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David und Marlene haben sich den Traum vom Leben im Süden erfüllt, haben dem grauen Deutschland Adieu gesagt und sind ins Licht der Côte d’Azur gezogen, zwischen Palmen und Strand. David führt Touristen auf den Spuren von Brigitte Bardot durch Saint-Tropez, Marlene malt Lavendelfelder in Öl. Eine prekäre Existenz, das Leben auf der Sonnenseite ist teuer, der Traum droht zu scheitern. Da gerät David auf einer Tour durch den Canyon du Verdon in ein Unwetter und rettet einem Mann das Leben, der sich auf ungewöhnliche Weise bedankt …
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Seitenzahl: 324
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Georg Heinzen
Ich schenk dir einen Mord
Kriminalroman
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Satz/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung einer Illustration von Florian Heinzen-Ziob
ISBN 978-3-7349-3260-1
für Valentin Samuel und Paulina
David war an dem Septembermorgen, der sein Leben verändern sollte, früh aufgestanden und hatte den Wetterbericht studiert. David verdiente seinen Lebensunterhalt als Tourguide und führte Touristen zu den Sehenswürdigkeiten der Provence: Cézanne und der Montagne Sainte-Victoire. Lourmarin, die letzten Tage von Albert Camus. Saint-Tropez, auf den Spuren von Brigitte Bardot. Neu in Davids Programm, der Canyon du Verdon. Eine der spektakulärsten Schluchten Europas, die als unpassierbar galt, bis der französische Jurist und Höhlenforscher Édouard Alfred Martel den 700 Meter tiefen Canyon 1905 in einer viertägigen Expedition durchquerte. David hatte die Schlucht oft besucht, weshalb er auf die Idee kam, die Martel-Tour auf seiner Website anzubieten. Für alle, die sich die Wanderung alleine nicht zutrauten, um unter Davids sachkundiger Führung den Canyon zu durchqueren, der von der dramatischen Erstbegehung bis zum umstrittenen Staudammbau alles über den Canyon du Verdon wusste und auf unterhaltsame Art zu erzählen verstand. Wobei David zugutekam, dass er, neben vielen anderen Jobs, als Stadtführer in Tübingen gearbeitet hatte, wo er mit seiner Frau, einer Malerin, lebte. Aber es zog das Paar ans Mittelmeer, wo man die Sommerferien verbrachte, während der Wunsch reifte, immer in der Provence zu leben. Weshalb sie ihre Zelte in Deutschland abgebrochen hatten und an die Côte d’Azur gezogen waren, wo David seine Führungen anbot, während Marlène Lavendelfelder in Öl malte und auf Wochenmärkten verkaufte. Eine prekäre Existenz, wie man an dem schrottreifen Fiat Panda sehen konnte, mit dem David an diesem folgenschweren Tag auf dem Parkplatz von La Maline am Rand des Canyons eintraf.
Auf dem Weg von der Küste hinauf in die Berge hatte David Marlène in Sainte-Maxime abgesetzt, wo Markttag war und sie einen Stand gemietet hatte. Während David half, die Staffeleien mit Marlènes Ölgemälden aufzustellen, kam es zum Streit mit einem Touristen, der eines der Gemälde fotografieren wollte und nicht bereit war, es zu unterlassen oder das Bild zu kaufen. Denn, so Marlène auf ihre impulsive Art, statt das Bild zu kaufen, würde der Mann in den nächsten Copyshop gehen, das Bild als Poster ausdrucken lassen und zu Hause übers Sofa hängen. Der Tourist erwiderte amüsiert, er würde niemals solchen Kitsch aufhängen, worauf Marlène dem Mann die Kamera wegreißen wollte, was David verhindern konnte, aber nicht, dass sie dem Mann eine Kanonade schlimmster Flüche hinterherrief und die Aufmerksamkeit des gesamten Marktes auf sich zog. Weshalb David die Ruhe über dem Canyon genoss, während er in der geöffneten Heckklappe des Pandas saß und seine Bergschuhe schnürte. Die Teilnehmer der Tour, die sich auf Davids Website angemeldet hatten, waren noch nicht eingetroffen. So hatte er Zeit, eine Zigarette zu rauchen, wobei der auffrischende Wind das Feuerzeug ausblies, sodass er sich in den Panda zurückziehen musste. Als die ersten Teilnehmer eintrafen, hatte der Himmel, der am Morgen mit strahlendem Blau lockte, sich zugezogen, der Wind frischte weiter auf und riss David den Strohhut vom Kopf, trieb ihn über den Parkplatz, während er hinterherlief, und wehte ihn in die Tiefen des Canyons.
Inzwischen waren alle Teilnehmer der Tour eingetroffen. David prüfte, ob sie geeignete Wanderschuhe, einen Regenschutz und ausreichend Proviant, vor allem genug Wasser bei sich hatten. Dazwischen checkte er auf seinem Handy den Wetterbericht, der sich von Minute zu Minute verschlechterte und eine Unwetterwarnung für das Hinterland der Côte d’Azur aussprach. So entschied David schweren Herzens, die Tour abzusagen, auch wenn er auf die Tageseinnahme verzichten musste, während die Teilnehmer versuchten, David umzustimmen, sie würden auf eigene Verantwortung gehen. Aber David ließ sich nicht erweichen. Trotz aller Beteuerungen konnte er sich vorstellen, wie die Beurteilungen der Tour auf seiner Website ausfallen würden, wenn er die Leute in einen Wettersturz führte. Es täte ihm leid, erklärte David, aber er könne die Verantwortung nicht übernehmen und würde dringend abraten, auf eigene Faust in den Canyon einzusteigen. Aber statt dankbar zu sein, dass er sich verantwortungsvoll zeigte, machten die Teilnehmer David Vorwürfe, als wäre er für das Wetter verantwortlich. Ein Paar aus den USA verlangte, David solle ihm die Fahrtkosten ersetzen, worauf er den beiden den 50-Euroschein gab, den er fürs Tanken vorgesehen hatte.
