Es ist genug! - Claus Fussek - E-Book

Es ist genug! E-Book

Claus Fussek

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Beschreibung

Schlechte Pflege ist Folter! Sie werden ans Bett gefesselt, obwohl sie noch gehen können und kommen nie an die frische Luft. Ihnen werden Windeln verpasst, obwohl sie noch auf die Toilette gehen könnten, und sie haben niemand, der ihnen in der Todesstunde die Hand hält. – Wie man bei uns mit alten und pflegebedürftigen Menschen umgeht ist ein Skandal! "Ein wichtiges, gut recherchiertes Buch – eine erschreckende Bilanz. Eindrucksvoll und schonungslos berichten die Autoren über den oft gnadenlosen Umgang mit alten und wehrlosen Menschen." Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes "Es stimmt alles, es kommt auf jeden zu!" Dieter Hildebrandt, Kabarettist

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Claus Fussek / Gottlob Schober

ES IST GENUG!

Auch alte Menschen haben Rechte Deutschlands bekannteste Pflegekritiker klagen an

Knaur e-books

Über dieses Buch

Sie werden ans Bett gefesselt, obwohl sie nicht krank sind. Sie kommen nicht an die frische Luft, obwohl das die Gesundheit fördert. Ihnen werden Windeln angelegt, obwohl sie noch auf die Toilette gehen könnten. Wie man bei uns mit pflegebedürftigen Menschen umgeht, ist ein bekannter und verdrängter Skandal! Politik und Gesellschaft wollen nicht wahrhaben, dass der Umgang mit pflegebedürftigen alten Menschen längst zur Schicksalsfrage unseres Gemeinwesens geworden ist. Nun muss endlich gehandelt werden!

Claus Fussek und Gottlob Schober schildern mit schonungsloser Offenheit, wie es in deutschen Pflegeheimen zugeht. Sie fordern 20 Grundrechte für alte und pflegebedürftige Menschen ein und zählen auf, was sofort getan werden muss, um die gröbsten Missstände zu beseitigen.

Inhaltsübersicht

Die Not wächst – doch es ändert sich nichts!EinführungDer alte Großvater und der EnkelDie PolitikDie Pflege-ChartaGrund- und Menschenrechte für alte und pflegebedürftige Menschen1. Grundrecht auf ausreichend Essen und Trinken und ausgewogene Ernährung2. Grundrecht auf Bewegung und frische Luft3. Grundrecht auf Toilettengänge4. Grundrecht auf Schutz und Sicherheit auch in der Nacht5. Grundrecht auf einen angstfreien Lebensabschnitt und geschlechtsspezifische Pflege6. Grundrecht auf das Verbot pflegeerleichternder Maßnahmen7. Grundrecht auf eine angemessene Medikamentenversorgung8. Grundrecht auf menschenwürdige Pflegequalität: Pflegekräfte müssen »Schutzengel« der alten Menschen sein9. Grundrecht auf palliativgeriatrische Versorgung und Hospizkultur10. Grundrecht auf altersspezifische haus- und fachärztliche Versorgung in Heimen11. Grundrecht auf altersspezifische pflegerische und ärztliche Versorgung in Krankenhäusern12. Grundrecht auf Kommunikation und Grundrecht auf Wahrung religiöser und kultureller Bedürfnisse13. Grundrecht auf Einzelzimmer14. Grundrecht auf aktivierende Pflege, Prävention und Rehabilitation15. Grundrecht auf den Einsatz auch osteuropäischer Pflegekräfte oder Haushaltshilfen, wenn eine Versorgung mit deutschen Helfern weder organisierbar noch bezahlbar ist16. Grundrecht auf ständige Überprüfung der Eignung von gesetzlichen Betreuern17. Grundrecht für die Gleichbehandlung von Demenzpatienten mit allen anderen Pflegebedürftigen18. Grundrecht auf Assistenz von Demenzpatienten im Krankenhaus19. Grundrecht auf eine angemessene Beschwerdekultur20. Grundrecht auf Plagiate: Schlechte Einrichtungen müssen gut geführte Einrichtungen zum Nutzen pflegebedürftiger Menschen kopieren dürfenForderungen und Sofortmaßnahmen1. Die genannten Grundrechte der alten Menschen sind nicht verhandelbar. Sie müssen juristisch einklagbar sein!2. Die finanzielle Benachteiligung pflegender Angehöriger muss sofort beendet werden!3. Die Pflegeausbildung muss dringend und nachhaltig verbessert werden!4. Die »Nationale Stelle zur Verhütung von Folter« muss finanziell besser ausgestattet werden!5. Alte und wehrlose Menschen müssen besser vor gierigen Kindern und Erben geschützt werden!6. Wir fordern kreative und unbürokratische kommunale Lösungen für alte, pflegebedürftige und demente Menschen!7. Wir fordern Transparenz im »Pflegedschungel«: Die unerträgliche Verflechtung von Politik, Lobbyisten und der Pflegewissenschaft muss endlich offengelegt und beendet werden!8. Systematische Dokumentenfälschungen und Pflegebetrug müssen streng bestraft werden!9. Wir fordern die Abschaffung des Pflege-TÜV: Das bisherige System der »MDK-Bestnoten« ist Augenwischerei!AusblickEnde Februar 2013 trafen [...]Wir können uns menschenwürdige Pflege leisten. Wir müssen sie nur wollen. Ein Streitgespräch zwischen zwei großen Pflege-ChefsFazitDank
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Die Not wächst – doch es ändert sich nichts!

