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Beschreibung

Unheil und Verhängnis aus der Vergangenheit können dich stärker machen – oder dich zerstören. Die Spur des gestohlenen Karneolvogels führt Riki und den Wanderzirkus in die Stadt der Gaukler. Ein überraschend gefährliches Pflaster für seinen Hüter Ramiro, da sich inzwischen das Verschwinden des Artefakts herumgesprochen und die Stimmung aufgeheizt hat. Zunächst scheint der Diebstahl nur Teil eines persönlichen Rachefeldzugs gegen Ramiro zu sein. Doch es steckt weit mehr dahinter. Im Hintergrund verfolgt ein intriganter Schurke seine ehrgeizigen Pläne, bereit, den Hüter des Karneolvogels skrupellos dafür zu opfern. Als Ramiro die Identität des Halunken lüftet, reißt es ihm den Boden unter den Füßen weg. Doch die Schatten aus Ramiros Vergangenheit drohen auch Rikis Welt zu verschlingen und das, was zwischen ihnen entstanden ist, endgültig zu zerstören. Gleichzeitig läuft den Gauklern die Zeit davon, denn die große Versammlung rückt unerbittlich näher. Werden sie es schaffen, die Pläne des Schurken zu durchkreuzen und Ramiros Leben zu retten? Das Buch ist der zweite Teil der Karneolvogel-Trilogie. Um der Handlung in allen Bereichen folgen zu können, wird empfohlen, den ersten Teil zuerst zu lesen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Jeanette Lagall

Die Reise

des Karneolvogels - Band 2 -

Die Stadt der Gaukler

Roman

 

 

 

 

 

Die Karneolvogel-Trilogie:

Die Reise des Karneolvogels - Band 1 - Der Wanderzirkus Die Reise des Karneolvogels - Band 2 - Die Stadt der Gaukler Die Reise des Karneolvogels - Band 3 - Die Macht des Kodex

 

 

 

 

 

 

Jeanette Lagall

Mildred-Scheel Str. 1

50996 Köln

[email protected]

 

Text: © Jeanette Lagall 2017

Lektorat: Regina Bialy, Frank R. Burger

Korrektorat: Sandra Grüter

Covergestaltung: Laura Newman

 

 

Überarbeitete Neuauflage Februar 2025

 

Personen und Handlungen sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, wozu auch die Verbreitung über »Tauschbörsen« zählt.

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.

 

 

 

 

 

