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Eigentlich fühlen sich die Freundinnen Jamie, Emma und Sarah in der Kleinstadt Heart Lake pudelwohl. Doch den drei Frauen fällt auf, dass ihrer einst so liebenswerten Stadt das »Herz verloren geht«. Zum Glück haben sie schon eine Idee, wie sie das ändern können: Sie rufen die Kampagne »Zeigt Herz in Heart Lake!« ins Leben, die ihre Mitbürger dazu bewegen soll, jeden Tag etwas Gutes zu tun. Die drei Frauen wollen mit gutem Beispiel vorangehen. Leichter gesagt, als getan, und Emma droht schließlich sogar der finanzielle Ruin. Ob es trotzdem ein Happy End unter dem Weihnachtsbaum gibt?
Ein wunderbarer Roman über starke Frauen, Freundschaft und Liebe.
»Süß wie Weihnachtsplätzchen, köstlich wie Christstollen.» (Romantic Times Book Review)
Alle Romane dieser Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden. Wir haben die Geschichten sorgsam für dich ausgewählt, damit sie dir an kalten Wintertagen das Herz erwärmen und dich beim Lesen in Weihnachtsstimmung versetzen.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
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Seitenzahl: 436
Veröffentlichungsjahr: 2021
Weihnachtsbote auf vier Pfoten
Eigentlich fühlen Jamie, Emma und Sarah sich in der Kleinstadt Heart Lake pudelwohl. Doch den Freundinnen fällt auf, dass ihrer einst so liebenswerten Stadt das »Herz verloren geht«. Zum Glück haben sie schon eine Idee, wie sie das ändern können: Sie rufen die Kampagne »Zeigt Herz in Heart Lake!« ins Leben, die ihre Mitbürger dazu bewegen soll, jeden Tag etwas Gutes zu tun. Die drei Frauen wollen mit gutem Beispiel vorangehen. Leichter gesagt, als getan, und Emma droht schließlich sogar der finanzielle Ruin. Ob es trotzdem ein Happy End unter dem Weihnachtsbaum gibt?
Ein wunderbarer Roman über starke Frauen, Freundschaft und Liebe.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
Sheila Roberts lebt mit ihrem Ehemann und drei Kindern an einem kleinen See im Staat Washington im äußersten Nordwesten der USA. Wenn sie sich nicht gerade mit Freundinnen trifft oder Tennis spielt, schreibt sie fleißig über die Themen, die Frauen am meisten lieben: Familie, Freunde und Schokolade.
Sheila Roberts
Solange du Wunder schenkst - Weihnachten in Heart Lake
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Moreno
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Digitale Neuausgabe
»be« - Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe: Copyright © 2009 by Sheila Roberts
Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Angel Lane«
Für diese Ausgabe: Copyright © 2014/2021 by Bastei Lübbe AG, Köln Titel der deutschsprachigen Erstausgabe: »Solange du Wunder schenkst« Textredaktion: Dorothee Cabras, Grevenbroich Lektorat: Judith Mandt Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de unter Verwendung von Motiven von © Val Shevchenko/shutterstock; Sky Cinema/shutterstock; Smileus/shutterstock; Versta/shutterstock eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7517-1679-6
be-ebooks.de
lesejury.de
Für Marliss, die Königin der guten Taten, und Theresia, die Großzügigkeit auf ein völlig neues Niveau anhebt
Beim Schreiben dieses Buches habe ich einige wunderbare neue Freunde gefunden. Ich bin den folgenden Menschen zu großem Dank verpflichtet für die Einblicke, die sie mir in ihr Leben als Ladenbesitzerinnen und vielbeschäftigte Frauen gewährt haben: Mein herzlichstes Dankeschön an Mona Newbauer, die Besitzerin der Chocolate Bar am Angel Place in Langley, Washington, die so freundlich war, einen Tag im Leben eines Chocolatiers mit mir zu teilen. Ich könnte sterben für deine Trüffel, Mona, und müsste ich in aller Herrgottsfrühe aufstehen wie du, würde ich es wohl tun. Ein großes Dankeschön auch an Valerie Wood vom Material Girls Quilt Shop in Silverdale, Washington, die mir zeigte, wie viel Engagement es erfordert, einen Quilt-Shop zu führen. Was für ein Entgegenkommen! Und apropos Entgegenkommen: Auch tausend Dank an Helen Ross für ihre geduldigen Erklärungen, was die komplizierte Herstellung von Quilts angeht. Ich bedanke mich außerdem bei Kathy Nordlie und Maria Parra-Boxley für die fabelhaften Süßwarenrezepte, die sie beigesteuert haben. Und vielen herzlichen Dank an die Bainbridge-Island-Beratergruppe (Susan Wiggs, Suzanne Selfors, Elsa Watson, Carol Cassella und Anjali Banerjee) für ihren außerordentlich wertvollen Beitrag. Und zu guter Letzt auch meinen aufrichtigsten Dank an Paige Wheeler, meine Agentin, und Rose Hilliard, meine Redakteurin, sowie an all die wundervollen Menschen bei St. Martin’s Press, die das Schreiben für mich auch weiterhin zu einem so großartigen Abenteuer machen.
Ein weiterer Tag in Mayberry, dachte Jamie Moore, während sie die letzten beiden Kundinnen für heute zur Tür der Chocolate Bar begleitete. Ein böiger Herbstwind fuhr herein, als die zwei alten Damen gingen, und brachte das Glöckchen, das im Fenster hing, zum Klingeln: Kleine Pralinen, die in weiße, wie Pappbecher aussehende Porzellan-Schälchen eingebettet waren, hingen von einer pinkfarbenen, herzförmigen Pralinenschachtel herab. Sie sahen zum Anbeißen aus, genau wie die große Auswahl anderer verführerischer Pralinen, die auf silbernen Tabletts in den Glasvitrinen ausgestellt waren. Und Jamies Trüffel, ihr Konfekt und alle anderen Schokoladen-Kreationen waren nicht nur gut, sondern großartig, vorzüglich und geradezu unwiderstehlich. Zumindest sagten das alle ihre Kunden.
