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Verwandlungskunst ist eine Gabe. Sie zu beherrschen eine ungeahnte Macht … Kiki kann es immer noch nicht glauben: Tagsüber ist sie eine unscheinbare Schülerin, nachts die Schöpferin lebhafter Träume. Mutig hält sie an ihrem Versprechen fest, das Traumreich vor den mächtigen Albschatten zu beschützen. Aber allein ist sie chancenlos. Da begegnet Kiki unverhofft ihrer Freundin Lilian mit der weißen Katze Fulan. Steckt in Lilian etwa ebenfalls eine Traumkünstlerin? Gemeinsam gehen die beiden ein gewagtes Bündnis ein – nichtsahnend, dass in ihnen unerwartete Fähigkeiten schlummern … Band 2 der magischen Abenteuerreihe des Autors von White Fox Ein fesselndes und geheimnisvolles Fantasy-Abenteuer für Kinder ab 9 Jahren aus der Feder des chinesischen Bestseller-Autors Chen Jiatong. Coolness, Natur, Action, Tiere und die Macht der Träume sorgen für spannenden Lesespaß. Lerne Lilian und ihre weiße Katze kennen und begleite Kiki und ihren schwarzen Kater in das Reich der Träume. Eine moderne Parabel rund um Traum und Wirklichkeit, Wünsche und Gefahren. Für alle Fans von White Fox! Mit beeindruckenden Schwarz-Weiß-Illustrationen von Marie Beschorner. Der Titel ist bei Antolin gelistet.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2025
INHALT
Fügung des Schicksals
Eine Herzensangelegenheit
Jenseits des Ozeans
Verwandlungskunst
Zwillingssterne
Der Abenteuerpark
Kiki
Traumkünstlerin
Kraft: Wasser
Hat einen schwarzen Kater als Traumlotsen
Lilian
Traumkünstlerin
Kraft: Pflanzen
Ihr Traumlotse ist eine weiße Katze
Der Traumälteste
Regiert über das Reich der Träume
Durch seine Haare ist er mit den Traumräumen der Menschen verbunden
Marlon
Traumkünstler
Hat einen magischen Pinsel
Sissy
Traumkünstlerin
Marlons Partnerin, eine besenreitende Hexe
Herr Yama
Kikis strenger Mathematik- und Klassenlehrer
Ruben
Kikis Mitschüler
Ein schmächtiger Junge, steckt seine Nase am liebsten in Schulbücher
Elias
Schüler aus einem höheren Jahrgang
Gut aussehend, fröhlich und sehr beliebt
KAPITEL 1
Fügung des Schicksals
Der November hatte kaltes Wetter nach Meliaka gebracht und die Blätter der Sonnenschirmbäume in ein goldenes Gelb gefärbt. Kiki bremste ihr Fahrrad und hielt einen Moment lang an, um den Anblick zu genießen: Vom späten Herbstwind getrieben wirbelte das herabgefallene Laub über die Gehwege. Sie flitzte auf ihrem Rad weiter die Allee entlang. Es war kühl, trotz der Jacke, die sie über die Schuluniform angezogen hatte, und der Schultasche, die ihren Rücken ein wenig wärmte.
Kiki war ein schmales, blasses Mädchen mit lebhaften Augen, kurzem Haar und vielen feinen Sommersprossen in einem runden Gesicht. Zwei Monate war es nun her, dass ein schwarzer Kater in ihr Leben getreten war. Von diesem Kater hatte sie die geheimnisvollste Kunst der Welt erlernt: die Traumkunst. Tagsüber war Kiki eine ganz und gar unscheinbare Schülerin der Klasse 8C in der Gengu-Mittelschule in Meliaka. In der Nacht aber schuf sie für andere Menschen wunderschöne Träume. Dieses Doppelleben fand sie kein bisschen erschöpfend, ganz im Gegenteil. Sie mochte ihre neue Aufgabe und sie hatte Freude an der Traumkunst. Die Menschen waren glücklich, wenn sie sich etwas wünschen konnten. Und Kiki war glücklich, wenn sie diese Wünsche erfüllte.
