Eine Lady riskiert alles - Stephanie Laurens - E-Book
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Eine Lady riskiert alles E-Book

Stephanie Laurens

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Beschreibung

Neville Roscoe ist ein Mann, der nach seinen eigenen Regeln lebt und sich nicht um sein Ansehen in der Gesellschaft kümmert. Ungezügelt frönt der Besitzer mehrerer Spielhöllen seinen Leidenschaften. Ursprünglich hat er dieses Leben in der verruchten Halbwelt Londons nur gewählt, um seine Familie vor dem Ruin zu retten. Doch die Rückkehr in die feine Gesellschaft bleibt dem Adeligen nun verwehrt. Als die unbescholtene Lady Miranda Clifford ihn unversehens um Hilfe bittet, zögert er nicht, ihr wie ein echter Gentleman zur Seite zu stehen. Je mehr Zeit er in ihrer Nähe verbringt, desto verlockender wird der Gedanke, seine lasterhafte Vergangenheit hinter sich zu lassen … »Eine witzige und charmante Story, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite begeistern wird.« Kirkus Reviews

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EPUB

Seitenzahl: 884

Veröffentlichungsjahr: 2018

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MIRA® TASCHENBUCH

Copyright © 2018 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der englischen Originalausgabe: The Lady Risks All Copyright © 2012 by Savdek Management Proprietary Ltd. erschienen bei: Avon Books, an imprint of HarperCollins Publishers LLC, New York, U.S.A.

Covergestaltung: büropecher, Köln Coverabbildung: R. Goshgarian/Harlequin Books S.A. Redaktion: Lektorat: Annkatrin von Roth E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783955768867

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Prolog

Lord Julian Roscoe Neville Delbraith, zweitgeborener Sohn des Duke of Ridgware, war ein Taugenichts. So sehr gar, dass er dem Begriff eine neue Bedeutung gab. Groß gewachsen, mit dunklem Haar und von gefährlich gutem Aussehen, pirschte er mit der animalischen Anmut eines Panthers auf Beutezug durch die besseren Kreise der Londoner Gesellschaft, getrieben von einem Hunger, den es zu stillen galt und der auch reichlich gestillt wurde. Die Gentlemen fanden ihn einen kapitalen Burschen, dessen Bekanntschaft man sich gern rühmte, wohingegen die Damen seine unfehlbare Eleganz zu schätzen wussten, sein Geschick auf dem Tanzparkett, seinen Charme und den gelegentlich aufblitzenden messerscharfen Witz. Sein Aufzug war stets von erster Güte, und seine Pferde ließen jeden Peer vor Neid erblassen. Wein, Frauen und Glücksspiel waren – wenn auch in umgekehrter Reihenfolge – sein bevorzugter Zeitvertreib, was nicht weiter verwunderlich war. Die Delbraiths brachten seit Generationen Männer hervor, denen das Spiel wie eine Sucht war. Es lag ihnen im Blut, ja, manche nannten es gar einen Fluch.

So gesehen musste man es Lucasta, Lord Julians Mutter und Schutzherrin der Delbraiths in der vorherigen Generation, hoch anrechnen, dass sie es mit starker Hand vermocht hatte, ihren Gatten Marcus, Julians Vater, im Griff zu haben und das Familienvermögen zusammenzuhalten. Wohl hätte auch Marcus liebend gern alles aufs Spiel gesetzt, aber dem hatte Lucasta einen Riegel vorgeschoben, und zwar sehr energisch. Es schien sich auszuzahlen, denn ihr erstgeborener Sohn George war denn auch der erste Delbraith seit ungezählten Generationen, der keine Anzeichen des Familienfluchs aufwies.

Manch einer mochte meinen, dass Lucastas rühmliches Bemühen um Marcus und George ihr keine Kraft mehr ließ, ein ähnliches Wunder auch bei Julian zu bewirken, andere glaubten, dass Julian einfach zu halsstarrig war und damit selbst seiner Mutter über den Kopf wuchs. In den Augen des ton war Julian der Inbegriff des männlichen Delbraith, sein Archetypus sozusagen. Dagegen war selbst Lucasta machtlos.

Andererseits war es auch kein Beinbruch, dass Julian mit solcher Begeisterung dem Fluch der Delbraiths frönte, war doch George der Erbe.

Und George war ganz anders als sein Bruder. Ein großer, ruhiger Mann, stark und verlässlich, wenn auch etwas fade, schien er keinerlei Laster zu haben. In Gesellschaft, wo Julian lebhaft, unterhaltsam, bisweilen auch unverschämt war, stand George schweigsam dabei, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und dachte sich seinen Teil. Kurzum, George war ein Langweiler, aber auch das war nicht weiter schlimm, denn als Erbe war George eine sichere Bank, und darauf kam es an.

Folglich konnten ton und Familie sich eines stillen, erleichterten Lächelns nicht enthalten, als George nach dem Tod seines Vaters den Titel übernahm. Das Lächeln wurde breiter, als George eine ausgesprochen vorteilhafte Ehe mit Caroline einging, Tochter des Earl of Kirkcombe, eine vernünftige junge Dame, die allseits hoch angesehen und geschätzt war.

Caroline schloss sich dem Urteil ihrer Schwiegermutter an und fand George ohne Fehl und Tadel, zumindest was seine Immunität gegen den Familienfluch anging. Dass es in eher intimeren Bereichen durchaus Mängel gab, behielt sie für sich, wie es sich gehörte. Nach außen hin rühmte sie George, wo sie nur konnte, und die Gesellschaft sah es mit Wohlgefallen. Wenig verwunderlich, dass Caroline sich so gar nicht für ihren Schwager, den schönen, schamlos verkommenen Wüstling Julian erwärmen konnte. Sie gab deutlich, wenn auch unausgesprochen, zu verstehen, dass sein Einfluss unerwünscht, da schädlich sei und sie ihn von ihrem Gatten, sich selbst und dem Kind, das sie erwartete, fernzuhalten wünsche.

Julian, der für solche feinen Schwingungen durchaus empfänglich war, beugte sich dem unausgesprochenen Wunsch seiner Schwägerin. Letztlich war sie die Frau seines Bruders, die Duchess – was kümmerte es ihn? Seine zuvor recht häufigen Besuche auf Ridgware, dem Familiensitz in Staffordshire, wo er sich zunächst nach dem Befinden seiner Mutter erkundigte, um dann mit seinen drei deutlich jüngeren Schwestern herumzutoben, wurden mit der Zeit immer seltener, bis er sich gar kaum noch blicken ließ. Die Dienerschaft, die weit mehr mitbekam, als man meinen mochte, bedauerte das sehr, aber natürlich gab niemand etwas auf ihre Meinung.

Dann brachte Caroline ihr Kind zur Welt, einen Sohn, der auf den Namen Henry George Neville Delbraith getauft wurde und rein äußerlich sämtliche Züge eines echten Delbraith zeigte. Caroline sah es verständlicherweise mit Sorge und schwor sich, ihn auf Teufel komm raus vor dem Fluch der Delbraiths zu bewahren.

Am Tag der Taufe fand Julian sich in der Kirche ein, setzte sich zu seiner Mutter und den Schwestern und kam sich vor wie die böse Fee im Märchen, als er unter Carolines vernichtendem Blick seiner Mutter das wirklich unverfängliche Taufgeschenk überreichte, damit wiederum sie es seinem Neffen übergebe, und sowie die Zeremonie beendet war, schüttelte er seinem Bruder die Hand, wünschte seiner Schwägerin und dem ängstlich gehüteten Bündel in ihrem Arm alles Gute und fuhr unverzüglich zurück nach London.

Danach besuchte Julian seine Mutter und seine Schwestern nur noch, wenn Caroline und nach Möglichkeit auch Baby Henry außer Haus weilten. Wenn George da war, schaute Julian kurz bei ihm herein, aber da sie ihrem Wesen nach so grundverschieden waren und die Verantwortung des Titels zudem schwer auf Georges Schultern lastete, fanden die Brüder nie viel zu sagen; die ein oder andere Bemerkung wurde gemacht, vielleicht eine Beobachtung, die sie miteinander teilten, ehe sie wieder – freundschaftlich, aber einander doch fremd – getrennter Wege gingen.

Derweil füllte Julian sein Leben mit Glücksspiel und den üblichen Ausschweifungen. Das Glück war ihm hold: Karten, Würfel, Pferderennen und überhaupt alles, was rannte oder anderweitig rasant war – er spielte gern auf Risiko und setzte große Summen. Was ihm an Zeit noch blieb, verbrachte er mit Tändeleien, einst mit halbseidenen Kokotten, aber nun zunehmend mit gelangweilten Ehefrauen seiner eigenen Kreise. Auch als Weinkenner wurde er geschätzt, wenngleich man ihn noch nie betrunken erlebt hatte. Was daran liegen mochte, dass Trunkenheit und Glücksspiel keine treffliche Kombination waren und Julian es mit dem Familienfluch sehr ernst nahm.

Und so zogen die Jahre ins Land.

Hätte man einen seiner Peers gefragt, wie es um die Finanzen Lord Julian Delbraiths bestellt sei, wäre wohl die einhellige Antwort gekommen, dass er nur noch einen Schritt vom Ruin entfernt war. Dass ihm das Wasser bis zum Hals stehe und er bald kläglich untergehen werde. Dem erfahrenen Beobachter war es unvorstellbar, wie man auf Dauer ein so ausschweifendes Leben führen und dem Glücksspiel frönen konnte, ohne einen Berg Schulden anzuhäufen. Spieler verloren immer, das war allgemein bekannt, wenn nicht auf kurze, so doch auf lange Sicht. Glücksspiel hatte noch jeden ins Unglück gestürzt.

