Die alte Fabrik - Michael Mansion - E-Book

Die alte Fabrik E-Book

Michael Mansion

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Beschreibung

Wenn es in einer Gesellschaft ungemütlich wird, äußert sich das meistens in einer Zunahme von Straftaten. Von diesen schaffen es die besonders spektakulären bis in die Massenmedien und gelangen gelegentlich sogar zur Filmreife. Weniger Beachtung finden Angriffe auf die Schwachen in der Gesellschaft. Sie aber sind es, die einen Zerfall anzeigen, der auf Verachtung gründet.

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Die alte Fabrik

Zum Autor

Bisherige Veröffentlichungen

Vorwort:

Kriminalromane werfen als das Genre unserer Tage die Frage auf, warum wir uns eigentlich so gerne gruseln. Kann es sein, dass wir auf eine gewisse Spannung angewiesen sind, als einem notwendigen Rest aus unserer lange zurückliegenden Zeit als Jäger und Sammler?

Der Blick auf die aktuelle gesellschaftliche Wirklichkeit offenbart zugleich eine keineswegs langweilige Situation.

Ganz im Gegenteil sind wir in unausgesetzte Spannungsfelder zwischen den gesellschaftlichen Akteuren eingebunden.

Gelegentlich wird dabei deutlich, dass eine Gesellschaft ihren Zusammenhalt verliert und orientierungslos wird.

Sie ist sich ihrer selbst nicht mehr bewusst und akzeptiert den Zustand des Zerfalls als unvermeidlich, ja sogar als einen Wegweiser in eine neue, entgrenzte Gesellschaftlichkeit von multipolaren Akteuren.

Wenn bei diesem Prozess diejenigen, die davor warnen, unter Verdacht geraten, dann wird sich ein solcher Prozess der Entgrenzung fortsetzen und dabei zugleich aufhören, in einem negativen Sinne spektakulär zu sein.

Er wird unseren Alltag bestimmen, in dem wir uns ängstlich und ausgeliefert einrichten werden, während uns die staatliche Propaganda verkündet, dass es uns dank politischer Weitsicht noch nie so gut gegangen ist.

Wallerfangen, am 15.10.24

Michael Mansion

Die alte Fabrik

Als Robert Dietz in der Nacht erwachte, war es etwa 2:15. Er trug die alte mechanische BWC Armbanduhr mit dem reichlich verkratzten Mineralglasdeckel, die er seit Jahren hütete, weil sie das Geschenk eines verstorbenen Freundes war und weil sie keine Batterien benötigte. Ihr filigranes Werk verlangte allerdings regelmäßiges Aufziehen einmal am Tage, was ihm zu einem Ritual geworden war, welches er befolgte, bevor sich Dunkelheit und Nacht ankündigten.

Der Sommer war heiß und er hatte sich bemüht, in der Ruine, die er seit etwa einem halben Jahr als Schlafplatz nutzte, einen Raum zu finden, der ausreichend kühl war, denn das alte Fabrikgebäude hatte sich erhitzt wie eine Sauna. Es war, als ob es wie eine Batterie die Energie speicherte und am Abend nur unwillig wieder abgab.

Immerhin gab es hier noch einen funktionierenden Wasserhahn, den man offenbar vergessen hatte von der Versorgung zu trennen und es gab auch die alten Toiletten für die ehemaligen Arbeiter, in denen das Wasser nicht mehr lief, aber dafür gab einen Eimer, der stets mit Wasser gefüllt daneben stand.

Das Gebäude lag am Stadtrand, unweit eines Gewerbezentrums, in dem sich auch Ärzte angesiedelt hatten und jene Art von Betrieben, von denen man sagt, dass sie keinen Dreck machen und auf deren Parkplätzen am Morgen etwas besser gekleidete Damen und Herren ihre Autos der gehobenen Mittelklasse abstellen, nachdem sie sich noch einmal kritisch im Innenspiegel betrachtet haben.

Es mochte etwa 2:15, oder auch schon 2:30 gewesen sein. Er wusste es später nicht mehr so genau, denn er war nicht wie so häufig einfach wach geworden, ohne dass es dafür eine Erklärung gegeben hätte. Ich werde alt, hatte er in solchen Fällen gedacht und ich schlafe nicht mehr durch. Das ist eines der Leiden des Älterwerdens, aber nicht das schlimmste.

Nein,- er war sich sicher, dass ihn ein Geräusch geweckt hatte. Es war das Geräusch sich nähernder Schritte, was nicht beunruhigend hätte sein müssen, denn er war hier nicht alleine und Karl war noch nicht da, als er sich hingelegt hatte.

Er kannte Karls Schritte, die keinen gleichmäßigen Tritthall verursachten, weil Karl, der als Dachdecker gearbeitet hatte, sich vor Jahren bei einem Sturz so schwer verletzte, dass er seither das Bein leicht nachzog. Kaum merklich, aber sie hatten ihn nach der höhnischen Aufforderung entlassen, wieder auf dem Dach zu arbeiten, da er als geheilt galt und das hatte er nicht weggesteckt, hatte zu Saufen begonnen, Schulden gemacht, seine Wohnung verloren und dann war er hier gelandet. Robert mochte ihn aus einem zunächst pragmatischen Grund, weil Karl kräftig und geschickt war. Trotz seines Handicaps bewegte er sich zumindest in nüchternem Zustand auch in der Dunkelheit mit traumwandlerischer Sicherheit, einer Fähigkeit, die gewissermaßen berufsbedingt gewesen war.

