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AUF SCHOKOLADE UND EWIG! Die romantische Vorgeschichte zu "Schokolade für dich": Samanthas Mutter Muriel findet ihre erste große Liebe … Sommer 1969 in Icicle Falls, einer charmanten Kleinstadt in Washington: Muriel ist mit der Highschool fertig und wartet jetzt auf den perfekten Mann - hat also wahrlich Besseres vor, als einmal Sweet Dreams zu leiten, die Schokoladenfabrik ihrer Familie. Und auch wenn sie die süßen Vorräte dort durchaus zu schätzen weiß: Sie will lieber zu Hause bleiben, nebenbei ein paar Artikel in tollen Frauenzeitschriften veröffentlichen und eine Familie gründen. Seit ihrer ersten Begegnung mit einem sexy Neuankömmling in der Stadt namens Stephen Sterling weiß sie auch genau, mit wem … SCHOKOLADE FÜR DICH Mit einem spektakulären Schokoladen-Festival will Samantha ihre Firma vor der Pleite retten - und entdeckt, dass Liebe viel süßer verführt als Schokolade! Aus der Traum! Samantha`s "Sweet Dreams Chocolates" steht vor der Pleite. Weder mit geballtem Charme noch mit ihren süßen Kreationen kann sie den Bankdirektor Blake Preston verführen. Jedenfalls nicht zu einem Kredit. Trotzdem gibt sie nicht auf. Ein großes Schokoladen-Festival soll Geld in die leeren Kassen bringen. Erstaunlicherweise wird sie bei der Planung von Blake tatkräftig unterstützt. Logisch, dass man sich dadurch näherkommt. Aber niemals würde Sam sich in einen Banker verlieben - auch wenn er noch so sexy ist...
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Seitenzahl: 622
Veröffentlichungsjahr: 2015
Sheila Roberts
Schokolade - für immer und dich
Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.
Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.
Sheila Roberts
Auf Schokolade und ewig!
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Barbara Minden
MIRA® TASCHENBUCH
MIRA® TASCHENBÜCHER erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg Geschäftsführer: Thomas Beckmann
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH
Titel der nordamerikanischen Originalausgabe: Welcome to Icicle Falls Copyright © 2012 by Sheila Roberts erschienen bei: MIRA Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l
Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln Covergestaltung: pecher und soiron, Köln Redaktion: Daniela Peter Titelabbildung: Harlequin Enterprises, S.A., Schweiz Autorenfoto: © by Harlequin Enterprises S.A., Schweiz
ISBN epub 978-3-95576-315-2
www.mira-taschenbuch.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Hallo, liebe Leserinnen,
was für eine Freude, Ihnen mehr über Icicle Falls und die Menschen, die dort leben, erzählen zu können! Leavenworth in Washington, einer meiner Lieblingsorte, hat mich zu den Geschichten über Icicle Falls inspiriert. Schon immer fand ich faszinierend, wie es Leavenworth geschafft hat, sich ganz neu zu erfinden. Und deshalb bin ich der Meinung, es ist an der Zeit, dass jemand sich die Mühe macht, den Einwohnern für ihre Visionen und ihre Entschlossenheit Anerkennung zu zollen. Nachdem das Städtchen kurz davor war, zu einer Geisterstadt zu verkommen, beschloss man, es in eine Art bayrisches Dorf zu verwandeln. Inzwischen ist es so bekannt, dass Menschen von überall her kommen, um es sich anzuschauen.
Die freundliche Atmosphäre dort erinnert mich an eine andere Kleinstadt, in der ich viele Jahre lang gelebt habe: Bainbridge Island, das nur eine Fahrt mit der Fähre (aber Welten) von Seattle entfernt liegt. Die Großstadt bietet viel Unterhaltung, aber ich glaube, tief im Herzen bin ich eine Kleinstädterin geblieben. Das war ich einfach schon immer. Und ich muss sagen, die Bewohner meiner imaginären Kleinstadt sind mir sehr ans Herz gewachsen.
Deshalb widme ich dieses Buch Muriel Sterling und Dot Morrison, denn diese beiden Frauen gehören zu meinen Lieblingscharakteren. Lassen Sie sich von ihnen durch Icicle Falls führen und seine Geschichte erzählen. Ich hoffe, der Besuch dort bereitet Ihnen viel Freude. Bestimmt werden Sie sich genauso in diesen wunderbaren Ort verlieben wie ich!
Sheila Roberts
MEINE STADT
Hallo und willkommen in Icicle Falls. Ich bin Muriel Sterling-Wittman, und man hat mich gebeten, Ihnen ein wenig von meiner Stadt zu erzählen. Danke, dass Sie sich hier mit mir im Park getroffen haben. Das schien mir ein guter Startpunkt für unseren Rundgang zu sein.
Es ist schön hier, oder? In diesem Pavillon dort drüben treten häufig Bands oder eine der lokalen Tanzgruppen auf. Im Winter rodeln die Kinder begeistert den Hügel hinter mir runter, und auf der Eisbahn tummeln sich im Winter natürlich ganze viele Leute, die dort ihren Spaß haben. Ich komme oft im Sommer hierher – vor allem an so schönen Tagen wie heute –, um zu schreiben, einen köstlichen Kaffee aus dem Bavarian Brews zu genießen und Sonne zu tanken. Und natürlich, um die Aussicht zu genießen.
Wie Sie sehen, ist dies ein wunderbarer Ort zum Leben. Finden Sie nicht auch, dass es wie ein malerisches Alpendorf aussieht? Die Touristen machen immer sehr viele Fotos von unserer hübschen Innenstadt, mit der ganz speziellen Architektur und all diesen Blumenkästen.
Unser kleiner Ort schmiegt sich im östlichen Teil der Cascade Mountains in Washington in ein bezauberndes Tal zwischen all den hohen Felsen. Der Fluss Wenatchee fließt am Ort vorbei und versorgt unsere Besucher mit vielen unterschiedlichen Möglichkeiten, auf und im Wasser Spaß zu haben. Das Flüsschen Icicle Creek ist ebenfalls wunderhübsch, und meine Freundin Olivia Wallace betreibt eine gemütliche Frühstückspension, von deren Zimmern aus man direkt auf den Fluss schauen kann.
