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»Tornado« hieß das Kino damals, unten am Fluss. Alle erinnern sich noch an den alten Schuppen mit den Klappstühlen. An die Leinwand, auf der Filme mit Marilyn Monroe und Grace Kelly liefen. Und an die Nacht, als das Kino dann von der Polizei geschlossen wurde. An den Protestzug des wütenden Publikums, die Straßenschlacht. Wie ein Schatten liegt die Erinnerung auf der Stadt in der Ebene, nicht weit vom Meer. Maria war damals wie viele andere dabei. Und auch ihr Freund Ramiel, der als Polizist plötzlich auf der anderen Seite stand und den Projektor im Kino zerstörte. Heute ist sie Lehrerin und erzählt ihren Schülern immer wieder die Geschichte des Königs von Reval und Riga: Wie er in tiefem Schmerz durch die Wälder und Wüsten zog, um seine große Liebe zu vergesssen, und wie er auf seiner Wanderung die Sprache der Sonne, des Mondes und des Regens lernte … In seinem zweiten Roman nimmt sich Roland Schimmelpfennig alle Freiheiten des Erzählens und entführt uns in eine Welt voller magischer Geschichten über Liebe, Familie und Verrat.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Leseprobe zu:
Roland Schimmelpfennig
Die Sprache des Regens
Roman
FISCHER E-Books
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© S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Die Stadt auf dem Meer war schwarz und turmhoch, ein Gebilde aus Eisen und Stahl, aus Schrauben und aus Nieten, ein Berg aus Rohren, Gängen und Treppen, und die Stadt hinterließ, nachdem sie an ihnen vorbeigezogen war, auf dem Wasser einen Film aus Öl.
Die junge Frau und der Mann saßen auf den Felsen am Meer, nicht weit von der Flussmündung, und sahen der Stadt nach, bis sie in der Ferne verschwunden war.
Hinter den beiden Gestrüpp, Grün, eine leichte Anhöhe und dann zugewachsenes, kaum zu durchdringendes, flaches Land.
Dazwischen ein paar kleine Brachen.
Die Hitze.
Eine Straße. Der Fluss.
Weiter entfernt: einzelne Häuser, Wohnblöcke und dahinter die Felder, die Fabriken, die Raffinerie und das Stahlwerk in der Ebene.
Die Stadt sei weiß gewesen, sagten später manche Leute, weiß oder strahlend weiß, aber die junge Frau und der Mann hatten an der Mündung des Flusses die Stadt auf dem Wasser mit ihren eigenen Augen gesehen: Die Stadt war schwarz, und sie hatte eine Fahne aus Öl hinter sich hergezogen.
Sie kamen am Sonntagmorgen, um kurz nach neun.
Bevor sie den betonierten Hof vor dem Haus betraten, riefen sie von dem verrosteten Tor aus, dass die Frau den Hund an die Kette legen solle.
Außer der Frau war niemand da.
Manche der Männer und Frauen trugen Uniform, andere nicht. Der Hund an der Kette drehte durch, als sie den Hof und das Haus betraten.
Sie durchsuchten das Haus, und sie fanden nichts.
Die Männer und die Frauen schrieben Listen, sie erstellten ein Register der Dinge, die sie vorfanden. Zimmer links: ein eisernes Bett, neben dem Bett ein kleiner Tisch, auf dem Tisch eine Lampe, ein Kamm, Familienfotos, auf dem Fußboden neben dem Bett ein Stoß Klassenarbeiten, 8. und 9. Jahrgang, Fach: Geschichte, an der Wand über dem kleinen Tisch ein Bildnis der Heiligen Jungfrau Maria (Postkarte), neben dem Tisch ein Schrank, in dem Schrank: Blusen und Röcke, Hosen, Hemden, Schuhe, im unteren Teil des Schranks Schubladen mit Strümpfen, Unterwäsche, alten Briefen, Kinderzeichnungen, Fotos, dazwischen ein Notizbuch.
Dieses Notizbuch fand der Mann, der die Durchsuchung leitete. Der Mann trug eine Uniform.