Außerdem konnte er zuschlagen. Vor allem, wenn er verhöhnt wurde, schlug er erbarmungslos zu. Es hatte deshalb schon Probleme gegeben, aber Robert fühlte sich beschützt, wenn er ihn in seiner Nähe wusste.

Als die Schritte näher kamen wusste Robert im Bruchteil einer Sekunde dass es nicht Karl war und es waren auch nicht die Schritte eines einzelnen Menschen. Wie viele es waren, konnte er später nicht mehr sagen, aber es waren einige und sie waren auch nicht bemüht gewesen leise zu gehen so wie Karl, der das auch dann noch versuchte, wenn er betrunken war. Karl hatte, wie man sagte, eine gute Dressur.

Es waren drei oder vier, vielleicht auch fünf offenbar Jugendliche, die sich lautstark unterhielten, wobei sie sich Roberts Schlafplatz näherten. Einer hatte eine starke Stablampe eingeschaltet, deren gebündelter Strahl an den Wänden entlang zuckte.

Robert hörte Gelächter und irgendeiner brüllte etwas von scheiß Pennern, die man jetzt aufmischen werde und als er die Decke von sich warf, merkte er, dass er zu spät reagiert hatte.

Es mochten wie gesagt drei, vier oder auch fünf Kerle gewesen sein. In der Dunkelheit war das nicht auszumachen und derjenige, der die große Stablampe in der Hand hielt, leuchtete ihm damit direkt ins Gesicht, so dass er fast nichts mehr sah.

Indem er geblendet versuchte, die Situation zu erkennen, traf ihn der erste Schlag. Eine offensichtlich zur Peitsche umfunktionierte Kette traf seine linke Schulter und ein rasender Schmerz durchzuckte ihn. Er versuchte sich aufzurichten und der zweite Schlag traf ihn am Kopf, so dass er zurücksank. Sofort spürte er das warme Blut, das ihm ins Gesicht lief und er versuchte sich zur Seite zu drehen, als ihm jemand in die Hüfte trat.

„Mach das Schwein fertig!“, schrie irgendjemand von den Kerlen und Robert konnte plötzlich nicht mehr ausmachen, von welcher Seite die Angriffe kamen. Irgendwann gelang es ihm aufzustehen, aber das lag eher daran, dass einer von ihnen ihn hochgerissen hatte, um ihm in die Fresse zu schlagen.

Als ihm jemand in die Eier trat, verlor er das Bewusstsein und die grölenden Stimmen verloren sich in einem nebulösen Rauschen. Er fiel mit dem Gesicht auf den Betonboden und blieb regungslos liegen.

Immer noch stand die Hitze in dem großen Raum, der einmal eine Fertigungshalle für Verpackungsmaterial gewesen war, während die Eindringlinge seine und Karls Habseligkeiten entdeckten, grölend auf einen Haufen warfen und anzündeten.

Er selbst hätte nicht sagen können, wie lange der Vorgang gedauert hatte. Sekunden, Minuten oder Stunden, aber er hatte lange auf dem Betonboden gelegen, auf dem sich eine Pfütze von seinem Blut gebildet hatte.

Es musste tatsächlich lange gewesen sein, denn als Karl leicht schwankend in die immer noch dunkle Halle trat, graute der Morgen und Karl lallte und sang irgendetwas vor sich hin, aber daran konnte auch er sich später nicht mehr erinnern, zumal es belanglos gewesen wäre.

Erst bei der Durchquerung des Einganges zur alten Fabrikhalle hatten sich Karls Augen an die Dunkelheit gewöhnt, die zu dieser Zeit nur von den Reflexionen einiger weniger Autoscheinwerfer durchbrochen wurde, die sich von der angrenzenden Straße in den alten Fabrikfenstern verirrten,

Sie hatten in der Roten Eule gepokert und Karl hatte diesmal sogar einiges gewonnen und natürlich sofort versoffen.

Er sah Robert auf dem Betonboden und fand das zunächst nicht alarmierend. Seltsam war ihm der durchdringende Geruch nach verbrannten Stoffresten und Kunststoff vorgekommen.

Der Kocher, den sie benutzten, stank nicht. Es stank nur, wenn ihnen etwas dabei anbrannte, aber das stank anders.

Nein, Robert hatte diesmal vielleicht auch einen getrunken. Warum auch nicht, denn bei der Hitze war es schwer ein Auge zuzubekommen. Manchmal hatte es auch an kühleren Tagen gestunken, wenn sie den kleinen Ofen anheizten, den sie vor der Verschrottung gerettet hatten und dessen Abzug sie mit einer windigen Rohrkonstruktion aus einem der Fenster geleitet hatten, die aus vielen kleinen gerahmten Industriesglasscheiben bestanden, von denen sich einige mit einem Drahtseil aufklappen ließen, wenn man daran zog.