Jamie schaute durch das Schaufenster den beiden alten Damen nach, die mit im Wind flatternden Röcken im Schneckentempo den Bürgersteig hinuntergingen. Auf der anderen Straßenseite fegten weitere Windböen fast spielerisch das rot gefärbte Laub von dem großen Ahornbaum an der Ecke. Die durch die Luft tänzelnden und über den Bürgersteig wirbelnden Blätter erinnerten Jamie an Feen, und sie musste unwillkürlich lächeln, was sie in letzter Zeit erstaunlich oft getan hatte und tat. Vielleicht war es Heart Lake selbst oder auch nur der Zauber der Schokolade – was immer es auch war, was sie hier gefunden hatte, es hatte ihr ihr Lächeln zurückgegeben. Die Mühen und Kämpfe in L.A. lagen hinter ihr, und sie hatte ein neues Geschäft und ein neues Leben. Sie war heimgekehrt, hatte einen Schritt in die Vergangenheit zurückgetan und wieder zu sich selbst gefunden.
Natürlich war ihr Geschäft keine Goldgrube, oder jedenfalls bisher noch nicht, sodass sie sich zunächst nur eine Teilzeitkraft, eine preiswerte Mietwohnung und eine Schrottlaube als Auto leisten konnte. Aber die »preiswerte Wohnung« war ein Häuschen am Seeufer, das ihre Tante, Sarah Goodwin, für sie gefunden hatte, und die »Schrottlaube« ein Toyota, der erfreulich wenig Sprit verbrauchte. Es war also alles bestens, was sie anging.
Jamie drehte das Schild an der Ladentür so um, dass nun darauf Geschlossen zu lesen war, und erledigte dann schnell die üblichen Routinearbeiten nach Ladenschluss, wie das Reinigen der Espressomaschine, das Abwischen der Theken und das Spülen des Geschirrs. Ihre letzte Aufgabe war das Verfassen der Einkaufsliste. Sie bestellte ihre Schokolade bei einem Großhändler in Seattle, der sie aus Frankreich importierte, aber alles andere, was sie benötigte, kaufte Jamie im Ort. Heute Abend musste sie Sahne besorgen, die ein unerlässlicher Bestandteil wirklich guter Trüffel war. Außerdem brauchte sie noch mehr von dem Erdbeerlikör, den Tony DeSoto von Bere Vino stets für sie bereithielt.
Morgen würde sie schon um fünf Uhr in der Früh im Laden sein und Trüffel herstellen. Gegen zehn würde dann ihre Verkäuferin kommen und den Thekendienst übernehmen. Mittwochs war immer viel zu tun dank einer Wandergruppe, die vorbeikam, den einheimischen »MOPS-Müttern«, den Müttern von Vorschulkindern, die nach ihrem wöchentlichen Treffen auf einen Kaffee hereinschauten, und auch dank der Mitarbeiter von Lakeside-Immobilien, die mittwochs an den Hausbesichtigungstagen immer Trüffel kauften, um sie ihren potenziellen Kunden anzubieten. Und das war nur Jamies morgendliche Kundschaft. Allein schon der Gedanke an den morgigen Tag machte Jamie müde, aber das war nichts verglichen mit der Müdigkeit, die sie befiel, wenn sie an die Freitage dachte, an denen halb Heart Lake vorbeikam, um Geschenke, Partymitbringsel oder eine Kleinigkeit für sich selbst zu kaufen, um sich das Wochenende zu versüßen. Müde sein ist gut, ermahnte Jamie sich, weil es bedeutet, dass dein Geschäft immer besser läuft und du deine Miete zahlen kannst.
Als sie aus dem Laden auf die Straße trat und die Tür abschloss, trieben die Windböen schon dichte Regenschauer vor sich her. Kaum zu glauben, wie viele Wagen hier draußen parken!, dachte sie, als sie sich anschickte, zum Valentine Square und zu ihrem Toyota hinüberzulaufen. Wer hätte das gedacht?
In ihrer Kindheit war die Innenstadt von Heart Lake noch ein ruhiger, beschaulicher Ort gewesen, an dem höchstens mal die eine oder andere alte Dame die Handvoll Läden an einem langen Streifen Asphalt durchstöbert hatte. Vern’s Drugstore mit seinen schmalen Gängen und den etwas unkonventionellen Hartholzböden war ein beliebtes Ziel für Einheimische auf der Suche nach ein bisschen Klatsch und Zerstreuung oder für Kinder auf der Jagd nach billigen Süßigkeiten gewesen. Die Stadt war jedoch in all den Jahren, in denen Jamie nicht mehr hier gewesen war, sehr gewachsen. Vern’s befand sich zwar noch an derselben Stelle am Lake Way, der Hauptstraße des kleinen Ortes, nur war es heute auf allen Seiten von neuen Geschäften umgeben. Das Stadtzentrum hatte sich auf nahe gelegene Straßen wie die kleine u-förmige ausgeweitet, an der Jamies Laden lag, neben einem Schreibwarengeschäft, einem Juwelier, einer Dessous-Boutique (die sich natürlich alle mit voller Absicht für den Valentine Square entschieden hatten) und einem alten, zweistöckigen Ziegelsteingebäude im Tudorstil, dessen Erdgeschoss an einen Scheidungsanwalt und der erste Stock an einen Autor von Liebesromanen vermietet war. Diese Straße war noch nicht allzu überlaufen, aber der Verkehr auf dem Lake Way nahm so stark zu, dass es allmählich schon absurd war. Als Jamie in der Woche zuvor zu Vern’s gefahren war, um Aspirin zu kaufen, hatte sie ganz am Ende der Straße parken müssen.
