El Camino und weiteres - Ekkehard Krüger - E-Book

El Camino und weiteres E-Book

Ekkehard Krüger

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Beschreibung

Es sind verrückte Zeiten. Warum läuft soviel schief? Wir sind doch alles Gutmenschen. Wir sind sensibel. Hat nicht jeder schon mal zur Dusche gesagt, sie soll aufhören zu weinen. Die Augen müssen offen bleiben, die Herzen weit, der Verstand klar. Wenn ich recht habe, hat auch der Gegenüber recht (er hat recht in seinem Sinne). Auch so eine Spiegelweisheit. Spiegelbilder können deckungsgleich werden. Das wünsche ich mir.

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt:

1. Vorwort

2. El Camino

3. Wert

4. Verlieren

5. Prognosen

6. Wie gehts dir?

7. Autorität

8. Würde

9. Fleck

10. Da ist sie wieder

11. Du hast recht

12. Teuflisch unsicher

13. War

14. Yanomani

15. Damals

16. Normal

17. Auf Schloß Kuckuckstein

18. Entscheidung

19. Anfrage an die Redaktion

20. Wahrnehmung

21. Demokrit würde sich wundern

22. Die gebratenen Katzen

23. Eine Schrecksekunde

24. Augen

1. Vorwort

Es sind verrückte Zeiten. Warum läuft soviel schief? Wir sind doch alles Gutmenschen. Wir sind sensibel. Hat nicht jeder schon mal zur Dusche gesagt, sie soll aufhören zu weinen.

Der Eisbär darf nicht sterben. Die Clarkie darf nicht sterben. Alia aus Beirut darf nicht sterben. Joshua aus Haifa darf nicht sterben. Keshua aus Sudan darf nicht sterben. Wir wollen nur das Gute, das Beste. Warum gelingt das nicht? Wer sind denn die Bösmenschen? Der rechte Arm hebt sich und zeigt auf den und den und den da. Ja, wir wissen, wer schuld ist. Die anderen, die da oben.

Jeder muß psychisch stabil bleiben um durch die Zeiten zu kommen. Aber es ist vermehrt Instabilität zu erkennen. Und Bretter. Bretter, die Welt bedeuten und Bretter vor dem Kopf.

Es gibt keinen Königsweg. Vielleicht gibt es zu viele Könige. Herrscher, die ohne Rücksicht auf Verluste mit dicken Brettern am Kopf vorwärts stürmen; Schafböcke, deren Augen rot vor Ideologie und Verblendung sind.

Die Augen müssen offen bleiben, die Herzen weit, der Verstand klar. Wenn ich recht habe hat auch der Gegenüber recht (er hat recht in seinem Sinne). Auch so eine Spiegelweisheit. Spiegelbilder können deckungsgleich werden. Das wünsche ich mir.

El Camino

Schreib’ mal eine Geschichte über den Camino. - Da wurden schon so viele geschrieben, da gibt’s doch schon alles. - Unsere Geschichte fehlt noch. Außerdem sieht eh’ jeder alles anders. - Wenn ich eine Geschichte schreibe dann nur skizzenhaft. Es wird sonst zu lang, zu schwülstig, am Ende langweilig. - Mach mal.

Mitte April flogen mein Sohn Robert und ich nach Bilbao, Spanien. Dort wollten wir anfangen. Die Idee zur Wanderung hatte meine Tochter Maria. Sie wollte gern, daß Robert, ich, sie und ihr Freund Camilo den Jakobsweg laufen. Wir entschieden uns für den Camino del Norte, er soll am schönsten sein. Selbst hatten sie und Camilo nur zwei Wochen Urlaub übrig, Robert und ich dagegen hatten vier Wochen Zeit. Als Vorbereitung absolvierten Robert und ich einen Spanischkurs, das Wissen um die Sprache blieb aber rudimentär und war auf dem Weg nur wenig Hilfe. Eine Generalprobe für den Jakobsweg hatten wir bereits 2020 gemacht. Damals waren zwei Wochen auf dem Camino Francès geplant. Wir liefen etwa 140 km von Pamplona bis Santo Domingo de la Calzada. Am Freitag, den 13. März 2020 stoppte Corona alles.