Er liegt schon ein wenig seltsam auf seinem Gesicht, dachte Karl müde und ohne sonderliche Emotionen.

Als er sich bückte, wurde ihm übel. „Scheiße“, murmelte er,ich muss gleich kotzen und er kniete sich neben Robert, weil ihn trotz seiner massiven Benebelung eine gewisse Unruhe und Angst überkam. Mühsam drehte er Robert um, indem er ihn an der Schulter fasste und seitlich herumzog.

Als Roberts Kopf sich vom Boden abhob, sah Karl die Blutlache.

Wie in Trance tippe er mit dem Finger hinein, so als ob er sich davon überzeugen müsse, dass sein verlangsamt arbeitendes Hirn ihm keinen Streich spielte.

Es ist wirklich Blut dachte er, aber warum stinkt es hier so? Seine Augen hatten sich längst an die Düsternis gewöhnt, aber er hatte das Bedürfnis mehr sehen zu müssen und suchte seine Taschenlampe. Fluchend irrte er durch den Nebenraum, den sie zum Schlafraum umfunktioniert hatten und hielt sich an den alten Leitungen fest, die wie dürre Kinderarme an den Wänden entlang liefen. Dann blickte er durch die Öffnung, wo sich früher mal eine Tür befunden hatte in den angrenzenden ehemaligen Arbeitsraum und sah kleine Flämmchen am Boden und die Rauchwolke, die sich in seltsamen Bögen wie ein Flaschengeist gleichmäßig verteilte. Karl kannte solche Geister und noch ganz andere.

Als er beim Herumsuchen merkte, dass von seinen Habseligkeiten kaum noch etwas aufzufinden war, begann er etwas zu begreifen oder zumindest meinte er das.

Jetzt ist er völlig fertig, redete er mit sich selbst, während ihm der beißende Qualm in die Augen stieg, weil dieser nur langsam aus dem überhitzten Gebäude entwich.

Die von den Resten des Feuers schwach beleuchtete Szene ließ ihn erkennen, dass ihrer beiden Sachen hier verkohlten. Ich gebe ein schlechtes Beispiel, dachte er. Jetzt säuft er auch schon. Ist mir bisher bloß nicht aufgefallen. Aber warum verbrennt er unseren Kram? Völlig irre sowas. Dann ist er wohl aufs Gesicht gefallen. Sieht ja übel aus.

Das Feuer brannte fast lautlos, schwelte fast nur und er hörte, wie Robert stöhnte.

„Ich muss etwas machen“, sagte er in die Dunkelheit hinein, die in ein sanftes, helleres Grau überzugehen begann.

„Mein Gott, wo ist der Idiot nur drauf gefallen? Das schafft man ja nicht mal als Dachdecker aus fünf Metern Höhe“.

Erneut kniete er sich neben Robert, der schwach atmete und gelegentlich leicht gurgelnde Laute von sich gab. Dann sah er die massive Verletzung in der Halsbeuge.

Ihm wurde übel. Mit letzter Kraft schwankte er aus der Ruine und kotzte hinter die massive Betonwand des Ostflügels.

„Warum musste ich ausgerechnet gestern beim Pokern gewinnen?“, bemerkte sein unschuldiges Hirn?

„Das bin ich nicht schuld“. Man ist es nicht schuld, wenn man Glück hat, weil das sonst kein Glück ist. Glück ist spontan, nicht planbar. Schuld und Glück passen nicht zusammen. Beim Pech ist das anders, weil es sich oft als Ausrede tarnt. Fehler erzeugen Versager. Das ist kein richtiges Pech, weil zu dem auch der Zufall gehört. Das ist eher Unfähigkeit. Diese beschissene Sauferei! Karl verspürte Magenschmerzen und einen Druck, der sich genau hinter die Augen gesetzt hatte, als ob es jemandem gefiele, ihm diese herausdrücken zu wollen. Zugleich begann er klarer zu denken.

Nein,- er ist nicht gefallen. So fällt man nicht wurde ihm klar. Irgendwelche Schweine haben ihn überfallen und sie haben unseren Kram angezündet, wer auch immer. Hier ist nichts zu holen; aber sie haben auf ihn eingedroschen diese Ratten, einfach so, weil es ihnen Spaß gemacht hat. Er ist übel dran.

Als das Telefon zum vierten Mal mit jener Tonfolge geklingelt hatte, die früher mal bei irgend einem Sender als Erkennungszeichen in Gebrauch war, Otto Wolf aber nicht mehr hätte sagen können welcher das war, beendete er das Umrühren eines weißlichen Vitamin-Pulvers in einem Wasserglas, wollte zum Hörer greifen und stieß dabei das Glas um, dessen trübe Flüssigkeit sich über den Papierwust seines Schreibtisches ergoss. Er fluchte, das Telefon schrillte erneut und er brüllte seinen Namen in die Muschel. „Ja,..Wolf hier!“

Irgendein Idiot war in der Leitung, war offensichtlich betrunken und meldete einen Fall von Körperverletzung am Rande des alten Fabrikgeländes.