Nur zwei kurze Stopps, versprach sie ihrem müden Ich, als sie die Alder in Richtung Lake Way hinauffuhr. Dann konnte sie heimfahren und den Rest Lasagne aufwärmen, den Sarah ihr nach ihrem gestrigen gemeinsamen Abendessen mitgegeben hatte.
Die arme Sarah! Am nächsten Tag zog ihre Tochter zur Ostküste um. Sie würde zweifellos in der richtigen Verfassung für ein Schokoladengelage sein, wenn sie sich morgen nach der Arbeit zu ihrem allwöchentlichen Plausch mit Emma Swanson trafen.
An dem Stoppschild, wo sich die Alder mit dem innerstädtischen Lake Way kreuzte, fand Jamie sich in einer Mini-Rushhour wieder. »Was ist das denn?«, murmelte sie. An dieser Kreuzung bildeten sich doch sonst nie Staus.
Die Fahrzeugschlange bewegte sich langsam auf das Stoppschild zu, und jeder Fahrer, der es erreichte, wartete kaum auf den Wagen, der vor ihm an der Reihe war, bevor er über die Kreuzung schoss wie ein Rennpferd aus der Startmaschine. Und am Straßenrand, etwas weiter vorne standen ihre beiden alten Kundinnen, ihre Chocolate-Bar-Tüten an sich gedrückt, und hatten offensichtlich Angst, auch nur einen Zeh auf den Zebrastreifen zu setzen. Die kleine Mollige zog ihren Wollmantel vor der Brust zusammen und drängte sich schutzsuchend an ihre Freundin. Toller Schutz! Die andere Frau war zwar größer, aber ihre Beine waren spindeldürr. Sie hatte die schmalen Lippen geschürzt, und sie runzelte die Stirn und hielt mit einer Hand ihren Filzhut fest, als befürchtete sie, der Luftzug eines der vorbeijagenden Autos würde ihn ihr vom Kopf reißen.
Jamie konnte verstehen, dass alle bestrebt waren, nach Hause zu kommen, aber konnte nicht wenigstens einer der Autofahrer eine winzige Minute erübrigen und die alten Damen die Straße überqueren lassen, damit sie aus dem Regen herauskamen und in ihr Seniorenheim zurückkehren konnten? Falls sie noch am Zebrastreifen standen, wenn sie vorüberkam, würde sie für sie anhalten, nahm sich Jamie vor.
Vier weitere Wagen schossen vor ihr über die Straße, und die alten Damen standen wie angewurzelt an der Ecke, blickten unsicher auf die vorbeifahrenden Autos und dachten wahrscheinlich, dass sie ihr Heim niemals wiedersehen würden. Jamie hielt vor dem Zebrastreifen und winkte die Frauen vorbei. Arm in Arm traten sie nervös vom Bürgersteig herab und blickten nach rechts und links zu den anderen Wagen, als flehten sie im Stillen die Fahrer an, sie nicht zu überrollen. Einmal auf dem Übergang, humpelten sie wie in Zeitlupe zur anderen Seite hinüber wie Wettkämpfer bei einem Rennen für Krückstockträger. Nach einer kleinen Ewigkeit erreichten sie wohlbehalten die andere Straßenseite. Die kleine Mollige lächelte Jamie an und warf ihr eine Kusshand zu.
Jamie erwiderte das Lächeln und winkte. Das hatte gutgetan! Und es bedurfte nur einer Minute, hilfsbereit zu sein. Die Leute sollten immer nett zueinander sein, dachte sie. Jamie wollte gerade losfahren, als ein roter Mustang mit zwei Highschool-Möchtegern-Britney-Spears direkt vor ihr über die Straße schoss und Jamies herzerwärmenden Moment der barmherzigen Samariterin mit seinem Reifenquietschen prompt wieder zerstörte.
»He, Moment mal …!« Jamie hupte, und eines der Mädchen zeigte ihr den Mittelfinger. So eine Frechheit! Jamies Blick fiel auf den Aufkleber an der Stoßstange. ALL YOU NEED IS LOVE. »Und Fahrstunden«, murmelte sie. Was für zwei kleine Luder!
Na ja, die gab’s in jeder Stadt. Offensichtlich hatte sogar Heart Lake das eine oder andere.
Obwohl sich die Parkstreifen in der City langsam leerten, konnte Jamie keine Lücke in der Nähe von Bere Vino finden. Als sie endlich Tonys Spirituosenhandlung betrat, war sie wie eine Wolke auf Beinen, die überall Wassertropfen hinterließ.
Tony DeSoto war fast alt genug, um ihr Vater sein zu können. Er war geschieden und hungrig nach Sex, und bevor Sarah Jamie in den Laden mitgenommen hatte, um sie mit DeSoto bekannt zu machen, hatte sie Jamie gewarnt, dass Tony sich für eine Kreuzung zwischen Sylvester Stallone und Leonardo DiCaprio hielt. Er liebte Blondinen und war bekannt dafür, dass er bei Vollmond Serenaden unter Fenstern sang. Da ein italienischer Möchtegern-Liebhaber, der ihr Ständchen am See brachte, allerdings das Letzte war, was sie gebrauchen konnte, hatte Jamie ihm gleich bei ihrem ersten Besuch erzählt, wie wohl sie und ihre Partnerin sich in ihrem neuen Zuhause fühlten. Und als sie dann noch fragte, ob es in Heart Lake eine Schwulen-Lesben-Bar gebe, hatte er auf der Stelle aufgehört, sie anzuschmachten. Inzwischen waren Jamie und Tony schlicht und einfach Geschäftsfreunde, und nur hin und wieder, wenn sie zu ihm kam, ertappte sie ihn dabei, wie er sie bedauernd ansah und den Kopf schüttelte.
