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In dieser eindringlichen Rechenschaft über den Glauben setzt sich Tiemo Rainer Peters mit zentralen christlichen Geheimnissen wie Erlösung, Auferstehung oder Gnade auseinander. Ohne sie dem Zeitgeschmack anzupassen, verfolgt er sie bis dorthin, wo sie uns entgleiten und nach einem neuen Verständnis verlangen. Ein Buch, in dem sich Spiritualität und Reflexion, Meditation und kritisches Nachdenken begegnen und einander fordern – im durchgängigen Gespräch mit der Moderne, ihrem Menschenbild und ihrem Lebensgefühl.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Buch lesen
Cover
Haupttitel
Inhalt
Über den Autor
Über das Buch
Impressum
Hinweise des Verlags
Tiemo Rainer Peters
Entleerte Geheimnisse
Die Kostbarkeit des christlichen Glaubens
Matthias Grünewald Verlag
Vorwort
Wort Gottes
Erfahrungsaustausch
Mitgeteiltes Wort
Erstarrung
Weltliche Interpretation
Freimütige Predigt
Reich Gottes
Verheißungslose Bindungen
Der Glaube Jesu
Konziliare Prozesse
Wo die Liebe ist
Erlösung
Gewinn und Verlust
Mächte und Gewalten
Vom Tragen
Umsonst
Für uns, nicht ohne uns
Auferstehung
Billiger Trost
Über die Würde des Menschen
Geerdete Hoffnung
Hingabe
Ewiges Leben
Tiefe Diesseitigkeit
Todesangst und Lebensfreude
Solidarität und mehr
Jenseits von mir
Glaube
Gott allein
Zwei Welten
Glauben – wie macht man das?
Gnade
Ein Streitbegriff
Preis der Gnade
Ein anderes Wort für Gott
Gott
Biographie Gottes
Feuer
Offener Raum
Möglichkeiten Gottes
»Die Theologen müssen, da ihnen Beweise für ihre
Aussagen ein für allemal erlassen sind, um so
dringlicher für die Klärung ihrer Begriffe sorgen.«
(Hans Blumenberg)1
In den ersten Entwürfen zum Synodendokument »Unsere Hoffnung« (1975) hatte Johann Baptist Metz einen Satz formuliert – so pointiert und wahrheitsgemäß, dass eine erschrockene Mehrheit bei der Beschlussfassung des Textes hier ihre Zustimmung verweigerte: »Dass dem Christentum tagtäglich der Verdacht entgegen schlägt, es antworte« auf die Nöte und Ängste der Menschen »nur noch mit verbrauchten Geheimnissen«.2 Gibt es gut 40 Jahre später noch unverbrauchte? Wo könnten wir anknüpfen? »Die Bedrohung unserer Zivilisation«, meinte Timothy Radcliffe, ein ehemaliger Ordensmeister der Dominikaner, »besteht vielleicht nicht gerade darin, dass wir unwahrhaftig sprechen, dass wir Lügen auftischen, sondern dass wir mit Leichtigkeit Wörter aussprechen, die leer geworden sind«.3 Diese Leichtigkeit ist das beinahe größere Problem, weil sie inhaltlich kaum noch interessiert zu sein scheint, auch nicht am Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge.
Dies zu beklagen reicht nicht in einer Zeit wie der unseren, mit ihren Kriegen, globalen Migrationen, ihrem Hass und religiösen Fanatismus. Geschwächt und früherer Gewissheiten beraubt, blickt ein nachchristliches Europa, das sein eigenes Christentum nicht mehr kennt, voller Angst auf einen scheinbar vitalen Islam. Aber dieser hat seine einstige rationalistische Kraft, die er zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert in Europa (Cordoba!) besaß, längst eingebüßt und droht seinem eigenen Fundamentalismus zu erliegen. Das ist der Problemhorizont, nicht das Thema unseres Nachdenkens über den christlichen Glauben.