»Was für ein Scheißleben!«, fluchte David, während die Teilnehmer seiner Tour in ihre Autos stiegen und davonfuhren. »Was für ein Scheißleben!« David ging zu seinem Panda, der allein auf dem verlassenen Parkplatz stand, um an die Küste zurückzufahren und Marlène beim Abbau ihres Standes zu helfen, sollte sie nicht bereits wegen ungebührlichem Verhalten von der Marktaufsicht fortgeschickt worden sein, wie das vor ein paar Tagen in Fréjus passiert war. David öffnete die Fahrertür, die der Wind ihm aus der Hand riss, stieg aber nicht ein, sondern beschloss, die Tour allein anzutreten. Er nahm seinen Rucksack vom Beifahrersitz, klemmte Steine unter die Vorderräder, damit der Wind den Panda nicht in den Abgrund wehte, und schritt zum Einstieg.
War es Trotz, dass David ungeachtet der Unwetterwarnung in den Canyon einstieg? Keine Zweifel zuzulassen, dass der Traum des Paares nicht in Erfüllung gehen könnte, weil das Geld, das die beiden verdienten, für ein Leben an der Côte d’Azur nicht reichte? Weil Marlène keine Bilder verkaufte und Davids Touren nicht gebucht wurden? Wie auch immer, bald war David mit dem Wald, der sich unter den Schlägen des Windes duckte, und dem Pfad, der unter seinen Schritten dahinflog, allein. Auch wenn er auf die Tageseinnahme verzichten musste, genoss er es, sein Tempo zu gehen und sich nicht der Gruppe anpassen zu müssen. So erreichte David bald den Verdon, an dessen Ufer er eine Rast einlegte und die Butterbrote aß, die Marlène für ihn geschmiert hatte. Wegen der Enge des Canyons, dessen Hunderte Meter hohen Felswände so dicht beieinanderstanden, dass man nur einen schmalen Streifen Himmel sehen konnte, erkannte David erst, dass dieser Streifen ein giftiges Grau angenommen hatte, als es zu spät war umzukehren und ihm nichts anderes übrig blieb, als sich zu drei Tunneln durchzuschlagen, die man in den senkrechten Felsen getrieben hatte, um die steilsten Abstürze passierbar zu machen. Hier wäre er vor dem Regen sicher, der auf ihn herunterprasselte, als hätte der Himmel seine Schleusen geöffnet. David setzte seinen Rucksack wieder auf und rannte am Ufer des Verdon entlang Richtung Échelles Imbert, einer Treppe mit 252 Stufen, die ihn zum Eingang des ersten Tunnels leiten würde. Aber der Verdon schwoll rasch an und riss alles mit sich, was ihm in den Weg kam. Baumstämme, Kajaks, Campingstühle und Zelte, weil die Rafting-Agenturen am Beginn des Canyons von dem Unwetter überrascht worden waren und keine Zeit hatten, ihre Ausrüstung in Sicherheit zu bringen. So hastete David voran, über Bäume steigend, die der Sturm entwurzelt hatte, und dem Verdon ausweichend, der weiter stieg. Er hatte die Treppe fast erreicht. Immer, wenn Blitze einschlugen, leuchtete das Geländer der Échelles Imbert wie eine Himmelsleiter. Noch mal durchatmen. Ein letzter Blick auf den Verdon, vor einer Stunde ein plätschernder Bach, der zu einem brüllenden Monster geworden war, das alles zermalmte. Selbst Hunderte Jahre alte Bäume. Einer dieser mächtigen Stämme staute den Verdon auf, sodass sich ein Strudel bildete, in den eine orange Schwimmweste geriet, die sich im Kreis drehte, während David begriff, dass in der Schwimmweste ein Körper steckte, der einen Helm trug mit einer Stirnlampe, die ein pulsierendes Licht aussandte. Wie Herzschlag. Wobei David sich nicht vorstellen konnte, dass der Mensch in der orangen Schwimmweste noch lebte. Als der Strudel den Körper näher ans Ufer drängte, griff David beherzt zu, zog den Körper an Land und drehte ihn auf den Rücken. Ein bärtiger Mann. David löste die Stirnlampe vom Helm und richtete sie auf die Pupillen des Mannes, die eine Reaktion zeigten. David zerschnitt mit seinem Taschenmesser die Schwimmweste und drückte auf den Brustkorb des Mannes, worauf dieser einen Schwall Wasser erbrach und zu sich kam.
Wie David den Mann die 252 Stufen der Échelles Imbert hinaufbekam, daran konnte er sich nicht mehr erinnern, als er Marlène am Abend seine abenteuerliche Geschichte erzählte. Die Erinnerung setzte wieder ein, als David mit dem Mann den ersten Tunnel erreichte, wo der Mann auf Englisch mit starkem Akzent David um sein Handy bat. Es gab im Tunnel keinen Empfang, weshalb David vorschlug, am Ausgang des letzten Tunnels bei der Point Sublime den Notruf zu wählen, damit der Mann zur Kontrolle ins Krankenhaus gebracht wurde. Was der Mann ablehnte, der wieder zu Kräften kam und den letzten der drei Tunnel ohne Davids Hilfe durchquerte. Als sie den Tunnel verließen, hatte sich das Unwetter verzogen. Auf dem verlassenen Parkplatz stand ein Range Rover, auf den der Gerettete zusteuerte. David erklärte, er würde fahren. Der Mann gab David den Zündschlüssel, und während dieser den Range Rover die gewundene Straße aus dem Canyon hinaussteuerte, immer wieder umgestürzten Bäumen und herabgefallenen Steinen ausweichend, führte der Mann mit Davids Handy ein Telefonat auf Russisch, das er kurz unterbrach, um David zu bitten, ihn nach La Maline zu bringen. Als sie den Parkplatz erreichten, der voller Trümmer lag, weil das Unwetter eine Kaffeebude zerlegt hatte, näherte sich das Knattern eines Helikopters, der auf dem Parkplatz landete. Zwei Männer stiegen aus und rannten geduckt unter dem rotierenden Rotor zu dem Range Rover. Der eine nahm den Geretteten in Empfang und brachte ihn zu dem Hubschrauber, während der andere David um die Autoschlüssel bat, in den Range Rover stieg und dem Helikopter folgte, der rasch abhob. David ging zu seinem Panda, öffnete die Klappe und ließ sich erschöpft im Heck nieder, um auf das Dutzend besorgter Nachrichten zu reagieren, die Marlène auf seinem Handy hinterlassen hatte.