»Das Gerücht wird schneller unter die Leute kommen als kostenloser Kaviar, und jeder Mann in der Stadt wird dich jetzt für lesbisch halten«, hatte Sarah sie getadelt, als sie das Geschäft verlassen hatten.
»Na und?«, hatte Jamie scharf erwidert. Als wollte sie je wieder einen Mann in ihrem Leben! Der Tag, an dem ihr Ex ihr den Kiefer gebrochen hatte, war der Tag gewesen, an dem sie Männern für alle Zeit abgeschworen hatte.
»Mein Gott, du siehst ja aus wie eine ertränkte Katze!«, begrüßte Tony sie nun und betrachtete missbilligend die Pfützen, die sich zu ihren Füßen bildeten. Bei ihrem ersten Besuch in seinem Laden hatte er noch sein grau meliertes Haar zurückgestrichen und den Bauch eingezogen. Jetzt blieb das Haar, wie es war, und der Bauch hing wabbelig über seinen Gürtel.
»Ich komme mir auch vor wie eine«, sagte Jamie.
»Nun, dann habe ich genau das Richtige, um dir die Kälte zu nehmen: einen neuen Likör, den du lieben wirst, Jamie.«
Tony hatte immer irgendetwas Neues, das sie lieben würde. Sie hatte ein Vermögen für Wein und Käse ausgegeben, seit sie hierher zurückgezogen war. »Ja?«
»Brombeere.« Er zeigte auf eine kleine Flasche mit einem Etikett aus Goldfolie.
Jamie steuerte auf die Theke zu wie ein Fisch zum Köder.
»Nimm sie mit, gib etwas davon in deine Trüffel und frag Ginger, was sie davon hält!«
Ginger, ihre imaginäre Lebensgefährtin. »Danke«, sagte Jamie und nahm die Flasche, um sie sich genauer anzusehen. Brombeere mit weißer Schokolade könnte sich als unwiderstehliche Kombination erweisen, dachte sie.
Tony hatte die anderen Liköre, die sie benötigte, schon bereitgestellt und tippte die Preise in die Kasse ein. »Du solltest heimfahren und ein heißes Bad nehmen, sonst holst du dir den Tod«, riet er. »Und kauf dir einen Schirm und einen warmen Parka! Wir werden einen üblen Winter bekommen, das merke ich schon jetzt an meinem schlimmen Knie. Eine Fußballverletzung«, fügte er schnell hinzu, um den Macho herauszukehren. »Wenn es ein Winter wird wie letztes Jahr, müssen wir mit ziemlich starken Schneefällen rechnen.«
»Hoffentlich nicht!«, meinte Jamie. »Meine Produkte sind gut, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute bei schlechtem Wetter dafür vor die Tür gehen würden.«
»Die Leute hier in der Gegend gehen für nichts auf der Welt in den Schnee hinaus«, sagte Tony. »Aber Regen ist eine andere Sache. Ich wurde den ganzen Tag von Kunden überschwemmt. Alle konnten es kaum erwarten, heimzukommen und es sich dort mit etwas Käse und einer guten Flasche Wein bequem zu machen.«
Das hört sich nach einer guten Idee an, überlegte Jamie und nahm zusätzlich zu den Dingen, derentwegen sie hergekommen war, noch eine Flasche Weißwein, ein Stück Brie und eine kleine Schachtel Sesamcracker mit.
Am Safeway-Supermarkt flitzte sie durch den Regen, aber trotzdem fanden Unmengen eisig kalter Tropfen den Weg unter den Kragen ihrer Jacke, um Jamie bei jedem Schritt zu quälen. Puh! Das war das Gute an Los Angeles: Dort regnete es viel weniger.
Aber dafür gab es dort auch weitaus mehr Zement und viel weniger Grün, und nicht nur deshalb würde sie Heart Lake und seinen üppigen Wäldern jederzeit den Vorzug geben.
Jamie war total durchgefroren und sich unangenehm der nassen Jeans an ihrer Haut bewusst, als sie die Schnellstraße erreichte – wo eine Frau mittleren Alters sie beim Überholen schnitt. Okay, dachte Jamie, offenbar habe ich bisher bloß nicht mitbekommen, dass heute der Nationale Rücksichtslosigkeitstag ist.
Mach dir nichts draus!, sagte sie sich. Es ist der Regen. Alle haben es eilig, aus dem schlechten Wetter heraus- und heimzukommen.
Darunter auch sie. Das Einzige, woran sie denken konnte, als sie die Innenstadt verließ, waren ihr gemütliches kleines Haus am See und ein heißes Bad. Sie würde den Vanille-Badezusatz ins Wasser geben, der einen köstlich duftenden Schaum entwickelte, und dazu würde sie ein paar Kerzen anzünden. So wie die Blumenampeln rechts und links des Lake Way geschwankt hatten, war es gut möglich, dass sie später ohne Strom dasitzen würde, aber wenn dies so sein sollte, war das kein Problem für sie. Für ihr Bad würde sie trotzdem noch genügend heißes Wasser haben. Ein wunderbares Schaumbad bei sanftem Kerzenschein, ein Glas Wein dazu …
Aufflackernde Lichter hinter ihr rissen sie jäh aus ihrem Tagtraum und sandten einen Adrenalinstoß durch ihren Körper. Mit plötzlich feuchten Händen zog sie ihren Wagen nach rechts hinüber. Sie war doch nicht zu schnell gefahren, oder? Wieso hielt dieser Cop sie an? Sie umklammerte das Lenkrad und biss sich auf die Lippe. Es ist nur eine Routinekontrolle, dachte sie. Reiß dich zusammen! UND TU ES NICHT!
Im Rückspiegel sah sie, wie sich die Tür des Streifenwagens hinter ihr öffnete und ein großer Mann ausstieg, der eine Brust vom Umfang eines Whiskeyfasses und Hände so groß wie Schinken hatte. Jamie versuchte, das absurde Hämmern in ihrer Brust zu ignorieren, und ließ das Fenster herunter.
