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Es beginnt mit einem Handydiebstahl und endet in der Pathologie, begleitet von einer geheimnisvollen schwarzen Frau. Dazwischen ein verwirrter Obdachloser, ein Dealer mit seiner drogenabhängigen Mutter und ein cooles Mädchen im Schottenrock und pinkfarbenen Zöpfen.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Am Boden zerstört, niedergetrampelt, ausgelaugt. Alles versucht, es war nicht genug. Aufgeben?!? Undenkbar! Niemals! Zurück auf Start, keine Erwartungen, keine Bedingungen, einfach los, nur nicht stillstehen.
Der Diebstahl
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Der Dealer
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Die Mädels
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Der Mordfall
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Mein Verstand kann es nicht erfassen, die Bedeutung nicht einordnen, aber es rührt mich. Tief in mir glaube ich eine Regung zu spüren, wie eine Basssaite, die angeschlagen wird und es erweckt in mir das Bedürfnis loszurennen, Bäume auszureißen, Schmetterlinge zu küssen, Laternen zu umarmen, Hasen hinterherzurennen, Kühle einzuatmen. Es ist Hoffnung und Versprechen in einem.
Die Party war gut. Ein kurzes Tippen mit dem Finger und das Handy sagt mir, es ist halb drei. Sie war also ausgezeichnet, denn wann war ich das letzte Mal um diese Zeit noch wach und trotzdem nicht wirklich müde? Gut, der neue Job schlaucht ziemlich, da ist Müdigkeit erlaubt, heute ist es anders. In dieser Nacht wechselte ich mit wildfremden Menschen mehr Worte als in den letzten drei, vermutlich sogar fünf Jahren. Ein heiseres Lachen steigt aus meiner Kehle auf. Es erstaunt mich, dass ich dieser Einladung folgte.
Ich rufe mir die Situation in Erinnerung. Ein Kollege wurde mir als eine Art Tutor zugewiesen, ihn durfte ich in meiner anfänglichen Unwissenheit mit all meinen Fragen löchern. Er tut mir leid, denn mir fällt immer viel zu viel ein. Das eine oder andere Mal sah ich die Denkblase über seinem Kopf schweben mit dem Inhalt: Warum interessiert dich das? Inzwischen gewöhnte er sich daran. Es ist eine ausgesprochen geduldige Person, darum wurde er wohl dafür ausgewählt.
Ich stand vor ihm, er dachte über eine Antwort nach und zwei andere in den unendlichen Weiten des Großraumbüros betrachteten uns amüsiert. Wir bemerkten es zur selben Zeit und starrten die beiden irritiert an. Um die Situation zu überbrücken, wendete sich die Kollegin an den konspirierenden Beobachter und lud ihn zu ihrer Party am Wochenende ein. Im selben Moment stutzte sie und schaute zu uns herüber. Aus der Verlegenheit heraus lud sie mich und meinen liebenswürdigen Tutor ebenfalls ein. Er reagierte überrascht, fällt mir im Nachhinein auf. Wir waren also beide Gäste aus einer Notlage heraus und konnten nur nicken. Zwischendurch unterhielten wir uns heute Abend das eine oder andere Mal, stellten jedoch schnell fest, wir sind für Smalltalk ungeeignet und klammerten uns des Weiteren an unsere Weingläser. Aus purer Neugierde wurde ich in Gespräche verwickelt, jedem musste ich zuerst erklären, woher ich komme und was ich bisher machte. Da kaum jemand Lust verspürte, sich über die Arbeit zu unterhalten, schweiften wir bald ins Private ab. Nun bin ich bestens informiert, welche Möglichkeiten mir am Feierabend und an den Wochenenden zur Verfügung stehen. Bei den sehr unterschiedlichen Gästen entfaltete sich eine Palette, von der ich sicherlich das eine oder andere ausprobieren werde.
Es tat gut, dieser Einladung gefolgt zu sein. In den letzten Jahren erschien es mir ab und an bedenklich, wie ich mich immer weiter in die Einsamkeit zurückziehe, viel erschreckender ist, ich fühle mich dort ausgesprochen wohl. Größere Menschenmassen umrunde ich instinktiv, sie sind mir extrem unangenehm. Warum ist es mir heute gelungen, darin einzutauchen? Ich könnte mir vornehmen, so etwas öfters zu machen, doch einerseits fehlen die Gelegenheiten und andererseits werde ich die Stille und Ruhe meiner eigenen vier Wände weiterhin genießen. Derzeit kann ich es vor mir und meinem Umfeld mit den Pflichten des Einzugs entschuldigen und später wird mir etwas anderes einfallen. Es ist ein beständiges Dilemma. Vermutlich gelte ich in meinem bescheidenen Bekanntenkreis bereits als kauzig und eigenartig. Mein Mund verzieht sich zu einem Schmunzeln. Es wird sich nie etwas ändern, wenn es mich lediglich amüsiert.