Ein paar Tage später bekam David einen Anruf. Es war der Russe mit dem charmanten Akzent, der sich bei David bedanken wollte, dass er ihm das Leben gerettet hatte. Ein Essen im kleinen Kreis, legere Kleidung. Es folgte eine WhatsApp mit der Wegbeschreibung. David zögerte, die Einladung anzunehmen. Das Haus des Russen lag im Massif des Maures, zwei Autostunden von der Halbinsel Saint-Tropez entfernt, wo das Paar ein Ferienhaus bewohnte, das es sich, obwohl man sich zu allerlei hausmeisterlichen Arbeiten verpflichtet hatte, nicht leisten konnte. Marlène drängte David, die Einladung anzunehmen, vielleicht sprang etwas heraus für seine Rettungstat.
David stieg in den Panda und verließ bei Sainte-Maxime die Küste, um sich auf immer schmaleren Straßen in die Berge zu schrauben, begleitet vom Zirren der Zikaden und dem Fahrtwind, der durch die Fenster knatterte, die David heruntergedreht hatte, weil die Klimaanlage ausgefallen war. Noch in Sichtweite der Küste, deren im Abendlicht glitzerndes Band zwischen den Bäumen glühte, wurde es immer einsamer um David. Kein Auto begegnete ihm auf der engen, von der Sommerhitze verformten Straße, und jetzt brach die Internetverbindung ab, sodass die Stimme verstummte, die David hierhergeleitet hatte. Er hielt an und überlegte, ob er umkehren sollte, um mit Marlène den Abend am Pool ausklingen zu lassen, statt auf der Suche nach dem Haus des Russen den Tank leer zu fahren, dessen Nadel sich der Reserve näherte. David startete wieder den Motor, um zu wenden, als sich auf seinem Handy eine Frauenstimme meldete und sich auf Französisch erkundigte, wo er bliebe, alle würden auf ihn warten. David erklärte, die Internetverbindung sei abgebrochen, weshalb sein Navi nicht funktionierte. Die Frau versprach, sie würde David übers Handy leiten, er sollte ihr seine Position durchgeben. Welche Position? Da stand nur ein Schild, das auf Waldbrandgefahr hinwies. Aber der Frau in Davids Handy reichte das, ihn mit ihrer verführerischen Stimme zu einer Stelle zu leiten, wo der Wald sich öffnete, um die Zufahrt zu einem schlossartigen Anwesen freizugeben, das in einem Park mit Wasserspielen lag.
David schien nicht der einzige Gast zu sein, vor dem Anwesen parkten zahlreiche Limousinen. David fand eine Lücke zwischen einem Rolls-Royce und einem Lamborghini, neben denen sich der rote Panda mit blauen Türen – David konnte sich die Lackierung nach einem Unfall nicht leisten – ausnahm wie ein Scherz. David schloss den Panda ab, auch wenn es albern war, und folgte den anderen Gästen zum Eingang des Parks, wo ein Metalldetektor stand und die Gäste vom Sicherheitspersonal aufgefordert wurden, ihre Taschen zu leeren, worauf sie von weißen Handschuhen abgetastet wurden. Nachdem David Portemonnaie und Autoschlüssel wieder eingesteckt hatte, folgte er den anderen in den Park, der von plätschernden Fontänen gekühlt wurde, in denen die Abendsonne Regenbögen spannte. Über einen Teich trieben Schwäne zur Klaviermusik, die von der Terrasse herüberwehte, wo ein Pianist auf einem weißen Flügel Rachmaninow spielte. Auf einem Videowürfel wurde das Entrée der Gäste übertragen, während David mit Erschrecken begriff, dass er der Einzige in Polo und Shorts war zwischen lauter Männern in Anzügen. David nahm ein Glas Champagner vom Tablett eines der vorbeischwirrenden Kellner, kippte es hinunter und wollte wieder gehen, als ein weißer Elektrokarren, der besonders wichtige Gäste am Eingang abholte, neben ihm hielt. Hinterm Steuer saß eine unfassbar schöne Frau in einem unfassbar engen Kleid und begrüßte David mit Vornamen, wobei sie ihn französisch aussprach, was interessant und verführerisch klang. Es war die Frau, die David übers Handy hierhergeleitet hatte. Natascha, die persönliche Assistentin des Hausherrn. Natascha klopfte auf den Sitz neben ihren langen braunen Beinen, um David zu Sergej zu bringen, der ihn ungeduldig erwartete. David beschlich Panik, zum Mittelpunkt all der schönen, reichen Menschen zu werden, weshalb er sein Handy aus seiner Shorts hervorfummelte, das ihm vor lauter Aufregung in den Fußraum des Golfwagens fiel, wo Nataschas Pumps standen, denn sie steuerte den Wagen mit nackten Füßen. Als David sein Handy gefunden hatte, behauptete er, er hätte eine Nachricht erhalten und müsste leider wieder gehen. Weshalb Natascha so nett sein sollte, ihn zum Parkplatz zu fahren und dem Gastgeber Grüße auszurichten. Natascha schüttelte entschlossen ihre blonde Mähne und erklärte, Sergej würde es ihr nie verzeihen, wenn sie zuließe, dass der Mann, für den er diesen Empfang gab, die Party schon wieder verlassen würde. Dabei drehte sie mit dem Golfwagen eine Runde, um auf Sergej zuzuhalten, den David erst jetzt erkannte, weil er inmitten einer Gruppe Männer und Frauen stand, aber vor allem, weil er keinen zerfetzten Neoprendress trug, sondern einen weißen Anzug, der maßgeschneidert war. Denn bei jeder seiner Handbewegungen, mit denen Sergej eine Anekdote zum Besten gab, bewegte sich das Jackett mit der Verzögerung einer Sekunde, was Sergej noch mächtiger erschienen ließ. Dabei war Sergej von eher kleiner Statur, aber die Art, wie seine Zuhörer Abstand hielten und zugleich an seinen Lippen hingen, machte jedem klar, dass dieser kleine Mann unter allen hier der Größte war. Während sich der Golfwagen der Gruppe um Sergej näherte, unternahm David einen letzten Versuch, Natascha dazu zu bringen, ihn zurück zum Parkplatz zu fahren, indem er auf seinen Aufzug hinwies: Dass ihn alle für den Mann halten müssten, der den Pool sauber machte. Worauf Natascha erwiderte, Sergej hätte ihr von Davids Heldentat erzählt, weshalb er es nicht nötig hätte, sich herauszuputzen. Denn Helden, so Natascha mit einem Lächeln, würden keine Anzüge tragen. Das stimmt, dachte David, bei dem Nataschas Parfüm eine betörende Wirkung entfaltete, ich bin ein Held! Außerdem war es zu spät, sich zurückzuziehen, denn Natascha drückte die Hupe, worauf sich der Kreis um Sergej öffnete und dieser mit ausgebreiteten Armen auf David zukam und ihn an seine Brust drückte. David ließ Sergejs Beweis seiner Zuneigung über sich ergehen, wobei er das Gefühl hatte, als würde sich gerade ihr Verhältnis auf den Kopf stellen, dass Sergej ihn rettete.
