Die Macht der Stimme - Ingrid Amon - E-Book

Die Macht der Stimme E-Book

Ingrid Amon

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Beschreibung

Ihre Stimme darf Ihnen nicht egal sein. Sie muss wirken, um Eindruck zu hinterlassen – denn schließlich ist sie der hörbare individuelle Ausdruck Ihrer Persönlichkeit und Ihre akustische Visitenkarte. In der Neuauflage ihres Rhetorikklassikers vermittelt Stimmexpertin Ingrid Amon alles Wissenswerte zum Thema Stimme. Sie zeigt, wie man Aussagen perfekt gestaltet, die Stimmqualität verbessert und der Stimm-Manipulation durch Mikrofone und Künstliche Intelligenz optimal entgegenwirkt. Mit dem Basis-Stimmtraining, den effektivsten Stimm-und Sprechtechniken und den zahlreichen Hörbeispielen zum Download gelingt allen der Durchbruch – ob in den sozialen Medien, in den zwischenmenschlichen Beziehungen oder im Job. Ein unverzichtbares Buch, wenn sie nicht nur reden, sondern auch gehört und verstanden werden wollen!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titelseite

Hörbar überzeugen. Wirkungsvoll kommunizieren. Online und OfflineEindruck hinterlassen.

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Natio­nal­bibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

 

Für Fragen und Anregungen

[email protected]

 

Wichtiger Hinweis

Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.

 

Neuauflage 2025

© 2025 by Redline Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

 

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

 

Redaktion: Christiane Otto

Umschlaggestaltung: Karina Braun

Umschlagabbildung: AdobeStock/fotohansel

Satz: ZeroSoft, Timisoara

ePUBoo.com

 

ISBN Print 978-3-86881-995-3

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96267-650-6

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.redline-verlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Inhalt

Vorwort

I. Einführung

1. Vertraut werden mit der eigenen Stimme

2. Wie wichtig ist die Stimme?

3. Stimme und Persönlichkeit

4. Stimme als Präsentationsmedium

5. Wie Ihre Stimme wahrgenommen wird

6. Wie kann man Stimmen beurteilen und beschreiben? – Die Stimmqualität

7. Männer klingen anders, Frauen auch: Der hörbare Unterschied

8. Stimme und Erotik

9. Stimme in Familie und Schule

10. Die Stimme im Lauf des Lebens

II. Die Sprechwerkzeuge

1. Übersicht

2. Warm-up-Programm: Stimmhygienische Maßnahmen

3. Atmung

4. Der Kehlkopf: Stimmbänder, Stimmritze, Muskulatur, Schleimhäute

5. Die Lautbildungsorgane (das Ansatzrohr)

6. Das Gehör

7. Die Gesamtkörperhaltung

8. Das Gehirn

III. Lampenfieber

IV. Stimmführung – Aussagengestaltung

Sprechmelodische Gestaltung (Intonation)

1. Pause: Sprechen und Schweigen

2. Akzentuierung: Betont und unbetont

3. Tempo: Langsam und rasch

4. Tonhöhenunterschiede/Melodieverlauf

5. Lautstärke: Laut und leise

6. Den richtigen Ton treffen: Klangfärbungen und Emotionen

V. Freies Sprechen: Reden lernt man, indem man redet

1. Sprechhandeln, Sprechfühlen, Sprechdenken

2. Der Wortschatz

3. Das TUBA-Modell für Kurz-Statements

4. Vorlesen als kommunikative Technik

VI. Die Standardaussprache

1. Mundart oder Hochsprache?

2. Hörbare Unterschiede im deutschen Sprachraum

3. Wer legt die Ausspracheregeln fest?

4. Kleine Einführungslektion

VII. Stimme und Technik

1. Die Stimme am Telefon

2. Die Stimme am Mikrofon

3. Stimme online

4. Stimme und KI

VIII. Singen

IX. Tipps und Maßnahmen zur Stimmpflege

1. Wo wird die Stimme gut betreut und behandelt?

2. Stimm-Management für eine gesunde Stimme

3. Psychogene Faktoren

X. Gedanken und Anregungen zum Abenteuer Stimme

1. Die Stimme und der Klang in der Welt

2. Das Vorbild – eine Geschichte zum Abenteuer Stimme

3. Meditation für die Stimme

4. Manchmal hilft beten

X. Serviceadressen/Weiter­führende Informationen

 

Ich danke …

Literaturverzeichnis

Kontakt

Audio-Dateien zum Download

Inhaltsverzeichnis Audio-Dateien

Über die Autorin

Vorwort

Eine Schallwelle verlässt Ihren Mund. Ein Wort, ein Satz, ein Laut. Die schwingende Luft erreicht eine Ohrmuschel, passiert das Trommelfell, schwingt durch die Hörschnecke, reizt den Hörnerv und landet im Gehirn Ihres Zuhörers. Unsichtbar, aber ohne Zweifel hörbar und fühlbar haben Sie einen Menschen berührt. Mit Ihrer Stimme berühren Sie – und zwar täglich. Meist ohne viel Bewusstsein über diese »Macht«.

Eine Schallwelle verlässt Ihren Mund. 150.000 Einzelentscheidungen hat Ihr Gehirn getroffen und wird es in jeder Sekunde weiter tun, in der Sie zu Ihrem Hörer hinübertönen. Das Wunderwerk Stimme ist in Betrieb. Schon die körperliche Stimmfunktion ist ein faszinierendes Phänomen. Und dann erst die Kombination mit der tiefgehenden Wirkung auf Ihr Gegenüber!

Zum Standardwerk geworden, begleitet mein Buch seit einem Vierteljahrhundert mit ungebrochener Zu-Stimmung viele Interessierte an der Stimme, diesem wunderbaren Instrument, dem Kommunikationstool Nr. 1. Ist das nicht großartig??? Nach der Pandemie und der Erfindung der KI-Technologie sowie aufgrund der unfassbar gesteigerten Video-, Audio- und Social-Media-Kommunikation lag eine Überarbeitung für Verlag und Autorin auf der Hand! Es gab viel Spannendes und Neues einzubauen. Voilá – hier liegt die neu überarbeitete Fassung nun vor Ihnen!