Das aus nicht leicht zugänglichen Vorträgen und neuen Überlegungen entstandene Buch richtet sich an eine religiös gebildete Leserschaft und setzt auf die Neugier derer, die noch suchen. Es wurde weder in der Ruhe kontemplativer Beschaulichkeit noch aus der Sicherheit theoretischer Überzeugungen geschrieben, sondern aus der bekümmerten Frage nach dem, was uns christlich bleibt und den noch vorhandenen Glauben tragen, begleiten und möglicherweise wiederbeleben kann.
Die christlichen Geheimnisse einfach vorauszusetzen und mit zeitgemäßen Bedeutungen aufzufüllen, ist ganz entschieden nicht beabsichtigt. Vielmehr sollen die Glaubensgeheimnisse in ihrer Geschichte exemplarisch dargestellt und bis zu dem Punkt verfolgt werden, an dem sie uns entgleiten und nach einem neuen Verständnis verlangen. Aber es müssen dieselben Geheimnisse sein und die in ihnen vielleicht noch vorhandene alte »Glut«. Sonst würden wir uns über uns selbst und unsere Befindlichkeiten verständigen, aber nicht über den Glauben Abrahams, Isaaks, Jakobs und Jesu.
Stütze und Orientierung waren mir besonders zwei zeitgenössische Theologen: Dietrich Bonhoeffer und Karl Rahner, die auf je ihre Weise ein zukünftiges Christentum vor Augen hatten und darunter litten, das es nicht schon verwirklicht war. – Mein Dank gilt Manfred Böhmer, dem Freund und sorgfältigen Leser des Manuskripts.
Ich widme das Buch den kontemplativen Dominikanerinnen »Zum gekreuzigten Erlöser« auf Lage/Rieste und allen, die suchen.
Münster, 23. 08. 2016, Gedenktag der Hl. Rosa von Lima OP
Tiemo Rainer Peters
Beim Eintritt in die Welt des Glaubens begegnen wir zuerst dem Wort Gottes – als einer Herausforderung und Zumutung. Wenn es dieses Wort wirklich und so wirkmächtig gibt, wie es zu sein verspricht; wenn in der Flut der Wörter dieses eine, verlässliche tatsächlich vorkommt, und wir es zu hören vermögen und nicht nur zu »hören«, wären wir gerettet. Von nichts anderem spricht der Glaube Israels und der Christen.
Wir tun gut daran, Begriffe unserer Erfahrung zu verwenden, wenn wir dem Wort von Gott näher treten und nicht nur über den sprechen wollen, der vom Schöpfungsanfang an dieses Wort war und ist. So bliebe das Nachdenken verbindlich und die Verständigung nachvollziehbar. Wir werden gleichzeitig aus dem noch nicht Gewussten schöpfen und immer neu zu begreifen versuchen, wer Gott ist, besser: wer er nicht ist; und was das Wort Gottes ist oder besser nicht ist, und worin es über seine Verschriftlichungen hinausgeht. Wir sollten auch »zwischen den Zeilen« lesen lernen, um uns in den geschriebenen Zeichen nicht hoffnungslos zu verirren.
Von dem französischen Dichter und Philosophen Paul Valéry (1871–1989) stammt ein Gedanke, den der englische Sozialpsychologe Ronald D. Laing (1927–1989) aufgegriffen und programmatisch zugespitzt hat: »Erfahrung ist die Unsichtbarkeit des Menschen für den Menschen. Erfahrung nannte man früher Seele«,4 weil beide, Erfahrung und Seele, einmalig sind wie wir selbst. Die Seele, ebenfalls einer dieser leer gewordenen und entseelten Begriffe, ist das Organon unserer Erfahrung.