Vorwort zur Neuausgabe

In Deutschland herrscht Pflegenotstand. Seit Jahrzehnten. Schon am 25. Juni 1987 sagte der damalige Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands Altenpflege (DBVA), Günter Langkau: »Es ist würdelos, jemanden in seinem Kot liegen zu lassen, weil die Zeit zur Pflege fehlt.« Langkau war mutig, weil er eine unbequeme Wahrheit aussprach. Doch nichts passierte.

Als im September 2017 der Krankenpflegeauszubildende ­Alexander Jorde in der ARD-»Wahlarena« beklagte, dass die Würde von Menschen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen »tausendfach verletzt« werde und es »Menschen gibt, die stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen«, war das Erstaunen von Kanzlerin Angela Merkel groß. Es wirkte, als hätten die Probleme in der Altenpflege nicht die oberste Priorität für sie.

Immerhin besuchte sie dann im Juli 2018 auch ein Pflegeheim in Paderborn. Dort roch es nicht nach Kot und Urin, sondern nur nach frisch gebackenem Streuselkuchen und Kaffee. Wenn man Medienberichten glaubt, war das Heim auf Hochglanz poliert, geschmückt mit blauen Tischdecken und weißen Rosen. Was für eine Botschaft! Was für eine absurde Strategie. Kann die Pflegebranche von der Politik erwarten, dass sie die wirklichen Probleme in der Pflege angeht, wenn Angela Merkel bei ihrem Besuch eine im Großen und Ganzen heile Welt vorgegaukelt wird? Es ist genug! Seit über 30 Jahren liegen alte, pflegebedürftige, hilflose, besonders schutzbedürftige, sterbende Menschen »in ihren Ausscheidungen«, weil Pflegekräfte angeblich keine Zeit haben, sie zur Toilette zu führen. Sie werden festgebunden, weil sie sturzgefährdet sind. Sie werden mit Psychopharmaka ruhiggestellt, weil niemand die Zeit hat, sich um sie zu kümmern. All diese Menschenrechtsverletzungen finden in zertifizierten, qualitätsgeprüften Pflegeheimen und Krankenhäusern statt!