In der Schule war Kiki jetzt mit Lilian befreundet. Die beiden saßen in der Klasse nebeneinander, gingen nach dem Unterricht gemeinsam in den Schulhof und aßen auch mittags in der Kantine zusammen. Die sanfte, elegante Lilian war aus dem Wellington College in Riverton neu an Kikis Schule gekommen. Mit Kiki war sie von Anfang an auf einer Wellenlänge gewesen. Wenn sie freihatten, nahm Kiki Lilian auf ihrem Fahrrad mit und so erkundeten sie die Gegend. Lilian wiederum schenkte Kiki immer wieder selbst gebackene Süßigkeiten: Schokoladenkuchen, die aussahen wie kleine Bären, Käsekuchen, Erdbeermuffins … Der Rest der Klasse beneidete sie um diese Leckereien sehr. So kostete Kiki zum ersten Mal in ihrem Leben den Geschmack echter Freundschaft. Das Umfeld, in dem Lilian aufwuchs, war ganz anders als ihres. Auch ihre Persönlichkeiten ähnelten sich eigentlich nicht. Und doch ging den beiden nie der Redestoff aus: Sie erzählten einander alles, was sie beschäftigte. So teilten sie ihre Freuden und Sorgen.
In der Schule stand die Zeit der Zwischenprüfungen bevor und in allen Fächern war auf einmal viel zu tun. Kiki geriet wie üblich in Panik, vor allem in ihrem Angstfach Mathematik. Die langen, komplizierten Formeln in ihrem Schulbuch frustrierten sie und sprangen ihr aus jeder Seite entgegen, hämisch wie kleine Dämonen. Von Tag zu Tag türmten sich die Hausaufgaben höher. Den neuen Stoff zu lernen und auch noch ältere Kapitel zu wiederholen wurde zunehmend schwieriger. Manchmal schweiften Kikis Gedanken meilenweit ab. Lilian hingegen war fleißig wie immer. Sie nahm den Unterricht ernst, stellte häufig Fragen und übte abends noch bis spät in die Nacht. Jedes Mal, wenn Kiki etwas vom Stoff nicht verstand, bat sie Lilian um Hilfe. Und Lilian beantwortete all ihre Fragen mit Geduld.
Dann war es endlich so weit. Die Spannung ließ sich an diesem Tag beinahe mit Händen greifen: Aufgeregt und nervös betraten die Schüler das Klassenzimmer. Kiki setzte sich auf ihren Platz und atmete tief durch. Lilian kam als eine der Letzten. Als erstes Prüfungsfach stand heute Morgen Sprache und Literatur bei Frau Tschou auf dem Plan. Wie gewöhnlich trug die Lehrerin ein schlichtes Kleid, über das ihr langes Haar fiel. Eine Menge Armreifen, die an ihren Handgelenken baumelten, perfektionierten ihr Erscheinungsbild.
Frau Tschou verteilte die Prüfungsbögen und setzte sich hinter das Lehrerpult. Die Klasse begann eifrig, in die Prüfungshefte zu kritzeln. Die Lehrerin holte einen Handspiegel aus ihrer Tasche und studierte darin nachdenklich die kleinen Falten in ihrem Gesicht. Schon bald war sie seufzend so sehr darin vertieft, dass sie den Schülern keine Beachtung mehr schenkte. Kiki kam gut durch die Prüfung, nur den Aufsatz für die letzte Frage schaffte sie nicht mehr ganz.
Das nächste Prüfungsfach war Mathematik. Herr Yama betrat das Klassenzimmer mit einem Stapel Hefte und Prüfungsbögen im Arm. Sein schwarzes Haar war streng nach hinten gekämmt, er trug ein altmodisches schwarz gestreiftes Hemd und den Bund seiner Hose hatte er durch einen Gürtel ungewöhnlich hoch geschnallt. Herr Yama war Kikis Klassenlehrer. Er war jähzornig, stur und in der ganzen Schule für seine Strenge bekannt.
»Es ist so weit. Heute ist es an der Zeit, eure Fortschritte zu überprüfen. Ich habe alles getan, um euch den Stoff beizubringen. Vielleicht habe ich meine Zeit ja verschwendet, wir werden sehen.« Herr Yama stellte sich hinter das Pult und setzte seine typisch unzufriedene Miene auf. »Für ein paar von euch gilt das ganz besonders. Wer ständig darauf aus ist, Ärger zu machen …« Demonstrativ wandte er sich zu Kiki um. Kiki richtete ihren Blick schnell auf einen höchst interessanten Fleck an der Wand.