Eine Auffassung, die Caroline, Duchess of Ridgware, sehr nachdrücklich teilte. Mehr noch, sie glaubte, dass ihr nichtsnutziger Schwager peu à peu das Familienvermögen verprasste, aber wann immer sie diese Sorge ihrem Gatten gegenüber zur Sprache brachte, schaute George nur grimmig drein und versicherte ihr, dass sie sich da täuschte. Wenn sie indes beharrte, da es doch das Erbe ihres Sohnes zu schützen galt, wurde George schmallippig und erklärte ihr kühl, dass Julian lediglich das bescheidene Einkommen bezog, das ihm laut dem Testament ihres Vaters vierteljährlich zustand, und darüber hinaus nichts. Dass Julian noch nie weitere Mittel erbeten hatte, auch nicht bei George persönlich. Caroline glaubte ihm zwar nicht, aber angesichts des für ihren Gatten ungewöhnlichen Temperamentsausbruchs blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn beim Wort zu nehmen und es dabei zu belassen.

Genau genommen wussten nur zwei Menschen über Lord Julians finanzielle Situation Bescheid: zum einen sein Kammerdiener Rundle, zum anderen Jordan Draper, Sohn des langjährigen Prokuristen der Delbraiths. Auf Julians Bitte hatte Jordan seine Finanzgeschäfte übernommen, um sie vom Familienvermögen seines Bruders getrennt zu halten. Nur diese beiden wussten, dass Julian zu jenen Delbraiths gehörte, die es nur ungefähr in jeder zweiten oder dritten Generation einmal gab. Er war einer der wenigen Delbraiths, die gewannen. Natürlich gewann er nicht jede Wette, jedes Spiel, aber unterm Strich zahlte es sich immer für ihn aus. So war es schon immer gewesen, solange er denken konnte. Seit er im zarten Alter von fünf Jahren den Spaß am Wettspiel entdeckt hatte, war keine Woche vergangen, aus der er als Verlierer hervorgegangen wäre. Manchmal gewann er vielleicht nur einen Viertelpenny, aber alles in allem hatte er noch nie Geld verloren.

Es war Jordan Draper ein Rätsel, dass niemand sich je gefragt hatte, wie es sein konnte, dass eine Familie, so alt wie die Delbraiths und mit einem derart ruinösen Fluch belegt, noch immer im Besitz sämtlicher Anwesen und ihres Vermögens war. Durch Julian wusste er die Antwort. Großvater, Vater, Sohn – über drei Generationen war zumindest einer der männlichen Nachfahren mit einem glücklichen Händchen gesegnet. Dank Lucasta musste man sich auf diese Laune der Ahnenreihe natürlich nicht mehr verlassen, hatte ihr Einfluss auf Marcus und nachfolgend George dem Laster doch Einhalt geboten. Der Fluch schien gebannt zu sein. Aber wenn er sich Julians gut gefüllte Konten und erfolgreiche Investitionen ansah, war Jordan sich gar nicht mal sicher, ob der Familie damit langfristig gedient war.

Seines ausschweifenden Lebenswandels zum Trotz erfreute Julian sich eines komfortablen Wohlstands, und sein Leben plätscherte ohne größere Vorkommnisse dahin. Natürlich war ihm bewusst, was der ton von ihm hielt, und dieses Wissen beförderte noch seine Neigung zum Zynismus, ließ ihn oft im Stillen lächeln über die Arglosigkeit der Welt.

Bis dann eines Abends im Jahre 1811 an die Haustür seines Quartiers in der Duke Street geklopft wurde.

Es war November, das Wetter trübe und trist. Nur wenige seiner Bekannten weilten noch in der Stadt, was erklärte, weshalb Julian daheim am Kamin saß, die Füße vor sich auf einem Schemel, ein Buch in der Hand. Als es klopfte, hob er den Kopf, hörte Rundles Schritte am Salon vorbei zur Tür gehen und wartete … fragte sich, ob nicht vielleicht …

»Mylord!« Rundle kam ohne anzuklopfen herein, was sonst nicht seine Art war. »Es ist Higginbotham von Ridgware.«

Julian schaute an Rundle vorbei auf den Stallmeister seines Bruders, und als er der ernsten Miene und des leicht desolaten Auftritts des Mannes gewahr wurde, setzte er sich sofort auf. »Meine Mutter?«

Higginbotham stutzte, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, Mylord – Ihr Bruder.«

»George?« Julian konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum George den armen Higginbotham bis nach London jagen sollte, um nach ihm, dem nichtsnutzigen Bruder, zu schicken. »Was will er denn?«

Higginbotham tat sich sichtlich schwer, doch dann brach auf einmal alles aus ihm heraus. »Seine Gnaden wollen gar nichts mehr. Er hat sich eine Pistole an den Kopf gesetzt und abgedrückt. Er ist tot. Wir dachten, es wäre vielleicht besser, wenn Sie kämen, Mylord.«

Julian fuhr wie der Teufel und erreichte Ridgware am folgenden Vormittag. Seinen Phaeton ließ er bei den Stallungen stehen und betrat das Haus durch die Seitentür. Es herrschte Totenstille. Seine Schritte hallten auf den Marmorfliesen wider, als er nach vorn in die Halle ging, wo er einen Moment stehen blieb. Higginbotham hatte nicht zu sagen gewusst, was George zu dieser raschen, unwiderruflichen Tat getrieben hatte. Einer Tat, die ganz und gar untypisch für ihn war.

Und die Julian sich beim besten Willen nicht erklären konnte.

Als er hinter sich in einem der Korridore ein Geräusch vernahm, drehte er sich um.

Ein älterer Mann in einem makellos sauberen schwarzen Anzug trat auf ihn zu. »Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Mylord.«

Julian nickte knapp. »Draper.« Es handelte sich selbstredend um Draper senior, den Prokuristen seines Bruders und Jordans Vater. Die Drapers unterhielten ein Büro in Derby, was Ridgware eindeutig näher lag als London. Julian suchte in Drapers Gesicht nach einer Antwort. »Haben Sie eine Vorstellung, warum George … ich kann es noch immer kaum glauben … warum er sich das Leben genommen hat?«

Draper nickte düster. Er sah blass aus, erschöpft und deutlich älter, als Julian ihn in Erinnerung hatte. »Leider ja, Mylord. Umso größer ist meine Erleichterung, dass die Bediensteten Sie, ohne lange zu zögern, geholt haben. Die Sache ist schrecklich genug, und wir werden rasch ein paar Entscheidungen treffen müssen, wollen wir die Familie vor Schlimmerem bewahren.«

»Vor Schlimmerem …?« Julian runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht ganz.«

»Ich weiß.« Draper deutete den Korridor hinunter. »Wenn Sie mit ins Büro kommen würden, dann will ich versuchen, es Ihnen zu erklären.«

Julian zögerte. »Wie geht es meiner Mutter?«

»Sie ist zutiefst erschüttert, wie auch die Duchess. Der Arzt war gestern hier und hat beiden etwas zur Beruhigung gegeben. Mir wurde gesagt, dass sie wohl in ein paar Stunden wieder wach wären.«

»Und meine Schwestern? Und Henry? Mein Gott, der Junge ist jetzt der Duke!«

»Allerdings – aber keine Sorge, man kümmert sich vorbildlich um die jungen Leute. Die Bediensteten haben alles im Griff.« Draper verstummte einen Moment und rieb sich die Stirn. »Leider duldet unsere Unterredung keinen Aufschub, Mylord. Die Zeit drängt, wenn ich das so sagen darf. Sie werden es gleich verstehen.«

Draper war an sich die Ruhe in Person, vertrauenswürdig, gewissenhaft und unerschütterlich, was mit einer der Gründe war, warum Julian seinem Sohn seine eigenen Geschäfte übertragen hatte. Den Alten so aufgewühlt zu erleben warf weitere Fragen auf und war, gelinde gesagt, beunruhigend. Julian nickte bedächtig. »Gut, wenn Sie meinen«, sagte er und bedeutete ihm, vorauszugehen.

Während er Draper den Korridor hinabfolgte, fragte er: »Wann ist es passiert?«

»Gestern früh, Mylord. Meines Wissens hörten die Bediensteten den Schuss gegen elf Uhr. Sie haben die Tür zur Bibliothek aufgebrochen, aber ausrichten konnten sie natürlich nichts mehr.«

Während der langen Fahrt hatte Julian viel Zeit zum Nachdenken gehabt. »Wer weiß sonst noch von Georges Tod?«

»Im Augenblick, Mylord, beschränkt sich das Wissen auf die Hausangestellten, das Stallgesinde und die Familie. Und der Doktor und ich wissen natürlich auch Bescheid.«

»Dann bestünde die Möglichkeit, die Umstände seines Todes zu vertuschen«, überlegte Julian laut. Sein erster Gedanke hatte seinen Schwestern gegolten, seiner Mutter, dem kleinen Henry, ja, selbst seiner Schwägerin, denn eine Selbsttötung in der Familie, aus welchen Gründen sie auch erfolgt war, warf immer einen langen Schatten. Derlei blieb nie ohne gesellschaftliche Folgen.