Es war noch eine halbe Stunde bis zum Feierabend, der eigentlich ein Feiermorgen war und in der Nacht hatte es zunächst so ausgesehen, als ob es außer ein paar Besoffenen, einem entlaufenen Hund, zwei geklauten Autos und einem versuchten Einbruch nichts von Bedeutung gegeben hatte.

Er begann nach einem Stück saugfähigem Papier zu suchen und sortierte die feucht gewordenen Unterlagen, die sich hauptsächlich aus einer Masse von Zetteln zusammensetzten, auf denen er gegen jeden Rat einer vernünftigen Bürokultur das aufschrieb, was kurzfristig zu erledigen war. Wenn man ihn deshalb kritisierte, weil er stets irgendwelche Zettel suchte, so verwies er auf seine diesbezügliche Nähe zu Brecht.

Dieser habe, so dozierte er dann, auch alles auf Zettel geschrieben und habe dieselben dann auch oft erfolglos suchen müssen, womit bewiesen wäre, dass man durchaus auch dann Großes leisten könne, wenn man Zettel schreibt und sucht.

„Brecht war aber kein Polizeibeamter und er beschrieb auch nicht nur Zettel“, bemerkte in solchen Fällen der Kollege Willi Wimmer, den sie seines Namens wegen auch „Das Gejammer“ nannten, obwohl ausgerechnet er am wenigsten über unregelmäßige Dienstzeiten und unvorhersehbaren Wahnsinn klagte.

Willi war so etwas wie ein geduldiger Pragmatiker, an dem man nicht einmal ein Exempel statuieren konnte, wenn etwas schief gegangen war. Er saß dann still auf seinem Stuhl, blickte unter sich und nickte gelegentlich verständnisvoll. Diese Methode war gewissermaßen tödlich im Hinblick auf eine Angriffsfläche, die einfach nicht geboten wurde.

„Was war denn los?“, fragte Willi, der den Anrufen kurz vor Dienstzeitende auch nicht traute.

„Irgendwas an der alten Fabrik“, antwortete Otto,“ ein Anruf aus einer der letzten noch vorhandenen Telefonzellen und wenn du dich jetzt vielleicht etwas beeilst und die Karre flott machst, damit wir da mal nachsehen, dann sehen sie dich heute vielleicht noch daheim“!

Selbst bei Tagesanbruch war es noch oder schon wieder sehr warm und während sie aus dem Hof herausfuhren, ließ Willi Wimmer die Seitenscheibe herunter. Die mühsam unterdrückte Müdigkeit schien den Effekt der Überhitzung noch zu begünstigen.

Sie fuhren schweigend in Richtung des alten Industriegeländes, während das Funkgerät in monotoner Folge Meldungen aus den Randbezirken lieferte.

Jetzt nahm der Verkehr langsam zu. Seine frühschichtigen Vorboten würden längst in ihren Büros und Betreiben sein, während sich das allmorgendliche Verkehrs-Inferno zur Hochform steigerte.

Otto gähnte und suchte im Handschuhfach nach Zigaretten, die es dort nicht mehr gab, weil er damit aufgehört hatte. Rituelle Bewegungen waren geblieben, aber sie waren billiger und vermutlich gesünder.

Gelegentlich hatte er sich einen Zahnstocher zwischen die Zähne geklemmt und ließ ihn nervös von einem Mundwinkel zum anderen wandern.

Als sie sich dem ehemaligen Fabrikgelände näherten, bemerkten sie zuerst einen Geruch wie nach verbranntem Müll und dann sahen sie die Gestalt eines schlecht gekleideten Mannes, der am Ostflügel des Gebäudes stand und sich ihnen langsam näherte, als er den Polizeiwagen sah.

„Der hinkt ja“, sagte Willi mehr zu sich selbst. „Ist der irgendwie verletzt worden?“

„Ich weiß nicht,- er war wohl der, der angerufen hat oder könnte es zumindest gewesen sein“. Der Beamte musste die Augen gewaltsam aufreißen, um wach zu bleiben. Die Situation verhieß nichts Gutes.

Sie hielten bei dem Mann und Otto Wolf dachte, dieser müsse noch müder sein als er selbst.

„Hatten sie angerufen?“ fragte er ihn.

„Ja,- ich war das! Hier ist was passiert mit meinem Kumpel.

Weiß auch nicht,- bin spät gekommen,- hatte was getrunken“.

„Wer sind sie?“, fragte Wolf? „Können sie sich ausweisen?“

„Nää,- jetzt nicht mehr“, meinte der Angesprochene.

„Die Schweine haben alles verbrannt, aber das ist ja auch scheißegal, denn mein Kumpel ist ziemlich kaputt. Die haben ihn überfallen“.

„Wer die?“ Otto Wolf riss die Augen in Richtung des Angesprochenen so weit auf, dass dieser erschrak und etwas zurückwich.

„Weiß auch nicht“, meinte der. „Bin spät gekommen und hatte was getrunken. Ich dachte erst, er wäre gefallen, aber sie haben ihn überfallen und dann so zugerichtet“.

Sie betraten die Halle und erschraken, als sie den Schwerverletzten sahen. „Verdammt“, sagte Wimmer,- „ich glaube, dass ich ihn schon mal gesehen habe“.