Für insgesamt über 10 Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum ist die Stimme ein unverzichtbares Arbeitsinstrument. Rund 2,3 Millionen Verkäufer, mehr als 700.000 Lehrkräfte, circa 720.000 Erzieher, 600.000 Callcenter-Agents und viele andere mehr: Sie alle fordern von ihren Stimmen täglich Höchstleistungen. Sofern auch Ihr persönlicher Gehaltszettel in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Gebrauch der Sprechwerkzeuge steht: Join the Voice-Club – Herzlich Willkommen im beeindruckenden Reich der Stimme, ihrer Funktion und ihrer Wirkung! Gestalten Sie mit den Übungen, Informationen und Tipps hier den lebendigen, authentischen Ausdruck Ihrer Persönlichkeit, Ihre hörbare Corporate Identity!

Genderhinweis: Die Herausforderung der weiblichen und männlichen Schreibweise, die mir gundsätzlich wichtig ist, löse ich, indem ich relativ frei damit umgehe. Es sind immer und ohne Hintergedanken sinngemäß beide Geschlechter gemeint.

Hinweis zu den Hörbeispielen

Die Hörbeispiele sind unter www.iamon.at/downloads/machtderstimmezum Download verfügbar.

I. Einführung

Stimme hat Macht.

Stimme erschafft Präsenz, Karriere, Erfolg, Überzeugung, Motivation, Charisma, Wirkung, Stimmung, Eindruck, Aufmerksamkeit.

Stimme macht und gibt Power.

Stimme macht sexy, attraktiv, überzeugend, siegreich, stark, klangvoll, kraftvoll, anziehend, sicher, hörbar.

Stimme lässt Sie ankommen, rüberkommen, weiterkommen.

 

Stimme fasziniert.

Ihre Stimme darf Ihnen nicht egal sein.

Sie ist Ihre akustische Visitenkarte.

Sie ist Ihre hörbare Sedcard.

Sie ist der Sound Ihres Wesens.

Sie ist das Instrument Ihrer Seele.

Sie ist der hörbare, individuelle Ausdruck Ihrer Persönlichkeit.

Stimme ist ein Abenteuer.

Werden Sie vertraut mit Ihrer Stimme: erleben, genießen, erfahren Sie den eigenen Klang.

 

Stimme bestimmt.

Stimme bestimmt die Stimmung.

Menschen mit Stimme finden Anklang.

Menschen mit gepflegter Sprache hinterlassen hörbar stärkeren Eindruck.

Stimme ist immer original. All rights reserved. Stimme ist so einzigartig wie der Fingerabdruck.

Stimme ist ein Abenteuer. Eines der letzten, das beinahe jeder Mensch auf diesem Planeten noch erleben kann. Unser Äußeres und dessen Veränderung oder Verbesserung haben ihre Grenzen. Die Stimme dagegen kann mit jedem Lebensjahr reifer und besser werden.

 

Stimme wirkt.

Stimme ist ein Schlüsselreiz in der Kommunikation. Stimme ist ein mächtiges Kommunikationsinstrument.

Lange bevor sich Ihr Zuhörer mit Ihrem verbalen Inhalt befasst, haben Sie ihn auf mehreren Ebenen allein durch das Wie Ihres Sprechens massiv beeinflusst.

»ICH Frosch – alle Frosch«: Der motorische Mitvollzug! Bis in jede Körperzelle »manipulieren« Sie Ihre Zuhörer. Die Bewegungen der Atem-, Stimm- und Artikulationsmuskulatur werden vom Sprechenden zu den Hörenden übertragen. In dem Moment, in dem Sie den Mund für Laute öffnen, vollzieht Ihr Publikum kinästhetisch-motorisch Ihren Körperzustand mit. Das geht Ihnen auch so, wenn Sie zuhören. Wenn ein Vortragender Luftprobleme hat, dann wollen Sie nach Luft schnappen. Wenn sich bei einem Redner ein Frosch ankündigt, fangen Sie an, sich zu räuspern. Wenn ein Sprechender sehr nervös ist, spüren Sie selber ein Grummeln im Bauch. Oft werden wir auch ganz mitleidig gestimmt. Wenn die Sprecherin schwunglos und monoton ist, weil der Muskeltonus niedrig ist, werden wir müde und schläfrig. Wenn der Vortragende wach, entspannt und aufmerksam klingt, sind auch wir wach, entspannt und aufmerksam. Diese Übertragung nennt man »motorischen« oder »funktionellen Mitvollzug«. Beim Atmen nennt man sie »psychorespiratorischen Effekt«. Dieses Phänomen kennen Sie vom ansteckenden Gähnen oder vom eigenen Speichelfluss, der schon einsetzt, wenn Sie nur zuschauen, wenn jemand in eine Zitrone beißt. Die Spiegelneuronenforschung bringt Licht in diese Abläufe. Unsere Nervenzellen im Gehirn reagieren während der Betrachtung eines Vorgangs genauso, wie wenn der Vorgang aktiv vollzogen wird. Bis wir genau wissen, warum und wie das auch beim Zuhören geschieht, wird es noch ein Weilchen dauern. Die Konsequenzen daraus liegen für den Sprechalltag auf der Hand: Ihre Heiserkeit überträgt sich auf die Zuhörer. Bei einer Präsentation unter Zeitdruck spiegeln die Zuhörer Ihre eigene innere Unruhe.

