Haribo - So schmeckt das Glück - Katharina von der Lane - E-Book

Haribo - So schmeckt das Glück E-Book

Katharina von der Lane

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Beschreibung

Von einem Sack Zucker zum Weltkonzern: die außergewöhnliche Geschichte einer der erfolgreichsten Unternehmerfamilien Deutschlands.

Bonn 1920: Der gelernte Bonbonkocher Hans Riegel liebt die bunte Welt der Süßwaren und träumt davon, eines Tages sein eigenes Unternehmen zu führen. Die junge Gertrud Vianden glaubt an seinen Traum und unterstützt ihn von Anfang an. Nach der Hochzeit beginnen Hans und Gertrud, in der heimischen Küche zu experimentieren und erste Süßigkeiten herzustellen, die Gertrud mit dem Fahrrad ausliefert. Das Geschäft ist hart, die Konkurrenz groß, und das junge Paar wird von vielen belächelt. Wie wollen Hans und Gertrud mit ein paar Bonbons eine Familie ernähren? Doch trotz aller Widrigkeiten sind die beiden überzeugt, dass aus kleinen Anfängen Großes entstehen kann …

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Seitenzahl: 563

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

Bonn 1920: Hans Riegel wusste schon immer, dass er nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten und den elterlichen Hof übernehmen will. Stattdessen macht er eine Ausbildung zum Bonbonkocher und träumt davon, eines Tages seine eigenen Süßwaren herzustellen. Während Hans von vielen belächelt wird, ist Gertrud Vianden beeindruckt von diesem jungen Mann und seiner großen Vision. Sie unterstützt ihn bei der Produktion und Auslieferung der ersten eigenen Bonbons, und schon bald kommen die beiden sich näher. Nach der Hochzeit bauen Hans und Gertrud gemeinsam die Firma Haribo auf. Noch können sie nicht ahnen, dass damit der Grundstein einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte gelegt ist und ihre süßen Produkte noch hundert Jahre später überall auf der Welt ein Lächeln ins Gesicht der Menschen zaubern werden …

Autorin

Hinter dem Pseudonym Katharina von der Lane verbergen sich die beiden Autorinnen Christiane Omasreiter und Kathrin Scheck. Beide wurden 1974 in Garmisch-Partenkirchen geboren, haben Betriebswirtschaft studiert und gemeinsam bereits eine Krimiserie geschrieben. Christiane Omasreiter lebt heute mit ihrer Familie in Südtirol, Kathrin Scheck in Garmisch-Partenkirchen.

KATHARINA VON DER LANE

Haribo

SO SCHMECKT DAS GLÜCK

Roman

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe Oktober 2024

Copyright © 2024 by Katharina von der Lane

Copyright © dieser Ausgabe 2024 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Montasser Medienagentur, München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur GmbH

Umschlagmotive: arcangel/Joanna Czogala; Vintage Germany; © FinePic®, München

Redaktion: Eva Wagner

LS · Herstellung: ik

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-30805-6V001

www.goldmann-verlag.de

Dies ist ein historischer Roman. Er basiert auf der Unternehmensgeschichte von Haribo. Zahlreiche tatsächliche Abläufe und handelnde Personen sind jedoch so verändert und ergänzt, dass Fakten und Fiktion eine untrennbare künstlerische Einheit bilden. Eine Zusammenarbeit mit Haribo gab es nicht, insbesondere besteht keine wie auch immer geartete Lizenzbeziehung. Die Verwendung des Firmennamens erfolgt also ausschließlich aus beschreibenden und nicht aus markenmäßig-kennzeichnenden Gründen.

Für unsere Eltern, die uns Wurzeln und Flügel mitgegeben haben.

Prolog

Dottendorf, Oktober 1920

»Herrlich!«, schwärmte die junge Frau, als sie die Lichtung erreicht hatten und wärmende Sonnenstrahlen den moosgrünen Waldboden küssten. Sie drehte sich mit ausgebreiteten Armen um die eigene Achse und richtete den Blick in den tiefblauen, wolkenlosen Herbsthimmel. Immer schneller und wilder, bis sie fast das Gleichgewicht verlor. Hans sprang zu ihr und hielt sie für einen Moment fest, bis sie sich wieder gefangen hatte.

Sie lachte übermütig. »Die Tage im Herbst, wenn der Sommer noch mal kurz zurückkehrt, bevor der lange, kalte Winter kommt, sind die schönsten.«

Hans hätte sie am liebsten nicht mehr losgelassen, so gerne hielt er sie im Arm. Er konnte sich nicht an ihr sattsehen. Das Mädchen strahlte eine solche Fröhlichkeit aus, dass es einem leicht ums Herz wurde. Am Anfang war er unsicher gewesen, ob sie die Richtige war, aber mittlerweile war er davon überzeugt. Eine Frau zum Pferdestehlen. Fleißig und verlässlich. Mit ihr an seiner Seite wäre das Leben leichter.

Seit er das erkannt hatte, warb er intensiv um sie, doch bis jetzt hatte sie nur zögerlich auf seine Avancen reagiert. Sie machte es ihm nicht leicht, was ihm jedoch gefiel und seinen Jagdinstinkt weckte. Vorigen Sonntag, nach einer ausgiebigen Radtour mit Picknick, hatte er sich mit einem Kuss von ihr verabschieden wollen. Im letzten Moment jedoch hatte sie den Kopf zur Seite gedreht, sodass seine Lippen nur zart ihre Wange gestreift hatten.

Abgeneigt war sie nicht, sie mochte ihn – das spürte er. Zwischen ihnen war mehr als Freundschaft. Aber was konnte er als selbstständiger Bonbonkocher schon vorweisen? Sein Leben bestand aus harter Arbeit, und finanziell sah es auch nicht rosig aus. Er konnte ihr nur seine Liebe bieten.

Heute wollte er alles auf eine Karte setzen. Er hatte sie zu einem Spaziergang eingeladen, und in seiner Hosentasche warteten ein Ring und ein paar dunkelrote Bonbons. Es hatte Tage gedauert, bis ihm deren Herzform perfekt gelungen war. Sie sollten perfekt sein, wenn er seiner Angebeteten einen Antrag machte. Sie war von seiner Arbeit angetan und schätzte seine Süßigkeiten.

Doch jetzt, als er hier neben ihr ging, zögerte er: Was, wenn sie ablehnte? Sie mochte ihn, aber liebte sie ihn auch?

Schweigend schlenderten sie nebeneinanderher und hingen beide ihren Gedanken nach. Nur das trockene Laub, das den Waldboden bedeckte, raschelte unüberhörbar. Anders als bei anderen jungen Frauen empfand Hans das Schweigen mit ihr nicht als unangenehm. Die Stille musste nicht auf Teufel komm raus mit Worten gefüllt werden.

Als er ein Stück weiter vorn einen Jägerhochsitz sah, wusste er: Das war der richtige Platz, um ihr seine Liebe zu gestehen und ihr zu sagen, dass er sich seine Zukunft mit ihr zusammen vorstellte. Auf einmal hatte er keinen Zweifel mehr daran, was zu tun war. Er nahm sie an der Hand und lief mit ihr dorthin.

»Komm mit, lass uns da hinaufsteigen!«, schlug er vor.

»Meinst du, die Leiter trägt unser Gewicht noch?«, fragte sie skeptisch. »Die wirkt ziemlich morsch.«

»Ich geh voran. Wenn sie mich aushält, dann dich erst recht.«

Hans kletterte die alte Holzleiter hinauf und reichte ihr galant die Hand, um ihr das letzte Stück auf die überdachte Holzplattform zu helfen, die normalerweise einem Jäger Platz bot. Gemeinsam blickten sie hinunter auf die Wiese, auf der Unmengen von rosafarbenen Herbstzeitlosen blühten.

Sie standen dicht nebeneinander. Hans konnte die Wärme ihres Körpers spüren, und sein Herz begann wild zu pochen. Jetzt oder nie, dachte er entschlossen und zog eine Papiertüte aus der Jackentasche. Zärtlich ergriff er ihre Hand und legte ihr die roten Herzbonbons hinein. Neugierig nahm sie eines und steckte es sich in den Mund.

»Hm, die schmecken nach Kirsche! Und die Herzform ist dir wirklich gelungen.«

»Die habe ich extra für dich gemacht.«

»Nur für mich? Diese schönen roten Herzen mit meinem Lieblingsgeschmack? Du hast dir für mich so viel Mühe gemacht?«, fragte sie verwundert. In ihren Augen konnte er lesen, dass sie sich geschmeichelt fühlte.

»Ja, und es war jede Minute wert. Die einzigen Dinge, die ich dir geben kann, sind mein Herz, meine Zeit und meine Bonbons. Ich kann dir keine finanziellen Sicherheiten bieten. Ich habe kein eigenes Haus, und wir beide werden hart arbeiten müssen, aber ich verspreche dir, alles zu tun, um dich glücklich zu machen. Ich möchte mein Leben mit dir verbringen.« Er sah ihren überraschten Blick, als er sich vor ihr hinkniete. »Meine Liebste«, begann er erneut, und seine Stimme klang tief und fest, »willst du meine Frau werden?«

1. Kapitel

Friesdorf, Juni 1908

»Tschö zusammen!«

Hans winkte seinen Kameraden. Obwohl er nicht sonderlich gerne zur Schule gegangen war, fiel ihm der Abschied schwer. Heute hatten sie das Abschlusszeugnis von der Volksschule bekommen. Danach hatten sie noch eine Zeit lang im Pausenhof gestanden und über ihre Zukunftspläne gesprochen. Jeder schien ganz genau zu wissen, wohin es ihn in den nächsten Jahren zog. Die meisten seiner Freunde hatten einen Lehrvertrag in der Tasche oder würden auf dem elterlichen Hof mitarbeiten, um ihn eines Tages zu übernehmen. Nur Hans hatte geschwiegen. Seine Zukunft lag noch in völliger Dunkelheit.