Er rief die Krankenwagen-Bereitschaft an und während sie warteten, versuchten sie aus Karl noch irgendetwas herauszubekommen, aber dessen Aussagen beschränkten sich auf seine dürftigen benebelten Wahrnehmungen und trotz des Restalkohols schien er sichtbar unter Schock zu stehen.

„Fahren sie mal gleich mit uns“, sagte Wolf, während aus einiger Entfernung die jaulende Sirene des Krankenwagens zu hören war, die aber abgeschaltet wurde, als er in die Einfahrt des Fabrikgeländes einfuhr. Mittlerweile war es hell geworden und in der Halle bildeten sich geometrische Lichtreflexe an den kahlen Wänden, durch deren Strahlenbündel glitzernde Staubpartikel wie winzige Insekten tanzten.

Es wurde schon wieder sehr warm und die gleiche brütende Hitze würde sich über den Tag legen und diese Halle erneut in eine Art Ofen verwandeln, in dem man hätte Eier ausbrüten können.

Mein Gott, dachte Wimmer, hier kann doch kein Mensch leben. Das trocknet einem ja das Hirn aus. Zugleich vernahm er Ottos Stimme, der erneut vor sich hinmurmelte, dass er diesen Mann schon mal gesehen habe. Während dessen luden die Leute vom DRK den Verletzten auf die Trage, Er stöhnte. Mittlerweile hatte ihm das Blut das kurzärmelige Unterhemd, das er für die Nacht angezogen hatte, fast vollständig durchtränkt.

„Wir bringen ihn ins St. Marien-Hospital“, sagte jemand von den DRK-Leuten und Wolf nickte ihnen wortlos zu.

„Siehst du“, sagte er zu dem Kollegen Wimmer,- „das hab ich jetzt davon, dass ich nicht mehr rauche. Jetzt muss ich diesen verdammten Gestank hier ertragen. Mein Gott, was gäbe ich jetzt für eine Zigarette!“

„Die stinkt nur anders“, sagte der Kollege etwas wenig überzeugend, denn auch ihm war mittlerweile übel geworden und der Anblick des Verletzten hatte ihm den Rest für diese Nacht gegeben.

Es war jetzt kurz nach 7 Uhr und er wollte noch einen kleinen Bericht zu dem Vorfall machen und dann nach Hause,- nur noch nach Hause und ins Bett.

„Magst du später einen Kaffee Otto?“, fragte er, als sie wieder im Dienstwagen saßen.

„Dann kann ich gleich auf der Dienststelle bleiben“.

„Na ja,… ich dachte ja nur. War gut gemeint“.

„Weiß ich“, sagte Willi, „aber ich wüsste auch ganz gerne, welches Arschloch irgendwelche Obdachlosen krankenhausreif prügelt und ihren Kram verbrennt. Das muss doch einen Grund gehabt haben. Das riecht doch nach Rache oder so was, denn zu holen war ja wohl nichts“.

„Weiß nicht“, meinte Willi. Der allgemein herrschende Wahnsinn gebiert nicht unbedingt logische Konzepte“.

Beide starrten vor sich hin, als Wolf daran erinnerte, dass sie den Anrufer ja mitgenommen hatten, der auf dem Rücksitz in sich zusammengesunken wie ein großer Kleiderrest wirkte.

„Ach Gott,- ja, ich werde jetzt im Büro doch mal Kaffee kochen“, meinte er. „Die arme Sau braucht auch irgendwas, um wieder auf die Beine zu kommen. Croissants kaufe ich auch mal“.

„Ja und nimm mal seine Personalien auf, auch wenn er jetzt keinen Ausweis mehr hat. Ich muss nämlich ganz nebenbei gesagt unbedingt ins Bett und der soll sich mal in der Zelle ausschlafen und dann sehen wir weiter“.

Dass bestimmte Kneipen bestimmte Leute anziehen, verdient nicht als neue Erkenntnis gefeiert zu werden. Im Wissen darum resultiert der daraus sich ergebende Vorteil vor allem darin, mit einiger Sicherheit dort diejenigen anzutreffen, die man treffen will. Ist das dann doch nicht der Fall, so geht man entweder oder man entschließt sich zur Ödnis des Verweilens an der Theke, falls einem nichts Besseres einfällt.

In solchen Fällen sollte wenigstens die Bedienung nett sein oder man ist bereits an dem Punkt angekommen, wo man Hunde für die idealeren Gesprächspartner hält.

Als Fritz Lotter die Rote Eule betrat, konstatierte er eine klassische Theken-Ödnis-Situation. Von seinen Bekannten schien niemand da zu sein; aber weil nicht viel los war, setzte er sich an einen Tisch und begann die Zeitung zu lesen, die dort jemand hatte liegen lassen, wobei er sich dazu zwang, nicht von hinten anzufangen.

Der meist auf den letzten Seiten platzierte Sportteil ging ihm auf die Nerven. Er hielt ihn für überflüssig, wie er denn Sport grundsätzlich nur in Grenzen für sinnvoll hielt. Wer sich dafür interessiert, soll sich ein Sportblatt kaufen, war seine stets geäußerte Kampfansage.