Daraus folgt, dass wir die Erfahrungen anderer nicht erfahren können. Wenn sich die Theologie mit vergangenen und gegenwärtigen Gotteserfahrungen der Menschen beschäftigt, die tief in die Geschichte zurückreichen, gestikuliert sie mit Geheimnissen und Abgründen, die der Mensch für den Menschen bereithält und die sich nur noch über Texte mitteilen, die oft dunkel und unklar bleiben und nicht leicht zu entschlüsseln sind. Das ist auch deshalb so, weil die ursprünglichen Erfahrungen in solchen Verschriftlichungen festgeschrieben und schon durch diese Fixierung verändert wurden. Das Aufgeschriebene stimme nicht, befand der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard. In der Sache ähnlich, nur positiv gewendet, stellte die Lyrikerin Ilse Aichinger sinngemäß fest, dass jeder Satz durch unsagbar viele ungeschriebene Sätze belegt sein müsse, sonst stehe er gar nicht da. Ihm fehlten seine Wurzeln und Quellen, aus denen er lebt. Die ungeschriebenen Sätze sind das Lebenselement der geschriebenen.
Judentum und Christentum verfügen über gewaltige Texte, in denen die persönlichen Erfahrungen der ersten Glaubenszeugen fixiert und kanonisiert vorliegen. Ihre Erfahrungen können wir nicht mehr erfahren – ein Befund, der sich neuzeitlich noch verschärft hat. Denn jetzt gibt es jenen »garstig breiten Graben«, von dem als Erster Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) gesprochen hatte, und zwar in religionskritischer Absicht.5 Lessing ging davon aus, dass die Erfahrungen derer, die Wunder gesehen haben wollen, erst recht unerreichbar sind für den nach Beweisen fragenden ebenso aufgeklärten wie distanzierten Zeitgenossen, der Wunder in der Regel nicht für möglich hält. Wunder lassen sich nicht beweisen, nur glauben – und nur dadurch möglicherweise wieder zu einer aktuellen Erfahrung machen.
Nicht durch Beschwörung, forsche Aktualisierung oder theologische Belehrung, schon gar nicht durch sklavische Unterwerfung unter den Text wären die früheren Glaubensgewissheiten zurückzuerlangen. Nur durch das Lebenszeugnis und das authentische Glaubensbekenntnis der Glaubenden, so muss man Lessing verstehen, könnten das Wort von Gott und der Glaube der ersten Glaubenden wieder lebendig und dadurch erneut glaubwürdig werden. Aber schon Lessing glaubte wohl nicht mehr an solche Christen.
Wie entsteht dieser »Graben«, den Lessing zwischen den ersten Glaubensboten und der Moderne ausmachte? Wir haben es mit einer langen Geschichte zu tun, die beginnt, wo der Gottesname zum ersten Mal auf den Menschen trifft, von Menschen angerufen, nachgesprochen, weiter erzählt, schriftlich festgehalten und dabei sofort wieder umgeformt wird. Er konnte anders ja gar nicht angeeignet und bewahrt werden, als durch solche erzählerischen Um- und Weiterbildungen.
Auch der Name Gottes benennt nicht Gott, sondern Erfahrungen, die mit ihm gemacht worden sind. Wer ist Gott selbst? Wer könnte das sagen, außer – Gott. Und wie könnte er es sagen, wenn nicht zusammen mit uns, die es hören und verstehen müssen, je in ihrer Zeit? Die »Religionen des Buches«, die »Offenbarungsreligionen« gehen davon aus, dass Gott längst gesagt hat, wer er ist. Dass er sich nicht nur »mitgeteilt« hat, wie Karl Rahner (1904–1984) den Offenbarer umschrieb, sondern dass er den Menschen nahe gekommen, ja einer von ihnen geworden ist und das Leben mit ihnen geteilt hat: »Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt« (Joh 1, 14). Die biblischen Texte sind nicht zuletzt Wohnungen Gottes. Aber diese »Wohnungen« sind zu klein für ihn. Die Texte suchen nach uns, ihren eigentlichen Adressaten und »Bewohnern«.
Das Wort war und bleibt angewiesen auf die, die es in sich »aufnehmen« (Joh 1, 11) und bei sich wohnen lassen, anders konnte es sich nicht inkarnieren und stünde nicht einmal wirklich da.