Missmutig kickte er einen Fichtenzapfen vor sich her. Es war nicht, dass er nicht wüsste, was er wollte. Im Gegenteil: Er wusste es ganz genau. Nur deckten sich seine Wünsche nicht mit den Vorstellungen seines Vaters. Und im Hause Riegel war das, was Peter Riegel für richtig hielt, Gesetz.

In der Schule war Hans immer derjenige gewesen, der gemeinsame Unternehmungen organisierte, die Kasse für Ausflüge verwaltete und als einer der Ersten in die Sportmannschaft gewählt wurde. Seine Klassenkameraden hatten ihn respektiert, und seine Meinung hatte Gewicht gehabt. Doch mit jedem Schritt, dem er dem Bauernhof seiner Familie näher kam, verwandelte er sich zurück in einen unbeholfenen Jungen, dessen Wort nichts zählte. Es war, als würde er immer ahnungsloser und unselbstständiger werden, je näher er dem Elternhaus kam.

Im warmen Schein der Nachmittagssonne lag der Hof friedlich inmitten von Feldern von Möschebohnen, die strahlend weiß blühten. Hans liebte die Suppe, die seine Mutter im Herbst und im Winter aus diesen Stangenbohnen zubereitete. Außerdem baute sein Vater noch Maiwirsing und Weißkohl an. Doch für Hans stand diese Idylle, die sich vor seinen Augen ausbreitete, vor allem für Enge und Stillstand. Er wollte hinaus in die Welt! Etwas sehen, etwas erleben, etwas schaffen, etwas Eigenes aufbauen. Nichts schien ihm fader, als den ausgetretenen Fußstapfen seines Vaters zu folgen, der neben seiner Arbeit auf dem Bau diesen kleinen Hof bewirtschaftete.

Er schob das Gartentor auf und ging auf das Haus zu, vorbei an den Apfel- und Birnbäumen, die dank des milden Klimas im Rheinland reiche Frucht trugen.

»Hans, Hans, hast du ein gutes Zeugnis gekriegt?«, hörte er eine aufgeregte Kinderstimme hinter sich.

Sein Bruder, der fünfjährige Paul, lugte hinter einem Holunderbusch hervor. Eigentlich hieß er ja – benannt nach dem deutschen Kaiser – Wilhelm Paulus, aber so wurde er nur gerufen, wenn jemand zornig mit ihm war. Was gar nicht so selten vorkam, denn er war ein richtiger Lauser. Der dreijährige Martin spielte neben dem Weg im Gras mit Bauklötzen und war darin so vertieft, dass er die Ankunft des ältesten Bruders gar nicht bemerkte.

»Es ist überraschend gut«, antwortete Hans zufrieden.

Er war in der Schule immer nur mittelmäßig gewesen, weil ihn der Unterricht gelangweilt hatte. In seiner Klasse mit achtundvierzig Kindern aus vier Jahrgangsstufen hatte er meist seinen eigenen Gedanken nachgehangen. Da er sich dabei still verhielt, hatten ihn die Lehrer in Ruhe gelassen, und er hatte nur selten den Rohrstock zu spüren bekommen. Das Wenige, was er trotz seiner Unaufmerksamkeit mitbekommen hatte, reichte oft nur knapp, um versetzt zu werden.

Doch im letzten Jahr hatte er Fleiß an den Tag gelegt. Ihm war klar, dass er für eine Bewerbung ein gutes Zeugnis brauchte. Zu seiner Überraschung – und der seiner Lehrer – hatte er sich mit dem Lernen leichtgetan. Erst in den vergangenen Monaten hatte er erkannt, dass er ein Verständnis für Zahlen hatte. Seine Aufsätze, in die er mehr Zeit investiert hatte als zuvor, waren fantasievoll und spannend, wie seine Deutschlehrerin mit unverhohlener Verwunderung bemerkte, auch wenn sie seine Rechtschreibung bemängelte. Daher war das Zeugnis, das er nun in seinem Ranzen hatte, deutlich besser als die früheren.

»Das wird Vater freuen«, meinte Paul.

Hans zuckte nonchalant mit den Schultern. Doch auch er hoffte, dass sein Vater stolz auf ihn sein würde. In einer guten Stimmung wäre es einfacher, das schwierige Gespräch zu führen, das ihm bevorstand.

Als er die Haustür öffnete, schlug ihm der Duft von Füllwammes entgegen, dem Linseneintopf seiner Mutter, und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Seine neunjährige Schwester Aga deckte gerade den großen Holztisch.

»Tach, Hans! Wasch dir die Hände. Gibt gleich zu essen«, sagte Agnes Riegel, die am Herd beschäftigt war, ohne sich umzudrehen.

Hans musste lächeln. Früher hatte er geglaubt, seine Mutter habe Zauberkräfte. Sie wusste immer, ohne hinzuschauen, wer hereinkam und ob es Wasser und Seife bedurfte. Inzwischen erklärte er sich ihre Allwissenheit damit, dass sie die Schritte ihres Mannes und ihrer fünf Kinder auseinanderhalten konnte und dass sie außerdem davon ausging, dass ihr Nachwuchs immer dreckige Hände hatte.

Agnes Riegel war das Herz der Familie. Obwohl sie stets irgendetwas zu tun hatte, hatte sie jederzeit ein offenes Ohr für jeden. Sie war eine kleine, resolute Frau, die den harten Alltag auf dem Hof mit Gelassenheit und Humor nahm. Wie gewöhnlich trug sie auch heute ein schlichtes Baumwollkleid mit einer Schürze darüber und hatte ihr dunkelblondes Haar mit den grauen Strähnen zu einem einfachen Knoten festgesteckt.

Hans’ Schwester verteilte den zähen braunen Eintopf, in den Möhren und Kartoffeln aus dem eigenen Garten hineingeschnippelt waren, auf die Teller. Nur mit dem Kassler hatte die Mutter gespart, wie Hans enttäuscht feststellte.

Als alle am Tisch saßen, ging es wie immer hoch her. Martin zog Aga an den Haaren, der zehnjährige Peter, nach Hans der zweitälteste Riegel-Spross, versuchte unauffällig, ein Stück Schweinefleisch aus dem Topf zu stibitzen, bis ihn der drohende Blick seiner Mutter traf, und Paul wollte unbedingt sein Spielzeugauto aus dem Garten holen. Doch auf einmal wurden alle still. Sogar Paul hörte schlagartig auf zu quengeln. Der Vater war nach Hause gekommen.

Hans kam äußerlich nach ihm. Beide waren sie über einen Meter achtzig groß, hatten dickes braunes Haar und eine hohe Stirn. Doch damit endeten die Ähnlichkeiten auch schon. Wo Peter Riegel sein Leinenhemd mit breiten Schultern und muskulösen Armen ausfüllte, war Hans beinahe mager.

Der Hausherr setzte sich auf seinen Platz am Tischende, nickte kurz in die Runde und griff nach dem Löffel. Das war das Zeichen, dass alle mit dem Abendessen beginnen konnten. Außer dem Geklapper von Besteck war nichts mehr zu hören.

Nachdem Peter Riegel seinen Teller geleert hatte, wandte er sich an Hans: »Wie ist dein Zeugnis ausgefallen?«

»Nicht schlecht.« Hans zuckte mit den Schultern, als wäre es keine große Sache.

»Gut«, brummte der Vater.

»Willst du es sehen?«

»Ist nicht so wichtig. In Zukunft zählt nur, dass du anpacken kannst. Und das hast du bei uns auf dem Hof gelernt.«

Hans nickte.

»Ich habe mit Herrn Röhrig geredet. Du kannst dich dort morgen vorstellen.«

»Aber …«

»Keine Sorge, das ist reine Formsache. Er hat mir schon zugesagt, dass er dich nimmt.« Man konnte dem Vater anhören, wie stolz er darauf war, dass sein Sohn ohne Zögern eingestellt werden würde, weil sein Chef mit Peter Riegels Arbeit so zufrieden war.

»Aber Vater, ich will überhaupt nicht auf den Bau«, sagte Hans, wie schon viele Male zuvor.

»Wie? Du willst nicht auf den Bau?«

Der überraschte Tonfall ärgerte Hans. Denn das sagte er seinem Vater seit einem Jahr fast täglich, doch der wollte es einfach nicht hören.

»Was willst du denn dann machen?«

»Ich würde gerne …« Er brach unsicher ab, als er den Zorn in den Augen seines Vaters sah.

»Keine Ahnung, was du machen willst, aber was ich mache, ist dir nicht gut genug?« Tiefe Enttäuschung schwang in Vaters Stimme mit.

»Natürlich ist es mir gut genug. Aber ich bin anders als du.«

»Was meinst du mit anders?«

Hans glaubte etwas Lauerndes im Blick seines Vaters wahrzunehmen. Jetzt durfte er nichts Falsches sagen.

»Du bist glücklich auf dem Bau und auf dem Hof. Du willst hier nicht weg. Mich aber zieht es hinaus in die Welt. Ich will einmal in einer Stadt leben, neue Menschen kennenlernen, raus aus Friesdorf.« Er hielt die Luft an, bang, wie sein Vater reagieren würde.