Es war relativ früh am Nachmittag und er genoss die Situation, weil es in dem etwas abgedunkelten Raum kühl war und er, streng genommen, nichts mehr zu erledigen hatte.

Er begann dann mit der dritten Seite der Zeitung, da diese in der Regel die vermeintlich analytische Betrachtung des Leitartikels enthielt. In aller Regel kann man aber froh sein, wenn es zu einer Kolumne reicht, aber weiter kam er ohnehin nicht. Vor der nur angelehnten Eingangstür befand sich ein Vorhang aus Stoff und aus diesem schälte sich die unausgeschlafene Gestalt von Willi Wimmer.

Dieser rückte das aus seiner Sicht zu schwere Vorhang-Material etwas ungehalten beiseite, wobei er daran dachte, dass man in heißen Gegenden vernünftigerweise Plastikbänder herabhängen ließ, welche so etwas wie die Simulation einer Raumbegrenzung waren. Niemand käme dort auf die irrsinnige Idee, schwere Vorhänge hinter oder vor einer Tür zu hängen.

„Scheiß Hitze“, fluchte er und bemerkte Fritz Lotter, der offensichtlich ausgeschlafen war.

„Du redest zu viel bei dieser Hitze“, sagte Lotter.

„Und du hast wieder Feierabend“, konterte der Angesprochene, „während ich bald auf die nächste Schicht muss“.

„Du kannst es ja mal als freier Journalist versuchen“, meinte Lotter etwas süffisant. „Dann fehlt dir nur noch die Verbeamtung durch den Chefredakteur“.

Beide bestellten einen Kaffee, während die Bedienung hinter der Theke freundlicherweise bemüht war, den musikalischen Geräuschpegel zu begrenzen.

„Wie geht’s deiner Frau?“, fragte Lotter und provozierte damit eine unvorhergesehene Situation.

„Na wie schon,- sie beschwert sich. Ich komme nur noch zum Schlafen nach Hause. Bin ständig kaputt und verärgert. Das ist doch ein Scheißjob, wo du ständig irgendeinen Wahnsinn ausbügeln musst“.

„Erzähle“, sagte Lotter. „Dann kann ich nämlich gleich darüber schreiben. Das ist Arbeitsteilung. So funktioniert Gesellschaft. Die einen produzieren Wahnsinn und die anderen bügeln ihn wieder gerade oder sie verstärken ihn. Das kommt ganz drauf an und ich habe dann eine Story“.

„Worauf kommt es an?“, sagte Wimmer.

„Na ja,- denk mal nach. Man wird doch nicht im Ernst behaupten können, das gesellschaftliche Leben verlaufe in vernünftigen Bahnen. Vernunft als solche ist ja auch furchtbar langweilig. Sie verursacht nämlich nicht das, was man einen Fun Effekt nennt“.

„Den hatte ich aber in der letzten Nacht“ sagte Willi Wimmer und begann, nur gelegentlich von Lotter unterbrochen, zumindest das zu erzählen, was sein halbwacher Zustand noch zusammen brachte.

„Trink mal den Kaffee“, meinte Lotter nach einer Weile, „weil der sonst nämlich kalt wird“.

„Den Teufel werde ich, weil ich jetzt abdampfe. Warum bin ich nicht gleich heimgefahren?“

„Weil Du mich unbedingt noch sehen wolltest“, sagte Lotter „und außerdem hast du Angst, dass deine Frau dich wieder schräg anguckt“. Dann sah er Wimmers rot unterlaufene Augen, der beim Aufstehen noch etwas von keine Wellen machen über ungelegte Eier murmelte und mit einem müden Nicken die Rote Eule verließ.

Warum, dachte Fritz Lotter, ist der Journalismus immer so etwas Fragmentarisches? Kein Wunder, dass sich gewisse Schreiberlinge ständig was aus den Fingern saugen müssen, um zu überleben. Er nahm einen Zettel und notierte: Gewalttat im alten Fabrikgebäude – ein Schwerverletzter – Racheakt? – Drogenmilieu? – Irrsinn? Dann umrahmte er das letzte Wort, trank noch einen Kaffee, verließ die Kneipe und machte sich auf den Weg zu dem Gelände auf dem die alte Fabrik stand.

Karl hatte das Gefühl, so gut wie selten geschlafen zu haben, erschrak jedoch beim Erwachen, als ihm die fremde Umgebung gewahr wurde und sofort projizierte ihm sein mittlerweile waches Gehirn die Bilder der vergangenen Nacht. Ich muss aus dieser beschissenen Zelle hier raus, dachte er und war erstaunt, als sich die Tür öffnen ließ.

„Das nennt man Vertrauen“, murmelte er vor sich hin und fand auf dem Flur ein kleines Waschbecken, wo er mit den Händen sein Gesicht wusch, so gut das nach Lage der Dinge möglich war.

Dann erschrak er, als ihn jemand von der Seite ansprach, da er durch das Geräusch des laufenden Wassers nichts gehört hatte. „Wolf ist mein Name“, sagte der Beamte. „Wir kennen uns ja vom gestrigen Abend. Haben sie gut geschlafen?“

„Ja“, sagte Karl, wobei ihm bewusst wurde, dass er jegliches Zeitgefühl verloren hatte.