Allerdings starte ich soeben in einem neuen Umfeld, ich könnte mich ganz leicht neu erfinden. Ich lehne mich an die Wand, bewundere die wunderschöne, geschwungene, alte Holztreppe und denke ernsthaft darüber nach, wie das aussehen könnte. Von oben dringt Partylärm herunter.
Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass mich niemand vermissen würde, wenn ich in meiner neuen Wohnung tot umfalle. Natürlich gäbe es einige immer ungehaltener werdende Mails aus der Firma, vielleicht riefe mich sogar jemand an, aber in der Probezeit würde nach kurzer Zeit jeder davon ausgehen, dass ich sang- und klanglos verschwunden bin, um ein besseres Angebot anzunehmen. Aus meiner Sicht wäre das ohne Absage ein absolutes No-Go, ist allerdings durchaus üblich und wer kennt mich dort schon. Trotz dieser Party und den vielen Unterhaltungen bin ich für alle ein unbeschriebenes Blatt.
Es könnte sein, dass ein oder zwei langjährige Freundinnen nach ein paar Wochen anfangen, nachzuforschen. Wir pflegen einen eher sporadischen Kontakt, um so mehr freut es mich, dass er über all die Jahre bestehen blieb. Allerdings wäre ich zu der Zeit bereits vermodert. Ein Schauer läuft mir über den Rücken und kurz überlege ich, ob ich wieder hinauf gehen sollte, um auf den Schreck etwas zu trinken. Ich schüttle den Kopf und steige weiter die Stufen hinunter, die enge Windung der Treppe erzeugt einen leichten Schwindel, durchaus angenehm. Erneut gehe ich zwei Etagen nach oben, um es zu genießen.
Beschwingt trete ich auf die Straße hinaus und erschrecke, als die massive Holztür des prächtigen Jugendstilhauses, genötigt durch den modernen Türschließer, hinter mir ins Schloss knallt. Ein Schelm, der denkt, die Kollegin hätte nur zu dieser Festivität geladen, um ihr ansehnliches Domizil zu präsentieren. Es dürfte nicht ganz billig sein, hier zu residieren. Das Haus reiht sich zwischen architektonischen Meisterleistungen des vergangenen Jahrhunderts ein. Keine unschönen, modernen Autos stören die Kulisse, hier wird unterirdisch geparkt. Würde das Licht der Straßenbeleuchtung flackern, wie das Gasflammen tun, wäre ich absolut überzeugt, mich durch die Zeit bewegt zu haben.
Ich kann mich von dem Anblick nicht losreißen. Architektur fasziniert mich, der Jugendstil im besonderen, darum betrachte ich eingehend jedes Detail der Fassade, die von zwei Straßenlaternen, die keinesfalls flackern, ins rechte Licht gerückt wird.
Meine Wohnung liegt in einem hässlichen Bau aus den Siebzigerjahren, doch sie ist sehr hell und besitzt extrahohe Räume, die ich so liebe. Nachdenklich gleitet mein Blick über die Fenster der anderen Häuser, die zu dieser späten Stunde natürlich dunkel sind. Ich male mir aus, wer in einem derart hochwertigem Viertel wohnt und versuche dabei keine Vorurteile heraufzubeschwören.
Mit einem Schauer erinnere ich mich an den Besuch bei der Familie einer Doktorandin, die ich während meiner Abschlussarbeit kennenlernte. Die Mutter philosophierte beim Essen über das Kastenleben in Indien, und dass sich ihr eigener Bekanntenkreis im Grunde auch innerhalb einer Kaste bewegt. Natürlich sprach sie es nicht direkt an, doch am Tisch saßen nur Leute, die eine lange Ahnenreihe an Akademikern vorweisen konnten, außer mir. Deswegen erfüllte es mich mit Stolz, von meiner Familie zu erzählen, die mit dem, was sie auf dem Leib trug, zu Kriegsende in die neue Heimat kam, um sich als einfache Handwerker hinaufzuarbeiten. Zudem war es keineswegs selbstverständlich, wenn eine Tochter aus konservativem Hause den Wunsch hegte zu studieren. Und den Quantensprung, den mein Vater vollführte, als er es ermöglichte. Meine Schilderung wurde allseits lobend belächelt. Ich war sehr froh, als ich der Abendgesellschaft entkommen konnte und glücklicherweise niemals wieder eingeladen wurde.