Start Bilbao, Dienstag, der 23.04.

Ankunft mit dem Flieger im Regen. Danach mit dem Bus vom Flughafen in die Stadt. Baskenland. Dauerregen. Vor dem Kaufhaus “El Corte Inglès” bieten Afrikaner bunte Regen-schirme zum Verkauf an. Die Großstadt in Spanien ist für uns neu, das ist noch kein Camino. Wir haben ein Hostel im Zentrum gebucht, einfach und gut. Der Rundgang in der Stadt macht keinen Spaß, es ist zu naß. Das Guggenheimmuseum, die Altstadt versprühen kein Flair des Jakobsweges, es ist Akklimatisierung, Kultur, Einstimmung auf Spanien. Abends im Hostel sehen wir stundenlang das TV- Duell Dr. Maximilian Krah vs Politmagazin jung&naiv. Der AfD- Politiker soll von dem Magazin demontiert werden, das funktioniert trotz sechs Stunden Kreuzverhör nicht richtig. Es gibt guten Gesprächsstoff für die nächsten Tage.

1. Tag Bilbao – Peboña, Mittwoch, der 24.04.

Wir starten um 08.00 Uhr. Die Markierungen des Jakobsweges in der Stadt sind gewöhnungsbedürftig. Am Stadtrand dann der erste heftige Anstieg. Nach kurzen Waldstücken geht’s über Autobahnen und durch Industriegebiete bis Portulagete. Schon am Rande Bilbaos überholt uns ein Österreicher. Er erklärt uns, seine Wanderstöcke nimmt er, damit sich in den Händen das Blut nicht so staut. Warum er den Camino läuft? Es ist eine sportliche Herausforderung. Er läuft schon so lange, es gehört dazu. Wir sehen einen Mountainbiker, der sich mit viel Gepäck über die Wiesen und Anstiege quält. Er hat Schwierigkeiten, die Zäune mit seinen vollen Gepäcktaschen zu überwinden.

Robert hatte im Hostel in Bilbao seine ersten Kleidungsstücke gewaschen, er band sie zum Trocknen auf den Rucksack. Die flatternde Unterhose sieht lustig aus.

Außerhalb der Stadt werden zwei alternative Routen angeboten. Wir verirren uns wegen der widersprüchlichen Zeichen und sind erst nach 18.00 Uhr in Peboña. 10 Stunden laufen, es sind geschätzt 33 km, eigentlich zuviel. Die erste Albergue betreibt eine Frau, wir bekommen die letzten beiden Plätze. Sie bittet nur um Spenden, ok zahlen wir halt erst am nächsten Morgen. Als wir 5,-€ Spende anbieten wird sie ungemütlich, es ist sofort ein angemessener Betrag fällig. Wir geben dann jeder 20,-€. Schnell kommen wir mit Luigi ins Gespräch. Er klärt uns als Newcomer über die Details auf dem Camino und den Ort Peboña auf. Sein Schicksal erfahren wir später. Ich liege im Bett oben und schnarche das Haus zusammen.

…. Definieren Sie das Wort Körperpflege.

2. Tag Peboña – Islares, Donnerstag, den 25.04.

Der Anfang ist geschafft. Der 7,5 kg schwere Rucksack fühlt sich normal an. Heute geht’s aus dem Baskenland nach Kantabrien, Pobeña liegt an der Grenze. Nach zwei Stunden schließt sich Elisabeth, eine 65jährige Französin an. Sie läuft allein und ist ziemlich flink unterwegs. Eine halbe Stunde später treffen wir Larry und Dusty, zwei rüstige Rentner aus Arizona. Sie klinken sich an einer Autobahnraststätte aus.

Gespräch zwischen den Bergen: Wie ist denn die aktuelle Situation in der Ukraine? - Keine Politik. - Ich will nur mal wissen, ob die Russen angreifen. - Ist doch egal, du kannst den Nachrichten sowieso nicht trauen, kann alles fake sein. - Naja, einige Informationen kann man schon ‘rausziehen. - Welche denn? Als dein Vater 1943 an der Ostfront war und im Radio Nachrichten von der Front kamen, was davon war korrekt? - Naja, bei der Schlacht im Kursker Bogen: es gab eine Schlacht, der Ort Kursk wurde genannt. Es gab einen Sieg oder Rückzug. - Konnte alles fake sein.