„Ach du meine Güte, willst du, dass die Leserinnen an all deinem Gesülze ersticken?“
Dot Morrison. Wer hat die denn eingeladen? „Dot! Was machst du denn hier?“
„Ich versuche zu verhindern, dass die Leserinnen sich zu Tode langweilen.“
„Entschuldige bitte. Sheila Roberts hat mich gebeten, die Stadt vorzustellen.“
„Tja, und sie hat entschieden, dass du Hilfe brauchst. Warum gehst du nicht und isst ein bisschen Schokolade oder so?“
„Also wirklich!“
„Na los. Ich schaff das schon.“
„Ich lasse dich für einen Moment allein. Aber nur, weil ich versprochen habe, mich mit Waldo auf einen Kaffee im Bavarian Brews zu treffen.“
„Sehr schön. Geh deinen Kaffee schlürfen, und ich erzähle ein bisschen was.“
Okay, jetzt ist sie fürs Erste weg. Aber sie kommt wieder. Also, kann ich – Dot – nun erst einmal ein wenig berichten. Doch sobald Muriel wieder da ist, wird sie Ihnen mehr über die Geschichte von Icicle Falls erzählen. Dazu ist sie, das muss ich fairerweise zugeben, besser geeignet. Muriel und ihrer Familie gehört Sweet Dreams, die Schokoladenfabrik hier im Ort. Die ist ein wirklich wichtiger Bestandteil unserer lokalen Wirtschaft. Muriels Familie lebt seit Generationen hier. Man könnte also schon fast sagen, sie sind unsere Royals, und sie hat alles miterlebt. Als die Stadtoberen erkannten, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis der Ort zu einer Geisterstadt verkommen würde, war sie noch ein Kind. Dieser Flecken Erde war kurz davor, von der Landkarte zu verschwinden, als ihr Vater und ein paar andere Visionäre Icicle Falls von einer toten Holzfällerstadt in das bayrische Alpendorf verwandelten, das es jetzt ist. In letzter Zeit ist es zu einer echten Touristenattraktion geworden. Die Menschen kommen gern hierher. Im Winter tummeln sie sich im Schnee und im Sommer am und im Fluss. Und natürlich kaufen sie in unseren Geschäften ein.
Es gibt bei uns viele Geschäfte und Restaurants, die den Ort bunt machen. Ja, meins eingeschlossen. Mir gehört das Breakfast Haus. Unsere Spezialität sind belgische Waffeln, aber man bekommt bei uns auch ein köstliches Omelett. Im Gegensatz zu Muriel, die in zweiter Ehe verheiratet ist, bin ich alleinstehend. Der erste Mann, den ich hatte, hat mir nichts als Ärger eingebracht. Ich hab damals seinen kleinen roten Planwagen wieder flottgemacht, hab Kalifornien verlassen und neu angefangen. Meinen zweiten Ehemann, Duncan, habe ich in Oregon getroffen. Aber er ist früh gestorben. Diese verdammten Zigaretten bringen einen halt um – ich müsste dringend aufhören zu rauchen. Eines Tages werde ich das auch tun. Also, in meinem Leben gibt es keinen Mann, aber das ist völlig okay. Ich bin kein junges Küken mehr, und Sex ist nicht mehr von Belang, sondern nur eine nette Erinnerung. Wie auch immer, ich bin ja nicht allein. Ich habe eine zweiunddreißigjährige Tochter, Tilda, auf die ich ziemlich stolz bin. Sie ist Polizistin und sorgt dafür, dass die Leute hier parieren.
Wobei, ehrlich gesagt, die Gefahr, dass hier jemand nicht pariert, nicht sonderlich groß ist. Na ja, abgesehen von den Jungs, die drüben in Todd Blacks Man Cave immer mal wieder über die Stränge schlagen. Dieser Todd Black, das muss ich ja zugeben, ist schon ein Teufelskerl. Wenn ich den ansehe, wünsche ich mir manchmal, ich wäre dreißig Jahre jünger.
Luke Goodman, der Produktionsmanager bei Sweet Dreams, ist auch so eine Augenweide. Er ist Witwer, allerdings noch viel zu jung, um es auch zu bleiben. Ich hoffe, der Junge findet bald wieder eine nette Frau. Dann ist da noch Joe Coyote. Wie ich hörte, ist er mit Lauren Belgado zusammen, die drüben in der Bank arbeitet. Er wäre ein netter Junge für Tilda gewesen. Nur dass er leider zu nett ist. Tilda würde ihn zum Frühstück verspeisen. Den Gerüchten nach zieht einer unserer ehemaligen Highschool-Footballhelden wieder zurück in die Stadt. Kann ich ihm nicht verdenken. Wer würde nicht gern hier leben wollen? Es ist friedlich hier, und die Leute sind großartig.
Selbst die ganz speziellen Charaktere, die es bei uns genauso gibt wie wohl in jeder anderen Stadt auch. Na ja, auf jeden Fall haben wir da so ein paar Spezies. Billy Williams zum Beispiel, den alle nur Bill Will nennen. Er ist ein bisschen durchgeknallt, aber, das kann ich Ihnen sagen, der Junge könnte das Cover eines Liebesromans zieren. Dann haben wir noch Del Stone, unseren Bürgermeister. Pst … Er hält sich für ein Geschenk Gottes an die Frauen. Von wegen. Wenn Sie mich fragen, eher ein Trostpreis mittleren Alters.
Ich vermute, dass irgendwann jemand anderes ihm den Bürgermeisterposten streitig machen wird. Ich hätte nichts dagegen, wenn Ed York sich um das Amt bewerben würde. Er ist der Präsident unserer Handelskammer, und ihm gehört der Weinladen D’Vine Wines. Ed ist ein netter Kerl, der auch schon eine ganze Weile hier wohnt. Er ist ein paar Jahre jünger als ich, alleinstehend und ziemlich attraktiv mit all dem grau melierten Haar. Aber er hat ein Auge auf Pat Wilder geworfen, die den Buchladen Mountain Escape Books betreibt. Auch sie würde sich gut als Bürgermeisterin machen.
Im Moment stolziert jedoch Del noch glücklich durch die Stadt und tut so, als wäre er wichtig, wobei er gern vergisst, dass er mal einen Angelladen betrieben hat, der pleitegegangen ist.
Aber auch ohne Dels Geschäft gibt es genügend andere Läden, in denen man sein Geld loswerden kann. In unserer Fußgängerzone findet man wirklich alles, was das Herz begehrt: Weihnachtsdekoration im Kringle Mart, lustige Hüte im Mad Hatter und Blumen im Lupine Floral. Spezialitäten aus der Region gibt es im Local Yokel, Bücher in Pat Wilders Buchladen, und wenn man sich erkältet hat, gibt’s die Medizin dagegen in Johnson’s Drugs. Dort muss man sich mit Hildy herumplagen, aber was soll ich sagen, alles hat seine Schattenseiten. Und selbst in New York findet man keine besseren Restaurants als hier. Okay, ich bin zwar nie da gewesen, aber ich wette, einen köstlicheren Huckleberry Martini als den, den man bei Zelda’s trinken kann, gibt es auch in New York nicht, genauso wenig wie den Sauerbraten, den sie im Schwangau servieren. Und die Bratwürstchen im Big Brats können mit jedem New Yorker Imbiss mithalten.
Aber es sind nicht nur die Geschäfte und Restaurants oder die bayrisch anmutende Architektur, die unsere Stadt zu etwas Besonderem machen. Nein, Leute, letztlich sind es doch immer die Menschen, die zählen. Oh, wir sind alle schon sehr unterschiedlich, aber wenn es hart auf hart kommt, dann halten wir zusammen. Das war hier schon immer so.
Ach, so wie es aussieht, hat Muriel ihren Kaffee mit Ehemann Nummer zwei schon ausgetrunken. Wahrscheinlich hätte ich sie nicht so davonscheuchen sollen. Schließlich ist Muriel bei allen beliebt.