In meiner Vorstellung schlummert um mich herum die Kaste der Akademiker friedlich in ihren blütenweißen Bettlaken. Sofort entsteht das Bild eines Halbwüchsigen, der sich schlaflos herumwälzt, weil ihn der Wunsch, aus diesem Käfig auszubrechen, wach hält. Wir Menschen besitzen ein ausgeprägtes Talent für Unzufriedenheit, es wird gern als Ehrgeiz bezeichnet.
Mit einem Seufzer kehre ich zu der Vorstellung meiner eigenen Wohnung zurück. Überall stehen halbausgepackte Kartons herum, da meine alten, lieb gewonnenen Möbel, die erst vor zwei Tagen ankamen, noch nicht den rechten Bestimmungsort fanden. Natürlich plante ich lange vorher die Aufstellung, doch die Lichtverhältnisse oder vielmehr das fehlende Licht zu dieser Jahreszeit veranlassten mich zu Anpassungen. Gerade kommt mir dazu eine Idee, ein kalter Windhauch lenkt mich ab und ich klappe die Kapuze über den Kopf.
Bei der Auswahl der Lage war mir die Anbindung zu den öffentlichen Verkehrsmitteln wichtig, da ich an meinem neuen Wohnort ebenfalls ohne eigenem Auto auskommen möchte. Wenn ich es mir recht überlege, war die Wahl eines Arbeiterviertels unbewusst beabsichtigt. Zufrieden nicke ich. Es wäre eine allzu schreckliche Vorstellung, wenn ich morgens im Treppenhaus von einer sorgfältig geschminkten Mitbewohnerin im Kaschmirpullover und Perlenkette dazu genötigt werde, mich über den Hunger in der Welt zu unterhalten, während ihr Arm mit dem delikatessengefüllten Einkaufskorb länger wird. Achtung Vorurteile blinkt eine rot erleuchtete Warnschrift in meinem Kopf und sofort stellt sich die Überlegung ein, mit dem neuen Job die Beiträge für die Hilfsorganisationen zu erhöhen.
Ich bin absolut zufrieden mit meiner Wohnungswahl, trotzdem bewundere ich ein letztes Mal die Fassade, bevor ich mich auf den Heimweg mache.
Natürlich war es wieder peinlich, dass einige der neuen Arbeitskollegen meinen Namen kannten und ich ihren nicht. Ich besitze kein Namensgedächtnis. Inzwischen bin ich ziemlich gut, diese peinlichen Momente zu überbrücken, ein Lächeln hilft immer. Glücklicherweise ist dieses Phänomen im technischen Umfeld weit verbreitet und während der Party fand ich den einen oder anderen Leidensgenossen.
In dieser Beziehung ist es mir unmöglich, mich neu zu erfinden, dazu bräuchte ich ein anderes Gehirn. Gehirntransplantation. Ist das schon möglich? Was wäre danach noch von mir übrig? Sitzt mein Wesen, mein Charakter im Kopf oder … wo? Ich halte an, um darüber nachzudenken und schaue dazu an mir herab. Mein Blick bleibt auf Brusthöhe hängen, dem Herz wird literarisch diese Funktion nachgesagt, nur will ich keinen Roman schreiben. Die Seele, schreit eine Stimme in mir. Wenn ich darüber eine Geschichte schreibe, würde mich jeder als verwirrt ansehen. Allerdings wäre es ein Aspekt bei der Neuerfindung. Zu esoterisch verankert, meldet sich dieselbe Stimme, die eben erst die Seele ins Spiel brachte. Dieses Mal stimme ich ihr zu.