Bei einem berühmten Experiment aus Großbritannien trug ein Schauspieler 30 Minuten mit absichtlich gepresster Stimme eine komplizierte Materie vor. Beim anschließenden inhaltlichen Interview war ein Großteil der Zuhörer ebenfalls leicht heiser. Astrid Paeschke und Walter F. Sendlmeier brachten ihre wissenschaftliche Forschung so auf den Punkt: »Wesentlichen Anteil am Klang der Stimme haben nicht nur die an der Stimmproduktion beteiligten Muskeln, sondern auch die Spannungsverhältnisse im gesamten Körper. Eine höhere Anspannung bedeutet in der Regel mehr Energie im Klangspektrum. Entscheidend für die Wirkung beim Hörer ist weiterhin, ob die Sprechenergie mit Leichtigkeit oder großer Anstrengung, vielleicht sogar gepresst hervorgebracht wird. Man kann davon ausgehen, dass der Hörer diese Anstrengung nicht nur registriert, sondern mitfühlt, seine Muskeln mit anspannt und diese Anspannung zu positiven oder negativen Empfindungen führen kann.« Im positiven Fall gewinnt ein Sprecher mit diesem motorischen Mitvollzug die Aufmerksamkeit seines Publikums.

Stimme und Emotionen sind untrennbar verbunden: Die Stimme überträgt immer zwei Botschaften zeitgleich: den verbalen Inhalt und die Stimmungen des Sprechers. Ein Beschwerdeanruf kurz vor Dienstschluss stimmt Sie ärgerlich, Sie sollen aber freundlich antworten. Wenn nun Ihre freundliche Formulierung mit ärgerlichem Unterton erklingt, würde Winnetou sagen: »Bleichgesicht spricht mit gespaltener Zunge.« »Nicht kongruent, nicht authentisch« heißt es im Kommunikationstraining. »Undiplomatisch« würde es die Politik nennen, »gelogen« die Anruferin.

Was ankommt, was wirkt, ist immer zuerst die Emotion, die emotionale Tönung. Darauf sind wir trainiert. Ob der Chef gut drauf ist, hören Sie an seinem »Guten Morgen«, wenn die Partnerin nicht gut drauf ist, erkennen das alle Ehemänner am Ton, und wo die Kunden emotional abgeholt werden müssen, wissen alle guten Verkäufer, die auf die Untertöne achten.

Der Ton macht die Musik. Untertöne können Inhalte sabotieren. Stimmung ist mächtig. Die Gefühle sind unverzichtbar. Die unzähligen Emojis in Textnachrichten sollen kompensieren, was dem geschriebenen Wort essenziell fehlt und eigentlich die Botschaft erst ausmacht. Wie ist sie gemeint? Eine gesprochene Botschaft bringt beides mit, Inhalt und Gefühl.

 

Stimmprobleme sind persönliche Probleme. Stimmprobleme sind peinliche Probleme.

Die meisten Menschen auf dieser Welt haben eine Stimme, können sprechen. Die Beherrschung des Instruments wird unbewusst erwartet. Es ist für viele Menschen extrem unangenehm, eingestehen zu müssen, dass sie ihre Stimme nicht optimal beherrschen. Peinlich sind auch manchmal die Gefühle, die bei Stimmübungen aufkommen. Im Fitnessstudio zu schwitzen bereitet weniger Probleme, als übend Tierlaute zu produzieren. Vertrauen Sie Ihrem Sprechcoach. Er/sie hilft Ihnen über diese Hürde.

1. Vertraut werden mit der eigenen Stimme

Alles, was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen – und worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

Ludwig Wittgenstein, österreichisch-britischer Philosoph

Abbildung 1: So kommt die Stimme zu den anderen

Haben Sie schon einmal eine Aufnahme Ihrer eigenen Stimme gehört? Haben Sie dabei den »heilsamen Stimmerkennungsschock« erlitten?

Haben Sie überlegt, was der fremde Mensch mit Ihnen zu tun hat?

Physikalisch ist ganz schnell erklärt, wieso man sich bei Aufnahmen auf der Mobilbox oder einem Soundfile nicht so leicht erkennt. Ihre Stimme breitet sich in Form von Schallwellen zum Ohr des Gegenübers aus. Transportiert werden diese Schallwellen über die Luft (Luftleitung). Dort angekommen, wo sie hinkommen sollten, nämlich beim Trommelfell des anderen, setzen sie dieses in Schwingung, und beim anderen entsteht eine Hörempfindung. Ihr Gegenüber hört das, was aus Ihrem Mund kommt. Das hören Sie selbst auch. Aber: Sie selbst hören sich gleichzeitig noch innerlich. Die Schallwellen Ihrer Stimme pflanzen sich nämlich nicht nur über die Luft fort. Der Schall, den Sie selbst produzieren, wird vor allem über Ihre Knochen noch ein weiteres Mal an Ihr Innenohr geleitet. Wenn Sie sprechen, kommen in Ihrem Ohr zwei Stimmen an: eine von außen und eine von innen. Eine über die Luftleitung und eine über die Knochenleitung.

Ein Aufnahmemedium empfängt immer nur die äußere »Luftstimme«. Andere Menschen hören von Ihnen nur den Außenanteil. Wirkung auf andere Menschen erzielen Sie nur mit der Stimme, die nach außen hörbar ist. Mit der doppelten Wahrnehmung Ihrer eigenen Stimme sind Sie leider ganz allein auf der Welt. Niemand hört Sie so, wie Sie sich eben hören! So weit die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht: Ihre Mitmenschen lieben Sie trotzdem! Es geht allen gleich! Und wenn Sie Ihr Soundfile Ihren Neffen und Nichten vorspielen, werden diese sagen: »Du klingst doch immer schon so!« Der einzige Mensch, der diese Außenstimme nicht gut kennt, sind Sie selbst. Die erste Herausforderung lautet also: Vertraut werden mit der Außenstimme.