„Wie ich sehe, bist du wieder da.“
„Bist du schon fertig?“
„Mehr oder weniger. Ich wollte es dir überlassen zu erzählen, wie die Stadt sich selbst gerettet hat.“
„O ja, das berichte ich gern.“
„Du könntest auch erzählen, wie du deinen ersten Mann, Stephen, getroffen hast. Wie ich hörte, waren Pat und du damals keine so guten Freundinnen.“
„Das stimmt nicht!“
„Komm, fang nicht an zu lügen. Du wirst ja ganz rot. Wie auch immer, jeder hört gern ein paar Tratschgeschichten. Also komm, mach schon. Leute, bleiben Sie dran. Wir erzählen Ihnen, wie es damals, in der guten alten Zeit, war, als Muriel noch jung war.“
„Haha, sehr witzig.“
„Ignorieren Sie sie einfach. Was ihr Alter angeht, ist sie ein bisschen empfindlich. Lässt ein Vermögen im Sleeping Lady Salon, um sich …“
„Das ist doch jetzt völlig unerheblich. Und lass dich von mir nicht aufhalten, Dot. Du musst sicher noch ein paar Waffeln backen.“
„Nein, nein, der morgendliche Ansturm ist schon vorüber. Ich bleibe einfach still hier sitzen und höre zu.“
„Na gut. Aber wir bleiben nicht sitzen. Kommen Sie, lassen Sie uns einen Spaziergang durch die Stadt machen, und dabei erzähle ich Ihnen von früher.“
„Vergiss nicht, ihnen von deinem Liebesleben zu erzählen. Das interessiert die Leute am meisten.“
„Mach ich. Wissen Sie, Pat Wilder ist eine meiner ältesten und besten Freundinnen, aber es gab eine Zeit, da hätte fast ein Mann unsere Freundschaft zerstört …“
1. KAPITEL
Sommer 1969
„Wir brauchen unbedingt noch ein paar mehr tolle Jungs hier in der Stadt“, beklagte sich Olivia Green, während sie zusammen mit Muriel und Pat Pearson von der High School nach Hause ging.
„Wir haben doch schon mehr als früher“, meinte Muriel.
Ende der Fünfzigerjahre waren die meisten netten Jungs zusammen mit ihren Familien fortgezogen. Genau wie viele der Mädchen, einschließlich Muriels bester Freundin Doreen Smith. Muriel und Doreen schrieben sich jahrelang noch, entschlossen, zumindest beste Brieffreundinnen zu bleiben. Doch es war einfach nicht dasselbe, als wenn man gemeinsam in einer Stadt wohnte.
Zu der Zeit machte der Ort nicht viel her. Mit Icicle Falls war es seit Jahren bergab gegangen: Die Eisenbahngesellschaft hatte den Ort verlassen, und folglich war auch der Holzhandel zusammengebrochen. Viel war nicht übrig geblieben – eine heruntergekommene Stadt mit verfallenen Gebäuden, die einen kleinen Gemischtwarenladen, eine Bank und ein Postamt beherbergten. Außerdem hatte es noch ein abgewirtschaftetes Motel und einen Diner gegeben, um den Leute, die über den Pass kamen, Unterkunft und Verpflegung bieten zu können. Dazu ein paar alte Häuser, eine Kirche, eine Grundschule und eine winzige High School, das war alles gewesen.
Als Muriel acht gewesen war, hatte sie einer Unterhaltung von mehreren Erwachsenen gelauscht, die im Wohnzimmer ihrer Eltern zusammengesessen hatten.
„Wir haben eine Bergkulisse, die mindestens genauso malerisch ist wie all das, was man in den Alpen findet“, hatte ihr Daddy erklärt. „Wir könnten aus unserer Stadt eine Art bayerisches Dorf machen, damit es zu einer richtigen Touristenattraktion wird. Die Berge und die Flüsse, mit denen wir Skiläufer und Angler anlocken können, haben wir schon. Lasst uns diesen Touristen doch einen Grund geben, hierzubleiben und ihr Geld bei uns auszugeben.“
„Ich weiß nicht, Joe. Das ist ziemlich gewagt“, hatte Mr Johnson gesagt.
„Aber wenn wir es nicht wagen, wird Icicle Falls innerhalb der nächsten zehn Jahre zu einer Geisterstadt. Immer mehr Menschen ziehen von hier fort“, hatte ihr Daddy erwidert.
Geister? Spukten hier Geister durch den Ort?
Etwas später hatte Muriel ihre Mutter danach gefragt. Mom hatte ihr einen Kuss gegeben und ihr versichert, dass es keine Geister gab.
„Was hat Daddy denn dann gemeint?“, hatte sie wissen wollen.
„Er hat gemeint, dass wir einen Weg finden müssen, um unsere Stadt zu einem Ort zu machen, wo die Menschen sich gern aufhalten.“
„Ich bin gern hier“, hatte sie erklärt. Und ihre beste Freundin hätte sie auch gern bei sich gehabt.
„Ich auch, Schätzchen“, hatte ihre Mutter beteuert. „Keine Angst. Dein Daddy sorgt schon dafür, dass alles gut wird.“
Daddy machte Schokolade, und Muriel hatte nicht eine Sekunde lang daran gezweifelt, dass er auch dieses Problem lösen würde. Dieses Problem, das anscheinend allen Erwachsenen so große Sorgen bereitete.
Und das hatte er auch getan. Im Sommer 1962, als ihre Freundin Doreen die Weltausstellung in Seattle genoss, half Muriel beim großen Aufräumen in Icicle Falls, indem sie zusammen mit Pat Pearson und Olivia Green alte Getränkedosen von einem Feld sammelte. Das war eine Erfahrung gewesen, die die drei zusammengeschweißt hatte.
Und während sie beim Müllsammeln zu Freundinnen wurden, gelang es auch den Erwachsenen, beim Wegschaffen der alten Reifen und Schrottautos von den brachliegenden Grundstücken einen stärkeren Gemeinschaftssinn zu entwickeln. Architekten und Bauleute wurden engagiert, und die heruntergekommenen Gebäude wurden einer Schönheitskur unterzogen. Die Center Street erwachte zu neuem Leben, und hatte der Ort vorher eher an eine verlassene Stadt aus dem Wilden Westen erinnert, glich das malerische Städtchen jetzt einem bayrischen Alpendorf.
Muriels Korrespondenz mit Doreen versandete schließlich, aber das Leben in Icicle Falls ging weiter. Im folgenden Jahr tauchten neue Gesichter in der Stadt auf. Anfangs kamen sie nur tröpfchenweise, so wie die Eiszapfen an den Häuserdächern langsam anfingen zu tropfen, wenn der Winter sich dem Ende zuneigte und der Schnee zu schmelzen begann. Diese Besucher brachten manchmal nette Jungs mit. Einige kamen sogar wieder, um zu bleiben, und sie eröffneten neue Geschäfte. Wie zum Beispiel Dale Holdsworth, der den Laden Kringle Mart aufmachte. Er importierte Schneekugeln und mundgeblasene Glaskunst aus Deutschland, um sie an die Touristen zu verkaufen, die kamen, als sich die Kunde von dem charmanten, neu erblühten Ort herumsprach. Und Andy Marks, der ein kleines Geschäft mit Holzschnitzereien gründete, oder Gerhardt Geissel, der Gerhardts Gasthaus eröffnete. Das ehemalige Mountain Inn wurde renoviert und runderneuert und bekam einen neuen Namen – Bavarian Inn.