»Am Anfang
war das Wort
und das Wort
war bei Gott«
Und Gott gab uns
das Wort
und wir wohnen
im Wort
Und das Wort ist
unser Traum
und der Traum ist
unser Leben
(Rose Ausländer)6
»Wohnen« ist ein Wort, das etymologisch mit »Wonne« und »Wahn« zu tun hat, nicht selten auch mit der Verrücktheit der Wünschenden und Hoffenden. David tanzte fast nackt vor der Bundeslade, um Gottes Wohnung zu bereiten (vgl. 2 Sam 6, 14). Gott wohnt, er ist im Sozial- und Zeitbezug, sonst »ist« er nicht Gott, sondern Phantom oder Götze. Die Bibel spricht ausschließlich von diesem Gott, der »ist«, indem er uns begegnet und der immer noch kommt. Der deshalb weder kirchlich verfügbar, noch politisch zu gebrauchen oder persönlich zu vereinnahmen ist.
Der Gott Israels hat eine lange Geschichte. An ihrer unglaublichsten Stelle ist zu erkennen, wer er ist: »Schöpfer« und »Vater« gerade auch dort, wo er die Zeit, die Vergangenheit und sogar die Toten nicht in Ruhe lässt. Auch Texte nicht, wie sich zeigen wird. Zeichnet man diese in der Auferstehungshoffnung kulminierende Gottesbotschaft nach, so bestätigt sich, dass die Heilserwartung geborgt ist. Dass wir von den leidenschaftlichsten Hoffnungen anderer zehren – meist ohne selbst noch leidenschaftlich zu sein. Das unglaubliche Wort aus der Johannes-Apokalypse: »Der Tod wird nicht mehr sein, kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz« (Offb 21, 4) stünde gar nicht da, wäre es nicht gedeckt und gleichsam »gegengezeichnet« von den zahllosen Opfern in den Verbannungslagern Domitians (51–96) auf Patmos, wo die Geheime Offenbarung entstanden sein soll.
Das Christentum ist eine apokalyptische Erzählung, und die Apokalyptik die »Mutter der christlichen Theologie«, stellte der Neutestamentler Ernst Käsemann (1906–1998) fest.7 In diese Erzählung findet niemand hinein, der sich nicht berühren lässt von der Hoffnungs- und der mit ihr verwobenen Leidensgeschichte der Menschheit, wie sie auch in der apokalyptischen Vision des Matthäus vom Weltgericht zum Ausdruck kommt: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan ... Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan« (Mt 25, 31–46).
Gott, erst recht ein Gott, der Tote auferweckt, lässt sich nicht verstehen. »Die mit mir sind«, zitierte Hans Blumenberg (1920–1996) aus einem außerkanonischen »Agraphon«, »haben mich nicht verstanden«.8 Das Verständnis macht die Nachfolge so schwer, weil es an ihre Stelle treten will. An Gott lässt sich aber auch nicht einfach glauben - im Sinne eines vagen Für-wahr-Haltens. Der Glaube an das Wort Gottes ist Gehorsam, Nachfolgegehorsam.
»Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes« (Lk 9, 62). Wer sich sicherheitshalber umdreht, wie Lots Frau (vgl. Gen 19, 26), erstarrt. Wer nicht loslassen will, verliert alles, Menschen und manchmal Texte. Mose darf sich dem Dornbusch nicht nähern, denn der Ort, wo er steht, »ist heiliger Boden« (Ex 3, 5). Genauso musste Maria von Magdala ihre Lektion an Ostern lernen: noli me tangere, »halte mich nicht fest« (Joh 20, 17). Und doch ist das Nicht-festhalten-Dürfen nur die eine Seite der Dialektik, welche die biblischen Texte für uns darstellen, und die uns beinahe zu zerreißen droht. Paul Valéry sprach dies auf eine Weise aus, die ebenso zwingend wie verstörend ist: »Was nicht festgehalten wird, ist nichts. Was festgehalten wird, ist tot«.9 Auch die Worte, Begriffe, Dogmen und Gebote des Christentums leben nur dann, wenn sie zwar fixiert und dadurch bewahrt, aber gleichzeitig auch wieder losgelassen und frei gegeben werden. Sonst wären sie nichts als die erhabenen Fassaden und musealen Bestände vergangener Erfahrungen, Sätze und Begriffe, in denen niemand mehr zu Hause ist.