Wie viele Fotos sind im Laufe Ihres Lebens schon von Ihnen gemacht worden? Ungefähr? Mindestens zwei Fotoalben voll. Wie viele Aufnahmen/Soundfiles gibt es dagegen von Ihrer Stimme? Je nach Lebens- und Berufsgeschichte bestimmt weniger als Fotos. Worauf will ich hinaus? Sie sind mit Ihrem äußeren Erscheinungsbild, dem, was man von Ihnen sehen kann, gut vertraut. Sie erkennen sich. Auf dem Schulabschlussfoto, bei der Hochzeit, im Urlaub … Ihr Konterfei ist Ihnen in jeder Altersstufe auch mit all seinen Veränderungen bekannt. Ob Sie sich gefallen oder nicht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber Sie kennen und erkennen sich und kommen selbst beim scheußlichsten Foto nicht auf die Idee: »Das bin ich nicht!« Insgeheim beschließen Sie vielleicht, sich eine andere Frisur zuzulegen …

Das »hörbare Äußere« – Ihre Stimme und Ihre Sprache – ist den meisten nicht so vertraut! Viele Menschen sind enttäuscht von ihrer Stimme auf einem Tonband: »Das kann doch nicht ich sein!« Und kaum jemand weiß, was sich an der Stimme und Sprechweise ändern lässt. Da Stimme und Sprechweise keineswegs nur angeboren sind, lässt sich Voice-Styling lernen. Nicht jeder kann sich eine strahlende Stimme zulegen, aber eine gepflegte Sprechweise mit Deutlichkeit, Präzision, Ausdauer und Ökonomie steht jedem offen, der sich darum kümmern möchte. Genauso wie ein guter Kleidungsstil erlernbar ist, auch wenn man nicht aussieht wie die Schönheitsideale unserer Tage …

Und nun zur Praxis. Aktivieren Sie auf dem Mobiltelefon die Aufnahme-APP. Einmal pro Woche lesen Sie sich einen halben Zeitungsartikel vor (circa 30 Sekunden). Beim Abhören begegnet Ihnen Ihre eigene Stimme. Kein Kommentar, keine Kritik. Einfach abhören. Gewöhnen ist das Ziel.

Und nehmen Sie Ihre Mailbox: Besprechen Sie diese wöchentlich neu. Bemühen Sie sich um Deutlichkeit und kurze Sätze. Aufnehmen, abhören. Keine Kritik. Nächste Woche dasselbe. Maximal eine Korrektur. Und unter der Woche rufen Sie sich selbst zweimal von auswärts an. Gewöhnen Sie sich kommentarlos an das, was Sie hören!

Später machen Sie regelmäßig eine monatliche Aufnahme, etwa eine Minute lang. Sprechen Sie zum Beispiel die Begrüßung vor einem Vortrag auf, und hören Sie die Aufnahme zweimal ab. Oder nehmen Sie eine Minute Ihres Parts bei einem Online-Call auf und hören ihn dann an. Keine Kritik. Keine Fehlersuche. Kein Kommentar. Das kommt später. Hier geht es erst einmal um das Vertrautwerden mit Ihrer Stimme. Sie ist ein wichtiger Teil Ihrer Persönlichkeit. Wovon sprechen wir schließlich, wenn wir von »dem Organ« des Menschen sprechen? Wir meinen nicht die Nasenspitze und nicht den großen Zeh. Nicht einmal das Herz! »DasOrgan« des Menschen ist seine Stimme.

Übung

Nehmen Sie den ersten Text des Tages, zum Beispiel eine Mail. Lesen Sie die ersten drei Zeilen laut. Schlichtweg, um sich selbst sprechen zu hören.

Fortgeschrittene Variante: einmal ernst, einmal mit Big Smile, einmal schnell, einmal ganz langsam: Hören und spüren Sie die unterschiedlichen Durchgänge.

2. Wie wichtig ist die Stimme?

Wer das Ohr beleidigt, dringt nicht zur Seele vor.

Quintilian, römischer Sprechlehrer

2.1 Persönlichkeitsfaktor Stimme

2.1.1 Sichtbares und hörbares Auftreten. Optik und Akustik: Was entscheidet wirklich?

»Die Stimme ist ein Schlüsselreiz in der Kommunikation. Sie öffnet oder schließt das Ohr des Zuhörers in wenigen Sekunden.« So lauten die Leitsätze auf meiner Website. Es sind Leitsätze meiner Arbeit. In Ihren eigenen Ohren sind in den vergangenen Jahren bestimmt mehrere Stimmen angekommen, bei denen Sie sofort auf Abwehr gegangen sind. Üblicherweise ist unser Auge das erste Sinnesorgan, mit dem wir einen neuen Menschen in unserem Leben wahrnehmen. In zwei bis drei Sekunden entscheidet das Auge: »Mag ich – mag ich nicht.« Dann kommt das Ohr dran, hört den Menschen zehn bis zwölf Sekunden sprechen und macht dasselbe. Plus oder Minus. Die Eindrücke werden verglichen. Wenn das, was Ihre Optik verspricht, nicht zu Ihrer Akustik passt, dann haben Sie in der Wahrnehmung anderer Menschen ein Kompetenzproblem. Die Lady im Businesskostüm sabotiert mit Piepsstimme ihre Argumente. Nuscheln und Schnellsprechen lassen den Juniorchef mitsamt dem Businessanzug schwach wirken. Monotone Sachlichkeit machen die PowerPoint-Folien des Verkäufers wirkungslos.