»Ihr habt zwei Stunden Zeit, auf die Sekunde genau. Während der Prüfung ist es euch nicht erlaubt, zu reden oder euer Mobiltelefon auch nur anzufassen. Schummeln ist verboten!« Herr Yama teilte die Bögen aus und stellte sich wieder zurück hinter das Pult. »Erwische ich irgendjemanden bei etwas Unerlaubtem, so ist die Prüfung für diese Person auf der Stelle beendet und wird nicht benotet! Habt ihr das verstanden?«
»Verstanden!«, antworteten die Schüler im Chor.
»Dann fangt jetzt endlich an!«, schrie Herr Yama so laut und plötzlich, dass Kiki vor Schreck beinahe ihr Federmäppchen vom Tisch stieß.
Die Schüler begannen zu schreiben, Herr Yama setzte sich und fing an, Hausarbeiten zu korrigieren. Schwungvoll ließ er seinen Kugelschreiber über das erste Heft gleiten. Nichts als das Kratzen von Stiften auf dem Papier war noch zu hören. Es war auf beinahe unheimliche Weise still geworden.
Schon bei dem ersten Blick auf die Prüfungsfragen wurde Kiki schwummrig. Die Aufgaben waren noch schwieriger, als sie erwartet hatte. Sie richtete sich auf, sah sich um und stellte fest, dass so ziemlich all ihre Klassenkameraden stirnrunzelnd über den Fragen saßen. Einige starrten mit gezücktem Stift vor sich hin, andere hatten wohl bereits aufgegeben und notierten ohne viel Nachdenken Fantasieantworten auf den Blättern. Dieses Mal wollte es Herr Yama wirklich wissen.
Haareraufend begann Kiki mit der Herleitung der Formeln. Schon bald hüpften und verschwammen die Zahlen vor ihren Augen. Heimlich blickte sie sich nach Lilian um. Ihre Freundin hatte bereits mindestens die Hälfte der Fragen beantwortet. Hinter Lilian bewegte sich etwas – es war Tavis, der seinen Hals lang machte und von hinten verstohlen einen Blick auf Lilians Antworten warf! Und er notierte sich offenbar alles, was er sich merken konnte, auf seinem eigenen Prüfungsbogen.
Tavis war ein richtiger Fiesling. Er und sein Kumpel Ifu stellten gemeinsam jede Menge Unfug an. Sie stahlen ihren Mitschülern das Pausenbrot, schikanierten und ärgerten andere und machten mit Begeisterung alle möglichen Dinge in der Schule kaputt. Kiki hatte unter den beiden besonders oft zu leiden. Aber Lilian war so sehr in ihren Fragebogen vertieft, dass sie Tavis überhaupt nicht bemerkte.
Kiki rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie musste Tavis davon abhalten, von Lilian abzuschreiben. Haargleiche Antworten in zwei verschiedenen Prüfungsheften? Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie Herr Yama darauf reagieren würde.
»Hey, Lilian!«, flüsterte Kiki.
Doch Lilian bemerkte sie nicht. Die langen Locken verdeckten ihr Gesicht und sie sah nicht von ihrem Heft auf. Nur Tavis hatte Kiki gehört und warf ihr einen drohenden Blick zu: Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, sollte das wohl heißen.
»Lilian, Lilian!«, raunte Kiki.
»Ruhe!« Herr Yama blickte auf und musterte die Klasse streng. Tavis zog sofort seinen Kopf ein. »Keine miesen Tricks!«
Kaum hatte sich der Lehrer wieder über die Hefte gebeugt, schummelte Tavis hemmungslos weiter. Nach einer Weile warf er jede Vorsicht über Bord und stand sogar von seinem Platz auf, um einen besseren Blick auf Lilians Antworten zu erhaschen.
»Herr Yama, Tavis schummelt!«, rief Kiki. Etwas Besseres wollte ihr in der kurzen Zeit einfach nicht einfallen.
»Was?« Herr Yama richtete seine Adleraugen direkt auf sie. Einer nach dem anderen hörten die Schüler auf zu schreiben und drehten sich zu Kiki um.
»Du lügst!«, wehrte sich Tavis gereizt.
»Ich habe es aber gesehen. Du schreibst schon die ganze Zeit von Lilian ab!«, erwiderte Kiki. Lilian blickte die beiden überrascht an.
»Habe ich gar nicht!«, keifte Tavis nervös zurück.
Der Klassenlehrer kam mit eiligen Schritten auf Tavis zu. Missmutig zog er ihm das Prüfungsheft unter den Händen weg und trat neben Lilian, um die Ergebnisse zu vergleichen. Die Antworten glichen sich exakt.
