Haribo - Goldene Zeiten brechen an - Katharina von der Lane - E-Book

Haribo - Goldene Zeiten brechen an E-Book

Katharina von der Lane

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Beschreibung

Von einem Sack Zucker zum Weltkonzern: die außergewöhnliche Geschichte einer der erfolgreichsten Unternehmerfamilien Deutschlands

Bonn 1939: Die süßen Produkte der Firma Haribo sind mittlerweile weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Doch früher als erwartet muss Gertrud Riegel das Unternehmen ohne ihren Mann Hans weiterführen. Hilfe bekommt sie dabei von Tochter Anita, die ihre eigenen Träume zugunsten der Familie zurückstellt. Gemeinsam gelingt es den beiden Frauen, das Geschäft auch in schwierigen Zeiten am Leben zu erhalten, bis die Söhne Hans und Paul aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren. Goldene Zeiten brechen an, als das erfolgreichste Produkt der Firma Haribo das Licht der Welt erblickt: der Goldbär.

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Seitenzahl: 594

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Bonn 1939: Hans und Gertrud Riegel haben ihren Traum wahr gemacht und ihr eigenes Süßwarenunternehmen gegründet. Die Produkte der Firma Haribo sind bei Groß und Klein beliebt. Doch als die Söhne in den Krieg ziehen, kämpft auch Haribo ums Überleben. Als Hans unerwartet stirbt, übernimmt Gertrud vorübergehend die Geschäftsführung und steuert das Unternehmen gemeinsam mit ihrer Tochter Anita durch schwierige Zeiten. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat steigen auch die beiden Söhne Hans und Paul ins Geschäft ein und bauen es Schritt für Schritt zu einem Weltkonzern aus. Mit der Produktion der ersten Goldbären im Jahr 1952 scheint die Zukunft der Firma Haribo gesichert …

Autorin

Hinter dem Pseudonym Katharina von der Lane verbergen sich die beiden Autorinnen Christiane Omasreiter und Kathrin Scheck. Beide wurden 1974 in Garmisch-Partenkirchen geboren, haben Betriebswirtschaft studiert und gemeinsam bereits eine Krimiserie geschrieben. Christiane Omasreiter lebt heute mit ihrer Familie in Südtirol, Kathrin Scheck in Garmisch-Partenkirchen.

KATHARINA VON DER LANE

Haribo

GOLDENE ZEITEN BRECHEN AN

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe Februar 2025

Copyright © 2025 by Katharina von der Lane

Copyright © dieser Ausgabe 2025 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH

Umschlagmotive: arcangel/Joanna Czogala; Vintage Germany; © FinePic®, München

Redaktion: Eva Wagner

LS · Herstellung: ik

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-30803-2V001

www.goldmann-verlag.de

Dies ist ein historischer Roman. Er basiert auf der Unternehmensgeschichte von Haribo. Zahlreiche tatsächliche Abläufe und handelnde Personen sind jedoch so verändert und ergänzt, dass Fakten und Fiktion eine untrennbare künstlerische Einheit bilden. Eine Zusammenarbeit mit Haribo gab es nicht, insbesondere besteht keine wie auch immer geartete Lizenzbeziehung. Die Verwendung des Firmennamens erfolgt also ausschließlich aus beschreibenden und nicht aus markenmäßig-kennzeichnenden Gründen.

All denen,die von Beginn an uns geglaubt haben.

1. Kapitel

Kessenich, Oktober 1939

»Wann fängt denn der Film endlich an?«, fragte Anita Riegel ihre Mutter ungeduldig.

»Pscht.« Gertruds Blick war gebannt auf die Bilder der Wochenschau gerichtet. Man sah Soldaten am Westwall auf den Feind schießen. Kanonen wurden ausgerichtet, französische Kriegsgefangene abgeführt.

Die Bilder wirkten auf Gertrud bedrückend. Nachdem der Polenfeldzug nach kaum vier Wochen beendet gewesen war, hatte sie gehofft, Frieden möge einkehren. Doch stattdessen verlief die Front jetzt ganz in der Nähe. Zum Westwall waren es von Bonn aus keine hundert Kilometer.

Neben ihr rutschte ihre vierzehnjährige Tochter auf ihrem Sitz hin und her. Erst als die Titelmusik von Hallo Janine ertönte, wurde sie ruhig.

»Hast du die Rökk gesehen? Die kann tanzen!« Anita trat mit leuchtenden braunen Augen aus dem dunklen Kinosaal in der Bonner Altstadt.

»Mhm.« Gertrud war weniger beeindruckt. Für sie war es zu viel Getanze und der Inhalt zu weit hergeholt gewesen. Doch Johannes Heesters hatte ihr gefallen.

»Eines Tages werde ich Primaballerina sein.«

»Konzentrier dich lieber auf die Schule. Das ist im Leben wichtiger.«

»Ach Mutti, du verstehst mich einfach nicht. Es gibt mehr im Leben, als gut in der Schule zu sein.«

Gertrud seufzte. Es stimmte: Sie verstand ihre Tochter oft wirklich nicht. Sie selbst war auf einem Bauernhof aufgewachsen, hatte eine glückliche, aber von Entbehrungen geprägte Kindheit gehabt. Damals hatte sie gelernt, hart zu arbeiten und mit wenig zufrieden zu sein.

Als sie geheiratet hatte, hatten sie und ihr Mann nichts besessen. Sie hatten sich in der alten Waschküche ihrer Eltern einen Arbeitsraum zur Herstellung von Bonbons eingerichtet. Die magere Ausstattung war geliehen gewesen, und Hans’ Startkapital hatte sich auf 275 Reichsmark beschränkt. Nur Optimismus, Mut und Fleiß hatten sie im Überfluss gehabt.

Das war jetzt knapp zwanzig Jahre her. Aus der Waschküche im Grönstall war eine Fabrik in Kessenich mit über dreihundert Angestellten geworden. Statt auf einem Bauernhof wohnten sie in einer Villa am Wachtberg, und finanziell waren sie komfortabel abgesichert. Trotzdem versuchten sie, ihren Nachwuchs bodenständig und bescheiden zu erziehen. Bei ihren Söhnen, die ihre Freizeit am liebsten mit den Kindern ihrer Angestellten verbrachten, schien das zu gelingen. Anita jedoch liebte die schönen – und teuren – Dinge des Lebens und träumte von einer Karriere in der Glitzerwelt des Balletts oder Theaters. Gertrud versuchte, sich damit zu beruhigen, dass auch das Tanztraining Disziplin und Fleiß erforderte und ihre Tochter somit etwas lernte, was sie für ihr späteres Leben brauchen konnte. Doch sie wünschte sich, dass ihre Tochter mit der gleichen Begeisterung die Nase in die Schulbücher stecken würde. Das letzte Schuljahr hatte sie nur mit Müh und Not bestanden.

Sie gingen die Straße hinunter, die anlässlich des Sieges über Polen beidseitig mit Hakenkreuz-Fahnen beflaggt war, als sie eine Stimme hinter sich rufen hörten.

»Gertrud! Gertrud, hallo!«

Mit freudiger Überraschung erkannte Gertrud ihre Jugendfreundin Anna Baum. »Anna! Wie schön, dich zu sehen.«

»Viel zu lange her. Es sind ja schon wieder fast zwei Monate vergangen, seit wir bei den Unkens zu Lenchens Geburtstagsfeier waren.«

»Ach Gott, schon so lange? Wir müssen unbedingt wieder etwas ausmachen.«

»An mir soll es nicht scheitern.«

Täuschte sie sich, oder lag ein Vorwurf in Annas Stimme? Gertrud wusste, dass meist sie der Grund war, warum sich die Freundinnen so selten trafen. Sie hatte immer viel zu tun. Die Kinder forderten sie, und in Pech hatte sie einen großen Haushalt. Zwar gab es Hilfe, doch die Organisation, dass alles reibungslos lief, hing an ihr. Außerdem saß sie wöchentlich viele Stunden über den Büchern. Natürlich gab es bei HARIBO eine hervorragende Chefsekretärin und eine fähige Buchhaltung, aber es gab Dinge, die wollte Hans unter Verschluss halten. Er wollte vermeiden, dass Rezepturen oder sensible Zahlen an die Konkurrenz gerieten. Daher machte immer noch Gertrud die Preiskalkulation und bereitete die Lohnbuchhaltung vor.

»An mir auch nicht«, sagte sie schnell. »Nächste Woche bei mir.«

»Wie schön. Wie läuft es denn sonst?«

»Nicht schlecht. Hans ist zum Glück nicht eingezogen worden. Sie haben ihn wegen seiner Hörbehinderung für untauglich erklärt.«

»Das ist ein Segen. Auch Hubert ist bis jetzt einer Einberufung entgangen. Allerdings muss er jetzt oft zwei Klassen auf einmal unterrichten, weil die jungen Lehrer alle an die Front mussten.«

»Das wir noch einmal einen Krieg erleben müssen! Damit hätten wir auch nicht gerechnet.«

»Nein. Vor allem um Carl Josef habe ich Angst.«

Gertrud nickte beklommen. »Ich hoffe auch sehr, dass es vorbei ist, bevor unsere Söhne eingezogen werden können.« Sie seufzte. »Hänschen wurde im März schon sechzehn.«

Für einen Moment tauschten die Frauen einen Blick, in dem ihre tiefe Furcht lag.

»Ich muss weiter. Das Abendessen muss pünktlich auf dem Tisch stehen«, sagte Anna dann betont munter.