»Das sind doch Flausen! Raus in die Welt? Und dann? Wovon willst du leben?«

»Ich weiß schon, was ich machen will«, sagte Hans mit dem Mut der Verzweiflung. »Ich würde gern in einer großen Fabrik arbeiten. Am liebsten in der Lakritzherstellung.«

»Du hast doch nur Kappes im Kopf! Was willst du denn in einer Fabrik? Da bist du nur ein kleines Lichtlein. Mit der Maurerkelle in der Hand siehst du jeden Abend, was dein Tagwerk war. Du hilfst mit, Dinge zu erschaffen. Das schätzen die Leut’.«

»Martin will Maurer«, meldete sich der Kleinste zu Wort und sah sich suchend nach seinen Bauklötzen um.

Hans ließ sich nicht ablenken. »Der Bau interessiert mich nicht. Ich will lernen, wie man Lakritze und Bonbons herstellt. Ich habe schon bei der pharmazeutischen Fabrik in Godesberg nachgefragt …«

»Du hast was?«, brüllte der Vater so laut, dass Paul den Kopf einzog und Aga sich erschrocken an die Mutter schmiegte. »Ohne meine Zustimmung?«

Dieses Mal würde Hans sich nicht einschüchtern lassen. »Du hättest sie mir ja doch nicht gegeben. Bei Kleutgen & Meier könnte ich als Arbeitsjunge anfangen.«

»Arbeitsjunge?« Die Stimme von Peter Riegel troff vor Verachtung. »Da bist du ein niedriger Handlanger! Mach besser eine ordentliche Ausbildung. Auf dem Bau werden immer Leute gebraucht. Lerne zu zeichnen, dann hast du sichere Aussichten.«

»Mich zieht es aber in die Fabrik. Ich weiß, dass es dir nicht gefällt. Aber der Meister hat mich durch die Hallen geführt, und da habe ich genau gespürt: Das will ich machen. Ich finde es spannend, etwas herzustellen, was den Leuten hilft und schmeckt. Ich glaube, darin könnte ich gut sein, und es würde mir Spaß machen.«

»Spaß machen!«, spie der Vater regelrecht aus. »Bei Zukunftsentscheidungen geht es nicht um Spaß. Da geht es darum, dass man seine Familie ernähren kann und dass man Sicherheiten hat.«

»Warte nur ab, Vater! Ich bin mir sicher, dass ich ordentlich verdienen werde. Meiner Familie wird es einmal an nichts mangeln«, sagte Hans mit einer Sicherheit, die er tief im Inneren verspürte.

»Du bist doch größenwahnsinnig! In so einer Fabrik bleibt jemand wie du, der nur die Volksschule geschafft hat, immer der Hilfsjunge. Da bringst du es nie zu etwas.«

Hans’ Blick fiel auf das gerahmte Bild von Kaiser Wilhelm II. an der gegenüberliegenden Wand. Ihm schien, dass auch der Monarch, den Schnurrbart stolz nach oben gezwirbelt, enttäuscht auf ihn herunterblickte. Wie er diese Untertanen-Gesinnung hasste, die sein Vater ihm vorlebte. Nur weil er selbst ein einfacher Arbeiter war, war es für Peter Riegel ausgeschlossen, dass es sein Sohn weiterbringen könnte. Daran änderte auch Vaters Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei nichts.

»Weil du es so ja weit gebracht hast? Meinst du wirklich, es ist mein Traum, so zu enden wie du? Immer nur ein kleiner Ackerer auf dem Hof? Kaputt gearbeitet vom Schinden auf dem Bau? Jeden Pfennig dreimal umdrehen?«

Er konnte gar nicht so schnell schauen, wie ihn eine kräftige Ohrfeige traf.

Obwohl seine Wange brannte, hielt Hans dem Blick des Vaters trotzig stand. Es tat ihm leid, dass er dessen Lebenswerk beleidigt hatte. Doch er hatte es satt, immerzu gedemütigt zu werden. Nie hatte sein Vater ein offenes Ohr für seine Träume und Ideen.

Zum ersten Mal mischte sich nun seine Mutter ein. Ihre Stimme war ruhig und fest, als sie sagte: »Hans, du entschuldigst dich sofort bei deinem Vater. Er schuftet den lieben langen Tag für uns und hat deine respektlosen Äußerungen nicht verdient.« Für einen flüchtigen Moment legte sie ihre Hand auf die ihres Mannes.

»Entschuldige, Vater«, sagte Hans mit gesenktem Blick.

Agnes nickte ihm zu und wandte sich dann an ihren Gatten: »Peter, ihr führt diese Diskussion jetzt schon ein ganzes Jahr lang. Vielleicht muss unser störrischer Hans selber draufkommen, dass es in der großen weiten Welt nicht so aufregend ist, wie er sich das vorstellt. Dass das Leben eines Arbeitsjungen hart ist und nichts mit Spaß und Freude zu tun hat.«

»Was soll ich denn meinem Chef sagen? Dass mein Sohn lieber in die Fabrik geht, als bei ihm zu lernen? Das ist doch zum Schämen.« Der Vater klang immer noch verärgert, gleichwohl ruhiger als zuvor.

»Er wird’s verkraften«, meinte die Mutter trocken.

»Ich sorge mich um den Buben. Wenn er seinen Fehler einsieht, steht er mit nichts da. Ich kann doch nicht meinen ältesten Sohn sehenden Auges in sein Unglück laufen lassen.«

Jetzt, wo sein Vater nicht mehr brüllte und polterte, verstand Hans zum ersten Mal, dass aufrichtige Besorgnis hinter seiner Sturheit steckte.

»Ich könnte doch an den Abenden trotzdem zu Andreas Köppich gehen und Pläne zeichnen lernen, so wie du das wolltest«, sagte Hans eilig.

Er wusste, dass Peter Riegel immer die Hoffnung gehabt hatte, dass aus seinem Sohn einmal ein Bauzeichner würde. Damit er es besser hätte als er selbst. Kürzlich hatte er mit einem Arbeitskollegen vereinbart, dass dieser Hans gegen ein kleines Entgelt unterrichtete.

»Mhm«, brummte der Vater.

Das ist zwar kein Ja, aber auch nicht mehr das klare Nein des ganzen vergangenen Jahres, dachte Hans optimistisch.

»Das klingt doch sehr vernünftig.« Agnes zwinkerte ihrem Sohn zu. »Dann kann er sich ein zweites Standbein aufbauen, und wenn er merkt, dass die Fabrik nichts für ihn ist, steht er nicht mit leeren Händen da.«

»Ich muss darüber schlafen«, sagte Peter und stand auf.

Der breitschultrige Mann wirkte kleiner als gewöhnlich, als er mit hängenden Schultern das Zimmer verließ. Hans sah, dass sein Vater den zweiten Teller Suppe nur halb geleert hatte. Da er sonst die letzten Reste des Eintopfes mit Brot auswischte, um ja nichts zu vergeuden, musste ihn die Diskussion wirklich mitgenommen haben. Auch wenn sein Sieg in greifbarer Nähe lag, fühlte Hans sich plötzlich beklommen. Er hatte heute seinen Vater verletzt.

»Wird schon, Hans. Lass ihm ein bisschen Zeit, dann findet er sich mit deinen Zukunftsplänen ab. Es ist ein besonderes Band zwischen Vätern und ihren ältesten Söhnen. Sie übertragen all ihre Hoffnungen und ihre eigenen verlorenen Träume auf sie. Das ist manchmal nicht leicht.« Seine Mutter strich ihm über die dicken braunen Haare und begann, den Tisch abzuräumen.

2. Kapitel

Godesberg, Januar 1909

Müde lehnte sich Hans an die steinerne rotbraune Fassade der Fabrik. Seit einer knappen Stunde wartete er jetzt schon auf zwei Pferdefuhrwerke, die sich wegen des Winterwetters verspätet hatten. Ein eiskalter Wind pfiff ihm ins Gesicht, und er schmiegte sich noch enger an die Mauer, die wenigstens ein bisschen Schutz bot. Von drinnen konnte er nicht sehen, wann die Fuhrwerke kamen, daher musste er in der Kälte ausharren. Die Waren sollten in ein neues Lager gebracht werden. Keinesfalls wollte er die Lieferanten verpassen und sie falsch abbiegen lassen, denn das hätte ein aufwendiges Umkehrmanöver bedeutet.

Heute würde er es nicht mehr rechtzeitig zu Andreas Köppich schaffen. Nicht einmal absagen hatte er dem Bauzeichner gekonnt. Er konnte nur hoffen, dass dieser sich nicht bei seinem Vater beschwerte, sondern ihn die Stunde ein anderes Mal nachholen ließ. Hans hatte sich nicht getraut, Meister Willibald zu sagen, dass er nach Feierabend noch etwas vorhatte, als dieser ihn gebeten hatte, zusammen mit Meier junior länger zu bleiben, um den Fuhrleuten beim Abladen der Lieferung zu helfen. Er wollte nicht, dass der Meister von seinem »zweiten Standbein« – wie seine Mutter es ausgedrückt hatte – erfuhr. Am Ende glaubte er dann noch, dass Hans etwas anderes wichtiger sei als seine Arbeit hier in der Fabrik.

