Ende des Schweigens - Torsten Siekierka - E-Book

Ende des Schweigens E-Book

Siekierka Torsten

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Beschreibung

Auf einem Berliner Spielplatz wird die Leiche eines 13-jährigen Jungen entdeckt. Hauptkommissarin Helene Eberle und ihr Team stoßen auf ein düsteres Netz aus Mobbing, Demütigung und schweigenden Eltern. Der Fall offenbart die dunklen Abgründe hinter scheinbar intakten Familien und wird schnell zu einem Wettlauf gegen die eigene mentale Belastbarkeit.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2025

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***

Es war wie früher, als er nachts wach lag, während seine Kleidung über der Stuhllehne hing und dabei wie ein Monster aussah, das ihn als Kind verunsichert hatte. Doch das hier? Das war anders. Die Umrisse im Sandkasten sahen nicht wie ein harmloses Monster aus, sondern täuschend echt. Wie ein Körper mit ausgestreckten Händen.

Der 17-Jährige schluckte schwer. Der Wind ließ die Blätter des Baumes über ihm rascheln, als ob sie ein Geheimnis flüsterten, das nur er hören konnte. Aber verstehen konnte auch er nichts. Der Baum sah in der Dunkelheit aus wie eine Silhouette, schwarz und drohend. Vor ein paar Wochen hatte sein Vater ihm noch gesagt, dass er seine lebhafte Fantasie bewundere.

»Ist das Fantasie?«, fragte Jackson Schulz sich. »Oder ist das hier die bittere Wahrheit?«

Er stand am Rand des Sandkastens und rieb sich die Augen, blinzelte ein paar Mal. Vielleicht war es doch nur Einbildung, vielleicht … Nein. Sein ganzer Körper war steif vor Kälte, er konnte sich nicht mehr bewegen. Und es lag nicht am Wetter.

Vor ein paar Minuten hatte er sich noch über ganz andere Dinge Gedanken gemacht: zum Beispiel, ob es wirklich so schlimm gewesen war, bei Rot über die Ampel zu laufen. Und wie er eigentlich ins Haus kommen sollte. Den Schlüssel hatte er ja offensichtlich irgendwo verloren, und seine Eltern? Die entspannten sich im Schwarzwald, weit weg von allem Drama. Er hoffte inständig, dass die Verandatür offengeblieben war. Bei den Nachbarn zu klingeln war um diese Uhrzeit ausgeschlossen. Und ein Schlüsseldienst mitten in der Nacht? Das hätte Stunden gedauert.

Aber all das war plötzlich so belanglos, als er vor dieser Leiche stand. Er traute sich kaum, einen Blick auf den leblosen Körper im Sandkasten zu werfen. Das war kein Erwachsener. Dafür war die Gestalt zu schmächtig, eher wie ein Kind oder ein Jugendlicher. Kannten sie sich? Würde er hier liegen, wenn er eher über den Augustaplatz gelaufen wäre?

***

Klarissas Mutter goss den warmen Kakao in das Glas. Das sechsjährige Mädchen trank die braune Flüssigkeit in einem Zug leer und wischte sich theatralisch über den Mund.

»Können wir jetzt endlich los?«

»Können wir vielleicht erstmal was essen?«, entgegnete Helene Eberle ihrer Tochter, ohne den Blick von ihrem Teller zu nehmen.

Klarissa verschränkte die Arme vor ihrer Brust und drehte den Kopf dramatisch zur Wand. »Ich habe keinen Hunger. Außerdem darf man mit vollem Bauch eh nicht ins Wasser!«

Helene seufzte leise. »Bis wir im Schwimmbad sind, ist dein Bauch wieder so leer, dass du locker ins Wasser kannst. Außerdem weißt du, dass ich unausstehlich bin, wenn ich nichts gegessen habe.«

»Ich weiß nur, dass du ständig über das Essen meckerst. Egal ob Oma oder Waldi kocht.« Klarissas Stimme war jetzt ein bisschen zu schnippisch für ihr Alter, aber sie war fest entschlossen, ihrem Standpunkt Nachdruck zu verleihen.

Helene musste kurz schmunzeln. Sie war nicht wirklich böse, sondern eher amüsiert über die sture Haltung ihrer Tochter.

»Umso wichtiger, dass ich selbst frühstücke. Dann muss niemand für mich kochen, nicht mal Waldi.«

Aus dem Flur sang Guns N’ Roses Knockin’ on Heaven’s Door. Helene stand auf, um ans Telefon zu gehen, was Klarissa mit einem lautstarken Protest quittierte.

»Ach, für dein Handy unterbrichst du dein Frühstück, aber für mich nicht!« Ihre Wangen glühten förmlich vor Empörung. Sie sah ihrer Mutter hinterher, als diese die Küche verließ.