In dem Notizbuch fand der Mann viele Listen. Die letzte Liste lautete: 2 Hühner, 1 Taube, 1 Ziege, Blumen, 1 Kürbis, 20 Kerzen. Schuhe.
Auf einer der leeren Seiten am Ende des Notizbuchs fand der Mann seinen eigenen Namen: Ramiel.
Die Frau stand dabei.
– Was ist das?, fragte der Mann in der Uniform die Frau. Was bedeutet das?
Die Frau antwortete nicht.
Die Frau und der Mann in Uniform waren fast gleich alt, Ende vierzig. Sie kamen beide von hier, sie waren beide hier in der Stadt geboren und aufgewachsen, und sie kannten sich seit ihrer Jugend.
Die Frau, Maria, sah aus dem Fenster auf die Straße. Die Straße war nicht geteert, nicht einmal planiert. Rotbraune Erde, tiefe Pfützen, Steine, dazwischen Gras.
Viele Leute in der Stadt nannten die Frau nicht Maria, sie nannten sie »die Lehrerin«.
Maria sah gegenüber, auf der anderen Seite der Straße, das Haus ihrer Eltern. Sie sah ihre Mutter, die vor dem Haus stand und in Sorge herüberschaute, und neben ihrer Mutter stand ihr Vater, beide alt.
– Was ist das?, hatte der Mann in der Uniform gefragt, Ramiel, mit dem Notizbuch der Frau in der Hand, in dem er seinen Namen gefunden hatte, und die Frau hatte wortlos aus dem Fenster gesehen.
Es war Sonntagvormittag, aber der Mann der Frau, deren Notizbuch der Polizist gefunden hatte, arbeitete an diesem Morgen.
Marias Mann war gelernter Elektriker, aber er konnte auch mit Holz umgehen, er konnte Möbel bauen und, wichtiger, Verschalungen und Gerüste, denn sein Vater war Tischler gewesen, bis er sich zu Tode getrunken hatte. Der Alte hatte seinem Sohn beigebracht, was er ihm hatte beibringen können. Marias Mann hieß Toni.
Toni konnte Zement mischen und gießen.
Er konnte schweißen, er konnte Wasserleitungen verlegen und Strom. Das Einzige, woran er sich nicht traute, war Gas, waren Gasleitungen.
– Ich arbeite nicht mit etwas, das ich nicht sehen kann.
– Strom kann man auch nicht sehen, sagte der Bruder des Mannes, Freddi.
Toni sah seinen Bruder an.
– Was weißt du über Strom? Du weißt nichts über Strom.
– Ach nein?
Tonis Bruder Freddi arbeitete in einer der Fabriken außerhalb der Stadt in der Ebene, und manchmal arbeitete er auch aushilfsweise auf dem Schlachthof.
Ganz früher, als sie noch sehr jung waren, hatten beide Brüder eine Zeitlang im Stahlwerk gearbeitet.
Wenn die Leute in der Stadt einen Handwerker brauchten, holten sie Toni, und wenn Toni für eine Arbeit einen zweiten Mann brauchte, nahm er seinen Bruder mit, Freddi. Freddi war jünger als Toni.
Die beiden Brüder arbeiteten seit Sonnenaufgang auf dem Dach eines fünfstöckigen Mietshauses.
Sie hatten auf dem Dach einen alten, großen Wassertank repariert. Der alte Tank war aus Holz. Die Arbeit an dem großen Tank war nicht einfach. Die Leiter, die an dem großen Tank lehnte, war morsch. Eine eigene Leiter hatten die beiden Männer nicht, und es war auch keine Leiter zu beschaffen, die lang genug war.
Nachdem sie mit der Reparatur des Tanks fertig waren, zogen sie an einem Seil, das über eine Rolle an einem Ausleger lief, einen Reservetank und Rohre aus Kunststoff auf das Dach. Die beiden Männer bauten ein einfaches, aber stabiles Gerüst aus Holzbalken. Das Gerüst war wichtig, um die Höhenunterschiede zwischen den Tanks auszugleichen.