„Kommen sie mal mit in mein Büro. Ich habe dort noch Seife und ein Handtuch und dann sollten wir uns mal unterhalten. Mögen sie Pizza?“

„Ja….schon, aber wie spät ist es eigentlich?“

„Es ist exakt 19:15“, sagte Otto Wolf und Karl wurde klar, dass er einen ganzen Tag verpennt hatte.

„Wie geht es Robert?“, fragte er vorsichtig?

„Er ist relativ schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt“, antwortete der Beamte. Sie gingen eine Treppe empor und durch einen Flur, der sich im Gegensatz zu den unteren Räumlichkeiten unangenehm aufgeheizt hatte.

Otto Wolf öffnete eine Tür und beide betraten das Büro, wo die Läden halb herunter gelassen waren, so dass man elektrisches Licht benötigte.

„Meinen sie, dass ich Robert schon besuchen kann?“, fragte Karl ein wenig unsicher, während er das Gefühl hatte, langsam zu sich gekommen zu sein.

„Ich werde den behandelnden Oberarzt fragen“, antwortete Otto Wolf und begann nach Kaffee-Pads zu suchen, um nicht ganz uneigennützig auch etwas gegen die eigene Schläfrigkeit zu tun.

„Sie werden verstehen, dass ich erst ein paar Angaben zu ihrer Person von ihnen brauche. Sie hatten gestern angegeben, dass sie keinen Ausweis mehr besitzen“.

„Nein, das heißt ja, denn die Kerle, die Robert überfallen haben, hatten die Freundlichkeit, unsere paar Habseligkeiten zu verbrennen und damit auch die Ausweise. Da gibts nix mehr, aber mein physisches Vorhandensein müsste beweisbar sein“.

„Ja“, knurrte Otto Wolff und musste lachen. „Wir lassen ihre Angaben nachprüfen und dann sehen wir mal zu, dass es neue Papiere gibt, wobei es mich schon interessieren würde, wie es dazu kommt, dass sie mit ihrem Kumpel in diesem alten Fabrikgebäude leben. Das ist auch rechtlich nicht ganz unbedeutend und ich muss mal sehen, wer aktuell der Grundstückseigner ist“.

Als Karl schwieg, hob der Kommissar den Kopf und begegnete dessen Augen, die durch ihn hindurch zu sehen schienen.

„Das ist eine sehr lange Geschichte“, sagte Karl schließlich „und sie läuft darauf hinaus, dass zwei mittlerweile alte Leute es nicht geschafft haben, sich einem ihnen verordneten Lebenskonzept zu beugen. Verstehen Sie? Wir wollten unsere Unabhängigkeit nicht verlieren und dafür zahlen wir einen hohen Preis, wobei ich nicht gedacht habe, dass es so gefährlich werden kann. Wir haben niemandem etwas getan“.

„Das glaube ich ihnen“, sagte der Kommissar, nachdem er für sie beide eine Tasse Kaffee zustande gebracht hatte, „aber ich muss sie fragen, ob es nicht doch sein kann, dass sie mit jemandem Streit hatten? Sie gehen gelegentlich mal in eine Kneipe. Das ist o.k., aber da kann es mal Streit geben. Auch außerhalb der Kneipe, wenn sie wissen was ich meine“.

„Nicht so richtig“, sagte Karl. „Nein“,- meinte er dann nach einer Weile,- „ich mache keinen Ärger, weil er mir auch selbst lästig ist“.

„Na ja“, sagte der Kommissar. „Sie können aber ganz gut zuschlagen“, denn er erinnerte sich plötzlich an einen Vorfall, der ein wenig zurück lag, wo infolge einer Kneipenschlägerei Karls Name gefallen war und ein Bericht verfasst wurde, wobei die Erinnerung auch im Hinblick auf Karls Identität hilfreich sein konnte.

Es war sehr still in dem Zimmer, bis auf eine Fliege, die aufdringlich um die Lampe herum flog..

„Ich bin manchmal empfindlich“, sagte Karl. „Wissen sie,- es gibt Leute, die es lustig finden, wenn jemand hinkt und wenn sie ihn für jünger halten als er ist, dann wird er zu einer hinkenden faulen Sau, die man vergasen müsste. Das kommt nicht so gut rüber bei mir“.

„Wer hat das gesagt?“, fragte der Kommissar.

„Na ja,- der Typ von dem die Rede ist und dem ich damals eine geknallt habe, dass ihm für eine Weile die Luft wegblieb“.

„Ist sowas öfter vorgekommen?“, fragte der Kommissar?

„Nö,- nicht wirklich so oft, aber halt manchmal“.

Otto Wolf merkte, dass er nicht weiter kam, aber für ihn lag es irgendwie nahe, dass sich jemand hatte rächen wollen und sei es auch am Falschen.

„Ich weiß, was sie denken“, sagte Karl, „denn sie brauchen einen Grund, etwas Plausibles, wie das so schön heißt, aber ich sage ihnen, dass es da draußen ganz besondere Arschlöcher gibt. Denen macht es einfach Spaß, Leute aufzumischen, denen sie meinen überlegen zu sein. Die kotzt alles an. Die ganze Gesellschaft und sie sich selbst auch.