»Ich auch. Bis nächste Woche.«

Als Gertrud und Anita zu Hause ankamen, roch es schon verführerisch aus der Küche. Am Spiegel neben der Tür nahm Gertrud ihren Lodenhut von ihrem schulterlangen dunklen Haar, das sie jede Woche in eine Wasserwelle legen ließ. Sie war inzwischen neununddreißig Jahre alt, und feine Fältchen um ihre Augen zeigten, dass die Jugend vorbei war. Doch sie fand, dass die Jahre gut zu ihr gewesen waren. Mit ihrem vollen Mund, der geraden Nase und den weit auseinanderstehenden braungrünen Augen war sie eine attraktive Frau. Da sie schlank war, sahen die eleganten Kostüme oder Kleider, die sie sich inzwischen leisten konnte, gut an ihr aus. Wenn sie ehrlich war, fühlte sie sich heute schöner als mit zwanzig. Sie hatte Frieden damit geschlossen, dass sie mit ihren breiten Schultern und ihrer Größe von über einem Meter siebzig nicht dem allgemeinen Schönheitsideal – klein, zierlich und kurvig – entsprach.

»Wasch dir noch schnell die Hände. Wir essen gleich«, sagte sie zu Anita und ging in die Küche, wo ihre Schwägerin Aga Riegel Frikadellen anbriet.

»Hmmm! Riecht lecker. Genau das, was ich heute brauche. Was Deftiges! Der Film war viel zu süß.«

Aga, Hans’ jüngere Schwester, drehte sich um. »Dann wird er Anita gefallen haben.«

Gertrud grinste. »Und wie.«

Nach einer unglücklichen Liebschaft war Aga vor gut zwei Jahren aus Düsseldorf nach Bonn zurückgekehrt. Da es für die stolze Frau nie infrage gekommen wäre, auf Kosten ihres Bruders zu leben, führte sie nun den Haushalt der Familie Riegel. Für Gertrud war es die perfekte Lösung. Die quirlige Aga hatte etwas zu tun, und Gertrud hatte jemanden im Haus, dem sie vertraute und mit dem sie reden konnte, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Der einfache Holztisch war gedeckt, den sie aus ihrer Wohnung von Kessenich mitgebracht hatten. Wenn Hans nicht zum Abendessen heimkam, aßen die Frauen mit den Kindern in der Küche, ohne Hausmädchen, das servierte.

Während Aga Kartoffeln und Gurkensalat auf den Tisch stellte, rief Gertrud den Nachwuchs zum Essen.

Kaum betraten ihre Söhne, der dreizehnjährige Paul und der sechzehnjährige Hans – genannt Paulchen und Hänschen – die Küche, stieg der Geräuschpegel. Ein Geschubse und Gerangel und die lautstarke Diskussion, ob eine Messerschmidt oder eine Heinkel das bessere Jagdflugzeug war. Anita bedachte ihre Brüder mit einem abschätzigen Augenrollen, in dem so viel hochmütige Verachtung lag, wie es nur vierzehnjährige Backfische zustande brachten.

Doch die Jungen ließ das kalt, und sie begannen sich Agas köstliche Frikadellen in den Mund zu schaufeln, als hätten sie seit Wochen nichts mehr zu essen bekommen. Gertrud schaute ihnen schmunzelnd zu. Bis auf die blaugrünen Augen, die sie von ihrer Oma geerbt hatten, waren sie äußerlich unterschiedlich. Hänschen kam eher nach ihr, mit seinem dunkelblonden dichten Haar. Er war groß für sein Alter und, obwohl er sehr sportlich war, robust gebaut und mit vollen Wangen. Paulchen hingegen, mit dunklem Haar, das zu Locken neigte, war klein und schmächtig, obwohl er die gleichen Mengen verschlang wie sein Bruder. Auch hatte er die typische schmale gerade Nase der Viandens geerbt.

Hänschen trug das braune Hemd und die kurzen Hosen seiner Hitlerjugend-Uniform, denn nach dem Abendessen war Heimabend der HJ.

»Am Samstag habe ich die Prüfung für das Leistungsabzeichen in Bronze«, verkündete er.

»Wie stehen die Chancen?«, fragte Aga nach.

»Für den theoretischen Teil muss ich noch lernen. Wir müssen fünf Fahnensprüche und alle abgetretenen Gebiete wissen. Dann noch den Lebenslauf unseres Führers. Aber den weiß ich noch von der letzten Prüfung. Der Rest ist für mich ein Klacks. Beim Turnen, bei den Marschübungen und im Geländesport bin ich bei den Besten«, prahlte er.

»Ich halte den Rekord im Weitsprung in meiner Mädchenschar«, sagte Anita, die nichts mehr hasste, als von ihrem älteren Bruder übertrumpft zu werden.

»Und ich …«, begann Paulchen.

»Du bist nur ein Pimpf«, sagten Anita und Hänschen wie aus einem Mund.

Paulchen wurde rot. Da er noch keine vierzehn Jahre alt war, war er Pimpf beim Jungvolk, was ihm seine Geschwister regelmäßig unter die Nase rieben.

»Nächstes Jahr bin ich auch bei der Hitlerjugend«, murrte er.

»Ganz was anderes«, wechselte Aga schnell das Thema. »Bei uns daheim auf dem Hof steht die Ernte an. Ich fahre am Sonntag hinaus. Wer fährt mit?«

Der Hof in Friesdorf, auf dem Hans und Aga aufgewachsen waren, wurde inzwischen von ihrem jüngsten Bruder Martin und seiner Frau bewirtschaftet.

»Wenn ich von der Schule daheim bleiben kann, helfe ich die ganze Woche«, sagte Paulchen sofort.

Aga wuschelte ihm liebevoll durch den dunklen Schopf. »Sonntag reicht.«

»Ich bin auch dabei.« Hänschen lud sich den Teller noch einmal voll.

»Ich habe am Samstag Ausmarsch vom Bund Deutscher Mädel. Deswegen brauche ich den Sonntag, um fürs Ballett zu üben.«

»Du könntest ja bei der Apfel- und Birnenernte helfen. Oma würde sich freuen, wenn sie dich sieht.« Gertrud wusste, dass ihre Tochter nicht gerne in der Erde nach Kohlrabi, Karotten, Kartoffeln, Wirsing und Grünkohl grub.

Sie selbst liebte die Ausflüge, wo sie bei der Ernte mithalfen und ihre Kinder am Abend mit den Dottendorfer oder Friesdorfer Cousins verdreckt, aber glücklich ums Kartoffelfeuer saßen. Keiner wusste, wie lang solche unbeschwerten Ausflüge noch möglich waren. Daher wollte sie alle Kinder dabeihaben.

»Von mir aus«, gab Anita unwillig nach.

»Hmmm, Frikadellen«, hörten sie eine tiefe Stimme von der Tür.

»Hans, du bist schon da?«, rief Gertrud freudig überrascht.

Als sie noch auf dem Fabrikgelände in Kessenich gewohnt hatten, war Hans regelmäßig zum Abendessen daheim gewesen. Auch wenn er danach meist auf »einen Sprung« – oft bis spät in die Nacht – zurück in die Firma gegangen war. Doch seit sie vor einem Jahr nach Pech gezogen waren, zehn Kilometer von HARIBO entfernt, schaffte er es nur noch selten zum Essen nach Hause.

»Ich habe beim Frühstück mitbekommen, dass Aga Frikadellen macht …« – er zwinkerte Gertrud zu – »… und natürlich hab ich Sehnsucht nach der lieben Familie.«

Anita verdrehte erneut die Augen, doch Gertrud musste lachen. Ihr Mann war meist mit den Gedanken in der Firma. Rund um die Uhr beschäftigten ihn neue Projekte, Verkaufszahlen und Rohstoffengpässe. Jetzt kam noch dazu, dass langjährige Mitarbeiter eingezogen wurden und an die Front mussten. Daher freute es sie jedes Mal, wenn seine heitere, unbeschwerte Seite zum Vorschein kam.

Hans war inzwischen sechsundvierzig, doch mit dem herausfordernden Grinsen und dem amüsierten Funkeln in seinen Augen erinnerte er sie in diesem Moment an den Mann, in den sie sich vor zwanzig Jahren auf einem Dorftanz verliebt hatte: groß und breitschultrig, mit mittelbraunem Haar. Das hatte sich in den letzten Jahren gelichtet, so war seine Stirn noch höher geworden. Den Schnurrbart seiner Jugend hatte er abrasiert, doch der Schalk in seinen Augen war der gleiche wie früher. Seine sehnige Gestalt hatte sich in seinen Vierzigern ausgefüllt, und um den Bauch hatte er ein wenig zugelegt. Was kein Wunder war, wenn man bedachte, dass er täglich mit Süßigkeiten zu tun hatte.

Er setzte sich, und Aga füllte seinen Teller. Genießerisch schloss er die Augen. »Hmmmm. Köstlich. Wie bei Muttern.« Er warf seiner Schwester einen dankbaren Blick zu, dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Kinder, die alle gleichzeitig losplapperten:

»Vati, ich habe heute eine Drei in Latein bekommen«, sagte Paulchen stolz. Er kämpfte mit dieser alten Sprache, und meist brachte er Fünfer und Sechser nach Hause.

»Ich habe heute mit Mutti die Marika Rökk im Kino gesehen. Eines Tages werde ich genauso berühmt sein.«

»Wir haben heute Abend einen Nachtmarsch, wo wir uns selbstständig orientieren müssen.«

Gertrud beobachtete mit einem stillen Lächeln, wie die drei versuchten, sich gegenseitig mit ihren Erfolgen zu übertrumpfen, um den Vater zu beeindrucken. Sie genoss den raren Moment, wo sie alle zusammen waren, es um alltägliche Dinge ging und die Gefahren des Krieges weit weg schienen.