Draper zögerte. »Möglicherweise«, meinte er dann, doch überzeugt klang er nicht.

Julian betrat hinter Draper das Büro des Anwesens.

Draper wies auf den Sessel hinter dem Schreibtisch. »Setzen Sie sich am besten. Das macht es Ihnen leichter, Einsicht in die Bücher zu nehmen.«

Leicht irritiert tat Julian wie ihm geheißen. »Wozu brauche ich denn Einsicht in die Konten?«

Draper drehte sich, nachdem er eines der Hauptbücher aus dem Regal gezogen hatte, wieder um und sah ihn ernst an. »Ich bedauere, Ihnen mitteilen zu müssen, Mylord, dass Ihr Bruder entgegen allgemeiner Auffassung nicht gegen den Fluch der Delbraiths gefeit war.«

»Heiliger Bimbam!« Julian raufte sich die Haare, als er sich mit dem Beweis und wahrem Ausmaß von Georges Spielsucht konfrontiert sah. Während der letzten halben Stunde hatte Draper ihm sämtliche Konten vorgelegt, wobei vor allem eines deutlich geworden war: George war gelungen, woran sämtliche Delbraiths vor ihm gescheitert waren. Er hatte das Anwesen zu Grunde gerichtet und den Schaden zu beheben versucht, indem er auf sämtlichen Besitz Hypotheken aufgenommen hatte, bis nirgends mehr etwas zu holen gewesen war.

Julian ließ die Hände sinken und lehnte sich zurück. »Gut«, meinte er, auch wenn gar nichts gut war. Sein Verstand lief auf Hochtouren, jonglierte mit Zahlen, Chancen und Wahrscheinlichkeiten. Jetzt war ihm klar, warum Draper ihn so dringend hatte sprechen wollen. »Rechnen Sie das mal zusammen«, fuhr er fort. »Alles. Und dann schicken Sie nach Jordan, sagen Sie ihm, er soll meine aktuelle Bilanz mitbringen.«

»Ja, Mylord.« Draper zögerte, ehe er gestand: »Ich war so frei, vorhin schon nach ihm geschickt zu haben – er müsste binnen der nächsten Stunde eintreffen.«

Julian hob den Blick. »Das war, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, ungewohnt anmaßend von Ihnen.« Er sagte es ohne allen Vorwurf, eher wie eine Frage.

Draper erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ich bitte um Verzeihung, Mylord, aber ich kenne Sie und Ihren Bruder, seit Sie kleine Kinder waren. Ich wusste, dass die Familie auf Ihre Hilfe zählen kann, und wie ich bereits sagte, bleibt uns …«

»… keine Zeit.« Julian verzog das Gesicht, dann nickte er knapp. »Na schön.« Er schob den Stuhl zurück. »Dann gehe ich jetzt nach oben und schaue bei meinen Schwestern vorbei. Lassen Sie mich rufen, sowie Jordan eingetroffen ist.«

Er traf Millicent, Cassandra und Edwina im oberen Salon an, den sie als ihr kleines Reich für sich hatten. Man hatte ihnen mitgeteilt, dass George gestorben war, mehr jedoch nicht. Doch da auch sie den Schuss und den nachfolgenden Aufruhr mitbekommen hatten, fiel es ihnen nicht allzu schwer, eins und eins zusammenzuzählen.

»Er hat sich umgebracht, nicht wahr?«, fragte Millicent, die mit ihren vierzehn Jahren auf dem besten Wege war, eine zweite Lucasta zu werden. Sie saß auf der breiten Fensterbank, die Knie bis ans Kinn gezogen, und redete nicht lange um den heißen Brei.

Nachdem Julian die drei zur Begrüßung länger und fester umarmt hatte als sonst, ließ er sich auf dem Kissen zu Millicents Füßen nieder und überlegte, wie viel er ihnen sagen, was ihnen ersparen sollte …

Cassie, elf Jahre, schnaubte. »Erzähl es uns einfach. Wenn du es uns nicht sagst, aus den Dienstboten kriegen wir es schon heraus.«

Und so fügte Julian sich seufzend, hatte aber ein wachsames Auge auf die zehnjährige Edwina, damit nichts, was gesagt wurde, sie überforderte.

»Aber … warum?« Millicent runzelte die Stirn. »Er muss doch einen Grund gehabt haben, etwas so Grauenhaftes zu tun.«

Womit sie gleich beim heikelsten Punkt waren. »Von Draper habe ich erfahren, dass George angefangen hat zu spielen. Anscheinend ist er doch vom Fluch der Delbraiths eingeholt worden, und statt das Anwesen, Vermögen und Ansehen der Familie aufs Spiel zu setzen, hat er … nun, dem Spuk ein Ende gemacht.«

Nicht ganz die Wahrheit, aber auch nicht ganz gelogen. Julian hoffte, sie gaben sich damit zufrieden.

Seine Schwestern sahen ihn an, alle drei mit fragend gerunzelter Stirn, dann gab Cassie wieder dieses Schnauben von sich. »Das sieht ihm ähnlich. George ist so verstockt, dass er nicht mal um Hilfe bitten kann.« Sie richtete ihre grauen Augen auf Julian. »Du lebst schon dein ganzes Leben mit dem Fluch, aber dir kann er nichts anhaben – und der Familie hast du auch nicht geschadet damit.«

Er rang sich ein müdes Lächeln ab. »Leider war George nicht wie ich.«

»Das stimmt.« Millie schwang die Beine von der Fensterbank und legte ihm kurz die Hand auf den Arm. »Du bist aus härterem Holz geschnitzt. Aber apropos Familie – was ist mit dem Makel? Wegen der Selbsttötung, meine ich.«

»Deswegen braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Ich las eben den Bericht des Arztes, und er rät, sich daran zu halten, dass George plötzlich und unerwartet vom Schlag getroffen wurde.«

Die drei ließen das einen Moment sacken, dann meinte Edwina ganz sachlich: »Gut. Als Nächstes bräuchten wir Trauerkleidung, um ihm in aller Form die letzte Ehre zu erweisen.«

Millie verzog das Gesicht. »Wir werden kaum darum herumkommen. Er konnte ein schrecklicher Stoffel sein, unser George, aber nachdem er sich so selbstlos für uns geopfert hat, soll er wenigstens bei seiner Beerdigung stolz auf uns sein können.«

Aus dem Augenwinkel sah Julian einen Einspänner, gelenkt von Jordan Draper, die Einfahrt hinaufpreschen.

»Wir sollten das mit Mama besprechen«, meinte Cassie. »Über Kleider zu reden muntert sie bestimmt auf. Oder lenkt sie zumindest von Georges Malheur ab.« Sie schaute Julian an. »Warst du schon bei ihr?«

»Nein, noch nicht.« Er zögerte. »Doch, das ist eine gute Idee. Lenkt sie ab, muntert sie ein wenig auf, und sagt ihr, dass ich jetzt hier bin und so bald wie möglich hinaufkomme, um mit ihr zu sprechen.« Die Mädchen sprangen auf, und auch er erhob sich. »Vorher muss ich allerdings noch einiges mit Draper klären. Aber sagt Mama, dass ich gleich danach zu ihr komme.«

Seine Schwestern nickten, umarmten ihn noch einmal, und als sie alle zusammen den Salon verließen, atmete Julian verstohlen auf. Das war längst nicht so schlimm gewesen wie befürchtet.

Die nächsten Stunden verbrachte er mit den Drapers, Vater und Sohn, später kam auch noch Minchinbury dazu, der Anwalt der Familie. Zu viert wurde es recht eng im Büro, aber keiner von ihnen schlug vor, das Gespräch in einem weniger geschützten Raum fortzuführen.

Minchinbury bestätigte, dass Georges Testament Julian als alleinigen Erben vorsah und ihm zudem das geteilte Vormundschaftsrecht für den dreijährigen Henry zufiel. Letzteres quittierte Julian bloß mit einem Nicken und beschloss, sich später damit zu befassen; immer schön der Reihe nach, eine Katastrophe nach der anderen.

»Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen«, schloss Jordan nach endloser, fruchtloser Debatte, »aber selbst wenn wir alle frei verfügbaren Werte liquidieren und sämtliche Erträge des Anwesens auf die Tilgung der Schulden verwenden, übersteigen die Forderungen doch bei Weitem die Zahlungsfähigkeit des Dukes.«

Während sie die immer aberwitzigeren Zahlen durchgesehen hatten, war eine Idee in Julian gereift. Eine nicht minder aberwitzige Idee, aber auf dergleichen verstand er sich gut. Er lehnte sich zurück und sah Jordan an. »Rechne mal meine Vermögenswerte mit ein. Mach alles zu Geld, was sich zu Geld machen lässt, verwende es zur Reduzierung der Schuldenlast, und lass mir …« Er überlegte kurz. »… zehntausend in bar. Wenn wir weiterhin mit einem ständigen Einkommen meinerseits von …« Hier musste er etwas länger rechnen, ehe er die Summe nannte.

Draper und Minchinbury blieb vor Schreck der Mund offen stehen, aber Jordan hob nur kurz die Brauen und brachte die neuen Zahlen zu Papier, wob sie ein in das komplizierte Geflecht aus Hypotheken- und Kreditrückzahlungen.

Währenddessen tauschten Draper und Minchinbury immer wieder verstohlene Blicke, als sie zu ahnen begannen, worauf Julian hinauswollte. Es war Minchinbury, der sich, noch immer leicht entsetzt, an Julian wandte. »Mylord … was genau haben Sie vor?«

Julian bedeutete ihm, zu warten, bis Jordan alles durchgerechnet hatte.