Betrachten wir es auch anders herum. In Ihrer Umgebung gibt es mit Sicherheit einige Menschen, die auf den ersten Blick nicht den Schönheitsidealen unserer Tage entsprechen. Wenn diese Menschen aber den Mund öffnen, ist uns ihr Aussehen innerhalb von Sekunden gleichgültig, auch die exakte Botschaft ist nicht so wichtig, denn die Art und Weise, wie sie zu uns sprechen, fesselt uns – selbst wenn sie uns das Telefonbuch vorlesen. Es gibt eine Überlegenheit des hörbaren Eindrucks gegenüber dem sichtbaren, was Aufmerksamkeit, Neugier und Zustimmung angeht. Aus der Stimme und der Sprechweise eines Menschen können wir volle kommunikative Ansprache erhalten, die uns innerlich zufrieden macht. Denken Sie an Radiosprecher: Wir fragen uns kaum je, wie sie gekleidet oder frisiert sind. Ein Stummfilm kann uns ohne Zusatzinformation (Sprechblasen, Untertitel, Musik) nicht über den genauen Inhalt informieren. Ein Hörspiel hat dieses Problem nicht. Wir wissen auch ohne ein einziges Bild, worum es geht. Ich empfehle Ihnen den Bildschirmtest: Schalten Sie mal das Bild weg – Sie sind noch immer informiert. Schalten Sie den Ton ab – da wird’s problematisch mit dem inhaltlichen Verstehen.

Die Optik ist nicht unwichtig. Als Profi werden Sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest einmal im Leben mit den Themen richtige Kleidung, richtige Bewegung und wirkungsvolle Körpersprache auseinandersetzen. In dem Moment jedoch, in dem Sie den Mund öffnen, werden alle sichtbaren Elemente zur Dekoration und treten in den Hintergrund, von den Manschettenknöpfen bis zum PowerPoint-Bild.

Behalten Sie auch diese Information im Hinterkopf: Die Zeitschrift Geo fand schon 1998 in einer repräsentativen Studie zur persönlichen Ausstrahlung heraus, dass ein gebildeter Mensch eine neue Bekanntschaft zu 40 Prozent nach dem Klang der Stimme beurteilt. Je höher Bildungsgrad und Lebenserfahrung, umso wichtiger wird die Stimme. Bei den über 50-jährigen Akademikern bestimmt zu 56 Prozent die Stimme über Sympathie und Antipathie.

2.1.2 Inhalt und Verpackung. Eine ewige Streitfrage?

Um einen Schrank von München nach Wien zu transportieren, brauchen Sie ein Transportmittel. Punkt. Wenn Sie kein Auto nehmen wollen, sind eben Sie das Transportmittel. Geht auch. Punkt. Wenn gedanklicher Inhalt das Ohr der Hörer erreichen will, soll, muss, brauchen Sie dafür Ihre Stimme als Transportmittel. Noch mal Punkt.

Selbstverständlich geht es (meistens) darum, dass irgendetwas Gesagtes »rüberkommen« soll. Es geht um das Transportieren von Inhalt. Inhalt kann sich nicht selbst transportieren, das übernehmen Stimme und Sprechweise.

Lassen Sie mich bei dem Bild vom Automobil bleiben: Je besser das Transportmittel in Schuss ist, umso schneller, effizienter, überzeugender, sicherer kommt der Schrank nach Wien. Je besser die Stimme in Schuss ist, umso schneller, effizienter … siehe oben!

Sind Sie mit einer Rostlaube unterwegs, hat dies Auswirkungen auf das Ankommen des Kofferrauminhalts. Ihr Gegenüber interessiert sich in diesem Fall wesentlich stärker für die Frage, wie lange Ihr Auto noch fahren wird. Wenn Sie in 60 Sekunden 20-mal »Äh« sagen, gilt die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer nicht dem Inhalt; stattdessen machen alle Strichlisten und zählen die »Ähs«. Nehmen Sie gerne eine alte Klapperkiste, aber wundern Sie sich nicht, dass sich Ihr Gegenüber nicht für Ihren Inhalt begeistert. Auch auf der klanglichen Ebene haben wir es oft mit Saboteuren und Vampiren zu tun. Irritationen werden zum Beispiel durch lautes, geräuschvolles Einatmen, verschluckte Endsilben, Stottern, Lispeln, Näseln, zu leises oder zu lautes Sprechen, zu monotone Sprechmelodie, eine falsche Tonlage, zu viele »Ähs«, Lieblingswörter, Modewörter (cool, mega, super und so weiter), ständiges Räuspern und so weiter ausgelöst. Damit werden wir uns in diesem Buch ausführlich befassen.

Gut ankommen wollen fast alle, aber wir leben in einer Zeit, die die Form zugunsten des Inhalts sträflich vernachlässigt und die daher kommunikativ nicht in Balance ist. Aus der Nichtbeachtung der Transportmittel Stimme und Sprechweise resultieren viele leicht behebbare Schwächen in der Übermittlung von wichtigen Inhalten.

Am Beispiel des Autos lässt sich auch hervorragend erklären, dass tolle Fahrzeuge mit wenig Kofferrauminhalt beim Publikum oft leider ziemlich gut ankommen können.

Im Idealfall ergänzen sich Inhalt und Form. Beide können trainiert und geübt werden. Zuerst wahrgenommen wird unbestritten die Stimme! Ein toller Klang bringt einfach mehr »rüber«. Punkt.

Ganz deutlich machen es die Sprechwirkungsforscher Hartwig Eckert und John Laver. Sie fassen den Stand ihrer wissenschaftlichen Untersuchungen so zusammen: »Nicht was wir sagen, sondern wie wir es sagen, ist für die zwischenmenschliche Beziehung von allergrößter Bedeutung!«

Dass die Verpackung wichtig ist, behauptete in der Antike der römische Sprechlehrer Quintilian. Er formulierte, »dass ein mittelmäßiger Inhalt unter der Gewalt eines vollendeten Vortrags mehr Eindruck macht als der vollendetste Gedanke, bei dem der Vortrag mangelt«.

Das Sprichwort sagt es uns schon länger als jede Forschung:

»Der Ton macht die Musik.«

Sie können die Anwendung dieser Gesetzmäßigkeiten beobachten – in Bereichen, wo es um viel Geld und um viel Macht geht: Werbung und Politik. Sehen Sie sich Werbespots im Fernsehen an. Der Großteil ist mit bestens ausgebildeten Schauspieler- oder Synchronsprecherstimmen unterlegt. Volle, tragfähige, runde, warme Stimmen bringen inhaltlich wenig anspruchsvolle Botschaften zum Konsumenten: Sie haben Flecken – die Waschmittelfirma hat eine Lösung. Dieses Müsli macht mobil und jenes Wässerchen beruhigt die Nerven. Es funktioniert!