»Ein Telefonat dauert auch nicht so lange, wie schwimmen zu gehen«, hörte das Mädchen ihre Mutter aus dem Flur rufen.

Klarissa lauschte jedem Wort, das ihre Mutter im Flur sprach. Als sie »Wir machen uns gleich auf den Weg« vernahm, sackte ihre Stimmung endgültig in den Keller. Das Schwimmbad war gestrichen. Schon wieder. Der Kloß in ihrem Hals wurde dicker. Sollte sie schreien, weinen oder vielleicht beides? Ihre kleine Faust griff nach dem Buttermesser auf dem Tisch, und ohne groß nachzudenken, schleuderte sie es gegen die Wand. Es klapperte laut auf den Boden.

Helene kam in die Küche zurück, ihre Stirn leicht gerunzelt. Diesen Blick kannte Klarissa nur zu gut.

»Klarissa ...«

»Ist schon wieder jemand tot?«, fragte die Sechsjährige, wobei sie die Mundwinkel herunterzog. Dann griff sie nach dem Löffel im Kakaoglas und begann, mit der Rückseite leise gegen das Glas zu trommeln. Sie wusste genau, dass ihre Mama immer arbeiten musste, wenn jemand gestorben war.

Helene seufzte und kniete sich neben ihre Tochter, nahm sanft ihre Hand. »Ja. Ein Junge. Ein bisschen älter als du. Auf einem Spielplatz. Er lag da wahrscheinlich die ganze Nacht.«

Klarissas Augen wurden groß, und ein Schluckauf unterbrach ihre Atmung. Sie schaute ihre Mutter lange an und flüsterte dann: »Das ist viel trauriger als nicht ins Schwimmbad zu gehen.«

Beide umarmten sich still, während die Realität dieses Momentes auf sie beide wirkte. Die Wohnungstür öffnete sich und Walter Paul kam herein.

»Der Brötchendienst ist da!«, rief er mit übertriebener Fröhlichkeit.

Der Duft von frisch aufgebackenen Brötchen füllte die Altbauwohnung. Helene ging auf ihn zu. Er wollte ihr einen Kuss geben, aber Klarissa sah, wie ihre Mutter den Kopf leicht zur Seite drehte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Paul leise, sichtlich irritiert.

»Ein Kind ist tot. Auf einem Spielplatz.«

Paul blickte zur Küchentür, wo Klarissa stand. Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er mit dieser Nachricht nicht gerechnet hatte. Vor allem nicht von einer Sechsjährigen.

»Guck nicht so. Das Frühstück fällt aus«, sprach Helene.

»Und Schwimmen auch«, fügte Klarissa mit einem düsteren Blick hinzu.

Paul blinzelte verwirrt und fragte: »Wo ... wo ist das passiert?«

»Auf einem Spielplatz in Steglitz. Augustplatz oder so ähnlich.«

***

Kurz vor 09:00 Uhr erreichte Helene Eberle den Augustaplatz. Gemeinsam mit Walter Paul zog sie sich die blauen Überzieher über die Schuhe, um keine Spuren zu hinterlassen. Mit einem routinierten Schwung kroch sie unter dem rot-weißen Flatterband hindurch, das den gesamten Platz umschloss. Die Morgensonne blendete sie, und für einen Moment musste sie blinzeln, bevor sie ihre Kollegin Rita erblickte, die auf sie zukam.

Rita, die Polizistin im Dauerdienst, sah wie immer makellos aus. Frisch frisiert, perfekt geschminkt, und das um diese Uhrzeit. Helene war froh, wenigstens geduscht zu haben, bevor sie sich auf den Weg nach Steglitz gemacht hatte.

»Na, ihr Süßen«, begann Rita und machte eine kurze, dramatische Pause. Helene kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Rita so ziemlich jeden beim LKA »Süßer« oder »Süße« nannte.

»Um 04:29 Uhr ging der Notruf ein. Entdeckt wurde die Leiche aber wohl schon gegen 03:30 Uhr. Ein Junge, männlich, zwischen 11 und 14 Jahre alt. Keine äußeren Verletzungen. Auf den ersten Blick sieht es nach einem Tod ohne Fremdeinwirkung aus.«

»Tod ohne Fremdeinwirkung?« Pauls Skepsis war nicht zu überhören. »Ein Kind liegt tot auf einem Spielplatz, mitten in der Nacht von Freitag auf Samstag, und dann soll es keine Fremdeinwirkung gegeben haben?«

Rita nickte, ihre Lippen zuckten leicht. »Deshalb habe ich euch gerufen. So was kommt nicht alle Tage vor.«

Helene und Paul folgten Rita in Richtung Sandkasten, wo der leblose Körper gefunden worden war.