Gegen 17.00 Uhr sind wir in einer privaten Albergue in Islares. Sie ist voll belegt, Koreaner, Dänen, Holländer, Deutsche. Ein junger Mann outet sich als Berliner, der in einem Startup in Schöneweide arbeitet. Im Doppelbett neben mir liegen Jacques und Monika, ein älterer Holländer und eine Deutsche. Ich höre so etwas wie eine Bibellektion. Meine erste große blutige Blase an der linken Fußsohle stört. Sofort hole ich die Hirschtalgtube und reibe meine Füße ein. Das wird für den Rest des Weges eine wertvolle Maßnahme sein, die Blasen verschwinden damit gut.

Robert spricht ausgiebig mit einem Dänen, der viel über die Neandertaler, das prähistorische Museum in Santander und Comics /Cartoons mitteilt. Der Däne will viel loswerden und findet in uns willige Zuhörer. Robert zeichnet ihm über Nacht ein Cartoon, vielleicht wird es mal in Aarhus, Dänemark ausgestellt. Er fragt den Dänen, warum er den Camino läuft. Er will unbedingt aus seinem Trott raus und schauen, wie viel sein Körper mitmacht. Bis zum Ende wird er es wohl nicht schaffen. Er will ein Pilger sein. Was ist denn ein Pilger? Einen Anfang als Pilger machte Abraham. In der Bibel spricht der Herr zu ihm: “Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde.” Das war die Aufforderung, ins Unbekannte aufzubrechen. Das Wort Pilger oder Pilgrim kommt vom lateinischen peregrinus, d.h. in der Fremde sein. Am Ende wollen aber alle wieder nach Hause. Sonst wären es ja Migranten.

Abendessen kann man in zwei Bars neben einem großen Camperpark, beide sind nicht sehr einladend. Wir kaufen uns Obst, Brot und Bier und setzen uns an ein Bootshaus mit Blick aufs Meer. Diesmal sind Beziehungen das Thema. Partnerschaft. Wer ist zu welcher Beziehung bereit, fähig, erwachsen? Kann ich mir wechselseitig die Perspektiven der Protagonisten vorstellen? Welche Vorurteile sind vorhanden? Es ist ein großes Thema, es wird ein langes Gespräch.

3. Tag Islares - Laredo / Santoña, Freitag, den 26.04.

Punkt acht geht’s los, die meisten sind schon weg. Der Weg führt an Schnellstraßen entlang und dann an die Steilküste. Herrliche Ausblicke, kombiniert mit einem Trampelpfad durch Dornensträucher. Irgendwo überholen uns Larry und Dusty aus Arizona wieder. Warum lauft ihr den Camino? Wir laufen die letzten Jahre regelmäßig. Es ist ein Bedürfnis geworden.

Allein laufen ist langweilig. Dazu braucht’s eine besondere innere Einstellung. Die Diskussionen mit Robert fangen mit einfachen Themen an wie Kühe oder Ziegen am Wege und kommen dann zu politischen Ereignissen.

Ein Gespräch am Rande: In der letzten Talkshow wurde X fertiggemacht. - Der X redet doch nur Quark. - Er ist Politiker, er hat schon höhere Ideale. Aber die passen halt nicht in die Gegenwart. - Nein, der ist blöd, der redet nur Unsinn. - Welchen Satz meinst du denn? - Egal, einfach alles. - …. Definieren Sie das Wort sinnvoll.