Seit einigen Monaten war er als Arbeitsjunge bei der pharmazeutischen Fabrik Kleutgen & Meier in Godesberg angestellt. Meister Willibald hatte ihn damals nach dem Rundgang durch die Produktionshalle mit einem derben Klopfen auf seine hageren Schultern und den Worten »Man sieht, dass du ordentlich zupacken kannst. So jemanden können wir hier immer gebrauchen« ohne zu zögern eingestellt.

Hans war froh, dass er bei dem Streit mit seinem Vater nicht eingeknickt war. Eisern hielt er sich an die Vereinbarung, die er mit ihm getroffen hatte, und erlernte abends das Bauzeichnen. Auch wenn es bedeutete, dass seine Tage schier endlos waren und sich sein ganzes Leben zwischen der Fabrik, dem Zeichnen und der Mithilfe auf dem Bauernhof abspielte. Für anderes blieb keine Zeit.

Seine Freunde aus der Schule hatte er, seit er bei Kleutgen & Meier angefangen hatte, nicht mehr gesehen. Manchmal vermisste er die freien Nachmittage, die er zusammen mit den Nachbarsjungen verbracht hatte. Natürlich hatten sie alle auf den Höfen ihrer Familien helfen müssen, aber trotzdem war reichlich Zeit geblieben, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Im Sommer waren sie zum Schwimmen an den See geradelt, und im Winter hatten sie sich Schneeballschlachten geliefert. Wie viele Stunden hatten sie damit verbracht, Streiche auszuhecken und die Erwachsenen damit zur Weißglut zu bringen? Ernsthaft zu Schaden gekommen war dabei niemand, doch rückblickend war manche Backpfeife von der Mutter verdient gewesen. Hans lächelte, wenn er an diese unbeschwerte Zeit zurückdachte, die er damals zu wenig zu schätzen gewusst hatte.

Jetzt hatte er nur noch sonntags frei. Zumindest manchmal. Denn gelegentlich wurde er in der Fabrik für Sonderschichten eingeteilt, oder er fertigte nach dem morgendlichen Kirchgang in die St.-Servatius-Kirche mit der Familie Skizzen an, die ihm Andreas Köppich unter der Woche als Hausaufgabe gestellt hatte.

Die Arbeit bei Kleutgen & Meier war hart, die Tage lang und die Aufgaben oft eintönig, aber Hans würde durchhalten. Zum einen, weil er fest entschlossen war, es in der Fabrik zu etwas zu bringen. Zum anderen, weil sein Vater damit rechnete, dass er aufgab und sich reumütig auf das Bauhandwerk konzentrierte. Und diese Genugtuung gönnte er ihm nicht.

Peter Riegel hielt die Pläne seines Sohnes nach wie vor für großspurig, und doch war seit einigen Wochen zu Hause Ruhe eingekehrt. Nur noch selten verlieh der Vater seinen Zweifeln Ausdruck. Er verstand nicht, dass sich die Zeiten geändert hatten. Immer mehr Menschen zog es in die Städte, um dort in den Fabriken zu arbeiten. Allerorts ragten neue, riesige graue Schlote in den Himmel. Die Landwirtschaft hingegen verlor an Bedeutung, was den passionierten Bauern schmerzte.

Hans hatte keine Angst vor harter Arbeit, aber er wollte selbst bestimmen, was er machte. Doch so weit war er noch nicht. In der Fabrik war er das kleinste Rädchen im Getriebe. Ihm war bewusst, dass er, der aus einfachen Verhältnissen stammte, sich alles mühsam würde erkämpfen müssen. Seine Schicht als Arbeitsjunge begann morgens um sechs Uhr und endete erst nach zwölf Stunden. Er musste fegen, Kisten schleppen und den anderen Arbeitern, die in der Produktion tätig waren, Material und Zutaten aus dem Lager holen.

Anfangs hatte er manchmal etwas Falsches gebracht, dann wurde er angeschrien und musste erneut laufen. Doch mittlerweile wusste er genau, wo Lakritze gekocht oder Salmiakpastillen hergestellt wurden und was an jedem Arbeitsplatz gebraucht wurde. Er brachte Nachschub, sobald er sah, dass etwas zur Neige ging, und die Arbeiter konnten ohne Unterbrechung weitermachen. Wenn er einige Minuten Zeit hatte, versuchte er, den Bonbonkochern zuzuschauen und sich die einzelnen Arbeitsschritte einzuprägen. Am liebsten hätte er ihnen ein Loch in den Bauch gefragt. Bei welcher Temperatur musste die Masse gekocht werden, und wie lange? Welche Zutaten wurden verarbeitet, und in welcher Menge?

Er war fasziniert von der Arbeit der Bonbonkocher, und vor allem von Meister Willibald. Der grobschlächtig wirkende, glatzköpfige Mann mit den wachen grünen Augen schien alles auswendig im Kopf zu haben, zumindest hatte Hans ihn noch nie mit einem Rezeptbuch gesehen.

Als er jetzt frierend im Dunkeln stand, wanderten Hans’ Gedanken zu einem Zeitungsartikel, den er in der Mittagspause im Bonner General-Anzeiger gelesen hatte. Im Pausenraum lagen ab und an Tageszeitungen herum, und Hans versuchte immer, eine zu ergattern. Wissbegierig hatte er den Artikel über den Polarforscher Robert Peary und seinen Begleiter Matthew Henson verschlungen, die sich auf den Weg gemacht hatten, als Erste den Nordpol zu erreichen. Auch er selbst träumte davon, hinaus in die Welt zu ziehen und aus seinem Leben etwas Besonderes zu machen. Doch als ihm jetzt der eisige Nordwind ins Gesicht blies, kamen ihm Zweifel, ob er wirklich so ein großer Abenteurer war. Der Nordpol kam für ihn jedenfalls nicht infrage, dachte er bibbernd vor Kälte.

Endlich tauchten die Pferdefuhrwerke am Ende der Straße auf. Hans trat in die Mitte der Einfahrt und winkte mit beiden Armen, um auf sich aufmerksam zu machen. Hoffentlich halfen ihm wenigstens die Fuhrleute beim Entladen. Eduard Meier, der Sohn des Chefs, hatte sich nämlich, kaum dass Meister Willibald gegangen war, mit den Worten »Du schaffst das schon allein. Und wehe, du verpetzt mich beim Meister!« nach Hause verzogen. Wenn er dageblieben wäre, hätten sie sich wenigstens abwechselnd drinnen aufwärmen können, und Hans hätte nicht die ganze Zeit allein draußen in der Kälte stehen müssen.

Er konnte diesen arroganten Pinkel nicht ausstehen. Meier junior war in seinem Alter, trat aber schon jetzt auf wie der Chef in spe. Seine dichten hellblonden Haare kämmte er stets akkurat zurück. Seine Hände hatten keinerlei Schwielen von harter Arbeit. Im Gegensatz zu den anderen Jungen in der Fabrik trug er stets saubere und frisch gebügelte Arbeitshosen. Es war der Wunsch seines Vaters, dass er den Beruf von der Pike auf erlernte und wie Hans als Arbeitsjunge anfing. Doch außer dem alten, erfahrenen Meister Willibald traute sich keiner, ihm eine Anweisung zu geben, und Eduard Meier wusste diese Sonderstellung auszunutzen.

Völlig erschöpft, nachdem er gemeinsam mit den Lieferanten Dutzende schwere Kisten ins Lager geschleppt hatte, machte Hans sich eine Stunde später auf den Weg nach Hause. Trotz der Kälte war er bisher immer mit dem Rad gefahren. Doch heute Morgen hatte es geschneit, deshalb musste er jetzt zu allem Überfluss auch noch zu Fuß gehen. Müde setzte er einen Fuß vor den anderen, in Gedanken schon bei der heißen Suppe, die ihn erwartete.

Als er sich dem Hof näherte, sah er, dass der Stall hell erleuchtet war. Ein unruhiges Muhen drang nach draußen. Ungewöhnlich um diese Zeit, dachte Hans und öffnete die Stalltür.

»Wo bleibst du denn? Der Köppich lässt dich wohl gar nicht mehr nach Hause gehen? Gut, dass du endlich kommst.«

Hans wollte seine Mutter nicht anlügen, ihr aber auch nicht beichten, dass er die Zeichenstunde notgedrungen geschwänzt hatte. Deshalb schwieg er und nahm die zweite Mistgabel in die Hand, um ihr zu helfen.

»Geht es dir gut? Heute Vormittag hatten Peter und Paul Fieber, seit dem Mittag liegt auch Vater flach«, erklärte Agnes. »Die haben sich eine massive Erkältung eingefangen und konnten sich nicht um die Tiere kümmern. Ich konnte mit dem Stall erst so spät anfangen, weil Martin und Aga ewig nicht eingeschlafen sind.«

»Jetzt bin ich ja da. Ich miste und füttere, dann kannst du die Kühe melken«, sagte Hans.

Wie gerne hätte er sich in die warme Stube gesetzt, sich aufgewärmt und etwas gegessen. Er war hungrig und todmüde. Doch die Mutter mit der Stallarbeit allein zu lassen, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

Sie nickte und stellte die Mistgabel zur Seite. »Bin eh schon zwei Stunden zu spät damit dran«, sagte sie, während sie sich den Melkschemel mit einem Lederriemen umband.

Sie nahm einen der Blecheimer, die an einer Leiste an der Wand hingen. Liebevoll klopfte sie dem ersten Tier auf das Hinterteil, bevor sie das prall gefüllte Euter reinigte und zu melken begann.

Hans hörte, wie die Milch in regelmäßigen Abständen in den Eimer spritzte. Mutter und Sohn arbeiteten schweigend nebeneinanderher.

