Es gibt kein Zurück - Ulf Erdmann Ziegler - E-Book

Es gibt kein Zurück E-Book

Ulf Erdmann Ziegler

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Beschreibung

Ein Mann auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – ein bewegendes Roadmovie! A.W. Mumme, ein bekannter Radio-Essayist, bekommt Post von der Rentenversicherung und beginnt, mit sich zu hadern: Sind 1.183 Euro Rente das, was ihm von einem langen Arbeitsleben übrig bleibt? Da kommt die Idee einer literarischen Agentin, er solle eine populäre Autobiografie verfassen, gerade zur rechten Zeit. Von einem prächtigen Vorschuss leistet sich Mumme ein »Retromotorrad«. Damit begibt er sich auf eine Reise von Berlin über Leipzig und Paris bis an die Côte d'Azur, wo, in einer Stunde innerer Lähmung, sein Begriff von einem Sinn – des Lebens und in der Gesellschaft – zerbricht. Es gibt kein Zurück. In den Bildern der Reise spiegelt sich Mummes Leben: als wurzelloses Kind einer Hippie-Mutter; als junger Mann in einer düsteren Stadt intellektueller Moden namens West-Berlin; als glamouröser Medienmann an der Seite einer nicht minder glamourösen Frau; als Freund eines Dandy-Künstlers – eine jahrzehntelange Freundschaft, die die politischen Strapazen einer Pandemie nicht übersteht. Das Gespenst, das Mumme wirklich umtreibt, ist das Hasswort vom »alten weißen Mann«, der er auf keinen Fall sein will – dessen Kürzel, AWM, jedoch zeitgleich das Anagramm seines Namens ist. Ulf Erdmann Ziegler erzählt mit viel Witz und gleichzeitig melancholisch und ergreifend von einem Mann auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die das Leben stellt.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Ulf Erdmann Ziegler

Es gibt kein Zurück

Roman

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2025

Geiststr. 11, 37073 Göttingen

www.wallstein-verlag.de

[email protected]

Umschlaggestaltung: Eva Mutter (evamutter.com)

ISBN (Print) 978-3-8353-5860-7

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-8842-0

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-8843-7

Radio

Ein Rest von Heiterkeit ist notwendig, um im Radio erfolgreich zu sein. Es sind die hellen Stimmen, die sich durchsetzen, bei den Männern. Aus dem Pool der hellen Stimmen werden Redakteure und Freie akquiriert. Wem es gegeben ist, sich von Komma zu Komma zu schwingen, darf die eigenen Texte im Studio einlesen. Aldus Wieland Mumme gehört dazu. Die hellen Stimmen gleiten wie ein Cursor durch die Zeit, ohne schwerer zu werden. Wer es unbedingt wissen will, ob der Mann im Radio vierzig oder sechzig ist, findet im Internet die Antwort. Außerdem kennt man ihn aus Talkshows. Die Stimme aber verrät ihn nicht. Sie ist mit ihrer Tonlage im Bundesradio Mainstream, und doch würde man sie nicht verwechseln. So wie überhaupt ein jeder, der ein Ohr dafür hat, Stimmen nicht verwechselt. Viel weniger als Gesichter.

Lange hatte Mumme geglaubt, die Stimme wäre ein Mittel zum Zweck. Ökonomisch gesehen allein fünfzehn Prozent mehr Honorar, wenn du selbst liest. Früher jedenfalls. Die Stimme ist einfach Text auf Tonband, eine Dienstleistung für Analphabeten, Hausfrauen, Blinde und Autofahrer. Ihre Stimme ist gut, aber Sie verlesen sich zu oft, hatte ein Studiotechniker zu ihm gesagt, vor mehr als dreißig Jahren, in Münster oder in Hannover. Besser als andersherum, hatte sich Mumme damals gedacht. Das Lesen kann man doch lernen. Das Lautlesen würde er lernen, so wie er das Lesen gelernt hatte. Oder das Sprechen. Eher das. Man lernt noch einmal zu sprechen. Das Sprechen ist das Mittel zum Zweck und nicht die Stimme.