Am späten Vormittag setzen wir uns auf eine Bank und dösen. Die letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen. Mir fallen kurz die Augen zu, vor meinem geistigen Auge sehe ich einen kräftigen Burschen herankommen. Er ist profimäßig ausgestattet, hat eine Isomatte aufgeschnallt. Der plant auch im Wald zu schlafen denke ich. Beim begrüßen mit Buen Camino stellt sich heraus, daß er deutsch spricht, Björn aus Blendheim. Es entspinnt sich ein Gespräch über das Wetter, den Waldboden, die Albergue usw. Irgendwann bemerkt er, daß er froh über die ruhige friedliche Stimmung sei. - Frieden kann man immer brauchen, schon reden wir über Politik. - Das Waffenklirren und das Kämpfen sind doch ferngesteuert. Der Krieg in der Ukraine ist ja offensichtlich von langer Hand oder langen Händen vorbereitet worden. - Der Einmarsch kam aus dem Osten. - Jeder Krieg hat eine Vorgeschichte. - Das ist nicht zu leugnen. - Im Sommer z.B. hat Putin seine Leute aus dem Nahen Osten eingeladen und das Oktoberinferno vorbereitet. Ist doch offensichtlich. Damit die ganze Welt zwei Tragödien gegeneinander abwägen kann. Ein Stellvertreterkrieg und ein Vertreibungskrieg, beide finden kein Ende. - Das ist doch Verschwörungstheorie! - Und bedenklich. Das amerikanische Weltreich versinkt, es verstrickt sich in unsinnige Kriege. Andererseits befindet sich eine selbstmörderische, religiös verbohrte Regierung in der Sackgasse. Viel Konfusion.

Ich halte mich zurück. Ist das jetzt Blödheit oder Provokation? Das ist mir zu zynisch und unplausibel. Das ist ein QR- Denker, ein Querdenker schlußfolgere ich. Warum ist querdenken eigentlich negativ besetzt? In meinem Schlaf lasse ich Björn weiterziehen. Das ist das Gute am Camino, man kann alles oder nichts ‘rauslassen. Der große Ozeandampfer nimmt eine andere Route und verschwindet am Horizont.

Als ich erwache sinniere ich, welche Argumente hätten Björn von seiner Meinung abbringen können. Viele Leute haben Probleme mit der Zeitskala. Sie betrachten die Dinge mit einer begrenzten Skala, die zu kurz ist. Und sie haben Probleme mit der Verantwortung. Welche Verantwortung ergibt sich z.B. für das ungeborene Leben oder resultiert aus den Geschehnissen der alten Generationen? - Aber dann kommt man schnell zu Agonie. Nichts geht mehr. - Bewußtsein, sich bewußt sein ist besser als ausblenden und ignorieren. Entscheidungen werden sowieso getroffen. -

…. Definieren Sie den Begriff Frieden.

Mit Robert rede ich über die Beweggründe der anderen Wanderer oder Caminante. Ich will so viele als möglich nach ihrem Grund fragen. Ich bin überzeugt, in jedem wohnt ein göttlicher Funke, jeder will oder kann Gutes tun. Ich möchte am Abend für mich im Stillen einem Wanderer das Prädikat “Godfather of the day” anheften. Einer, der am Tage Gutes getan hat. Wahrscheinlich gibt es viele davon.

Mittags sprechen wir an der Steilküste mit Jugendlichen, die flott unterwegs sind. Sie wollen die Fähre Laredo – Santoña bis 14.00 Uhr erreichen. Für uns wird es knapp.

Laredo ist eine schöne Stadt, der Abstieg von den Küstenfelsen ins Zentrum ist steil. Im Zentrum nimmt ein 5 km langer Promenadenstreifen kein Ende, es regnet. Dann sind wir an der Fährstelle. Die letze Fähre legte vor 20 Minuten ab, heute geht keine mehr. Ich bin fertig, die Beine schmerzen, ich schleiche zurück in die Stadt. Wir machen eine Stunde Pause bei einem Glas Rotwein in einer Bar. Nach einer weiteren Stunde finden wir ein Hostel, das ohne Personal benutzt werden kann. Alles im Hostel ist neu, ein Mercado befindet sich nebenan, passt. Allerdings gibt’s keinen Stempel in Laredo.