»Was hat das zu bedeuten?« Herr Yama hielt Tavis das Heft vor die Nase.
»Ich … ähm …« Tavis lief rot an. Abstreiten konnte er jetzt nichts mehr.
Eingeschüchtert beobachtete die Klasse, wie Herr Yama den Prüfungsbogen zu einer Papierkugel zerknüllte und in den Mülleimer warf.
»Los, ab nach Hause mit dir! Sag deinen Eltern, dass ich sie in der Schule sprechen will!«, befahl Herr Yama.
Tavis stapfte wütend aus dem Klassenzimmer. Von der Tür aus warf er Kiki zum Abschied einen letzten zornigen Blick zu.
Die Prüfung konnte weitergehen, und da nicht mehr viel Zeit übrig war, konzentrierten sich alle auf ihre Arbeiten. Kiki riss sich zusammen und gab ihr Bestes, zumindest alle Aufgaben einmal durchzugehen. Ein Viertel davon blieb auch am Ende noch leer. Sie wusste einfach nicht, wie sich die Antworten ableiten ließen.
Nachdem Herr Yama alle Hefte eingesammelt hatte, packten Kiki und Lilian ihre Sachen und machten sich auf den Heimweg. Auf dem Schulflur hörten sie Tavis schreien – er war zurück, mit seiner Mutter, die ihn schimpfend in Richtung Lehrerzimmer zog. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden war kaum zu übersehen: Auch seine Mutter war breit und stämmig. Und das Gesicht, das sie zog, war ausgesprochen grimmig.
Die Matheprüfung war vorbei! Kiki fühlte sich unendlich erleichtert. Die restlichen Zwischenprüfungen bereiteten ihr kaum noch Probleme und die darauffolgenden Tage verliefen wieder viel besser.
Schließlich hatten sie auch den letzten Test in Geschichte hinter sich gebracht. Als Herr Livius die Arbeiten einsammelte, war das gleichzeitig das Ende der Zwischenprüfungen. Lachend verglichen die Schüler ihre Antworten untereinander. Der Lärm schwoll so sehr an, dass das Klassenzimmer einem aufgeregt summenden Bienenstock glich.
Lilian schnappte sich ihre Bücher und zog Kiki mit nach draußen für einen Spaziergang über den Sportplatz.
»Die Prüfungen sind geschafft!«, jauchzte Kiki und warf beide Arme in die Luft. »Endlich! Wir haben uns eine richtige Pause verdient.« Die Freundinnen folgten der roten Laufbahn. Ein Windstoß trug ihnen den Duft von frisch gemähtem Gras entgegen.
»Was hast du mit deiner freien Zeit vor?«, fragte Lilian und sah Kiki von der Seite an.
»Lesen! In die Luft starren! Schlafen – und träumen!«, jubelte Kiki.
»Du bist wirklich zu beneiden, Kiki. Du kannst einfach tun, was du willst …« Lilian starrte nachdenklich auf ihre eigenen Füße.
»Du denn etwa nicht?«
»Mein Tag ist von früh bis spät durchgeplant. Da bleibt meistens nicht mal eine Sekunde Zeit für mich selbst«, sagte Lilian und lächelte etwas bekümmert. »Wenn ich von der Schule nach Hause komme, habe ich erst Englischnachhilfe, dann Ballettunterricht. Danach muss ich den Schulstoff wiederholen und Hausaufgaben machen. Am Abend übe ich Klavier, bis es Zeit ist fürs Bett. Manchmal lese ich sogar noch vor dem Schlafengehen, aber auch das sind dann meistens Bücher, in denen man etwas lernt, über Literatur oder über Kunst …«
»Puh, bei dir zu Hause geht es aber streng zu!«, murmelte Kiki schnaufend. Einen furchtbaren Moment lang stellte sie sich vor, wie es wäre, ein Leben wie Lilian zu führen. Mitleid ergriff sie. Auch ihre Freundin hatte Sorgen, ganz egal, wie perfekt sie manchmal auf andere wirkte.
»Miau!« Als Kiki den Schrei einer Katze hörte, drehte sie sich erstaunt um. Hinter ihr stand eine vertraute Gestalt: Bobbi. Er musterte sie verschmitzt aus seinen bernsteinfarbenen Augen. Mir ist langweilig, sagte sein Blick ganz eindeutig.