In frühster Jugend startete ich einen literarischen Exkurs in diesen Bereich und entsinne mich, dass es dazu eine überaus beliebte Buchreihe gab, deren Namen mir entfallen ist. Ich las sie alle. Es kam sehr schnell der Zeitpunkt, an dem ich diese Erfahrung als ausreichend erkundet abhakte. Erneut verzieht sich mein Mund zu einem Schmunzeln. So abenteuerlich wird die Erfindung meiner Person also nicht werden. Bin ich bereits zu abgebrüht? Das wäre wahrlich schrecklich. Auf eine geistige Liste setze ich die Punkte: esoterisches Buch lesen, nach meditativen Töpferkurs googeln, Achtsamkeitsseminar buchen, veganen Kochkurs belegen, wie auch immer geartete Spiritualität entdecken, nach gesunden Sportmöglichkeiten recherchieren und versuche ein weiteres Lächeln zu unterdrücken. Mehr Ernsthaftigkeit für den Neuanfang, meine Dame! Den letzten Punkt sollte ich von der geistigen auf eine real existente Liste verschieben.
Dort vorne ist eine Bushaltestelle. Zu dieser frühen Morgenstunde fahren keine mehr, das würde ich einem Fahrer nicht zumuten wollen, trotzdem laufe ich darauf zu. Wie so oft taucht aus meinen Gehirnwindungen die Frage auf, wo Busfahrer ihre Notdurft verrichten und wische sie beiseite, da ich die Antwort nur von einem Betroffenen erhalten könnte. Eine andere Liste öffnet sich auf einem neuen Tab in meinem Kopf. Als ich die Überschrift: Peinlichkeiten des Lebens lese, klappe ich sie umgehend zu.
Der Fahrplan hängt im Schatten zwischen den Straßenlaternen, im Gedanken öffnet sich die Liste mit unsinnigen Gegebenheiten, ich ignoriere sie und bringe mit dem Handy ausreichend Licht ins Dunkle. Kurz nach Mitternacht fuhr der letzte Bus. Irgendwo gibt es hier eine U-Bahnstation? Ich vergaß die Gastgeberin danach zu fragen.
Zu später Stunde unterhielten wir uns am inzwischen leer gefegten Buffet ausgesprochen gut. Auch hier ließ sich die Kollegin nicht lumpen, sogar eine Schüssel Hummer in vielleicht selbst gemachter Mayonnaise stand dort, deren Inhalt vermutlich komplett in meinem Magen landete. Ich korrigiere meine Annahme, nach der sie das Buffet selbst kochte, dafür gibt es professionelle Anbieter. Sie erzählte eine Anekdote nach der anderen zu meiner Abteilung, dem regen Wechsel der Mitarbeiter und warnte mich vor der menschlichen Inkompetenz meines neuen Chefs. Trotzdem unterdrückte ich die Frage, warum sie mich einlud. Wir hatten bisher kaum Kontakt. Es anzusprechen, wäre mir zu peinlich gewesen. Sie hätte uns ignorieren können, da sie weder von mir noch von meinem Tutor abhängig ist. Eine mögliche Erklärung wäre, dass ich entweder bisher nicht alles falsch machte, menschlich gesehen, oder sie wollte sich die Neue genauer ansehen. Kurz kommt mir der Gedanke, ich sollte vielleicht den Partyclown abgeben und verwische ihn umgehend. Ich persönlich betrachte mich eher als Spaßbremse. Wieder schüttle ich den Kopf: Mach dich nicht schlechter als du bist, meine Dame, dein Humor ist lediglich etwas ausgefallen, es liegt an den anderen, wenn er unverstanden bleibt. Ich nehme mir vor, mich diesbezüglich anfangs zurückzuhalten.
Das Handy lud inzwischen den Stadtplan, sucht allerdings weiterhin meinen Standort. Hektisch scrolle ich durch die Straßen, in der Hoffnung, dass mir etwas bekannt vor kommt. Dummerweise bot mir eine Kollegin an, mich mit ihrem Auto abzuholen, um zusammen zu erscheinen. Es kam mir wie eine Bitte vor und ich wagte nicht abzulehnen. Deswegen musste ich mich nie damit beschäftigen, wo ich mich derzeit befinde. Erfreut schreie ich auf, als das Gerät endlich den Standort findet. Mal sehen, wo die nächste U-Bahnstation ist.
Das ist der letzte Gedanke vor dem Stoß.
Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Staub erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.
Hiob 14, 7-9
Ich kann nicht verweilen, der Boden brennt unter meinen Füßen. Ich muss weiter!