Als Muriel in die High School kam, hatte sich die Anzahl der Studenten fast verdoppelt. Sage und schreibe einhundertachtundvierzig Schüler drückten dort inzwischen die Schulbank. Zweiunddreißig von ihnen, Muriel und ihre Freundinnen eingeschlossen, bildeten in dem Jahr die Abschlussklasse.
„Kann schon sein, dass es jetzt hier mehr Jungs gibt als früher“, sagte Olivia, „aber die meisten sind doch jünger als wir. Wen haben wir denn schon groß in unserer Klasse, der infrage käme?“
Für Muriel? Niemanden. Keiner der Jungs glich dem Mann ihrer Träume auch nur annähernd. Dem Mann, von dem sie hoffte, dass er irgendwann in ihrem Leben auftauchen würde. Ihre Freundinnen fanden es albern, auf den perfekten Mann zu warten, doch Muriel glaubte an die große Liebe. Und sie glaubte an die Macht der Träume. Ihre Großmutter hatte mithilfe ihrer Träume eine ganze Firma aufgebaut, also hegte Muriel keinerlei Zweifel daran, dass sie auch den Mann finden würde, den sie in ihrer Fantasie vor sich sah – jemanden, der nicht nur blendend aussah, sondern auch noch romantisch war, jemanden, der ihr Herz höher schlagen ließ.
„Na ja, wie wär’s denn mit Arnie Amundsen?“, schlug Muriel vor. Für Olivia, nicht für sie selbst. Arnie war dünn und trug eine Brille, obwohl er sehr nett war. Olivia konnte es sehr viel schlechter treffen.
„Der ist doch in dich verknallt“, protestierte Olivia.
„Alle sind in Muriel verknallt“, fügte Pat mit gespielter Empörung hinzu.
„Das ist doch total übertrieben“, verteidigte sich Muriel.
Pat jammerte ständig, weil sie sich zu groß fand. Außerdem hasste sie ihr rötliches Haar und beklagte immer wieder den Umstand, dass sie weder so blond wie Olivia war, noch so hübsches braunes Haar wie Muriel hatte. Und trotzdem war sie von mehreren Jungs zum Abschlussball, der vor einer Woche stattgefunden hatte, eingeladen worden. Muriel war mit Arnie hingegangen. Aber nur als gute Freunde, hatte sie ihm gegenüber mehrfach betont.
Sie wünschte, er hätte Olivia gefragt. Die hatte sich letztlich dafür entschieden, mit Gerald Parker hinzugehen, der am Ende des Abends versucht hatte, sie rumzukriegen. Olivia hatte sich darauf eingelassen, aber im letzten Moment die Notbremse gezogen. Jetzt bedauerte sie ihre Entscheidung, denn Gerald ignorierte sie, was die letzte Schulwoche für sie zu einer Qual machte. Er hatte sich jedoch bei der Marine verpflichtet und würde bald weg sein. Insgeheim war Muriel darüber ganz froh. Natürlich wünschte sie ihm nichts Schlechtes, aber es war besser, wenn Olivia nicht länger der Versuchung ausgesetzt war.
„Wie wäre es denn mit Hank Carp?“, schlug Pat vor.
Muriel runzelte die Stirn. „Hank ist ein Depp.“
„Aber ein niedlicher Depp“, konterte Olivia.
Das fehlte gerade noch, dass Olivia sich mit Hank einließ.
„Ich würde ihn ja nehmen“, fuhr Olivia fort, „aber leider ist er in Stephie verschossen.“
„Das ist eine von den ganz Schnellen.“
„Wahrscheinlich mag er sie deshalb“, murmelte Olivia.
„Wie auch immer“, fuhr Pat fort, „der wird es nie zu etwas bringen. Da kannst du wahrlich jemand Besseres finden.“
„Glaube ich nicht“, klagte Olivia. „Niemand will ein dickes Mädchen haben …“
„Du bist doch nicht dick“, widersprach Muriel. „Du bist …“
„Kurvig“, warf Pat ein. „Und Jungs lieben Kurven.“
„Nein“, korrigierte Olivia sie, „Jungs lieben Muriel. Ich wette, du bist verheiratet, noch ehe du zwanzig bist.“
Muriel schüttelte den Kopf. „Nicht wenn mein Vater etwas mitzureden hat.“ Sie seufzte. „Er hat meine Zukunft genau geplant.“
„Jaja, es ist schon schwer, Mitglied einer Familie zu sein, der eine Schokoladenfabrik gehört“, meinte Pat. „Du armes Mädchen. Du musst dort arbeiten, reich werden und kannst jederzeit so viel Schokolade essen, wie du willst.“ Sie und Olivia kicherten.
„Ich habe ja gar nichts dagegen, dort zu arbeiten, wenn ich Sachen machen kann, die Spaß bringen, zum Beispiel neue Rezepte kreieren helfen oder das Telefon beantworten. Aber ich will die Firma nicht leiten. Ich möchte heiraten und eine Familie gründen.“
„Und du willst eine berühmte Schriftstellerin werden“, erinnerte Olivia sie. „Hast du schon von Seventeen gehört?“
Der Brief, mit dem ihr Artikel „Wie man in einer Kleinstadt Spaß haben kann“ abgelehnt worden war, hatte gestern im Briefkasten gesteckt. Muriel hatte sich noch nicht getraut, ihren besten Freundinnen davon zu erzählen. Es war so beschämend, eine solche Versagerin zu sein. Sie biss sich auf die Unterlippe.
„O nein“, meinte Pat mitleidig. „Dein Artikel hat ihnen nicht gefallen?“
Muriel schüttelte noch einmal den Kopf.
„Na, schön blöd von denen“, sagte Olivia nur.
„Keine Sorge“, tröstete Pat sie. „Irgendwann wirst du schon noch etwas verkaufen. Vielleicht werden es sogar solche Bestseller wie die Bücher von Jacqueline Susann.“
Muriel verzog das Gesicht. „Solche Sachen will ich nicht schreiben.“
„Ich schon“, erklärte Pat. „Das heißt, natürlich nur, wenn ich etwas schreiben würde. Aber ich lese lieber.“
„Und ich würde lieber rumknutschen“, erklärte Olivia grinsend. „Wisst ihr, es wird bestimmt richtig schwierig, einen Mann zum Heiraten zu finden, wenn wir jetzt mit der Schule fertig sind. Irgendwie scheint mindestens die Hälfte der Jungs aufs College zu verschwinden.“ Ihre Miene verdüsterte sich. „Ich kann nur hoffen, dass Gott uns ein paar neue schickt.“
Zwei Wochen nach Schulende wurden ihre Gebete erhört. Und Olivia und Pat kamen in den Laden von Sweet Dreams Chocolate Company, wo Muriel arbeitete, um ihr davon zu berichten.
„Wir sind gerade die Hauptstraße entlanggelaufen, da hat er uns angehalten und gefragt, wo man hier wohl gut essen könnte“, erzählte Pat.