Und all das hat Angela Merkel bei ihrem Besuch in Paderborn nicht beklagt. Vielmehr ging es vornehmlich um die Situation der Pflegekräfte. Die Bundeskanzlerin will den Beruf ­attraktiver gestalten. Wichtig seien dabei Gehalt, Ausbildung, aber auch Arbeitszeiten. Forderungen, gegen die niemand in Politik und Gesellschaft argumentiert. Niemand ist gegen eine bessere Bezahlung von Pflegekräften, niemand ist gegen die Verbesserung von Rahmen- und Arbeitsbedingungen in der Pflege. Hier gibt es keine Gegner. Trotzdem ist eine Umsetzung der Regierungspläne offensichtlich kaum möglich.

Es ist genug! Die Pflegepolitik tritt seit Jahrzehnten auf der Stelle. Können Sie sich noch an die Pflegereformen von Ulla Schmidt, Philipp Rösler, Daniel Bahr und Hermann Gröhe er­innern? Jede einzelne Reform jedes Ministers wurde als Durchbruch gefeiert, die Situation der Menschen hat sich nicht wirklich verändert. Auch Jens Spahn macht auf uns den Eindruck, als wolle er in die Fußstapfen seiner Vorgänger treten. Er suggeriert zwar großes Interesse für das Wohl hilfebedürftiger Menschen, wenn man sich seine Pläne aber genauer anschaut, kommen Zweifel, ob sie realisierbar sind. Pflegepolitiker unterscheiden sich nur dem Namen nach und sind seit Jahrzehnten austauschbar. Es ist fünf nach zwölf. Die Lösung der Probleme ist nicht in Sicht. Die Pflegelobbyisten sind mächtig. Pflegebedürftige Menschen haben kaum etwas zu melden.

Es ist genug! Seit mehr als 30 Jahren sprechen wir in Deutschland von Pflegenotstand und stehen bei der Lösung der Pro­bleme immer noch am Anfang. Pflegekräfte fehlen zu Tausenden. Es gibt noch immer keinen bundeseinheitlichen Personalschlüssel. Die Politik will zwar jetzt 13000 neue Pflegestellen schaffen. Doch das wirkt absurd. Stellen Sie sich vor, es wäre Hochwasser. Die Rettungskräfte fordern 80000 Sandsäcke, damit die Innenstadt nicht absäuft. Die Politik zeigt sich verständnisvoll und sichert 8000 Sandsäcke zu. Die Katastrophe ist, wie in der Pflege, unvermeidbar.

Es ist genug! Hilflose Menschen dürfen nicht ihrem traurigen, trostlosen Schicksal überlassen werden. Vieles in der Pflege ist verhandelbar – Menschenrechte sind es nicht.

Die Pflegebranche zeigt sich seit Jahrzehnten resistent gegenüber längst fälligen Veränderungen. Es ist gefährlich, wenn Heim­betreiber mit schlechter Pflege viel Geld verdienen können. So kann sich an der Situation alter und pflegebedürftiger Menschen wenig ändern. Wir müssen uns endlich eingestehen, dass das gesamte Pflegesystem kurz vor dem Kollaps steht und auf den Prüfstand muss. Der Personalmangel ist überall spürbar. Viele der guten Pflegekräfte verlassen den Beruf, und wir holen uns Ersatz aus aller Herren Länder. Wie lange wollen wir noch über die schlechten Arbeitsbedingungen reden? Seit Jahrzehnten heißt es aus der Pflege: »Wir sind am Ende, die Pflege steht unmittelbar vor dem Kollaps.« An den Missständen in der Pflege hat sich in den vergangenen Jahrzehnten leider nichts ­geändert, auch nicht durch die vielen milliardenschweren Pflegereformen.

Warum dokumentieren Pflegekräfte nicht endlich ehrlich und selbstbewusst nur noch das, was sie tatsächlich leisten können? Warum solidarisieren sich die Pflegekräfte nicht unterei­nander und verbünden sich mit den ihnen anvertrauten, schutzbedürftigen Menschen und ihren Angehörigen? Dieses Bündnis wäre dann mächtiger als alle Piloten und Lokomotivführer in diesem Land zusammen!