Was könnte das für Ihre Sprechsituationen in Zukunft bedeuten? Ihre Inhalte sollen auch weiterhin erstklassig sein. Was Sie sagen, muss stimmen und fachlich richtig sein. Ob Sie nun einmal mehr oder weniger perfekt formulieren, ist nicht so wichtig. Achten Sie vielmehr darauf, Ihre Inhalte exzellent zu verpacken: angenehm im Ton, sauber in der Aussprache, melodisch in der Stimmführung, abwechslungsreich in der Lautstärke, rhythmisch durch gekonnte Pausen, spannend durch klare Betonung, überzeugend durch Stimmfestigkeit, mühelos verständlich durch Dialektfreiheit. Punkten Sie auch mit Sprechkultur. Man darf und soll erkennen, dass Sie sich sowohl um den Inhalt als auch um seine bestmögliche Form bemüht haben. Dies macht die wahren Könner aus: dass ihnen Form und Inhalt gleichwertig sind.

2.1.3 Eine Doppelbotschaft: Inhalt und Stimmung

In einer verbalen Botschaft, die aus Wörtern besteht, kommen immer gleichzeitig zwei verschiedene Eindrücke an. Einmal natürlich der Inhalt, also das, was Sie sagen. Und dann auch noch Emotionen im weitesten Sinn. Niederschwellige Emotionen oder hochschwellige Emotionen. Man kann nicht ohne Emotionen sprechen. In jedem Fall erfährt Ihr Zuhörer etwas über Ihre persönliche »Gestimmtheit«, um es relativ neutral zu formulieren. Er hört, wie Sie »drauf sind«. Jeder gute Verkäufer weiß nach dem kurzen Gruß des Stammkunden, wo er diesen emotional abholen muss. Ob heute zuerst ein paar Sätze übers Wetter angesagt sind oder man besser keine Zeit verliert. Die Laune Ihres Chefs erkennen Sie an der morgendlichen Sitzungseinleitung in Nuancen. Alle Mütter und Väter wissen am Ton aus dem Kinderzimmer – »Ja, Papa, ich hab’s gehört!  –, ob die Anleitung zum Aufräumen auch wirklich umgesetzt wird. Und jeder meiner geschätzten männlichen Leser erkennt an der Tonlage der Partnerin am Freitagnachmittag um 14 Uhr – »Hallo Schatz!« –, in welcher Stimmung das Wochenende beginnt.

Unser Ohr mitsamt unserem Gleichgewichtsorgan hat gehört und eingeschätzt, wie wir bei unserem Gegenüber dran sind, weil wir erfasst haben, wie das Gegenüber drauf ist. Es ist notwendig, hilfreich und nützlich, die emotionale Seite der Botschaft und die Stimmigkeit mit dem Gesagten zu erfassen. Sind Text und Emotion in Verbindung, entsteht Kommunikation. Sind sie es nicht, entsteht maximal Information – so wie bei einem Navigationsgerät. Ein Navigationsgerät kommuniziert nicht mit Ihnen. Das würde wohl niemand ernsthaft behaupten. Obgleich wir hier sehr klaren Text haben – und voll ausgebildete, gut klingende Sprecherstimmen hören. Aber es besteht keine organische Verbindung zwischen Text und Botschaft. In manchen Bereichen unseres Lebens genügt Information. Für große Betriebe ist die Unterscheidung zwischen Information und Kommunikation enorm wichtig zur Kundenbindung. Oft wird diese Herausforderung aus Kostengründen nicht gut bewältigt. Zu viele digitalisierte Anrufbeantworter, kaum mehr ein Mensch, den man anrufen kann. Das akzeptiert der Kunde nur dann, wenn es keinen alternativen Anbieter gibt.

Übung

Ihren eigenen Anrufbeantworter besprechen Sie bitte ab sofort ausschließlich selbst. Sogar dann, wenn Sie keine Nachrichten bekommen wollen, empfehle ich, mit der eigenen Stimme mitzuteilen: »Hier ist die Sprachbox von XY. Ich werde niemals abgehört. Bitte rufen Sie XY doch später wieder an.«

Manchmal sagen wir etwas und meinen etwas ganz anderes. Dann passt die Emotion nicht zum Text. Sie sollen zum Beispiel etwas verkaufen, von dem Sie selbst nicht ganz überzeugt sind. Das nennt man dann im Kommunikationsbereich »dissonant«, in der Politik »diplomatisch«, beim ›einfachen Volk‹ »verlogen«. Das menschliche Ohr hört sofort die Dissonanz – und es vertraut im allerhöchsten Maß der Emotion und ignoriert den Inhalt. Das ist seit Jahrzehnten erforscht und bewiesen. Zahlreiche Menschen sind getrieben von der Vorstellung, dass man Emotionen in der Stimme »verbergen« könne. Ich pflege zu fragen: »Möchtest du ein Navigationsgerät werden?«

Mein Zugang dazu ist ein völlig anderer. Wir werden immer Emotionen haben und allezeit als mehr oder weniger fühlende Menschen sprechen. Je vertrauter die Handhabung der eigenen Stimme ist, umso besser kann man steuern, welche Emotionen in welchem Ausmaß wann hörbar sein sollen und wann welche besser nicht. Ärger spannt den Körper an. In einer kleinen Piepsstimme wird sich der Ärger mit schrillen Tönen hörbar machen, in einer zu tiefen Brummstimme möglicherweise als bellende Härte. Wenn die Stimme einen vollen Klang hat mit vielen Resonanzen, dann kann auch Ärger die Stimmgebung nicht komplett stören, der große Grundton bleibt wohlklingend.

Sachlich oder emotional?

