Kavaliersdelikt - Anna Katharina Hahn - E-Book

Kavaliersdelikt E-Book

Anna Katharina Hahn

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Beschreibung

Was passiert, wenn ein Medizinstudent in Berlin-Friedrichshain eine Verehrerin von Else Lasker-Schüler anmacht? Wie erotisierend ist die Arbeit wissenschaftlicher Assistentinnen am Forschungsprojekt für mittelhochdeutsche Literatur wirklich? Wie fühlt sich eine Berlinerin in Stuttgart? Und wie überleben kinderlose Senioren 50 Jahre nach der Rentenreform?

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Anna Katharina Hahn

Kavaliersdelikt

Erzählungen

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2024

Der vorliegende Text folgt der 4. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 3654.

© 2004, Suhrkamp Verlag AG, Berlin

Der Inhalt dieses eBooks ist urheberrechtlich geschützt.

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Umschlag: hißmann, heilmann, hamburg

eISBN 978-3-518-75285-2

www.suhrkamp.de

Inhalt

Ermislauh

Affenadam

Kavaliersdelikt

Fleurs de peau

Alte Rosen

Hier ist es still

Zombiefilme

Kommune Kalk

Veröffentlichungshinweise

Ermislauh

Bärbel greift ins Laub, harkt mit Krallenfingern einen kleinen Berg zusammen, knüllt und preßt die ledrigen Blätter, wirft sie in den Müllsack zu ihren Füßen. Die Handflächen werden dunkelbraun. Ein langgestrecktes Blatt bleibt am Anorak hängen, schmal und glattrandig. »Walnuß ist das. Schau mal, wie es färbt. Hat die Mutter früher genommen, für die Ostereier, gab ja nichts anderes.« Rainers Blick folgt der in einer kalten Bö herabtrudelnden Blätterschar. Der mächtige Baum wächst an der Friedhofsmauer. Sie landen auf dem eben freigerechten Grabhügel und decken ihn erneut zu. Bärbel scheint es nicht zu bemerken. Sie versucht mit einer kleinen roten Harke – normalerweise wird damit die Erde in ihren Balkonkästen gelockert – daumendicke Efeuranken auszureißen. »Ich will wissen, ob hier vielleicht die Emmi liegt, Mutters Patentante.«

Schon wieder dieses Wort: Mutter. Karlena war ihm seinerzeit, ziemlich rasch, wie er fand, als Mutsch vorgestellt worden, und er hatte nie eine andere Bezeichnung gehört. Rainer dreht sich um und sichtet Bärbels Mutter, über zehn Gräberreihen hinweg. Schmiedeeiserne Kreuze, zum Teil mit emaillierten Namenstäfelchen, spießen sich in den zugigen blauen Oktoberhimmel. Zusammen mit ein paar anderen Frauen zwischen sechzig und achtzig legt Karlena die hohen steinernen Grabeinfassungen frei, beschneidet urwaldartig verwachsene Lebensbäume und struppige Kriechmisteln, richtet die verschnörkelten Eisenzäunchen wieder auf, die sich um die älteren Ruhestätten ziehen. Vorhin, bei der Begrüßung an der Kirche, hätte er sie fast nicht erkannt. »Rainer, Bub, was ist los? Kennst du deine Fast-Schwiegermutter nicht mehr?« Alle hatten gelacht – ein Haufen schwarzgekleideter alter Frauen mit fransigen Wollkopftüchern, fußlangen dunklen Röcken, Schürzen aus steifem glänzendem Stoff und derben Schnürstiefeln.