 

~~~

 

Für alle, die die Welt der Gaukler lieben.

 

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Inhaltsverzeichnis

 

Prolog: Vor drei Monaten

1 Wer gibt?

2 Ungeliebte Reisegefährten

3 Ein undurchsichtiger Verbündeter

4 Flucht von der Teegesellschaft

5 Vorstellungsgespräch mit Gans

6 Ein Pfannkuchen bringt es ans Licht

7 Nachhilfe in Sachen Kodex

8 Erinnerungen

9 Schlammschlacht

10 Die Macht des Kodex

11 Vom Leben einer Gattin

12 Unangenehmes Wiedersehen

13 Fehlschlag

14 Öffentliche Vorwürfe

15 Ein Zettel im Schreibzimmer

16 Kein guter Tag

17 Einkaufen beruhigt

18 Wirklich nur ein Spiel?

19 Unerwartete Verstärkung

20 Konzentrationsschwäche

21 Opernklänge

22 Wer macht die Drecksarbeit?

23 Alte, schlimme Geschichten

24 Wankendes Weltbild

25 Besuch im Kerker

26 Sprung in die Vergangenheit

27 Schließen Sie doch bitte die Tür

28 Aus und vorbei

29 Rachegelüste

30 Ein neuer Plan

31 Eine Welt aus Schmerz und Wut

32 Zerrissenheit

33 Allein mit Demetrius

34 Neue Freundinnen

35 Späte Post

36 Mythen, Legenden und Geschichten

37 Alles oder nichts

38 Plötzliche Abreise

39 Die Warnung der Karten

40 Sackgasse

41 Ein Trumpf im Ärmel

42 Wenn ich mein Bruder wäre

43 Wahrheit

44 Was für Neuigkeiten!

45 Ausflug mit Mrs Huxley

46 Die Versammlung der Gaukler

47 Wer bist du wirklich?

48 Heimtücke

49 Geständnisse und Wahrheiten

50 Der neue Hüter

51 Tod und Leben

52 Reiseplanung

53 Dinner zu zweit

54 Zukunftsaussichten

55 Unschuldiger Kuss

56 Abfahrt

57 Telegramm

Anhang

Personenverzeichnis

Leseprobe aus

»Die Reise des Karneolvogels 3 – Die Macht des Kodex«

Fußnoten

 

 

 

 

 

 

 

 

Prolog: Vor drei Monaten

Nur fünf Minuten.

Wenn man ihr doch wenigstens einmal fünf Minuten für sich selbst geben würde!

Myra hatte seit ihrer Rückkehr nach Hause jegliches Zeitgefühl verloren. Ob nun ein paar Tage, Wochen oder gar Monate ins Land gegangen waren, sie vermochte es nicht zu sagen. Es war ihr auch einerlei. Sie hatte das Gefühl, dass seitdem immer jemand um sie herum gewesen sei. Doch damit würde hoffentlich bald Schluss sein.

Fahrig strich sie über den weißen Damast ihres Hochzeitskleides. Seit ein paar Stunden war sie also Mrs Peter Trendzew. Ihre Hochzeit mit dem Industriellen hatte sie wie in Trance erlebt und sehnte nur noch das Ende des heutigen Tages herbei.

Genau genommen das Ende des heutigen Tages mitsamt der Hochzeitsnacht. Myra gestattete sich ein verbissenes Schnauben. Dank ihrer Gauklerliebe Gregor war sie kein unschuldiges Mädchen mehr. Sie wusste, was in der Hochzeitsnacht auf sie zukommen würde.

Und es war nichts, was sie mit ihrem frischangetrauten Gatten erleben wollte.

Ach, Gregor!

Unwillkürlich hatte sie eine Hand auf die Brust gelegt und sich in stillem Schmerz ein wenig nach vorne gebeugt, als eine huschende Bewegung am Rande ihres Blickfeldes sie in die Gegenwart zurückzog.

Sie konnte gerade noch erkennen, wie der Gaukler, der sie den Abend über mit seiner Musik und seiner Zauberkunst unterhalten hatte, in der Dunkelheit des Gartens verschwand.

Ohne darüber nachzudenken, eilte Myra ihm nach. Der Garten war nicht völlig dunkel, dekorativ verstreute Laternen verteilten reizende Lichtinseln über das ganze Gelände. Doch das Licht reichte gerade aus, um hübsch auszusehen, nicht, um die Umgebung zu beleuchten. Aber Myra kannte das Gelände. Sie eilte auf das Gartenhaus zu, das ein Stück weiter vor ihr aus der Dunkelheit auftauchte.

Ein plötzlich an ihr Ohr dringendes Flüstern veranlasste sie, hinter einer Regentonne Deckung zu suchen. Vorsichtig lugte sie durch einen schmalen Spalt zwischen Tonne und Gartenhaus und erblickte den gesuchten Gaukler sowie einen weiteren Mann, der jedoch so tief im Schatten stand, dass sie ihn nicht erkennen konnte.

Die beiden flüsterten aufgeregt, waren jedoch zu weit entfernt, als dass Myra etwas hätte verstehen können.

Angestrengt starrte sie zu den beiden hinüber. Was ging hier vor?

Auf einmal griff der Gaukler in die Tasche und zog etwas Helles hervor, das er seinem Gegenüber gab. Dann verschwand er lautlos in der Dunkelheit.

Der andere Mann rührte sich nicht. Etliche Herzschläge lang schien die Szene wie eingefroren, doch plötzlich kam Bewegung in ihn. Er trat aus den Schatten und stürmte eilig in Myras Richtung.

Für einen Moment setzte ihr Herz aus. Es war nicht die Furcht, dass ihr selbst Gefahr drohte. Immerhin war sie hier auf ihrer eigenen Hochzeit und somit jemand, den man als erstes vermissen würde; wenn man dies nicht bereits schon tat.

Doch sie legte wenig Wert darauf, in ihrem Hochzeitskleid hinter einer Regentonne kauernd vorgefunden zu werden, wenn vor ihren Augen gerade irgendetwas ausgetauscht wurde, was offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.

In ihrem Hochzeitskleid …

Schlagartig fiel ihr ein, dass das weiße Kleid trotz der Dunkelheit auffällig leuchten musste. Indes hatte der Mann das Regenfass bereits fast erreicht.

Myra hielt den Atem an und starrte nach oben, um wenigstens einen Blick auf den Unbekannten zu erhaschen.

Doch er bemerkte sie nicht. Mit verbissenem Gesichtsausdruck eilte er an ihr vorbei, ohne überhaupt irgendetwas von seiner Umgebung mitzubekommen.

In der Sekunde, als der Mann an ihr vorbeihastete, wäre ihr um ein Haar dennoch ein überraschtes Aufkeuchen entschlüpft.

Es war niemand Geringeres als ihr Ehemann, Peter Trendzew.

1 Wer gibt?

Riki lag in ihrem Wagen und lauschte dem sanften Trommeln des Regens auf der Plane. Eine willkommene Abkühlung nach der langen Hitzeperiode. Der ehemalige Novize Gregor saß an dem wackeligen Tischchen über ein Buch gebeugt, und der Schein seiner Kerze tauchte die heimelige Unordnung des Wagens in ein goldenes Licht.

Die gewachste Segeltuchplane des Fuhrwerks verströmte den vertrauten Geruch nach Alter und Abenteuer, der sich mit dem Duft von Holz, Fellen und den von der Decke hängenden Kräutern zu einem einzigartigen Aroma vermischte. Zufrieden sog Riki das ihr so kostbar gewordene Bukett tief in ihre Lungen.

Sie lagerten nicht mehr weit entfernt von der sagenumwobenen Stadt der Gaukler und würden sie in zwei Tagen erreichen; mit etwas Glück sogar bereits morgen. Riki war aufgeregt und konnte es kaum erwarten, diesen mysteriösen Ort, von dem ihr die Zirkusleute schon so viel berichtet hatten, endlich mit eigenen Augen zu sehen. Doch ihre freudige Erwartung war von dunklen Schlieren aus Angst durchzogen. Sie hätten diesen gottverdammten Becherbetrüger, der ihrem Freund und Geliebten Ramiro den Karneolvogel gestohlen hatte, niemals so nah an die Stadt der Gaukler herankommen lassen dürfen!

Gottverdammten Becherbetrüger? Riki musste schmunzeln. Solch ein unbotmäßiger Ausdruck hätte ihr wohlerzogenes Ich noch vor wenigen Monaten zu Ohnmachtsattacken genötigt. Und nun benutzte sie, die ehemalige höhere Tochter, privilegiertes Mitglied des viktorianischen Wohlstandsbürgertums, selbst diese unschickliche Terminologie der Unterschicht. Zumindest in Gedanken. Wenn ihre Familie und die ganzen braven Bürger das wüssten! Sie würden sich sofort in allem bestätigt fühlen, was sie über jene Gesellschaftsschicht, mit der sie niemals in Berührung kamen, mit Sicherheit zu wissen glaubten.

Was hieß hier ihre Familie, sie hatte keine Familie mehr!

Wie lange war es jetzt her, dass sie und ihre Freundin Myra sich als Knaben verkleidet hatten, um mit dem kleinen Wanderzirkus »Fuego Ardente« mitzuziehen? Vier Monate? Fünf Monate? Damals wollten sie vor ihrer Zukunft, ihrer arrangierten Hochzeit und vor diesem entsetzlichen Pensionat für höhere Töchter fliehen, dessen einziger Zweck es war, sie zu guten Ehefrauen zu erziehen. Oder besser zu dressieren.

Riki hatte noch in buchstäblich letzter Sekunde den Absprung geschafft und war mit dem Zirkus weitergezogen. Auch wenn ihr Onkel, der seit dem Tod ihrer Eltern die Vormundschaft für sie übernommen hatte, sie deshalb verstoßen hatte. Doch Myra hatte dem Druck ihrer Familie und ihres Verlobten nicht standhalten können und war in ihr altes Leben zurückgekehrt.

Vor Kurzem hatte Riki ihren 18. Geburtstag gefeiert. In Freiheit! Wie sehr hatte sie sich gewünscht, das zusammen mit Myra zu erleben …

Oh Myra!

Riki vermisste ihre Freundin schmerzlich und dachte oft an sie. Wie mochte es ihr wohl gehen? War sie schon mit Peter Trendzew verheiratet? Vermutlich. Ihrer Familie hatte es, gerade nach ihrem Abenteuer mit dem Zirkus, ja wahrlich nicht schnell genug gehen können!

Das Bild ihres Onkels Theodore und ihres damaligen Verlobten Adalbert Minder, das sich in ihrem Kopf breitzumachen drohte, verdrängte sie rasch. Ihr Gewissen plagte sie diesbezüglich viel zu sehr, als dass sie den Gedanken an diese Menschen ertragen konnte.

Sie hatte sich die Entscheidung, ihre gesellschaftlichen Privilegien und ihre finanzielle Sicherheit gegen ihre Freiheit einzutauschen, wahrlich nicht leicht gemacht. Aber sie hatte sich mit allen Konsequenzen entschieden, und sie bereute es nicht. Zumindest meistens nicht.

Außerdem gab es im Moment Wichtigeres, das ihre volle Aufmerksamkeit verlangte: den Karneolvogel. Mit einem Seufzer fuhr sie sich durch die störrischen braunen Locken.