Er hatte es nicht mit den Details der Anatomie, aber gewiss waren die Stimmbänder eine anatomische Fügung, etwas, das mit der Geburt da war wie das Auge oder das Ohr, nur eben nicht auf der passiven Seite. Vielleicht doch eher den Geschlechtsorganen vergleichbar, oder den Zähnen, mit der Kinderphase und der Erwachsenenphase. Der Hoden und der Adamsapfel, die Geschichte der Kastraten, eine Frage des sozialen Designs, der Zurichtung, verdoppelt durch das Singen, fast schon eine Waffe in der Oper. Obwohl es wiederum irreführend wäre, die Gabe der Stimme über den Sonderfall zu beschreiben. Ein besserer Vergleich wäre der Schauspieler, der sich aufs Sprechen verlegt hat, oder warum nicht der Nachrichtensprecher. Denn beim Bundesradio tauschten diese sogar die Rollen, seine Lieblingssprecherin bei den Nachrichten las dann plötzlich Sätze aus einem Roman, nicht in den Nachrichten, natürlich, sondern in einem Hörspiel oder Feature. Deren Stimmorgan, kräftig, etwas metallisch, dialektfrei und doch nicht steril, war für ihn das Bundesradio überhaupt, kaum vorstellbar, dass sie mit derselben Stimme etwas Banales äußerte, etwas Privates oder gar etwas Obszönes. Man gab ihr alles Mögliche zu lesen, aus Gründen der Sparsamkeit, wahrscheinlich, und es kam immer richtig heraus, ein komplettes Bild, eines mit Rahmen, mit Bundesrahmen, mit Deutschlandflair. Hätte er sich ausbilden lassen, wäre er im günstigsten Fall so herausgekommen, eine Stimme ohne Gesicht, ein Klang ohne Person; Persönlichkeit durchaus, aber nicht Person. Das war es aber nicht, wo er hatte hinwollen oder wohin das Radio ihn gedrängt hätte, gar nicht, denn seine Stimme war viel wertvoller als die Stimme seiner Beiträge, so dass die Leute, die ihm zuhörten, sogleich wussten oder zumindest ahnten, dass der Sprecher und der Autor derselbe waren, der Autor ein Profi und der Sprecher ein Laie – ein Halblaie oder ein Semiprofi. Im dritten Jahr als Freiberufler für das Bundesradio war Mumme, der mit Halsschmerzen im Bett lag, ersetzt worden von einer Sprecherstimme, mit einem Mann, so als könnte es ganz vielleicht doch er selber sein. Ein äußerst schwieriger Halbstundenessay über ein skandalöses Thema – Mumme war spezialisiert auf skandalöse Themen –, und nicht an einer Stelle hätte man merken können, was gedanklich auf dem Spiel stand, wie der Autor die großen Klischees aufrief und ausschmückte (die ersten zehn Minuten), nur um sie zu zerlegen und schließlich zu verwerfen (Minute zehn bis zwanzig), um dann in den letzten Minuten mit eigenem Besteck und scharf geschliffenen Begriffen zum Halali zu blasen. Nichts davon hatte man in der Sprecherstimme hören können, nicht die Größe des Entwurfs, die List des Angriffs, den Zorn auf die schweigende Mehrheit. So als wäre ein Mumme-Essay ein gediegener Beitrag zur allgemeinen Bildung, Schulfunk für Erwachsene am Sonntagmorgen, das wohlmeinende Gefasel eines weiteren Bedenkenträgers.

Danach hörte sich Mumme mit anderen Ohren. Beim Lesen zu Hause probte er die Übertreibung, vorsichtig zunächst und bald schon maßlos, um die Grenzen des Ausdrucks, den Urgrund der Bedeutungen auszuloten. Er presste, hämmerte, schnatterte und schrie, er flüsterte und maunzte, um dann im Aufnahmestudio eine abgemilderte Fassung einzusprechen. Bald fand er heraus, wie man aus einem langen Satz einen Bogen schnitzt und mit einem einzigen Wort den Pfeil abschießt. Er begann mit Kunstpausen zu experimentieren. Er sprang von einer satirischen Einlage, diabolisch hechelnd, zu einer böse auftrumpfenden Behauptung, der er ein patriarchales Dröhnen unterlegte, ohne Übergang, ein innerer Schalter.

So steckte Aldus Wieland Mumme das Feld ab zwischen dem geschriebenen Wort und der Stimme und entdeckte die Rhetorik als riesigen Schauplatz, ein Schlachtengemälde, auf dem er hoch zu Ross mit einer Lanze in der Rechten durch die Diagonale jagte. Er tauschte seinen vollen Namen gegen A. W. Mumme – ließ diesen als Künstlernamen im Pass eintragen – und wurde im Sender, intern, AWM genannt. Als er das mitbekam, wusste Mumme, dass er es geschafft hatte. Er war Institution geworden.