2. Kapitel

Pech, November 1939

Hänschen hatte die letzte Nacht kaum geschlafen. Doch das war eine Ausrede, die sein Vater niemals gelten lassen würde. Heute würde er die Jagdprüfung ablegen. Sein Vater freute sich, dass Hänschen seine Passion teilte, doch das setzte ihn nun unter Druck. Seit Hans senior den Jagdschein in der Weimarer Republik gemacht hatte, hatte sich wenig geändert. Das Einzige, was Hermann Göring als Reichsjägermeister neu hinzugefügt hatte, war die Pflicht zur Trophäenschau und zur Waidgerechtigkeit. Wenn sein Vater die Prüfung bestanden hatte, war es für Hänschen eine Selbstverständlichkeit, ebenfalls beim ersten Anlauf zu bestehen. Während er in der Schule immer nur mittelmäßig war, da ihn das meiste schlicht und einfach nicht interessierte, so gab er hier alles. Über Wochen hatte er bis in die späten Abendstunden Wildkunde, Jagdpraxis und Waffentechnik gebüffelt. Worum er sich zum Glück nicht sorgen musste, war die praktische Schießprüfung. Dank seiner Ausbildung bei der HJ war er zielsicher.

»Bereit für den großen Tag?«, hörte er die sonore Stimme seines Vaters.

Überrascht sah er von seinem Marmeladenbrot auf. Um diese Zeit war sein Vater normalerweise immer schon in der Firma. »Mhm«, murmelte er.

»Angst?«, fragte sein Vater.

Hans wollte erst heftig widersprechen. Schließlich war er sechzehn und Kameradschaftsführer in der HJ. Doch ihm war tatsächlich mulmig zumute. Scheitern wäre übel. Daher sagte er gar nichts, sondern konzentrierte sich auf sein Brot.

Sein Vater wuschelte ihm durch das dichte dunkelblonde Haar. »An Angst gibt es nichts auszusetzen. Es bedeutet, dass es dir wichtig ist.« Er nickte Hänschen zu. »Es freut mich sehr, dass dir die Jagd am Herzen liegt.«

Hänschen nickte. Anfangs hatte er sich nur für die Jagd interessiert, weil es den Vater glücklich machte. Das waren die wenigen Momente, wo er den Vater allein erwischte und sie gemeinsam Zeit verbrachten. Außerdem wurden die Familienausflüge in Österreich spannender, wenn man durch das Fernglas nach Wild Ausschau hielt. Er war sich damit erwachsener vorgekommen als seine Geschwister, die einfach nur wanderten.

Doch über die Jahre hatte sich sein Interesse vertieft, unabhängig vom Vater. Normalerweise war er immer in Bewegung – wo er war, war etwas los. Als unangefochtener Anführer der Jungs der Bergstraße sagte er, wo es langging. Je wilder die Abenteuer, desto besser. Doch wenn er mit seinem Fernglas durch den abendlichen Kottenforst streifte, war er zufrieden, allein zu sein und zu beobachten, was da kreuchte und fleuchte.

Sein Vater klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern. »Waidmannsheil!«

»Waidmannsdank!«

Es war seltsam: Obwohl sein Vater nicht viel gesagt hatte, fühlte Hans junior sich zuversichtlicher, als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel.

****

Er hatte bestanden! Er hatte tatsächlich bestanden! Als Hänschen am Abend im Naturkundlichen Museum König im Saal mit dem beeindruckenden Glasdach das Jadgddiplom überreicht bekam, suchte sein Blick den Vater. Dort saß er, in der ersten Reihe, umgeben von seinen Jagdfreunden. Der Stolz im Blick des Vaters wärmte Hänschens Herz. Es war ihm in seinem Leben nur selten gelungen, den Vater stolz zu machen.

Nach der Verleihung trat Hans zu ihm. »Gut gemacht! Diese Prüfung hat es in sich. Ohne fleißig zu lernen, besteht keiner!«

Hänschen nickte ernsthaft. »Stimmt. So viel habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht für eine Sache gelernt.«

Sein Vater schüttelte den Kopf und warf ihm einen verärgerten Blick zu. Diesen kannte Hänschen besser als den Stolz, den er eben noch gezeigt hatte. »Da siehst du, wozu du fähig wärst, wenn du dich in der Schule nur anstrengen würdest.«

Hänschen zuckte mit den Schultern. Diesen Satz hörte er seit der ersten Klasse. Zum Glück trat in diesem Moment Waldemar Siebert zu ihnen, ein alter Freund und Geschäftspartner des Vaters.

»Bravo! Das muss gefeiert werden. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!«, rief Siebert aufgeräumt. Die Missstimmung verschwand so schnell, wie sie aufgekommen war.

»Da hast du recht. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass der Filius die Jagdprüfung besteht. Ich lade euch alle ein, bei uns im Jagdzimmer darauf anzustoßen«, sagte Hans.

Zustimmendes Gemurmel wurde laut.

Als sie wenig später mit acht Jagdkameraden des Vaters in dem dunkel getäfelten Raum saßen, dessen Wände Trophäen aus Pech und der Steiermark schmückten, war die Stimmung ausgelassen. Doktor Wagner zog einen silbernen Flachmann, in den ein Hirsch eingraviert war, aus der Tasche und reichte ihn Hänschen. »Trink, min Jung! Haste dir heute verdient.«

Hänschen warf seinem Vater einen fragenden Blick zu, denn Alkohol war ihm normalerweise verboten. Doch Hans senior nickte ihm fröhlich zu. Er nahm einen kräftigen Schluck und musste husten, als ihm der scharfe Schnaps die Kehle hinunterrann. Siebert lachte und klopfte ihm kräftig auf die Schulter.

Sie setzten sich an den großen Tisch, und der Hausherr schnitt eigenhändig Wildsalami und Geräuchertes auf. Dazu gab es einen schweren Rotwein aus Vaters Weinkeller. Während Hänschen an dem edlen Tropfen nippte, beobachtete er seinen Vater. So kannte er ihn kaum: die Hemdsärmel aufgekrempelt, mit jedem per Du, ohne Unterschied, ob er mit dem erfolgreichen Kaufmann Waldemar Siebert oder seinem Jugendfreund Adolf Pütz redete, einem Bauern aus Friesdorf. Er hatte für jeden die gleiche Herzlichkeit und Freundlichkeit. Nichts erinnerte an den kritischen Vater, der mit den Gedanken ständig bei der Arbeit war. Ohne sich anzustrengen, war Hans senior der Mittelpunkt der Feier, er erzählte die unerhörtesten Anekdoten, hatte die wildesten Jagdgeschichten und die lustigsten Witze auf Lager.

Hänschen sprach nicht viel, sondern hörte mit großen Ohren zu, wie die Jagderfolge größer und die Witze schlüpfriger wurden, und trank dabei vom Wein. Immer wieder reichte ihm einer der Jagdkameraden einen Flachmann.

Er konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als ihn plötzlich Übelkeit überkam. Er rannte los und sah sich hektisch um. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Zur Toilette war es zu weit – er schaffte es nur in den Flur und übergab sich in den Schirmständer aus Holz mit Bauernmalerei, den sie beim letzten Urlaub aus Österreich mitgebracht hatten.

Als er sich sterbenselend wieder aufrichtete, stand sein Vater vor ihm.

»Schau, dass du in dein Bett findest«, sagte er scharf. »Und stell dir eine Schüssel daneben.« Er sah Hänschen, der sich an der Wand abstützen musste, durchdringend an. »Um ein Mann zu sein, muss man auch wissen, wann es genug ist!«

Hans nickte. Wie peinlich, dass sein Vater ihn so erlebte. Er wollte den Schirmständer mitnehmen, um ihn später zu reinigen, doch sein Vater nahm ihn ihm ab. »Das mach ich. Geh zu Bett!«

Hans machte sich auf den schwierigen Weg die Treppe hinauf. Welch blödes Ende für einen großartigen Abend. Dass genau der Vater ihn so hatte sehen müssen, war ihm unangenehm. Mitsamt seinem Gewand legte er sich aufs Bett. Wieder wurde ihm schlecht. Mist, er hatte vergessen, eine Schüssel aus der Küche zu holen.

Bei der nächsten Jagd würde er seinem Vater beweisen, dass dies ein einmaliger Ausrutscher war, nahm er sich vor, bevor er in tiefen Schlaf fiel.

3. Kapitel

Pech, Mai 1940

Hans saß auf der Terrasse und genoss die warmen Sonnenstrahlen. Es war selten, dass er einmal allein zu Hause war. Gertrud war mit seiner Schwester Aga und den Kindern in die Stadt gefahren, um ihnen neue Kleider zu kaufen. Paulchen und Anita waren über die Wintermonate noch mal ordentlich gewachsen, und Hänschen hatte zwar nicht mehr an Körpergröße zugelegt, aber durch die vielen sportlichen Aktivitäten in der Hitlerjugend hatte er einen muskulöseren Oberkörper bekommen, sodass seine Hemden spannten.