»Mes amis, attention s’il vous plait!« Endlich ließ Sergej David los, nahm ein volles Champagnerglas von einem vorbeischwebenden Tablett, klopfte daran und wartete, bis auch alle anderen Gäste, die im Park lustwandelten, ihn und den Mann in den kurzen Hosen umringten. »Ich möchte euch den Mann vorstellen, dem ich mein Leben verdanke!«
Sergej wartete, bis sich das anerkennende Raunen gelegt hatte.
»Vor ein paar Tagen feierte Igor«, Sergejs Blick ging zu einem Kerl mit einer schwarzen Augenklappe, an dessen Schulter sich eine Frau mit gewagtem Dekolleté schmiegte, »seinen Junggesellenabschied mit einer Raftingtour durch den Canyon du Verdon. Weil Igor sich mit seiner Hochzeit übernommen hatte, sollten wir die Tour statt in Kajaks in Schwimmwesten antreten.« Sergej wartete, bis sich das Gelächter gelegt hatte, und fuhr, David weiter bei der Hand haltend, fort: »Eine Instruktorin erklärte, wie wir uns im Wasser zu verhalten hätten und empfahl, mit den Füßen voran durch die Stromschnellen zu treiben, um Kopfverletzungen zu vermeiden. Wir schlüpften in Neoprenanzüge, schlossen die Schwimmwesten, setzten Helme auf und aktivierten das Positionslicht. Da ich zufällig an der Spitze unserer Gruppe ging, stieg ich als Erster in den Fluss. Während ich mit den Füßen voraus den Verdon hinuntertrieb, kam das Kommando, die Tour wegen eines heraufziehenden Unwetters abzubrechen. Weshalb die Instruktorin mir hinterherpfiff, aber ich hatte den Beginn der Stromschnellen erreicht und konnte nicht mehr zurück. Also konzentrierte ich mich darauf, nicht gegen die Felswände zu stoßen, die immer näherkamen. Was dann geschah, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich vermute, dass ich mich drehte und mit dem Kopf voraus gegen die Felsen prallte. Alles Weitere kann euch mein Freund erzählen.« Der Russe ließ Davids Hand los und nickte ihm aufmunternd zu.
David schaute in die Runde erwartungsvoller Gesichter und lächelte verlegen. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Vermutlich hatte sich Monsieur …«
»Sergej«, korrigierte der Russe, »ich heiße Sergej!«
»Vermutlich hatte Sergej sich in einem der Büsche am Ufer verfangen, während der Verdon wegen des Unwetters immer weiter anschwoll, bis das Wasser Sergej mitriss. So geriet er flussabwärts bei der Échelles Imbert in einen Strudel. Ich watete ins Wasser, zog Sergej an Land, brachte ihn wieder zu Bewusstsein und schlug mich mit ihm zur Point Sublime durch. Etwas, das jeder hier auch getan hätte.«
»Da wäre ich mir nicht sicher«, schaltete sich der Gastgeber ein. »Der eine oder andere hätte die Gelegenheit ergriffen und zugeschaut, wie meine Leiche den Fluss hinuntertreibt.«
Während alles in großes Gelächter ausbrach, begriff Sergej, dass seinem Gast die Aufmerksamkeit der schönen, eleganten Menschen unangenehm war, weshalb er David beiseitenahm und fragte, ob er ihm seinen Park zeigen dürfe. David nickte erleichtert, wobei er auch bereit gewesen wäre, sich koreanische Keramik oder belgische Briefmarken anzuschauen, um nicht länger Mittelpunkt des Interesses zu sein. Sergej führte David in den Park und beschrieb die exotischen Gewächse, die hier wuchsen, bis er vor einer kleinen, rötlich schimmernden Pflanze stehen blieb und erklärte, die größten Kostbarkeiten seien unscheinbar. Ein Lächeln, dann begann Sergej von der kleinen Pflanze zu schwärmen, deren lateinischer Name Brogharia cuprea lautete. »Die Kupferpflanze, endemisch auf den Molukken, dort lange ausgestorben.« Sergej machte eine bedeutungsvolle Pause. »Weshalb dieses Exemplar weltweit das letzte seiner Art ist.«
Die beiden Männer schlenderten weiter durch den Park, Rasensprengern ausweichend, die im Krebsgang Sprühnebel verteilten. Darüber kamen die beiden sich näher, dass David sich ein Herz fasste, Sergej zu fragen, mit welcher Arbeit man es zu solchem Reichtum brachte.
»Ich bin Geschäftsmann.«
»Und welche Geschäfte sind das?«
Sergej blieb stehen und schaute David auf eine Weise an, wie ein Vater seinen Sohn. »Willst du das wirklich wissen?«
In Davids Kopf lief ein Film ab: Der Hubschrauber, die Waffenkontrolle am Eingang, die Frauen mit ihren künstlichen Brüsten, die Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen. »Nein«, erwiderte David und schlug die Augen nieder, weil er Sergejs Blick nicht länger standhielt.