Nur selten hörte Mumme seine eigenen Sendungen nach. Seine Stimme gefiel ihm nicht. Hinter dem elaborierten Affentheater des öffentlichen Vortrags hörte er den Jungen, der er gewesen war, ein Kind ohne Vater, das Schmusekind seiner Mutter, den gehänselten Intelligenzler in der Schule. Die Rhetorik war ein genialer bunter Aufzug, gewiss, aber er selbst sah sich ohne Kleidung und Maske, unbeholfen immer noch, und nackt. Alle anderen hörten A. W. Mumme, den Ritter der Meinungsfreude, den unverzagten Verfechter des unkorrupten Gedankens, einen bunten Vogel mit gespreiztem Gefieder. Was für ein Glück, dass es das Radio gab. A. W. Mumme war dessen Kreatur. Nichts schmückte ihn besser. Nie würde er das freiwillig aufgeben, niemals.

Gedanken zur Zeit

Manche hatten längst gefrühstückt, ein Pastorenehepaar in Hamburg, eine Anästhesistin in Ingolstadt, ein Antiquar in Wiesbaden, vierzehntausend Hörer auf jeden Fall, wie der Sender ermittelt hatte, wahrscheinlich mehr als fünfzehntausend an diesem Sonntagmorgen spät im Juli, weil der Autor zusätzlich Hörer zog, vor allem Hörerinnen. Die drei Lehrerinnen einer Gesamtschule in Soest, die schon um neun Uhr zwanzig beisammensaßen, um sich einzustimmen, waren statistisch ein gutes Beispiel, indem die erste erklärte, einen »Gedanken zur Zeit« von A. W. Mumme würde sie niemals verpassen, die zweite, sie sei ihn manchmal leid, würde ihn aber trotzdem hören, und die dritte zusammenfasste, es spiele keine Rolle, weil sie ja ohnehin der Sendung immer und immer gemeinsam lauschen würden. Andere waren soeben aus dem Bett gekrochen, ein Student der Wirtschaftsinformatik in Bayreuth, ein pensionierter Richter bei Dessau, zwei Theaterschauspielerinnen, die in Berlin zusammenwohnten. Es war leichter zu folgen, wenn man die Einführung nicht verpasste. Die Frage heute war, ob der Universalismus noch zu retten sei und ob er als historisches Argument tauge gegen die sozialen Verengungen identitärer Politik. Man hörte der Ansagerin an, dass das alles für sie nur Phrasen waren, eine von vielen Anmoderationen im Format von etwas mehr als einer Minute, lästige Einsätze, aber unvermeidbar, wenn man beim Bundesradio ein Gehalt bezog. Dem Autor war das Schema klar. Er sprach die ersten Absätze seines Sonntagsessays mit neutraler Stimme.

Wer ihn kannte, wusste, dass dies Maskerade war, oder jedenfalls ein Rollenspiel, Performanz unter den Bedingungen des Mediums, wie der Autor selbst gesagt hätte. Mumme hielt keine Predigten für die Konvertierten. Er öffnete die Türen weit, sein Atem der Wind, der durch das Haus zog. Das Haus war ein Forum, und doch war es seins. Leute schneiten rein, eine Joggerin mit Kopfhörer in der achten Minute, ein luxemburgischer Filmproduzent auf der Autobahn in der zehnten. Die wollte er nicht verlieren. Er streute kurze Zusammenfassungen ein; er startete den neuen Gedanken als Frage. Dies sollten nicht die Verkündigungen eines Mannes sein, der seine große halbe Stunde hatte. Es war, wie es sich für einen Soziologen gehörte, eine Übung in Erkenntnis unter den Augen der Gesellschaft. Auch wenn die Gesellschaft, gemessen an der großen Gruppe der Gebührenzahler, doch ziemlich klein war.