Als er den letzten Schubkarren mit Mist hinausgefahren hatte und mit duftendem Heu zurückkehrte, fragte Agnes: »Wie läuft es denn in der Fabrik? Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?«

Sie hatte ihn nur an seinem ersten Arbeitstag gefragt, wie es gewesen war. Sonst war nie Zeit, über die Befindlichkeiten des Ältesten zu reden. Die kleineren Geschwister forderten immer die ganze Aufmerksamkeit ihrer Mutter. Hans stellte den Schubkarren ab und begann, frisches Heu in die Raufe zu schaufeln.

»Mittlerweile kenne ich mich schon gut aus und weiß genau, wo was produziert wird. Welche Rohstoffe ich aus dem Lager holen muss, damit die Bonbonkocher weitermachen können, ohne auch nur eine Sekunde Zeit zu verlieren. Den Meister Willibald, Mutter, den müsstest du mal kennenlernen. Der weiß genau, was er machen muss. Der braucht kein Rezept und keine Mengenangabe. Der macht alles auswendig. So, wie wenn du deinen Apfelkuchen backst.«

»Du klingst nach wie vor begeistert.«

»Na ja, schade ist nur, dass mir niemand etwas erklärt. Ich wüsste so gern mehr über das Handwerk der Bonbonkocher. Aber ich bekomme nur das mit, was ich zufällig aufschnappe.«

»Als Arbeitsjunge ist das halt so.« Sie zuckte müde mit den Schultern. »Da bist du immer einer von den Ungelernten. Bist und bleibst ganz unten. Vielleicht solltest du dir das mit der Maurerlehre doch noch mal überlegen. Auf dem Bau würden sie sich Zeit nehmen für dich. Du bist ein kluger Kopf, Hans. Du könntest bald so weit sein, dass die anderen dich etwas fragen müssen. Du könntest in ein paar Jahren sogar deinen Meister machen. Und Vater wäre auch glücklich.«

Hans schüttelte energisch den Kopf. »Nein, Mutter, mir gefällt es in der Fabrik. Wenn ich durch die Halle laufe und den Bonbonkochern bei ihrer Arbeit zusehe, weiß ich genau, dass es das ist, was ich machen will. Schon allein der Geruch dort. Dieser süßliche Duft der Lakritze liegt überall in der Luft. Ich wünschte nur, Meister Willibald würde sich für mich genauso viel Zeit nehmen wie für den Sohn des Chefs.«

»Du arbeitest mit dem Juniorchef zusammen?«, fragte Agnes erstaunt.

»Ja, leider. Eduard Meier sollte auch als Arbeitsjunge anfangen, die Fabrik von Grund auf kennenlernen. Aber in Wirklichkeit macht er natürlich nicht das, was wir anderen machen müssen. Meister Willibald nimmt sich viel Zeit, um ihm die Produktionsvorgänge zu erklären. Doch ihn interessiert es gar nicht. Er schaut nur, dass er sich vor der Arbeit drücken kann. Das ist ein ganz fauler Sack! Heute zum Beispiel hätten wir nach Feierabend noch gemeinsam etwas abladen sollen, aber er hat sich verdrückt und mich gewarnt, ihn nur ja nicht zu verpetzen. Dieser feine Wichtigtuer.« Hans bemerkte selbst, dass er sich in Rage redete.

»Er ist der Sohn vom Chef, und du bist nur ein Arbeitsjunge. Unsereins kommt nicht nach oben. Wir sind das Bestimmen nicht gewohnt, mein Junge. Eduard Meier schon. Wir müssen tun, was uns gesagt wird. Versprich mir, dass du nicht frech zu Meier bist. Das würde dir nur schaden.«

»Du brauchst dir keine Sorgen machen, Mutter. Wenn der Meister mir etwas aufträgt, mach ich das ohne Widerrede. Aber bei Eduard fällt es mir schwer. Er hätte es verdient, dass ich ihn verpetze.«

»Sei vorsichtig! Eines Tages wird er dein Chef sein, und da ist es besser, sich jetzt schon mit ihm gutzustellen.«

Hans wusste, dass die Mutter recht hatte. In seiner Position konnte er nichts unternehmen, denn Eduard saß am längeren Hebel. Doch ihm graute jetzt schon, wenn er sich vorstellte, irgendwann einmal die Anweisungen dieses arroganten Schnösels befolgen zu müssen.

»Es ist nur … Ich habe so viele Ideen im Kopf. Heute habe ich das Lager umgeräumt, sodass man alles leichter findet. So können sich auch neue Arbeitsjungen schneller orientieren. Ich bin gespannt, was der Meister davon hält. Und da gäbe es noch so viel anderes, das ich gern mit ihm besprechen würde. Wenn er doch nur mehr Zeit für mich hätte und mir ein bisschen mehr erklären würde.«

»Denk dran: Lehrjahre sind nun mal keine Herrenjahre. Warum soll der Meister ausgerechnet dir zuhören, Hans? Es ist nicht deine Aufgabe, ihm irgendwelche Ideen vorzuschlagen oder das Lager nach deinen Vorstellungen umzugestalten. Dein Vater hat schon recht: Du hast deinen Kopf in den Wolken. Hoffentlich ist Meister Willibald dir nicht böse, dass du so eigenmächtig gehandelt hast. Es gibt Dinge, die kannst du nicht überblicken. Die sind zu groß für unsereins. So, jetzt aber genug. Lass uns reingehen und nach den Kranken sehen. Der Stall ist fertig.«

In der warmen Stube aß Hans schnell einen Teller Kartoffelsuppe, die die letzte Kälte aus seinem Körper vertrieb. Ob die Mutter recht hatte? Hatte er zu eigenmächtig gehandelt? Auf einmal kamen ihm Zweifel, ob er nicht doch vorher den Meister hätte fragen müssen.

* * * *

Als Hans am nächsten Morgen in die Fabrik kam, nahm er zuallererst den Besen zur Hand und begann, die Halle mit den großen Kesseln zu fegen.

Dabei hörte er, wie sich Meister Willibald bei Meier junior für die Überstunden bedankte. Er lobte ihn dafür, wie klug er das Lager einsortiert hatte – genau nach den jeweiligen Produktionsabläufen – und wie ordentlich die Kisten gestapelt waren. Man sähe, dass Eduard in den letzten Tagen gut aufgepasst hätte, wenn er ihm etwas erklärte. Er werde das bei seinem Vater lobend erwähnen.

Hans schluckte. Hoffentlich würde Eduard das richtigstellen. Er müsste nicht einmal zugeben, dass er nicht dabei gewesen war. Es würde reichen, wenn er sagte, dass es Hans’ Vorschlag gewesen war, das Lager umzuräumen. Doch Eduard heimste das Lob, ohne zu zögern, ein. Als er sich umdrehte, grinste er Hans an und zuckte mit den Schultern.

Hans wäre fast der Kragen geplatzt. Am liebsten hätte er diesem eingebildeten Kerl eine reingehauen, wäre zum Meister gerannt und hätte die Sache richtiggestellt. Doch die Worte seiner Mutter kamen ihm in den Sinn. Auch wenn es ihn innerlich fast zerriss, fegte er schweigend weiter.

»Riegel, komm mal her!«, rief Meister Willibald.

Hans stellte den Besen zur Seite. »Ja?«

»Kannst du mir heute nach Feierabend zur Hand gehen? Ich habe Meier gefragt, weil er als Juniorchef mehr Ahnung von den Produktionsabläufen hat. Aber die Meiers haben eine Familienfeier, daher kann er nicht länger bleiben. Wir haben in der Nachtschicht acht Kranke – alle haben diese verdammte Grippe. Aber wir müssen unbedingt neue Rohlakritzblöcke kochen, sonst geht uns in ein paar Tagen das Material aus.«

Das war Hans’ Chance, Meister Willibald zu zeigen, dass er mehr wollte, als immer nur der Arbeitsjunge zu sein. »Klar. Kein Problem. Ich kann dableiben«, beeilte er sich zuzusagen.

Der Meister nickte ihm wohlwollend zu. »Gut«, sagte er knapp.

Den ganzen Tag fieberte Hans dem Feierabend entgegen. Als die anderen Arbeiter sich verabschiedeten, ging er rasch in den Pausenraum, trank einen Schluck Tee und aß den Rest seines Schmalzbrotes, das er sich am Mittag aufgehoben hatte, um sich vor seiner Extraschicht noch einmal zu stärken. Er hatte bereits zwölf Stunden gearbeitet, doch er war so aufgeregt, dass er weder geistige noch körperliche Müdigkeit spürte. Vielleicht durfte er heute endlich an die großen Kessel und nicht nur das Material heranbringen?

»Riegel, komm, wir legen los!«

Hans schob sich den letzten Bissen seines Brotes in den Mund und trat zu Meister Willibald.

»Zuerst brauchen wir die Späne. Hol die mal aus dem Lager.«

Hans nickte. Mittlerweile wusste er genau, was gebraucht wurde. Einige Arbeiter waren in den letzten Tagen damit beschäftigt gewesen, die kürzlich gelieferten Süßholzwurzeln zu zerkleinern und in große Säcke abzufüllen. Stück für Stück holte Hans diese Säcke, von denen jeder fünfundzwanzig Kilo wog, aus dem Lager und stellte sie neben dem Kessel ab. Als er damit fertig war, öffnete Meister Willibald einen davon, nahm eine Handvoll Späne heraus und zeigte sie Hans.