Als er fertig war, atmete Jordan tief durch. »Es könnte reichen«, meinte er und sah Julian an. »Knapp, aber machbar.«

Ihm brauchte Julian nicht zu erklären, was er vorhatte; Jordan arbeitete schon so lange für ihn, dass er sich denken konnte, worauf alles hinauslief, aber Julian war dennoch froh, seine Rückendeckung zu haben. Lieber auf Nummer sicher gehen. »Du hast auch die laufenden Kosten mit einberechnet? Den Unterhalt des Anwesens, die üblichen Zuwendungen an meine Mutter, die Mädchen und die Duchess? Die Mitgift der Mädchen wurde nicht angerührt?«

»Die Mitgift der Mädchen ist schon lange passé«, erwiderte Jordan. »Aber bis sie alle sechzehn sind, lässt sich das wieder ansparen – das habe ich berücksichtigt. Zudem eine jährlich steigende Summe für Henry, beginnend an seinem fünften Geburtstag.«

»Ausgezeichnet«, meinte Julian und versuchte sich zu sammeln, ehe er sich an Draper und Minchinbury wandte. »Was ich vorschlagen würde, Gentlemen, ist Folgendes.«

Er legte ihnen seinen Plan dar, bis ins letzte Detail, denn wenn er die Delbraiths vor dem Ruin bewahren wollte, wenn er den Titel, das Anwesen, die Familie retten wollte, brauchte er ihre Unterstützung. Zunächst waren sie bestürzt, als sie die ganze Tragweite seines Plans begriffen, doch letzten Endes stimmten auch sie zu, denn eine andere Wahl blieb nicht.

George hatte es sich leicht gemacht; nun war es an Julian, die Trümmer aufzulesen.

Das Gespräch mit seiner Mutter verlangte ihm erneut einiges ab – nicht zuletzt, da sie meinte, an Georges Schmach mitschuldig zu sein.

Sie war noch immer eine attraktive Frau und saß, das ergrauende Haar streng aus dem von Trauer gezeichneten Gesicht genommen, mit einem zerknäulten Taschentuch in der Hand in ihrem Privatsalon, den Sessel leicht einem der Fenster zugewandt. »Ich hätte es merken müssen!«, klagte sie sich an. »Es ist mir unbegreiflich, wie mir die Anzeichen entgehen konnten.«

Entgegen weitverbreiteter Annahme verstand Julian sich gut mit seiner Mutter; was beider Eigensinn anging, waren sie einander sehr ähnlich und schon vor langer Zeit zu einer stillschweigenden Übereinkunft gelangt: Lucasta würde ihm nicht in seine Angelegenheiten hineinreden, und er hielt sich aus den ihren heraus. Beide ließen sich zu nichts drängen, was sie nicht wollten.

Julian sah hinaus auf die sich weit erstreckenden Rasenflächen und das angrenzende Wäldchen und seufzte. »Mama, wenn nicht einmal ich etwas bemerkt habe, dann gab es auch nichts zu bemerken. Er war ziemlich gut darin, seine Schwäche zu verbergen.«

»Er hat uns getäuscht. Er hat uns betrogen.« Nach einem Moment fing Lucasta sich wieder und fuhr ruhiger fort: »Wie lange ging das schon so?«

Julian zögerte, war aber klug genug, sie nicht zu belügen. Er wandte sich zu ihr um. »Laut Draper, seit er nach Eton kam, wenngleich die Einsätze zu Beginn klein waren, sodass Papa oder du keinen Verdacht schöpfen würdet. Erst nachdem er sein Erbe angetreten hatte, begann er, um größere Summen zu spielen.«

Lucasta schüttelte hilflos den Kopf. »Und du hast nie auch nur den Hauch eines Gerüchts gehört?«

»Nein.« Was wiederum einiges sagte über die von George frequentierten Etablissements. Hätte er die in ihren Kreisen wohlgelittenen Spielhöllen besucht, hätte Julian davon gewusst. George musste sich in die Unterwelt geflüchtet haben, um seine Sucht zu befriedigen.

Lucasta atmete einmal tief durch und hob das Kinn. »Nun gut. Wir können nicht ändern, was geschehen ist. Am besten, wir folgen Doktor Melroses Rat und halten uns daran, dass George der Schlag getroffen hat. Wir lassen ihn beisetzen, wie es sich gehört, und dann«, sie sah Julian an, »lesen wir den Scherbenhaufen auf und schauen, was noch zu retten ist.« Sie wartete, doch als er keine Anstalten machte, von sich aus etwas zu sagen, seufzte sie nur. »Da George sich lieber den Schädel weggepustet hat, als sich den Folgen seines Tuns zu stellen, fürchte ich das Schlimmste. Aber sag – wie schlimm steht es wirklich?«

Er versuchte gar nicht erst, etwas zu beschönigen. Ohnehin ein zweckloses Unterfangen, seine Mutter war der Wahrheit nicht minder zugetan als ihrer Familie. Sie würde alles tun, um die Ihren zu schützen, und wenn sie Ausflüchte auch nur witterte, würde sie nicht eher lockerlassen, bis sie Gewissheit hatte. Und so zog er sich einen Sessel heran, setzte sich und erzählte ihr alles. Als sie dann, wenig verwunderlich, vor Schreck wie gelähmt dasaß, fuhr er geschmeidig fort: »Ich habe sowohl mit den beiden Drapers gesprochen als auch mit Minchinbury und mir etwas überlegt. Man könnte es einen Akt der Verzweiflung nennen, aber unsere Lage ist verzweifelt. Nach kurzer Bedenkzeit haben sie meinem Plan zugestimmt, denn es ist unser einziger Ausweg. Glaub mir, wir haben sämtliche Optionen erörtert, aber die Lage ist ernst. Nichts wird uns aus dieser Situation noch retten außer dem, was ich dir gleich vorschlagen werde.«

Sie sah ihn lange an. »Dein Plan wird mir vermutlich nicht gefallen, oder?«

»Nein, aber eine andere Möglichkeit bleibt uns nicht.« Und dann begann er darzulegen, was er vorhatte.

Seine Mutter hörte es sich schweigend an. Sowie er fertig war, begannen sie zu streiten. Damit hatte er gerechnet, aber er blieb standhaft, bis sie sich schließlich einsichtig zeigte. Nur in einer Hinsicht war sie zu keinen Zugeständnissen bereit, und das überraschte ihn dann doch.

»Einen Sohn habe ich verloren – ich will dich nicht auch noch verlieren. Nein!« Sie gebot ihm zu schweigen. »Ich sehe ein, dass es für den Erfolg des Planes unabdingbar ist, jeden öffentlichen Kontakt zu vermeiden, aber …«, sie sah ihn eindringlich an, »… ich bestehe darauf, dass du uns, mich und deine Schwestern, hier weiterhin besuchst. Sie sind meine Töchter, und ich verbürge mich dafür, dass sie ein Geheimnis ebenso wahren können, wie ich es kann. Du wirst dich nicht von uns lossagen, und wir würden dich auch niemals gehen lassen.« Tränen standen ihr in den Augen. »Das, mein Lieber, kannst du nicht von uns verlangen. Wenn du deinen Plan also umsetzen willst, kalkulierst du das besser mit ein. Es ist meine einzige Bedingung, aber die ist nicht verhandelbar.«

Mit einer solch heftigen Reaktion hatte er nicht gerechnet. Er musterte seine Mutter aufmerksam, doch da er um ihren unbeugsamen Willen wusste, besann er sich schließlich eines Besseren. »Gut, wenn du darauf bestehst. Aber meine Besuche auf Ridgware werden in aller Heimlichkeit stattfinden müssen.«

Sie nickte verständig. »Das sollte kein Problem sein. Die Bediensteten sind verlässlich, und du weißt, dass sie alles für dich täten.«

»Und die Mädchen …« Er zögerte. »Ich überlasse es dir, ihnen alles zu erklären. Du findest gewiss die besseren Worte, und mir bleibt keine Zeit für die unvermeidlichen Einwände und Begründungen. Jordan und ich müssen so schnell wie möglich nach London zurückkehren. Wenn wir die klaffenden Löcher, die George in die finanzielle Fassade unserer Familie gerissen hat, zumindest notdürftig flicken wollen, ist rasches Handeln angezeigt.«

Lucasta betrachtete ihn nachdenklich. »Und Caroline?«, fragte sie schließlich. »Wenn du möchtest, setze ich sie davon in Kenntnis.«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich rede gleich noch mit ihr. Wir teilen uns jetzt Henrys Vormundschaft und werden einen Weg finden müssen, uns zu arrangieren – und sei es bloß um des Jungen willen.«

Julian gab sich einen Ruck und stand auf.

Lucasta erhob sich ebenfalls. Sie zog ihn an sich und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Dann geh jetzt, mein Lieber. Ich weiß, dass dir keine andere Wahl bleibt.«

Rasch ließ sie ihn los und wandte sich ab, aber er sah dennoch die Träne, die ihr über die Wange rann.

Das Gespräch mit seiner Schwägerin setzte einem langen, schrecklichen Tag die Krone auf.