Ein Gesicht erschien. Ein gut aussehendes Gesicht mit tief liegenden Augen, vollen Lippen und einem starken, eckigen Kinn. Die Art von Gesicht, über das ihre Freundin Emma Swanson ins Schwärmen geraten wäre. In Jamie weckte es allerdings nur den Wunsch davonzulaufen.
Ein Teil von ihr drängte sie, den Cop darüber aufzuklären, dass sie nicht zu schnell gefahren war und er daher kein Recht hatte, sie anzuhalten. Eine klügere Stimme brachte diesen Teil jedoch zum Schweigen und warnte sie: Ihn zu beschwichtigen ist klüger. Halt einfach deine große Klappe!
»Wussten Sie, dass Sie ein defektes Hecklicht haben?«, fragte er.
»Deshalb haben Sie mich angehalten?« Jeder noch so fadenscheinige Vorwand war diesen Kerlen recht, um Frauen einzuschüchtern! Okay, kein Grund also, mich in Verlegenheit zu bringen, warnte sie sich. TU ES NICHT! Doch sicherheitshalber holte sie tief Luft und hielt den Atem an.
Die Augenbrauen des Polizisten zogen sich zusammen. »Wussten Sie, dass Sie ein defektes Rücklicht haben?«, wiederholte er seine Frage.
»Natürlich nicht!«, brauste sie auf. Okay, ihn anzufahren war in vieler Hinsicht dumm, und deshalb versuchte sie es noch einmal. »Ich dachte, Sie glaubten, ich sei zu schnell gefahren«, sagte sie in freundlicherem Ton und ging schnell wieder dazu über, den Atem anzuhalten.
»Tatsächlich waren Sie sogar ein paar Stundenkilometer unter der Geschwindigkeitsbegrenzung«, entgegnete er lächelnd. Er hatte ein wunderbares Lächeln, dieser Mann. Er könnte Zahnpasta-Reklame damit machen. Und nicht nur das – wahrscheinlich könnte er sogar alles Mögliche an den Mann bringen mit diesem Lächeln. Oder an die Frau. Er versetzte dem Wagen einen freundschaftlichen Klaps. »Sorgen Sie dafür, dass das in Ordnung gebracht wird!«, fügte er hinzu. »Anders als allgemein angenommen, verteilen wir Cops nämlich nicht gern Strafzettel.«
Jamie nickte, und er wandte sich ab und ging zu seinem Streifenwagen zurück.
Sie ließ das Fenster wieder hoch. Hicks. Oh, verdammt, hör auf damit!, befahl sie sich gereizt. Doch wie um sie zu verhöhnen, stieg ein weiteres Hicksen in ihr auf. Zum Glück hatte der Schluckauf wenigstens abgewartet, bis der Cop gegangen war. Es wäre auch mehr als peinlich gewesen, ihm ihr kleines Problem zu erklären. Sie beobachtete den Mann im Rückspiegel und wartete darauf, dass er sich wieder in den Verkehr einreihte und weiterfuhr. Aber natürlich tat er nichts dergleichen. Das taten sie nie, sondern blieben immer mit voller Absicht hinter einem stehen, um einen nervös zu machen. Ha! Sie war überhaupt nicht nervös. Hicks. Verärgert holte sie tief Luft und gestand sich ein, dass er eigentlich ein netter Cop gewesen war. Die Polizei ist dein Freund und Helfer, hatte ihre Mutter früher stets gesagt.
Genau das hatte Jamie auch gedacht, bis sie einen heiratete, der diese Illusion zerplatzen ließ wie eine Seifenblase. Nicht jeder Cop war dein Freund und Helfer. Und das Traurigste war, dass er, statt wie erwartet, dein bester Freund zu sein, zu deinem ärgsten Feind wurde, wenn du so dumm warst, ihn zu heiraten.
Rücksichtslose Autofahrer, Regen, Cops – kein Wunder, dass sie schlecht gelaunt war, als sie, bis auf die Haut durchnässt, ihr kleines Haus betrat! Die arme Spinne, die an der Wand saß, hatte keine Chance.
Jamie bekam Gewissensbisse, nachdem sie sie ermordet hatte. Du hättest sie auch mit einem Glas einfangen und nach draußen bringen können, schalt sie sich. Das war nicht sehr freundlich von dir.
Wo blieben die Leute? Emma Swanson trat an ihr Schaufenster und warf einen Blick hinaus. Niemand kam eilig und besorgt, er könne zu spät zu ihrem großen Ereignis kommen, den Bürgersteig hinauf.
Finster starrte sie den Tisch an, den sie in einer Ecke ihres Quilt-Shops aufgestellt und mit Stoffvierecken in unterschiedlichen Pinktönen beladen hatte, die auf Freiwillige warteten, um bestickt oder mit Stofffarbe bemalt zu werden. Sie hatte sogar eine Annonce in der Zeitung aufgegeben. War denn wirklich niemand bereit, für einen guten Zweck zu quilten? Würde sie die einzige Quilt-Shop-Besitzerin hier oben im Nordwesten sein, die keine Flicken zu dem Gemeinschaftswerk beisteuern würde?
Es sah ganz so aus. Aber sie hätte es wissen müssen. Die ersten Zeichen des Scheiterns hatten sich schon im Verhalten der wenigen Kundinnen gezeigt, die in den letzten paar Tagen im Geschäft gewesen waren.