„Er sieht umwerfend aus“, schwärmte Olivia. „Groß und muskulös, und er sieht aus wie Mick Jagger. Sogar seine Haare. Na ja, außer dass er blond ist.“
Lange Haare. Das würde Muriels Vater gar nicht gefallen. „Das heißt, er ist ein Hippie?“
„Nein“, meinte Pat. „Er fährt Motorrad.“
„Und trägt eine Lederjacke“, fügte Olivia hinzu. „Wir treffen uns gleich mit ihm bei Herman’s Hamburgers.“
Und schon waren sie wieder verschwunden, während Muriel sich um den Laden kümmern musste. Das war unfair. Und nicht richtig. Die Sommerferien hatten gerade erst begonnen, und Daddy bestand darauf, dass sie hier arbeitete! Pat und Olivia dagegen brauchten nicht zu arbeiten.
„Pat und Olivia besitzen auch kein Familienunternehmen“, belehrte ihr Vater sie, als sie sich ein paar Minuten später bei ihm beschwerte.
„Na, ich wünschte, ich hätte auch keins.“
„Muriel, das möchte ich nicht noch einmal hören“, erwiderte er streng. „Dies ist ein wunderbares Geschäft, das von deiner Großmutter erträumt wurde. Das ist etwas, worauf du stolz sein solltest, junge Dame.“
„Bin ich ja auch“, protestierte sie, ehe er ihr, wieder einmal, die Geschichte erzählen konnte, wie Grandma Rose, im wahrsten Sinne des Wortes, die ersten Schokoladenrezepte geträumt hatte, mit denen Sweet Dreams gegründet worden war. „Aber das heißt nicht, dass ich hier arbeiten will.“
„Dies ist dein Erbe, und das hast du dir und zukünftigen Generationen zuliebe zu respektieren.“
Muriel zeigte ihren Respekt, indem sie die Augen verdrehte.
„Dir mag das jetzt vielleicht nicht gefallen …“
Es gefiel ihr wirklich nicht, vor allem Wechselgeld herausgeben war schrecklich. Das hasste sie total. Sie konnte einfach nicht rechnen. Egal wie viel Mühe sie sich auch gab, ständig kam sie durcheinander. Wie auch immer, sie wollte gar nicht Karriere machen. Ihr gefiel die Vorstellung, eine Firma zu besitzen und auf einen endlosen Vorrat an Schokolade zurückgreifen zu können, aber sie wollte diese Firma nicht leiten. Im Gegensatz zu ihrer Mutter, die ständig im Büro war, um Daddy zu helfen, wollte sie lieber zu Hause bleiben und sich darauf konzentrieren, eine Familie zu gründen. Oh, und natürlich ein paar Artikel in tollen Zeitschriften wie Seventeen und Mademoiselle oder vielleicht sogar Woman’s Day veröffentlichen.
„Aber“, fuhr ihr Vater fort, „letztlich wirst du dich darüber freuen, dass ich darauf bestanden habe, dass du dich hier engagierst. Frauen bleiben heutzutage nicht mehr nur zu Hause, das weißt du doch. Ich möchte, dass du etwas aus deinem Leben machst.“
Ja, sie wollte auch etwas aus ihrem Leben machen. Und im Moment wollte sie nichts weiter als Spaß haben.
Ihr Vater legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es an. „Komm schon, nicht schmollen. Weißt du, wie viele deiner Freundinnen einen Mord begehen würden, nur um in einem Schokoladengeschäft arbeiten zu können?“
Im Augenblick? Keine einzige. Die waren alle bei Herman’s, dem neuen Hamburgerladen, und stopften Cheeseburger, Milchshakes und Pommes in sich rein. Mit einem gut aussehenden Fremden, der Motorrad fuhr … Klugerweise behielt sie aber ihren Protest für sich.
Ihr Vater, der mit dem Bürgermeister zum Mittagessen verabredet war, tätschelte noch kurz ihre Wange, bevor er zur Tür eilte. Muriel legte frustriert die Ellenbogen auf den Tresen und … schmollte.
Bis Mrs Lind hereinkam, um eine Schachtel Pralinen zu kaufen. Da erinnerte sie sich wieder an ihre guten Manieren.
„Die sind für meine Schwester zum Geburtstag“, erklärte Mrs Lind. „Ich hoffe, ich kann die Finger davon lassen.“
„Na, vielleicht hilft Ihnen das hier …“ Muriel steckte eine Pfefferminzpraline in eine kleine Geschenkschachtel und schob sie über den Tresen.
Janice Lind strahlte, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen. „Oh, du bist ja so ein Schatz. Vielen Dank, Muriel.“
„Gern geschehen“, erwiderte Muriel. Okay, das war der Teil des Geschäfts, der ihr Spaß machte: der Umgang mit den Kunden. Das musste sie ja zugeben, als sie sich selbst eine Praline gönnte. Außerdem war es wirklich toll, freien Zugang zu solchen Schokoladenköstlichkeiten zu haben.
Trotzdem verbrachte sie den Rest ihrer Schicht damit, ständig auf die Uhr zu schauen, in der Hoffnung, dass die Zeit schneller umging, damit sie endlich zu den anderen stoßen konnte. Um vielleicht noch einen Blick auf den Neuankömmling zu erhaschen. Der wurde bestimmt schon von den Mädchen umschwärmt.
Olivia hatte recht: Es gab einfach nicht genügend nette Jungs in der Stadt. Wie sollte sich denn ihr Wunsch von einem Happy End mit einem Traummann erfüllen, wenn es hier niemanden gab, mit dem sie ein Happy End erleben wollte?
Die Glocke über der Tür ertönte. Ach herrje, wer kam denn jetzt noch?
2. KAPITEL
Hereinspaziert kamen Pat und Olivia. Olivia kicherte; Pat schmollte. Hinter ihnen trat der Neuankömmling in den Laden.
Er sah tatsächlich wie ein blonder Mick Jagger aus. Muriel bekam sofort Herzklopfen und wünschte, sie hätte mehr Lippenstift aufgetragen.
„Das ist Stephen Sterling“, stellte Olivia ihn vor. „Er wollte dich kennenlernen.“
Das erklärte wohl Pats missmutige Miene. Ganz offensichtlich fand sie die Idee, Stephen Muriel vorzustellen, nicht sonderlich prickelnd. Wahrscheinlich schmiedete sie schon Pläne mit diesem Mann, die niemand anderen einschlossen.
Und Muriel konnte es ihr nicht einmal verdenken. Was für ein Mann! Stephen Sterling hatte das Gehabe eines erwachsenen Mannes, von dem die Jungs aus dem Ort noch weit entfernt waren, und er sah sowohl gefährlich als auch faszinierend aus mit seiner Lederjacke und den Jeans. Sein Haar war lang und zerzaust und reichte ihm bis zum Kinn. Ob er wohl in einer Rockband mitspielte?
Muriel lächelte und sagte Hallo.
„Als ich ihm von dir und der Schokoladenfabrik deiner Familie erzählt habe, wollte er dich unbedingt kennenlernen“, erklärte Olivia.
„Magst du Schokolade?“, fragte Muriel.
„Ich steh auf süße Dinge“, antwortete er, und das Lächeln, das seine Worte begleitete, ließ Muriel heftig erröten.