Genussvoll schob Hans sich einen Bissen von Agas Apfelkuchen in den Mund, den er sich aus der Küche geholt hatte. Unwillkürlich dachte er daran, als er damals als junger Bonbonkocher in Neuss gelebt und manch einen Sonntag im Kaffeehaus bei einem Stück Apfelkuchen mit Zeitunglesen verbracht hatte. Er war schon immer gerne informiert, und im Café hatten verschiedene Journale ausgelegen, was den Vorteil hatte, dass er keine kaufen musste. Seiner Mutter hatte er damals nichts von seinem sonntäglichen Zeitvertreib erzählt. Für sie wäre es unverständlich gewesen, dass er als Arbeiter ein Café besuchte. Ihr Kommentar hätte gelautet: »Das ist nichts für einfache Leute wie uns. Das ist nur was für die Oberen.«

Er jedoch hatte immer daran geglaubt, dass die Grenzmauer »Leute wie uns« einzureißen war. Er hatte sich heimlich – gegen den Wunsch seiner Eltern – in der Fabrik von Kleutgen & Meier vorgestellt und dort als Arbeitsjunge angefangen. Dank Meister Willibald, der seinen Willen, seinen Fleiß und vor allem seine Leidenschaft für die Süßwaren erkannte, hatte er eine Lehre zum Bonbonkocher machen dürfen.

Besonders sein Vater Peter Riegel hatte nicht verstanden, warum sein Ältester nicht in seine Fußstapfen treten und wie er Maurer werden und nebenbei den kleinen Bauernhof in Friesdorf bewirtschaften wollte. In jener Zeit hatte es manch unschöne Szene gegeben. Öfter hatte Hans ihm schonungslos entgegengeschleudert, dass er nicht wie er sein Leben lang als Ackerer und zugleich auf dem Bau schuften wolle, um trotzdem nur von der Hand in den Mund zu leben. Seine Mutter Agnes hatte immer wieder zwischen dem Vater und ihm gestanden. Doch im Gegensatz zum Vater, der oft aufbrausend gewesen war, wenn etwas gegen seinen Willen ging, hatte sie trotz der vielen Arbeit jedem ihrer Kinder aufmerksam zugehört und versucht, sie zu verstehen. Ihr war wichtig gewesen, dass sich die Geschwister untereinander verstanden und zusammenhielten. Im Streit zwischen ihm und ihrem Mann hatte sie zwar nie Partei für ihren Ältesten ergriffen, doch hatte sie ihn auf seinem Weg unterstützt, Kompromisse vorgeschlagen und manch gutes Wort beim Vater eingelegt. Hans schätzte bis heute ihre Ratschläge, die von Vernunft und Warmherzigkeit geprägt waren.

Er selbst hatte nie an seiner Berufswahl gezweifelt. Denn er hatte schon bei seinem ersten Rundgang durch die Fabrik bei Kleutgen & Meier, als er den süßlichen Geruch von Lakritz eingeatmet und die vielen Kisten und Gläser mit den teils exotischen Zutaten in den Regalen im Lager gesehen hatte – wie Süßholzwurzel, Vanille, Veilchen und Pfefferminz – gewusst, dass sein Weg die Bonbonkocherei war.

Nach dem Krieg hatte er es zum Partner in der Süßwarenfabrik von August Heinen gebracht, was anfänglich für sie beide eine gewinnbringende Situation gewesen war. Heinens Sohn war im Krieg gefallen, und er hatte keinen Nachfolger gehabt. Hans war jung gewesen, hatte gearbeitet wie ein Berserker, und er hatte fortschrittliche Ideen, vor allem, was den Produktionsablauf betraf. Er hatte von Heinens betriebswirtschaftlichen Kenntnissen profitiert, gutes Geld verdient und wichtige Kontakte geschlossen. Doch nach einiger Zeit hatte er festgestellt, dass er und Heinen in vielen Dingen verschiedener Auffassung waren. Heinen hatte sich jeglichen Neuerungen verschlossen und schließlich sämtliche Entscheidungen von Hans sinnlos mit seinem Vetorecht blockiert, bis die Situation eskaliert war und Hans die Partnerschaft aufgekündigt hatte.

Daraufhin war er das Risiko eingegangen, sich selbstständig zu machen. An seinen Fähigkeiten hatte er nie gezweifelt, doch dachte er mit Grausen an den Druck zurück, der während der Anfangszeit auf ihm gelastet hatte. Mit seinem geringen Startkapital wäre jede Fehlentscheidung fatal gewesen. Nur mit Unbehagen erinnerte er sich daran, wie er einige Wochen die Küche seiner Mutter belagert hatte, um dort die ersten Bonbons zu kochen. Am heimischen Herd waren er und seine Mutter sich des Öfteren in die Quere gekommen, was zu allerhand Auseinandersetzungen geführt hatte. Hätte ihm Gertrud nicht geholfen, Waren zu verpacken und auszufahren und die Küche seiner Mutter zu reinigen, dann hätte es noch öfter keinen Sonntagsbraten für seine Familie gegeben – und seine Mutter hätte ihn irgendwann tatsächlich aus der Küche geworfen.

Hans schüttelte nachdenklich den Kopf. Er hatte damals eine halbe Ewigkeit gebraucht, um zu erkennen, dass Gertrud die Liebe seines Lebens war. Die treue Freundin, die immer an seiner Seite gestanden und die er als Frau so lange nicht wahrgenommen hatte, bis es fast zu spät gewesen war. Gott sei Dank hatte er damals sowohl bei Gertrud als auch mit HARIBO die Kurve gekriegt, dachte er schmunzelnd.

Die Skepsis seiner Eltern bezüglich seiner Selbständigkeit hatte sich erst viele Jahre später gelegt. Hans konnte sich an einen Moment erinnern, als sein Vater nach der Erweiterung der Fabrik in Kessenich durch die Produktionshalle ging. Als er die zahlreichen Menschen gesehen hatte, die mittlerweile für HARIBO arbeiteten, hatte er seinem Sohn anerkennend auf die Schulter geklopft. Lob vom Vater war selten, deshalb war Hans dieser Augenblick so wichtig gewesen. Die Wogen zwischen ihm und seinem Vater waren seitdem geglättet.

Positiv dazu beigetragen hatte auch, dass sein Bruder Martin, der jüngste der fünf Kinder, seine Berufung darin fand, den elterlichen Hof zu übernehmen. Genau wie er selbst hatten auch seine beiden anderen Brüder andere Wege eingeschlagen: Peter hatte im Großen Krieg ein Bein verloren und nach seiner Verletzung notgedrungen eine Lehre zum Schuster gemacht. Für ihn wäre es unmöglich gewesen, die schwere Arbeit auf dem Hof zu erledigen. Paul war nach Gertrud Hans’ erster Angestellter gewesen und arbeitete seitdem leidenschaftlich gerne bei HARIBO mit.

Hans war sich bewusst, dass nicht nur unternehmerisches Denken, Fleiß und Ehrgeiz dazugehörten, um eine Fabrik wie HARIBO mit derzeit vierhundert Mitarbeitern aufzubauen, sondern auch ein wenig Glück, dachte er. Beispielsweise im rechten Moment den richtigen Weg einzuschlagen. Als ein Krieg immer wahrscheinlicher geworden war, hatte er beschlossen, als pharmazeutische Fabrik zu firmieren, und eine Heilmittelsparte eingeführt. Aufgrund der Reduzierung von Rohstoffen stellten sie seit Kriegsbeginn zwar weniger Zuckerwaren her, dafür produzierte HARIBO dank der Kriegswichtigkeit seiner Heilmittel derzeit beinahe uneingeschränkt weiter. Viele seiner Konkurrenten, die ausschließlich Süßwaren herstellten, hatten mit Rohstoffengpässen zu kämpfen.

Ein weiterer Baustein seines Erfolgs war seine Familie – vor allem Gertrud und sein jüngerer Bruder Paul. Ihnen vertraute er vollständig, und bei schwierigen Entscheidungen waren sie wertvolle Ratgeber.

Diese waren gerade in der jetzigen Zeit Gold wert. Seit Oberbürgermeister Ludwig Rickert von der NSDAP ihn letztes Jahr im März persönlich zum »Tag der Wehrmacht« eingeladen hatte, war Hans klar geworden, dass Hitler sein Volk immer intensiver auf einen Krieg einstimmte. Bei der Veranstaltung »Tanz und Erbsensuppe« konnten die Bürger die Kasernen besichtigen. Bei einem Schaugefecht, in dem verschiedene Waffengattungen zum Einsatz kamen, erhielten die Besucher Einblick ins Soldatenleben. Hans war nur widerstrebend hingegangen, doch sein Ältester hatte ihm keine Ruhe gelassen, bis er Rickert zugesagt und Hänschen mitgenommen hatte.

Schon frühzeitig, nämlich schon seit Anfang November 1936, waren – wie gesetzlich vorgeschrieben – im Raum Bonn immer wieder Luftschutzübungen und später auch Verdunklungsübungen durchgeführt worden, um die Bevölkerung auf einen Luftkrieg vorzubereiten. Doch war es zu Kriegsbeginn im letzten September relativ ruhig geblieben. Seitdem allerdings die Nachschubwege für die Westfront durch Bonn führten, war das Gebiet in den Fokus der britischen Bomber gerückt. Vor einigen Wochen war Karl, einer seiner Jagdkameraden, von einem herabfallenden Granatsplitter der eigenen Luftabwehr auf der Straße tödlich verletzt worden. Daraufhin hatte Hans seine Familie und seine Mitarbeiter nochmals darauf hingewiesen, dass sie bei Alarm oder wenn die Flak schoss, unbedingt die Schutzräume aufsuchen und nicht draußen herumlaufen sollten.

Hans’ Gedanken kehrten in die Gegenwart zurück, und er blätterte zur nächsten Seite des Bonner Generalanzeigers, der ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch lag.