Die Brille hatte Karlena schließlich enttarnt, ein buntgoldenes Designergestell großstädtischen Ursprungs, und eine Locke fliedergetöntes Haar, die verräterisch unter dem eng gebundenen Tuch hervorkroch. Ihre Hände hingegen paßten, wie sie aus den engen Blusenärmeln wuchsen. Es war ihm noch nie so aufgefallen, aber heute, ohne das ewig klingelnde Armband mit dem gefaßten Hirschzahn, ohne die übereinandergesteckten Zirkonia-Ringe und die unvermeidliche Zigarette hatte Karlena Bauernhände: knochig an den Fingergelenken, mit hornigen Nägeln, kräftigen Daumen und stark hervortretenden Sehnen. Hände, die wilde Triebe und holzige Schößlinge wie Papierblumen aus der Erde ziehen. Hände, die sicher einer Gans, einem jungen Hahn den fedrigen Kopf nach hinten drehen konnten, eine Axt schwingen, Brotteig kneten, einen Mistkübel schleppen. Die sogenannte Omma, Karlenas Mutter, ist weit über achtzig. Sie hat das alles noch getan, als Frau des Stieglebauern. Neben seiner kleinen Landwirtschaft flocht der nach Feierabend Körbe, oft nur für einen Krug Most als Entgelt. Hielt Ziegen und Hühner in einem Verschlag neben der guten Stube. Trotzte der Rauhen Alb seine Kartoffeln ab, das Grünfutter für ein paar Kühe. Ein harter Mann, gefallen 1944 bei Warschau. Im Moment stutzt die Omma einen stattlichen Wacholder, der vor Jahrzehnten dekorativ neben dem Grabkreuz eingepflanzt wurde, es aber inzwischen in die Schräge gedrückt hat. Sie bückt sich, wirft das Schnittgrün in einen Papiersack. Der kürbisförmige Hintern reckt sich herausfordernd nach oben.

Auch an ihrem Kaffeetisch hatte Rainer schon wenige Wochen nach seinem ersten Zusammentreffen mit Bärbel gesessen. Der Weg war nicht weit gewesen. Alle drei Stiegle-Frauen wohnten im gleichen Hochhaus, in den Sechzigern der letzte Schrei mit Müllschlucker, Fahrstuhl und Asbestverkleidung. Inzwischen sah alles ein wenig verlottert aus. Zu den Schmierereien an den Treppenhauswänden – »Jasmin fickt vergebene Jungs« – kamen abblätternder Lack und brüchige Auslegeware. In der mit Familienfotos zugehängten Wohnung der Großmutter roch es nach Muff, Apfelkuchen und WC-Frisch. Die Alte mit dem dünnen Haarknoten goß ständig Kaffee nach und nickte zufrieden, als Rainer von seinem Job berichtete. Ihr Schwäbisch war so breit, daß er es nur teilweise verstehen konnte. Bärbel streichelte ihre krummen Gichtfinger. »Ich bring dich zu Mutsch und Omma, weil wir drei immer zusammengehalten haben. Der Opa ist im Krieg geblieben. Omma hat Mutsch in den schlechten Zeiten ganz allein durchgebracht. Mutsch hat nie geheiratet. Für die war’s auch schwer, alleinerziehend, da haben die Leute viel geredet. Ich will das nicht so haben, ohne Mann bleiben und mich durchbeißen, weißt du.« Als er ihr in der dunklen Diele in den Mantel half, drückte sie sich an ihn.

Rainer hatte gerade einen beruflichen Aufstieg erlebt, als Manager des Schnellrestaurants, in dem er schon im ersten Semester gearbeitet hatte. Statt Fritten aus dem Fett zu heben und abends VWL-Vorlesungen zu besuchen, war er nun damit beschäftigt, die Sauberkeit der Gästetoiletten im Halbstundentakt zu kontrollieren, das Betriebsklima zwischen den ghanaischen, angolanischen und pakistanischen Boulettenbratern mit Hilfe seiner rudimentären Englischkenntnisse einigermaßen freundlich zu gestalten und grinsende Porträts der Mitarbeiter des Monats im Eingangsbereich anzupinnen. Das Studium hatte er – vorerst – aufgegeben.