Die Zeit wurde knapp. Sie mussten die Statue des Karneolvogels schnellstmöglich wiederbekommen. Besser heute als morgen. Wenn nicht, dann schwebte dessen Hüter Ramiro in ernsthafter Lebensgefahr, denn der Kodex der Gaukler war hier unmissverständlich. Er verlangte drakonische Strafen für diejenigen, die seine Werte missachteten, beziehungsweise die sich den Artefakten, die diese Werte verkörperten, gegenüber achtlos benahmen. Der Karneolvogel war eines dieser Artefakte. Obendrein auch noch das mächtigste. Zwar hatte sich Ramiro keinesfalls achtlos verhalten, der Vogel war ihm gestohlen worden, und zwar mit Hilfe des Entfesselungskünstlers und Feuerspuckers Joff, der damals Mitglied ihrer Truppe gewesen war. Doch für den Diebstahl gab es keine brauchbaren Beweise, die Ramiro hätten entlasten können.

Das alles wäre sicher noch irgendwie lösbar gewesen, wenn ebendieser gottverdammte Becherbetrüger, der Joff zu dem Diebstahl verleitet hatte, es nicht offensichtlich darauf abgesehen hätte, Ramiro zu schaden. Warum, wusste niemand. Jedenfalls führte dieser Mensch, wo immer er hinkam, den Karneolvogel als Preis vor, falls es jemandem gelänge zu erraten, unter welchem Becher sich die Münze befand. Selbstverständlich erriet es nie jemand. Doch die Absicht des Hütchenspielers, dessen Namen sie nicht einmal kannten, lag klar auf der Hand: Er wollte in der ganzen Gauklerwelt verbreiten, dass der Hüter des Vogels nicht länger im Besitz des wertvollen Artefaktes war.

Und sollte Ramiro den Karneolvogel bis zur nächsten großen Versammlung der Gaukler nicht vorweisen können, dann sähe es schlecht für ihn aus. Aber, selbst wenn, so hatten doch in der Zwischenzeit mit Sicherheit bereits so viele Gaukler von der Schmach erfahren, dass es für ihn dennoch gefährlich werden konnte.

Es war Sitte, dass die Artefakte des Kodex – der Vogel aus Karneol, der Wanderstab aus Eibenholz und der Ring aus Gold – in einem Turnus von drei Jahren an neue Hüter verliehen wurden. Und dieser Kreis würde sich in etwa zwei Wochen erneut schließen.

Riki unterdrückte ein Schaudern. Sie verspürte keine Lust, sich länger mit dem Thema auseinanderzusetzen. Im Moment konnte sie ohnehin nichts daran ändern. Die edlen Motive des Kodex und seine Bedeutung für die Gaukler waren zwar ebenso notwendig wie berechtigt, allerdings fand Riki die Konsequenzen, die er forderte, übertrieben drastisch. Aber es kam leider nicht auf ihre Meinung an, sondern auf das, was die Mehrzahl der Gaukler dachte. Denn angenommen, sie bekamen den Vogel rechtzeitig zurück, was mehr als fraglich war, dann mussten sie und die anderen Zirkusleute vermutlich trotzdem noch reichlich Überzeugungsarbeit leisten. Doch genug davon.

 

Riki verlor sich in der Betrachtung von Gregors Profil, das von der Kerze schwach beleuchtet wurde. Seit sie sich kennengelernt hatten, war es markanter geworden, auch wenn die vollen, schön geschwungen Lippen ihm nach wie vor einen Hauch von Sanftheit verliehen. Seine Haare benötigten dringend einen Friseur, doch Gregor drückte sich wie ein Schulkind um das Haareschneiden. Mit dem Ergebnis, dass ihm das Haar in luftigen, blonden Wellen bis fast an die Schultern reichte. Aber wehe, jemand bemerkte ihm gegenüber, dass er so mehr denn je wie ein Engel aussah! Riki schmunzelte bei dem Gedanken an das Fettnäpfchen, in das Myra damals prompt getreten war.

Gregor war in den vergangenen Monaten ernster geworden und die Trennung von Myra hatte den letzten Rest kindlicher Unbedarftheit aus seinen Zügen vertrieben. Den beiden war nicht viel Zeit als Liebespaar vergönnt gewesen, denn Riki und Myras Knabenverkleidung hatte ihre Aufgabe überraschend lange zuverlässig erfüllt. Und als sie irgendwann doch durchschaut wurden, war ihnen schon die Polizei mitsamt ihren besorgten Familien auf der Spur, um sie in ihr altes Leben zurückzuzerren.

Obwohl die Liebschaft zwischen ihm und Myra nur kurz gewesen war, litt Gregor sehr unter dem abrupten Ende. Auch wenn er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Riki hätte viel darum gegeben, ihm mehr Trost spenden zu können, jedoch manche Dinge ließen sich nicht so einfach wegtrösten.

 

Der ehemalige Novize bemerkte Rikis Blick und schaute von seinen Büchern auf. Noch halb in Gedanken murmelte er: »Meinst du, dass eher Natrium oder womöglich doch Barium mit Magnesiumpulver einen besseren Effekt für Alaricos Zaubertrick bewirken würde?«

Riki brauchte zwei Wimpernschläge, um ihre Gedanken auf das neue Thema einzustellen.

»Gütiger Himmel, Gregor! Ich kann dir den Unterschied zwischen einem Kreuzstich und einem Steppstich zeigen, mich mit dir über Haushaltsführung unterhalten oder dir die Vorzüge von Damast- gegenüber Leinentischdecken auseinandersetzen. Ich wurde in den Grundlagen der Konversation, des Tanzes sowie des Herumscheuchens von Dienstboten ausgebildet. Niemand hielt es für angebracht, mich mit solch gefährlichem Wissen wie dem Erzeugen von Pyroeffekten zu belästigen.«

Gregor grinste.

»Nun, wenn ich sehe, wie schnell du das Messerwerfen gelernt hast, dann war das vielleicht gar nicht das Verkehrteste.«

»Hör besser auf für heute, du verdirbst dir bei dem Licht noch die Augen.«

»Ja, ich glaube, du hast recht.« Der ehemalige Novize klappte das Buch zu, stand auf und streckte seine mittlerweile recht imposante Gestalt unter großem Ächzen und Stöhnen. Er hatte in der letzten Zeit einen gewaltigen Schuss getan und die Zirkusleute mit seinem nicht zu bändigenden Appetit schier zur Verzweiflung getrieben. Aber zumindest musste er dadurch endlich seine ohnehin schon knappe Mönchskutte aufgeben. Die neuen Kleider, zwar in dem gewohnten Braun der Kutte gehalten, standen ihm dennoch ausnehmend gut und ließen ihn wesentlich erwachsener aussehen. Das Einzige, was jetzt noch an den ehemaligen Mönch erinnerte, war die Kordel, die einst seine Ordenstracht zusammen gehalten hatte. Von ihr konnte er sich nicht so recht trennen und hatte sie locker um die Taille geschlungen.

»Wenn sich dein Liebhaber endlich mit den Karten herbeibequemte, dann müsste ich mir auch nicht so lange die Augen ruinieren«, seufzte Gregor in genau dem Moment, als Ramiro den Kopf zum Wageneingang hineinsteckte und das Bündel Spielkarten hochhielt.

»Oh, ich bin untröstlich, aber Urs brauchte unbedingt jemanden, der seine neueste Rösti-Kreation probiert«, neckte Ramiro.

Der Novize warf ihm sogleich einen besorgten Blick zu, ob er denn tatsächlich etwas zu essen verpasst hatte. »Idiot«, knurrte er unwillig und schnappte dem Spanier die Karten aus der Hand. »Ich könnte in der Tat wieder etwas essen.«

»Ich hatte nichts anderes erwartet«, konterte Ramiro erheitert. »Du bist auch bestimmt schon seit einer Dreiviertelstunde ohne Nahrung, da wird es langsam lebensgefährlich.« Er legte die Hände auf den Wagenboden und schwang sich elegant hinauf. Natürlich nicht auf normale Art und Weise, sondern über einen Handstand, und erst von dort stellte er die Füße wieder auf den Holzplanken des Wagens ab.

»Angeber«, maulte Gregor gutmütig. »Zumindest nutze ich die Nahrung, um zu wachsen, und nicht zum Energieverpulvern. Daran könntest du dir doch mal ein Beispiel nehmen.«

»Das hättest du mir vielleicht vor zehn Jahren sagen sollen, als ich noch in deinem zarten Alter war. Aber jetzt ist der Zug abgefahren«, feixte Ramiro zu Gregor hinauf. Er endete irgendwo bei Gregors Schulter und war damit sogar ein wenig kleiner als Riki. Doch sie störte das nicht, und es tat auch ansonsten seiner Erscheinung keinen Abbruch. Der kraftvolle, athletische Körper unter dem hellgrauen Leinenhemd und den schwarzen Lederhosen brachte Riki nach wie vor um den Verstand. Manchmal fragte sie sich, ob die leopardenartige Geschmeidigkeit und die perfekte Körperbeherrschung des kleinen Akrobaten darunter leiden würden, wenn er größer wäre; aber vermutlich nicht.

Ramiro ließ sich mit gekreuzten Beinen neben sie fallen und drückte ihr einen Kuss auf die sommersprossige Nase. »Du kannst doch nicht zulassen, dass man mich hier dermaßen beschimpft, mi corazón«[Fußnote 1], bemängelte er.

»Oh, ihr musstet auch schon vor meinem Auftauchen beim Zirkus miteinander zurechtkommen. Da wäre es unverantwortlich von mir, wenn du durch meine Schuld aus der Übung kämest.«

Zärtlich zog sie ihm das Lederband aus den Haaren, das sie im Nacken zusammenhielt. Sogleich fiel ihm die glatte, dunkle Masse über die Schultern. Riki mochte es, wenn seine Haare offen waren. Ihrer Meinung nach gab es seinem melancholischen Gesicht mit den schweren Brauen etwas Verwegenes. Abgesehen davon konnte sie ihn hervorragend damit ärgern, wenn sie ihm das Haarband stibitzte.

Sein Protest ließ auch nicht lange auf sich warten, doch sie ließ das Diebesgut schnell in ihrem Ausschnitt verschwinden. Nicht einmal Ramiro ging in Gregors Anwesenheit so weit, es sich von dort wieder zurückzuholen.

Auf Bestreben von Dolores hatte Ramiro Riki, damals noch als den Knaben Rick, seit ihrem Auftauchen beim Zirkus unter seine Fittiche genommen und ihr die Grundzüge der Akrobatik beigebracht. Doch schon bald hatten ihre Gefühle füreinander sie in Teufels Küche gebracht. Riki durfte sich nicht verraten, damit ihre Knabenverkleidung nicht aufflog, und Ramiro geriet in eine gewaltige Sinnkrise, da er sich nicht eingestehen konnte, einen Knaben zu lieben. Was zusätzlich durch ein katastrophales Ereignis in seiner Jugend erschwert wurde.