Auf dem Weg fragte Paul: »Sind die Eltern schon informiert?«

Rita schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Wir wissen nicht einmal, wer der Junge ist.«

»Gibt es eine Vermisstenmeldung?«, fragte Helene.

»Simone geht im Büro alle offenen Fälle durch«, erwiderte Rita. »Ich hoffe selbst, bald mehr zu wissen. Glaubt mir, ich warte sehnsüchtig auf ihren Rückruf.«

Bevor sie den Tatort erreichten, kam Dietmar Schulz auf sie zu, seine imposante Wampe vor sich herschiebend. Helene rollte innerlich mit den Augen, ließ sich aber nichts anmerken.

»Wir wissen nur, von wo der Notruf abgesetzt wurde«, brummte Schulz. »War hier aus der Umgebung. Kommt jemand mit, um das zu überprüfen?«

***

Jackson Schulz lag auf dem Sofa im Wohnzimmer, die Augen halb geöffnet, als hätte er nur widerwillig dem Schlaf nachgegeben. Es musste gegen halb sechs gewesen sein, als er endgültig eingedöst war. Der Tod war in seinem Leben bisher nie ein Thema gewesen. Bis zur letzten Nacht. Bis zu dem Moment, als er die Leiche eines Jungen im Sandkasten entdeckte. Irgendwie kam er ihm bekannt vor. Vielleicht aus dem Viertel. Aber eigentlich war das egal. Er musste sich an den Rat seines Vaters halten: ›Kümmere dich um dich selbst und um deine eigenen Probleme.‹ – nur … das war leichter gesagt als getan.

Der Kuckuck an der Wand rief dreimal! Nicht, weil es Zeit war, sondern weil jemand an der Tür klingelte. Schulz riss die Augen auf, sein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Wie spät war es?

Der kalte Marmorboden unter seinen Füßen fühlte sich wie ein Stromstoß an, als er hastig aufstand. Das Leder der Couch war nass, er musste im Schlaf geschwitzt haben. Wieder ertönte der Kuckuck.

»Ich komm ja schon«, murmelte er und stolperte Richtung Tür. Ihm war schwindlig. Als er die Klinke herunterdrückte, stand ein Trio vor ihm.

»Guten Morgen. Hauptkommissarin Helene Eberle, und das sind meine Kollegen Walter Paul und Dietmar Schulz.«

»Lustig«, brummte der Mann mit der Wampe. »Wir haben den gleichen Nachnamen, aber so ein Haus könnte ich mir von meinem Gehalt nie leisten.«

Jackson Schulz sah, wie die Frau mit den braunen Haaren dem glatzköpfigen Schulz einen genervten Blick zuwarf. Dann richtete sie sich wieder an ihn.

»Sind ihre Eltern zu Hause?«

Der Junge in der Tür verneinte stumm.

»Dann haben Sie in der letzten Nacht einen Notruf abgesetzt?«

Jetzt nickte Jackson Schulz.

»Wir hätten dazu ein paar Fragen.«

Er versuchte, sich zu konzentrieren, aber die Müdigkeit hing ihm immer noch in den Knochen. Die drei Gestalten vor ihm erschienen ihm verschwommen. Er hatte noch nie groß mit der Polizei zu tun gehabt, außer einmal, als jemand versuchte, bei ihnen einzubrechen. Aber da waren seine Eltern zu Hause, und das fühlte sich sicherer an. Jetzt war er allein.

»Bist du überhaupt schon volljährig?«, hörte er den Mann mit der Wampe ungläubig fragen.

Jackson Schulz hätte sich lieber weiter mit der Frau unterhalten, die wirkte um einiges freundlicher. Außerdem roch sie so wunderbar nach Pfirsich-Vanille.

»Ich … ich bin siebzehn«, brachte er kleinlaut hervor.

»Wo sind deine Eltern?«, fragte der Glatzkopf mit einem Ton, als hätte er etwas Verbotenes getan. Als wäre es eine Straftat, allein zu Hause zu sein.

»Die sind in unserem Ferienhaus. Im Schwarzwald. Sie kommen erst in einer Woche wieder.« Nervös strich er sich durch seine schulterlangen Haare.

»Dürfen wir reinkommen?«, fragte die Polizistin. Ihre Stimme war freundlich, aber bestimmt.

Jackson Schulz nickte mechanisch, aber bevor er etwas sagen konnte, wurde ihm plötzlich schwindelig. Alles um ihn herum begann sich zu drehen, als hätte jemand das Wohnzimmer auf eine Drehscheibe gestellt. Übelkeit kroch in ihm hoch, und bevor er sich fangen konnte, taumelte er und knallte mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Dann war es dunkel.