»Das ist der Grundstoff für Lakritz. Der Süßholzstrauch wächst unter anderem am Mittelmeer und in Asien. Er bildet ein riesiges Wurzelgeflecht, das nach drei Jahren geerntet und mit dem Schiff zu den Häfen im Norden Deutschlands gebracht wird. Schon im alten Ägypten wusste man um die heilende Wirkung der Süßholzwurzel.«

Der Meister warf die Späne zurück in den Sack. »Ich habe schon Wasser eingefüllt«, fuhr er fort. »Wenn wir Rohlakritzblöcke kochen, muss der Kessel immer bis zu dieser Kerbe mit Wasser gefüllt sein.« Hans trat neben ihn und ließ sich die Markierung zeigen. »Dann geben wir die Süßholzwurzelspäne hinein. Du kannst dir merken, dass zehn Kilo Späne später ungefähr ein Kilo Rohlakritz ergeben.«

Hans hob einen Sack nach dem anderen an und ließ den Inhalt vorsichtig in den Kessel gleiten, damit kein Wasser herausspritzte.

»Du musst immer darauf achten, dass die Masse nur simmert. Sie darf keinesfalls kochen. Das sogenannte Auskochen dauert einige Tage. Dann füllen wir die Flüssigkeit in Formen und lassen sie fest werden.«

Hans schaute aufmerksam zu, wie der Meister rührte. Er kannte die harte, quaderförmige Rohlakritze, die in einem eigenen Lager aufbewahrt wurde. Er hatte sie den Bonbonkochern schon öfter bringen müssen.

»Wie schwer ist denn so ein Quader genau? Vier Kilo?«, fragte er interessiert nach.

Der Meister schüttelte den Kopf. »Nein, jeder Block wiegt genau fünf Kilo.«

Hans nutzte die Gelegenheit und stellte Willibald noch einige Fragen. Der Meister beantwortete sie alle geduldig.

Nachdem die Flüssigkeit die richtige Temperatur erreicht hatte, durfte Hans nach Hause gehen. Beim Abschied sagte der Meister zu ihm: »Danke, dass du heute eingesprungen bist, Riegel! Bist ein tüchtiger Junge. Dein Vater kann stolz auf dich sein.«

Hans nickte glücklich. Das war das erste Lob, das er von dem strengen Meister erhalten hatte. Doch dann platzte es aus ihm heraus: »Mein Vater ist nicht stolz. Er versteht nicht, dass ich etwas anderes machen möchte. Nicht so wie er auf dem Bau arbeiten und zusätzlich den Hof bewirtschaften. Aber ich sehe die Zukunft in der Industrie. Schon beim ersten Rundgang durch die Fabrik war mir klar, dass ich hier richtig bin. Die Lakritzproduktion interessiert mich. Das ist das, was ich gerne tun möchte.«

Erschrocken hielt Hans inne. Die Worte waren ihm einfach herausgerutscht. War es anmaßend, sich dem Meister anzuvertrauen? Würde er ihn, den kleinen Arbeitsjungen, nun für größenwahnsinnig oder unverfroren halten? Seine Mutter hätte mit ihm geschimpft. Wahrscheinlich würde Willibald ihn gleich auf seinen Platz in der Firma verweisen, und Hans würde seine Offenheit bereuen.

Doch der ältere Mann schaute ihn durchdringend an und begann in ruhigem Ton zu sprechen: »Wenn ich deine leuchtenden Augen sehe, kaum dass du am Kessel stehst, dann erinnerst du mich an mich selbst. Lakritze ist Leidenschaft – wenn sie einen einmal gepackt hat, mein Junge, dann lässt sie einen ein Leben lang nicht mehr los. Ich werde dir in den nächsten Tagen immer wieder einzelne Arbeitsschritte zeigen, und falls es gut läuft, rede ich mit dem alten Kleutgen, ob er dich als Lehrling nimmt.«

»Danke, Meister Willibald. Danke! Sie wissen gar nicht, was mir das bedeutet. Nichts würde ich lieber werden als Bonbonkocher.«

Hans sah, dass seine Worte dem Meister unangenehm waren.

»Ist schon gut. Jetzt schau, dass du nach Hause kommst. Es ist schon spät.«

Er rannte überglücklich hinaus, wo ihn eine eisige Winterkälte umfing. Er fröstelte und ging automatisch schneller. Seine Gedanken kreisten um Willibalds Vorschlag.

Zum ersten Mal fühlte er sich wirklich verstanden. Er schwor sich, alles zu tun, um den Meister stolz zu machen. Er würde ihn nicht enttäuschen und sich in den nächsten Wochen noch mehr anstrengen, um ihm zu beweisen, dass er das Zeug zum Bonbonkocher hatte.

3. Kapitel

Godesberg, März 1913

So ein Idiot, dachte Hans voller Inbrunst. Eduard Meier stand in seinem doppelreihigen Sakko mit albernem Karomuster, das hellblonde Haar aus der hohen Stirn gegelt, auf der obersten Stufe der Treppe, die zur Produktionshalle hinunterführte, und ließ seinen Blick prüfend über die Arbeiter gleiten. An sich keine schlechte Idee. Allerdings war es elf Uhr, und die Männer arbeiteten schon seit fünf Stunden, wohingegen der feine Herr gerade erst aufgetaucht war. Während Hans inzwischen durch die harte körperliche Arbeit breite Schultern und kräftige Oberarme bekommen hatte, war der Juniorchef recht schmalbrüstig, was er mit Schulterpolstern in der Jacke zu kaschieren versuchte.

Energisch ging er jetzt die Treppe hinunter und schritt die Halle ab. Blieb stehen, kostete von der Lakritzmasse, trieb einen Arbeiter, der einen Zentnersack Zucker trug, zur Eile an.

Als er an Hans vorbeikam, der gerade damit beschäftigt war, Bonbons in Dosen zu verpacken, trafen sich ihre Blicke für einen Moment. Hans fand seine eigene Abneigung in den Augen des gleichaltrigen Firmenchefs gespiegelt. Meier ging so dicht an ihm vorbei, dass er dessen Fahne riechen konnte. Es war kein Geheimnis, dass Meier junior ein ausschweifendes Gesellschaftsleben führte, immer mit einer anderen schönen Frau am Arm, die er mit seinem Benz Doppelphaeton beeindruckte.

Seit der alte Meier vor zwei Jahren einen Schlaganfall gehabt hatte und kurz darauf gestorben war, führte Eduard neben Ernst Kleutgen die Firma. Aber was hieß schon »führen«? Er schaute in unregelmäßigen Abständen vorbei und ließ dabei jeden spüren, dass er der Chef war. Seine mangelnden Kenntnisse, was Arbeitsabläufe und Rezepturen betraf, verbarg er hinter einem scharfen Befehlston, mit dem er die Arbeiter antrieb. Gerne kam er kurz vor Feierabend, bemängelte die Sauberkeit der geputzten Kessel oder die Ordnung im Lager und ließ die Männer wegen Schlamperei unbezahlte Überstunden machen.

Wehmütig dachte Hans an Eduards Vater, der die Produktion mit Weitsicht und Vernunft geführt hatte. Für ihn hatten harte Arbeit und Fleiß gezählt. Er hatte den Namen eines jeden der knapp hundert Mitarbeiter gekannt. Sein Plan war gewesen, dass sein Sohn sich von unten nach oben arbeitete, eine fundierte Ausbildung erhielt und alle Arbeitsschritte kennenlernte. Er hatte Meister Willibald angewiesen, streng zu Eduard zu sein und ihm keine bevorzugte Behandlung zuteilwerden zu lassen.

Einen Tag nach der Beerdigung des Vaters war Eduard in feinem Zwirn in der Firma aufgetaucht und hatte seitdem nie wieder eine Arbeitshose getragen. Meister Willibald hatte ein paarmal versucht, Eduard für Arbeiten einzuteilen. Doch dieser hatte unmissverständlich klargemacht, dass er sich ab sofort nichts mehr vom Meister sagen lassen würde.

Hans war noch immer damit beschäftigt, Veilchenbonbons in rote Blechdosen zu packen. Eine wenig anstrengende, aber eintönige Aufgabe. Seine Lieblingsarbeit war das Ziehen der Bonbons. Nachdem die Zuckermasse abgekühlt war, musste man sie kneten, knoten, dehnen und formen. Manche Sorten wurden anschließend mit Haken in lange Stränge gezogen. Eine kräftezehrende Arbeit, mit der man erreichte, dass Luft in die Masse eingearbeitet wurde. So entstand der Glanz, der die Bonbons so köstlich und verlockend aussehen ließ. Dafür brauchte es Kraft und Geschick. Man konnte den Karamellen genau ansehen, wie viel Hingabe und Muskelkraft der Arbeiter eingebracht hatte.

Hans zählte die letzten fünf Bonbons ab und schloss den Deckel. Diese Blechdosen hatte Kleutgen eingeführt. Sie waren mit Blumen verziert, und auf der Unterseite war der Firmenname eingeprägt. Eine ausgezeichnete Idee, fand Hans. Denn weil die Dosen so hübsch waren, wurden sie nach dem Verzehr der Bonbons nicht einfach weggeworfen. Vielleicht wurden Knöpfe, Münzen oder Nadeln darin aufbewahrt, sodass der Name Kleutgen & Meier dem Kunden stets vor Augen und in Erinnerung blieb.