Manchmal befiel Riki allerdings der Verdacht, dass er ihr diese ›Erkenntnis‹, sich doch in einen ›Knaben‹ verliebt zu haben, noch immer nicht verziehen hatte. Er missbilligte es jedenfalls, dass sie weiterhin ihre Knabenkleidung trug. Aber Riki sah keine Veranlassung, die bequeme Kleidung abzulegen und gegen unpraktische Röcke zu tauschen. Sie hatten deswegen einen handfesten Streit gehabt, aus dem Riki als Siegerin hervorgegangen war, und seitdem hatte sich Ramiro nie wieder diesbezüglich geäußert. Allerdings ließ sich an den Blicken, mit denen er ihre dunklen Leinenhosen, das weite, graue Hemd und die blaue Weste mitunter musterte, deutlich erkennen, was er davon hielt.

Doch er schwieg sich mannhaft dazu aus. Nichtsdestotrotz gerieten sie bisweilen ganz gewaltig aneinander. Obwohl Ramiro prinzipiell ein Spezialist in Sachen Selbstbeherrschung war, hatte er dennoch das heißblütige, aufbrausende Temperament seines Heimatlandes, sodass seine Selbstbeherrschung oftmals ihren Meister in Rikis Dickköpfigkeit fand. Obschon ihre Liebe tief und echt war, stand das ›Missverständnis‹ während ihres Kennenlernens mitunter wie ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen ihnen.

Riki legte ihrem Geliebten für einen kurzen Moment die Hand auf den Arm. Vor allzu deutlichen Zuneigungsbekundungen nahm sie in Gregors Beisein lieber Abstand, da sie sonst das Gefühl hatte, ihm vorzuführen, was er mit Myra verloren hatte, und das wollte sie nicht.

»Wer gibt?«, fragte sie stattdessen in die Runde.

2 Ungeliebte Reisegefährten

Paco, Joff und Ianos starrten sich misstrauisch über den schmuddeligen Tisch des Wirtshauses hinweg an. Das Wasser, das ihnen aus den Haaren, von den Kleidern und dem Gepäck tropfte, sammelte sich in einer großen Lache auf dem Boden. Die feindselige Stimmung, die sich wie ein drohendes Gewitter über ihrem Tisch zusammenballte, ließ die anderen Gäste einen gewaltigen Bogen um die durchnässten und heruntergekommenen Gestalten machen.

Paco drückte den Beutel mit dem Karneolvogel eng an sich. Obwohl Joff ihn bei dem Diebstahl unterstützt hatte, traute er ihm keinen Zollbreit. Er war eigentlich davon ausgegangen, dass er diesen eigentümlich schweigsamen Hünen nicht mehr wiedersehen würde, nachdem er die versprochene Belohnung erhalten hatte. Böser Irrtum. Vor ein paar Tagen hatte dieser widerliche Kerl ihn aufgestöbert und verlangt, dass er ihn seinem Dienstherrn empfahl! Als hätte Alessara haufenweise Arbeit zu vergeben. Das, was es zu tun gab, um die Macht im Gauklerreich an sich zu reißen, konnte er sehr gut allein erledigen!

Aber bitte, dann sollte er sich die Abfuhr eben von Alessara selbst holen, wenn er ihm, Paco, schon keinen Glauben schenkte. Er würde sich gewiss nicht mit diesem überdimensionierten Kraftpaket anlegen. Aber irgendwie würde er ihm seine Aufdringlichkeit schon heimzahlen! Und seinem verblödeten Bruder gleich mit, den er mit sich herumschleifte wie ein kleines Mädchen seine Lieblingspuppe. Gut, der Vergleich hinkte deutlich, wenn er sich die muskelbepackten Zwillinge so anschaute. Aber lästig war es allemal.

Paco war froh, den Vogel bald in Alessaras Hände legen zu können. Sie erwartete ihn zweifellos bereits ungeduldig. Vielleicht erhörte sie ihn nun endlich? Nach all den Jahren hatte er doch wohl etwas mehr Aufmerksamkeit verdient! Aber gut, seine Zeit würde kommen. Eines Tages würde sie ihn schon lieben lernen, bei all dem, was er für sie tat.

Sicherlich, momentan war er selbst an der Verzögerung schuld. Er hätte ihr den Karneolvogel bereits vor Wochen überreichen können. Doch als er merkte, wer der derzeitige Hüter des Vogels war, beschloss er, das Artefakt gegen diesen einzusetzen. Manchmal musste man eben seinen eigenen Interessen den Vorrang geben. Und Ramiro, diese miese Ratte, hatte es mehr als verdient. Allerdings waren ihm, Paco, die Zirkusleute inzwischen gefährlich nahegekommen und hätten ihn letztens sogar um ein Haar gestellt. Sein Spielchen wurde ihm zu riskant, und es war nun an der Zeit, sich zurückzuziehen. Aber so, wie er es einschätzte, müsste er mittlerweile genug Schaden angerichtet haben.

Pacos Kleider klebten ihm unangenehm auf der Haut. Sie hatten unter diesem Felsvorsprung einen so schönen Unterschlupf gefunden, aber dieser Joff musste sie ja unbedingt die drei Meilen bis zu dem Gasthaus durch den verdammten Regen jagen! Angewidert schälte er sich aus seinem verwaschenen Umhang und Gehrock und zupfte sein Hemd zurecht. Hätte es noch sein ursprüngliches Weiß gehabt, so wäre es wohl zwangsläufig durchsichtig gewesen. Doch ein dicker Grauschleier ersparte der Umwelt diesen jämmerlichen Anblick. Welchem Gentleman auch immer Pacos Kleidung einmal gehört haben mochte, er hätte es sicher niemals für möglich gehalten, dass sie dermaßen verwahrlost und ungestalt aussehen konnte. Dabei entsprach sie eigentlich der Größe ihres neuen Trägers. Außer Pacos trotz der Nässe unangenehm ölig glänzenden Haars gab es nichts an ihm, was auffällig gewesen wäre. Er war durchschnittlich groß, durchschnittlich schlank, mit einem durchschnittlichen Gesicht. Nur wer ganz genau hinschaute, vermochte in seinen tiefliegenden Augen Rachsucht und einen nachtragenden Charakter zu erkennen.

 

Joff interessierten diese Äußerlichkeiten herzlich wenig, dennoch war er auf der Hut. Übermäßige Vorsicht war hier sicherlich nicht vonnöten, doch er schätzte sein Gegenüber als einen feigen, hinterhältigen Bastard ein, der einem bei nächstbester Gelegenheit ein Messer in den Rücken rammen würde.

Nun ja, vermutlich nicht direkt, aber nur, weil er dazu zu feige war – oder sich nicht selbst die Hände schmutzig machen wollte. Wie auch immer, Joff war es gewohnt, auf der Hut zu sein. Nicht nur für sich, sondern ebenfalls für seinen Bruder Ianos, da dieser in seiner schon ans Abenteuerliche grenzenden Naivität blindlings in jede Falle laufen würde.

Deine Schuld, du hättest den Zirkus ja nicht für die paar Kröten verraten müssen, schalt er sich selbst. Dann könntest du dort nach wie vor dein bequemes Leben führen, ohne dich groß abmühen zu müssen.

Und deinen Bruder weiterhin bei dieser Frau lassen!

Ja, die Beziehung zwischen Ianos und Dolores war tatsächlich ein wenig problematisch gewesen, doch das war es nicht, was ihn daran störte. Vielmehr war Joff eifersüchtig und verübelte seinem Bruder, dass dieser seine rassige Geliebte ganz für sich allein haben wollte. Auch wenn er sich das nicht direkt eingestand.

Aufgrund ihrer frappanten Ähnlichkeit hatten es sich die Brüder nämlich zur Gewohnheit gemacht, ihre Liebschaften bisher zu teilen. Joff, weil er es praktisch fand und sich an der Arglosigkeit der Frauen weidete, und Ianos, weil er nichts Schlimmes darin sah. Bei Dolores war es das erste Mal anders gewesen, und auch wenn Joff es zwangsläufig akzeptiert hatte, kam er trotzdem nicht so recht darüber hinweg.

Die Erinnerung an Dolores' üppige Kurven schob sich in seine Gedanken …

Aber abgesehen davon war es aus Joffs Sicht natürlich das Beste für Ianos, diese Dolores und damit auch den Zirkus zu verlassen. Joff kannte weder Solidarität noch Freundschaft. Er interessierte sich nur für zwei Dinge auf dieser Welt: sich selbst und seinen Zwillingsbruder Ianos. Und für diesen stellte er sogar seinen eigenen Vorteil in den Hintergrund, sofern es denn unbedingt vonnöten war.

Äußerlich waren die Zwillinge durch nichts zu unterscheiden, dafür hätten sie in ihrem Wesen unterschiedlicher nicht sein können. Während Ianos ein freundliches, aufgeschlossenes und etwas naives Gemüt hatte, war der verschlossene Joff der Schlauere von beiden. Er sah die Verwendung von Sprache als unnütze Zeitverschwendung an, und falls es sich irgendwie vermeiden ließ, verschanzte er sich hinter seinem Schweigen und überließ es dem gesprächigen Ianos, den Kontakt mit der Umwelt zu halten. Dabei konnte Joff, ebenso wie Ianos, ungemein charmant sein. Doch während bei letzterem diese Eigenschaft unbewusst und natürlich war, nahm Joff diese Mühe gleichwohl nur dann auf sich, wenn sie ihm einen unmittelbaren Vorteil verschaffte.

Die beiden waren in Dolores' Wanderzirkus als Entfesselungskünstler und Feuerschlucker aufgetreten, hatten allerdings gehen müssen, als Joffs Verrat offenkundig wurde. Es brach Ianos das Herz, Dolores zu verlassen. Er liebte sie bedingungslos, auch wenn sie das nicht im gleichen Maße erwidern konnte. Doch letzten Endes war die Bindung an den Bruder stärker.

Nachdem das Geld, das sie von Paco bekommen hatten, durchgebracht war, beschloss Joff, sich bei Pacos Dienstherrn zu verdingen, da dieser offenbar gut zahlte. Dass die Arbeit mitunter nicht immer astrein war, interessierte ihn nicht. Mit einer gleichgültigen Geste zupfte er an dem durchnässten groben Leinenstoff seines Hemdes, das an seinem muskelbepackten Körper klebte, und winkte der Wirtin ungeduldig.

Diese näherte sich den feindseligen Gestalten misstrauisch.

»Bier und Essen«, schnauzte Joff.

Sie brummte etwas, verschwand und kehrte kurz darauf mit dem Gewünschten zurück. Die drei Humpen und Teller mit Eintopf knallte sie lieblos auf den Tisch.

»Ich weiß nicht, was mit euch los ist. Aber ich will hier keinen Ärger. Ist das klar?«, blaffte sie unfreundlich. Der eine Zwilling schaute überrascht auf, während der andere etwas Unverständliches brummte und sich seinem Bier zuwandte.

 