Bärbel stand in der Schlange an Kasse vier, Rainer war kurz für den Kollegen mit der schwachen Blase eingesprungen. Burger mit Seelachs und Salat, dazu Cola light, keine gefüllten Schmalzkuchen à la americaine, auch kein Eisbecher mit Karamelschmiere und Smartie-Garnitur. Unter dem violetten Webpelz leuchtete der weiße Praxiskittel. Wie er später erfuhr, arbeitete sie als Arzthelferin bei einer Gynäkologin. Ein weiches, großflächiges Gesicht, in dem sich Augen, arglos hellblau, Mund und eine unauffällige Nase angenehm verteilten. Flaumige Haut, winzige, mit Puder bestäubte Flimmerhärchen, die sogar auf den Ohrläppchen sprossen. Er hatte die Hände etwas zu kräftig um die hellgrüne Pappschachtel mit dem gewünschten Burger geschlossen, so stark war der Wunsch gewesen, über den Tresen zu greifen und zu fühlen, zu tasten, zu wischen, die silbrig und rosa glitzernden Stäubchen der Kosmetika vorsichtig herunterzustreichen, darunter warme Glätte zu spüren, gepaart mit diesem letzten Rest äffischen Ursprungs. Natürlich verrechnete er sich, zu ihren Ungunsten. Das Hellblau bekam einen stählernen Stich, der sich aber schnell wieder auflöste. Es war nicht schwierig, sie einzuladen: »Irgendwohin, wo sie nicht alles zwischen zwei Brötchen klemmen.« Das fand sie witzig, ebenso wie das koreanische Restaurant am Abend, das Geangel mit den Holzstäbchen nach gebratenen Glasnudeln, Wolkenohrpilzen. »Viel mehr Knoblauch als beim Chinesen. Aber lecker.« Sie zeigte sich überraschend unzimperlich. Keine weiteren Einladungen, keine Kinobesuche oder Musical-Karten waren nötig gewesen. Das einzige Hindernis stellte eine Bastion von Diddl-Mäusen und anderen flauschigen Monstren dar, die ihr ziemlich breites Bett bis in die letzte Ecke besetzten.

Die alten Frauen rupfen und schneiden routiniert, ausgerüstet mit gekrümmten Grabmessern und anderen Werkzeugen, die fast mittelalterlich aussehen, aber anscheinend ihren Zweck erfüllen. Ob Karlena das Zeug in ihrer imitierten Louis-Vuitton-Handtasche, einem Schnäppchen vom letzten Türkei-Urlaub, transportiert hat? Sie arbeitet in der Hocke, der schwere dunkle Rock streift die lehmige Friedhofserde, aber es scheint sie nicht zu stören. Schnell und präzise führen ihre Hände eine Wurzelbürste über die unlesbar gewordene Inschrift. Ihr Gesicht ist erfüllt von Erwartung. Immer wieder hört er freudige Aufschreie, wenn ein rostiges Täfelchen lesbar gemacht, ein von Moos und Flechten bepelzter Denkstein freigekratzt wird. »Der Gieger, kommt schnell, hier liegt der Lehrer Gieger, mein Gott! Wißt ihr noch, der Ausflug auf den Hohen Urach, was hat der Mann nicht alles auf die Beine gestellt! Und die Kinderfeste, wißt ihr noch?« »Und hier der Lederer-Paule vom Obst- und Gartenbauverein! Wie der immer geschimpft hat, wegen der paar Brettacher, die wir ihm weggemaust haben!«

Der Friedhof befindet sich hinter der Kirche, eingefaßt von einer bröckeligen Mauer. Langhaus und Turm sind nahezu vollständig abgedeckt, ein paar bemooste Ziegelreihen liegen noch auf den Dachsparren wie verbrannte Weihnachtsgutsle auf ihrem Blech. Die romanischen Rundbogenfenster sind vernagelt oder starren als schwarze Löcher in die Gegend. Aus dem freigewitterten Mauerwerk sprießen üppige Unkrautbüschel. Dicke Holunderbüsche, enorm angewachsene Lebensbäume und Zypressen bedrängen das Gotteshaus von allen Seiten. Über die Schwelle des Haupteingangs kriecht Schnurgras. Auf der Turmspitze thront ein schwarzgrün oxidierter Wetterhahn, der noch immer bedächtig der jeweiligen Windrichtung folgt.