Entsetzt starrte er auf die abgebildeten Fotos der nächsten Seite. Sie zeigten die Schäden, die durch drei Angriffe britischer Bomber in Bonn in der vergangenen Nacht entstanden waren. Aufmerksam las er den dazugehörigen Artikel. Neun Menschen hatten bei dem britischen Angriff, der der Bahnlinie zwischen Haupt- und Güterbahnhof gegolten hatte, ihr Leben in den Holzbaracken am Dransdorfer Weg verloren. Bei zwei späteren Angriffen waren Gebäude des »Musikerviertels«, das in der Nähe der Gleise lag, zerstört worden. Ein weiterer Angriff hatte dem Ellerbahnhof gegolten. Bisher waren seine Familie und alle Angestellten von HARIBO zum Glück verschont geblieben, aber Hans machte sich ernsthaft Sorgen, wie lange das wohl noch so bliebe.

Fünfzehn seiner Mitarbeiter waren seit Kriegsbeginn zur Wehrmacht eingezogen worden und standen nun den Franzosen im Kampf gegenüber. Allerdings ging der Feldzug gut voran, nicht wie damals im Großen Krieg, als sie sich – gefühlt jahrelang – in den Schützengräben eingegraben und die Schlachten um ein paar verdammte Meter morastiges Land Tausende Tote gefordert hatten. Er selbst war in einem solchen Graben verschüttet worden. Damals hatte er die Angst zu sterben verloren. In dieser aussichtslosen Situation hatten seine Gedanken seinen Eltern gegolten, wie sie mit dem Verlust ihres Sohnes zurechtkommen würden. Er war damals noch ungebunden gewesen und hatte sich nicht, wie viele seiner Kameraden, um eine zurückbleibende Ehefrau und Kinder sorgen müssen. Inzwischen plagten ihn die Albträume, in denen er wieder diese Enge und Hoffnungslosigkeit spürte, nur noch selten.

Zumindest einen Teil dieser Nöte wollte er seinen Mitarbeitern an der Front ersparen. Hans hatte jedem von ihnen persönlich geschrieben, dass sie in der Heimat unermesslich stolz auf sie seien. Außerdem hatte er ihnen mitgeteilt, dass er alle HARIBO-Belegschaftsmitglieder, die im Felde standen, ab sofort mit einer Summe von dreitausend Reichsmark für die Dauer des Krieges versichert hatte. Sollte einem Mitarbeiter etwas zustoßen, würde der nächste Angehörige diesen Betrag ausbezahlt bekommen. Hans hoffte, dem einen oder anderen damit eine Last abgenommen zu haben, auch wenn er natürlich wusste, dass Geld niemals einen geliebten Menschen ersetzen konnte.

»Hans«, hörte er Gertruds Stimme.

»Ich bin auf der Terrasse.« Aus dem Haus drang das Geschrei der Kinder. Anita stritt sich wieder einmal lauthals mit Paulchen.

»Wir sind zurück.«

»Habt ihr alles bekommen?«

»Ja, so weit schon.« Gertrud drehte sich um und wies Hänschen mit fester Stimme an: »Hilfst du Tante Aga, das Auto auszuladen?«

»Hätten die Damen vielleicht den Lieferwagen gebraucht?«, scherzte Hans.

Natürlich wusste er, dass seine Frau nicht zur Verschwendung neigte. Es war noch nie vorgekommen, dass sie nicht mit dem Haushaltsgeld auskam. Für ihn wäre es kein Problem gewesen, wenn sie hin und wieder mehr gebraucht hätte. Doch Gertrud führte über die privaten Ausgaben genauso Buch, wie sie es mit den geschäftlichen tat.

Erschöpft setzte sich seine Gattin zu ihm. »So schlimm war es nicht. Die Sachen für die Kinder hatten wir schnell besorgt. Für die letzten Punkte auf der Reichskleiderkarte habe ich auch noch jedem ein paar neue Halbschuhe gekauft, die ihnen noch eine Nummer zu groß sind.«

»Ich habe die klügste Frau der Welt. Außerdem, sollte die Inflation wieder zuschlagen, ist so ein Vorrat das Beste, was man haben kann«, sagte Hans anerkennend.

»Aga und ich sind auch noch bei den Rosners vorbeigefahren. Alwin Rosner wollte mir noch das kaputte Rohr zeigen. Aber er will es selbst reparieren. Ich habe ihm zugesagt, für die Kosten aufzukommen.«

Die Rosners waren beide bei ihnen beschäftigt, sie als Typistin und er als Buchhalter. Als die Riegels nach Pech gezogen waren, hatten sie ihnen ihre vorherige Wohnung in der Bergstraße vermietet. Und wann immer in der Bergstraße ein Haus leer stand, versuchte Hans, es zu kaufen, um es dann an weitere seiner Fabrikarbeiter zu vermieten. Das bot zum einen den Vorteil, dass diese keinen weiten Weg zur Arbeit hatten, und zum anderen war es ihm wichtig, in diesen unsicheren Zeiten ein zweites Standbein zu haben. Um die Vermietungsangelegenheiten kümmerte sich Gertrud.

»Gut. Handwerker sind gerade schwer zu bekommen, und der Rosner ist ein geschickter Mann.« Hans zog seine goldene Taschenuhr aus der grauen Anzugweste. »Oh, schon so spät. Ich muss noch das Gewehr reinigen. Ich bin morgen bei Rickert zur Treibjagd eingeladen.« Er sah, wie Gertruds Lippen schmal wurden, doch sie sagte nichts.

Er stand auf und ging zu seinem Waffenschrank. Seine Leidenschaft für die Jagd war immer wieder Streitthema zwischen ihnen. Gertrud war der Meinung, dass er öfter am Sonntag zu Hause sein sollte, um gemeinsam mit der Familie etwas zu unternehmen. Doch für ihn war die Jagd eine Atempause – die einzige freie Zeit, die er sich gönnte und dabei nicht an seine Fabrik dachte. Er genoss die ungezwungenen, unkomplizierten Unterhaltungen unter Männern. Außerdem hatte er dadurch bisher vermieden, in die NSDAP einzutreten. Es war ihm lieber, hochrangige Leute aus der Partei im privaten Umfeld zu treffen. So konnte er manchen offiziellen Anlass absagen, ohne dass alle gleich merkten, dass er mit deren Ansichten auf Kriegsfuß stand. Was auch der Fall war – was er aber, um HARIBO nicht zu gefährden, nicht kundtun konnte.

Hans versuchte diese Gratwanderung, um sich mit den Nationalsozialisten gut zu stellen und seine Familie und ihr gemeinsames Lebenswerk HARIBO heil durch diese Zeiten zu bringen.

4. Kapitel

Kessenich, Oktober 1940

»Da sind die Butterbrote.« Pauls Mutter stand in der Küchentür und reichte ihnen die in Papier eingeschlagenen Stullen.

Die Brüder waren dabei, ihre Tornister für ein Feldlager der Hitlerjugend zu packen. Paul legte die zusammengerollte Decke über den mit Fell bezogenen Rucksack, und Hans zurrte das Kochgeschirr mit einem Riemchen fest. Sie trugen beide ihre kurzen Hosen und das braune Hemd, das schwarze Halstuch und die grünlich hellbraune Schiffchenmütze mit dem Emblem der HJ. An Hänschens’ Ärmel prangte seit einigen Monaten die grüne Armscheibe mit dem gelben Blitz, die ihn als Mitglied der Nachrichten-HJ auswies.

Paul packte die Stullen in seinen Brotbeutel und nickte. »Feldflaschen ebenfalls gefüllt«, sagte er dann militärisch knapp.

Hans musste grinsen. Seit seinem vierzehnten Geburtstag vor einem Monat war sein Bruder nun auch bei der Hitlerjugend und nahm sich daher furchtbar wichtig.

»Schau auf ihn, Hänschen«, bat ihn seine Mutter leise, als sie ihren Rucksack auf dem Gepäckträger befestigten.

»Hans«, verbesserte er sie missgelaunt. Seit zwei Jahren versuchte er, den Kosenamen seiner Kindheit abzulegen. Er fühlte sich zu erwachsen, um noch Hänschen gerufen zu werden.

Als alles gepackt war, fuhren sie mit ihren Fahrrädern zum Meßdorfer Feld, einem riesigen, teilweise hügeligen Gebiet zwischen Kessenich, Meßdorf und Endenich, das in Richtung Dransdorf steil abfiel.

Dort waren sechshundert Jungen zwischen vierzehn und achtzehn Jahren dabei, in akkuraten Reihen Zelte aufzustellen. Die Scharführer und Kameradschaftsführer überwachten, dass jeder seinen Beitrag leistete, während der Bannführer mit kritischem Blick die Zeltreihen abschritt.

Hans und Paul machten sich auf die Suche nach ihren Scharen, da sie aufgrund ihres Alters in verschieden Gruppen waren. Zusammen mit den anderen neun Jungen seiner Kameradschaft – alle wie er siebzehn Jahre alt – baute Hans das Zelt auf, in dem sie die nächsten Nächte verbringen würden. Da er der Kameradschaftsführer war, durfte er das Kommando geben.

Danach waren zwei Stunden Schießausbildung angesetzt. Die Jüngeren schossen mit aufgelegtem Luftgewehr liegend auf Scheiben, wohingegen Hans inzwischen mit dem Kleinkalibergewehr stehend freihändig schießen musste. Hier war höchste Konzentration gefragt, denn ihr Scharführer Michael Summer wurde bei jedem Treffer außerhalb des innersten Kreises ungemütlich.

Als Hans zum dritten Mal in Folge den inneren Ring verfehlte, spottete er: »Tomaten auf den Augen? Riegel, was ist denn heut los mit dir? Einem deutschen Jungen soll die Büchse so selbstverständlich in der Hand liegen wie der Federhalter.«

Hans war froh, als der Gong endlich zum Abendessen rief.