Ich fliege über die Bordsteinkante und knalle mit dem Kopf auf die Straße. In meinem Rücken, dort wo ich auf der Granitkante lande, knackt es eigenartig. Mir wird schummrig, alles dreht sich vor meinen Augen, ich schließe sie. Das fühlt sich besser an, ich dämmere weg.
Nur kurz, denn jemand zerrt an meiner Hand, nein, an dem Handy darin. Dadurch werde ich gezwungen, die Augen zu öffnen. Au, das tut weh, es blendet, so hell war es vorher nicht. Es dauert geraume Zeit, bis ich zwischen dem gleisenden Licht überhaupt etwas erkenne.
Ein Typ beugt sich über mich und schüttelt das Gerät in der Hoffnung, die klammernde Hand loszuwerden. Das ist zu dreist. Spinnt der? Was fällt dem ein, harmlose Passanten zu überfallen? Glaubt der wirklich, das geht einfach so? Nein! Meine Hand lässt nicht los, ich betrachte sie stolz. Da könnte ja jeder kommen. Er nimmt einen Finger nach dem anderen und löst ihn. Das sieht lustig aus, die scheinen wirklich festzukleben. Jetzt hält er den Gegenstand seines Begehrens hoch und grinst. Er ignoriert mich, konzentriert sich auf das Gerät und aktiviert es. Ich benutze keine Sperre, normalerweise lass ich es nirgendwo liegen. Professionell hantiert er damit, seine Finger bewegen sich schnell über das Display.
Denkst du, du hättest bereits gewonnen? Nicht mit mir! Ich versuche mich aufzurichten, es misslingt, trotzdem gebe ich nicht auf. Er ignoriert mich, konzentriert sich auf das Telefon. Ich stemme die Hand gegen den Straßenbelag und versuche mich hochzudrücken. Das ist zu schwer, weil Po und Beine auf dem Gehsteig liegen. Dann sollte ich vielleicht zuerst die Füße anziehen. Schon besser, jetzt kann ich mich herumrollen und aufsetzen.
Der Typ ist weiterhin voll und ganz mit meinem Besitz beschäftigt. Nun schaffe ich es aufzustehen, mache zwei Schritte, der Teer unter meinen Füßen ist weich und gibt nach. Ich schwanke gewaltig, kann mich abfangen und konzentriere mich auf das Schild mit dem Fahrplan als Fixpunkt, es tanzt übermütig um mich herum. Halte still, du blöder Fahrplan! Blitze zucken, ich blicke zum Himmel, es gibt kein Gewitter. Mir wird schwindelig, erneut konzentriere ich mich auf den Aushang, jetzt bleibt er ruhig und ordentlich hängen. Das Schwanken wird erträglich.
Der Dieb schaut auf die Straße, wo ich eben noch lag, irgendetwas dort scheint ihn nachdenklich zu stimmen. Er setzt an, sich herab zu beugen, schüttelt den Kopf und richtet sich wieder auf, kontrolliert zu beiden Seiten, ob ihn jemand beobachtet, dreht sich weg und läuft den Gehsteig entlang. Was für ein Vollidiot ist denn das? Der blickt durch mich hindurch, für den bin ich Luft. Du denkst, dich sieht keiner? Ich beobachtet dich, das zählt ebenfalls. Natürlich fehlen mir Zeugen, aber brauche ich die? Er hat mein Telefon. Genügt das? Was ist, wenn er behauptet, es sei seins?
Nun sehe ich ebenfalls auf die Straße. Dort ist ein Fleck. Ist das mein Blut? Ich greife an meinen Kopf, an die Stelle, wo der Schmerz pochte, jetzt tut es nicht mehr weh. Meine Hand ist schwarz, als ich sie mir so dicht vor die Augen halte, damit ich auch ohne Licht etwas erkenne. Jetzt ist es so dunkel, wie es sich gehört, wenn die nächste Straßenlampe weit weg ist. Dass ich zuerst derart geblendet wurde, war eigenartig.
Mein Blick folgt dem Gehsteig. Der Mann lief langsam, er schlenderte davon, genau das ist die richtige Formulierung, trotzdem ist er verschwunden. Ich bewege mich derzeit, körperlich und geistig, im Zeitlupentempo. In mir regt sich Widerstand, es rumort und brodelt. Den kann ich nicht einfach davonkommen lassen. Mich umstoßen, mein Handy klauen und mich mit unwahrscheinlicher Überheblichkeit ignorieren, das ist unverschämt. Mir entfährt ein leises Knurren. Ich bin kein sonderlich emotionaler Mensch, aber dies ist ein Zeichen, dass ich ausnahmsweise extrem stinkig bin. So nicht, nicht von einem Vollidioten. Sehr langsam setze ich mich in Bewegung, schwanke erheblich, klammere mich an den nächsten Laternenpfahl und warte, bis das Karussell zum Stillstand kommt.