»Interessierst du dich für Kunst?« Ohne Davids Antwort abzuwarten, führte Sergej ihn aus dem Park zu der Villa, die über breiten Treppen thronte wie eine Sahnetorte. Erbaut im schwülstigen Stil der Belle Époque, überraschte sie innen mit kühler Nüchternheit, Böden aus Travertin und weißen Wänden, die die Kunstwerke, die hier hingen, zur Geltung brachten.
Beeindruckt durchschritt David, der, ausgehend vom Bling-Bling der Gäste, teuren Kitsch erwartet hatte, die Fluchten. Aber Sergej bewies als Sammler einen sicheren Geschmack, wobei seine Leidenschaft der Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts galt. So flanierte David entlang an zwei Südseeschönheiten von Gauguin, Birnen und Äpfeln von Cézanne, blühenden Bäumen von Pissarro und einem tanzenden Paar von Renoir. David kannte jedes dieser Gemälde, er hatte mal ein Kunstmagazin herausgegeben, und rühmte Komposition, Farben und Technik. Am Ende ihrer Runde blieben die beiden vor einem kleinen Gemälde im Goldrahmen stehen. Es zeigte drei rote Mohnblumen in einer grünen Vase vor einer gelben Tapete.
»Van Gogh«, flüsterte David, während die Männer das Bild betrachteten. »Weißt du«, wandte sich David an Sergej, »warum Van Gogh oft Stillleben mit Blumen gemalt hat?«
Sergej schüttelte den Kopf.
»Weil er kein Geld hatte, Modelle zu bezahlen.«
Sergej lächelte, als ob ihn diese Information das Bild noch kostbarer erscheinen ließ.
»Ist es nicht fantastisch«, schwärmte David, näher an das Bild tretend, »mit welch einfachen Mitteln Van Gogh die Illusion erzeugt, wir würden am Feldrand gepflückten Klatschmohn sehen? Dabei sind es nur farbige Flecken, aber im Auge des Betrachters fügt es sich zu einem Strauß zusammen.«
Sergej schaute David nachdenklich an. »Dir gefällt das Bild?«
»Ich finde, es ist eines der berührendsten Gemälde, die Van Gogh geschaffen hat, wenn auch Stuhl mit Pfeife, Sternennacht oder Krähen überm Weizenfeld berühmter sind.«
»Du kennst dich aus mit Van Gogh, mein Freund.«
»Vor ein paar Jahren kam ich nach Saint-Remy-en-Provence, wo Van Gogh sich in die Irrenanstalt einweisen ließ. Es war Frühjahr, ein kalter Wind blies und wirbelte durch die Felder. Da begriff ich, diese rotierenden Bewegungen in Van Goghs Gemälden, das sind keine Dämonen, das ist der Mistral.«
Sergej, der aufmerksam zugehört hatte, nickte zustimmend. »Du bist der Erste, der dieses Bild versteht. Möchtest du es haben?«
David glaubte, nicht richtig zu hören. »Was sagst du?«
»Ob du das Bild haben möchtest?«, wiederholte Sergej. »Ich schenke es dir. Du hast mir das Leben gerettet.«
Bevor David reagieren konnte, nahm Sergej das Gemälde von der Wand und hielt es ihm hin, während ein Alarm losging. Sekunden später stürmten Security-Männer in die Halle. Sergej erklärte auf Russisch, dass alles in Ordnung wäre, und schickte die Männer fort, während er David weiter das Bild hinhielt. »Mach mir die Freude, bei dir sind die Mohnblumen in guten Händen. Du weißt das Bild zu schätzen.«
David gab sich einen Ruck, nahm das Gemälde entgegen und betrachtete es. Noch nie hatte er solch eine Kostbarkeit in den Händen gehalten.
»Nimm das Bild«, drängte Sergej, »ich stehe nicht gern in jemandes Schuld. Und solltest du die Mohnblumen verkaufen, brauchst du nie mehr zu arbeiten, wohnst in solch einer Villa und kannst dir eine Freundin wie Natascha leisten.«
In Davids Kopf überschlugen sich die Gedanken: ein Van Gogh. Er hielt einen echten Van Gogh in Händen. Sollte er ihn verkaufen, wären er und Marlène auf einen Schlag reich. Marlène müsste nicht länger die mitleidigen Blicke der Touristen auf den Wochenmärkten ertragen, er müsste nicht länger schlecht angezogenen Rentnern etwas über Picassos Affären und die Hochzeitsnacht von Brigitte Bardot erzählen. Er würde in einer Villa in Saint-Tropez wohnen, Partys geben wie Sergej und nicht mit dem Panda im Leerlauf vom Canyon du Verdon hinunter zur Küste rollen, weil er Teilnehmern der abgesagten Tour die Fahrtkosten erstattet hatte. Warum aber entschied sich David, den Van Gogh nicht anzunehmen? Wollte er Sergej, der offensichtlich ein Gangster war, zeigen, dass er ein ehrlicher Mann war? Wollte David, der sich in seinen kurzen Hosen zwischen den Meisterwerken klein vorkam, Sergej demonstrieren, dass dieser zwar reich und mächtig, David ihm aber moralisch überlegen war?
»Danke, aber ich bin mit meinem Leben zufrieden«, erklärte David nach langem Zögern und gab den Van Gogh zurück.
Sergej ließ sich nicht anmerken, dass er gekränkt war, weil David sein großzügiges Geschenk ablehnte, hing das Gemälde zurück an seinen Platz und erklärte, es sei Zeit fürs Dinner, das er zu Ehren von David geben würde. Aber David entschuldigte sich, er müsste am nächsten Morgen früh raus, Geld verdienen, weshalb er sich verabschieden würde.
Sergej ließ sich die erneute Zurückweisung nicht anmerken, sondern erkundigte sich höflich, was das für eine Arbeit sei, während die beiden Männer die Villa verließen und die Freitreppe hinabstiegen.