Wieso Ärger? Ianos war hungrig und wusste, dass es Joff genauso ging. Warum sollte also irgendjemand Ärger machen? Kopfschüttelnd machte er sich über seinen Eintopf her. Nun ja, nicht besonders lecker, aber wirkungsvoll gegen den Hunger. Es konnte schließlich nicht jeder so gut kochen wie Dolores …

Die Erinnerung versetzte ihm einen Stich, sodass er den Gedanken schnell fallen ließ. Aber Ianos war gut darin, Gedanken fallen zu lassen. Die Situation war nun eben so, wie sie war. Er schüttelte sich die zottigen, dunklen Haare aus dem Gesicht und nahm einen gewaltigen Schluck Bier.

Ahhh, das tat gut nach der langen Reise!

3 Ein undurchsichtiger Verbündeter

Derweil schritt Alessara ungeduldig in ihrem Zimmer auf und ab. Wo blieb nur dieser Paco! Sie hatte nicht ewig Zeit! Der Tag der großen Versammlung der Gaukler rückte näher, und es fehlte ihr, außer dem Vogel, noch immer ein Artefakt. Zum Glück hatte sie wenigstens die Hüterin des Wanderstabs auf ihre Seite gebracht.

Dass Paco beim Diebstahl des Karneolvogels erfolgreich war, davon ging sie ebenfalls aus. Denn überall hörte sie Gerüchte, dass die Statue bei einem Becherbetrüger als Preis ausgelobt war. Demzufolge konnte der rechtmäßigen Hüter sie nicht mehr haben.

Sie wusste nicht, was Paco mit dem Ausstellen des Artefaktes bezweckte, und es wäre ihr auch herzlich egal gewesen, wenn ihr nicht so langsam die Zeit davonliefe! Ganz zu schweigen davon, dass er dem Hüter des Vogels mit seinem Verhalten Schaden zufügte. Nun ja, diesen Schaden würde er später ohnehin nehmen, sobald sie ein Exempel an ihm statuierte. Alessara bedauerte das zutiefst, aber es ließ sich nun leider nicht vermeiden. Ihre Pläne dienten einem höheren Zweck, da gab es nun einmal Opfer. Und es war nicht ihr Fehler, dass Blut eine besonders starke Überzeugungskraft innewohnte. Das lag in der Natur des Menschen.

Und in der Zwischenzeit verfolgte Paco wieder einmal seine eigenen kleinlichen Pläne. Wie lästig! Alessara hieb wütend auf ihre Kommode. Sie wusste, dass Paco sie niemals hintergehen würde, denn sie waren schon mindestens seit der Hälfte ihres 28 Jahre währenden Lebens befreundet. War es wirklich Freundschaft? Oder waren sie viel mehr von einem unbarmherzigen Schicksal zusammengeschweißt? Kameraden vor dem Altar der Gosse. Alessara wusste, dass Paco mehr für sie empfand als bloße Kameradschaft. Doch für sie konnte er niemals mehr sein als ein Freund. Ein Freund, den sie schätzte, aber zu einem gewissen Maße auch verachtete. Weswegen genau, das konnte sie selbst nicht so recht erklären.

Sicher, mit ein paar gelegentlichen ›Gunstbeweisen‹ verstand sie es meisterhaft, seine Hoffnungen zu schüren und ihn bei Laune zu halten. Warum auch nicht? Ihm gefiel es, und obwohl es in ihr ein unterschwelliges Unbehagen auslöste, sah sie keine größere Schwierigkeit darin, ihm diesen kleinen Wunsch hin und wieder zu erfüllen. Schließlich war dies früher einmal ihr Beruf gewesen. Und ein Leben ohne Paco wollte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Wieso eigentlich? Auch das konnte sie sich nicht genau erklären, aber sie hatte das zwingende Gefühl, ihn zu brauchen. Fast so, als wäre er in dieser Welt der letzte Rettungsanker, der sie davor bewahrte, endgültig den Zugang zu sich selbst zu verlieren.

 

Alessara warf einen Blick in den Spiegel. Sie war schon immer außergewöhnlich schön gewesen.

Eine reine Feststellung, nichts weiter. Sie war weder eitel, noch bedeutete ihr ihre Schönheit etwas – im Gegenteil. Sie verfluchte sie, da sie ihr von frühester Kindheit an nichts als Qual, Leid und Erniedrigung eingebracht hatte. Indes, diese Zeiten waren lange vorbei, Gott sei Dank. Sie hatte zwar manchmal das Gefühl, damals ein Stück ihrer selbst zurückgelassen zu haben, doch es war nicht weiter wichtig. Denn die Vergangenheit gehörte zu einer anderen.

Alessara blickte in ihr makelloses, von glänzendem, dunkelbraunem Haar umrahmtes Gesicht, dessen vornehme Blässe ihr etwas Zerbrechliches, ja, fast Ätherisches gab. Ein perfektes Gegengewicht zu ihrer großen, schlanken Gestalt mit den für eine Frau relativ breiten Schultern, die sie jedoch geschickt zu kaschieren verstand.

Sie lächelte sich zu, doch ihre Augen erwiderten das Lächeln nicht. Warum sollte man das, womit die Natur einen ausgestattet hatte, nicht nutzen!

Ihr Blick wanderte automatisch zu ihrem Mund. Es war fatal. Bei all ihren exquisiten Attributen fiel ihrem Mund, mit dem geradezu unverschämt sinnlichen Schwung, die Hauptrolle zu. Wenn sie sprach oder lächelte, zog er die Blicke von Männern und Frauen gleichermaßen an. Ja, sogar ihre eigenen! Die Wenigsten konnten sich seiner Faszination entziehen. Wie oft hatte Alessara es erlebt, dass ihr Leute während eines Gespräches kein einziges Mal in die Augen sahen, sondern wie verzaubert an ihrem Mund hängen blieben.

Aber das war ihr recht. Sie mochte es nicht, wenn ihr jemand in die Augen sah. Sie hatte das Gefühl, dieser Jemand könne dabei mehr über sie herausfinden als sie selbst wusste – und das machte ihr Angst. Sie musterte aufmerksam die grünbraunen Tiefen ihrer Iris und tauchte in das Schwarz ihrer Pupillen, doch an einem bestimmten Punkt ging es nicht weiter. Es war eigentümlich. Manchmal hatte sie das Gefühl, einer Unbekannten gegenüber zu stehen. Bis zu einem gewissen Punkt kannte sie die Person im Spiegel sehr gut, doch dann hörte es plötzlich auf. Wie ein dunkler Vorhang, hinter den sie nicht treten konnte oder nicht zu treten wagte. Vielleicht war das auch der Grund für die unterschwellige Abneigung, die sie Paco gegenüber empfand, denn sie hatte das Gefühl, dass er diesen Vorhang mühelos passieren konnte.

Mit einem Seufzen wandte sie sich von ihrem Spiegelbild ab. Dieses Rätsel würde auch heute ungelöst bleiben müssen. Außerdem beschäftigte sie der vorangegangene Disput mit Demetrius.

An den eigentlichen Auslöser für den Streit konnte sie sich nicht mehr erinnern, allerdings wurde ihr dieser Priester langsam aber sicher zu machthungrig.

 

Demetrius unterstützte sie in ihren Bestrebungen, die Macht in der Welt der Gaukler an sich zu reißen. Er war ein brillanter und feuriger Redner, der es meisterhaft verstand, den Spielleuten die alten Werte des Kodex wieder schmackhaft zu machen und sie dafür zu begeistern. Denn die Kraft der Werte, oder vielmehr den Zusammenhalt, den diese unter den Gauklern heraufbeschwören konnten, brauchte Alessara für die Verwirklichung ihrer eigenen Pläne. Denn vereint stellte das fahrende Volk eine außerordentlich einflussreiche Macht dar.

Doch in letzter Zeit beschlich sie immer öfter das Gefühl, dass Demetrius nicht ganz uneigennützig handelte.

Sofern sie den Erzählungen glauben durfte, war der Priester privat ein unauffälliger, bescheidener und äußerst zurückhaltender Mann, der nur für die Werte des Kodex brannte. Aber wenn er darüber predigte, dann wuchs er über sich hinaus. Die feurige, fast schon an Besessenheit grenzende Begeisterung riss nicht nur jeden mit, der ihm zuhörte, sondern nahm das Publikum auch bedingungslos für ihn ein.

Alessaras Empfinden ihm gegenüber war jedoch verhaltener. Sie konnte diesen Mann nicht so recht fassen. Wenn sie versuchte, sich an sein Gesicht zu erinnern, verschwamm es vor ihrem inneren Auge. Ähnlich erging es ihr mit ihren Unterhaltungen, auch sie zeichneten sich durch eine merkwürdige Unschärfe aus. Dennoch vermeinte sie, seine Anwesenheit trotz dieser Erinnerungslücken noch Stunden nach dem Gespräch zu spüren.

So unheimlich Demetrius ihr auch war, so sehr erfüllte sie ein unbestimmtes Gefühl der Vertrautheit ihm gegenüber. Womöglich waren sie sich in ihren Zielen und in dem, was sie antrieb, ähnlicher, als sie sich eingestehen mochte. Aus diesem Grund glaubte Alessara, ihn besser zu kennen als die anderen Leute, die sich von seiner Begeisterung, seinem Charisma und seiner Bescheidenheit blenden ließen. Vielmehr verbarg sich ihrer Meinung nach unter seiner zurückhaltenden Fassade ein machtbesessener Mensch.

Demetrius gab ihr Rätsel auf. Doch solange er ihre Pläne unterstützte, fand sie sich damit ab. Wenn er sich allerdings eines Tages gegen sie wenden sollte, nun, dann würde sie eine Lösung finden.

Ein unangenehmer Zug erschien um Alessaras Mund. Doch nicht einmal diesem gelang es, der Schönheit ihres Gesichtes Abbruch zu tun.

4 Flucht von der Teegesellschaft

»Aber Sie hören mir ja überhaupt nicht zu, meine Liebe!«, tadelte die Dame in halb fürsorglichem, halb säuerlichen Tonfall.

Myra fuhr aus ihren Gedanken auf.

»Doch, ähm, ich wollte sagen …« Sie sammelte sich mühsam und atmete durch. »Ich bitte um Verzeihung, Mrs Pringle. Ich kann mich in letzter Zeit so entsetzlich schlecht konzentrieren.«

Diese abgrundtief langweiligen Teegesellschaften brachten sie noch ins Grab! Wenn doch wenigstens Riki hier wäre, dann wäre all dies viel leichter zu ertragen. Oder besser noch: Wäre sie selbst nicht so feige gewesen und stattdessen wie ihre Freundin bei den Gauklern geblieben, dann gäbe es jetzt gar keine Teegesellschaften!

»Nun ja, in Ihrem Zustand ist eine kleine Konzentrationsschwäche durchaus mehr als verständlich.« Der Tonfall in Mrs Pringles Stimme war ein wenig zu salbungsvoll, als dass er das Missfallen dahinter völlig kaschieren konnte.