4. Tag Laredo / Santoña – Güemes, Samstag, den 27.04.

Halb acht auf zur Fährstelle. Es ist eine solide Anlegestelle vorhanden, das Boot legt aber am Sandstreifen davor an. Es nimmt die 20 Pilger auf und bringt uns über den Fluß. Den Stempel holen wir uns in einer Albergue am Rand von Santoña. Als wir in der Stadt ein Bild machen wollen läuft uns Michael über den Weg. Mit ihm frühstücken wir erstmal ausgiebig. Er ist Notarzt im Ruhrgebiet und startete am Beginn des Camino del Norte in Irun. Allerdings läuft er langsamer und will heute eine andere Route nehmen. Warum er läuft? Er ist jetzt 64 und hatte mit 58 einen Herzinfarkt. Er fand heraus, daß statistisch gesehen Herzinfarktpatienten nur 10 Jahre überleben, er also nur 68 werden wird. Dann erlitt er voriges Jahr einen Autounfall, bei dem ihn eine Teslafahrerin mit seinem Ford Kuga bei Regen von der Autobahn schubste und er sich überschlug. Er sagte sich, wann, wenn nicht jetzt? Es ist vielleicht ein Fehler, den Camino zu laufen, aber wie viele Fehler kann ich noch machen?

Seine Frau ist etwas korpulenter, sie lehnte ab mitzukommen. Aber er will viele Leute kennenlernen. Mit englisch und französisch kommt er gut klar. Er ist vielleicht nicht Godfather of the day, aber sicher ein Paulus oder Apostel. Michael erzählt von Roberta. Sie läuft für ihren krebskranken Freund und akzeptiert keine Abkürzungen. Als er Industriegebiete mit dem Zug abkürzen wollte war sie strikt dagegen. Jeder Meter des Caminos muß zu Fuß zurückgelegt werden. Am Rande von Santoña biegt er nach Noja im Norden ab.

Der Camino könnte auch “weiter” heißen. Es ist eine Metapher für nicht stillstehen, ständig gleichmäßig im Fluß sein. Alle suchen Gleichmäßigkeit und Bewegung. Mit Robert führe ich viele interessante Unterhaltungen.

Gespräch in Wald und Flur: Warum haben die Amis so viele Waffen zuhause? - Die platte Schulmeinung ist, weil sie alle waffengeil sind. Richtig ist, es gibt den Second Amendment. - Was bedeutet das? - Jeder Ami ist berechtigt, Waffen zu besitzen und sich zu verteidigen. - Und gegen wen? - Gegen die Regierung. Das kommt aus den Befreiungskriegen im 18. Jahrhundert. - Das ist doch lange her. Gilt doch nicht mehr. - Das ist noch das Recht, für die Unabhängigkeit zu kämpfen, gegen die Obrigkeit, gegen die Zentralregierung. Die Südstaaten wollten damals unabhängig bleiben. Aber die Nordstaaten haben gewonnen. - Weniger Waffen wäre gut. - Wer macht die meisten bewaffneten Überfälle? Die Weißen nicht. - Das hat mit der Armutsverteilung zu tun. - Die Amis kämpfen für ihr Recht auf private Waffen. - Blöd

…. Definieren Sie das Wort Sicherheit.

In der nächsten Stadt gibt es eine Besonderheit: Saurier-fußabdrücke. - War die Ricarda auch schon da? - Die Grünen findet man überall. - Mit Übergewicht Witze zu machen ist billig, das wird langweilig. - Muß ich sie toll finden? - Nein, nur fair behandeln.

Güemes ist ein kleines Nest im Nirgendwo. Die Albergue wird 3 km außerhalb angezeigt. Wir nehmen das Hotel am Weg, großes Zimmer, TV, gute Heizung, die paar Euro mehr schmerzen da nicht.

5. Tag Güemes – Santander, Sonntag, den 28.04.

Am Sonntag kann man ruhiger starten, zumal ein ausgiebiges Frühstück im Preis enthalten ist. Die Heizung hat gut funktioniert, alles trocken. Wir treffen den Österreicher wieder, wir hatten ihn weit voraus vermutet. Während des Zusammen-packens sehen wir im TV eine Sonntagspredigt. Der junge Pfarrer referiert über die Apokalypse. Es passt nicht zum strahlenden Sonnenschein draußen. Wieder unterwegs bewundern wir die vielen Callas am Straßenrand. Es sind weiße Engelstrompeten. Bald kommen wir an wunderschöne Steilküsten.