»Ich mache Führungen für Touristen. Picasso in Antibes, Van Gogh in Saint-Remy, Camus in Lourmarin, Brigitte Bardot in Saint-Tropez.«
»Und das reicht zum Leben?«
»Ich bin zufrieden«, erwiderte David, während die beiden am Fuß der Treppe stehen blieben. »Außerdem weiß ich bei Marlène, dass sie mich um meiner selbst willen liebt.«
Wieder ließ Sergej sich nicht anmerken, dass ihn die Spitze gegen Natascha, von der David unterstellte, sie sei seine Hure, kränkte, sondern begleitete David zum Ausgang, wo er ihm die Hand reichte. »Mach’s gut, mein Freund!«
David nickte und versuchte, Sergej seine Hand zu entziehen, aber der hielt sie fest. »Ich werde immer in deiner Schuld stehen. Deshalb, solltest du jemanden töten wollen, wen und warum auch immer, lass es mich wissen. Meine Leute erledigen das schnell und diskret.«
David glaubte, nicht richtig zu hören. »Dafür, dass ich dir das Leben rette, schenkst du mir einen Mord?«
Sergej lächelte. »Das ist der Lauf der Dinge. Eigentlich sollte ich sterben, so hat es mein Schicksal bestimmt. Aber dann kamst du und hast mir das Leben gerettet. Was bedeutet, dass die Welt aus dem Gleichgewicht ist, weil ein Lebender zu viel unter uns weilt. Verstehst du, was ich meine?«
Ohne Davids Antwort abzuwarten, wobei David keine Antwort eingefallen wäre auf diese seltsamen Überlegungen, ließ Sergej seine Hand los und ging zurück zu seinen Gästen, um am Kopf einer langen Tafel Platz zu nehmen, die man im Park gedeckt hatte, wo die Kellner darauf warteten, den Rosé in die Gläser zu füllen, die im Licht Tausender Kerzen funkelten.
Wie betäubt ging David zum Ausgang, wo er wieder von der Security abgetastet wurde, während sein Blick auf eine Wanne voller Waffen fiel, die man den Gästen abgenommen hatte. Bevor David in seinen Panda stieg, schaute er ungläubig zurück, als habe er das alles nur geträumt. Nun startete er den Motor, der erst nach mehreren Versuchen ansprang, und wollte losfahren, als ans Seitenfenster geklopft wurde.
Es war Natascha, die eine Plastiktüte hochhielt. »Damit du nicht mit leeren Händen fortfährst!«
Aber David hatte keinen Blick für die Plastiktüte, sondern betrachtete den Ansatz von Nataschas perfekten Brüsten, die sich zu ihm herabbeugten. Er schaute Natascha wohl zu lange an, denn diese stellte lächelnd klar: »Es geht nicht um das, woran du gerade denkst. Sergej teilt seine Freundin mit niemandem.«
Natascha hielt David weiter die Plastiktüte hin, bis dieser sie ergriff und auf den Beifahrersitz stellte, davon ausgehend, dass man ihm etwas vom Dinner eingepackt hatte für die Rückfahrt. Aber als er tief im Wald anhielt, weil sich der Hunger meldete, entnahm David der Tüte einen kleinen grauen Plastiktopf mit einer rötlich schimmernden Pflanze Brogharia cuprea.
Es war tiefe Nacht, als der Panda vor einem einstöckigen Haus im Hinterland von Saint-Tropez zwischen der Route Nationale und einem Waldstück hielt. David stieg aus, nahm die Plastiktüte mit der Kupferpflanze vom Beifahrersitz, betrat das Haus durch die Garage und stellte die Tüte auf die Küchenanrichte, deren Marmorimitat sich an den Ecken löste. Die Türen zur Terrasse standen offen, sodass die Ausdünstungen des Pools heranwehten, der am Ende dieses heißen Tages faulig roch. David füllte an der Spüle ein Glas mit Wasser und ließ seinen Blick schweifen: über die vergilbte Tapete, an der in zufälliger Anordnung Teller mit Windmühlen hingen. Über die Sitzgarnitur aus schwarzem Kunstleder, das aufgeplatzt war. Über den Esstisch, dessen Glasplatte gesprungen war. Daran vier Stühle, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass sie unbequem waren. Über das Regal aus Schmiedeeisen, in dem lauter Dinge lagen, die sie nie benutzten. Davids Blick schwenkte weiter über ein Hirschgeweih an der Wand, an dem eine Kochschürze hing, bis er am Ende seiner Runde wieder bei der Anrichte landete, wo der Wasserhahn tropfte, weshalb er sein mittlerweile leeres Glas darunter stellte.
David verließ die Küche und trat hinaus auf die Terrasse, wo Marlène in einem Liegestuhl eingeschlafen war. Offenbar hatte sie auf David gewartet, war aber von Müdigkeit überrollt worden, wobei das Handy ihr aus der Hand gerutscht und auf den Boden gefallen war. David nahm auf einem zweiten Liegestuhl gegenüber Platz und ließ seinen Blick über die schlafende Marlène wandern, wobei er nie verstand, dass eine so schöne Frau ihn erwählt hatte. Jetzt begriff David, dass Marlènes Schönheit alterte. An ihren langen Beinen, auf die sie so stolz war, zeichneten sich blaue Adern ab. Die Brüste, so fest, dass Marlène nie einen BH trug, waren eingefallen. Um ihren Mund zeichneten sich Falten ab, die Enttäuschung dort eingegraben hatte. Die Lippen nicht mehr so voll wie früher, sondern trocken und schmal. Wie es Marlènes Gewohnheit war, trug sie nur eine Bikinihose, weshalb David eine Decke nahm und Marlène zudeckte, weil ihm ihre Nacktheit peinlich war.