Doch das kann noch dauern. In einem typischen, ehrlichen, emotionalen Brief schildert eine resignierte Altenpflegerin, die seit über 20 Jahren berufstätig ist, ihre Erfahrungen (aus Angst vor ihrem Arbeitgeber nur anonym):

»Ich beende mein Schweigen – ich lüge nicht mehr! Ich prostituiere mich nicht mehr für meinen Arbeitgeber. Ich rede nichts mehr schön. Ich sage, wie es ist, auch den Kontrollorganen. Ich rebelliere und bin unbequem. Jeder, der Unrecht an den uns anvertrauten, wehrlosen Bewohnern zu verantworten hat, kann und muss sich wehren. Kaum einer der pflegebedürftigen Menschen kann sich gegen ihm zugefügtes Unrecht wehren. Viele haben Angst vor uns – ich kann den Menschen inzwischen nicht mehr in die Augen schauen! Ich schäme mich!«

Auch auf der Internetseite careslam.org äußern sich Menschen genau in diesem Sinne. CareSlam bietet eine Plattform für Menschen, die eng mit der Pflege verbunden sind und die über Missstände, Personalmangel und die Zwänge der zunehmenden Ökonomisierung in der Pflege sprechen möchten.

»Wir können nicht von Politikern erwarten, dass sie irgendetwas in der Pflege ändern, wenn wir selbst nicht einfach mal aufstehen, den Mund aufmachen. Es ist ganz in Ordnung, dass man sagt, Pflege muss aufstehen, Pflege muss laut sein. Aber nicht nur laut sein, sondern einfach mal sagen: ›Nein! Das mache ich nicht!‹«

Claudia Hanke[1]

»Werdet laut. Sprecht es aus. Schreit es raus. Und flüstert, wo es den Flüsterton braucht.«

Prof. Dr. Michael Bossle[2]

Laut sein. Unrecht an alten und pflegebedürftigen Menschen öffentlich machen. Noch sind mutige Pflegekräfte in der Minderheit. Sie gelten oftmals als Nestbeschmutzer. Auch die zitierte Pflegerin leidet unter den Konsequenzen ihres Mutes:

»Ich bin jetzt bei meinen Vorgesetzten nicht mehr anerkannt, ich habe nicht mehr meine Ruhe, ich werde beobachtet und kontrolliert, ich bin unbequem. Das ist alles sehr anstrengend für mich!«

Solange Hilferufe von engagierten Pflegekräften nicht ernst genommen und sie für ihre Kritik bestraft werden, wird sich an der Situation in der Pflege wenig ändern.

Leiter von gut geführten Einrichtungen nehmen jede Beschwerde ernst und gehen ihr intensiv nach. In schlecht geführten Häusern ist das Gegenteil der Fall. Hier gelten kritische Pflegekräfte und Angehörige oftmals als Querulanten. Wir haben Fälle recherchiert, wo Pflegeeinrichtungen sogar Hausverbote ausgesprochen haben. Engagierte und mo­tivierte Pflegekräfte müssen sich mit kritischen Angehörigen solidarisieren. Würden in allen Häusern Personen, die in der Pflege Verantwortung tragen, ihrer Verantwortung nachkommen, dann könnte es diese Missstände in dem Ausmaß nicht geben.