Emma hatte alle möglichen Entschuldigungen und Ausflüchte gehört. »Ich werde mich bemühen.« (Dies wurde in einem Ton gesagt, der deutlich machte: »Aber nicht besonders.«) »Ich glaube, ich habe an dem Abend schon etwas vor.« (Was sich mit »Warten Sie nicht auf mich!« übersetzen ließ.) Die einfallsreichste Ausrede hatte eine ihrer älteren Kundinnen vorgebracht: »Ich gehe abends nicht aus dem Haus, meine Liebe. Der Autoräuber wegen.«
Als würde irgendein Carjacker, der etwas auf sich hielt, sich Heart Lake auch nur nähern! Dieses Städtchen war wie Bedford Falls aus Ist das Leben nicht schön?, nur ohne den bösen alten Mr. Potter. »Ich könnte Sie abholen«, hatte Emma der älteren Kundin vorgeschlagen.
»Oh nein! Sie werden zu viel vorzubereiten haben für das große Ereignis. Aber ich bin sicher, dass es ganz großartig werden wird.«
Emma seufzte. Dieser Flop war alles andere als großartig. Doch was hatte sie auch erwartet? Schon tagsüber war es schwer genug, Leute in ihren Laden zu locken. Warum sollte also irgendjemand auch noch Dunkelheit und Kälte trotzen, um Emmas Quilt-Shop aufzusuchen?
Müde lehnte sie ihren Kopf ans Schaufenster. Tagsüber war die Einkaufsmeile der Innenstadt sehr ansprechend mit ihren Blumenampeln und den hübschen Läden, bei Nacht jedoch entzog die Dunkelheit ihr das Leben und ließ sie einsam, verlassen und ungeliebt aussehen. Etwa so, wie sie selbst sich gerade fühlte.
Moment mal! Was war das? Zwei sich nähernde Personen. Juhu! Es kamen also doch Leute zu ihr!
Emmas freudige Erregung verflog jedoch, sowie sie erkannte, dass es ihre Mutter und Großmutter waren. Nicht, dass sie deren Loyalität nicht zu schätzen wusste, denn immerhin waren Mom und Grandma Nordby ihre besten Kundinnen. Aber dass ihre Mutter und Großmutter bisher die einzigen Teilnehmerinnen an ihrem großen Ereignis waren, zeugte nicht gerade von Erfolg.
»Tut mir leid, dass wir so spät dran sind«, sagte ihre Mutter und umarmte und küsste sie.
Grandma Nordby, die von Tag zu Tag kleiner und rundlicher zu werden schien, stand direkt hinter ihr. »Wo sind die anderen?«, fragte sie, als ihre Enkelin sich vorbeugte, um ihr einen Kuss zu geben.
Emma zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung«, antwortete sie. »Und dabei ist es doch für einen guten Zweck, verdammt noch mal!« Sie hätte schreien können vor Enttäuschung. Die von freiwilligen Helfern bestickten oder bemalten Stoffvierecke aus den Läden im größeren Umkreis von Seattle und seinen Randgemeinden würden zu Quilts verarbeitet und dann online versteigert werden, um die Gewinne der Brustkrebsforschung zukommen zu lassen. Emma hatte das sehr unmissverständlich in ihrer Annonce klargestellt. Es musste doch jemanden geben, der bereit war, diese gute Sache zu unterstützen?
»Tja, dann sollten wir uns an die Arbeit machen«, meinte Emmas Mutter Greta und ging entschlossen zu dem Tisch hinüber, wo sie sich hinsetzte und nach einem der Stoffvierecke griff. »Wenn wir nur zu dritt sein werden, haben wir viel zu tun.«
Grandma Nordby schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, wo Doris bleibt. Sie hat versprochen zu kommen. Lass mich dein Telefon benutzen, Emma-Schatz, dann rufe ich sie an!«
Sollten sie jetzt auch noch die Leute anrufen, um sie zu bitten herzukommen und ihre Aktion zu einem Erfolg zu machen? Emma winkte ab. »Schon gut, Grandma. Es ist mir egal«, sagte sie.
Aber natürlich war es ihr ganz und gar nicht gleichgültig. Emma wünschte sich nichts mehr, als ihren Quilt-Shop zu einem gut gehenden Geschäft zu machen, und hatte sich diesen Abend als durchschlagenden Erfolg vorgestellt, mit vielen Frauen aus der Gemeinde, die zusammenarbeiteten und eine angenehme Zeit miteinander verbrachten.
»Übrigens fällt mir gerade ein, dass Doris sich gestern Sorgen machte, sie könnte sich etwas eingefangen haben«, bemerkte Grandma.
Ha! Vielleicht hatte ja die ganze Stadt sich »etwas eingefangen«. Emma holte drei Becher heißen Apfelwein aus einer der großen Thermoskannen, die sie vorbereitet hatte, und setzte sich an den Tisch.
»Ich weiß, was du denkst«, sagte Greta in einem Ton, der einen mütterlichen Vortrag einleitete.
»Nein, das weißt du nicht«, gab Emma zurück und griff nach einem Stückchen Stoff.
»Oh doch! Aber du bist keine.«
»Was ist sie nicht?«, warf ihre Großmutter ein.
»Eine Versagerin«, sagte Greta mit einem strengen Blick zu Emma.
»Das habe ich auch nicht gedacht.« Na ja, okay, vielleicht ja irgendwie schon, doch das würde sie ihrer Mutter nicht erzählen. Mit finsterer Miene betrachtete sie den Stoff in ihrer Hand. »Wo ist die Tatkraft unserer Stadt geblieben? Warum sind keine Leute hergekommen?«
»Die, die zählen, sind hier«, meinte Greta mit einem entschiedenen Nicken.
Es war ein netter Versuch, sie aufzuheitern, aber … Emma seufzte. »Ihr seid meine Familie. Ihr musstet kommen.«
»Tja, falls es dich irgendwie tröstet«, fuhr ihre Mutter fort, »findet meines Wissens heute Abend das Herbstkonzert der Highschool statt.«
»Und im Fernsehen läuft Dancing with the Stars«, fügte Grandma Nordby hinzu.
»Na prima! Dann wurde ich also von einer Fernsehsendung ausgebremst«, murmelte Emma.