Bärbel flucht leise, das rote Großstadthäckchen ist zu Bruch gegangen. Mit bloßen Händen arbeitet sie weiter. Der Efeu wehrt sich, in ihren Händen bleiben nur Blätter, die kräftigen Ranken lassen sich nicht ausreißen. Eine kastenförmige Alte, die eine Gießkanne an ihnen vorbeischleppt, bleibt stehen und schüttelt den Kopf: »Bärbele, des isch doch nix. Nemmsch mei Schaufele, gang her!« Sie nestelt eine verbogene Schaufel aus ihrer Schürzentasche. Bärbel lächelt, ihre Wangen sind gerötet, die Nasenspitze ein wenig feucht. Für einen Moment kann Rainer sie unter dem Kopftuch sehen, mit grauem Scheitel, das flaumige Gesicht von Falten durchgraben, vereinzelte Bartstacheln auf Kinn und Nasenrücken, lange Schlitze in den Ohrläppchen, die über siebzig Jahre lang die Konfirmationsohrringe gehalten haben, Gold und Aquamarin: Bärbele. Bärbele aus Ermislauh mit ihrem Schäufele, in vermatschten Treckinghosen und Outdoor-Jacke, auf einem verwilderten Grab kniend. Bärbel ist kein Outdoor-Typ. Videoabende mit Pizza-Service liegen eher auf ihrer Linie. Trotzdem hatte Rainer nach und nach ein paar Dinge entdeckt, die nicht in Bärbels Diddl- und einhorngeschmückte Wohnwelt, zu ihrer Madonna-Begeisterung und den diversen Glitzer-Lippenstiften passen wollten.

Dazu gehörten das Glas warmes Wasser mit Essig, das sie jeden Morgen trank, Apfelstücke in der Erde der Zimmerpflanzen (»Der beste Dünger, und so günstig«) und eine Sammlung eingetrockneter Blätter und Rinden im Küchenschrank. Bei Grippe und ähnlichen Übeln braute sie daraus braungrüne Tränke mit reichlich Bodensatz und legte sich unter mehrere Plumeaus ins Bett, ohne ein Fenster zu öffnen. »Schwitzen, vor allem Schwitzen, das hat Mutsch schon als Kind mit mir gemacht. Schwitzen und Kräutertee trinken. Omma hat ihr das beigebracht. Landfrauen eben. Früher hab ich sie dafür gehaßt, aber heute bin ich dankbar. Noch nie im Leben mußte ich Antibiotika nehmen, und das bei den vielen Bazillen in der Praxis.«

Das alles kam aus Ermislauh, einem der höchstgelegenen Dörfer der Schwäbischen Alb. Nicht daß sie selbst dort aufgewachsen wäre – Mutsch war als zehnjähriges Mädchen aus dem Kaff weggezogen. Erst 1965 war sie, nach einem Fehltritt mit einem Filou von der Post, der sich gleich nach Karlsruhe versetzen ließ, von dieser gut gewachsenen, pelzhäutigen Tochter entbunden worden. Die hatte sie dann unter Mühen und Plagen durch die swinging sixties und roaring seventies bis zur Arzthelferin gebracht. Und heute, kurz nach der Eröffnung des ersten Moskauer McDonald’s, standen sie alle hier, auf dem Ermislauher Dorffriedhof, das war der Lauf der Geschichte.

Bärbel plaudert mit der Alten, die ihre Kanne inzwischen abgestellt hat, während Rainer pflichtschuldig am Nachbargrab herumstochert und Grashälmchen zupft. Der schwere Älblerdialekt pendelt sich im Lauf der Unterhaltung auf Bärbels gepflegtes Stadtschwäbisch ein. Es geht wieder um Emmi, Karlenas Patentante und beste Freundin der Omma. »Sechs Kinder, lauter Buben, so blond und sauber. Deine Mutter ist immer mit denen rumgezogen. Das war eine Bande. Kein Kirschbaum war sicher vor denen, kein Kuchenblech. Die Emmi hat nur gelacht: Buben sind halt Buben, und die Karlena, das ist ja auch ein halber Bub. Das Kreuz hat sie bekommen, das silberne. ›Das Kind ehrt die Mutter‹ stand da drauf. Da war das ganze Haus voller Blumen, Gedichte haben die Kinder aufgesagt, von Stuttgart ist einer in Uniform gekommen, zur Verleihung. Und dann, eine Woche später, kriegt sie die Lungenentzündung. Nach drei Tagen war alles vorbei. Wenigstens kann sie hier liegen, in Ermislauh, hat nimmer umziehen müssen.«