»Wir müssen offensiv und kompromisslos dafür eintreten, dass ethische Gesichtspunkte und die verfassungsrechtlich garantierte Menschenwürde in den Mittelpunkt von Pflegepolitik und Pflegealltag gestellt werden.«

(Pflegeethik Initiative e.V.; www.pflegeethik-initiative.de)

Der Fisch stinkt vom Kopf, das war schon immer so. In gut ­geführten Häusern gibt es Fort- und Weiterbildung für alle Mitarbeiter. Da sind Supervision, psychologische Begleitung und Seelsorge Standard. Es arbeiten dort auch Sozialpädagogen, Hospizmitarbeiter, Psychologen und therapeutisch geschultes Per­sonal. Es sind viele Menschen da, die sich kümmern. In diesen Häusern gibt es ein Frühwarnsystem, ein Bündnis aller Berufsgruppen und Menschen, die für Pflegebedürftige Verantwortung übernehmen. Die Heimaufsicht ist überflüssig, weil sie 365 Tage im Haus ist. Schlechte Pflege, Missstände, Skandale werden dort schnell aufgedeckt oder sogar präventiv verhindert.

Warum schämt sich niemand? Warum fehlt eine gesellschaftliche Empörung? Warum gibt es kein Mitgefühl, keinen Aufschrei, kein Bedauern? Warum werden diese grausamen, beschämenden Formen der Demütigung, Erniedrigung, die »tausendfache Verletzung der Menschenwürde« weder von Kirchen und Menschenrechtsgruppen thematisiert?

Es ist genug! Wir brauchen eine »MeToo«-Diskussion auch in der Pflege. Seit vielen Jahren berichten mutige, ehrliche verzweifelte Pflegekräfte und Angehörige über Machtmissbrauch, Diskriminierung, Demütigungen, Erniedrigung, Gewalt und den würdelosen Umgang mit alten und pflegebedürftigen Menschen in Pflegeeinrichtungen.

Warum gibt es keinen öffentlichen, gesellschaftlichen Aufschrei, vergleichbar mit der »MeToo«-Debatte? Warum wird geschwiegen, geleugnet und relativiert? Haben wir uns an die schlimmen Zustände in der Pflege längst gewöhnt? Selbst in der Missbrauchsdiskussion haben führende Vertreter der katholischen Kirche sich klar und eindeutig positioniert und ein grundsätzliches Versagen der Kirche eingeräumt: »Wir haben zu lange weggeschaut, um der Institution willen«, sagte Kardinal Marx. Er schäme sich für die Verbrechen und »das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist, und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben. Das gilt auch für mich. Wir haben den Opfern nicht zugehört!«

Und am Ende des Lebens? Auch hier muss sich vieles ändern. Nur wer menschenwürdig gepflegt wird, kann auch menschenwürdig sterben. Dazu gehören empathische und ausgebildete Pflegekräfte, aber auch Hospiz- und Palliativmedizin. Eng mit diesem Thema verbunden ist die Diskussion um Sterbehilfe. Nicht durch die Hand, sondern an der Hand eines anderen sterben – das ist unsere persönliche Überzeugung. Immer mehr pflegebedürftige Menschen erzählen uns, dass sie den Eindruck haben, »der Gesellschaft zur Last zu fallen«. Wenn wir es in gemeinsamer Verantwortung in dieser reichen Gesellschaft nicht sehr bald schaffen, dass wir allen pflegebedürftigen, sterbenden Menschen garantieren, dass sie im letzten Lebensabschnitt palliativ, schmerzfrei versorgt werden können, dann dürfen wir diese verzweifelten Menschen auch nicht am Sterben hindern. Wir werden uns dann offen und ehrlich mit den Möglichkeiten der aktiven Sterbehilfe beschäftigen müssen, weil dann niemand mehr da ist, der uns pflegt! Es wäre eine Bankrotterklärung für unsere Gesellschaft. Aber es wäre wenigstens ehrlich!

Deshalb fordern wir: Ein Pflegeheim ohne Hospiz- und Palliativkultur, ohne palliative ärztliche und pflegerische Versorgung kann und darf es nicht mehr geben. Über die Finanzierung ­dieser Leistungen kann nicht ernsthaft verhandelt werden! Auf einer Palliativstation, in einem Hospiz werden nur wenige Menschen nach aktiver Sterbehilfe verlangen!