Als er sich auf den Weg zu ihren Räumlichkeiten machte, sah er bereits Draper und Minchinbury ihren Salon verlassen. Sie schlossen die Tür hinter sich und kamen ihm auf der Galerie entgegen. Sowie er auf die beiden traf, blieben sie alle drei stehen, um sich kurz zu besprechen.

»Ich habe der Duchess soeben die von ihrem Gatten getroffenen Verfügungen erläutert«, sagte Minchinbury. »Sie wurde davon in Kenntnis gesetzt, dass die Ordnung des Nachlasses allein Ihnen obliegt und sie sich auch die Vormundschaft ihres Sohnes mit Ihnen teilen muss. Sie ist sich der Rechte und Pflichten im Klaren, die Ihnen daraus entstehen.«

Julian musste sich ein Lächeln verkneifen. »Und wie hat sie das aufgenommen?«

Minchinbury verzog das Gesicht. »Nicht allzu gut, fürchte ich, aber es musste ihr ja gesagt werden. Zumindest weiß sie nun über die Situation Bescheid.«

»Wir haben sie zudem über die finanzielle Lage unterrichtet, die der verstorbene Duke hinterlassen hat«, fuhr Draper fort. »Ich habe ihr zu erklären versucht, dass Sie – entgegen ihrer Annahme – niemals Mittel aus der Vermögensmasse bezogen haben, die Ihnen nicht zustanden, und die derzeitige Situation allein den verheerenden Ausschweifungen ihres verblichenen Gatten zu verdanken sei. Ihren Plan haben wir selbstredend nicht näher erläutert, allerdings angedeutet, dass Sie einen solchen hätten und wir in Anbetracht aller Umstände davon überzeugt seien, dass es die einzige Möglichkeit ist, die Familie, wenn nicht gar die Herzogswürde samt aller Privilegien, vor unwiderruflichem Schaden zu bewahren.«

Julian sah zwischen den beiden hin und her. »Wenn ich Sie recht verstehe, haben Sie der Duchess mitgeteilt, dass sie meinem Vorschlag auf Teufel komm raus zustimmen muss, wenn sie sich und ihren Sohn vor dem Ruin retten will?«

Die beiden Männer zögerten einen Moment, dann nickten sie. »Das könnte man so sagen. Wir …« Minchinbury warf einen kurzen Blick auf Draper. »… sind ja schon längere Zeit in die Meinung eingeweiht, die Ihre Gnaden von Ihnen hat, Mylord, und sahen es darum als unsere Pflicht an, die Dinge für Ihre Gnaden richtigzustellen, damit Ihre Worte auf fruchtbareren Boden fallen.«

Draper nickte zustimmend. »Das war das Mindeste, was wir tun konnten, um Sie in Ihrem Vorhaben zu unterstützen.«

Julian verneigte sich. »Ich danke Ihnen, meine Herren. Ihre Hilfe weiß ich zu schätzen.«

Die beiden verbeugten sich und traten beiseite. Minchinbury meinte zum Abschied: »Sie können sich auch weiterhin jederzeit an uns wenden, Mylord. Wir sind Ihnen gern zu Diensten.«

Julian nickte kurz und setzte seinen Weg fort. Vor Carolines Tür hielt er sich gar nicht erst mit zweifelnden Gedanken auf, sondern klopfte gleich an. Sowie von drinnen ein gedämpftes »Herein« erklang, trat er ein.

Caroline stand mit dem Rücken zum Fenster und hatte die Arme um sich geschlungen. Julian deutete eine Verneigung an, schloss die Tür und ging zu seiner Schwägerin. »Mein Beileid. Ich wünschte, es wäre anders gekommen, aber es hilft ja nichts: Wir müssen miteinander reden.« In schicklicher Distanz blieb er stehen und suchte den Blick ihrer blauen Augen. »Minchinbury und Draper sagten mir bereits, dass sie dich über die Lage aufgeklärt hätten. Gibt es vielleicht etwas, das du nicht verstehst, hast du noch Fragen?« Er bemühte sich um einen ruhigen, sachlichen Ton.

Ihr Gesicht der üblichen Fassade beraubt, schaute sie ihn an; er sah die Fragen, die Gefühle, den Zorn in ihren Augen. Am Ende kam ihr nur ein einziges Wort über die Lippen: »Warum?«

Julian schüttelte den Kopf. »Er wusste offenbar keinen anderen Ausweg.«

»Aber …« Sie winkte ab und sah beiseite. »Ich …« Wieder verstummte sie, dann fasste sie sich ein Herz, mied es aber, ihn anzusehen. »Es fällt mir noch immer schwer, zu begreifen, dass ich all die Jahre dich für den Schuldigen hielt, wobei doch er es war.«

Julian stutzte. »Du hattest einen Verdacht?«

»Ja, aber dabei nicht ihn im Visier.« Sie lachte trocken. »Darauf wäre ich nie gekommen. Aber einige Teile meines Schmucks … Imitate, keine echten Stücke, denn alles, was einmal echt war, ist längst dahin, durch billige Kopien ersetzt.« Sie sah Julian an. »Ich dachte, er bräuchte meinen Schmuck, um deine Schulden zu begleichen. Weil er annahm, ich würde den Unterschied nicht bemerken und es besser wäre, als Vermögen aus dem Anwesen …« Die Stimme versagte ihr, und sie wandte sich ab. »Nein, du brauchst mir nicht zu sagen, wie dumm ich war, wie blind. Das weiß ich selbst.«

Du liebe Güte, nach solchen Dramen stand ihm nun wahrlich nicht der Sinn. »Caroline, wenn wir eine finanzielle Katastrophe abwenden wollen, müssen wir jetzt handeln. Die Zeit drängt.«

Sie bedachte ihn mit bitterem Blick. »Laut Minchinbury und Draper bleibt mir keine andere Wahl, als mich deinen Plänen zu fügen, wenn ich weiter mit Henry hier leben und seine Zukunft nicht aufs Spiel setzen will.«

Er seufzte still. Das war der Nachteil, dass die beiden sich bereits eingemischt hatten. »In dieser Hinsicht haben sie recht, aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Soll mein Plan gelingen, kommt es auch auf deine Kooperation an. Jeder wird seine Rolle spielen müssen, und dazu möchte ich dir mein Vorhaben kurz erläutern.«

Caroline gönnte sich einen Moment Bedenkzeit, dann sah sie ihn entschlossen an und nickte. »Gut, dann sag, was du vorhast.«

Sie setzte sich nicht und bot auch ihm keinen Platz an. So standen sie einander gegenüber, und er legte ihr seinen Plan dar. Als er zum Ende kam, sah sie ihn ungläubig an.

Schweigen senkte sich zwischen sie, ihr schien es die Sprache verschlagen zu haben.

»Und?«, fragte er schließlich. »Wirst du deinen Part übernehmen? Die Rolle spielen, die du notwendigerweise spielen musst, um das Ganze glaubwürdig zu machen?«

Sie blinzelte, klappte den Mund auf und wieder zu. »Ich … ich verstehe nicht …«

So langsam strapazierte sie seine Geduld. »Die Frage ist ganz einfach. Wirst du …«

»Nein, das meine ich nicht …« Sie hielt einen Moment inne, ehe sie fragte: »Du willst dich selbst opfern. Warum? Das verstehe ich nicht, und ich traue dem nicht. Wenn ich diesem Plan zustimme und dich in deinem Vorhaben unterstütze, werden mein Sohn und ich für immer in deiner Schuld stehen. Henrys Zukunft wird von dir abhängen – das können wir niemals wiedergutmachen.«

»Stimmt«, meinte er bloß.

Sie lachte, ein rauer, freudloser Ton, und wandte sich ab.

»Caroline.« Es kostete ihn große Willensanstrengung, ruhig und sachlich zu bleiben. »Willst du selbst jetzt deinem Stolz die Oberhand lassen und meine Hilfe ablehnen?«

Sie sah ihn wieder an, suchte seinen Blick.

Von fern drang ein heller, übermütiger Schrei zu ihnen, ein Laut freudiger Ausgelassenheit, nicht der Furcht. Julian trat ans Fenster und sah seine Schwestern und Henry aus dem Wald kommen. Sie hatten einen Spaziergang gemacht und kehrten nun zurück. Millie und Cassie ließen Henry zwischen sich schaukeln. Er war erst drei; dass sein Vater gestorben war, berührte ihn nicht weiter. Er lebte unbekümmert im Augenblick. Zwei Diener und die Amme folgten ihnen, sie unterhielten sich leise, während sie ein Auge auf die vier hatten.

Julian schaute zu Caroline hinüber. Er war ein ganzes Stück größer als sie; gut möglich, dass sie nicht sehen konnte, was er gerade beobachtete.

Wenngleich er versucht war, sie beim Arm zu packen und ans Fenster zu zerren, bedeutete er ihr nur höflich, näher zu treten. »Du willst wissen, warum ich ein solches Opfer bringe?« Als sie neben ihn trat, zeigte er hinaus. »Darum. Keiner der vier – oder der sieben, wenn wir genau sind – hat das Los verdient, das ihnen unweigerlich bevorstünde, wenn ich nicht tun würde, was getan werden muss. Und es gibt nur diese eine Möglichkeit.«

Er beobachtete sie, wie sie ihren Sohn betrachtete und seine Worte sacken ließ.