Rainer und Bärbel waren ungefähr zwei Stunden in seinem dunkelblauem Golf unterwegs. Die Fahrt auf die Alb hatte ihm gefallen. Das letzte Mal war er bei einem Schulausflug hier oben gewesen. Irgendeine Höhle wurde besichtigt, Fledermäuse und Tropfsteine, er hatte den Namen vergessen. Es war nicht viel Verkehr, ein ruhiges Gleiten durch eine freundliche, sanft gewellte Landschaft in Herbstfarben. Abgeerntete Felder in ordentlichen Streifen wie eine altmodische Sonntagsschürze, dazwischen Waldstücke, das Lichtgelb der Buchen, knallroter Ahorn, dunkle Nadelbäume. Immer wieder Dörfer: Fachwerk, Kirchturm, Misthaufen, sorgfältig polierte Daimler vor Scheunen und Ställen. Und ringsum die Kuppen der Alb, er konnte sie nicht benennen. Bärbel rutschte auf dem Sitz hin und her und zog Haare aus ihrem Pferdeschwanz.

»Wer kommt denn nun alles zu eurem Treffen? Dein Vater vielleicht?« Sie runzelte ärgerlich die Brauen. »Mein Vater war kein Ermislauher, sondern ein Tunichtgut aus dem Badischen. Er ist abgehauen, das weißt du doch. Wir haben nie wieder von ihm gehört. Wozu auch.« Dann zeigte sie aufgeregt aus dem Fenster. »Da mußt du lang! Rechts abbiegen, schnell!« »Aber da steht doch ›Truppenübungsplatz‹. Das kann nicht sein, Bärbel.« »Ich hab es dir doch erzählt. Nie hörst du zu! Mach schon, sonst kommen wir zu spät!« Während er blinkte und dann langsam in die scharfe Kurve der Abfahrt hineinglitt, immer noch verwundert über den Wegweiser (›Zum Truppenübungsplatz. Zufahrt nur für Angehörige der Streitkräfte!‹), kramte Bärbel in ihrer Tasche. Den großen buntgestreiften Beutel kannte Rainer aus sommerlichen Freibadzeiten. Zwischen Thermoskanne und zwei Bananen brachte sie ein leicht angeschmuddeltes Heftchen hervor, das typische Produkt eines Volkshochschulkurses: Senioren am PC, Textverarbeitung leicht gemacht. ›Ermislauher Heimattreffen‹, in Fraktur, darunter die Kirche im Vierfarbdruck, selbstverständlich ohne zertrümmerte Fenster und schadhaftes Dach. Bärbel blätterte hektisch. »Am Wegweiser ›Zum Truppenübungsplatz‹ rechts abbiegen, dann immer geradeaus bis zum Riedbaum.« Rainer schnalzte mit der Zunge. »Was ist denn ein Riedbaum? Bärbel, ich bin kein Botaniker. Geht’s nicht auf hochdeutsch, sonst kommen wir nie zu deinem Bauernmeeting.« Sie rümpfte die Nase, die heute ungewohnt Make-up-frei geblieben war. Er entdeckte ein paar verblasste Sommersprossen auf dem Sattel. »Es ist keine Schande, Bauer zu sein. Tägliches Brot aus heiligem Boden, sagt Mutsch immer. Und der Riedbaum, das ist das Wahrzeichen von Ermislauh. Eine alte Weide. Der Opa hat sich da immer Zweige geschnitten, für seine Körbe. Da vorne steht er.«

Der riesige Baum war tatsächlich nicht zu übersehen. Aus dem tonnenförmigen Stamm schossen die schlanken Ruten in dichten Büscheln, wie eine Ansammlung übergroßer Reisigbesen. Sie stiegen aus. Bärbel streckte sich und machte ein paar Rumpfbeugen. Rainer bewunderte sie heimlich, die langen Beine, den kleinen festen Po, sexy trotz der weiten Hosen. Mit Bedauern dachte er an ihr sonntägliches Ritual: gemütliche Stunden im Bett ohne Wecker, Hektik oder abendliche Kopfschmerzausreden, anschließend Milchkaffee, Dreiminuteneier und jede Menge Zeit. Statt dessen folgte er ihr durch ein Dickicht aus Goldruten und hüfthohen Disteln, immer das Blättchen vor der Nase. Bärbel schulterte die bunte Tasche. »Beim Riedbaum rechts halten, das ist richtig hier, das spür ich auch. Ermislauh ist ganz in der Nähe.«