»Und von einer Schulveranstaltung«, erinnerte ihre Mutter sie.
»Das hier ist auch eine Veranstaltung«, wandte Emma ein. »Und eine wichtige dazu.« Oder zumindest hatte sie das angenommen.
Zwei weitere Frauen kamen später noch hinzu, aber das genügte nicht, um über die bittere Realität hinwegzutäuschen, dass sie gescheitert war.
Den »Schwarzen Mittwoch« nannte Sarah Goodwin diesen Tag und würde ihn auch immer so in Erinnerung behalten. Sie umklammerte ihr Mobiltelefon wie einen Rettungsanker. »Du fehlst mir«, beklagte sie sich bei ihrer Tochter Stephanie.
»Wir sind erst sechs Stunden fort«, erinnerte Steph sie.
Tatsächlich waren ihre Tochter und ihr Schwiegersohn nur sechs Stunden zuvor in der Bäckerei gewesen, um sich ein letztes Mal von Sarah zu verabschieden. Ihre Enkelinnen, die siebenjährige Katie und die fünfjährige Adeline, waren in Tränen aufgelöst gewesen. Sogar Sam, Sarahs Ehemann, der sonst so toughe Feuerwehrchef, der auf einen Sprung von der Wache herübergekommen war, um Sarah während des Abschieds beizustehen, hatte feuchte Augen gehabt. Eine Schachtel Hafermehlplätzchen aus Omas Bäckerei hatte die Mädchen um einiges aufgeheitert, und auch Sam kehrte mit einem Apfelkuchen und einem Lächeln zur Feuerwache zurück.
Nur für Sarah gab es nichts, das sie ein wenig aufheitern könnte. Nichts in ihrer Bäckerei und nichts in ihrem Leben, das die große Leere würde füllen können, die die Familie ihrer Tochter hinterlassen hatte. Es war bisher ein schrecklicher Tag gewesen, bitter wie Mandeln. Sarah wusste, dass dieser Umzug eine große Sache für ihren Schwiegersohn war, doch sein Gewinn war ihr Verlust gewesen. Warum mussten Firmen ihre Leute überhaupt so oft versetzen? Kinder brauchten die Nähe ihrer Großmutter, Herrgott noch mal!
Sarah seufzte. »Es waren die sechs längsten Stunden meines Lebens. Na ja, mal abgesehen von denen, die ich mit dir in den Wehen lag. Zehn Stunden Wehen …«
»… und das ist der Dank, den ich dafür bekomme«, führte ihre Tochter Sarahs liebste Vorhaltung zu Ende. »Ich weiß, aber denk doch nur mal an die fabelhafte Tochter, die dabei herausgekommen ist!«
Daraufhin brach Sarah fast wieder in Tränen aus, weil diese »fabelhafte Tochter« zur Ostküste und nach New York unterwegs war.
»Vergiss nicht, dass wir zu Weihnachten zurück sein werden!«, versuchte Steph, sie zu trösten.
Und dann würde ein gewisser Schwiegersohn ein Stück Kohle in seinem Weihnachtsstrumpf vorfinden! Sarah hatte sich schon sehr beherrschen müssen, um ihm nicht eins über den Kopf zu geben, als er vor zwei Monaten bei ihrem Geburtstagsessen seine große Neuigkeit verkündet hatte. Was für ein erbärmliches Geburtstagsgeschenk! Es war Sarah schon schwer genug gefallen, ihren Sohn nach Hollywood gehen zu lassen. Am Ende würde er wahrscheinlich nackt über die Kinoleinwand marschieren und sie vor all ihren Freundinnen beschämen, aber die Trennung von Steph war zehnmal schlimmer gewesen. Jonathans Weggehen war nicht überraschend gekommen, weil Jungen nun mal fortgingen, wenn sie erwachsen wurden. Von Töchtern dagegen erwartete man, dass sie blieben und verfügbar waren, wann immer ihre Mutter es für nötig hielt, sich in ihr Leben einzumischen.
»Warte mal!«, bat Steph. »Die Mädchen möchten mit dir sprechen.«
Eine Sekunde später flötete ein helles Stimmchen: »Hi, Oma!«
»Katie, mein kleines Törtchen mit der Kirsche obendrauf«, sagte Sarah und zwang sich, einen heiteren Ton anzuschlagen. »Macht die Reise Spaß?«
»Ja, aber du fehlst mir so sehr, Oma!«
»Und du mir auch«, murmelte Sarah und begann, die Tische in der Bäckereiküche mit einem chlorhaltigen Mittel abzuwischen. Es half, sich zu beschäftigen, wenn man deprimiert war. Große Mengen Kuchen zu verputzen normalerweise auch, aber heute war sie so geknickt, dass nicht mal das ihr helfen könnte.
»Wir sind über die Berge gefahren und haben ein Picknick gemacht«, berichtete Katie.
»Das war sicher lustig«, bemerkte Sarah ohne große Begeisterung, weil es kein Picknick hier in Heart Lake war.
»Und Eiscreme gab es auch. Addie wurde nachher im Auto schlecht.«
Die arme Steph!
Im Hintergrund konnte Sarah eine andere Kinderstimme quengeln hören: »Ich will auch mit Oma reden!«
»Wir werden in einem Motel übernachten«, fuhr Katie fort. »Und wenn wir in unserem neuen Haus sind, bekommen wir einen Hund. Mommy hat’s versprochen. Und wir werden auch zum Yellow Park fahren und Bären sehen.«
Yellowstone Park. Vor drei Jahren waren sie mit den Kindern zum Campen dort gewesen. Sarah konnte sich noch gut an den Gestank nach faulen Eiern erinnern, der aus den heißen Quellen aufstieg, und an ihr unbequemes Bett in dem alten Wohnmobil. Die Kinder hatten sie auf dieser Reise fast in den Wahnsinn getrieben. Wenn sie sich klargemacht hätte, wie schnell sie groß werden würden, wäre sie wahrscheinlich sehr viel ruhiger geblieben.