Nach dem Flaggeneinholen sammelten sie Holz. Hoch aufgetürmte Holzhaufen wurden errichtet, und die Jungen setzten sich um sie herum. Nachdem die Scharführer mit Fackeln die Feuer entzündet hatten, sangen sie gemeinsam Lieder wie »Vorwärts! Vorwärts! schmettern die hellen Fanfaren« oder »Bomben auf Engelland«. Die Gesichter der Jungen sahen im roten Schein des Feuers älter und wilder aus, als sie in Wirklichkeit waren. Selbst der bravste Pennäler wirkte wie ein harter Krieger. Es wurde über das morgige Geländespiel gerätselt, Geistergeschichten wurden erzählt und die Erfolge der Wehrmacht gewürdigt.

Diese Abende mochte Hans. Im Gegensatz zu dem sechswöchigen Kurs in einem Wehrertüchtigungslager, zu dem sie während der Sommerferien klassenweise verpflichtet worden waren, lag hier eine jugendliche Unschuld über allem. Der Ton war zwar mitunter rau, aber das war nichts, verglichen mit dem unerbittlichen Drill und der bissigen Herabwürdigung, mit denen körperlich schwache Jungen im WE-Lager erniedrigt worden waren. Am schlimmsten waren diejenigen dran gewesen, die sich nicht als »Kriegsfreiwillige« gemeldet hatten. Sie wurden schikaniert und mussten strafexerzieren, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. Er hatte das gehasst. Das Einzige, was ihm dort Freude bereitet hatte, war die technische Ausbildung für den Nachrichtenverbindungsdienst. Die Telekommunikationsschulungen hatten ihn interessiert, und die Arbeit mit dem drahtlosen Siemens-Hell-Schreiber war spannend gewesen.

Als um halb zehn der Zapfenstreich erklang, ging Hans mit seiner Kameradschaft ins Zelt. Es wurde gescherzt und gelacht, und er fühlte sich wieder an ein Ferienlager erinnert. Als allmählich Ruhe einkehrte und er in seinem Schlafsack den Geräuschen der Nacht lauschte – dem schrillen Schrei einer Wildgans, dem Zirpen der Grillen, dem Kichern eines Jungen im Nachbarzelt – wanderten seine Gedanken zu den Soldaten an der Front. In knapp einem Jahr würde auch er nicht mehr im sicheren Zeltlager liegen, sondern fern der Heimat für sein Vaterland kämpfen. Das erfüllte ihn mit Aufregung und Angst gleichermaßen. Er hörte die Uhr von Meßdorf Mitternacht und ein Uhr schlagen, bevor er endlich Schlaf fand.

Als um halb sieben der Weckruf durch das Zelt scholl, fühlte Hans sich wie gerädert. Doch es half nichts. Innerhalb von fünf Minuten mussten die Jungen zum Frühsport bereit sein. Die ersten hundert Meter lief er gemächlich, bis er die Stimme eines Scharführers hinter sich hörte: »Schneller, ihr Muttersöhnchen!«

Er zog das Tempo an. Mit jedem Schritt nahm die Müdigkeit ab, und er fand in seinen Laufschritt. Bis zum Appell eine Stunde später hatte die frische Luft die düsteren Gedanken aus seinem Kopf verjagt.

Nach dem Frühstück und der Flaggenparade war ein Geländespiel angesagt. Bevor es losging, hielt ihr Scharführer eine kurze Schulung ab über die Beurteilung des Geländes, über Kartenkunde, Orientierung, das Einschätzen von Entfernungen und die Kompassbenutzung. Als er am Schluss über die Kunst des Tarnens und Täuschens sprach, wurde er richtig leidenschaftlich, doch die vierzig Jungen von Hans’ Schar hörten nur mäßig interessiert zu. Ihnen fiel das Stillsitzen schwer, denn die Aufregung, die in der Luft lag, war fast mit Händen zu greifen.

Ihr Stamm wurde in zwei Gruppen eingeteilt, die gegeneinander kämpfen würden; die einen als Verteidiger, die anderen als Angreifer. Es wurden die Farben ausgelost. Hans und Paul zogen »Blau« und mussten sich gegen die »Roten« verteidigen. Rote und blaue Stoffbänder wurden verteilt, die zur Unterscheidung am obersten Knopfloch der Hose angeknotet wurden. Sieger des Geländespiels würde sein, wer am meisten Markierungsbänder – mit einem Messer abgeschnitten – erbeutet hatte.

Die Luft knisterte, als die Jungen ihre Gegner abschätzend musterten. Dann wurden sie von den Gefolgschaftsführern zu ihren Lagerplätzen an zwei gegenüberliegenden Punkten geführt, die über einen Kilometer voneinander entfernt lagen. Dort gab es eine Lagebesprechung. Den Jungen wurden Aufgaben zugewiesen: Aufbau des Gefechtsstands, Funker, Späher und Fußsoldaten.

Hans wurde als Späher eingeteilt und sah sich um. Da das Gelände wellig war, konnte er den Feind nicht sehen. Natürlich könnte er jetzt vorsichtig über die Hügel robben. Mit Handzeichen verständigte er sich mit Markus, einem anderen Späher. Er deutete auf eine knorrige Buche, die ihre Krone stolz in den Himmel hob. Von dort oben hätte er sicher einen großartigen Ausblick. Markus nickte. Hans sprang hoch, bekam den untersten Ast zu fassen und zog sich geschickt hoch. Er begann zu kraxeln. Schnell kam er voran.

Mit seinem Fernglas suchte er das Feld ab. Gab es bei dem Hügel da hinten eine verdächtige Bewegung? War der Feind schon so nahe? Er kletterte höher, um einen besseren Blick zu haben. Bald hatte er eine Höhe von mindestens acht Metern erreicht, doch hier wurden die Äste dünner. Markus bedeutete ihm von unten, nicht mehr höher zu steigen. Prüfend sah Hans auf die nächsten Äste. Ein Stück hinauf müsste er schon noch kommen.

Ein Knacksen, und der Ast unter ihm brach. Hans versuchte verzweifelt, sich zu halten, doch seine Hände rutschten ab. Immer wieder griff er ins Leere, während er dem Boden entgegenstürzte. Als er unten aufprallte, durchfuhr ein stechender Schmerz sein Bein. Er stieß einen Schrei aus, obwohl das das Letzte war, was ein Hitlerjunge bei einer Geländeübung tun sollte. Doch der Schmerz war zu heftig.

Markus stand über ihm, weiß wie eine Wand. Hans stützte sich auf die Unterarme und richtete sich mühselig so weit auf, dass er sein Bein sehen konnte. Entsetzt ließ er sich zurücksinken. Ein Knochensplitter hatte die Haut über dem Schienbein durchbohrt, und die Wunde blutete.

Das Bein bereitete ihm Höllenqualen, doch Hans schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, ja nicht zu weinen. Die Tränen, die ihm der Schmerz in die Augen trieb, blinzelte er weg.

Von irgendwoher kam sein Scharführer Summer angelaufen und gab ruhig Anweisungen.

»Lauf zum Sanitätszelt, hol Hilfe und sag, sie sollen die Trage mitbringen.«

»Rufen wir nicht den Krankenwagen?«, fragte Markus entsetzt.

»Das hier ist eine Übung des Ernstfalls. Zum Krankenhaus in Dransdorf sind es nur zwei Kilometer«, antwortete Summer ungerührt.

Von dem Transport bekam Hans glücklicherweise nur wenig mit. Getragen auf einer Krankentrage von den Jungen seiner Kameradschaft, jede winzige Unebenheit im Gelände ein grausamer Schmerz, war er nur damit beschäftigt, die Zähne zusammenzubeißen, um nicht zu schreien.

Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, als er über sich die weiße Decke eines Gebäudes sah. Er wurde einen langen Gang entlanggetragen. In einem Behandlungszimmer wurde er – nicht gerade sanft – von den Burschen auf eine Liege umgebettet. Dieses Mal half auch das Zähnezusammenbeißen nichts. Er stieß einen markerschütternden Schrei aus.

»Beim Kriegspielen verletzt?«, hörte er eine spöttische Frauenstimme.

Er konnte nicht einmal den Kopf heben, um zu schauen, wer sich über ihn und sein Leiden lustig machte. Sprechen war ihm unmöglich. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn.

»Wir sind dann weg«, sagte Markus verlegen. »Wir besuchen dich«, fügte er noch schnell hinzu, schien aber heilfroh, den Raum verlassen zu können. Hans hörte, wie sich die Schritte seiner Krankenträger entfernten.

Ein grauhaariger Mann im weißen Kittel und mit einer Brille mit halbmondförmigen Gläsern beugte sich über ihn.

»Andere Verletzungen außer dem Bein?«, fragte er Hans.

Hans schüttelte den Kopf. Der Arzt leuchtete ihm in die Augen und den Rachen, tastete seinen Bauch ab und überprüfte dann mit einem Hämmerchen die Reflexe am anderen Bein und an den Armen.

»Gehirnerschütterung. Offener Bruch am Schienbein, aber sonst scheint nichts gebrochen zu sein. Das Bein operieren wir heute noch. Schwester Margit, reinigen Sie die Wunde und bereiten sie den Patienten für die Operation vor.«

»Sofort, Herr Oberarzt.« Die gleiche Stimme wie zuvor, aber nun ernsthaft und ohne spöttischen Unterton.

»Versorgen Sie auch die Wunden an Gesicht, Händen und Oberkörper.«

»Jawohl, Herr Oberarzt.«

Hatte er noch weitere Wunden? Da sein Bein ihm solche Qualen bereitete, hatte er keine anderen Schmerzen verspürt.