Inzwischen hat Bärbel es geschafft, den Stein freizulegen. Ihre linke Hand blutet. Die frisch geharkte Erde ist klebrig und riecht nach Essig. Ein paar sehr dunkle Regenwürmer winden sich an der Oberfläche. Der Stein ist schwarzgrün bewachsen und gibt nichts preis. »Ich möcht so gern die Emmi finden«, keucht sie. »Wir haben Grablichte für alle dabei, 24 Stunden Brenndauer, und Blumen. Omma hat gestern noch bis halb elf gebunden. Astern und Chrysanthemen. Sieht wunderschön aus. Und die Trudel Fröschle hat mir eben erzählt, sie hat auch Kreuze gemacht, aus Islandmoos. Die haben eine Gärtnerei in Saulgau. Früher war sie Ommas und Mutschs Nachbarin.« Rainer mustert sein Grab. Die immergrüne Bepflanzung hat er ziemlich gut hingekriegt, grasfrei, es sieht ordentlich aus. Zwischen dem obligatorischen Efeu hat eine Rose geblüht. Auf den Spitzen des riesigen Dornbusches sitzen knallrote Hagebutten, darunter liegt der Grabstein, klein und unlesbar. Beim Jäten hat er eine braune Glasscherbe zutage gefördert. Ob die braven Ermislauher auf ihrem Friedhof gesoffen haben? Es würde jedenfalls ein tolles Hallo geben bei den Kopftüchern und ihren Männern, wenn ausgerechnet er, der Stadtfratz mit der Brille, die Dorfhonoratioren freikratzen würde. Wenn schon nicht den Lehrer, dann wenigstens den Bürgermeister oder den Pastor.

Rainer fragt sich, wo die Männer eigentlich geblieben sind. Vor der Kirche hatte er eine ganze Anzahl gesehen: hustende, lachende und schulterklopfende Polyesterwindjackenträger mit Cordhüten und Kassenbrillen. Im Gegensatz zu den Frauen waren die wenigsten in Tracht erschienen. Und dann standen da noch zwei Typen in seinem Alter neben dem verfallenen Portal und rauchten. Er fragt Bärbel. »Die Männer sind mit dem Professor in der Kirche. Er ist extra aus Stuttgart mitgekommen, im Bus. Und er will ein Gutachten schreiben, für Spenden und so. Die Kirche ist sehr alt, da sind Wandbilder aus dem Mittelalter drin, und vielleicht gibt es Gelder vom Land für die Renovierung. Stell dir mal vor, wie schön das wäre, wenn wenigstens ein Gebäude in Ermislauh nicht mehr kaputt und verfallen ist. Man könnte wieder Gottesdienst feiern.« Rainer nickt und schabt mit der Glasscherbe über den Grabstein. Eine dicke samtige Moosplatte löst sich und gibt gelblichen Sandstein frei. Eine renovierte romanische Kirche mitten auf dem Truppenübungsplatz. Einmal jährlich zur Benutzung freigegeben. Eigentlich ein Fall für den Bund der Steuerzahler. Zumal er Bärbel, Karlena und die Omma nur einmal in einer Kirche gesehen hat, zur obligatorischen Christmette, hektisch im geliehenen Gesangbuch blätternd, mit Gänsefett im Mundwinkel.

Die Flechten geben nicht so leicht nach wie das Moos. Sie sind grau, zitronengelb und orangebraun, fest mit dem Stein verwachsen. Kleine Bröckchen lösen sich beim Schaben. Er arbeitet mit weit ausholenden Armbewegungen, führt die Scherbe wie ein Schnitter seine Sense. Ein schlichtes Kreuz wird in der linken oberen Ecke sichtbar, dann kann er Buchstaben und Zahlen erkennen. »Gut machst du das!« Bärbel legt ihm die Hand auf die Schulter. Sie strahlt und küßt ihn. Eine Mischung aus frischem Schweiß und kalter Herbstluft steigt aus ihrer geöffneten Jacke auf. Rainer läßt sich von ihr aus der Hocke hochziehen. Sie stehen zwischen Unkrauthäufen und Erdklumpen. Zwischen die eiskalten Lippen und Zähne schlüpft die Zunge wie ein warmer Fisch. Er schließt die Augen und vergräbt das Gesicht an ihrem Hals. Chanel Nr. 5, ein Hauch nur. Er denkt sich zurück auf das breite Bett, die Kuschelmonster und -mäuse riechen alle genauso, es ist warm und weit weg von Ermislauh.