Wo elementare Grundrechte und Menschenwürde infrage gestellt werden, wo es um die tägliche medizinische und pflegerische Versorgung von alten, kranken, behinderten und pflegebedürftigen Menschen, um menschenwürdige Arbeitsbedingungen geht, müssen geschäftliche Interessen ihre Grenzen haben!

Wir brauchen dringend ein Ende der Allianz des Schweigens und Wegschauens! Jetzt brauchen wir einen Aufstand der Anständigen! Bei diesem Thema darf es keine Gegner geben! Früher oder später geht es uns doch alle an! Das Thema »Pflege« ist längst zur Schicksalsfrage der Nation geworden – nun muss endlich gehandelt werden!

 

Claus Fussek

Gottlob Schober

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Einführung

Der alte Großvater und der Enkel

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. ›Was machst du da?‹, fragte der Vater. ›Ich mache ein Tröglein‹, antwortete das Kind, ›daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.‹ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mit essen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Jacob Grimm (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859)

Schon zu Zeiten der Gebrüder Grimm hatten es die alten Menschen nicht leicht, wie das Märchen vom alten Großvater und seinem Enkel zeigt. Bis heute hat sich daran kaum etwas geändert. Verantwortlich für die Versorgung der Bedürftigen waren damals ausschließlich die Angehörigen. Auch wenn es heute professionelle Pflegekräfte und Heime gibt: Verantwortung, dass es den pflegebedürftigen Menschen gutgeht, tragen Angehörige immer noch. Wenn die »Alten« heute im Heim sprichwörtlich mit einem Holzschüsselchen ins Eck gesetzt werden, müssen sie dafür sorgen, dass ihre Eltern und Großeltern wieder an den Tisch kommen. Wenn Pflegekräfte überfordert und überlastet sind, dürfen Angehörige das nicht dulden, sondern sie müssen sich bei der Heimleitung beschweren. Angehörige tragen für hilfebedürftige Menschen auch dann Verantwortung, wenn Pflegekräfte ihrer Arbeit nicht im Sinne der Bewohner nachkommen (können) und vor dem vielfach menschenverachtenden Pflegesystem am liebsten davonlaufen möchten. Angehörige müssen ganz genau hinsehen. Das sind sie ihren Eltern und Großeltern schuldig.

Es kann doch nicht sein, dass Bewohner in einem Pflegeheim morgens auf den Toilettenstuhl gesetzt und aufgefordert werden, Urin und Stuhl auszuscheiden, gleichzeitig aber frühstücken sollen. Was hat das noch mit Menschenwürde zu tun? Warum werden Hilfebedürftige im Minutentakt versorgt? Warum gelten einfühlsame Gespräche als nicht finanzierbar? Warum zwingt das System Pflegekräfte, mehr Leistungen zu dokumentieren, als sie tatsächlich erbracht haben? Warum akzeptieren Politik und Gesellschaft den systematischen Betrug an pflegebedürftigen Menschen? Die Geschichte der Gebrüder Grimm ist heute so aktuell wie damals.

Uns liegen mittlerweile über 50000 Briefe, E-Mails und telefonische Beschwerden von Angehörigen, Pflegekräften und anderen Beteiligten aus der Pflegebranche vor. Wenn man sie alle liest oder den Menschen einfach nur zuhört, bekommt man einen erschütternden Eindruck von einer »Pflegeindustrie«, in deren Fänge über kurz oder lang jeder von uns kommen kann. Die Qualität der Pflege hat sich seit den Brüdern Grimm kaum verändert und wenn überhaupt, dann zum Schlechten hin. Denn: Alte Menschen dürfen heute häufig nicht einmal mehr aus dem Schüsselchen essen. Man ernährt sie über Magensonden und Infusionen und nimmt ihnen so auch das letzte Stück Würde, nur weil man sich damit die Pflege erleichtert. Das macht betroffen, und deshalb heißt unsere Forderung: »Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte.«