Toni und sein Bruder hievten den Reservetank auf das Gerüst aus den Holzbalken. Es entstand zwischen den Tanks auf dem Dach ein kompliziertes Geflecht aus Leitungen.
Toni stieg vom Dach hinunter und schaltete unten an der Zisterne die Pumpe an, aber es stieg kein Wasser aus der Zisterne hoch.
Die elektrische Pumpe war so gut wie neu, aber sie war kaputt, es floss kein Wasser in die Tanks.
Toni baute unten an der Zisterne die Pumpe auseinander, und anschließend baute er sie wieder zusammen, obwohl er in seinem Leben noch nie eine Pumpe auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt hatte, und dann funktionierte die Pumpe.
Er stieg wieder auf das Dach.
Die Tanks liefen voll.
– Gut, sagte Toni später, kann sein. Es stimmt, dass man Strom nicht sehen kann. Aber du weißt, dass er da ist, du weißt, wo er ist. Du kannst ihn nicht sehen, aber du weißt, wo er fließt, er folgt einem Weg, er fließt in Bahnen, verstehst du?
Toni war zu schwer für seine Größe, zu dick. Es zog ein Gewitter auf. Er stand oben auf dem Dach und sah auf zu dem sich verdunkelnden Himmel. Er legte den Kopf schräg.
– Aber Gas, sagte Toni dann, Gas – Gas ist überall.
Der Hund war ein Streuner. Er gehörte niemandem.
Es hieß, der Hund sei dem Jungen hinterhergelaufen und der Junge habe sich um ihn gekümmert, manchmal, heimlich. Seine Eltern wussten davon nichts. Der Junge habe nachts heimlich für den Hund Essensreste vor die Hintertür des Hauses gestellt.
Der Junge hieß Elias. Er war erst fünf. Elias war krank geworden, er hatte seit zehn Tagen hohes Fieber. Seine Eltern waren Ramiel und Irina. Sie hatten den Jungen in das Krankenhaus gebracht, aber die Ärzte hatten gesagt, der Junge könne dort nicht bleiben, die Ansteckungsgefahr sei zu hoch und man habe nicht die Möglichkeit, sich ausreichend um den Jungen zu kümmern. Die Ärzte sagten, es müsse Tag und Nacht jemand bei dem Jungen sein, ohne Unterbrechung, man dürfe den Jungen nicht allein lassen.
Man hatte Ramiel und Irina Medizin für den Jungen mitgegeben, aber das Fieber fiel nicht. Sie wickelten das weinende Kind in nasse und kalte Bettlaken, dann sank das Fieber, aber genauso schnellte es auch wieder in die Höhe, über 41 Grad. Der Junge schwebte zwischen Leben und Tod.
Ramiel, der Mann, der seinen Namen in dem Notizbuch der Lehrerin gefunden hatte, hatte zwei Kinder, zwei Söhne. Der jüngere Sohn war fünf und lag im Fieber. Der ältere Sohn war fünfzehn, er lebte bei seiner Mutter, das war Ramiels erste Frau Julia. Dieser Junge war seit mehreren Tagen, seit der Nacht vor seinem fünfzehnten Geburtstag, verschwunden.
Niemand wusste, wo er war.
Der Junge war in den Fluss gesprungen und verschwunden, aber der Junge war, wie Ramiel selbst, ein guter Schwimmer. Ramiel klammerte sich an die Hoffnung, dass dem Jungen, wo immer er auch sein möge, bei dem Sprung in den Fluss nichts geschehen war, und gleichzeitig wusste er, dass es keinen Grund für diese Hoffnung gab. Vielleicht stand der Junge morgen oder übermorgen wieder vor der Tür. Vielleicht war er aber auch in dem Fluss ertrunken. Vielleicht hatte der Fluss seinen Körper hinausgetragen auf das offene Meer.
Es saß, wie die Ärzte es gesagt hatten, Tag und Nacht jemand bei dem kranken Kind: entweder die Mutter des Jungen, Irina, oder Irinas Mutter, die zu Hilfe gekommen war, oder zwei Frauen aus der Nachbarschaft, Anna und Lucia.