Das sind Leute, die haben die Schnauze voll. Keineswegs nur Dummköpfe, aber sie sind aufgelaufen in dieser Gesellschaft und zu jung, um resigniert zu kapitulieren. Sie prügeln dann auf die vermeintlich Schwächeren, weil sie an die großen Drahtzieher nicht ran kommen“.

Otto Wolf war still geworden, weil ihm der fatale Gedanke gekommen war, dass Karl mit seiner Vermutung recht hatte und dass es sich hier um eine Straftat handeln könnte, der die übliche Logik fehlte, die man für einen Hergangs-Bericht so dringend braucht, um beim zuständigen Staatsanwalt nicht nur Kopfschütteln zu ernten. Er kannte solche Fälle aus dem Bereich der Jugendarbeit, aber sie waren dort eher selten.

„Dann wollen wir mal sehen, wie sie wieder zu ordentlichen Papieren kommen“, sagte er nach einer Weile und nachdem ihm Karl seine personenbezogenen Daten gegeben hatte, klickte er sich durch die Datei der polizeilich bekannten „Kunden“, konnte jedoch nichts finden, was Karl hätte belasten können, wohl aber einige Aussagen, welche dieser anlässlich der geschilderten damaligen Auseinandersetzung in der Kneipe zu Protokoll gegeben hatte, aber das lag einige Jahre zurück.

„Ich kann das alte Fabrikgebäude nicht zu ihrer postalischen Anschrift machen Herr Talheim. Bitte verstehen sie das nicht falsch. Da kann ich nur: zurzeit obdachlos eintragen“.

Als Karl nichts sagte, fragte ihn der Kommissar, ob er nicht doch hungrig sei, was dieser verneinte, aber um eine zweite Tasse Kaffee bat.

„Ihren weiteren Verbleib - wenn ich das so sagen darf – in dem alten Fabrikgebäude -halte ich für problematisch“.

„In ein Obdachlosenasyl werde ich nicht umziehen“, sagte Karl ruhig und beide Männer schwiegen.

„Dann haben wir ein Problem“, sagte Otto Wolf, öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und entnahm ihm einen Schlüsselbund.

„Ich habe in der Schrebergartensiedlung an dem Wäldchen hinter dem Friedhofsgelände ein Grundstück mit einem kleinen Holzhaus, wohin ich mich gelegentlich zurückziehe, wenn ich mit solch vertrackten Fällen wie dem Ihren zu tun habe“, wobei ihm klar wurde, dass er Unsinn redete, denn dies war nicht der Fall von Karl Talheim. Karl war allenfalls der Kumpel des Geschädigten und er hatte die Polizei verständigt, ohne gegen irgendjemanden Anzeige zu erstatten, wer auch immer dies hätte sein können.

Karl blieb still, auch als der Kommissar ihm die Schlüssel aushändigte mit der Bitte, sich nach der Nummer 6 in der Anlage zu orientieren. „Es gibt dort ein Front Tor, mit nicht mehr als der Funktion einer Grundstücksmarkierung nach vorne zum Weg und der zweite Schlüssel mit der roten Kappe, das ist der Hausschlüssel. Bisher ist dort noch nicht eingebrochen worden“, sagte er, „aber man darf dort eigentlich nicht dauerhaft wohnen“.

„Ich brauche sie noch im Zusammenhang mit den weiteren Ermittlungen“, fügte er hinzu „und werde sie jetzt dort mal hinfahren.

Haben sie noch etwas Geld?“

„Hab ich“, sagte Karl „und wenn man unterwegs vielleicht noch etwas einkaufen könnte........und wenn ich vielleicht im Krankenhaus“..........

„Machen wir und in dem Holzhaus befindet sich eine Kochgelegenheit und ihren Freund Robert werden wir gemeinsam besuchen,- natürlich im Rahmen einer polizeilichen Ermittlung“.

Fritz Lotter kannte das alte Industriegelände, das man bei vorsichtiger Einschätzung als erstaunlich intakt bezeichnen konnte.

Als er dort angekommen war, waren zwei Beamte der Spurensicherung damit beschäftigt, in den verbliebenen Ascheresten, die der Brand zurück gelassen hatte, herum zu suchen und den Tatort zu fotografieren. Der große Blutfleck auf dem Boden war noch gut sichtbar und es stank auch immer noch nach verbrannter Kleidung und Kunststoff.

Das ganze Szenario wirkte wie gestellt, irgendwie unwirklich. In der Umgebung des Außenbereiches des alten Gebäudes begann sich Müll zu sammeln und es war eine Frage der Zeit, bis sich ein Investor finden würde, der das Gelände aufkauft. Es würden weitere Büroräume oder Eigentumswohnungen entstehen und was machen eigentlich zwei ältere Männer in dieser Ruine? Wovor laufen sie weg? Was zwingt sie in eine solche Situation? Hier können sie im Winter nicht heizen und zur Not gibt es ja schließlich das Obdachlosenasyl.