Er hatte immer gewusst, wie man es nicht macht. Ganz unsinnig, noch einmal mit den Worten der Aufklärung die Bedeutung des Einzelnen herauszukehren. Alle diese Bekenntnisse zur Demokratie im Ganzen, zum Rechtsstaat im Besonderen und zur Freiheit der Kunst, schön, aber überflüssig. Nein, überflüssig nicht, aber nicht viel mehr als Sahne auf dem Kuchen. Nie in staatlichen Medien das sagen, was in staatlichen Medien erwartet wurde. Das hatte er bereits seiner Redakteurin erklärt, als der Gedanke neu war, er würde voranstellen, dass die leidenschaftlichen und erst recht die militanten Verfechter identitärer Politik bestritten, dass der Universalismus jemals einer gewesen wäre. Der Mensch wäre immer nur der Mann gewesen, das Subjekt ein Europäer, weshalb alle Formeln, die den Menschen als solchen, »alle«, »jeden« behaupteten einzuschließen, von vornherein unterdrückerisch und exklusiv angelegt gewesen waren. Hier sei Widerspruch dringend gefragt, hatte er zu seiner Redakteurin gesagt. Im Radio aber klang das so: »Wollte man den Universalismus für die Gegenwart wieder tauglich machen, dann müsste man ihn historisch retten. Ob das überhaupt möglich ist? Immanuel Kant sei, das ist jetzt oft zu hören, ein ›Rassist‹ gewesen. Ist diese Aussage zutreffend? Und wenn ja, müsste man deshalb seine Ermunterung zum selbstständigen Denken verwerfen? Ist Kants Vorstellung einer Zukunft des Menschen als ›Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit‹ aus der Sicht des 21. Jahrhunderts obsolet? Überflüssig, paff, vorbei? Das werden wir klären.«

Dies war sein siebenundsiebzigster Essay in einunddreißig Jahren. Angefangen hatte er beim Bundesradio mit 6-Minuten-Rezensionen politischer Bücher. Dann kamen die einstündigen Features, alle über Ostdeutschland, den kompletten Umbruch einer Gesellschaft in Mikrostudien. Für das Feature über das Ende einer LPG in Brandenburg hatte er einen Preis gewonnen. Mumme war soeben 33 geworden. Über ihn hatte ein Laudator gesagt: »Der Autor dieser Beobachtungen überzieht uns nicht mit irgendwelchen Meinungen; er fragt immer, wie ein Gedanke entsteht, und die Entstehung des Gedankens wird Teil der Erzählung, der wir atemlos lauschen.« War das so? Wusste da jemand über ihn etwas, das er selbst nicht wusste?

Abdel, genannt Abbie, steuerte einen hybriden BMW aus dem Fuhrpark eines Bundesministeriums über die Avus geradeaus in Richtung Potsdam. Er glaubte, diese Dr. Lydén schon einmal gefahren zu haben, vor einem halben Jahr oder so, im Winter, aber auch am Sonntagmorgen und zu dieser Zeit.

»Wenn Sie Interesse haben, dann würde ich das Bundesradio einschalten«, sagte er auf jene halbleise Art der Dienstleister, die auf einer Antwort nicht besteht. Das Auto war noch im elektrischen Modus.

»Nein, nein«, murmelte sie vom Rücksitz her, in ihrem iPad grabend. Dann wurde ihr bewusst, dass es nicht irgendein Fahrer war. »Doch«, rief sie, »hören wir mal rein.«

Sie erkannte die Stimme ihres Mannes. Es war, wie sie auf der Konsole ablesen konnte, 9 Uhr 48.

»Weit klüger, als aus irrigen Kommentaren von Aufklärern zu schließen, dass der Gedanke vom Menschen als Individuum nicht tauge, wäre es also, die listigen Gegner des absolutistischen Staates von damals heute beim Wort zu nehmen. Wir sind ja umstellt von Populisten, Autokraten, Diktatoren, und was sollen wir ihnen denn anderes entgegenhalten als die Unverbrüchlichkeit der Menschenrechte, die Notwendigkeit der Achtung ziviler Codes? Im wichtigsten Gesetzestext der Vereinigten Staaten stand und steht noch immer ›All men are created equal.‹ Dort war eben nicht geschrieben worden: ›Die neue amerikanische Gesellschaft wird von weißen, angelsächsischen Eliten geführt, die den anderen den Weg weisen‹, selbst dann, wenn das mehr oder weniger damals der Fall war, der Sezessionskrieg inklusive. Während wir in Deutschland, das muss man immer mitdenken, vor hundertfünfzig Jahren, also hundert Jahre nach der Declaration of Independence, noch immer ein Dreiklassenwahlrecht hatten, auf dem Papier und in der Praxis, ganz offiziell.«

Während A. W. Mumme eine Kunstpause einlegte, sprang der Motor in den Verbrennermodus.