Irinas Mutter hatte gesagt, der Hund habe Unglück über die Familie gebracht, man müsse ihn totschlagen.
Irina arbeitete in dem Stahlwerk in der Buchhaltung. Sie war nicht älter als Ende zwanzig.
– Hast du Angst?, fragte Lucia.
Lucia und Anna waren beide nicht mehr jung. Sie hatten früher auf den Feldern und in den Fabriken gearbeitet, je nachdem, wo sie gerade besser bezahlt wurden. Jetzt putzten sie für Geld in der Nachbarschaft und passten manchmal auf die Kinder der Leute auf.
Anna rauchte und hatte schon etwas getrunken. Es war Sonntagvormittag.
Sie standen an der Straßenecke und beobachteten den strohfarbenen Hund, der etwa drei Meter entfernt von ihnen im Abfall am Straßenrand etwas zu fressen gefunden hatte.
– Angst?, fragte Irina. Ja, sagte sie, ich habe Angst.
Sie hatten nicht viel gefunden, um den Hund zu erschlagen. Sie hatten ein Rohr aus Eisen und ein paar Latten.
Dann ging Irina plötzlich los, mit dem Rohr aus Eisen in der Hand, sie lief in einem Bogen auf den Hund zu, der am Straßenrand etwas im Abfall gefunden hatte und nicht einmal aufsah, als die Frau auf ihn zukam. Der Hund duckte sich erst zur Seite, als sie mit dem Rohr zuschlug. Sie verfehlte den Hund. Der Hund jaulte auf und sprang zurück, aber Anna traf ihn mit einer der Latten.
Der Hund ging zu Boden. Die Latte traf ihn ein zweites Mal.
Der Hund lief jetzt gerade auf Irina zu. Diesmal traf sie den Hund mit dem Rohr, aber sie traf ihn nicht am Kopf. Der Hund fuhr herum und biss sie in den Unterarm.
Irina schrie auf und ließ das Rohr fallen. Sie ging in die Knie.
Anna und Lucia schlugen mit den Latten auf den Hund ein, sie trafen den Hund, und sie trafen Irina.
Sie war am Boden, und der Hund schnappte um sich, doch dann traf Lucia den Hund so hart, dass ihm die Hinterläufe wegrutschten. Anna, die das Rohr aus Eisen aufgehoben hatte, holte aus und erschlug den japsenden Hund.
[...]
Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, ist der meistgespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Er hat als Journalist in Istanbul gearbeitet und war nach dem Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule an den Münchner Kammerspielen engagiert. Seit 1996 arbeitet Roland Schimmelpfennig als freier Autor. Weltweit werden seine Theaterstücke in über 40 Ländern mit großem Erfolg gespielt. Im Fischer Taschenbuch Verlag sind erschienen: ›Die Frau von früher‹, ›Trilogie der Tiere‹ und ›Der goldene Drache‹. 2016 erschien sein erster Roman ›An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts‹.
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Eine Stadt aus Eisen und Stahl, aus Rohren, Gängen und Treppen, die aufs offene Meer hinaustreibt. Ein Junge, der sich tagelang durch die wilde Steppe kämpft. Die Hitze, der Regen. Der Geist eines alten Mannes. Und eine Frau, die zu Hause verhaftet wird und immer wieder die Geschichte eines Königs erzählt: Wie er durch die Wälder und Wüsten zog, um seine Liebe zu vergessen, und wie er auf seiner Wanderung die Sprache der Sterne und des Regens lernte.
In seinem zweiten Roman nimmt sich Roland Schimmelpfennig alle Freiheiten des Erzählens und entführt uns in eine Welt aus Aberglaube, Hoffnung und undurchdringlicher Bürokratie. Wie die Steine früher flüssiges Feuer waren, so sind auch die Menschen in diesem Roman voller Sehnsucht und Wut.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: Jörg Steinmetz
Coverabbildung: Craig Curlee Photography
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-490520-4