Bobbi war kein gewöhnlicher Kater, er war Kikis Traumlotse. Sein Erkennungszeichen war ein muschelförmiger weißer Fleck auf der Stirn, doch noch ungewöhnlicher war seine Fähigkeit, menschliche Gefühle zu wittern. So half er Kiki nachts dabei, Träume für die Menschen zu erschaffen.
»Bobbi! Was machst du denn hier?«, rief Kiki. Sie hob ihn hoch und kraulte seinen Hals. Der Kater reckte ihr genüsslich den Kopf entgegen und schnurrte dabei wohlig.
»Ist das deine Katze?«, fragte Lilian aufgeregt. »Die ist ja süß!« Begeistert streichelte sie Bobbi den Kopf.
»Ja, das ist Bobbi. Er sieht brav aus, aber …« Kiki kniff die Augen zusammen und sah ihm ins Gesicht. »Hin und wieder ist er auch ganz schön frech.«
»Miauu!«, protestierte Bobbi fauchend und fuhr seine Krallen aus.
»Das Muster auf seiner Stirn ist wirklich schön!«, bemerkte Lilian interessiert. »Darf ich ihn mal halten?«
»Na klar!« Kiki reichte ihr Bobbi.
»Der ist aber lieb. Ich will auch eine Katze haben!« Bobbi schnurrte verzückt, als Lilian ihr Gesicht in sein Fell drückte.
Die Freundinnen unterhielten sich noch eine Weile, bis ein schwarzes Auto vorfuhr, um Lilian abzuholen. Sie verabschiedete sich rasch von Kiki, da ihr nicht viel Zeit blieb. Kiki setzte Bobbi in ihren Fahrradkorb, um sich auf den Nachhauseweg zu machen. Sie trat in die Pedale und der Fahrtwind fuhr durch Bobbis Fell.
»Bleib stehen!«, rief ihr eine Stimme herausfordernd von hinten zu.
Kiki bremste langsam ab und hielt an. Mit einem Fuß auf dem Boden und dem zweiten am Pedal sah sie sich suchend um. Da entdeckte sie Tavis, der vom Schultor her auf sie zugelaufen kam.
»Kiki!«, schrie Tavis wütend. »Wehe, du fährst weiter!«
»Tavis?«, fragte Kiki unsicher.
»Blöde Kuh! Loserin!«, schimpfte Tavis und streckte den Zeigefinger nach Kiki aus. »Wegen dir habe ich null Punkte in Mathe bekommen! Du bist schuld daran, dass meine Mutter sauer auf mich ist! Die ganze Klasse lacht mich aus! Dich mache ich fertig!«
»Du bist es doch, der geschummelt hat! Du hast Lilian in Schwierigkeiten gebracht und dich selbst gleich mit!«, schrie Kiki zurück.
»Du kommst mir nicht so einfach davon!« Tavis war jetzt nahe genug und versetzte Kiki einen Stoß. Sie verlor das Gleichgewicht und stolperte unbeholfen mit dem Fahrrad zwei Schritte zurück.
»Miau!« Bobbi sprang mit einem Satz aus dem Fahrradkorb und stellte sich schützend vor Kiki. Mit aufgestelltem Fell, hoch aufgerichtetem Schwanz und gefletschten Zähnen fauchte er Tavis drohend an.
»Hau ab!«, schimpfte Tavis und trat nach Bobbi.
»Bobbi!« Kiki schrie vor Schreck auf. Sie war außer sich vor Wut. Sie ließ ihr Fahrrad fallen und schlug Tavis mit der Hand ins Gesicht.
Mit zur Seite gedrehtem Kopf sah er Kiki aus den Augenwinkeln erstaunt an. Seine Faust traf sie am Unterkiefer. Kiki strauchelte und fiel. Tavis grinste, doch Kiki funkelte ihn ohne jedes Zeichen von Furcht oder Schwäche an. Da rappelte sich Bobbi wieder auf, eilte ihr zur Hilfe und kratzte Tavis mit einem gezielten Sprung am Oberarm. Tavis schüttelte entsetzt seinen Arm und schubste den Kater von sich.
In dem Moment packte eine Hand Tavis am Kragen. Aufgebracht und überrascht blickte Tavis auf, direkt in das Gesicht eines groß gewachsenen Jungen, der ihn mit hochgezogener Augenbraue musterte. Der Junge trug ein weißes T-Shirt, eine graue Trainingsjacke und blaue Shorts. Über die Schulter hatte er eine Tasche mit einem Basketball geschlungen und neben ihm war ein schwarzes Mountainbike abgestellt. Elias!