Darüber wurde Marlène wach. »Du bist zurück? Wie war’s?«
David machte eine abfällige Handbewegung. »Der Russe, dem ich das Leben gerettet habe, ist ein Gangster. Er wohnt in einer Villa oben in den Bergen in einem Park voll exotischer Pflanzen.«
Marlènes Neugier war geweckt. »Wart ihr zu zweit?«
»Da waren Hunderte Menschen. Alle in Anzügen und Abendkleidern. Ich kam mir vor wie der Mann, der den Pool sauber macht. Wobei der Pool so groß ist, dass ein Mann alleine das nicht schafft.«
»Und diese Party«, Marlène hatte sich in ihrem Liegestuhl aufgerichtet und hing an Davids Lippen, »gab dein neuer Freund nur für dich?«
»Ja, nur für mich.« David lächelte stolz. »Wobei Party die Sache nicht richtig trifft. Es war ein ›Empfang‹. Ein richtig großer Empfang, womit Sergej seinen Lebensretter feiern wollte.«
Marlène nickte beeindruckt. »Ein Empfang nur für dich. Hat dieser Sergej eine Rede gehalten?«
»Immer der Reihe nach«, spannte David Marlène auf die Folter. »Zuerst hat Sergej mich durch den Park geführt. Es gibt dort eine kleine Pflanze, die längst ausgestorben ist. Eine Brogharia cuprea.«
Marlène machte eine ungeduldige Handbewegung, David sollte sie nicht mit Nebensächlichkeiten langweilen.
»Dann hat Sergej mir seine Gemäldesammlung gezeigt: Gauguin, Cézanne, Pissarro, Renoir.«
»Sicher alles Kopien«, warf Marlène ein, worauf David heftig den Kopf schüttelte. »Originale. Sogar ein Van Gogh, Vase mit Mohnblumen.«
»Woher willst du wissen, dass es keine Kopien waren?«
»Sergej hat den Van Gogh von der Wand genommen und mir das Zertifikat auf der Rückseite gezeigt. Er hat das Bild bei Christie’s in New York ersteigert.«
Marlène nickte beeindruckt. »Deshalb hat dieser Sergej den Van Gogh von der Wand genommen, um dir zu zeigen, dass das Bild echt ist?«
»Deshalb, aber vor allem, um mir die Vase mit Mohnblumen zu schenken.«
Marlène lachte ungläubig. »Der Russe wollte dir einen Van Gogh schenken?«
»Da staunst du, was?«
»Und wo ist der Van Gogh?« Marlène schaute sich um, davon ausgehend, dass David das Bild versteckt hatte, um sie zu überraschen.
»Ich habe das Bild nicht angenommen.«
»Du hast was?«
»Ich wollte das Bild nicht. Der Typ ist ein Gangster, an dem Bild klebt Blut.«
»Du hast tatsächlich einen Van Gogh abgelehnt?«
David nickte, nicht mehr sicher, ob der Preis für seinen moralischen Triumph zu hoch war.
»Du hast dem Russen das Leben gerettet.« Marlène hob ihr Handy vom Boden auf, gab Daten ein und las einen Eintrag bei Wikipedia vor: »›Vincent Van Gogh, Vase mit Mohnblumen, 65 x 52 Zentimeter, Entstehungsjahr 1886. Geht am 4. April 2018 für 24 Millionen US-Dollar bei Christie’s in New York an einen russischen Sammler.‹ 24 Millionen US-Dollar!« Anklagend hielt Marlène David ihr Handy hin. »Begreifst du eigentlich, was wir mit den 24 Millionen alles tun könnten? Wir müssten nicht länger in einer Schrottkiste herumfahren. Wir müssten nicht in einem Pool voller Algen baden. Wir müssten …«
»Du hast keine Ahnung«, versuchte David, Marlène zu stoppen, »wie langweilig dieser ganze Reichtum ist.«
»Wir müssten«, fuhr Marlène unbeirrt und immer aufgebrachter fort, »nicht länger unseren Freunden dankbar sein, dass sie uns dieses Loch vermieten. Ich müsste nicht mehr bei Carrefour nach Sonderangeboten suchen …«
»Die Frauen haben sich alle die Brüste machen lassen, da war nichts echt.«
»Und du bräuchtest nicht Rentnern in Jogginganzügen was über Brigitte Bardot zu erzählen. 24 Millionen US-Dollar!«
»Wir könnten keinen Morgen mehr mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen.«
»Welcher Spiegel?«
»Wir sind ehrliche Leute«.
»Deshalb hocken wir in diesem Loch.«
»Loch?« David lachte ungläubig. »Als wir hier ankamen, warst du begeistert und hast Fotos gepostet, um deine Freundinnen zu beeindrucken.«
»Warum habe ich einen Loser geheiratet?« Marlène stand auf und wollte ins Haus, aber David hielt sie zurück. »Warte, es ist nicht so, dass ich mit leeren Händen zurückkomme.«
Marlène entspannt sich. War die Geschichte mit dem abgelehnten Van Gogh nur die Ouvertüre zu einem noch teureren, noch großzügigeren Geschenk, das der Russe David machte, weil der ihm das Leben gerettet hatte?
David wollte den Moment hinauszögern, bis er den Joker zog, dass Sergej ihm einen Mord geschenkt hatte. »Setz dich, Schatz«, machte er es spannend, wobei ihm klar wurde, dass er Marlène noch nie »Schatz« genannt hatte, sie führten eine moderne Ehe. Marlène registrierte, dass David sie zum ersten Mal Schatz nannte, aber sie ließ es geschehen, weil sie seit der Rettungstat im Canyon du Verdon begriffen hatte, dass sie mit einem richtigen Mann verheiratet war. Und deshalb war es okay, dass David sie »Schatz« nannte. Marlène ließ sich in den Liegestuhl fallen, während David gegenüber Platz nahm und mit geheimnisvollem Lächeln zu erzählen begann: »Du wirst es nicht glauben, Schatz, als ich die Party verlassen wollte, geschah Folgendes: Sergej begleitete mich zum Ausgang, wo er mir ein seltsames Geschenk machte. Weil ich Sergej das Leben gerettet habe …«
David brach ab. Warum, wusste er nicht. Er konnte es sich nicht erklären, warum er sich in diesem Moment entschied, die Sache mit dem Mord, den Sergej ihm geschenkt hatte, Marlène nicht zu erzählen. Sie hätten die Nacht damit verbracht nachzudenken, wen sie von Sergejs Killern umlegen lassen würden. Wer es verdient hätte, wie der Tourist, der sich in Sainte-Maxime abfällig über Marlènes Malerei geäußert hatte. Oder der Besitzer des Ferienhauses, ein Freund, der so vermögend war, dass er es nicht nötig hatte, Miete zu verlangen, sondern es nur tat, um die beiden zu demütigen. Um schließlich ins Bett zu gehen und übereinander herzufallen, sich an der Macht berauschend, die ihnen Sergejs unmoralisches Angebot verlieh. Wenn der Abend so beschwingt hätte enden können, warum zögerte David, Marlène die unglaubliche Geschichte zu erzählen? Stattdessen holte er die Plastiktüte mit der Kupferpflanze aus der Küche und hielt sie Marlène hin.