Gerade noch rechtzeitig erreiche ich die Straßenecke, um zu sehen, wie er die Treppe zu einer U-Bahnstation hinunter steigt. Nun fand ich die wenigstens, alles hat auch seine guten Seiten. Bevor sein Kopf verschwindet, bleibt er stehen und blickt zurück. Sein Gesicht wird vom Display des Telefons beleuchtet. Sieht er mich? Instinktiv halte ich an und dränge mich hinter einen viel zu kleinen Busch. Er sieht genau in meine Richtung. Er muss damit rechnen, dass ich ihm folge. Endlich wendet er sich ab und verschwindet im U-Bahnzugang. Ich versuche aufzuholen. Als ich die Treppe zur Hälfte unten bin, fährt die Bahn ein.
Ich bemühe mich, hinterherzueilen, aber meine Beine gehorchen nicht wirklich. Als ich unten bin, steigen die Leute bereits ein, es sind nur wenige. Der Räuber befindet sich etwa in der Mitte des Bahnsteigs und damit zu weit weg. In letzter Minute dränge ich mich durch die Tür und gehe innen weiter in seine Richtung, doch er ist im nächsten Waggon, es gibt keinen Durchgang.
Durch das Fenster am Wagenende sehe ich ihn, er konzentriert sich auf mein Handy. Fieberhaft überlege ich, welche Fotos ich gespeichert habe und welche geheimen Notizen. Allerdings ist mein Leben kaum abenteuerlich genug für Peinliches. Trotzdem lausche ich erneut meinem Knurren und drehe mich erschrocken um, ob es jemand hörte. Die junge Frau auf der nächsten Bank blickt müde zum Fenster hinaus, obwohl dort nur die Schwärze des Tunnels zu erkennen ist. Ein alter Mann am anderen Ende des Abteils döst, zwei Jungs in Trainingsanzügen zeigen sich gegenseitig die Displays ihrer Telefone und lachen, kurz versuche ich zu erfassen, in welcher Sprache sie sich unterhalten. Ich schüttle alle Eindrücke als derzeit irrelevant ab und konzentriere mich auf das Verbindungsfenster.
Ich behalte den Typ im Auge, er sieht in meine Richtung, ich kann mich nirgendwo verstecken. Er starrt lange zu mir herüber, schüttelt den Kopf und richtet seinen Blick erneut auf das Display. Er scheint mich nicht zu erkennen. Weiß er überhaupt, wie ich aussehe? Es war zu dunkel und er interessierte sich lediglich für das Diebesgut.
Sein Blick richtet sich auf die Station, die wir soeben erreichen und er nähert sich der Tür, ich bereite mich darauf vor, ebenfalls auszusteigen. Auf dem Bahnsteig schaut er zu mir herüber, es ist unklar, ob er mich sieht oder etwas hinter mir, irritiert blicke ich mich um. Hier sind mehr Leute unterwegs, es ist Wochenende und die Nacht noch lang. Trotzdem ist es keine Menge, in der ich untertauchen kann. Er wendet sich ab und dem Aufgang zu. Was für ein skrupelloser Mensch. Wenn ich an ihn herankomme, was kann ich gegen ihn ausrichten? Er ist stärker, das wird mir in diesem Moment klar. Hilfesuchend blicke ich mich um, plötzlich sind alle fort. Das hätte mir früher einfallen sollen. Unschlüssig halte ich an. Nein, ich werde nicht aufgeben. Mit neuem Mut stürme ich hinterher. Mir geht es wieder richtig gut, mein Lauf ist geradezu leichtfüßig, obwohl ich eher unsportlich bin, es muss der Zorn sein, der in mir brennt. Instinktiv möchte ich an die Wunde am Kopf fassen, doch um die kann ich mich später kümmern. Ich darf den Anschluss nicht verlieren.