Bitte versetzen Sie sich einmal in die Situation behinderter, hilfebedürftiger, kranker, sterbender, besonders schutzbedürftiger alter Menschen und denken Sie daran, dass uns das Thema »Altenpflege« früher oder später alle betrifft. Wollen Sie irgendwann einmal in einem Pflegeheim untergebracht werden? Wollen Sie dauerhaft mit wildfremden Menschen ein Doppel- oder Mehrbettzimmer teilen? Wollen Sie in ein paar schnellen Minuten gepflegt und »abgefertigt« werden? Was glauben Sie, wie Sie sich fühlen, wenn Sie eine Pflegekraft im Akkord wäscht, kämmt und Sie dabei vor lauter Stress nur noch im Kasernenton anbrüllt, anstatt mit Ihnen ein paar freundliche Worte zu wechseln? Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Pflegekraft nicht einmal Deutsch spricht? Wie wäre das, wenn ein Pfleger Ihnen keine Zeit zum Verrichten Ihrer Notdurft lässt, weil er zum nächsten Patienten muss? Wenn er Ihnen dann Windeln verpasst, weil er keine Zeit hat, Sie zur Toilette zu begleiten? Sie wollen das alles nicht!

Wir, die Autoren, wollen so auch nicht versorgt werden. Natürlich nicht. Niemand will menschenunwürdig leben. Wir hören immer wieder bei Vorträgen und Diskussionen, die Menschenrechte seien doch in unserer Gesellschaft verwirklicht. Im Grundgesetz steht als oberstes Prinzip: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Dass in der Praxis aber die Würde vielfach eine Frage des Alters und der Fitness ist, zeigen die vielen von uns recherchierten Beispiele hilfebedürftiger alter Menschen. Sie müssen tagtäglich Demütigung, Erniedrigung und Entwürdigung erleben. Und das seit Jahren! Solche Pflege ist Folter!

Unzählige Berichte über Gewalt und Folter liegen uns aus allen Bundesländern in Deutschland vor, flächendeckend. Aber: Es ist nicht überall so. Nicht in jedem Heim und nicht bei jedem ambulanten Pflegedienst und nicht in jedem privaten Haushalt, in dem alte, pflegebedürftige Menschen leben. Selbstverständlich, und das betonen wir immer wieder, gibt es auch sehr gut geführte Einrichtungen mit hochmotivierten Mitarbeitern. Wir fragen uns aber, warum es so große Qualitätsunterschiede gibt. Gute wie schlechte Einrichtungen arbeiten unter denselben Rahmenbedingungen. Der Unterschied ist nur: Die einen schaffen es, die Menschen gut und würdig zu versorgen, andere greifen zu problematischen »pflegeerleichternden« Maßnahmen.

Wir wollen, dass alle pflegebedürftigen Menschen würdig versorgt werden, und fordern dazu auf, die Positivbeispiele zu »plagiieren«: d.h. zum Nutzen der Bedürftigen alle guten Ideen zu »klauen«. Plagiatoren werden hier nicht wie bei erschwindelten Doktortiteln bestraft, sondern wir und sicher auch alle »Hilfebedürftigen« würden ihnen am liebsten einen Orden verleihen.

2008 haben wir das Buch »Im Netz der Pflegemafia« geschrieben. Wir haben recherchiert und schlimme Missstände angeprangert: Alte und pflegebedürftige Menschen werden gefesselt, obwohl sie noch gehen können. Sie werden mit Psychopharmaka ruhiggestellt, obwohl sie es gar nicht müssten. Sie werden mit Magensonden ernährt, obwohl sie, mit etwas Zeit, noch selbst essen könnten. Sie werden eingesperrt, obwohl sie gerne täglich an die frische Luft möchten. Ihnen werden Windeln verpasst, obwohl sie noch selbst zur Toilette gehen könnten. Wir haben Menschenrechtsverletzungen gegenüber pflegebedürftigen Menschen aufgedeckt und eine Branche entlarvt, in der viele Akteure gerade an der schlechten Pflege viel Geld verdienen. Alte Menschen werden immer noch in vielen deutschen Pflegeheimen und sogar auch in den eigenen vier Wänden misshandelt und gefoltert. Mit dem Buch damals wollten wir, indem wir viele Missstände anprangerten, die Situation alter und pflegebedürftiger Menschen grundlegend und nachhaltig verbessern.