Der große Zwiespalt: Den Mund halten, ruhig sein, sich auf sich selbst besinnen und nur fragen um weiterzukommen oder sich unterhalten und nicht in der Stille irre werden. Wir konstatieren: Der Alleingänger findet die Balance. Wir bleiben öfter ruhig.

Gespräch an der Wiese: Kennst du den Mandela- Effekt? - Was war das nochmal? - Du vergißt ja alles. - Nein, nur das wichtige. - Die meisten Leute denken, Mandela starb im Gefängnis, das ist falsch. - Es ist so wie die Erinnerungen an den Film Forrest Gump. Was sagte die Mutter über die Pralinen-schachtel? - Man weiß nie was drin ist. - Falsch. Das Zitat kommt zweimal vor und wird falsch erinnert.

Ein Paradies für Surfer liegt vor uns, herrliche Strände an der Steilküste. Es ist Sonntag 10.30 Uhr. Der Anblick ist wie ein Gottesdienst in freier Natur. Hoch über dem Strand setzen wir uns auf eine frisch gemähte Wiese und erkennen ein Pärchen aus Islares wieder. Es sind Jacques und Monika. Jacques ist 76 Jahre alt, Monika ist Anfang 40. Jacques fand in Islares das Handy des Dänen, das diesem auf dem steinigen Pfad aus der Tasche gefallen war, ein großer Zufall. Warum laufen sie den Camino? Monika antwortet: Ich laufe gern. Keine weitere Erklärung.

Vor Santander über der Steilküste komme ich mit einem Gleichaltrigen aus Rheinland Pfalz ins Gespräch. Seine Frau starb letztes Jahr, jetzt versucht er die Leere auszufüllen, den Verlust zu überwinden. Ich brauche ihn nicht näher über seine Beweggründe auszufragen. Es stellt sich heraus, daß wir beide in technischen Berufen waren. Als ich in politische Themen schwenke zieht er sich zurück. Schlußendlich verstehe ich ihn. Politik verdirbt das Gespräch.

Der Abstieg nach Santander ist sanft. Der ideale Sandstrand erstreckt sich gefühlt über 10 km (effektiv sicher nur 4 km). Das Sandlatschen wird ermüdend, eine andere Möglichkeit in die Stadt zu kommen gibt’s nicht. Im Zentrum landen wir nach verschiedenen Hostel- Versuchen in einer kirchlichen Albergue. Hinterhaus, zweiter Stock, enge niedrige Zimmer. Robert ist sauer ob der schlechten Bedingungen. Das Abendbrot zelebrieren wir an der Straße, Nebenstraßenflair in Spanien. Wir sprechen über das lesen. Die heutige Jugend liest weniger. Kannst du mir 100 Buchautoren nennen? Oder 10? Ich erzähle von Dostojewski “Die Brüder Karamasow”, von Bulgakow “Meister und Margerita” und von Salman Rushdie “Die satanischen Verse”. Alles hat mit dem Bösen zu tun. Wie wirkt es? Wo ist es? Robert plant ebenfalls eine Story, die in der Hölle spielen soll. Es sind überall Allegorien und Wertvorstellungen zu finden. Sich darüber auszutauschen ist schon wichtig. Doch Moral wird zunehmend als Tabuthema begriffen, vielleicht weil es so groß ist, schlecht zu fassen ist. Es gibt halt so viele kluge Betrachtungen und Blickrichtungen. Aktuell gibt es z.B. über 20 Kriege weltweit, warum werden zwei oder drei ständig beleuchtet, die anderen nur marginal? Wie wurde Moral zu Coronazeiten definiert? Moral ist abhängig von der Zeit und der Gesellschaft. Sie ist ein permanenter Streitpunkt. Finde ich aber normal.

In der Albergue schläft unter mir ein 70jähriger mit einem Sauerstoffgerät. Die Plätze sind gut gebucht. Der Leiter der Albergue macht einbißchen den Eindruck eines Godfather of the day. Er bietet als Begrüßung Kuchen an, ein kleines Stückchen Abgerührten. Die Albergue bietet das erwartbare Camino-Kolorit.