Nach einer Weile meinte sie, ruhiger nun, gefasster: »Es gibt wirklich keine andere Möglichkeit?«

Er zögerte. »Der Fluch der Delbraiths hat unsere Familie in diese Bredouille gebracht; da scheint es mir nur rechtens zu sein, dass der Fluch der Delbraiths uns auch wieder daraus befreit.«

»Aber zu welchem Preis?«

»Um jeden Preis. Und letztlich ist das meine Entscheidung, nicht deine.«

Sie schaute noch eine Weile hinaus in den Garten, dann trat ein entschlossener Zug in ihr Gesicht. »Gut, ich bin einverstanden. Ich werde tun, was immer es braucht, um … die Situation zu entschärfen.«

Eine weitere Etappe geschafft. Er atmete kurz auf und wappnete sich dann, um auch das nächste Hindernis zu überwinden, das eine noch größere Herausforderung darstellte. »Und da wir gerade von dem Fluch sprechen, so habe ich eine Bedingung, die nicht verhandelbar ist. Als Gegenleistung für mein Bemühen, die Familie zu retten – dich und Henry eingeschlossen –, erwarte ich von dir, dass er die Wahrheit über seinen Vater erfährt. Ihm soll nicht verborgen bleiben, was geschehen ist und warum.«

»Wie bitte?« Caroline wirbelte zu ihm herum. »Das kann nicht dein Ernst sein! Er ist doch noch ein Kind …«

»Natürlich nicht jetzt. Aber sobald er alt genug ist, es zu verstehen, Fragen zu stellen. Denn das wird er. Und ich möchte, dass seine Fragen ehrlich beantwortet werden. Ich will nicht, dass du den Fluch vor ihm zu verbergen suchst.« Er sah sie ernst an. »Denn ich nehme das alles nicht auf mich, damit du ihn in dem Glauben bestärkst, er könne gegen den Fluch gefeit sein, und er dann sein gesamtes Vermögen wegschmeißt, kaum dass er volljährig ist.« Sie wollte widersprechen, doch Julian deutete mit warnendem Finger auf sie und kam ihr zuvor. »Zudem erwarte ich als sein Vormund, ihn bei meinen Besuchen zu Gesicht zu bekommen und in aller Ruhe mit ihm sprechen zu können. Meinetwegen kannst du gern dabei sein, aber das Reden überlass mir.«

Carolines Miene war wie versteinert. »Nein. Nein, das werde ich nicht …«

»Caroline.« Sein schneidender Ton ließ sie verstummen; er sah sie unverwandt an, als er in schonungsloser Offenheit sagte, was gesagt werden musste. »Weder du noch Mama habt das Unheil bei George erkannt. Wenn du versuchst, Henry zu ‚schützen‘, wirst du denselben Fehler machen wie Mama mit George. Der Fluch ist dadurch nicht gebannt, aber Henry wird alles tun, um ihn zu verbergen. Und du wirst zwangsläufig nichts bemerken. Aber ich werde die Zeichen erkennen, denn ich weiß, wonach ich Ausschau halten muss, und ich kann dir versichern, dass ich ein sehr genaues Auge auf Henry haben werde.« Eindringlich sah er sie an. »Du musst das verstehen, Caroline. Dieser Fluch ist eine reale Bedrohung. Er ist wie eine Erbkrankheit – wenn wir es rechtzeitig erkennen, wenn Henry die Hilfe bekommt, die er braucht, lässt es sich in den Griff kriegen. Wenn wir so tun, als ob nichts wäre, wenn wir seine Versuchung leugnen, wird es ihn heimlich verzehren, so wie George.«

»Und was ist mit dir?«, fragte Caroline mit einem ungläubigen Schnauben. »Kannst du mit deiner Schwäche denn so gut umgehen, dass es dich nicht verzehrt?«

Er schwieg einen Moment und überlegte, was er erwidern sollte. »Meine Schwäche, liebe Caroline, ist in der derzeitigen Situation das Einzige, was dich und Henry vor dem Armenhaus bewahren kann. Daran solltest du denken, ehe du mir zum Vorwurf machst, von unserer Gabe Gebrauch zu machen. Alles hat zwei Seiten. Und wie es aussieht, bin ich der einzige noch lebende Delbraith, der eigene Erfahrungen hat mit dem Fluch. Der weiß, welchen Anfechtungen Henry sich mit den Jahren wird stellen müssen und wie damit umzugehen ist.« Er ließ seine Worte wirken, löste den Blick nicht von ihr und fuhr etwas milder fort: »Ich weiß, dass es schwer für dich ist, das als gegeben zu akzeptieren, aber nach Lage der Dinge bin ich Henrys einzige Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft, sowohl in finanzieller als auch persönlicher Hinsicht.«

Erst als er diese harten Wahrheiten aussprach, wurde ihm bewusst, welche Verantwortung er auf sich nahm.

Aber es musste sein, in diesem Punkt blieb ihm keine Wahl.

Als Caroline nichts erwiderte, nur wie gelähmt dastand und noch verlorener wirkte als zuvor, wandte er sich zum Gehen. An der Tür blieb er stehen und sah sich nach ihr um. »Setz nicht deinen Sohn aufs Spiel, Caroline. Wenn dir an seinem Wohl gelegen ist, tust du, was ich sage.«

Sie trat zum Fenster und gab keine Antwort.

Auch Julian ging ohne ein weiteres Wort.

Eine halbe Stunde später, nachdem er sich von seinen Schwestern und seinem kleinen Neffen verabschiedet hatte, lenkte Julian sein Gespann die Auffahrt hinunter, dann gab er den Pferden die Peitsche und sah zu, dass er so schnell wie möglich zurück nach London kam.

In den frühen Morgenstunden überließ er den Wagen und die völlig erschöpften Tiere einem der Stallburschen und legte das kurze Stück zu seiner Wohnung zu Fuß zurück. Die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, ging er Richtung Duke Street und erlaubte sich zum ersten Mal, über seinen Plan nachzudenken. Während der langen Fahrt hatte er sich jeden Gedanken daran verboten; zu sehr war es ihm wie das Bilanzziehen eines dem Tode Geweihten erschienen.

Bei seiner Unterkunft angekommen, stieg er Stufe um Stufe die Treppe hinauf, steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür.

Er trat ein und zog sie leise hinter sich zu.

Und damit war sein Leben als Julian Delbraith abgeschlossen.

1. Kapitel

Zwölf Jahre später

London, Oktober 1823

Miranda Clifford blieb im Schatten einiger Bäume stehen und beobachtete, wie ihr jüngerer Bruder Roderick über eine gepflegte Rasenfläche zielstrebig zu der prächtigen, im Mondlicht weiß schimmernden Villa marschierte.

Sie selbst war zu beiden Seiten von dichtem Gebüsch und alten Bäumen schützend umgeben, die das Haus wie im Schoß von Mutter Natur bargen. Ein leichter Wind ging, ein Lüftchen nur, ein leiser Hauch, der die feinen Strähnen, die sich aus ihrem Chignon gelöst hatten, ihren Nacken kitzeln ließen.

Reglos stand sie da, den Blick auf Roderick gerichtet, der nun ohne Zögern die drei Stufen zur Terrasse hinaufging und durch eine verglaste Tür das Haus betrat. Lautlos schloss die Türe sich hinter ihm.

»Verflixt!« Miranda starrte zu der Tür, als wollte sie ihren Bruder zur Umkehr bewegen. Es war noch schlimmer als befürchtet.

Drei Wochen war es her, seit ihr das erste Mal aufgefallen war, dass Roderick sich spätabends heimlich aus dem Haus stahl. Sie hatte sich damit zu beruhigen versucht, dass derlei nächtliches Treiben bei einem jungen Gentleman von dreiundzwanzig Jahren ganz normal und nicht der Rede wert sei. Andererseits hatte sie besagte dreiundzwanzig Jahre damit zugebracht, ihren Bruder vor Unbill zu bewahren; ihn zu beschützen war ihr in Fleisch und Blut übergegangen, das konnte man nicht einfach von heute auf morgen ablegen. Und weil es ihr so schwerfiel, hatte sie einen Pakt mit sich geschlossen: Einmal wollte sie ihm heimlich folgen, nur um sich zu vergewissern, dass er sich – wohin er auch ging, was immer er tat – nicht in Gefahr begab.

Nicht, dass sie ihm nicht vertraut hätte; sie wollte einfach nur Gewissheit. Wenn sich herausstellte, dass ihre Sorge unbegründet war, würde sie sofort wieder nach Hause gehen, und Roderick bräuchte nie davon zu erfahren.

Vor zehn Minuten war sie ihm daher die dunkle Treppe hinuntergefolgt, durch das nachtschlafende Haus an der Claverton Street, Pimlico, das sie sich mit ihrer Tante teilten. Die Standuhr auf dem Treppenabsatz hatte zwanzig Minuten vor elf gezeigt. Sie war Roderick in das Morgenzimmer gefolgt, über den Rasen und durch das Gartentor, das auf die kleine Gasse hinter dem Haus führte. Ihr nach der neuesten Mode kurz gefasstes Cape fest um sich gezogen und das Retikül an sich gedrückt, hatte sie sich im Schutz der Dunkelheit wie ein Schatten an seine Fersen geheftet. Ihre Verwunderung, dass er sich an die schmalen Durchgänge hielt, statt einfach zur Straße zu gehen, fand nach gut fünf Minuten strammen Fußmarschs eine Erklärung, als Roderick vor einem in eine hohe Mauer eingelassenen Gartentor haltmachte und ohne sich umzusehen hindurch verschwand.