Wie können wir diesem Dilemma entkommen? Um »Wort Gottes«, also erhellendes, weltveränderndes Wort zu sein, braucht die tradierte Botschaft uns, die das Wort hören und es nicht nur hören, sondern befolgen. Dieses Ergebnis lässt sich bereits festhalten. »Unser Verhältnis zu Gott«, schrieb Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), mit einer deutlichen Spitze gegen einen Gottesglauben, der nicht mehr gefüllt ist, außer mit abstrakten Vorstellungen, »ist kein ›religiöses‹ zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im ›Dasein-für-andere‹, in der Teilnahme am Sein Jesu«.10 In solcher Teilnahme müssen schließlich auch Theologie und Christologie verwurzelt sein, oder sie sind nichts als Überbau oder Luftblase. »Nur ihm nachfolgend ›wissen‹ wir, auf wen wir uns eingelassen haben« (Metz).11
Bonhoeffer hat der akademischen Theologie nicht in jedem Fall getraut, auch seiner eigenen nicht, wo sie »phraseologisch« wird, also wort- und kenntnisreich ihre Kreise zieht und die Gläubigen allein lässt. Für ihn ist Theologie ein »Hilfsmittel, ein Kampfmittel, nicht Selbstzweck« und schon gar nicht Basis des Christlichen.12 Benedikt XVI. war in jüngerer Zeit vielleicht die reinste Verkörperung eines Theologie gewordenen Christentums – im Unterschied zu Papst Franziskus, der dabei ist, die Kirche vom Kopf der Theologie wieder auf die Füße der Nachfolge zu stellen.
Wie lassen sich die verschiedenen Perspektiven bündeln und noch stärker mit dem Wort Gottes in Verbindung bringen? Ich kehre zu dem Eindruck zurück, dass das Christentum und seine Verkündigung abstrakt geworden sind, unfähig, den Lessingschen »Graben« zu überwinden und Vermittler des Wortes für die Menschen und die Welt zu sein. Zumindest für Dietrich Bonhoeffer war klar, dass sich die meisten Theologien seiner Zeit blamiert hatten und nicht vorbereitet waren für die Aufgabe, die vollends nach der deutschen Katastrophe in Angriff zu nehmen war: für die, wie er sie nannte, »weltliche Interpretation biblischer Begriffe«.
Die von Rudolf Bultmann (1884–1976) angestoßene Debatte über die Entmythologisierung des Neuen Testaments wurde in den 1960er Jahren mit Leidenschaft geführt und war durchaus nach dem Geschmack eines bürgerlichen Christentums nach dem Zweiten Weltkrieg. Die weltliche Interpretation wäre demgegenüber etwas ganz anderes und sehr viel mehr: nicht die Anpassung der Schrift an den liberalen Menschenverstand und die Bedürfnisse der Moderne, wie bei Bultmann, sondern die Sichtung und Schärfung der biblischen Begriffe für ein radikales Leben inmitten einer sich rasch verändernden Zeit.
Das Wort von Gott muss nicht nur von vielen seiner mythologischen Einkleidungen befreit, es muss, das sah auch Bultmann so, »interpretiert« werden, aber eben »weltlich« und konkret. Es ist aus seinen Erstarrungen und Vereinnahmungen zu lösen und in den Prozess einer lebendigen Aneignung zu überführen. Sonst steht es nur noch fest, und bewegt sich nicht mehr. Es ist zwar richtig, aber nicht wahr. »Was immer wahr ist, ist gerade heute nicht wahr. Gott ist uns immer gerade heute Gott«, hatte Bonhoeffer in einem Beitrag zur Ökumene gesagt.13 Er wird mit diesem Satz häufig zitiert, aber kaum beherzigt.