Das Erste, was er wahrnahm, als sich die Schwester über ihn beugte, um seine Schläfe abzutupfen, waren große grüne Augen, eine Nase voller Sommersprossen und der Duft nach Wildblumen, gemischt mit Jod.

»Aua!«, entfuhr es ihm unwirsch.

»Diese Schürfwunden müssen desinfiziert werden«, gab sie ihm freundlich, aber mitleidlos Auskunft.

Schürfwunden?

Sie schob sein Hemd nach oben. Zart wie Schmetterlingsflügel huschten ihre Hände über seine Haut. Sie tupfte Salbe auf eine Stelle. »Das gibt einen ordentlichen blauen Fleck.«

Ein junger Arzt trat an seine Liege. »Ich setze Ihnen jetzt die Narkosemaske auf. Sie müssen tief einatmen. Ganz ruhig.«

Als die metallene Maske Mund und Nase bedeckte und Hans dem stechenden Ätherdämpfen nicht entkommen konnte, fühlte er Panik in sich aufsteigen.

»Ganz ruhig«, hörte er die Stimme der Schwester.

Sein flackernder Blick traf sich mit ihrem, worin er Beruhigung fand. Sie hat so viele Sommersprossen, dachte er, mindestens … Es fiel ihm schwer, den Gedanken festzuhalten, und er glitt in eine formlose Schwärze.

****

Als Hans wieder erwachte, saßen seine Mutter und Paulchen an seinem Bett.

Er fühlte sich, als hätte er den Kater des Jahrhunderts. In seinem Kopf pochte es, sein Mund war trocken, und ihm war übel. Wenigstens das Bein bereitete ihm keine Schmerzen mehr.

Mit einem Stöhnen schloss er die Augen wieder. Er spürte, wie ihm seine Mutter über das Haar strich und ihm eine Tasse an die Lippen hielt. Gierig trank er und schlief dann wieder ein.

Als er das nächste Mal die Augen öffnete, saß Paulchen auf einem Stuhl vor dem Fenster, in Old Surehand von Karl May vertieft.

»Wasser«, krächzte Hans heiser.

Eilig sprang Paul auf, goss vom Krug auf dem Nachttisch ein Glas ein und führte es an Hans’ Mund.

Diesmal fühlte er sich besser und konnte die Augen offen halten.

»Mein Bein?«

»Der Doktor hat gesagt, das heilt wieder.«

Zum ersten Mal betrachtete Hans seinen Bruder genauer und bemerkte überrascht, dass dessen Auge blau zugeschwollen war. »Wie siehst du denn aus?«

»Das war einer von den ›Roten‹ beim Geländespiel. Aber mein Markierungsband hat er nicht bekommen.« Er grinste stolz. »Wir haben übrigens gewonnen.«

»Überraschend, wenn man sich vorstellt, dass die besten Krieger bei euch aus den Bäumen fallen«, hörte er die ihm schon bekannte spöttische Stimme von der Tür her.

Die Krankenschwester mit den grünen Augen beugte sich über ihn und schob ihm ein Fieberthermometer in den Mund. »Die Operation ist gut verlaufen.«

Sie trug mit einem Spachtel eine Tinktur auf die Verletzung an seiner Schläfe auf und fühlte dann seinen Puls. Er genoss die Berührung ihrer Finger an seinem Handgelenk. Viel zu schnell stand sie auf, nahm das Thermometer wieder an sich und vermerkte etwas in seiner Patientenakte, die am Fußende des Bettes befestigt war. Sie nickte ihm zu und verließ den Raum.

Er döste wieder ein. Als er das nächste Mal erwachte, saß sein Vater an seinem Bett.

»Tut es sehr weh?«

»Mein Kopf am meisten.«

»Du hattest mehr Glück als Verstand.«

War sein Vater zornig auf ihn? In dem inzwischen dämmrigen Zimmer konnte er seine Gesichtszüge nicht genau ausmachen.

»Dir hätte weiß Gott was passieren können. Du erkennst die Gefahr nicht. Das war schon früher so, als du immer der Schnellste mit dem Fahrrad oder der Seifenkiste sein musstest.«

Diese Rede hatte Hans schon öfter gehört. Aber dann überraschte ihn sein Vater. Er strich ihm liebevoll übers Haar. Für Zärtlichkeit war sonst immer die Mutter zuständig, vom Vater gab es im besten Fall ein Schulterklopfen.

»Ich bin froh, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist«, sagte er dann rau und drückte Hans’ Hand fest.

»Autsch«, entfuhr es ihm. Auch an den Händen hatte er Schürfwunden.

Sein Vater räusperte sich. »Ich habe mit dem Doktor geredet. Dr. Späth hat deine Knochen mit Draht und Schrauben stabilisiert. Die werden später einmal entfernt. Bis die Wunde verheilt ist, musst du hierbleiben. Danach gibt es noch einen Gips, und du bist bald wieder wie neu.«

Hans stützte sich auf die Oberarme und stöhnte auf. Sein Kopf pochte, sein Oberkörper fühlte sich zerschunden an, als wäre eine Dampfwalze darübergefahren. Nun konnte er sehen, dass sein Bein in einem Eisengestell fixiert war.

Er ließ sich wieder ins Bett sinken.

Noch einmal strich ihm der Vater behutsam über die Wange.

»Schlaf, so viel du kannst. Ich komme morgen wieder.« Dann fügte er noch fast barsch an: »Hab dich lieb.«

So etwas sagte sein Vater normalerweise nie. Stand es schlechter um ihn, als sie ihm verrieten?, fragte sich Hans bang. Doch bevor er sich darüber Sorgen machen konnte, war er schon wieder eingeschlafen.

****

»Morgenstund’ hat Gold im Mund«, hörte er eine penetrant gut gelaunte Stimme, die ihn aus einem tiefen Schlaf riss.

Er blinzelte. Schwester Margit stand mit einer Waschschüssel an seinem Bett.

»Sie haben kein Fieber mehr, die Wunde am Bein verheilt ordentlich. Höchste Zeit für Sauberkeit.«

Sie wusch ihn mit einem Schwamm. Obwohl sie immer wieder verletzte Stellen berührte, was ihm wehtat, fand er es einerseits vor allem peinlich, andererseits – und das fand er noch peinlicher – erregend. Gott sei Dank war durch das harte Training beim Wehrertüchtigungslager und der HJ sein früherer Bauch verschwunden. Er spannte die Muskeln an, wo sie ihn wusch, und hoffte, sie würde seinen harten Oberkörper zu schätzen wissen.

Hör auf, schalt er sich innerlich. Die macht das jeden Tag.

Sie stand auf und holte frisches Wasser und Rasierzeug. Sie seifte ihn ein und beugte sich mit dem Messer über ihn. Wieder fielen ihm die Sommersprossen auf ihrer Stupsnase auf. Er grinste.

»Was gibt es denn da zu grinsen? Wenn Sie nicht vorsichtiger sind, schneide ich Sie. Und Ihr Gesicht kann keine weiteren Verletzungen mehr vertragen.«

»Bevor ich in die Narkose gefallen bin, habe ich versucht, Ihre Sommersprossen zu zählen. Das ist mir gerade wieder eingefallen.« Sie schüttelte den Kopf, schien aber amüsiert. »Wissen Sie, wie viele Sommersprossen Sie auf der Nase haben?«, fragte er frech.

»Nein. Für so einen Unsinn habe ich keine Zeit.«

Darauf fiel ihm nichts mehr ein. Schweigend wartete er ab, bis die Rasur fertig war.

»Sind Sie gerne Krankenschwester?«, fragte er, als sie sich umdrehen wollte.

»Ich wollte nie etwas anderes werden. Ich habe deswegen sogar ein einjähriges hauswirtschaftliches Praktikum absolviert. Das ist die Voraussetzung, um an einer Schwesternschule angenommen zu werden.« Sie grinste. »Und es gibt nichts, was ich mehr hasse als Hauswirtschaft.«

»So geht es mir mit Latein. Aber da beiße ich mich auch durch, weil ich unbedingt das Abitur machen möchte.«

Sie schüttelte wieder den Kopf, aber ein Lächeln umspielte ihre Lippen. »Fast das Gleiche.«

Er war enttäuscht, dass sie danach ohne ein weiteres Wort sein Zimmer verließ. Das Frühstück brachte eine andere Schwester. Bei der Visite war sie wieder dabei und machte Notizen in der Akte, war danach aber gleich wieder verschwunden.

Hans war froh, dass ihn am Nachmittag Anita, Paul und seine Mutter besuchten. So vergingen die Stunden schneller. Doch seine Gedanken wanderten immer wieder zu der Krankenschwester, die ihn nicht ernst nahm. Das war er nicht gewohnt. Mädchen machten es ihm normalerweise leicht.

Am nächsten Tag wurde er zum Glück von der grünäugigen Schwester geweckt.

»Wie heißen Sie eigentlich?«

»Schwester Margit.« Er hörte, wie sie das Wort »Schwester« betonte. Wahrscheinlich, um ihm klarzumachen, dass er nur ein Patient und sie seine Pflegerin war.

»Darf ich Sie Margit nennen?«, versuchte er es trotzdem.

»Nein.«

Davon ließ er sich nicht aufhalten. Jedes Mal wenn er sie sah, stellte er ihr Fragen. Sie antwortete immer freundlich, lachte manchmal über seine Scherze, verbrachte aber keine Sekunde länger als nötig in seinem Zimmer.

So erfuhr er, dass sie die einzige Tochter einer Bankiersfamilie war und ihre Eltern von ihrem Berufswunsch nicht begeistert gewesen waren. Es hatte sie viel Geduld gekostet, deren Einverständnis für die Ausbildung zu bekommen.