Miranda zögerte kurz, dann folgte sie ihm. Zuerst war ihr nicht bewusst, in wessen Garten sie sich da schlich, doch sowie sie das Haus sah, diesen stattlichen Bau mit all seiner Pracht, wusste sie Bescheid. »Was, zum Teufel, hat er bei Neville Roscoe verloren?« Die Frage enthielt bereits die Antwort. Neville Roscoe war ihr wohl berühmtester, auf jeden Fall aber berüchtigtster Nachbar. Er war Londons unangefochtener Glücksspielkönig und nannte zahlreiche Spielhallen und Clubs sein Eigen, in denen eine durch die Bank gut betuchte, aristokratische Klientel verkehrte. Glücksspiel war das bevorzugte Laster der besseren Gesellschaft, und Roscoe schien ein Meister darin zu sein, den von Gier Getriebenen zu geben, wonach sie verlangten.

Es hieß, er sei dadurch zu einem beachtlichen Vermögen gekommen und verfüge über nicht minder beachtlichen Einfluss in allen Sphären der Gesellschaft. Als leicht anrüchig galt er, aber nicht als kriminell. Ihm war das nebulöse Reich zwischen ton und Unterwelt vorbehalten; den einen Tag verkehrte er mit dem Hochadel, den nächsten mit den Paten der Demimonde und schaffte es doch, sich von keiner dieser Welten vereinnahmen zu lassen.

Im Grunde war Roscoe ein Rätsel und lebte nach seinem eigenen Gesetz.

Er hatte bereits hier gewohnt, in der weißen Villa an der Chichester Street mit Blick über den baumbestandenen Dolphin Square bis hinab zur Themse, als Roderick vor einem Jahr das gleich um die Ecke gelegene Haus an der Claverton Street kaufte. Binnen Tagen nach ihrem Einzug hatte Miranda quasi alles über den berühmt-berüchtigten Nachbarn gewusst.

Mit eigenen Augen gesehen hatte sie ihn indes noch nie, und sie war auch nicht sonderlich erpicht darauf.

»Elender Schuft.« Sie war sich nicht sicher, ob sie Roderick oder Roscoe meinte; dass ihr Bruder sich im Spiel versuchte, war zwar nicht verwunderlich, aber … Ihre Lippen wurden schmal. »Sich mit Roscoe einzulassen, kann er sich nicht leisten.«

Was nicht hieß, dass er sich derlei nicht leisten konnte. Ihr Bruder war ein vermögender junger Mann, der auch auf Roscoes Niveau finanziell mitzuhalten vermochte. Aber sein Reichtum verdankte sich dem Handel, es war kein altes Geld, das über Generationen weitergereicht worden war. Und das, so war es ihr und ihrem Bruder zeitlebens eingebläut worden, hieß, dass sie beide, weit mehr als jene, die von Stand geboren waren, über jeden Zweifel erhaben sein mussten und tadellose Respektabilität zu wahren hatten.

Roderick in Roscoes Haus verschwinden zu sehen hatte sofort den Geist ihrer älteren Schwester Rosalind heraufbeschworen. Sie drei waren als Kinder zu Waisen geworden, und Rosalind war mit Roderick und Miranda bei ihren beiden unverheirateten Tanten aufgewachsen. Rosalind waren dieselben Lektionen, dieselbe unnachgiebige Strenge zuteilgeworden, aber mit sechzehn Jahren hatte sie schließlich begonnen aufzubegehren. Sie war mit fahrendem Volk davongelaufen und zwei Jahre später ausgezehrt und am Ende ihrer Kräfte zurückgekehrt.

Rosalinds Tod war ebenso tragisch wie der ihrer Mutter, die einst mit ihrem Vater durchgebrannt war, einem Fabrikantensohn. Und beides sollte ihnen ständige Ermahnung sein: Wann immer jemand aus ihrer Familie den schmalen Pfad der Tugend und Respektabilität verließ, waren Ruin und ein früher Tod die Folgen. Miranda wollte weder, dass Roderick jung sein Leben ließ, noch wollte sie, dass seine Zukunft eine anderweitig tragische Wendung nahm. Stillschweigend nach Hause zu gehen und ihn seinem Schicksal zu überlassen, das kam somit nicht infrage.

Im Schutz der Dunkelheit pirschte sie sich über den Rasen zum Haus und besagter Tür. Im Geiste malte sie sich aus, welche Ausschweifungen sie dahinter finden würde – ihre Fantasie reichte von hochriskantem, ruinösem Spiel bis zu … Orgien? Ihre Vorstellung einer Orgie war recht begrenzt, aber nach allem, was sie gehört hatte, durchaus wahrscheinlich. Frauen gehörten bei Roscoes Veranstaltungen ganz selbstverständlich dazu; seine Clubs waren bekannt für das zahlreich vertretene weibliche Personal.

Wenn ich Glück habe, kann ich mich unbemerkt daruntermischen – zumindest bis ich Roderick gefunden habe. Sie wirkte erfahren genug, das war einer der Vorteile, die erste Blüte hinter sich zu haben. Auf der Terrasse angekommen, sah sie an ihrem violettblauen Promenadenkleid hinab, das sie unter dem Cape trug. Abendgarderobe war es nicht gerade, aber elegant genug, sie als Angehörige der Oberschicht auszuweisen. Jetzt, da sie schon mal hier war, würde sie keinen Rückzieher machen. Sie wollte ja bloß bleiben, bis sie Roderick gesichtet hatte und er sie; das sollte genügen, um ihn zur Besinnung zu bringen. Und dann würde er sie nach Hause begleiten – so wie es sich gehörte.

Mit zwei Schritten war sie bei der Tür, öffnete sie und trat ein. Vor ihr erstreckte sich ein dunkler Korridor. Erst als sie die Türe leise hinter sich schloss, fiel ihr auf, wie seltsam still es war. Auch dass das Haus quasi im Dunkeln lag, war merkwürdig. Vom Garten aus hatte sie die gesamte Rückfassade überblicken können, doch in keinem der Fenster hatte ein Licht gebrannt, nichts deutete auf eine Feier hin, nicht einmal auf eine der gediegenen Art. Sämtliche ihrer Sinne hellwach, blieb sie an der Tür stehen und versuchte sich erst einmal zu orientieren.

Da das Grundstück zur Chichester Street hin abfiel, befand sich der rückwärtige Garten in erhöhter Lage und sie sich somit im ersten Stock und nicht im Erdgeschoss, das nach vorn zur Straße hinausging. Vermutlich wurde die Geselligkeit in einem der Empfangsräume eine Etage tiefer abgehalten. Sie spitzte die Ohren und lauschte, konnte aber nicht einmal gedämpfte Geräusche vernehmen.

Leicht irritiert begann sie, den langen Korridor hinabzugehen. Wenn Roderick durch diese Tür ins Haus gelangt war, musste auch er diesen Weg genommen haben, denn einen anderen gab es nicht, sah man von vereinzelten Räumen ab, die links und rechts des Flurs abgingen und hinter deren verschlossenen Türen es gleichfalls dunkel und still war. Mit jedem Schritt wurde Miranda ihrer Umgebung mehr gewahr. Es herrschte eine erstaunlich gediegene Atmosphäre, alles schien solide und geschmackvoll zu sein. Alt war das Haus indes nicht; es hieß, Roscoe habe es nach seinen Vorstellungen erbauen lassen. Vielleicht erklärte das die hochwertige Ausstattung, die sie im Halbdunkel mehr erahnte denn sah. Jede Linie, jede Form zeugten von zurückhaltender Eleganz, ergänzt nur von einem Hauch Luxus in Draperie und Dekor. Ihr blieb keine Zeit, stehen zu bleiben und sich umzusehen, aber die gerahmten Gemälde an den Wänden bemerkte sie dennoch. Es schienen Originale zu sein – und von recht namhaften Künstlern noch dazu.

Sie fragte sich, ob die solide Bauweise des Hauses die seltsame Stille erklärte. Vielleicht schluckten auch Teppiche und Draperien jeden Laut. Der über den Flur gespannte Läufer war zumindest so dick, dass sie schier bis zum Knöchel darin versank und ihre eigenen Schritte nicht mehr hörte.

Im vorderen Teil des Hauses angelangt, öffnete der Korridor sich auf eine halbrunde Galerie, in deren Mitte sich die Haupttreppe befand. Miranda blieb stehen und sah sich um. Drei weitere Gänge führten auf die Galerie, aber noch immer war kein Mucks zu hören. Auch brannte nirgends Licht; der Raum wurde von fahlem Mondschein erhellt, der durch die hohe Glaskuppel des Treppenhauses fiel und ein großes Fenster direkt gegenüber, das einen Blick auf die Baumwipfel des Dolphin Square bot und dahinter den silbern schimmernden Fluss.

Gegenüber, unter besagtem Fenster, wand sich die Treppe in einem weiten, eleganten Schwung nach unten.

Sie fasste sich ein Herz und beschloss, nach unten zu gehen, und dort, am Kopf der Treppe, hörte sie auch endlich gedämpfte Stimmen, dem Vernehmen nach ausschließlich Männer. Sie mussten irgendwo im Erdgeschoss sein, aber noch ein ganzes Stück entfernt, irgendwo in den Tiefen des Hauses.

Hufschlag auf dem Straßenpflaster ließ sie sich zum Fenster umdrehen. Sie schaute hinaus und sah einen elegant gekleideten Gentleman aus einer Droschke steigen. Nachdem er den Fahrer bezahlt hatte, ging er hinauf zum Haus.