„Welche Art von Schokolade magst du lieber: die dunkle oder Vollmilch?“
Er zuckte mit den Achseln. „Schokolade ist Schokolade.“
Daraufhin kicherte Olivia erneut. „Mann, o Mann, du musst noch viel lernen.“
Muriel hätte nichts dagegen gehabt, ihn zu unterrichten.
Gerade wollte sie ihnen ein bisschen kostenlose Schokolade zuschieben, als ihr Vater wieder in den Laden kam. „Hallo, alle zusammen.“
Seine Begrüßung klang freundlich, doch Muriel sah den missbilligenden Blick, den ihr Vater Stephen zuwarf. Natürlich, die langen Haare. Ihr Vater vertrat die Meinung, dass Männer wie Männer auszusehen hatten. Na ja. Der hier, fand sie, sah auch mit langen Haaren ziemlich männlich aus.
„Muriel, spendiere deinen Freunden ein Stück Schokolade“, sagte Daddy.
„Danke schön, Sir“, sagte Stephen und bewies damit, dass er über gute Manieren verfügte. Muriel hoffte, dass ihm das ein paar Pluspunkte bei ihrem Vater eintrug.
Daddy nickte. „Ich fürchte allerdings, danach müsst ihr gehen. Muriel muss wieder an die Arbeit.“
Und was sollte sie tun? Unsichtbare Kunden bedienen?
Mit dieser unmöglichen Bemerkung verschwand ihr Vater hinauf ins Büro. Muriel ärgerte sich nicht nur über seine Unhöflichkeit, sondern auch darüber, dass ihre Freundinnen gleich wieder verschwinden würden. Denn den gut aussehenden Neuankömmling würden sie natürlich mitnehmen.
Trotzig schenkte sie jedem von ihnen zwei Pralinen. Es war eine kleinliche Rache, trotzdem fühlte sie sich danach besser. Ein wenig.
Stephen steckte die Praline in den Mund und kaute. „Die sind ja lecker.“
„Natürlich sind sie das“, sagte Muriel, „wir machen die beste Schokolade in ganz Washington.“
„Sieht mir fast so aus, als würde es hier ein Menge guter Sachen geben“, erwiderte er und lächelte sie an.
Pat runzelte die Stirn und zupfte an seinem Ärmel. „Komm schon, Stephen, wir sollten gehen.“
„Ja, wir wollen ja nicht, dass du Ärger mit deinem Dad bekommst“, sagte Olivia zu Muriel.
„Stephen hat beschlossen, noch ein paar Tage hierzubleiben“, fügte sie hinzu, „also wollen wir heute Abend ein Lagerfeuer am Fluss machen.“
„Ich komme auch“, meinte Muriel. Wenn ihr Vater sie fragte, wohin sie gehen wollte, würde sie einfach sagen, dass sie mit Arnie ausging. Daddy mochte Arnie.
„Bring Arnie mit“, schlug Pat vor, und Muriel wusste, dass es ihrer Freundin nicht darum ging, ihr eine gute Ausrede für den Abend zu verschaffen.
„Ich sage noch ein paar mehr Leuten Bescheid“, sagte Muriel. „Oh, Pat, ich sorge auch dafür, dass Hank kommt.“ Nicht dass Pat und Hank ein Paar waren. Sein Name war ihr einfach als Erstes durch den Kopf geschossen.
Pat kniff die Augen zusammen. Ihr war sehr wohl bewusst, dass Muriel versuchte, sie auf die gleiche Art und Weise auszutricksen, wie sie es eben auch versucht hatte. „Mach dir meinetwegen keine Mühe.“
„Lad einfach alle ein.“ Olivia war so ahnungslos. „Je mehr, desto lustiger.“
„Kommt, lasst uns gehen“, sagte Pat. „Wir zeigen ihm den Lost-Bride-Wanderweg“, verkündete sie im Gehen.
Muriel hätte ihr am liebsten hinterhergerufen: „Du bekommst sie sowieso nicht zu Gesicht“, doch sie widerstand der Versuchung.
In Icicle Falls kannte jeder die Legende von der verlorenen Braut. Rebecca Cane war als Katalogbraut hier in die Stadt gekommen. Aber ihr Ehemann, Joshua Cane, hatte Schwierigkeiten gehabt, seine hübsche Frau nur für sich allein zu behalten. Sie hatte sich in seinen jüngeren Bruder Gideon verliebt. Daraufhin war es zwischen den Brüdern immer wieder zu Streitereien und öffentlichen Schlägereien gekommen, was natürlich zu viel Klatsch und Tratsch geführt hatte. Und als Rebeca und Gideon auf einmal verschwunden gewesen waren, schossen immer wildere Gerüchte wie Pilze aus dem Boden, vor allem als Joshua zu einem verbitterten Einsiedler wurde. Die Spekulationen gipfelten darin, dass man annahm, Joshua hätte sowohl seine Frau als auch seinen Bruder ermordet. Und als jemand Rebeccas Geist oben bei den Wasserfällen, den Icicle Falls, sah, diente das als Beweis.
Eine Zeit lang hatten die Leute Angst, in die Nähe der Wasserfälle zu gehen. Doch eines Tages hatte eine unverheiratete Frau, die dort oben mit ihren Cousinen Blaubeeren pflücken war, Rebeccas Geist gesehen, und zwar am Tag, bevor sie einen Heiratsantrag bekam. Danach hielt man es für ein gutes Omen, wenn jemand den Geist der verlorenen Braut hinter den Wasserfällen auftauchen sah – ein eindeutiges Zeichen, dass die Frau, die Rebecca Cane gesehen hatte, bald heiraten würde.
Jetzt war also Pat auf Geistersuche. Also ehrlich, konnte man noch durchschaubarer sein?
„Sie will ihn für sich, oder?“, fragte Muriel, als sie später am Nachmittag quer auf dem Bett lag und mit Olivia telefonierte.
„Na, wer würde das nicht wollen?“, erwiderte Olivia. „Er ist so cool. Weißt du was? Er war schon in Vietnam.“
„Du meine Güte, wie alt ist er denn?“
„Zweiundzwanzig.“
Eine weitere Traummann-Anforderung erfüllt. Der mysteriöse Mann in Muriels Träumen war älter und weiser als sie. „Und was macht er jetzt?“ Was hatte er für einen Job, dass er mitten in der Woche auf dem Motorrad durch die Gegend fahren konnte?
„Er arbeitet gar nicht.“
Oh, oh, das würde Daddy gar nicht gefallen.
„Er sagt, er hat ein bisschen Geld gespart und sucht sich nur einen Job, wenn er einen braucht. Ein Jahr lang ist er auf dem College gewesen.“
Gut aussehend, clever und älter – oh, da schlug ihr Herz ganz definitiv schneller. Noch eine Anforderung, die er erfüllte.
„Ich muss Schluss machen“, sagte sie. Vor dem Essen musste sie unbedingt noch schnell ihre Haare waschen und sich die Fingernägel lackieren.
„Was hast du denn heute Abend vor?“, wollte Muriels Vater wissen, als sie Makkaroni mit Käse und Fischstäbchen aßen, eins der Standardgerichte, die ihre Mutter unter der Woche gern kochte, wenn sie von der Arbeit kam.