»Da ist mir gepflegte Sachlichkeit dann doch lieber als die oberflächliche Begeisterung.« Dieses Argument höre ich immer wieder, vor allem in Deutschland. Ich höre es auch wesentlich öfter von den männlichen Klienten, die Sachlichkeit nicht genug loben können. Auch Sachlichkeit ist eine Emotion. Es gibt keine neutrale, emotionslose Stimme. Das ist eine Illusion. Als niederschwelligsten emotionalen Begriff habe ich für meine Arbeit den Begriff »positiv neutral« gewählt. Damit ist selbst bei extrem schlechten Nachrichten der Grundton von Respekt zu hören. Das halte ich für hilfreich. Das Gegenteil wäre dann nur mehr negativ neutral. So wollen die wenigsten Menschen klingen.

Produkte und Dienstleistungen werden im Übrigen nicht durch Sachlichkeit, sondern mithilfe von Emotionen verkauft! Automobilwerbung ist da ein wunderbares Beispiel. Mit sehr emotionalen und erlebnisbetonten Spots und Anzeigen spricht sie gerade die Menschen in scheinbar »sachlich orientierten« Berufsfeldern an – Autotechniker, Notare, Rechtsanwälte, Computerspezialisten.

Die Emotion, die Stimmung des potenziellen Käufers ist das Ziel jedes Service- oder Beratungsgesprächs, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Gekauft wird aufgrund einer Emotion. Für das menschliche Gehirn sind nur und ausnahmslos Dinge, Situationen und Gespräche verwertbar, die ein Gefühl auslösen. Das einfachste Mittel, die beste Möglichkeit, Ihr persönliches Angebot zu emotionalisieren, ist nun einmal Ihre Stimme. Ihre Inhalte mögen sich im Verlauf Ihres Lebens ändern – Ihre Stimme bleibt als Insel in der Brandung. Stimme macht Stimmung. Und der Ton macht die Musik!

2.2 Businessfaktor Stimme Studienergebnisse

Im deutschsprachigen Raum gibt es immer wieder neue Umfragen zum Thema, die vieles verdeutlichen und aus anderen Blickwinkeln betrachten, was die Sprechwirkungsforschung seit langer Zeit belegt. Bemerkenswert ist auch die gestiegene Anzahl von Studien, Experimenten, wissenschaftlichen Umfragen für Bachelor- und Masterarbeiten an verschiedenen Fachhochschulen und Universitäten im deutschsprachigen Raum. In der Studie Wirtschaftsfaktor Stimme (2004) ließ das Europäische Netzwerk der Stimmexperten www.stimme.at Führungskräfte, Geschäftsführer, Personalentwickler, Personaldienstleister und Trainer befragen. 80 Prozent der Interviewten sehen ganz klar, dass die Stimme wesentlich zum beruflichen Erfolg beiträgt:

■Voice sells

Den höchsten Stellenwert hat die Stimme bei öffentlichen Auftritten und im Verkauf (94 Prozent). In der Reihung folgen die Punkte Erstkontakte (93 Prozent), Präsentationen (92 Prozent), Überzeugungsversuche und Ausübung von Autorität sowie Schulungen und Vorträge (89 Prozent), Bewerbungsgespräche (78 Prozent), Durchsetzung in Teams und der zwischenmenschliche Bereich (70 Prozent).

■Potenzial nicht ausgeschöpft

Trotzdem haben insgesamt nur 25 Prozent der Befragten ein Stimmtraining absolviert, und nur 24 Prozent der Befragten haben ein Stimmtraining für ihre Mitarbeiter organisiert. Mit 64 Prozent plädieren die Personalentwickler am stärksten dafür, in ein Stimmtraining zu investieren. Von den trainierten Mitarbeitern kommen die meisten aus dem Bereich Verkauf. Dies erscheint logisch. Dann allerdings folgt sofort die Chefetage: erste Führungsebene und Geschäftsführung, zweite Führungsebene und Nachwuchsführungskräfte trainieren ihre Stimme. Die Stimme als Wirtschaftsfaktor ist besonders wichtig für Berufe mit Stimmklang. Telefonisten, Verkäufer und Berater legen mit über 80 Prozent auf die Stimme besonders viel Wert.

Die Studie Karrierefaktor Stimme (2006) des Netzwerks www.stimme.at kommt zu folgenden Ergebnissen:

■Steigender Einfluss von Stimme und Sprechweise auf Karriereentscheidungen

Generell werden Karriereanwärter mit guter Stimme und Sprechweise vorgezogen, allerdings bis jetzt noch eher nach Gefühl als nach objektiven Kriterien. 91 Prozent der Befragten präferieren Bewerber mit guter Stimme. Der Ausdrucksfähigkeit kommt somit überraschend hohe Bedeutung zu. Eine »gute Stimme« wird dabei jenen attestiert, die kräftig, klar, deutlich und motivierend sprechen. Stimmliche Sicherheit, flexible Stimmführung und voll klingende mittlere Stimmlagen werden positiv bewertet.

■Stimme der Mitarbeiter prägt Firmenimage

Was bei der Bewerbung bereits eine Rolle spielt, wirkt sich später im Kundenkontakt deutlich auf das Unternehmensimage aus. 97 Prozent der Befragten bestätigen einen direkten Zusammenhang zwischen Stimmklang und Sprechweise der Mitarbeiter und dem Unternehmensimage. Kunden suchen auch in Zeiten digitalen Lifestyles den qualifizierten persönlichen Kontakt. Je mehr die Technik das Leben prägt, desto höher ist offensichtlich die Bedeutung von persönlichen Gesprächen und Telefonkontakten.

■Stimme zählt im Geschäftsalltag

Im Ranking der Situationen, in denen Stimme und Sprechweise wesentlich wirken, stehen Medienauftritte, Präsentationen und Telefonate ganz oben. Es folgen Repräsentationssituationen, Kundenkontakt, Schulungen und Beschwerden. Schlusslicht bildet die interne Kommunikation, etwa Mitarbeitergespräche oder Besprechungen.