Sie kannte den Mann nicht, aber sein Aufzug, sein ganzes Auftreten ließen vermuten, dass er den besseren Kreisen der Gesellschaft angehörte.

Ein Klingeln hallte im Haus wider, auf das fast unverzüglich die gemessenen Schritte des Butlers im Vestibül zu hören waren. Miranda überlegte, ob sie an die Treppe treten sollte, von wo aus sie gut nach unten hätte schauen können, aber die Gefahr, entdeckt zu werden, war zu groß. Also blieb sie, wo sie war, und lauschte.

»Guten Abend, Mylord.«

»Guten Abend, Rundle.« Der Besucher trat ein, die Tür wurde geschlossen. »Ich bin spät dran, fürchte ich. Sind die anderen schon da?«

»Ja, Mylord, aber der Herr lässt auch noch auf sich warten.«

»Ausgezeichnet.« Unten schien der Gast Mantel, Hut und Handschuhe sowie seinen Stock abzulegen. »Dann dürfte ich ja nichts verpasst haben.«

»Vermutlich nicht, Mylord.«

»Findet die Sitzung wie immer in der Bibliothek statt?«

»Jawohl, Mylord.«

»Machen Sie sich keine Umstände, Rundle – ich kenne den Weg.«

»Danke, Mylord.«

Zwei Paar Schritte verließen die Halle in unterschiedlicher Richtung. Im Nu war Miranda zur Treppe geeilt – aber sie kam zu spät, um zu sehen, welcher der Männer wohin gegangen war. Allerdings schwang eine Tür am Ende der Halle noch nach, durch die vermutlich der Butler in den hinteren Teil des Hauses verschwunden war. Was wiederum hieß, dass es die Schritte des Besuchers waren, die in dem Gang linker Hand verklangen, wo sich dann die Bibliothek befinden dürfte, in der besagte »Sitzung« stattfand.

Nachdem sie einmal tief Luft geholte hatte, streckte sie die Hand nach dem Geländer aus und …

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, eine Ahnung, dass etwas nicht stimmte.

Sie verharrte reglos … wartete, lauschte. Zwar hatte sie niemanden kommen hören, aber sie hatte ja selbst erlebt, wie lautlos man sich hier bewegen konnte, selbst wenn man es nicht darauf anlegte. Ihre Sinne, zuvor ganz auf die Vorgänge in der Halle gerichtet, warnten sie mit einem Mal, dass jemand hinter ihr stand – und zwar ganz nah.

Der Atem stockte ihr, das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie sich ganz langsam umdrehte … und ihr Blick auf eine tadellos gebundene Krawatte aus cremefarbener Seide fiel.

Roscoe sah, wie ihre Augen sich weiteten, als sie den Blick hob, um ihm ins Gesicht zu schauen. Sie hatte schöne Augen, aber er versagte sich ein Lächeln. »Kann ich Ihnen helfen, Miss …?«

Sie antwortete nicht sofort, aber er machte nicht den Fehler, zu glauben, dass sie vor Schreck wie gelähmt sei; im Gegenteil, in ihren Augen blitzte recht lebhaftes Kalkül auf, während sie überlegte, was sie erwidern solle. Von zarter, anmutiger Gestalt mochte sie sein, aber er hatte reichlich Übung darin, Menschen auf den ersten Blick einzuschätzen. Ein Blick in ihr Gesicht reichte ihm. Eine stille Kraft und Entschlossenheit sah er darin, die sich deckten mit der aufrechten Haltung und dem geschmeidigen Gang, die ihm schon aufgefallen waren, als er sie über die Galerie hatte gehen sehen. Keine Frage, mit welcher Art junger Dame er es zu tun hatte.

Resolut und bestimmt war sie und, wenn ihr etwas am Herzen lag, auch unerbittlich.

Folglich überraschte es ihn auch nicht, dass sie nach dem ersten Schreck nicht mal mit der Wimper zuckte, sich zu ganzer, durchaus überdurchschnittlicher Größe aufrichtete und recht hochmütig meinte: »Ich bin Miss Clifford.«

Diese Mitteilung erwischte ihn dann doch kalt, auch wenn er sich natürlich nichts anmerken ließ.

Ihr Blick wanderte abwärts und fiel auf das Kontenbuch, das er in der Hand hielt. Sie zog die fein geschwungenen Brauen zusammen. »Und mit wem habe ich das Vergnügen?«

Ihr Ton machte keinen Hehl daraus, dass sie ihn für eine Art Sekretär oder Verwalter zu halten schien. Entgegen seiner Absicht zuckte nun doch ein belustigtes Lächeln um seine Lippen. »Ich bin der Besitzer dieses Etablissements.«

Anscheinend jagte ihr das einen größeren Schreck ein, als ihn plötzlich hinter sich stehen zu sehen. Sie starrte ihn an, wie vor den Kopf geschlagen, und rang merklich nach Worten. »Sie sind Roscoe?«

Er konnte sich denken, was sie über ihn gehört hatte; ein Grund mehr, sie noch etwas weiter in Verwirrung zu stürzen. Er verneigte sich vor ihr mit all der Eleganz, die ihm einst selbstverständlich gewesen war. »Dann willkommen in meinem bescheidenen Quartier, Miss Clifford, auch wenn ich mich frage, was Sie herführt.«

»Bescheidenes Quartier?« Sie hatte eine tiefe, samtene Altstimme, die sehr gut zu seinem ersten Eindruck von ihr passte. Ihr Blick schoss hinüber zu den drei Gemälden, die entlang der Galerie hingen – zwei Gainsboroughs und ein Reynolds –, dann auf die Tapisserie hinter ihm. »Für einen Glücksspielkönig haben Sie einen recht erlesenen Geschmack, Sir.«

Schön, dass es ihr aufgefallen war, aber so leicht ließ er sich nicht ablenken. »Allerdings. Meine Frage beantwortet das nicht.«

Miranda war derweil mit einer ganz anderen Frage befasst: Wie sollte sie hier ohne auch nur den Ruch eines Skandals wieder herauskommen? Ein Problem, das ihrer ganzen Verstandeskraft bedurfte, und was davon noch übrig war, war gründlich durcheinander. Sie hatte nicht die geringste Vorstellung von Roscoe gehabt, aber so hätte sie ihn sich nicht mal in ihren kühnsten Träumen vorgestellt.

Er war groß – deutlich größer als sie, und sie war nicht klein –, aber Brust, Schultern und seine langen, muskulösen Glieder fanden sich in so perfekter Proportion, dass der Gesamteindruck anmutiger Eleganz einem glatt den Atem rauben konnte. Auch seine Garderobe war nicht das, was man von einem Glücksspielkönig erwartet hätte – in dem tadellos geschnittenen dunklen Rock über einer in gedecktem Blau, Grau und Schwarz gestreiften Weste mit schlichten schwarzen Knöpfen, cremeweißem Hemd, besagter Krawatte, exquisit gebunden, und schwarzen Breeches hätte er in den allerbesten Kreisen reüssiert und immer noch eine bessere Figur abgegeben als die meisten anderen Gentlemen.

Jede seiner Gesten, seiner Bewegungen, der Klang seiner Stimme … sie hätte nicht zu sagen gewusst, was für ein Mann er letztlich war, aber ein Blick in sein markantes Gesicht, seine dunklen Augen, die sie so ruhig und unverwandt ansahen, sein scharf geschnittenes Kinn und die Patriziernase, das alles gab ihr die Gewissheit, dass Vorsicht geboten war. Mehr noch, er erschien ihr gleich in vielfacher Hinsicht gefährlich, ohne dass sie hätte sagen können, woran sie bei ihm war.

Kurzum: Der Mann war ihr ein Rätsel.

Mit Männern wie ihm hatte sie keine Erfahrung, aber nachdem sie nun in dieser Klemme steckte, konnte er ihr vielleicht auch wieder heraushelfen. Sie reckte das Kinn noch ein wenig höher und hielt sich an ihren Hochmut. »Ich bin hier, um meinen Bruder zu retten.«

Langsam zog er eine seiner dunklen Brauen nach oben. »Retten?«

Eine unausgesprochene Warnung schwang darin mit; sie ignorierte es. »Genau. Sie können der besseren Gesellschaft gar nicht so fern sein, als dass Sie nicht wüssten, wie ruinös es für meinen Bruder wäre, würde bekannt, dass er mit jemandem Ihrer … Neigungen verkehrt.«

Seine Miene blieb unergründlich. Er ließ einen Augenblick verstreichen, dann sagte er nur: »Meine … Neigungen?«

Nein, sie würde sich nicht einschüchtern lassen. »Ihre Geschäfte. Ihr zwielichtiges Tun.« Sie warf einen vielsagenden Blick in die Halle. »Ich weiß zwar nicht genau, welchem Vergnügen Sie und Ihre Gäste sich an diesem Abend hingeben, aber wenn Sie so nett wären, Mr. Clifford auszurichten, dass ich hier bin und er mich nach Haus begleiten möge, dann werden weder er noch ich Sie künftig behelligen.«

Statt ihrer Bitte auch nur ansatzweise nachzugeben, sah er sie weiter an, die dunklen Augen – sie konnte nicht erkennen, welche Farbe sie hatten, ging aber nicht davon aus, dass sie schwarz waren – prüfend auf ihr Gesicht, ihre Augen gerichtet. Seine Miene gab nichts preis, war völlig unergründlich.