Unwillkürlich legte Myra die Hand auf ihren Leib. Das kleine Bäuchlein ließ sich mittlerweile nicht mehr verbergen.

Mrs Pringle hatte ihre Lorgnette an die Augen gehoben und musterte sie wie ein Forscher seine Sammlung aufgespießter Käfer. Dabei wälzte sich ein Schwall schweren Parfums herüber.

»Ach, es freut mich ja so unermesslich für Sie, dass der Herr Ihre Vermählung bereits schon so zeitig mit einem Kindlein segnet, Mrs Trendzew! Sie sind so ein Glückkind!«, zwitscherte die Dame, wobei ihr Blick jedoch eher lauernd als anteilnehmend-freudig auf Myra geheftet blieb.

Diese verdrehte inwendig die Augen und rang sich ein höfliches Lächeln ab.

»In der Tat, wir können unser Glück auch kaum fassen!« Geziert biss sie ein angemessen winziges Stückchen des dargereichten Gebäcks ab.

Was glaubst du denn, du alte Fregatte? Dass ich dir auf die Nase binde, dass ich vorehelich Unzucht mit einem Gaukler trieb? Das würdest du wohl nur allzu gern hören.

Myra war durchaus bewusst, dass hinter ihrem Rücken hemmungslos getuschelt wurde. Die Vermählung mit Peter Trendzew war nach ihrer Rückkehr von dem Zirkus sehr hastig erfolgt. Vermutlich, weil ihre Eltern befürchtet hatten, dass sie bei nächster Gelegenheit wieder türmen könnte. Erst nach der Hochzeit war sie für die kurze noch verbleibende Zeit ins Pensionat zurückgekehrt, um ihre Ausbildung zu beenden.

Diese überstürzte Eheschließung war ihr zunächst ein arger Dorn im Auge gewesen, doch nachträglich hatte sie sich als Glücksfall herausgestellt. Denn nun konnten die bigotten Tratschbasen Mutmaßungen anstellen, wie sie wollten: Zeitlich gesehen lag es vollständig im Bereich des Möglichen, dass das Kind gottgefällig in der Hochzeitsnacht gezeugt worden war.

Und über die weniger gottgefällige Möglichkeit zerrissen sich die Damen hinter Myras Rücken aufs Gründlichste die Mäuler.

Nun, damit würden sie sich wohl begnügen müssen.

Abwesend betrachtete Myra das zierliche Goldmuster auf dem edlen Porzellan ihrer Teetasse.

Auch sie selbst hätte sich mit Spekulationen begnügen müssen, wenn, – nun ja – wenn ihr Gatte die Ehe in der Hochzeitsnacht auch tatsächlich vollzogen hätte. Doch aus einem Grund, der Myra bis heute schleierhaft blieb, hatte er sie damals nicht angerührt. Ohnehin war er nach dem Vorfall mit dem Gaukler im Garten, den Myra auf ihrer Hochzeit heimlich beobachtet hatte, ein wenig eigentümlich und verschlossen.

Myra war sozusagen als jungfräuliche Ehefrau ins Pensionat zurückgekehrt, und erst nach ihrer endgültigen Heimkehr knapp drei Monate später hatte ihr Mann zum ersten Mal sein eheliches Recht eingefordert.

Nicht auszudenken, was mit ihrer Reputation geschehen wäre, hätten sie erst dann geheiratet!

»Haaaach«, seufzte Mrs Pringle süßlich und riss Myra erneut aus ihren Gedanken. »Ich hoffe, Sie hatten wenigstens ausreichend Gelegenheit, Wäsche für das Kleine zu nähen und auch das ein oder andere Jäckchen zu stricken!«

Wenigstens starrte sie sie nicht mehr so aufdringlich durch ihre Lorgnette an. Myra war sich so langsam wie ein wissenschaftliches Präparat vorgekommen! Das Augenglas baumelte nun enttäuscht an seiner Kette vor Mrs Pringles hochgeschlossener Brust hin und her.

»Oh, durchaus. Wir sind bereits sehr gut ausgestattet.«

Trotz dieser endlosen unsäglichen Teegesellschaften und zweckbefreiten Pflichtbesuche!

Myra biss erneut von ihrem Gebäck ab und kaute züchtig.

Wenn sie doch nur wüsste, wie ihr Gatte zu der ganzen Sache stand! Entweder war er nicht im Bilde, ab wann man einer Frau diesen besonderen Zustand ansah – dann würde ihr Vergehen spätestens zu dem Zeitpunkt ans Licht kommen, wenn das Kind nach einer erstaunlich kurzen Zeit voll entwickelt und quietschfidel auf die Welt kam. Oder aber er wusste bereits längst Bescheid – dann verstand sie jedoch nicht, warum er sich ihr gegenüber noch immer so zuvorkommend verhielt.

Aber wie dem auch sei: Spätestens wenn das Kind auf der Welt war, würde Myra ihm eine Erklärung geben müssen. Und vor seiner Reaktion hatte sie jetzt schon eine Heidenangst. Doch bis dahin blieb ihr zum Glück noch ein wenig Zeit. In der sie hoffentlich noch etwas mehr über ihren Ehemann herausfinden konnte, denn manchmal beschlich sie das Gefühl, dass er ihr etwas Wichtiges verheimlichte. Davon einmal abgesehen, hatte sie noch nicht in Erfahrung bringen können, was der Gaukler Trendzew an ihrem Hochzeitstag gegeben hatte. Auch wenn es ihr zwischenzeitlich gelungen war herauszufinden, wo er es höchstwahrscheinlich verbarg.

»Ihr Gatte freut sich gewiss schon auf das Sehnlichste auf sein Erstgeborenes und kann die Ankunft des Würmchens sicherlich kaum erwarten, nicht wahr?«

Myra konnte sich gerade noch zurückhalten, die Teetasse mit einem Knall auf dem dazugehörigen Untertellerchen abzusetzen, was mit Sicherheit nachteilige Folgen für eines von beiden gehabt hätte.

Ihr zweiter Impuls, nämlich Mrs Pringle den Inhalt selbiger Teetasse ins Gesicht zu schütten, scheiterte glücklicherweise daran, dass die Tasse leer war.

Wie gelang es eigentlich der feinen Gesellschaft, immer wieder auf so vortreffliche Weise ihre Impertinenz beizubehalten, obwohl dies streng genommen vor lauter Höflichkeitskonventionen überhaupt nicht mehr möglich sein dürfte?

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Miss Pringle ihr Lorgnon wieder sensationslüstern in Anschlag gebracht hatte.

Gedulden Sie sich nur noch ein paar Monate, dann wissen wir, ob das Baby mit einer Schellenkappe auf dem Kopf auf die Welt kommt und als erstes dem Herrn Doktor die Brieftasche klaut!

Es gab Tage, da ertrug Myra diese Anlässe besser, und manche, da gelang es ihr weniger gut. Der heutige Tag gehörte zu letzteren.

»Aber selbstverständlich. Nennen Sie mir nur einen Mann, der der Ankunft seines Erstgeborenen gemütsarm entgegensieht!« Myra schenkte ihrer Nachbarin einen unschuldigen Augenaufschlag und ein süßes Lächeln. »Ach, Mrs Pringle, ich fühle mich ein wenig unwohl. Wären Sie bitte so freundlich, mich zu entschuldigen, ich würde gern Mr Trendzew suchen und ihn bitten, mich nach Hause zu bringen.«

Mrs Pringle ließ enttäuscht ihr Lorgnon sinken. Hier gab es offensichtlich nichts zu erfahren, worüber sich später tratschen ließ. Als Myra sich erheben wollte, hielt sie sie jedoch am Arm zurück und stand selbst auf.

»Oh, Sie dürfen sich nicht überanstrengen, meine Liebe! Ich werde mich auf die Suche nach Ihrem Gatten begeben. Bleiben Sie ruhig sitzen und ruhen Sie sich aus.« Damit entschwand sie mit raschelnden Röcken.

Myra atmete auf. Glücklicherweise fühlte sie sich blendend, doch ihre Umstände waren ein so hervorragender Vorwand, dass sie ihn nur allzu gern ausnutzte.

Es dauerte nicht lange, da hörte sie bereits Peter Trendzews Stimme, der einen Diener anwies, ihren Wagen anspannen zu lassen. Kurz darauf erschien er in der Tür und grüßte die anwesenden Damen mit einer knappen Verbeugung.

»Es ist Ihnen nicht wohl, meine Teure?«, erkundigte er sich. Dabei sah er nicht so aus, als wäre er aus einem unglaublich fesselnden Gespräch gerissen worden.

Myra schüttelte ein wenig schwächlich den Kopf. »Nein. Ich würde mich gern zurückziehen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.« Peter Trendzew eilte an ihre Seite und half ihr auf.

Es begann eine langwierige Verabschiedung von den Gästen und den Gastgebern, dann saßen sie endlich in ihrer Droschke.

»Aaahhh!«, seufzte Myra erleichtert. »Heute war es beim besten Willen nicht zum Aushalten!«

Ihr Mann lockerte seinen Kragen, streckte die langen Beine aus und lehnte sich mit einem Schmunzeln zurück.

»Ich bin froh, dass es Ihnen gut geht. Einen Moment war ich wirklich besorgt. Aber ich habe zu danken, dass Sie uns den Tag gerettet haben.«

Er spielte mit seinem Zylinder, den er neben sich auf die Sitzbank gelegt hatte. Er hätte stattdessen auch einmal Myras Hand nehmen und drücken können, doch derlei Sympathiebekundungen lagen ihm fern.

Sicherlich, es war eine Zweckheirat gewesen, wie es nun einmal die meisten Eheschließungen waren. Jedoch sehnte sich Myra nach ein paar Berührungen, die, wenn nicht gleich Zärtlichkeit, so doch zumindest Zuneigung ausgedrückt hätten. Liebe verlangte sie ja gar nicht. Wieso auch. Sie liebte ihn ja selbst nicht. Aber wenn man sein ganzes zukünftiges Leben miteinander verbringen würde, könnte man sich wahrhaftig ein bisschen mehr Mühe geben. Dabei hatte sie durchaus das Gefühl, dass ihr Ehemann sie mochte. Sie schätzte ihn ja ebenfalls, auf eine gewisse Weise. Auf jeden Fall hätte sie es schlimmer treffen können. Allerdings könnte sie ebenso gut mit einem Eisberg verheiratet sein. Nun gut, ganz so schlimm war er auch wieder nicht. Kein Eisberg. Nur ein Schneemann.

Aber zumindest was die Einschätzung von Teegesellschaften anging, waren sie einer Meinung.

Peter Trendzew war ein tüchtiger und durchsetzungsfähiger Mann, der sich schon bald die Achtung der ehrbaren Bürger verdient hatte. Trotz des leichten Bauchansatzes wirkte er schlank, war weltmännisch, gepflegt, ohne besondere körperliche Merkmale, das Gesicht durchschnittlich ansehnlich. Nach ihrer Hochzeit hatte er sich einen modischen Schnurrbart wachsen lassen, was aus Myras Sicht nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, doch zwischenzeitlich hatte sie sich daran gewöhnt.