Den größten Unmut rufen mangelnde Stimme und Sprechweise bei Präsentationen, Vorträgen, Bewerbungsgesprächen und Sitzungen hervor.

65 Prozent der Befragten sagen, dass die Bedeutung von Stimme und Sprechweise in den letzten zehn Jahren gewachsen ist.

Ganz spannend ist die Selbsteinschätzung der Führungskräfte und Personalmanager. Nur 7 Prozent von ihnen sind mit ihrer eigenen Stimme und Sprechweise sehr zufrieden. Nur 43 Prozent der Führungskräfte werden auch von anderen als sehr sicher im Ausdruck eingeschätzt. Und spätestens wenn der Topmanager vor die Fernsehkamera tritt, wird es hörbar: Dann zittert die Stimme auch schon mal in der Chefetage.

Zur Stimme im Verkaufskontext liegt seit 2011 eine weitere Studie von Barbara Blagusz vor, die 400 Angestellte mit direktem Kundenkontakt befragt hat. Nur 7 Prozent der Teilnehmer sind zufrieden mit ihrer Stimme. 15 Prozent der Verkäufer sind dagegen richtig unglücklich mit ihrer Sprechweise. Fast 80 Prozent wünschen sich eine deutliche Verbesserung der Stimmqualität und können die Ziele einer sprechtechnischen Schulung auch sehr exakt benennen: Sicherheit, Glaubwürdigkeit, Kompetenz. Die Verstärkung dieser Komponenten wird einem Stimmtraining als mögliche Wirkung auch zugeschrieben.

HR-Manager kommen gezielt auf Coaches zu und benennen ihre Schulungsziele eindeutig. Sie erkennen die Bedeutung der Stimme für Führungskräfte vor allem im Hinblick auf Sympathie, Durchsetzungsvermögen und Überzeugungskraft an. Sie erwarten sich Übungen zur Atmung, Haltung, Resonanz, Lautstärke, Artikulation, Mimik, Gestik und Präsentation und sehen positive Effekte eines Stimmtrainings auf Vertriebserfolg, Führungsqualität und berufliche Kommunikation (Van Hoegen).

Ausbildungslehrgänge für Vortragende sind durch Stimmmodule ergänzt worden.

■Stimme wird präziser und bewusster wahrgenommen

Meine eigene Umfrage unter 1700 Teilnehmern im gesamten deutschsprachigen Raum zeigt seit 2015: Rhetorik und Stimmtraining können mittlerweile gut auseinandergehalten werden.

90 Prozent der Umfrageteilnehmer sind sich sicher: Gut sprechen ist ein Resultat gezielten Trainings. Sprechmelodie, Stimmklang, deutliche Aussprache und vieles mehr können trainiert und somit verbessert werden.

Die Klangfarbe der Stimme, das Timbre, wird von den Befragten für eher angeboren gehalten, die Sprechweise für angelernt. Das trifft sich mit meinem oft verwendeten Bild vom Automobil. Das Auto ist naturgegeben, der regelmäßige Service und vor allem die Fahrweise können stetig optimiert werden.

Menschen mit »guter Stimme« genießen hohe Start-Aufmerksamkeit und werden – in dieser Reihenfolge – als interessanter, inspirierender, kompetenter, sympathischer, vertrauenerweckender und intelligenter bewertet.

Was nervt am meisten?

–monotone Sprechweise (noch vor zu langsam),

–undeutliches Sprechen (noch mehr als starker Dialekteinfluss),

–sehr laut ist störender als zu leise,

–fehlende Pausen irritieren mehr als Sprechfehler (zum Beispiel S-Fehler).

2.3 Wirtschaftsfaktor Stimme

Zeit ist Geld – in jedem Wirtschaftsunternehmen. Wie viel Zeit wird wohl verschwendet, wenn 80 Prozent der Teilnehmer Firmenmeetings als langweilig und einschläfernd empfinden? Viel Geld kann gespart werden, wenn durch Stimmtraining zum Beispiel in Callcentern die Zahl der Krankenstandstage aufgrund von Stimmproblemen bis zu 30 Prozent verringert werden können. Ähnliches gilt für die sogenannte Lehrerkrankheit. Die Sprech-Dauerbelastung von Pädagogen ist enorm. Die stimmlich wenig dafür gerüsteten Lehrkräfte leiden stark unter der sogenannten funktionellen Dysphonie; von 100 kranken Lehrern sind fast 70 aufgrund von Stimmproblemen krank. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Fehlstunden und Folgekosten im Gesundheitswesen ist hoch. Welche Kosten können durch Spracherkennungssysteme eingespart werden? Regelmäßige Kongresse für Spracherkennungssoftware beschäftigen sich jährlich mit weiteren Aspekten. Kann eine Computerstimme dem Kunden/dem Anrufer tatsächlich einen menschlichen Ansprechpartner im Unternehmen ersetzen? Wenn ja – wie weit? Lohnt sich der Aufwand?

Voice-Design ist State of the Art in Unternehmen. Der Klang einer Autotür wird für die Luxuslimousine anders konzipiert als für smarte Stadtautos. Nicht jede Popcornpackung klingt gleich. Selbst die Fachliteratur befasst sich mittlerweile mit Voice-Branding. Auditives Marketing ist weithin eingeführt und vertraut auf Stimmwirkung. Autor Arno Fischbacher formuliert pointiert in seinem Buch Geheimer Verführer Stimme (2008): »Wenn beispielsweise die deutsche Synchronstimme von Bruce Willis spricht, klingen selbst biedere Mittelklasseautos nach verwegenen Männerabenteuern.« Die Liste der Beispiele ließe sich verlängern. In all diesen Bereichen zeigt sich, dass Stimme und Sprechweise im Wirtschaftsgeschehen keine Nebenrollen spielen.

2.4. Kultur- und Medienfaktor Stimme

Die Sprechkultur