Elias war ein Freund von Lilian aus ihrer frühen Kindheit, immer gut gelaunt und ziemlich beliebt. Kiki kannte ihn durch Lilian mittlerweile ganz gut.
»Du schlägst Mädchen?«, sagte er voller Verachtung und sah Tavis ernst an.
»Kümmer dich um deinen eigenen Kram!«, schrie Tavis böse und stürmte auf Elias zu. Der wich ihm geschickt mit einem Schritt zur Seite aus. Als Tavis nicht von ihm abließ, blockierte Elias seinen Angriff mit einer Hand. Tavis war jetzt so außer sich, dass er von seiner Umgebung kaum noch etwas wahrnahm. Blind vor Wut rammte er Elias.
»Pass auf!«, rief Kiki.
Elias blieb ruhig und hielt Tavis an der Schulter fest. Doch der war so in Fahrt, dass er auch noch über Elias’ Fuß stolperte und mit einem lauten Plumpsen wieder auf dem Boden landete. Als Tavis begriff, dass er gegen Elias keine Chance hatte, heulte er vor Frust laut auf.
»Ich warne dich! Wehe, du ärgerst Kiki noch einmal. Dann bekommst du es mit mir zu tun!«, sagte Elias und zeigte mit dem Finger auf Tavis. »Hast du verstanden?«
»Ja, ich hab dich verstanden!«, murmelte Tavis eingeschüchtert. »Ich werd’s nicht wieder tun!«
»Und jetzt hau ab!«, befahl Elias.
Tavis stand auf und lief los, ohne sich noch einmal umzudrehen.
»Alles in Ordnung, Kiki?«, fragte Elias sanft und streckte ihr die Hand entgegen.
»Alles in Ordnung.« Kiki blickte auf und zog sich an seiner Hand nach oben. Ihre Wangen brannten wie Feuer und ihr Herz klopfte immer noch wild.
»Was hast du ihm denn bloß getan?«
»Ach, weißt du … Er hat von Lilian abgeschrieben und ich habe ihn verpetzt. Deshalb ist er böse auf mich«, erklärte Kiki.
»Was bildet der sich denn ein?!« Elias runzelte empört die Stirn. »Gib mir Bescheid, wenn er dir noch einmal blöd kommt.«
»Okay.« Kiki strich ihre Kleidung glatt und hob Bobbi vorsichtig hoch, um ihn genauer zu untersuchen. Zum Glück hatte er nichts Ernsthaftes abbekommen.
»Kannst du damit weiterfahren?«, fragte Elias und stellte Kikis Fahrrad wieder auf.
»Sollte eigentlich kein Problem sein.« Kiki setzte Bobbi zurück in den Fahrradkorb. »Ach, die Kette ist rausgesprungen!«
»Warte mal.« Elias ging in die Hocke und zog die Kette des Fahrrads hoch. Konzentriert legte er sie wieder auf das Kettenblatt, drehte die Pedale und kurz darauf war alles wieder, wie es sein sollte. »Siehst du, das war’s!« Er grinste.
»Super!«, bedankte sich Kiki und schob ihr Fahrrad ein paar Schritte weiter. »Du hast mir heute wirklich sehr geholfen, Elias, danke!«
»Nichts zu danken. Fahr lieber schnell nach Hause!« Elias klopfte Kiki zum Abschied leicht auf die Schulter und lächelte breit. »Ich muss auch los, tschüss!«
Er winkte Kiki zu und stieg wieder auf sein eigenes Fahrrad.
»Tschüss!«, rief Kiki und winkte zurück.
Am nächsten Tag kam Kiki mit einem deutlich sichtbaren blauen Fleck im Gesicht zur Schule. Lilian reagierte sehr wütend, als Kiki ihr die ganze Geschichte erzählte. Doch sie war froh, dass Elias Kiki geholfen und Tavis am Ende eine Lektion erteilt hatte, die er nicht so schnell vergessen würde. Tavis selbst schien ein wenig Angst vor Kiki zu haben und ging ihr mit gesenktem Blick aus dem Weg. Auch Ifu war leichter zu ertragen, jetzt, wo sein Kumpel sich zurückhielt und keinen Unfug mehr trieb.