Soeben möchte ich die nächste Treppe hinauf, als ich ihn aus dem Augenwinkel heraus bemerke. Wir befinden uns in einer weiteren Ebene der Station, in der vermutlich Züge aus einer anderen Richtung kreuzen. Die Ortsnamen sind mir unbekannt und ohne Handy kann ich unmöglich herausfinden, wo wir sind. Sogar den Namen der Haltestelle, in der wir zugestiegen sind, beachtete ich nicht, zu dumm, ich muss Fakten sammeln. Wir fuhren keine zehn Minuten. Die Partylocation befand sich in einem Viertel außerhalb, soweit ich das bei dem kurzen Blick auf den Stadtplan erkannte. Da hier mehr Leute unterwegs sind, bewegten wir uns sicherlich Richtung Zentrum. Leider sind das alles nur Vermutungen.
Er schlurft auf einen unordentlichen Haufen von Tüten und Schlafsäcken in einem toten Winkel der Station zu. Bei genauerer Betrachtung stecken Körper in den Säcken, Haarschopfe luken hervor. Es ist eine dunkle Ecke und ich stehe im grellen Licht der U-Bahnbeleuchtung. Wenn er sich jetzt umdreht, sieht er mich. Fieberhaft suche ich nach einer Deckung und finde sie hinter einem Elektroschrank. Von hier kann ich den Ort genauer betrachten. Sofort steigen Bilder von meiner soeben bezogenen Wohnung auf. Noch herrscht Chaos und meine Möbel sind alt, doch mein Heim ist um Welten besser, als das dort.
Soll ich nun Mitleid bekommen? Nein, egal wie seine Lebenssituation ist, es gibt ihm keinesfalls das Recht zu stehlen. Wenn er mir ein Butterbrot geklaut hätte, würde ich schweigen und ihm ein zweites reichen, aber es war mein Handy, davon kann niemand abbeißen. Der Dieb schlüpft in einen Schlafsack, kurz sehe ich mein Telefon aufblitzen, bevor er es einsteckt. Fieberhaft überlege ich, welche Möglichkeiten ich habe. Selbst wenn er einen sehr festen Schlaf besitzt, würde er aufwachen, wenn ich ihn abtaste.
Unschlüssig und hilflos sinke ich hinter dem Installationsschrank nieder, ich höre das leise Brummen der Elektronik. Wie spät es wohl sein mag? Hier unten bemerke ich nicht, wenn es hell wird, um diese Jahreszeit geschieht das erst gegen acht Uhr. Es war halb drei, als ich an der Bushaltestelle stand. Warum hörte ich ihn nicht? Wo war er hergekommen? Saß er im Häuschen? Das war ein gläserner Unterstand, ich achtete nicht darauf. Ich war viel zu sehr in meinen Gedanken versunken, all die Eindrücke zwischen den Arbeitskollegen, meinem neuen Leben, die fremde Umgebung und mein Wunsch, nach Hause zu kommen. Wo war eigentlich die Kollegin geblieben, mit der ich hierhergefahren bin? Wann sah ich sie zuletzt? Vermutlich ist sie längst im Bett. Wäre ich nach der Arbeit schön brav nach Hause gegangen und hätte mich um die Wohnungseinrichtung gekümmert und vor allem den Kühlschrank endlich gefüllt, dann wäre alles gut. Sofort wische ich diese Gedanken aus meinem Kopf, dazu ist es zu spät. Nun ist es vorbei mit dem entspannten Wochenende, das erste zwischen meinen vertrauten Möbeln. Ich schniefe und halte mit dem Kopf zwischen den Händen inne, für konstruktive Überlegungen scheint derzeit dort kein Platz zu sein.
Immer wieder riskiere ich einen Blick hinüber zu dem verwahrlosten Heim der Obdachlosen, dort herrscht Stille. Zumindest die haben eine geruhsame Nacht, auch wenn diese Unterkunft keinesfalls meinen Vorstellungen entspricht. Jedem das seine.
Vielleicht sollte ich mir morgen einfach ein neues Telefon kaufen, der Datenverlust hält sich in Grenzen, noch harre ich unwillig und trotzig aus. Ich muss die Karte sperren lassen, doch eigentlich will ich es zurückhaben, schließlich kostete es viel Geld. Niemand darf stehlen, es geht ums Prinzip!