»Der hat’s raus!«, rief Abbie, und Brita Lydén dachte für eine Sekunde, er meine das Auto.

Die »Gedanken zur Zeit« dauerten immer eine halbe Stunde, oder eigentlich, abzüglich der Ansage, der Einführung und des Signaltons für die danach folgenden Nachrichten, achtundzwanzig Minuten und zwanzig Sekunden. Dann waren die Gedanken vorbei, ganz in der Welt oder sogleich vergessen. In Soest wurde das Radio ausgeschaltet, die Nachrichten gehörten nicht zur Matinee der Lehrerinnen.

Sabine: Bei dem komme ich mir immer vor wie in der Achterbahn.

Yvonne: Höhen und Tiefen! Mit Fahrtwind und Übelkeit!

Katie: Ich finde es irgendwie faszinierend, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Mümme überhaupt verstehe.

Sabine: Mumme.

Katie: Ja, Mumme.

Yvonne: Raffitückisch ist er, dieser Mumme.

Sabine: Ich finde ihn ganz logisch. Wer die Werte der Aufklärung nicht preisgeben will, darf die Aufklärung nicht als dingsda, als kolonialistisch oder so verwerfen.

Yvonne: Aber das, was er »identitär« nennt, meint er damit Rechte oder Linke?

Katie: Alle, glaub ich.

Sabine: Nein, die rechten Spinner sind ihm ganz egal, weil die ja sowieso gegen Freiheit und Gleichheit sind.

Yvonne: Aber will er nicht irgendwie die Männer retten, also sich selbst?

Sabine: Er findet jedenfalls, dass jemanden einen »alten weißen Mann« zu nennen diskriminierend ist.

Katie: Und? Wie finden wir das? Ist der Feminismus damit abgeschafft?

Sabine: Ach Quatsch!

Das ging noch eine Weile so weiter, an diesem letzten Sonntag im Juli. Zur selben Zeit stand auf einer Hochebene oberhalb der Côte d’Azur die Gastgeberin eines Airbnb vor einer dreiteiligen Fensterfront, deren eine Tür einen Spalt von wenigen Zentimetern freigab. Von innen war alles mit einem lichtdichten Vorhang penibel verschlossen, mit einer Reihe von Wäscheklammern in der Mitte. Wenn man die Ohren spitzte, konnte man den Deckenventilator auf der höchsten Stufe rotieren hören.

»Ich hab irgendwie ein komisches Gefühl«, sagte Priscilla zu ihrer Tochter, die neben ihr stand.

»Aber wieso, der kann doch mal ausschlafen«, antwortete diese.

»Monsieur?«, rief Priscilla halblaut. »Aldüs? Monsieur?«

Aber es gab keine Antwort.

Dissens

Einmal, ein halbes Jahrhundert her, hatte ein Junge ihn auf dem Schulhof gefragt, woran er glaube, und weil er das Gesicht dieses Jungen mochte, hatte Wieland geantwortet. Nicht gleich, allerdings, er hielt den Augenkontakt mit dem anderen, lächelnd zuerst und dann eher grinsend:

»An was ich glaube?«

»Ja, an was du glaubst?«

»An den Zweifel.«

Und der Schulkamerad hatte genickt und sich still abgewandt. Die Antwort erfüllte seine minimale Bedingung, sie war ernst gemeint, aber er wusste nicht, wie es an dieser Stelle weitergeht.

Niemand hatte zwei Namen, außer solche mit Bindestrich, eine Seltsamkeit. Aldus und Wieland waren gewiss nicht so gemeint wie Jörg-Uwe und Hans-Ulrich, eine Art sowohl als auch. Jeder seiner beiden Namen deutete, glaubte er, auf eine Wurzel in einem Geschlecht, eine Herkunft, und weil zwei Herkünfte, wie der junge Mumme ahnte, Fragen aufwarfen, Fragen, die vielleicht einige Jahre schlummerten und dann doch an der Oberfläche auftauchen würden, hatte er sich Wieland genannt. Das klang wie Fels in der Brandung.