Ein paar Tage darauf verkündete Herr Yama die Ergebnisse der Zwischenprüfungen. Dass Lilian tatsächlich Klassenbeste war, brachte ihr bei der Bekanntgabe ein paar neidische Blicke ein. Die deutlichste Reaktion darauf zeigte jedoch Ruben. Es war das allererste Mal, dass er nicht als Bester abschnitt. Als er das begriff, sackte er leicht auf seinem Tisch nach vorn. Von hinten war zu erkennen, dass seine Schultern bebten. Ruben war ein Einserschüler und steckte seine Nase unheimlich gern in Schulbücher. Er war ausgesprochen sensibel, und bevor Lilian zu ihnen in die Klasse gekommen war, hatte er Kiki von allen Mitschülern noch am nächsten gestanden.
Kiki selbst schnitt in den meisten Fächern recht gut ab – und in ihrem Angstfach Mathematik hatte sie tatsächlich knapp bestanden. Als sie die Ergebnisse hörte, seufzte sie vor Erleichterung auf. Herr Yama konnte ihr jetzt nichts mehr vorwerfen. Das hatte sie Lilians regelmäßiger Hilfe beim Lernen zu verdanken.
»Hey, gut gemacht!«, sagte Kiki zu Lilian nach dem Unterricht und lachte fröhlich. »Du bist wirklich unglaublich!«
»Ach was, ich hatte bloß Glück.« Lilian wurde rot. »Aber feiern müssen wir trotzdem, ja? Ich lade dich zum Essen ein!«
»Jaaa!«, jubelte Kiki.
»Ich schaue mal in meinen Kalender. Hmmm …« Lilian öffnete den Kalender auf ihrem Handy und schaute ihn sorgfältig durch. »Wann könnten wir beide denn Zeit haben …«
»Lilian, deine Augenringe sind aber ganz schön dunkel. Hast du nicht gut geschlafen?«
»Tja … In letzter Zeit schleicht eine weiße Katze ständig um unser Haus herum. Sie schreit nachts so laut, dass ich jedes Mal wieder davon wach werde«, erklärte Lilian.
»Eine weiße Katze? Gehört sie vielleicht euren Nachbarn?«
»Früher ist sie mir jedenfalls noch nie begegnet. Ich vermute, es muss ein Streuner sein.«
»Bestimmt hat sie bloß Hunger. Hast du ihr etwas zu Fressen gegeben?«
»Ja, aber sie schreit trotzdem weiter«, murmelte Lilian nachdenklich. »Vielleicht verschwindet sie ja irgendwann wieder ganz von selbst.«
In diesem Moment stand Ruben von seinem Platz auf und lief aus dem Klassenzimmer. Es wurde zunächst still, dann begannen alle zu tuscheln. Ruben war heute nicht er selbst, dachte Kiki, sprang auf und lief ihm hinterher. Er war bereits auf der Treppe und rannte hinaus Richtung Sportplatz – doch Laufen war einfach nicht seine Stärke. Kiki holte ihn kurz nach dem Tor ein.
»Ruben, warte!«, rief Kiki.
Er blieb stehen, drehte sich zu Kiki um und sah sie traurig an.
»Was ist los mit dir?«, fragte Kiki besorgt.
Schweigend trabte Ruben weiter in Richtung Sportplatz.
»Ist bei dir zu Hause alles in Ordnung? Geht es dir nicht gut?«, hakte Kiki nach, während sie ihm hinterherhastete. »Hat dich einer der Lehrer kritisiert?«
Keuchend beschleunigte Ruben sein Tempo.
»Bleib jetzt endlich stehen! Was ist denn bloß los mit dir?«, fragte Kiki ein wenig ärgerlich.
Der Junge blieb stehen und drehte sich langsam zu ihr um. Unter seinen dicken Brillengläsern erkannte sie Tränen.
»Kiki, ich bin nicht mehr der Beste in der Klasse …« Ruben schluchzte. Kiki grinste unwillkürlich und hielt sich schnell die Hand vor den Mund. »Du … du lieber Himmel, wie kann man mit einem zweiten Platz so unzufrieden sein?« Ihr war gleichzeitig nach Lachen und nach Weinen zumute.
»Aber ich war noch nie nicht der Beste! Und dabei war ich so fleißig! Und es hat trotzdem nicht gereicht …« Ruben entfuhr ein heftiger trockener Husten.