Auch Hans hätte viele Ideen gehabt, wie sich die Abläufe in der Firma und die Vermarktung der Produkte verbessern ließen. Doch im letzten Jahr hatte er nur immer wieder die gleichen Aufgaben ausgeführt, oft wie automatisiert. Er würde nächste Woche zwanzig werden, doch seit er die Lehre abgeschlossen hatte, ging es für ihn nicht mehr vorwärts. Neues gab es für ihn nicht mehr zu lernen. Was er nie für möglich gehalten hätte, war eingetreten: Seine Arbeit hatte begonnen, ihn zu langweilen.

Früher hatte Meister Willibald ihm stets geduldig zugehört und Hans’ beste Ideen in die Tat umgesetzt. Doch nun wurden sie beide von Eduard Meier daran gehindert. Wann immer Willibald Meier einen Vorschlag unterbreitete, lehnte dieser ab. Hans vermutete, dass er sich von seinem ehemaligen Meister nichts mehr sagen lassen wollte. Aus Prinzip. Der von Hans so geachtete Lehrmeister wirkte immer bedrückter und frustrierter. Zum Glück tauchte Eduard nur sporadisch auf, sodass Willibald in seiner Abwesenheit die Produktion nach den Standards des alten Meier leiten konnte.

Kleutgen, für den Vertrieb zuständig, war viel unterwegs. Wenn er im Haus war, hielt sich Eduard zurück. Er erschien nüchtern und pünktlich zur Arbeit und berichtete ihm von Produktionssteigerungen und Einsparungen, erreicht dank der zuverlässigen, unverbrüchlichen Pflichterfüllung von Meister Willibald. Doch Lob erhielt dieser nie, weil der Juniorchef es für sich beanspruchte.

»Das ginge aber auch schneller, Riegel«, hörte Hans Eduards Stimme hinter sich.

Ohne sich umzudrehen, nickte er. Es fiel ihm täglich schwerer, von einem Mann, der sich stets um jegliche Arbeit drückte, Kritik anzunehmen. Mit Zorn dachte er daran zurück, wie oft Eduard damals, als sie beide noch Arbeitsjungen gewesen waren, salopp an der Wand gelehnt und eine Zigarette geraucht hatte, während Hans Waren ein- und ausgeladen oder Zutaten durchs Lager geschleppt hatte. Nur wenn Meister Willibald in der Nähe war, hatte er scheinheilig mit angepackt.

Hans griff eilig nach der nächsten Dose und füllte sie mit Bonbons, konzentriert, um sich nicht zu verzählen.

»Schneller!«, hörte er Eduard.

Er konnte die säuerlichen Ausdünstungen riechen, als dieser noch einen Schritt näher an ihn herantrat. Und plötzlich sah Hans rot. Blitzschnell drehte er sich um und baute sich bedrohlich vor Eduard auf.

»Meinst du wirklich, dass es schneller geht?«, zischte er. »Wenn ich mich richtig erinnere, warst du, als du noch Bonbons abgezählt hast, wesentlich langsamer als ich.«

»Was fällt dir ein, Riegel?« Die Augen des Juniorchefs funkelten vor Zorn.

Hans sagte nichts, hielt seinem Blick aber stand.

Eduard lief rot an. »Geh an deine Arbeit, sonst lass ich dir das Rumstehen vom Lohn abziehen.«

Hans biss die Zähne zusammen, zuckte dann mit den Schultern und setzte seine Arbeit fort. Innerlich kochte er vor Wut. Wieder hatte er den Kürzeren gezogen. Obwohl Eduard nichts konnte und stinkfaul war, stand es ihm zu, über ihn und alle anderen Arbeiter zu bestimmen. Wie immer hatte Meier die Oberhand.

Hans war auf seinen Lohn angewiesen, außerdem hätte er sich vor dem Vater nie die Blöße gegeben, eine Entlassung zu beichten. Aber in seinen Fingern zuckte es. Beinahe hätte er gegen Eduard mit seiner überheblich grinsenden Fresse die Faust erhoben. Wie er es hasste, ihm aufgrund seiner Stellung zwangsläufig unterlegen zu sein!

Auf dem Heimweg kaufte Hans sich den General-Anzeiger für Bonn und Umgegend und die Rhein und Düssel. Er hatte genug. Zum einen lernte er schon länger nichts Neues mehr, zum anderen war er heute kurz davor gewesen, Eduard gegenüber die Kontrolle zu verlieren. Die Arbeit war die richtige, davon war er nach wie vor überzeugt. Nur die Firma war die falsche.

Nach dem Abendessen zog er sich mit den Zeitungen in sein Zimmer zurück, das er sich mit dem vier Jahre jüngeren Peter teilte, der inzwischen auf dem Bau arbeitete. Sein Bruder war ein ruhiger Bursche, der mit stiller Zufriedenheit auf dem Hof half und mit dem Vater unkompliziert zusammenarbeitete.

In der näheren Umgebung fand Hans nichts. Aber in Neuss wurde in einer Bonbonfabrik ein Facharbeiter gesucht.

Wenn Hans dort anfing, würde er zu Hause ausziehen müssen. Dem Vater würde das gar nicht gefallen, denn dann könnte Hans nach Feierabend nicht mehr auf dem Hof mithelfen. Aber ihn selbst erfüllte diese Vorstellung mit Vorfreude. Endlich raus aus Friesdorf und aus der Enge des Elternhauses. Es war höchste Zeit.

Sofort machte er sich daran, eine Bewerbung zu schreiben. Am darauffolgenden Samstag fuhr er mit dem Zug nach Neuss, um sich persönlich beim Vorarbeiter vorzustellen.

Als er zwei Wochen später die Zusage mit der Post erhielt, stieß er einen Freudenschrei aus, der Peter von seinem Buch aufschauen ließ.

»Was ist denn passiert?«

»Ich habe eine Stelle als Facharbeiter bekommen. In Neuss«, jubelte Hans.

»Aber das ist ja so weit weg.« Peter schien wenig begeistert.

»Sind bloß achtzig Kilometer. Da kann ich am Wochenende oft heimkommen. Wirst sehen. Dafür hast du dann das Zimmer für dich.«

Peter grinste. »Werd dich aber trotzdem vermissen.«

»Ich dich auch.«

Am nächsten Tag ging Hans zu Meister Willibald, um zu kündigen. Dessen offensichtliche Enttäuschung tat ihm leid.

»Ich kann dich verstehen«, sagte der Meister und fuhr sich mit der Hand über die Glatze. »Du hast alles gelernt, was ich dir beibringen kann. Deinen Gesellenbrief hast du in der Tasche. Weiter geht es für dich hier nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Wenn der alte Meier noch da wäre, hättest du vielleicht …« Er brach ab. Nie hätte der treue Meister auch nur ein schlechtes Wort über seinen jungen Chef verloren.

Hans nickte. Dann schüttelte er Willibald die Hand. »Ich werde Ihnen nie vergessen, dass Sie es waren, der mir eine Chance gegeben hat. Wenn Sie mir nicht geholfen hätten, wäre ich immer noch ein Arbeitsjunge.«

»Schon gut«, sagte der grobschlächtige Mann schroff. »Dank es mir mit harter Arbeit im neuen Betrieb. Die Leute sollen nicht sagen, dass der Meister Willibald Faulenzer ausbildet.«

»Mach ich.« Noch einmal griff Hans nach der Hand des Meisters, der es trotz aller Strenge immer gut mit ihm gemeint hatte. »Danke für alles«, sagte er ernst.

Als er am Abend die Temperatur am Siedekessel der Süßholzwurzelspäne überprüfte, trat Eduard an ihn heran.

»Ich habe gehört, du willst uns verlassen.«

»Ja. Zum nächsten Ersten fange ich in Neuss an.«

»Das ist ein Fehler!«

»Warum?« Herausfordernd sah er den Juniorchef an.

»Aus dir wird nie etwas. Wenn Meister Willibald nicht mehr seine schützende Hand über dich hält, werden alle merken, dass du nichts taugst.«

Hans lachte spöttisch. »Du solltest nicht von dir auf andere schließen. Ich habe alles gelernt, was es hier zu lernen gibt. Ich habe mich nicht um jede Arbeit gedrückt und meine Ohren verschlossen, wann immer mir jemand etwas erklären wollte. Die können froh sein, dass sie mich kriegen.«

Es tat gut, nicht mehr kuschen zu müssen. Eduard hatte heute keine Macht über ihn. Wenn er ihn entließ, war es egal, da er die neue Anstellung schon in der Tasche hatte.

Eine steile Zornesfalte bildete sich zwischen den Augen des Juniorchefs. Mit arroganter Stimme zischte er: »Denk an meine Worte, Riegel! Du wirst es nie zu etwas bringen. Irgendwann wirst du uns wieder um Arbeit anbetteln, wenn du mit eingezogenem Schwanz aus der Fremde zurückkehrst.«

»Wir werden sehen«, sagte Hans betont gleichgültig und grinste Eduard an.

Mit diebischer Freude beobachtete er, dass dieser rot anlief, bevor er sich abrupt abwandte und die Halle verließ.

4. Kapitel

Neuss, Mai 1913

Süßwaren Franke war kleiner als Kleutgen & Meier, und die Abläufe waren anders organisiert. Hans war für Hustenbonbons eingeteilt und als Facharbeiter für alle Arbeitsschritte vom Kochen der Bonbongrundmasse aus Zucker, Glukosesirup und Wasser über das Abkühlen, das Zugeben der Kräuterextrakte, das Ziehen, das Walzen und das Formen zuständig. Der Chef, Helmut Franke persönlich, kam jeden Abend in die Produktionshalle und überprüfte den Glanz und die Substanz der Bonbons, die über den Tag hergestellt worden waren. Ausnahmslos alles, was seinen Ansprüchen nicht genügte, wurde als B-Ware verbilligt verkauft.