6. Tag Santander – Boo de Pileagos, Montag, den 29.04.

Robert hatte in Islares seinen Poncho liegenlassen. Nun will er im Decathlon am Rande von Santander einen neuen kaufen. Außerdem funktioniert sein Handy in Spanien nicht, er braucht eine neue SIM Karte. Die Google Maps Abfragen zum Camino werden mit meinem Telefon bewerkstelligt. Der Weg aus der Stadt nervt. Wir frühstücken in einem Supermarkt im Eingangsbereich direkt neben einem Superfit. Hinter mir präsentiert eine Sportlerin Bodypump. Der Ausflug zum Poncho- Kauf und der SIM Karte dauert eine Stunde, ist aber erfolgreich.

Nachdem wir das Decathlon verlassen haben sitzt hoch in einem Haus ein Rentner und weist uns den rechten Weg über die Wiese. Bis zum nächsten Dorf verläuft der Camino eben, weite Felder und die Berge immer im Hintergrund.

Gespräch im Felde: Die Deutschen meckern, beschweren sich, sind unzufrieden. - Also bist du ein typischer Deutscher? - Ich bin nicht so. - Ich dachte, typisch deutsch ist empören, moralisieren, denunzieren. - Das ist häßlich. Wenn ich’s recht bedenke ist aber was dran. - Man kann auch sagen besserwissen, sich aufregen, den anderen anschwärzen. - Auch das muß man erstmal können. - Es stimmt, typisch deutsch ist besserwissen und nicht selber machen wollen. Mach das mal so! - …. - Sollte man sich darüber unterhalten? -??? - Ich kann dir stundenlang zuhören ohne zu denken -

…. Definieren Sie das Wort Wissen.

Gespräch unter der Sonne: Der Klügere gibt nach. - Völliger Blödsinn. Der Klügere gibt nicht nach. - Doch. Es werden viele Dinge nicht rational entschieden sondern irrational. Du weißt, es ist falsch und machst es trotzdem. - Weil der andere es so will? Ist doch Blödsinn. Alles wird rational entschieden. - Ich hatte einen Arbeitskollegen, der mit seiner Frau ein Haus plante. Das Budget war schnell ausgereizt. Sie wollte unbedingt noch eine Sauna. - Das ist zu teuer. - Das ist der letzte Schrei, das muß sein. Ein langer Streit folgte. Am nächsten Tage willigte er ein.

Sein Kalkül: Entweder wir schaffen das die nächsten 30 Jahre oder wir ziehen bald aus. Die 4000,- € sind dann nicht der Ausschlagpunkt dafür. – Der Klügere gibt nach.

Die beiden fitten alten Gringos Larry und Dusty kreuzen wieder unsere Spur. Dann taucht ein amerikanisches Ehepaar auf, Julie und Paul. Sie sind beide schon andere Caminos gelaufen, sind aber hauptsächlich in Amerika unterwegs. Bei einer Rast bleiben sie zurück. Am Rande eines Städtchens begegnen wir Elle mit ihrer Mutter Brigitte aus Neuseeland. Die Mutter lief den Camino Francès und wechselte zum Camino del Norte. Ihre Tochter Elle traf sie in Santander. Ich unterhalte mich eine Stunde mit Elle, sie ist eine 22jährige hochgewachsene hübsche Frau. Sie studiert Humanmedizin, Psychologie oder Sozialarbeit in Yale, USA. Sie hat schon durch Auslandssemester die ganze Welt gesehen. Ihre vielen Geschichten werden mir unheimlich. Sie wohnte mal einige Monate in Berlin, dann in Hongkong, Italien, Griechenland.

Warum laufen sie den Camino? - Leider stelle ich die Frage nicht. Vielleicht will die Mutter eine gute Partie für ihre Tochter auf dem Camino finden. Das ist eigentlich Blödsinn, aber mir geht der Gedanke nicht aus dem Kopf. Fünf Kilometer vor Boo de Pileagos biegen sie ab und werden nicht mehr gesehen. Larry und Dusty biegen ebenfalls zu einem Hostel ab.

Boo de Pileagos ist übersichtlich, die Albergue ist neu und sauber. Der Fluß vor uns ist schwer zu überwinden, es befinden sich Schilder an der Straße, die vor dem überqueren des Flusses über die Bahnstrecke oder die Schnellstraße warnen. Die spanische Bahn Renfe hält vor dem Haus, also werden wir die paar Kilometer mit dem Zug über den Fluß fahren.