Seine Wunden verheilten weiterhin gut, die blauen Flecken wurden erst grün, dann gelb und verblassten schließlich. Die Verletzung an der Schläfe war abgeheilt, auch wenn er eine Narbe zurückbehalten würde. Für den nächsten Tag hatte der Doktor ihm die Entlassung in Aussicht gestellt. Obwohl er seinen ganzen Charme aufgeboten hatte, war er bei Margit nicht einen Schritt weitergekommen. Da nun die Zeit drängte, nahm er seinen ganzen Mut zusammen, als sie ihn rasierte.

»Darf ich Sie als Dankeschön für die gute Pflege zu einem Essen einladen?«

»Das ist mein Beruf. Kein Dank nötig.«

Er schluckte. »Dann nicht aus Dank. Sondern weil Sie mir damit eine große Freude bereiten würden.«

»Erstens sind Beziehungen zu Patienten strengstens verboten, zweitens sind Sie mir zu jung.«

»Ab morgen bin ich kein Patient mehr. Und was meinen Sie mit ›zu jung‹?«

»Sie sind ein Jahr jünger als ich.«

Er war überrascht. »Woher wollen Sie das wissen?«

»Sie wurden mit den kurzen Hosen der HJ eingeliefert. Also sind Sie noch keine achtzehn. Um Krankenschwester zu werden, muss man aber achtzehn sein. Ich habe im April an meinem Geburtstag hier angefangen.« Sie grinste. »Außerdem steht Ihr Geburtsdatum in der Krankenakte.«

»Immerhin habe ich Sie genug interessiert, dass Sie nachgeschaut haben.«

Sie wurde rot.

»Mir ist es egal, dass Sie älter sind. Nächsten März werde ich auch achtzehn.«

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Und wenn es mir nicht egal ist?«

Er sah sie an und versuchte, alle Ernsthaftigkeit, die er empfand, in seinen Blick zu legen. Er wollte unbedingt mit diesem Mädchen ausgehen. »Ich hoffe von ganzem Herzen, dass es Ihnen eben doch egal ist. Darf ich Sie zum Essen einladen?«

Sie zögerte einen Moment. »Ja, das dürfen Sie.« Sie strich ihre Uniform glatt und nahm die Waschschüssel. »Aber erst, wenn Sie ohne Krücken laufen können.«

»Wenn Sie meinen, ich vergesse Ihr Versprechen die nächsten Wochen, dann täuschen Sie sich.«

Sie lächelte ihn an, und ihre grünen Augen funkelten. »Wir werden sehen.« Sie verließ den Raum und schloss die Tür leise hinter sich.

Hans starrte mit einem seligen Lächeln an die Decke. Sobald er ohne Krücken gehen konnte, würde er mit dem bezauberndsten Mädchen der Welt ausgehen.

5. Kapitel

Kessenich, März 1941

Hans junior schaute auf die Kladde vor sich, während die Worte des uralten Lateinlehrers – alle jungen Lehrer waren eingezogen worden – ihn wie sanfte Hintergrundmusik berieselten. Seit das katholische Aloisiuskolleg der Jesuiten in Bad Godesberg als eines der letzten kirchlichen Bildungseinrichtungen 1939 geschlossen worden war, besuchte er das städtische Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium. Wöchentlich wurden die Schüler in der Abschlussklasse weniger. Denn jeder aus der Oberprima, der achtzehn war und sich freiwillig zum Militärdienst meldete, durfte die Schule verlassen und bekam ein Abschlusszeugnis mit dem Reifevermerk.

Er selbst würde nächste Woche achtzehn werden. Da die Abiturprüfung ohnehin nur knapp zwei Monate nach seinem Geburtstag stattfand, wollte er erst danach einrücken. Seinem Vater war das wichtig gewesen. Er hoffte, dass Hans nach dem Krieg studieren würde.

Normalerweise hätte er Angst vor dem Examen gehabt – besonders wegen seiner Lücken in Latein –, doch eine neue Verordnung hatte das Kriegsabitur weiter vereinfacht. Die schriftlichen Prüfungen waren durch die Ergebnisse der letzten Klassenarbeiten in den vier Abiturfächern ersetzt worden. So gab es nur noch das Kolloquium und die Leibesübungen. Das machte Hans keine Sorgen. Reden konnte er, und körperlich fit war er dank der Ferienarbeit im Lager von HARIBO und des Drills bei der HJ auch.

Gemustert und für tauglich erklärt war er bereits. Er sollte am Tag nach den letzten Prüfungen zur Ausbildung für die Wehrmacht nach Brügge in Belgien aufbrechen. Ihm graute davor, die Heimat zu verlassen. Nicht dass er sich vor dem Kampf drücken wollte. Aber einerseits stand er mit der Politik der Nationalsozialisten seit seiner Zeit im Wehrertüchtigungslager auf Kriegsfuß, andererseits lief es in seinem Leben ausgerechnet jetzt zum ersten Mal richtig rund.

Während seiner Kindheit hatte er ständig das Gefühl gehabt, sich beweisen zu müssen. Zu zeigen, dass er mehr war als »der Sohn vom HARIBO-Riegel«. Deswegen waren seine Streiche wilder und wilder geworden, was zu Streit mit dem Vater und Tränen seitens der Mutter geführt hatte. Jetzt aber fühlte er sich wie befreit. Das lag an Margit. Er sah die hübsche Krankenschwester, wann immer es ihr Dienstplan erlaubte. Er hatte es immer leicht bei den Frauen gehabt. Zum einen sah er ganz ordentlich aus, groß mit vollem dunklen Haar. Zum anderen aber, was wichtiger war: Er war der Sohn einer sehr wohlhabenden und erfolgreichen Unternehmerfamilie. Mütter schoben ihre Töchter in seine Richtung, Mädchen lachten noch über den dümmsten seiner Witze und hofften auf Einladungen in teure Restaurants.

Doch Margit war anders. Obwohl selbst aus einem gut situierten Elternhaus kommend, hatte sie unbedingt Krankenschwester werden wollen. Körperliche Arbeit, Blut, Eiter oder andere Körperflüssigkeiten konnten sie genauso wenig abschrecken wie lange Arbeitszeiten. Ein perfektes Rendezvous war für sie eine Radtour mit belegten Broten. Wenn sie zu zweit waren, küsste sie ihn mit einer Hingabe, die ihn um den Verstand brachte. Doch anders als die anderen Mädchen – die sich zierten und nach jedem Kuss plump andeuteten, dass sie so etwas normalerweise nicht nicht machten und er die Ausnahme sei, um dann hinterherzuschicken, dass sie von einem Ring am Finger träumten, um die nächste Frau Riegel zu werden – schien sich Margit überhaupt nicht für eine Ehe zu interessieren. Sie wollte den Augenblick genießen, da in diesen Kriegszeiten die Zukunft ungewiss war. Noch nie hatte Hans einen Menschen kennengelernt, der sich so am ersten Schnee, einer Wiese voller Krokusse oder dem Flug eines Falken erfreuen konnte. Margit gab ihm das Gefühl, dass er genug für sie und die Fabrik ihr egal war. Er lächelte glücklich.

Sein Banknachbar stieß ihn in die Seite und riss ihn aus seinen Tagträumen.

Professor Lindig stand vor ihm, das faltige Gesicht rot angelaufen, die spärlichen grauen Haare wirr.

Anscheinend wartete er schon länger auf eine Antwort. Hilflos sah Hans zu Fabian, seinem treuen Sitznachbarn.

»Ovid, im Hexameter«, flüsterte dieser.

»Ovid, im Hexameter«, wiederholte Hans laut. Überraschung, gemischt mit etwas Enttäuschung, breitete sich in Lindigs Gesicht aus.

»Wissen Sie, aus welchem Werk von ihm die Zeilen Forma bonum fragile est, quantumque accedit ad annos, fit minor stammen?«

»Ars amatoria«, antwortete Hans wie aus der Pistole geschossen. Das war das einzige Werk von Ovid, das er kannte.

»Gut, Riegel«, brummte der Lehrer und wandte sich jemand anderem zu.

»Danke«, flüsterte Hans erleichtert Fabian zu.

Die restliche Stunde versuchte er, sich auf den Schulstoff zu konzentrieren, auch wenn es ihm wie immer schwerfiel, nicht an Margit zu denken.

6. Kapitel

Kessenich, Mai 1941

Gertrud saß in der dritten Reihe der Aula und sah zu, wie ihr Ältester das Abiturzeugnis überreicht bekam. Ein bittersüßer Moment. Es war das erste Mal, dass in ihrer Familie jemand Abitur machte. Sowohl ihr Mann als auch sie selbst hatten nur die Volksschule abgeschlossen. Hans neben ihr drückte ihre Hand. Sie warf ihm einen schnellen Seitenblick zu. Er saß aufrecht, mit unbewegtem Gesichtsausdruck, doch seine Augen schimmerten feucht. Für ihn war es eine Genugtuung, seinen Sohn auf dieser Bühne zu sehen. Sein Traum war es, dass Hans junior einmal studieren würde. Das war etwas, das für ihn immer unerreichbar gewesen war. Nie wäre jemandem in den Sinn gekommen, den Bauernbuben aus Friesdorf auf eine weiterführende Schule zu schicken. Er hatte in jungen Jahren oft darunter gelitten, dass andere aufgrund seiner Herkunft oder seiner mangelnden Bildung auf ihn herabschauten.

Gertrud musste ebenfalls mit den Tränen kämpfen. Nicht nur vor Rührung, sondern auch vor Schmerz. Denn der heutige Tag