***

Zurück am Tatort erfuhren Dietmar Schulz, Walter Paul und Helene Eberle, dass die Leiche des toten Jungen, auf Anordnung der Staatsanwaltschaft, bereits auf dem Weg in die Gerichtsmedizin war. Der Augustaplatz war wieder zugänglich, nur der Bereich des Spielplatzes war noch abgeriegelt. Vor dem rot-weißen Flatterband brannten Kerzen, und auf dem Boden lagen bereits zahlreiche Blumen. Menschen kamen in regelmäßigen Abständen, hockten sich nieder, legten weitere Blumen ab oder zündeten Kerzen an. Für die Kriminalbeamten war das kein gutes Zeichen.

»Es hat sich wohl schon rumgesprochen«, murmelte Paul.

»Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Medien auftauchen, während wir noch nicht mal den Namen des Opfers kennen«, ergänzte Helene.

Ihr Handy vibrierte in der Hosentasche. Sie zog es heraus und nahm den Anruf entgegen. Auf der anderen Seite kreischte Simone Otto.

»Eine Vermisstenmeldung!«, rief die Kollegin, fast triumphierend.

Endlich ein Ansatzpunkt. Doch Helene wusste, dass dieser Hinweis sie in die düsterste Ecke ihres Jobs führen würde: die Nachricht überbringen, dass ein Angehöriger tot aufgefunden worden war! Und in diesem Fall war es ein Junge zwischen 11 und 14 Jahre.

»Ist doch überhaupt nicht klar, ob die Meldung überhaupt was mit dem toten Jungen auf dem Spielplatz zu tun hat«, warf Dietmar Schulz ein. »Und wir haben ja nicht mal ne Ahnung, ob da jemand nachgeholfen hat.«

Helene warf Schulz einen Blick zu, der Bände sprach, als wolle sie ihn fragen, ob er ernsthaft an Wunder glaubte.

»Was?«, gab der zurück und riss die Hände ein Stück hoch, als wollte er sich gegen einen unsichtbaren Angreifer wehren. »Wir müssen mit den Fakten arbeiten, die wir haben. Predigst du doch selbst ständig. Und Fakt ist: Es gibt keine äußeren Verletzungen. Punkt.«

»Für die Eltern wird es nichts Schlimmeres geben, als über den Tod ihres eigenen Kindes informiert zu werden«, entgegnete Helene. Ihre Stimme war leise, doch schwer wie Blei. »Und wenn es sich auch noch um ein Tötungsdelikt handelt, setzt das allem die Krone auf.«

Paul und sie schwiegen, während sie dabei zusahen, wie die Leute vor dem Flatterband weitere Blumen hinlegten. Dietmar Schulz stand daneben und gähnte, als wäre das hier ein langweiliger Sonntagsausflug.

***

Magdalena Schünemann legte das Telefon nicht mehr aus der Hand. Warum rief niemand an? Nicht die Polizei, nicht ihr Sohn selbst, nicht einmal die Eltern des Jungen, bei dem Lukas übernachten wollte. Sie stand auf, ging zum Küchenfenster und starrte hinaus. Die Sonne lachte, doch in ihr tobte ein Erdbeben der Stärke 12. Mit einem Regensturm aus Tränen. Sie verließ die Küche, als könne sie der Sonne und ihrer trügerischen Normalität nicht länger ins Gesicht sehen, und ging ins Obergeschoss.

Im Schlafzimmer saß ihr Mann auf der Kante des Wasserbetts. Sein Oberkörper wippte unaufhörlich vor und zurück, als wäre er gefangen in einer Endlosschleife. Mike Schünemann sah aus, als sei er in den letzten zwei Stunden um Jahrzehnte gealtert. Er war es gewesen, der bei Lorenz, dem Freund ihres Sohnes, angerufen hatte. Sie würde diesen Anruf nie vergessen. Sie sah das Bild vor sich: Die Augen ihres Mannes waren weit aufgerissen, der Schmerz in seinem Gesicht kaum zu ertragen, als er ins Telefon geschrien hatte:

»Was sagen Sie? Das kann nicht sein. Verdammt, das kann nicht sein! Lügen Sie nicht!«

Zum ersten Mal in ihrer siebzehnjährigen Ehe hatte sie ihren Mann weinen sehen. Seine Hände zitterten, als er das Telefon ablegte und flüsterte: »Lukas ist weg. Wir müssen die Polizei rufen.« Immer wieder murmelte er diesen Satz, als hätte er ihn nicht wirklich begriffen.

Sie drückte mit zitternden Fingern die Türklinke des Zimmers ihres Sohnes herunter. Vielleicht, dachte sie, ist das alles nur ein böser Traum. Vielleicht lag Lukas oben in seinem Bett, eingekuschelt in seine Decke, während sie hier unten die Kontrolle verlor. Doch das Bett war leer ...