Franke war ein großer, schlanker Mann, der nur wenige Worte verlor. Was ihn in Hans’ Augen auszeichnete, war, dass er die Arbeit kannte und verstand. Wann immer jemand krank oder ein Auftrag in Verzug war, legte er selbst Hand mit an.

»Kommst du noch mit? Wir wollen in den Bunten Ochsen«, sagte Achim, ein Bonbonkocher, der bei den Zuckerstangen eingeteilt war, als er an diesem Abend an Hans vorbeiging.

»Gern«, antwortete Hans freudig überrascht.

Er war seit fünf Wochen in Neuss, aber bis jetzt hatte er kaum Anschluss gefunden. So hatte er die Abende in seinem schäbigen Pensionszimmer im Sebastianusviertel verbracht, wo er sich das Bad mit vier anderen Arbeitern teilte. Doch er war froh, in der Innenstadt eine Bleibe gefunden zu haben und nicht in einer der großen Mietskasernen außerhalb. Hier gab es wenigstens Frau Nolte, die rundliche Wirtin, die abends »für ihre Männer«, wie sie ihre Untermieter nannte, kochte.

Um halb neun verließ Hans das schmale Haus in der Oberstraße, frisch rasiert, gewaschen und herausgeputzt. Er trug seine gute Sonntagshose mit weißem Hemd und Schiebermütze. Der Bunte Ochse lag in der Brandgasse. Hans musste vorbei an der Schrammschen Puddingfabrik und sog genüsslich den Duft nach Süße und Kindheit ein, der aus den Fensterritzen strömte.

In der großen Vorhalle des Gasthauses warteten Achim und Gerd, der ebenfalls bei Franke arbeitete, auf ihn. Die drei jungen Männer suchten sich einen Platz an der Theke und bestellten sich ein Bier. Der Gastraum war gut gefüllt mit Arbeitern, Soldaten in preußischer Uniform und auch einigen bürgerlichen Herren in Dreiteiler und Hut.

Anfänglich kam Hans nur holprig mit den beiden anderen ins Gespräch. Sie arbeiteten schon viele Jahre zusammen und sprachen von Freunden und Erlebnissen, die er nicht mit ihnen teilte. Doch nach dem zweiten Pils fühlte er sich entspannter und begann, von seiner Zeit bei Kleutgen & Meier zu erzählen. Er versuchte, seine Begeisterung für Süßwaren und seine Erfahrungen in der Produktion lebhaft zu schildern, ohne dabei zu prahlen. Gerd taute ebenfalls immer mehr auf und begann, von Annemarie – seinem »Schätzeken«, wie er sie nannte – zu erzählen. Er hatte vor, sich demnächst mit ihr zu verloben. Achim gab einige Anekdoten über Franke zum Besten, die Hans zum Lachen brachten.

Doch plötzlich hielt sein Kollege mitten im Satz inne und schaute an Hans vorbei. Auch Gerd war verstummt. Hans drehte sich um.

Drei junge Mädchen hatten den Gastraum betreten. Sie redeten, kicherten und ignorierten die Blicke der anwesenden Männer, die ausnahmslos auf sie gerichtet waren. Hans starrte genau wie alle anderen wie gebannt zu den Damen hinüber.

Es war schon ungewöhnlich genug, Frauen ohne männliche Begleitung in einem Gasthaus anzutreffen. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der die drei sich völlig ungezwungen unterhielten und sich an einem Tisch niederließen, anscheinend ohne die Aufmerksamkeit wahrzunehmen, die ihnen zuteilwurde, imponierte Hans. Zu alledem war eine hübscher als die andere. Schimmernde Haare, rote Lippen, Blusen, die vollendete Figuren umschmeichelten, und unter den schmalen Röcken, die bis zu den Knöcheln reichten, konnte man lange Beine erahnen.

Ein junger Soldat in preußischer Ausgehuniform pfiff anerkennend. Über den Gastraum hatte sich eine auffällige Stille gesenkt. Als der Kellner an den Tisch der Damen trat, lauschten alle gespannt. Die Mädchen bestellten Sekt.

Wie extravagant, dachte Hans halb schockiert, halb beeindruckt.

»Wat für schöne Frolleins!«, entfuhr es Achim.

Seine Begleiter nickten. Keinem gelang es, den Blick von den drei Damen abzuwenden, die sich nun ausgelassen zuprosteten.

Plötzlich stand eine von ihnen auf – eine schlanke, hochgewachsene Blondine – und kam direkt auf sie zu. Gerd lief rot an, Achim verschluckte sich an seinem Bier, und Hans sah zu Boden.

»Hat einer der Herren Feuer für uns?«, fragte die junge Dame.

Alle drei kramten eifrig in ihren Taschen. Gerd war am schnellsten. Gebannt beobachtete Hans, wie sich die roten Lippen der fremden Frau um die Zigarette schlossen, sie den Rauch tief einzog und dann genüsslich wieder ausatmete.

»Dürfen wir die Damen auf ein Glas Sekt einladen?«, ließ sich nun Achim vernehmen, dem es als Einzigem nicht die Sprache verschlagen hatte.

Hans stieß ihn in die Rippen. Bis er die Miete und das Essen bezahlt und ein wenig für schlechtere Zeiten zurückgelegt hatte – wie es ihm die Mutter ständig einbläute –, blieb kaum Geld übrig. Solch ausgefallene Extras gab sein Lohn nur schwer her.

»Gerne«, sagte die Frau mit einem herzlichen Lächeln. Sie winkte ihre zwei Begleiterinnen heran, die nach kurzem Zögern zu ihnen herüberkamen.

Als der Sekt auf dem Tresen stand, stellten sie sich einander vor. Die Blondine hieß Annalena Mertens, ihre Freundinnen Mathilda Hartmann und Jane Birchley. Letztere stammte aus London.

Die Damen tanzten in der Operette Die lustige Witwe im Ballett. Sie machten es Hans und seinen Arbeitskollegen leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Nie entstanden die peinlichen Pausen, die er von seinen früheren Begegnungen mit Mädchen in unschöner Erinnerung hatte, so ungezwungen und fröhlich erzählten sie von ihrem Leben.

Am zurückhaltendsten war die dunkelhaarige Jane, die mit einem starken englischen Akzent sprach. Man sah ihr an, dass sie sich konzentrieren musste, um dem Gespräch zu folgen, vor allem, wenn die Männer in ihren rheinländischen Dialekt verfielen. Hans gefiel es, wie sie den Kopf schräg legte und genau zuhörte. Wenn sie redete, erinnerte ihr fremder Akzent ihn an die große weite Welt, von der er träumte, solange er denken konnte. Diese junge Frau war ihm einen Schritt voraus. Sie hatte ihr Heimatland verlassen.

»Sind Sie schon lange im Deutschen Reich?«, fragte er sie interessiert.

»Ich bin jetzt drei Jahre hier.«

»Warum haben Sie England verlassen?«

»Ich wollte immer tanzen. Ich war in London ein Music Hall Dancer.« Ihre Sprache war mit englischen Begriffen durchsetzt, was er sehr charmant fand. »Aber wir sind eine working class-Familie, es gab keine Möglichkeit für mich, eine gute Ausbildung zu bekommen. Ich habe alles bei einer Vortänzerin in der Music Hall gelernt. Bei den Ballettkompanien nehmen sie eine wie mich nicht. Die deutschen Operettentheater bilden besser aus, auch wenn sie uns die Proben nicht bezahlen. Aber leider ist in der Operette das Ballett nur background zur Handlung.«

»Wollen Sie denn, wenn Sie hier alles gelernt haben, zu einer englischen Ballettkompanie?«

»Nein, dafür bin ich nicht gut genug. Eine richtige Ballettausbildung beginnt, wenn man vier Jahre alt ist. Das hätten sich meine Eltern niemals leisten können«, sagte Jane mit entwaffnender Offenheit. »Aber zurück in die Music Hall will ich auch nicht.« Dann lächelte sie, aber in ihren Augen konnte Hans eine große Entschlossenheit erkennen. »Ich will nach Paris, ich will eines Tages im Moulin Rouge oder im Folies Bergère tanzen. Dort nehmen sie nur die besten Mädchen und bezahlen sie gut.«

Hans nickte. Ihm gefiel dieser Ehrgeiz. Auch Jane wollte mehr, als ihr nach ihrer Ausbildung und ihrer Herkunft zustehen sollte.

Kurz bevor der Wirt die Sperrstunde ausrief, bot Hans Jane an, sie nach Hause zu begleiten. Doch sie lachte nur.

»Ich gehe mit Mathilde und Annalena. Wir wohnen alle zusammen.«

Ungern wollte er das bildhübsche Mädchen mit dem aufregenden Akzent ziehen lassen. Es passierte selten, dass er sich so ungezwungen mit einem Fräulein unterhalten konnte. Meist interessierte er sich nicht für das, was die gleichaltrigen Mädchen ihm erzählten.

»Darf ich Sie einmal zum Essen einladen?«, fragte er unsicher.

Jane lachte wieder. Lachte sie ihn aus? »Ich tanze jeden Abend. Vor zehn habe ich nie frei. Dann gibt es in dieser kleinen deutschen Stadt nirgendwo mehr etwas zu essen.«

Da hatte sie wahrscheinlich recht. »Dann vielleicht auf ein Glas Sekt?«