Sie hätte es durchaus begrüßt, wenn ihr Gatte etwas jünger wäre, aber für seine 33 Jahre wirkte er noch ganz ordentlich. Immerhin war er weniger als 20 Jahre älter als sie, es gab also Frauen, die hatte es diesbezüglich schlechter getroffen.

Eigentlich konnte Myra sich nicht beschweren. Er behandelte sie gut, war freundlich, zuvorkommend und großzügig. Außerdem soff und hurte er nicht wie viele andere Ehemänner. Zumindest nicht so offensichtlich. Beziehungsweise angemessen ausgedrückt: Er ›genoss nicht regelmäßig Alkohol im Übermaß‹ und ›verschaffte sich keine Gelegenheiten‹, korrigierte sich Myra innerlich.

Wenn er bloß nicht so distanziert wäre, dann hätte sie sich gut mit ihm arrangieren können. Aber so hatte sie immer das Gefühl, einen Fremden an ihrer Seite zu haben.

Und das sollte jetzt die nächsten 40 Jahre so gehen?

Nun, es war ja schon bezeichnend genug, dass sie sich noch nicht dazu hatte durchringen können, ihren Ehemann mit Vornamen anzusprechen. Es war ihr schlichtweg zu vertraulich. Zwar störte es sie nicht weiter, dass er sie selbst mit ›Myra‹ ansprach, doch sie wollte jemanden, der sie ansonsten so distanziert behandelte, einfach nicht auf diese kameradschaftliche Weise benennen.

Gregors Gesicht schob sich vor Myras geistiges Auge, doch sie drängte es schnell beiseite.

5 Vorstellungsgespräch mit Gans

Joff stieß Paco unsanft mit dem Fuß an. Sie hatten die Nacht im Stall des Gasthauses verbracht, da es billiger als ein Zimmer war.

Der Hütchenspieler fuhr auf und starrte entsetzt zu dem vor ihm aufragenden Joff empor. Verdammt, war er also doch eingenickt! Ebenso hektisch wie unauffällig tastete er nach dem Karneolvogel, der zu seiner grenzenlosen Erleichterung noch an seinem Platz war.

Da Joff das Licht im Rücken hatte, sah Paco das verächtliche Aufblitzen in dessen Augen nicht. Mit einem Knurren und einem rüden Wink bedeutete Joff ihm aufzustehen.

Sollte ihm recht sein! Paco erhob sich und klopfte sich das Stroh von den Kleidern. Heute würden sie die Stadt der Gaukler erreichen, und dann konnte sich dieser grobe Klotz seine Abfuhr von Alessara persönlich holen. Hauptsache, er verschwand endlich aus seinem, Pacos, Leben!

Nach einem kurzen Frühstück schwangen sich die drei auf ihre Pferde und brachen auf.

Der Ritt verlief ereignislos und schweigend, bis sie an einen kleinen Bach kamen. Schon von Ferne hörten sie angstvolles Geschnatter und Gezeter. Als sie nahe genug waren, um über die Böschung schauen zu können, verstummte der Radau sofort, und eine junge Gans sah ängstlich zu ihnen auf. Kurz darauf begann sie wieder panisch mit den Flügeln zu schlagen, doch sie kam nicht von der Stelle. Sie war vollkommen durchnässt und ihr schneeweißes Gefieder blutverschmiert. Offensichtlich hatte sie sich in irgendetwas verfangen.

Mit einem mitfühlenden »Oh!« sprang Ianos von seinem Pferd und eilte zu ihr. Er redete beruhigend auf das verängstigte Tier ein. Tatsächlich hörte die Gans auf, mit den Flügeln zu schlagen, sodass er sie aus dem Gewirr aus Schnur und Draht befreien konnte, das jemand unachtsam am Fluss hatte liegen lassen. Er untersuchte sie vorsichtig und wusch ihr das Blut aus den Federn. Jetzt konnte man sehen, dass sie nicht völlig weiß war, sondern dass zwei der großen Schwungfedern an ihrem linken Flügel schwarz waren.

»Wie lustig, seht mal, die schwarzen Federn!«

Doch weder Joff noch Paco reagierten.

»Nichts gebrochen«, erklärte Ianos seinen Reisegefährten. Dann hob er die Gans, die ihn vertrauensvoll anschaute, sanft in die Arme und stieg mit ihr auf sein Pferd.

»Was gibt das denn?«, fragte Paco gereizt.

»Sie ist verletzt«, antwortete der Entfesselungskünstler schlicht.

»Ja und? Dreh dem Vieh den Hals um, dann haben wir wenigstens schon unser Abendessen!«

»Ganz bestimmt nicht!«, erwiderte Ianos empört. »Sie ist verletzt, und das wäre nicht nett.«

»Nicht nett«, echote Paco verständnislos. »Und was gedenkst du dann mit ihr zu tun?«

»Ich nehme sie mit.«

»Du nimmst sie mit?!?«

»Genau.«

»Aber du kannst doch nicht diese Gans mitnehmen!«

»Warum nicht?«

»Weil … Ach, was weiß ich! Willst du sie etwa gesund pflegen und dann als Kuscheltier behalten?«, spottete der Hütchenspieler.

»Natürlich pflege ich sie. Und wenn sie bei mir bleiben will, dann wäre das doch schön.« Ianos strich der Gans sanft über das Gefieder.

»Sicher. Wahrscheinlich gibst du ihr auch noch einen Namen und ziehst ihr kleine rosa Rüschenkleider an, oder?«, höhnte Paco.

Ianos musterte die Gans, die er vorsichtig vor sich auf den Sattel gesetzt hatte. »Ich werde sie Dolores nennen. Aber warum sollte ich ihr Kleider anziehen?«, fragte er verwirrt.

Paco öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann blickte er Hilfe suchend zu Joff, der ihn jedoch nur ausdruckslos ansah, innerlich ein gewaltiges Grinsen unterdrückend.

»Ich hätte das Vieh absaufen lassen oder ihm den Hals umgedreht und einen schönen Braten draus gemacht«, murmelte der Becherbetrüger brüskiert.

»Du wirst Dolores nicht anrühren! Hast du mich verstanden!« Der Ton in Ianos' Stimme war scharf und drohend.

Paco zuckte zusammen. »Nein, nein, schon gut! Die ist ja eh viel zu mager.« Dann trieb er kopfschüttelnd sein Pferd durch den Bach. Es wurde wirklich höchste Zeit, dass er diese Irren wieder loswurde!

Joff blickte seinen Bruder nachsichtig an. Er selbst hätte sich zwar nicht die Mühe gemacht, wegen einer Gans vom Pferd zu steigen, aber wenn Ianos sie unbedingt mitnehmen wollte, dann war das seine Sache. Mit einem Grunzen folgte er Paco, und auch Ianos setzte sich in Bewegung.

Für den Rest des Weges sprach er beruhigend auf den Vogel ein, was Paco entsetzlich auf die Nerven ging, doch er wagte nicht, etwas dagegen zu sagen.

Gegen Mittag erreichten sie endlich die Stadt der Gaukler. Paco ritt auf direktem Wege zu Alessaras Haus. Joff folgte ihm, ohne nach rechts oder links zu schauen, und Ianos hatte ohnehin nur Augen für seine neue Weggefährtin.

Sie bogen in eine heruntergekommene Straße ein, in der die Häuser weniger dicht standen. Die Bebauung erinnerte an ein Gebiss mit Zahnlücken.

Vor einem großen, alten Gebäude aus grauen Steinen, das in einem bemerkenswert schlechten Zustand war, hielten sie an.

Widerstrebend nahm Paco sie mit hinein.

»Ihr wartet hier«, wies er sie an und ließ sie in einer geräumigen Empfangshalle zurück.

Joff schaute sich um.

Die Halle wirkte sehr aufgeräumt und strahlte trotz des teilweise schäbigen Zustandes der Möbel und der sonstigen Ausstattung eine gewisse Eleganz aus.

Der Boden war in der Mitte mit einem verblassten, dicken Teppich ausgelegt, von dem schon zahllose Füße ihren Tribut gefordert hatten.

Die großen Fenster aus blassbuntem Glas neben und über der Eingangstür tauchten den Raum in gedämpftes Licht.

Auf beiden Seiten der Halle gingen jeweils zwei Türen ab. Zwei monströse Schränke aus dunklem Holz, die mit kunstvollen Schnitzereien verziert waren, standen wie urzeitliche Wächter zwischen diesen Türen und flößten dem unbedarften Betrachter Respekt ein.

Ansonsten befand sich noch eine Sitzgruppe auf jeder Seite der Halle. Alles Polstermöbel aus unterschiedlichen Epochen, die wohl einmal teuer gewesen sein mochten, doch deren Farben nun verblasst und deren Stoffe durchgescheuert waren. Hier hatte der Besitzer des Hauses einen eigenwilligen Sinn für Symmetrie entwickelt. Auf jeder Seite gruppierten sich zwei Sofas und zwei Sessel um ein niedriges Tischchen. Die Möbel passten zwar weder vom Stil noch von den Mustern zusammen, dafür jedoch von den Farben. Die linke Möbelgruppe war mit unterschiedlichen Stoffen bezogen, die aber alle ein fast identisches Blau aufwiesen, die auf der rechten Seite alle ein annähernd identisches Dunkelgrün. Dadurch wirkte die wilde Zusammenstellung auf eine eigenartige Weise stimmig.

Das herausstechendste Merkmal der Empfangshalle war jedoch die breite Freitreppe, die zu der Galerie im oberen Stock führte. Diese Treppe begann nicht in der Mitte der Galerie, sondern an deren vorderer rechter Seite und verlief dann in einem kühn geschwungenen Bogen direkt in die Mitte der Empfangshalle. Sie hatte ein meisterhaft geschmiedetes Geländer, das jedoch im Laufe der Zeit an einigen Stellen Rost angesetzt hatte. Das dunkle Holz der Treppenstufen war von dem gleichen blassroten Teppich bedeckt, der von dort auch in die Empfangshalle flutete.

Joff ging ungeduldig ein paar Schritte, doch das rissige Parkett unter seinen Füßen knarzte laut, was die würdige Stille der Halle unpassend durchbrach. Das Knarzen zerrte an seinen Nerven, sodass er sein Hin- und Herlaufen unwillig unterbrach.

 

Paco war schon längst in einem Zimmer im ersten Stock verschwunden, in der Hoffnung, Alessara auch dort anzutreffen. Seine Hoffnung wurde erfüllt.

»Wo bist du so lange gewesen?«, herrschte sie ihn an.

Wurde diese Frau eigentlich jedes Mal schöner? Bei jeder anderen hätte er zunächst mit einer Schmeichelei begonnen, doch er wusste, dass Alessara Komplimente bezüglich ihres Aussehens nicht sonderlich schätzte. Also hielt er sich zurück und genoss im Stillen.

»Bitte entschuldige, mein Kätzchen. Aber ich brauchte den Karneolvogel noch für ein paar persönliche Angelegenheiten.«