Wieland wusste von sich selbst nicht allzu viel, aber dass er nicht sowohl als auch war, da war er sich ziemlich sicher. Niemals mit den Schultern zuckend, gleichgültig schon gar nicht. Er konnte den Katholiken erklären, was Protestanten glauben, und andersherum. Er verstand die Furcht vor dem Gulag so sehr wie die revolutionäre Ungeduld. Er wusste, dass sich die Extreme nicht versöhnen ließen, aber es gab ein Sprichwort, das besagte, dass sie sich berühren. Mit diesen Gedanken war er auf dem Schulhof allein, nicht ganz ein Sonderling und noch weit entfernt vom bemitleideten Genius. Und doch einer mit einem Geheimnis, der schon früh kein Kind mehr war, auf seine Art ein Aldus, von dem niemand wusste; das Gefühl, den anderen voraus zu sein, behielt er für sich. Er vermied Bekenntnisse. Der Junge mit der Glaubensfrage blieb die Ausnahme. Wieland bedauerte seine Antwort nicht.

Er beobachtete die anderen, die pompösen Ministranten, die smarten Jungsozialisten, verschiedene Ausgaben eines ähnlichen Typs in einer Gruppe, die Macht beanspruchte, sobald sie groß genug war. Die einen bekannten sich, weil die anderen sich bekannten. Jeder wuchs in seiner Gruppe, verlor aber auch Zeichen seiner Persönlichkeit. So wie man plötzlich raucht und damit jemand anderes ist. Der Wunsch Wielands, dazuzugehören, irgendwo und für alle Fälle, war gering. Ja, er war manchmal einsam. Das war der Preis. Aber er war auch frei, freier als jene, die die Freiheit im Munde führten.

So war der Weg, der vor ihm lag, weit, nichts, was auf irgendeiner Karte geistiger Übung verzeichnet war, auf keiner, die er kannte. Der Zweifel war die Höhle, der er entstiegen war. Tatsächlich wäre der Weg zum Ziel nicht weit gewesen. Auf der einen Seite des Berges liegt die Höhle Zweifel, auf der anderen die Festung Dissens. Wenige Wochen hätten gereicht von einem Ort zum anderen, über den Gipfel, den man Erfahrung nennt, oder eher Empirie, also eine methodisch geschulte Sorte von Erfahrung. Aber das wusste Aldus Wieland Mumme nicht. Eine Fortsetzung des Gesprächs über den Glauben hätte nicht geschadet. Möglicherweise so:

»Wieland, ist das eigentlich bei dir Programm, dass du immer anderer Meinung bist?«

»Bin ich das denn? Anders als wer?«

»Ist dir das gar nicht bewusst? Du hast gar keine Neigung, irgendjemandem zuzustimmen. Auch nicht den Lehrern übrigens. Du stehst immer außerhalb. Oder du möchtest da stehen.«

Der Weg war noch weit, ja, Wieland brauchte fast zwölf Jahre, um herauszufinden, was er am besten konnte, was ihm am nächsten war. Dann richtete er sich ein in der Festung Dissens. Die Regeln der Festung waren, wie er bald herausfand, nur der Form nach streng. Es waren die Regeln eines Spiels. Bequemlichkeit war untersagt. Wachsamkeit war Bedingung. Ein rares Spiel war das Spiel damit, nicht einverstanden zu sein. Aber es war ein Vergnügen.

Wespennest

»Radio ist doch kein Hexenwerk«, so hatte ihn ein Redakteur beim Hessischen Rundfunk gleich zu Anfang seines Praktikums eingeweiht, »der Nachrichtensprecher verkündet, die Nachmittagsredakteurin am Mikrophon schmeichelt. Sie könnte deine beste Freundin sein. Der Kommentator spricht entschieden, steht aber frei in der Landschaft. Vor ihm kein Podium mit Siegel, nichts.«

»Aber was ist, wenn die Nachrichten von einer Frau gesprochen werden, der Redakteur am Nachmittag aber ein Mann ist?«

»Dann gilt in etwa dasselbe. Das sind alles Rollen. Da schaltet jemand das Radio an und weiß sofort, ohne auf die Uhr zu gucken: Das sind jetzt die Nachrichten.«

»Und wie spricht man ein Feature?«

»Oh, kompliziert. Wie ein Theaterstück, fast.«

»Und eine Glosse?«

»Eine Glosse musst du zischeln. Wenn dir das nicht liegt, kannst du auch röhren, aber leise. Ein Lächeln auf den Lippen, aber nur, wenn es passt.«