„Arnie und ich gehen zusammen aus“, antwortete Muriel, froh, dass sie Arnie auch eingeladen hatte. Sie log ihre Eltern nicht gern an.
„Er ist ein netter Junge“, meinte ihre Mutter.
Er war nett, aber er war nicht der Stoff, aus dem Träume gesponnen wurden. Dieser Stephen dagegen …
„Ich hoffe, du gehst nirgendwohin, wo dieser langhaarige Hippie aufkreuzt“, erklärte Daddy.
Hatte er womöglich ihr Telefonat belauscht?
„Ich bin sicher, dass alles in Ordnung ist, wenn sie mit Arnie unterwegs ist“, erwiderte ihre Mutter ruhig.
„Du bleibst bei Arnie“, beharrte ihr Vater und deutete mit der Gabel auf Muriel.
Das waren die Momente, in denen Muriel es verfluchte, Einzelkind zu sein. Es war niemand anderes da, der dafür sorgen konnte, dass nicht immer nur sie im Rampenlicht stand.
„Holt er dich ab?“, hakte Daddy nach.
„Nein, ich treffe mich mit ihm im Park.“
Daddy runzelte die Stirn. „Na, dann sorg wenigstens dafür, dass er dich nach Hause bringt.“
„Ja, Daddy“, murmelte sie. Wenn alles nach Plan verlief, würde jemand ganz anderes sie nach Hause bringen.
Sie half ihrer Mutter beim Abwasch, dann flüchtete sie aus dem Haus, für die Party zurechtgemacht mit tief sitzenden Jeans, einem Batik-Top und einem Sweatshirt, das sie um die Taille geschlungen hatte.
Als sie am Fluss ankam, hatten es sich schon viele der Jugendlichen, die gerade mit der Schule fertig waren, auf Decken am Ufer gemütlich gemacht. Andere saßen auf umgefallenen Baumstämmen. Über dem Lagerfeuer wurden Hot Dogs gegrillt, und man trank Cola und andere alkoholfreie Getränke. Nur ein paar Jugendliche, wie Hank Carp, tranken Bier. Alkoholkonsum war erst mit einundzwanzig erlaubt, doch einige der älteren Teenager organisierten sich häufiger Bier und trafen sich dann auf den Feldern oder unten am Fluss, um dem unerlaubten Genuss zu frönen.
Muriel war nicht besonders erpicht aufs Trinken und machte sich eher Sorgen, dass diese Party hier außer Kontrolle geraten könnte, vor allem als sie sah, dass Olivias zehnjährige Schwester Wendy auch da war, zusammen mit Nils’ zwölfjährigem Bruder Peter und Hanks wilder Schwester Josie. Normalerweise kamen nur die älteren Jugendlichen zu diesen Partys. Wenn alle anfingen, etwas zu trinken, wer würde dann ein Auge auf die Jüngeren haben?
Arnie stand neben Olivia und Hank am Lagerfeuer und fühlte sich sichtlich unwohl und fehl am Platz. Er war merklich erleichtert, als er Muriel entdeckte, und kam sofort zu ihr, um sie zu begrüßen. „Hallo, Muriel. Ich habe mich schon gefragt, ob dein Dad dich wohl herkommen lässt.“
„Er wusste, dass du hier sein würdest, also hat er Ja gesagt.“ Das entlockte Arnie ein Lächeln. Mist. „Olivia sieht heute Abend süß aus, oder?“, versuchte Muriel, ihn abzulenken.
Arnie warf Olivia einen kurzen Blick zu. „Ja, klar. Du siehst fantastisch aus, Muriel.“
Warum sahen Jungs nur nie das, was direkt vor ihrer Nase war? Arnie bräuchte nur zu fragen, und schon würde Olivia mit ihm ausgehen. Sie war zurzeit nämlich ziemlich frustriert. So verzweifelt, wie sie war, würde sie vermutlich mit jedem ausgehen.
Muriel dagegen nicht. Sie wartete auf den perfekten Mann. Sie lächelte Stephen zu, der mit Pat redete. Er musterte sie einmal anerkennend von Kopf bis Fuß, blieb jedoch, wo er war. Hatte Pat ihn etwa verzaubert?
Lenny Luebecker holte seine Gitarre heraus. „Hey, Muriel, ich hab einen Song für dich“, rief er, bevor er „Dizzy“ von Tommy Roe anstimmte und sie hoffnungsvoll angrinste. Muriel hatte nicht vor, ihn zu ermutigen, daher lächelte sie nur zurückhaltend. Aber Olivia schlenderte zu ihm und Nils hinüber, um in den Gesang mit einzustimmen. Und auch ein paar andere Jugendliche gesellten sich dazu. Pat und Stephen blieben jedoch ein wenig abseits und redeten. Muriel runzelte die Stirn. Diese Party machte definitiv nicht so viel Spaß, wie sie gehofft hatte.
Der Abend nahm seinen Lauf, und immer mehr Nachtschwärmer tauchten auf. Die Kinder flitzten zwischen den Bäumen hin und her und spielten Fangen, während die Älteren tranken. Die Gesänge wurden immer lauter und das Lachen immer kreischender. Einige verschwanden an den äußeren dunklen Rand des Feuerscheins, und man erkannte nur noch Silhouetten, die sich küssten. Bei Hank und Stephie sah es aus, als meinten sie es ernst. Das läuft doch auf eine Mussheirat hinaus, dachte Muriel, ehe sie merkte, dass sie eigentlich nur eifersüchtig war. Nur zu gern hätte auch sie dort im Dunkeln gestanden und mit Stephen rumgeknutscht.
Wo steckte Stephen überhaupt? Er und Pat waren nirgends zu sehen. Na, vielleicht war er doch nicht der Richtige für sie. Vielleicht hatte sie sich die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Bild des großen blonden Mannes, den sie so häufig in ihren Träumen gesehen hatte, doch nur eingebildet.
Plötzlich übertönte ein gellender Schrei den Lärm wie ein falscher Ton in einem Orchester, und einen Augenblick später kam Josie zum Lagerfeuer gerannt. „Wendy ist in den Fluss gefallen!“
„O nein!“, schrie Olivia und sprang sofort auf.
Die Strömung war stark, und wenn ein Kind mitten in der Nacht in die Fänge des Flusses geriet, konnte das in einer Katastrophe enden. Sofort waren alle auf den Beine und rannten zum Ufer. Voller Panik rief Olivia ständig den Namen ihrer kleinen Schwester.
Gerade erst hatte sie den kleinen Körper entdeckt, der vom wütenden Fluss davongespült wurde, als auf einmal, wie aus dem Nichts, eine große männliche Gestalt ins Wasser sprang: Stephen Sterling.
Muriel hielt den Atem an und sah zu, wie er sich gegen die Strömung zu dem kleinen Mädchen vorkämpfte. Es war ein heldenhafter Kampf. Der Fluss gab seine Beute nicht so leicht wieder her, und beim ersten Versuch scheiterte Stephen. Beim zweiten Mal erwischte er Wendy, doch es sah aus, als würde er all seine Kraft aufbieten müssen, um sich und die Kleine ans Ufer zu bringen.
„Warum hilft ihm denn keiner?“, brüllte Olivia.