Wir haben uns mit einem Einwand auseinander zu setzen, der dogmatischer Natur ist und deshalb scheinbar unbezwingbar: Ist die Offenbarung nicht »abgeschlossen«, sind wir nicht auf ebenso beruhigende wie ärgerliche Weise festgelegt und müssen nurmehr tapfer das überlieferte Wort glauben, befolgen und vertreten? Und stand nicht sogar im Würzburger Hoffnungspapier, dass die biblischen »Bilder und Gleichnisse vom großen Frieden der Menschen ..., vom Reich der Freiheit, der Versöhnung und der Gerechtigkeit, von den abgewischten Tränen und vom Lachen der Kinder Gottes ... genau und unersetzbar« sind?
Die Unersetzbarkeit des Wortes gilt. Aber sie ist etwas anderes als seine Abgeschlossenheit. Außerdem hätte man für »Unsere Hoffnung« diese nicht ersetzbaren Bibelstellen überhaupt nicht finden und im Beschlusstext mit einem derart befreiend-aktuellen Pathos versehen können, ohne die Zeit, das heißt ohne die eigene Aufbruchs- und Umbruchszeit der 1970er Jahre. Galt das Hoffnungsdokument14 doch einer Gesellschaft, die gar nicht mehr merkte, wie hoffnungslos ihre Tröstungen geworden waren, mit denen sie sich über die Abgründe des Lebens und Sterbens betrog und es bis heute tut.
Muss die Verkündigung des Wortes Gottes also kritischer, vielleicht schonungsloser werden, um die Herzen und Gefühle der Menschen zu erreichen? Allerdings wäre es nichts anderes als »gehobener« Fundamentalismus, zu meinen, die Bemühungen um eine angemessene Gottesrede könnten erfolgreich sein, wenn ein verdrossener oder vor sich hin dämmernder Katholizismus nur mutig und beständig genug aus seiner religiösen Lethargie aufgeschreckt und mit dem reinen Schriftwort konfrontiert würde. Gerade als heilsame »Waffe« eingesetzt, würde dieses Wort nur abstoßen und polarisieren, nicht aber befreien.
Es geht um Zeitgenossenschaft. Dabei sollte man sich vergegenwärtigen, wie zeitgeprägt das Wort Gottes ist, wie viel bäuerliche Mentalität das Evangelium durchzieht. Wie wenig Welt, Zeit, Stadt oder gar verarmter Stadtrand erkennbar ist in der kirchlichen Verkündigung früherer, aber auch unserer Tage. Das Wort ist ja stets nur zusammen mit Welt, der Um- und »Mitwelt«, zu verstehen und anzunehmen; allerdings auch nur in Verbindung mit Kritik an einer modernen Welt, die sich für »alternativlos« hält und nicht merkt, wie sie durch ihre Voreingenommenheiten einem neuen, »modernen« Fundamentalismus Tür und Tor öffnet.
Eine solche zeitgenaue Interpretation ist nötig, nicht um das Gotteswort der Zeit anzupassen, sondern um es im Wirrwarr der Worte überhaupt wieder weltlich hörbar und unterscheidbar zu machen. Wo es in der Verkündigung weitergesagt wird, muss das Wort Gottes also mit der Zeit gehen und sich mit ihr verändern, ohne nur »zeitgemäß« sein zu dürfen, wie das »Korn«, von dem Jesus im Gleichnis spricht (vgl. Mt 13, 3–30). Wer meint, das biblische Wort nur konservieren zu müssen und so an die Hörer und Hörerinnen weitergeben zu können, hat die Rechnung ohne die Gläubigen gemacht, die in der Verkündigung Brot wollen, nicht Körner oder gar Steine.
Die Exegese bietet ihre Hilfe für den richtigen Umgang mit dem Wort Gottes in der Verkündigung an. Es gehöre zum rechten Verständnis der Schrift, »dass die Aneignung in der Sinnperspektive des zitierten Schriftwortes liegen müsste«, sagte der Alttestamentler Erich Zenger (1939–2010).15