Sie waren über eine Viertelstunde zu Fuß gegangen. Der dunkelblaue Golf blieb bald außer Sichtweite. »Wir können laufen, das ist doch viel schöner. Für die anderen gibt es einen Bus, die haben eine Erlaubnis vom Kommandanten des Truppenübungsplatzes. Mutter und die Omma treffen wir vor der Kirche. Dann lernst du die anderen auch kennen, es sind noch ganz schön viele. Die meisten sind natürlich alt.« Das hohe Gras war noch feucht, sie schreckten einen Hasen auf, der mit großen Sprüngen das Weite suchte. Es roch nach Erde und Pilzen. Statt der sorgfältig geordneten Dorfmarkungen, die sie vorher durchfahren hatten, gab es hier Heidekraut und viele kleine Büsche. Sie überwucherten einen löchrigen, an vielen Stellen aufgerissenen Boden, dem man deutlich die Spuren schwerer Militärfahrzeuge ansah. Immer wieder erschrak Rainer über die Schilder: ›Militärisches Sperrgelände. Lebensgefahr. Scharfschützen.‹ Andere Hinweise, etwa einen Wegweiser mit dem Ortsnamen, sah er nicht. Er setzte seine Schritte behutsam, vor dem inneren Auge ein TV-Bild der Prinzessin von Wales, die mit Schutzkleidung und monströser Plastikbrille, das Minensuchgerät auf der Schulter, über den vertrockneten Boden irgendeines Bürgerkriegsschauplatzes stakst. Ein paar Vögel, die Rainer nicht kannte, zwitscherten in den verwilderten Hecken. Geraschel, Knacken, aber keine Schüsse. »Die Birnenallee führt uns direkt nach Ermislauh hinein«, las Bärbel vor. Die Wege waren vollständig zugewachsen, und die einstmals ordentlich zurechtgestutzten Holunder- und Haselnußbüsche an den Rändern hatten sich bis in die Mitte vorgearbeitet. Einmal kletterten sie über einen umgestürzten Baum. Dann traf es Rainers Nase, völlig unvermittelt, nach all den Waldgerüchen: leicht faulig, süß und schwer. Im hohen Gras konnte man die herabgefallenen Birnen kaum sehen. Er trat mitten hinein, es quatschte unter seinem Schuh. Müde Wespen taumelten umher. Die ledrigen Blätter waren bereits braun und schwärzlich. Wasserschossen, wilde Triebe, machten die Birnbäume struppig, die wenigen Früchte an den vermoosten Ästen sahen klein und unansehnlich aus. Bärbel pflückte eine, biß hinein und spuckte aus. »Total verwurmt. Die Mutter hat hier immer gemaust, zusammen mit den anderen Dorfkindern. Es muß eine tolle Zeit gewesen sein. Schade, daß ich das alles nicht auch erleben durfte.« Rainer wischte seinen Schuh im Gras ab. »Eine tolle Zeit, mit dem Krieg vor der Haustür! Wieso sind die eigentlich alle auf einmal aus ihrem Dorf weggegangen? Wurde es bombardiert?« Sie stiegen bergan, flankiert von Birnendunst. Bärbel schüttelte den Kopf. »Du hörst mir nie richtig zu. Ich habe es dir doch schon mal erzählt. 1938 wurde der Truppenübungsplatz vergrößert, da war noch gar kein Krieg. Die Vergrößerung mußte sein, wegen der Verteidigung, damit die Soldaten üben konnten, Häuserkampf und so. Ermislauh wurde enteignet, vom Reich. Sie haben alle neue Stückle bekommen oder Geld. Manche waren dadurch besser dran als vorher. Aber das Heimweh nach Ermislauh, das hat nie aufgehört. Und einmal im Jahr treffen wir uns hier.«