»Ist das das Schwierigste?«

»Ich selbst bin da nicht weit gekommen. Aber aus der Sicht des Aufnahmestudios würde ich sagen, es ist wirklich eine Kunst für sich, etwas für Leute mit einem ganz speziellen Ohr.«

»Die Hörer?«

»Die sowieso – nein, ich meine den Autor. Das ist eine Frage feinster Nuancen.«

Da dachte Wieland Mumme: »Das wäre vielleicht etwas für mich.« Also, wie klang eine Radioglosse? Er sprach beim Archiv vor und fragte, ob es möglich wäre, ihm einige Glossen auf Band zu überspielen, gelungene Beispiele aus den letzten zehn Jahren? »Fünf oder sechs, so zum Reinhören. Geht das?«

»Es geht alles, wenn es geht.«

Er bekam – nach zwei Wochen – eine Kassette mit zwanzig Glossen aus zwanzig Jahren, elf auf der A-Seite und neun auf der B-Seite, chronologisch: 1967 – 1987. Es war eine väterliche Gabe des Archivars an den neugierigen Anfänger. Der hörte sie dreimal über Kopfhörer in der Bahn nach Berlin. Dann meldete er seine Diplomarbeit an: »Über die Radioglosse als indirektes Instrument gesellschaftlicher Kritik«.

Die erste Gelegenheit ließ Jahre auf sich warten und kam dann überraschend. Eine Routinekonferenz im Bundesradio, Studio Köln, Mumme 29 Jahre alt, Diplomsoziologe, seit drei Wochen angestellt als Assistent der Featureredaktion. Dieser merkwürdige Fall aus New York: Mia Farrow, in Trennung von Woody Allen, wirft diesem urplötzlich vor, kleine Kinder begrabbelt zu haben. Adoptierte Kinder. Komplizierte Verhältnisse. Woody Allen, den kannten nun wirklich alle. Die Konferenz quasselte drauflos. »Brainstorming« hieß das.

»Aber wieso kleine Kinder? Ich denke, der ist mit dieser Asiatin durchgebrannt, von der er vorher Nacktbilder gemacht hat? Die ist doch eindeutig erwachsen.«

»Die Farrow gefunden hat.«

»Wen?«

»Die Bilder.«

»Na ja, ›gefunden‹.«

»Kein Wunder, dass sie ihn rausschmeißt.«

»Ich glaube nicht, dass die zusammengewohnt haben.«

»Die Asiatin, Soon-Yi, ist übrigens weder seine Tochter noch von ihm adoptiert.«

»Das möchte man aber auch schwer hoffen.«

»Aber wer sind denn jetzt die kleinen Kinder, das habe ich noch gar nicht mitgekriegt?«

»Das ist auch nichts für die Kulturredaktion im engeren Sinne.«

»Wieso nicht? Allen ist in Deutschland ein echter Star. In Frankreich ein Superstar.«

»Es geht um einen Jungen von vierzehn Jahren, der aus Korea stammt, und ein Mädchen, das wohl sieben ist, die auch zum Adoptivklan von Farrow gehören. Erst behauptet sie, er habe sich an beiden vergriffen, und die Kinder sollen das bezeugen. Dann lässt sie das mit dem Jungen fallen und bleibt mit dem Mädchen dabei.«

»Na ja, Woody Allen und kleine Jungs, das ist ja auch irgendwie abwegig.«

»Vor allem lässt sich ein Vierzehnjähriger in so etwas nicht hineinquatschen.«

»Und ein kleines Mädchen?«

»Ja, was?«

»Dass ein Missbrauch denkbar wäre?«

»So ist die Anschuldigung von Farrow gebaut. Es geht um die Trennung, um Geld. Wenn auch nur ein Bruchteil dessen an Allen hängenbleibt, denkt sie, dann ist er erledigt.«

»Woher wollen wir wissen, was sie denkt?«

»Vielleicht sollten wir das Thema auf sich beruhen lassen.«

»Aber das Thema wird nicht ruhen. Übrigens war die Meldung zumindest in der englischen Presse gestern schon raus. Wenn wir in drei Tagen berichten, dann sind wir wieder die Lahmärsche vom Staatsfunk.«

»Wie aber wollen wir von Köln aus wissen, was wahr ist? Und warum sollten wir üble Nachrede gegen Allen verbreiten, obwohl wir ernste Zweifel haben?«

»Das ist ja nicht notwendig«, sagte Mumme leise.