Alessaras Augen wurden schmal.

»Sie berühren deine Pläne selbstverständlich nicht«, beeilte sich Paco zu sagen. »Außerdem bin ich ja rechtzeitig zu dir zurückgekehrt.«

»Darf man erfahren, was das für ›persönliche Angelegenheiten‹ waren?«

»Ich musste noch eine Rechnung mit einem alten Bekannten begleichen. Aber wirklich, es war nichts, was etwas mit dir oder deinem Vorhaben zu tun hatte.«

Alessara seufzte. »Nun sei's drum. Wo ist er?«

Paco zog das Artefakt aus dem Lederbeutel, den er bei sich trug, und überreichte es ihr mit einem dünnen Lächeln.

»Bitte sehr, mein Kätzchen. Hier ist er, unversehrt und immer noch rechtzeitig genug, um deine Pläne in die Tat umzusetzen.«

Mit einer anmutigen Geste nahm Alessara den Vogel entgegen.

»Du bist also der geheimnisvolle Karneolvogel. Das mächtigste der drei Artefakte«, murmelte sie und musterte eingehend die kleine Statue eines sitzenden Falken, der eine Schellenkappe auf dem Kopf trug.

Er war etwa acht Zoll hoch und ziemlich schwer. Alessara strich versonnen über den kühlen, glatt polierten Stein. Derjenige, der ihn vor vielen Jahrhunderten geschaffen hatte, musste ein Meister seines Fachs gewesen sein. Der Vogel schien sie unter seiner Schellenkappe hindurch aufmerksam zu beobachten. Obwohl die Statue schnörkellos und recht schlicht gehalten war, wirkte sie auf eine seltsame Art lebendig, und man hatte fast den Eindruck, dass dem scharfen Blick des Falken nichts entging. Die klaren Linien auf der makellosen Oberfläche folgten geschickt dem natürlichen Muster des Steines. Sein Farbspektrum reichte von einem hellen Orange bis zu einem warmen Rotbraun, und ein verborgenes Feuer schien ihn aus seinem Inneren heraus zum Leuchten zu bringen; wenngleich er sich glatt und kühl anfühlte.

»Er ist wunderschön«, hauchte Alessara und das Glühen des Vogels spiegelte sich in ihren Augen wider. »Gemeinsam werden wir alles erreichen, was wir wollen.«

»Bekomme ich denn gar keinen Dank dafür, dass ich ihn dir gebracht habe?«, erkundigte sich Paco aalglatt. Nicht, dass es ihm etwas ausmachte, im Hintergrund zu stehen, doch von einem Steinvogel verdrängt zu werden, war selbst für ihn zu viel.

Alessara, die seine Anwesenheit tatsächlich vergessen hatte, schreckte hoch.

»Äh, ja, natürlich. Danke, Paco, das hast du gut gemacht. Obwohl du dich ruhig schneller hättest herbequemen können!«

»Ganz mein Kätzchen, kein Dank ohne eine Rüge.« Vielleicht würde sie ja ihre Dankbarkeit noch ein wenig ausweiten …

Alessara warf ihm ein flüchtiges Lächeln zu. »Ich bin gespannt, was Demetrius zu dem Vogel sagen wird!«

»Oh, Demetrius«, entfuhr es Paco ärgerlich. »Wieso ist es dir immer so wichtig, was Demetrius hierzu oder dazu sagt! Vergiss doch einmal diesen falschen Priester! Es ist unser Plan, Demetrius hilft uns dabei, aus welchen Gründen auch immer, aber letzten Endes ist es unsere Sache. Nur du und ich!«

»Ich finde es herrlich, wenn du dich so aufregst«, schnurrte Alessara und zog Paco zu sich heran. »Immerhin bist du es, der am häufigsten mit unserem Prediger verkehrt. Ihr seid doch schließlich die dicksten Freunde. Was macht dich eigentlich so sicher, dass er ein falscher Priester ist?«

Die körperliche Berührung besänftigte Paco augenblicklich.

»Wir sind nicht die dicksten Freunde. Ganz gewiss nicht! Er hat sich, äh … aufgedrängt. Außerdem weiß ich eben, dass er kein echter Priester ist.« Er beugte sich zu Alessara herab, um sie zu küssen, doch sie entschlüpfte ihm und hauchte ihm nur einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

»Hervorragend. Du weißt es eben«, spöttelte sie. »Aber lassen wir das. Wer ist unten in der Halle?«

Paco war für einen Moment erstaunt. »Ach ja, richtig, das verdammte, verräterische Parkett«, murmelte er. »Das vergesse ich immer wieder.« Dann entsann er sich seiner unerwünschten Reisebegleiter, und seine Miene verdüsterte sich.

»Da unten steht der Kerl, der mir geholfen hat, den Vogel zu stehlen. Jetzt hat er sich an mich gehängt und besteht drauf, bei meinem ›Dienstherrn‹ anzuheuern. Ein schrecklich grober Klotz, ich wüsste beim besten Willen nicht, zu was wir ihn einsetzen sollten.«

»Nun, wir werden sehen. Womöglich können wir einen Mann fürs Grobe ganz gut brauchen!«, entgegnete Alessara zu Pacos nicht geringem Unmut. »Dann wird sich dein ›Dienstherr‹ diesen groben Klotz einmal ansehen.«

»Aber, Kätzchen, wir brauchen doch niemanden! Demetrius ist schon mehr als genug!«

Alessara drehte sich mit einem aufreizenden Lächeln um, bei dem Paco ganz schwummerig wurde.

»Eifersüchtig?«

Dann wurde ihre Miene kalt. »Schluss jetzt. Wen wir brauchen und wen nicht, bestimme immer noch ich!« Damit entschwand sie durch die Tür auf die Galerie.

Von dort konnte sie, ohne selbst bemerkt zu werden, in Ruhe einen Blick auf die beiden ziemlich verwegen aussehenden Gestalten in der Halle werfen. Unübersehbar Zwillinge.

Die zwei Männer steckten in speckigen, verschossenen Wildlederhosen und staubigen Leinenhemden, die über der breiten Brust locker mit gekreuzten Schnüren zusammengehalten wurden. Die zotteligen, dunklen Haare, die ihnen bis zur Schulter reichten, verstärkten den vernachlässigten Eindruck. Dennoch wirkten sie in dieser Aufmachung nicht so ungepflegt, wie man es automatisch vermutete. Auf eine eigentümliche Weise passte dieser Aufzug zu jedem der beiden Hünen auf seine ganz eigene Art. Die Körper, die unter der verwahrlosten Kleidung steckten, lenkten ohnehin wirksam von selbiger ab. Außerdem war man in der Stadt der Gaukler skurrile Gestalten gewohnt.

Vielmehr irritierte Alessara, dass einer der beiden eine Gans auf dem Arm hatte, die er mit einer Sanftheit trug, die man seiner kraftstrotzenden Erscheinung gar nicht zutraute.

In dem Augenblick bemerkten die Zwillinge sie und blickten nach oben.

 

Der Anblick der Frau, die mit einer anmutigen Eleganz, die ihresgleichen suchte, die Stufen hinabschritt, verschlug den Brüdern für einen Moment die Sprache.

Die geschwungene Form der Treppe war bestens dazu geeignet, die Hinabschreitende dem Betrachter von allen Seiten zu ihrem größten Vorteil zu präsentieren.

Der fließende Stoff des nachtblauen Seidenkleides umschmeichelte ihre schlanke Figur einladend und ließ Joff daran denken, dass er schon viel zu lange keine Frau mehr gehabt hatte.

»Guten Tag, ich bin Alessara«, begrüßte sie die beiden mit einer angenehmen Altstimme, während sie auf den abgetretenen roten Teppich der Empfangshalle schwebte. Die verblasste Eleganz der Halle ließ Alessaras stilvolle Noblesse nur umso stärker ins Auge springen.

Pacos Dienstherr war eine Frau?

Und was für eine!

Ianos erholte sich als erster und trat strahlend auf die Hausherrin zu. »Hallo, ich bin Ianos, das ist Joff, und das hier ist Dolores.« Er streckte Alessara eine Hand hin, die sie verdattert schüttelte. Sie sah zu ihm hoch und schaute in ein paar freundliche, braungrüne Augen.

»Donnerwetter, Sie sind aber wirklich hübsch«, entfuhr es Ianos und sein Blick wanderte unweigerlich zu ihrem Mund.

Joff, der Alessara genau beobachtete, bemerkte, wie ihre Augen bei dem Kompliment zornig aufblitzten.

Doch als Alessara den ehrlichen Ausdruck fast kindlich zu nennender Naivität in Ianos' Augen sah, konnte sie sich eines Lächelns nicht erwehren, und ihr Zorn verrauchte augenblicklich.

»Ihr seid aber vermutlich nicht gekommen, um mir das zu sagen, oder?«, schmunzelte sie.

»Nein. Eigentlich sind wir gekommen, weil wir fragen wollten, ob Sie Arbeit für uns haben.«

»Ianos!«, unterbrach Joff, der sich ausreichend dafür gewappnet hatte, mehrere ganze Sätze am Stück zu sprechen, und nun mit zwei schnellen Schritten auf Alessara zueilte. »Du musst meinen Bruder entschuldigen, Lady. Er ist immer ein wenig voreilig.«

Die Bewunderung, die er bei ihrem Anblick empfand, verbarg er wohlweislich und schüttelte ihr nur mit einem knappen Kopfnicken die Hand.

Alessara wandte sich ihm zu und sah sich einer genauen Kopie ihres ersten Gesprächspartners gegenüber. Lediglich ohne Gans. Geschäftsmäßig blickte sie ihm in die Augen und war erstaunt. Normalerweise war sie es gewohnt, in den Augen der Männer Bewunderung und Begierde zu lesen. Aber bei diesem hier war es anders. Er schaute sie mit einem völlig sachlichen Blick an. Sie musterte ihn aufreizend und schürzte die Lippen, eine Geste, die niemals versagte. Doch selbst dann gaben seine Augen keinerlei Regung preis. Das war ungewöhnlich. Dass er sie so dreist duzte, sollte sie eigentlich ärgern. Tat es aus irgendeinem Grund jedoch nicht.

»Wir suchen Arbeit. Was für welche, ist gleichgültig«, fuhr ihr Gegenüber ungerührt fort.

»Soso. Einerlei was, ihr zwei werdet alles tun, was ich will? Auch wenn es – schmutzig ist?«, schnurrte sie mit samtiger Stimme und probte ihren wirkungsvollsten Augenaufschlag an Joff.

Nichts.

Der Mann begann, sie zu interessieren. Außerdem wirkte sein leicht slawischer Akzent äußerst anregend auf sie.

»Auch das.« Es kostete Joff gewaltige Überwindung, nicht auf Alessaras ›Attacke‹ zu reagieren. Doch da er darauf vorbereitet war, gelang es ihm, unbeeindruckt zu wirken. Wenngleich unter Aufbietung seiner ganzen Kraft. Er überhörte die Doppeldeutigkeit absichtlich, und seine Miene gab nichts weiter preis als den Willen, auch die Drecksarbeit zu erledigen.