Ich werfe einen energischen Blick in Richtung der Obdachlosen. Der Dieb dreht sich in diesem Moment ruckartig um und starrt zu mir. Sofort drücke ich mich eng an die Wand hinter dem Schrank. Ich zittere. Wenn er nun herüber kommt. Schließlich legte ich bereits fest, dass er stärker ist und jetzt kauere ich völlig hilflos in dieser Ecke. Wie soll ich mich wehren? Mutig springe ich auf und wappne mich mit erhobenen Fäusten gegen einen Angriff. Dort hinten liegen alle tief in ihren Schlafsäcken, ich beobachte es lange, Standbild. Erschöpft rutsche ich die Wand hinunter. Nun wäre es höchste Zeit für einen Plan. Sonst habe ich immer einen, für jede idiotische Situation, derzeit herrscht geistige Windstille.
Fassen wir es zusammen: Ich will es zurückhaben, der Typ ist zu kräftig für mich, derzeit hat er sogar Unterstützung, ich kann es also unmöglich einfach nehmen. Vielleicht ergibt sich eine bessere Konstellation. Wie könnte das aussehen? Bald ist Samstag Morgen und er wird den Schlafplatz sicherlich verlassen. Wenn er alleine ist und wir unter mehr Leuten, könnte ich es vielleicht zurückerobern.
Ich könnte zur Polizei gehen, doch bevor wir zurückkommen, ist der Dieb samt Beute längst verschwunden. Falls ich sie überhaupt dazu überzeugen kann. Beamte sind, besonders im übermüdeten Zustand, wenig entgegenkommend. Handys werden täglich, vermutlich stündlich gestohlen. Die werden mir erzählen, ich hätte besser darauf aufpassen sollen. Und zu dieser Zeit sind anständige Menschen ohnehin Zuhause. Sofort erscheint das Bild der friedlich schlummernden Akademiker in ihren weißen Laken vor meinem geistigen Auge. Die haben ihren gesamten Besitz sicher verwahrt.
Während ich erneut hinüberstarre, betritt jemand mein Sichtfeld. Ich fokussiere auf die Nähe. Sie schreitet zielstrebig an mir vorbei auf den Treppenabgang zu. Mein Blick klammert sich an ihr fest, sie ist unglaublich schön. Das volle Haar, pechschwarz, glänzend und lang, wippt im Takt ihres Schritts. Eine solche federnde Haarpracht gibt es nur in der Werbung. Die Lederkleidung, farblich identisch, spannt sich über ihren äußerst attraktiven Körper. Wenn sie die ganze Nacht unterwegs war, wirkt sie ungewöhnlich frisch. Bewundernd folge ich der geschmeidigen Bewegung der Kurven im knallengen Leder. Nein, ich bin nicht lesbisch, jedoch sind Frauen definitiv das attraktivere Geschlecht.
Mein Blick wandert vom Po zu den langen Beinen, bis ich bei den Füßen ankomme. Sie sind nackt! Es ist Ende Dezember! Kurz bevor sie die Treppe erreicht, wendet sie sich zu mir um und lächelt. Kennt sie mich? Unmöglich, ich sah sie nie zuvor. Auch wenn ich mir keine Namen merken kann, Gesichter schon und an dieses würde ich mich erinnern. Außerdem kenne ich in dieser Stadt niemanden. Sie wendet sich ab, ein enttäuschter Seufzer entfährt meiner Kehle. Ihr Scheitel verschwindet im Untergrund. Plötzlich überkommt mich eine bleierne Müdigkeit, zu schwer, um sich dagegen zu wehren.
Er hat einen ewigen Bund mit ihnen geschlossen und ihnen seine Ordnung offenbart. Sie haben mit ihren Augen seine hohe Majestät gesehen und mit ihren Ohren seine herrliche Stimme gehört. Und er sprach zu ihnen: Hütet euch vor allem Unrecht!, und befahl einem jeden seinen Nächsten an. Ihre Wege hat er immer vor Augen, und nichts ist vor ihm verborgen. Ihre Wege sind von Jugend an auf das Böse gerichtet, und nicht vermochten sie, ihre steinernen Herzen in solche aus Fleisch zu verwandeln.
Sirach 17, 12-16
--- Ich --- Ich bin wie ein Bodendecker, ich bin eine Pflanze, die alles überdeckt. Ich lasse kein Unkraut zu. Ich lasse Vögel in mir nisten. Ich habe tiefe Wurzeln. Ich habe kleine rote Blüten, im Winter. Ich wachse gern über meine Begrenzung hinaus. Ich wachse in alle Richtungen. Ich leide, wenn man mich zurückschneidet. Ich werde kräftiger dadurch, ich wuchere weiter.