Zehn Jahre später müssen wir uns eingestehen, dass sich nichts geändert hat. Die Pflegemafia gibt es immer noch, ihre Strukturen leider auch. Die Situation vieler pflegebedürftiger Menschen ist immer noch unerträglich! Niemand will das wahre Ausmaß der Pflegekatastrophe zur Kenntnis nehmen. Es ist wie bei den drei Affen: nichts hören, nichts sehen und nichts sagen.

Vertreter der Pflegebranche leugnen, relativieren, ignorieren und bagatellisieren die wahre Situation emotionslos und in unverantwortlicher Weise. Aber sie verdienen sehr gut daran, dass alles so bleibt, wie es ist. Zwischen vielen Heimbetreibern, MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung), Heimaufsicht, Ärzten, Politik und Kostenträgern hat sich ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis entwickelt. Die Politik mischt maßgeblich bei den Wohlfahrtsverbänden und Heimaufsichten mit. Mitarbeiter vieler Heimaufsichten haben exzellente Kontakte zu den von ihnen kontrollierten Einrichtungen. Viele MDK-Mitarbeiter waren selbst einmal Pflegekräfte. Jetzt kontrollieren diejenigen, die früher selbst in Pflegeheimen gezwungen wurden, Dokumentationen zu fälschen, Pflegedokumentationen ihrer Kolleginnen und Kollegen, von denen sie wissen, dass die dokumentierten Leistungen gar nicht erbracht worden sein können. Ist das nicht ein perverses System? Der Kabarettist Dieter Hildebrandt formulierte es so: »Wer überall die Finger drin hat, der kann keine Faust mehr ballen!«

Wie schon erwähnt: Täglich erreichen uns Schreiben von Angehörigen, aber auch von Pflegekräften, Ärzten und anderen Beteiligten der Pflegebranche, die von Missständen und Misshandlungen hilfsbedürftiger Menschen berichten. Fast immer hören wir: Bitte nennen Sie meinen Namen nicht! Es herrscht eine unheimliche Allianz des Schweigens, die Omertà funktioniert wie in Sizilien bei der Mafia! Viele scheuen davor zurück, sich zu beschweren. Wir fordern dennoch alle Angehörigen und Pflegekräfte zur Zivilcourage auf. Denn Änderungen im System kann es nur geben, wenn viele auf die Barrikaden gehen. Dass ein organisierter Protest überfällig ist, zeigen die folgenden Beispiele von gravierenden Missständen in der Pflege, die für ein ganzes System stehen und beliebig erweitert werden könnten.

Stellvertretend für die vielen Zuschriften steht dieser verzweifelte Hilferuf einer Pflegekraft mit typischen Erlebnissen und Erfahrungen:

»Drei Bewohnern gleichzeitig, in abwechselnder Reihenfolge, das Essen zu Mittag anreichen.

Durch ständigen Personalmangel werden oft Pflegetätigkeiten nicht vollständig getätigt, aber in der Dokumentation abgezeichnet.

Von der Wohnbereichsleitung genötigt, vermehrt über den Bewohner zu berichten (›Märchenstunde‹) für eine Höherstufung beim MDK!

Wenn Personalmangel, dann bleiben Bewohner im Bett oder werden vor dem Abendessen ins Bett gebracht! Eine zugeklappte Stulle tut es dann auch!

Habe entsetzt miterlebt, wie eine über Wochen überforderte examinierte Pflegekraft einen Bewohner auf die Stirn schlug, weil dieser eingekotet war.«