Spartanisches Abendessen, ein Bier. Um 20.00 Uhr liegen wir im Bett. In Berlin ist das undenkbar.

Eine schlanke große Spanierin, ein älteres französisches Ehepaar, ein Pole und der Finne Yannick sind bemerkenswert. Der Finne arbeitet in einem Pflegeheim für schwer erziehbare bzw. psychisch auffällige Jugendliche. Er wirkt selbst unnahbar. Wäsche waschen ist dran. Die Wäscheleinen vorm Haus sind voll.

7. Tag Boo de Pileagos – Santillana, Dienstag, den 30.04.

Wieder abseits der Küste über ruhige Wege und entlang von Hauptstraßen. Es laufen erstaunlich viele den Jakobsweg zum wiederholten Male. Der Camino macht wohl süchtig. Aber der Strom der Pilger ist oft ein kleines Rinnsal. Es sollen jedes Jahr über 300 000 Pilger hier in Spanien unterwegs sein. Zwei Drittel auf dem Camino Francès, ein Drittel auf dem Camino del Norte. Wo sind die alle?

Völlig erschöpft kommen wir in dem kleinen mittelalterlichen Städtchen Santillana an. Es gibt viele Hotels, die Albergue ist aber die beste Wahl. Da ich mein Handtuch in Boo de Pileagos habe hängen lassen organisiert mir Robert für 10,-€ ein neues weißes aus einem Hotel. Handtücher werden überschätzt, ich habe meins fast nie gebraucht. Es gibt alternative Trockenmöglichkeiten. Ich bin schnell in der Waagerechten. In Berlin habe ich mir eine eiserne Reserve an Snickers eingepackt, eine Fünferpackung ganz unten im Rucksack. Sie war zwischenzeitlich für den letzten Tag in Santiago vorgesehen. Jetzt hole ich sie raus und lasse nur einen Snickers für Robert übrig.

Robert hat bei seinem Rundgang in Santillana ein Museum erspäht und gute Kritiken gehört. Wir besuchen also das Museum der Inquisition, das Foltermuseum. Die Inquisition wurde in Spanien 1478 von der Kirche begründet und erst 1834 abgeschafft. Das Grauen, das diese Institution auslöste, die ausgestellten Grausamkeiten sind unvorstellbar. Alles im Namen des reinen Glaubens. Man zweifelt an der menschlichen Kreatur. Warum hat die Kirche solchen Haß verursacht und blind ihre Gegner gemartert und zerstückelt? Der Gegensatz oben – unten war sehr ausgeprägt.

Im Hotel fragt Robert mich, ob ich um 19.00 Uhr zur Gebets-stunde mitkommen will. Für das Abendessen haben wir ein Dinner mitgebucht, doch vorher die Gebetsstunde. In dem viereckigen Gebetsraum stehen Bänke an den Wänden, in der Mitte ein Tisch mit einer Kerze, an der Wand ein Kreuz. Nacheinander kommen Spanier, Engländer, ein Franzose, eine Litauerin, Deutsche und ein Pole hinein, 15 Personen. Eine Gruppe Koreaner erhebt sich kurz vor der Zeremonie und verschwindet.

Drei ältere Schwestern, Karmeliterinnen beginnen mit ruhiger Stimme den Ablauf zu erklären. Sie sprechen in spanisch und englisch. Feierliche Stille füllt den Raum. Erst im Jahre 2006 wurde das Haus als Albergue eingerichtet, 2016 renoviert. Acht Arbeitsplätze für Behinderte sind vorhanden. Jeder in der Runde soll sich vorstellen und etwas zum Camino sagen. Plötzlich stellt man die eigene Unsicherheit fest. Warum bin ich hier?

Links beginnend sprechen alle ein paar Worte, einige sprechen lange. Roger aus England erzählt von seinen Depressionen, er sucht Sinn in den einfachen Dingen. Die Spanierin Suzy läuft zum vierten Male, immer nur einige Etappen. Sie will Menschen kennenlernen. Das sich bewußt machen und erklären kann schwierig sein. Lieder werden angestimmt.