»Nein? Also?«

»Man könnte es ja als mediales Phänomen glossieren.«

»Oh ho!«

»Trauen Sie sich das zu?«

Dreißig Jahre später, eine Videokonferenz. Das Format ist nicht neu, wird aber plötzlich heftig genutzt, seitdem Verordnungen der Länder die Bürger daran hindern, ihre Seminare, Volkshochschulabende, Lesekreise und Vernissagen persönlich zu besuchen – damit sie sich nicht mit einem Virus anstecken, das unter dem Elektronenmikroskop wie eine Krone aussieht. Ein Journalistikprofessor aus Mainz hat für seine Studierenden eine Reihe aufgelegt, in der sie mit »ikonischen Journalist(inn)en« sprechen dürfen. Mumme bekommt kein Geld dafür, und er hat auch nicht danach gefragt. »Ach nein, nichts über den Essay«, hat er im Gespräch vorab eingewandt, »das ist so ein Orchideenfach, und fast keiner schafft es bis dahin. Auch sehr mühselig zu erklären, wie so etwas zustande kommt. Aber wie wär’s mit der Glosse, da habe ich sogar eine akademische Vorbildung.«

Es sind fünfzehn Studierende dabei, die Mumme als »Studentinnen und Studenten« begrüßt. Dreizehn sind im Portrait zu sehen, die Kachel zweier Studentinnen ist schwarz.

»Danke für die Vorstellung, Professor Tacke. Ich habe als Thema für unser Zoom die Glosse gewählt, weil sie eine der schwierigeren journalistischen Gattungen darstellt. Gleichzeitig droht sie in Vergessenheit zu geraten. Oder anders: Die Grenzen verschwimmen. Viele Blogs, zum Beispiel, sind eine Mischung aus Bericht, Zitat, Tagebuch, und die Glosse spielt mit rein. Das liegt, glaube ich, daran, dass im Wesen der Blogs der publizistische Rahmen fehlt. Glossen sind so etwas wie Scharniere im Betrieb. Ihre Wirkung, geschrieben oder gesprochen, hängt davon ab, dass sie die Ausnahme bilden, eine Übersteigerung des Redaktionellen. So war meine erste Glosse im Radio, ›Das Teufelchen liegt im Detail‹, in der 25-minütigen Sendung ›Kultur vom Tage‹ – die es heute noch gibt, sie besteht zum großen Teil aus Korrespondentenberichten von neuen Inszenierungen und Ausstellungen – selbstverständlich die einzige Glosse in der Sendung selbst, und wie mir dann klar wurde, die einzige in der ganzen Woche auf diesem Sendeplatz.«

Sara gibt elektronisch das Zeichen der erhobenen Hand. Mumme nimmt sie dran.

»Könnten Sie uns etwas zum Fall Woody Allen sagen?«

»Ja. Ich habe meine erste Radioglosse als Beispiel gewählt. Ich setze voraus, dass Sie sie alle gelesen haben. Merkwürdigerweise ist die Sache nach dreißig Jahren, also jetzt, überhaupt nicht aus der Welt. Der ›Fall‹, wie Sie eben gesagt haben, hat juristisch keinerlei Substanz, aber er hat die Welt gespalten, oder jedenfalls eine bestimmte Welt – eine, die es sich leisten kann, zu solchen Angelegenheiten eine Meinung zu haben. Die Kinder der Familie Farrow aber hat das interessanterweise auch gespalten. Ausgerechnet das leibliche Kind von Farrow und Allen, Satchel, hat eine Karriere – eine journalistische – darauf gebaut, mittels Me Too. Was Ronen Farrow, wie er sich jetzt nennt, zwar nicht erfunden, aber höchst erfolgreich instrumentalisiert hat. Sein Bruder Moses dagegen hält den Vorwurf des Kindesmissbrauchs ganz öffentlich für einen Bluff seiner Mutter. Er ist ja auch der damals Vierzehnjährige, der von seiner Mutter mittels eines falschen Vorwurfs missbraucht worden ist. Jedenfalls kann man das so sehen.«

Jan: »Finden Sie, dass der Fall … na ja, oder die Sache Farrow – Allen journalistisch ein heißes Thema ist?«

Mumme: »Jetzt?«

Jan: »Ja, jetzt.«