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Armin Nassehi sucht den kategorischen Imperativ für gelingende Koalitionen. Er erläutert, welche Merkmale Koalitionen aufweisen, welche Akteure in ihnen wiederzufinden sind und wo ihre Interdependenzen zu verorten sind.
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Seitenzahl: 19
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Inhalt
Armin NassehiLob des UnterschiedsEine notwendige Vermessung koalitionären Denkens
Der Autor
Impressum
Armin NassehiLob des UnterschiedsEine notwendige Vermessung koalitionären Denkens
Eine Koalition ist etwas Drittes, etwas, das in keiner der koalierenden Teile bereits vordefiniert wäre. Es ist nicht das ausgeschlossene Dritte im klassischen Sinne des tertium non datur, da dies nur für kontradiktorische Aussagen gilt. Es ist etwas Drittes nicht im logischen Sinne, sondern auf der Ebene der Tatsachen. Eine Koalition ist der Versuch, dass sich zwei ungleiche Partner zusammentun, um etwas Drittes ins Werk zu setzen – ob das freiwillig geschieht oder erzwungen ist, spielt dabei keine systematische Rolle. Koalitionen beginnen mit einer Differenz, die genau genommen der Gegenstand der Koalition ist. Wie können zwei unterschiedliche Partner sich so zusammentun, dass etwas Drittes entsteht, das sie alleine nicht bewältigen können, wollen oder sollen? Es ist das Dazwischen, die Differenz von Aussagen, Auffassungen und Perspektiven, die eine Koalition erst zu einer eigenständigen Form macht. Die Koalition zwischen zwei völlig gleichartigen Teilen erhöht vielleicht die kritische Masse im quantitativen Sinne, aber eine Koalition zwischen zwei oder mehreren ungleichen, vielleicht sogar ungleichartigen Teilen lässt etwas entstehen, das sich aus keinem der einzelnen Teile heraus vollständig erklären lässt.
Ein weiteres Merkmal von Koalitionen dürfte ihre Querlage zu hierarchischen Beziehungen sein. Idealtypisch, nicht in jedem Falle empirisch, handelt es sich bei Koalitionen um die Verbindung von (mindestens) zwei Partnern auf Augenhöhe. Zumindest folgt eine Koalition nicht notwendigerweise dem Prinzip der Hierarchie als Ordnungsprinzip. Dies dürfte das klassische Prinzip gewesen sein, nach dem Unterschiedliches aufeinander bezogen wurde – selbst Arbeitsteilung war kaum anders zu denken als in Form hierarchischer Beziehungen. Die Figur der Koalition setzt eine Form der Gleichheit voraus, die sonst kaum zum gesellschaftlichen Repertoire gehörte. Nicht zufällig wurde der Begriff auf der Ebene staatlicher politischer Subjekte gebraucht, für die nach dem westfälischen Modell von Staatlichkeit eine prinzipielle Gleichwertigkeit wenigstens prinzipiell galt – man denke etwa an die Koalitionskriege nach der Französischen Revolution. Ansonsten sind Koalitionen in einer Gesellschaft, die in erster Linie aus sozial Ungleichen besteht, eher ungewöhnlich. Koalitionen könnten deshalb ein besonders modernes Prinzip sein, das auf vielfältige Formen der Differenzierung der Teile und der Emanzipation des Eigensinnigen damit reagiert, dass das Unterschiedliche aus sachlichen Gründen aufeinander bezogen werden muss.
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