»Was ist das?«
»Als ich gehen wollte, kam Sergejs Assistentin …«
»Die Assistentin?«, unterbrach Marlène. »Der Russe hat eine Assistentin? Wozu braucht der eine Assistentin?«
»Sie wurde mir so vorgestellt. Willst du die Geschichte trotzdem hören?«
Marlène nickte aufgeregt. »Du willst die Party verlassen, als die Assistentin des Russen …«
»… mich stoppt. Ich war in unseren Panda gestiegen.«
»Das ist nicht unser Panda. Das ist dein Panda. Ich würde freiwillig nie in so einer Schrottkiste rumfahren.«
David atmete tief durch. Der Panda war ständiger Anlass für Streit, weil Marlène den Panda zum Symbol ihres Misserfolgs erkoren hatte. Geschenkt. David hatte endlich Erfolg. Das würde Marlène, die ihm bei jeder Gelegenheit vorwarf, mit allem, was er anfasste, zu scheitern, überzeugen. »Brogharia cuprea«, flüsterte David, als würde er ein Geheimnis verraten. »Brogharia cuprea.« Nun nahm er vorsichtig die kleine Pflanze im grauen Plastiktopf aus der Tüte und hielt sie hoch. »Dieses Exemplar ist weltweit das letzte seiner Art. Ist sie nicht wunderschön?«
Marlène betrachtete die unscheinbare Pflanze mit einem Blick, der von Ungläubigkeit zu Furcht wechselte. Sie wollte etwas sagen und öffnete den Mund, aber ihr fehlten die Worte. Marlène fehlten einfach die Worte. Sie war sprachlos.
David deutete das Schweigen, dass Marlène beeindruckt war, weshalb er ihr die Kupferpflanze hinhielt. »Du kannst sie anfassen, sie beißt nicht.«
Marlène erhob sich aus ihrem Liegestuhl und wich vor der kleinen Pflanze zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Hauswand stieß.
»Mach ein Foto«, schlug David vor, »und poste es auf Facebook. Deine Freundinnen werden Augen machen.«
Aber Marlène schob sich an der Hauswand entlang zur offenen Küchentür, um nicht mit der Pflanze in Berührung zu kommen, die David ihr weiter hinhielt.
»Marlène?«
Marlène blieb in der offenen Küchentür stehen.
»Bist du sauer wegen dem Van Gogh?«
»Sauer?« Marlène schüttelte ungläubig den Kopf. »Hast du gerade sauer gesagt? Du schlägst 24 Millionen Dollar aus und kommst zurück mit einer scheiß Pflanze?«
»Ich glaube nicht, dass Sergej mir den Van Gogh ohne Gegenleistung überlassen hätte«, rechtfertigt sich David. »Du bekommst von Gangstern nichts geschenkt. Alles hat seinen Preis. Gangster sind Gangster.«
»Und Loser sind Loser«, erwiderte Marlène mit einer Stimme, die vor Verachtung bebte, und verschwand im Haus.
Saint-Tropez – Blondinen bevorzugt. Sammelpunkt der Führung war der Parkplatz Nouveau Port. David begrüßte die Teilnehmer, Senioren aus Deutschland, England und den USA, kassierte die Teilnahmegebühr, dann ging es los: Erster Stopp, eine Autowerkstatt, in der 1956 eine Szene aus dem Film Und immer lockt das Weib gedreht wurde, der den Mythos Brigitte Bardot begründete. David versammelte die Gruppe vor einem Plakat des Films, das im Eingang der Werkstatt hing, und versuchte, seine Zuhörer für den männlichen Blick zu sensibilisieren, mit dem hier die Bardot zum Objekt gemacht wurde. Auf dem handgemalten Poster starrt ein deutlich älterer Curd Jürgens lüstern auf Brigitte Bardot herab, die sich jung und naiv im Negligé auf einem Bett wälzt. Aber niemand hörte David zu, weil eines der Paare unter Gejohle die Szene für ein Foto nachstellte. Es ging weiter entlang der Kaimauer, wo Luxusjachten festgemacht hatten. David blieb vor der größten Jacht, die mit ihrem Schwarz etwas Unheimliches und Aggressives ausstrahlte, stehen und setzte zu einem Vortrag über den verschwenderischen Treibstoffverbrauch an. Aber niemand hörte David zu, weil sich einer der Teilnehmer über die Gangway aufs Vordeck der Jacht geschlichen hatte und dort breitbeinig posierte, als sei er der Eigner. Es ging weiter zum Le Sénéquier, dem roten Café im alten Hafen, wo sich seit den wilden 1960ern nichts geändert hatte, bis auf die Preise. Aber niemand aus Davids Gruppe beschwerte sich über die elf Euro für einen Cappuccino. Im Gegenteil, man ließ Bierdeckel und Speisekarten in Taschen und Jacken verschwinden, als Trophäen für zu Hause. Nach der Kaffeepause ging es hinein ins Gewimmel der Altstadtgassen, über den kleinen Fischmarkt, wo man eine Ahnung bekam, wie malerisch es hier einmal aussah, bevor der Jetset das Fischerdorf entdeckte, zum Hôtel La Ponche, wo Brigitte Bardot und Gunter Sachs ihre Hochzeitsnacht verbrachten. Leider, so David, ließ sich Zimmer Numero 1 nicht besichtigen, weil das La Ponche auf Jahre ausgebucht war. Weiter ging es zum Meeresfriedhof von Saint-Tropez, wo David die Gruppe am Grab von Roger Vadim versammelte, der als Regisseur Brigitte Bardot entdeckte, mit der er mehrere Filme drehte und ihr erster Ehemann wurde. Hier referierte David über das Motiv der Vanitas