Hank fand einen langen Ast und streckte ihn Stephen entgegen. Der griff danach und benutzte ihn, um sich und das Mädchen in Sicherheit zu bringen.
Wendy war in Tränen aufgelöst, genau wie Olivia.
Auch Josie weinte vor Schreck, und Peter sah aus, als müsste er sich sehr beherrschen, um nicht ebenfalls anzufangen.
Nils griff nach dem Arm seines Bruders und fragte: „Was habt ihr denn getrieben, verdammt?“
„Wir haben nur Fangen gespielt“, protestierte Peter. „Sie ist ins Wasser gelaufen, um abzuhauen und …“, jetzt flossen auch bei ihm die Tränen.
„Sie ist zu weit reingelaufen“, beendete Muriel seinen Satz, während sie ihr Sweatshirt um das triefnasse Mädchen legte. „Oh, Wendy, was hast du dir nur dabei gedacht? Du müsstest es doch besser wissen!“
„Ich bin ausgerutscht“, schluchzte die Kleine.
„Kommt, wir müssen sie zum Feuer bringen“, meinte Pat und übernahm die Führung. „Komm, Schätzchen. Wir wärmen dich in null Komma nichts wieder auf.“
Pat und Olivia versuchten, Wendy zu beruhigen. Muriel schnappte sich eine Decke und ging hinüber zu Stephen, der gerade mit Nils redete. „Ich dachte, vielleicht kannst du die gebrauchen.“
„Danke“, sagte er und legte sie sich um die Schultern.
Nils war klug genug zu wissen, wann eine Frau einen Mann für sich alleine haben wollte, und machte sich von dannen. So hatte Muriel jetzt zum ersten Mal heute Abend die Chance, allein mit dem Neuankömmling zu sprechen.
„Was du getan hast, war wirklich heldenhaft.“
Er schüttelte den Kopf und starrte in die Flammen. „Ach, was.“
„Doch“, widersprach sie. „Außer dir ist niemand ins Wasser gesprungen.“
„Jemand hätte es schon noch getan. Ich war nur einfach der Erste.“
„Das ist doch das, was Helden tun, oder nicht? Sie stellen sich unerschrocken der Gefahr.“
„Glaub mir, davon hatte ich mehr als genug.“
„Einige Männer sind einfach zum Helden geboren, ob sie es nun wollen oder nicht.“
Sein Lächeln wirkte spöttisch. „Bist du auf der Suche nach einem Helden, Muriel?“
Vielleicht. „Wäre das so falsch?“
Arnie trat zu ihnen. „Olivia will nach Hause. Ich glaube, wir sollten vielleicht auch gehen.“
Wieso führte er sich so auf, als wäre er ihr Freund? Am liebsten hätte Muriel ihn getreten. „Ich möchte eigentlich noch nicht gehen.“
„Okay. Willst du Olivia noch Tschüss sagen?“
Natürlich wollte sie das! Pech nur, dass gerade jetzt, wo sie bei Stephen verlorenen Boden wiedergutmachen wollte, Pat ankam und ihn anlächelte, als wären sie schon ein Paar.
Trotzdem, ein Mädchen ignorierte ihre beste Freundin nicht wegen eines Mannes. Muriel ging zu Olivia hinüber, die gerade ihre Sachen zusammenpackte und aussah, als würde sie gleich wieder in Tränen ausbrechen. „Alles okay bei dir?“
„Meine Eltern bringen mich um, und ich kann es ihnen nicht mal verdenken. Das ist alles mein Fehler.“
„Du hast sie doch nicht in den Fluss geschubst.“
„Ich hab aber auch nicht auf sie aufgepasst. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mit Nils zu flirten.“
Das konnte man nicht leugnen. Aber den Kindern von Icicle Falls wurde schon in jungen Jahren eingebläut, dass der Fluss Gefahren barg. „Es war schlicht und einfach ein Unfall“, entgegnete Muriel. „Das Wichtigste ist doch, dass es ihr gut geht.“
„Ja, aber nicht wegen mir“, jammerte Olivia unglücklich. „Fangen“, fügte sie grimmig hinzu.
„Das haben wir doch alle gespielt“, erinnerte Muriel sie.
„Aber nicht am Fluss.“
Muriel umarmte sie und versicherte ihr, dass alles gut werden würde. Dann, nachdem sie alles getan hatte, um ihre Freundin aufzumuntern, sah sie sich nach Stephen um. Er stand nicht mehr am Lagerfeuer. Genauso wenig wie Pat. Muriel entdeckte die beiden, wie sie den Weg am Fluss entlanggingen, vermutlich in Richtung Bavarian Inn, wo Stephen abgestiegen war. Vielleicht war sie jetzt doch bereit, nach Hause zu gehen.
Der Vorfall hatte die Stimmung der Party empfindlich gestört, und die meisten Jugendlichen machten sich auf den Weg nach Hause. Weil sie kurz vorher ihren Standpunkt ja schon klargemacht hatte, ließ Muriel sich schließlich doch von Arnie heimbringen.
An der Haustür griff er nach ihrem Arm, und sie drehte sich noch einmal zu ihm um. „Muriel.“
An seiner Stimme konnte sie schon erkennen, was jetzt kam.
Und tatsächlich. „Du weißt, was ich für dich empfinde.“
Sie nickte. „Es tut mir leid, Arnie. Ich mag dich, aber eben nicht … auf diese Weise.“
Er sah sie grimmig an. „Es geht um den neuen Typ, oder? Ich hab gesehen, wie du den angestarrt hast.“
„Ein Mädchen kann sich nicht aussuchen, zu wem es sich hingezogen fühlt.“ Jetzt sah Arnie aus, als hätte sie ihm das Herz gebrochen, und Muriel bekam ein schlechtes Gewissen.
Aber er war nun mal nicht der Mann ihrer Träume.
Er seufzte tief. „Wenn du jemals deine Meinung ändern solltest, weißt du, dass ich immer für dich da bin.“
„Du bist ein guter Freund, Arnie“, flüsterte sie.
„Danke“, antwortete er, doch sein Tonfall verriet, was er davon hielt.
Der Weg zur wahren Liebe ist genauso verzweigt und unübersichtlich wie der Lost-Bride-Wanderweg, dachte Muriel traurig, als sie ins Haus schlüpfte.
3. KAPITEL
Als sich am Sonntagabend die kirchliche Jugendgruppe traf, zog Muriel Pat zur Seite. „Wo bist du mit Stephen nach der Party hingegangen?“
„Wir waren spazieren. Nicht dass es dich was angeht.“
„Ich hatte aber doch gerade mit ihm geredet.“
Pat zuckte mit den Schultern. „Und dann bist du weggegangen.“
„Ich habe nur Olivia Tschüss gesagt. Ich wollte gleich wiederkommen.“
„Woher sollte ich das denn wissen?“, fragte Pat schnippisch. „Pass auf, Muriel, du kannst jeden Jungen hier im Ort haben. Da brauchst du Stephen nicht auch noch in deine Sammlung mit aufzunehmen.“
„Ich sammle doch keine Jungs!“
„Doch, das tust du. Dir gefällt es doch, dass alle Jungs in der Stadt verrückt nach dir sind. Na ja, der hier ist es jedenfalls nicht, und ich will ihn.“
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