Die andere kleine Stimme wurde lauter, und Sarah konnte ihre Tochter sagen hören: »Gib das Telefon jetzt Addie!«
»Hi, Oma!«
»Addie, mein süßes kleines Pummelchen, wie geht es dir? Ist dein Bauch wieder in Ordnung?«
»Ja. Aber Katie hat mein Plätzchen gegessen.«
»Hab ich nicht!«, rief Katie im Hintergrund.
»Oma wird euch noch mehr schicken, okay?«
»Okay«, sagte Addie mit erstickter Stimme. Das arme kleine Ding vermisste seine Oma. Oder zumindest doch deren Plätzchen.
Für einen Moment trat Stille ein, dann war Steph wieder am Telefon. »Das waren bisher die Höhepunkte. Eiscreme und ein verdorbener Magen.«
»Stell mich als Kindermädchen ein!«, meinte Sarah.
»Ich wünschte, ich könnte es. Wir haben an einer Tankstelle gehalten, um den Wagen zu reinigen, aber es half nicht viel. Für die ganze nächste Stunde mussten wir mit offenen Fenstern fahren. Mein Allerwertester ist vom langen Sitzen eingeschlafen, und die Mädchen werden langsam quengelig. Kann man da behaupten, wir hätten eine schöne Reise?«
Nein. »Es wird besser werden, wenn ihr heute Abend anhaltet und irgendwo übernachtet.«
»Falls Darrell überhaupt je anhält.« Stephs Ton besagte, dass ihr Göttergatte das besser bald tun sollte. »Was ist, Addie? Oh, halt an, Darrell! Ich glaube, Addie muss sich wieder übergeben. Ich muss Schluss machen, Mom. Ich hab dich lieb.«
»Ich dich auch«, sagte Sarah, obwohl niemand mehr zuhörte. Seufzend klappte sie das Handy zu und blickte sich in der Küche der Bäckerei um. Sie war so blitzsauber, dass der Prüfer vom Gesundheitsamt, wäre er gerade jetzt gekommen, vom Boden hätte essen können.
Chrissy Sarroll, die vorn im Laden bediente, steckte den Kopf zur Tür herein. »Wir sind ausverkauft, Sarah.«
»Tja, dann lass uns abschließen und gehen!«
»Zehn Minuten früher. Super!«, sagte Chrissy und verschwand in Windeseile, um zu ihrer Familie heimzukehren. Die Glückliche! Ihre Kinder waren noch klein.
Sarah warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Zehn vor fünf. Und wenn schon! Sie würde sich jedenfalls jetzt zu ihrer Schokoladenschlemmerei begeben.
Sie schloss die Bäckerei ab, brachte die Tageseinnahmen zur nahen Bank, quetschte ihre eher für einen Cadillac geeigneten Hüften in ihre im Verbrauch sehr günstige Blechkiste und machte sich auf den Weg zur Chocolate Bar, Heart Lakes einziger Confiserie.
Veränderungen. Sarah hasste sie, außer sie waren positiv und widerfuhren ihr. Was sie am meisten hasste, war, wenn Leute wegzogen. Zuerst waren ihre Schwester und ihr Schwager nach Kalifornien umgezogen – der Sonne wegen, die stark überbewertet wurde, wenn man Sarah fragte – und hatten ihre Nichten mitgenommen. (Zumindest eine von ihnen war vernünftig genug gewesen zurückzukehren.) Dann war Jonathan nach Hollywood gegangen, und jetzt zog Steph an die Ostküste und nach New York.
Apropos umziehen, dachte Sarah, als sie die vielen Fremden sah, die an ihr vorbeifuhren. War Heart Lake aus welchem Grund auch immer in Mode gekommen? In letzter Zeit, schien ihr, sah sie ebenso viele neue Gesichter wie alte und bekannte. Warum konnte das Leben nicht so bleiben, wie es war?
Als sie Jamies Chocolate Bar betrat, vermochten nicht einmal die köstlichen Aromen, die ihr in die Nase stiegen, ihre Stimmung zu verbessern.
Stirnrunzelnd betrachtete sie das große Angebot an Pralinen in der Glastheke, bevor sie zu ihrer Nichte Jamie Moore hinüberging, die schon lächelnd mit einer dampfend heißen Tasse von Sarahs allwöchentlichem Gaumenkitzel, einem Kokosnuss-Mokka, dastand. (Ohne Sahne allerdings – irgendwo musste eine Frau schließlich die Grenze ziehen.)
»Ich hoffe, es ist ein doppelter«, sagte Sarah. »Den brauche ich jetzt nämlich.«
»Ein entkoffeinierter doppelter, damit du nicht die ganze Nacht wach liegst«, erwiderte Jamie und zog eine ihrer sorgfältig nachgestrichelten blonden Augenbrauen hoch. »Ist heute ein Zwei-Trüffel-Tag?«
»Schon eher einer für zehn, aber ich werde mich mit einem begnügen. Woher wusstest du das übrigens?«
»Du meinst, abgesehen davon, dass ich von Stephs Abreise wusste? Ein reiner Zufallstreffer.«
Sarah nahm den Mokka seufzend an und ging zu der Glasvitrine hinüber. Ein Sommer mit allwöchentlichen Pralinen-Schlemmereien im neuen Laden ihrer Nichte hatte ihr bereits drei Pfund mehr an den Hüften eingebracht. Schon als junges Mädchen hatte Sarah ein ziemlich rundliches Gesäß gehabt. Nachdem sie die Bäckerei eröffnet hatte, war es zu einem Ballon angewachsen, und heute, mit ihren sechsundfünfzig Jahren, näherte es sich der Größe eines Heißluftballons. Hin und wieder sagte sie sich, dass es keine schlechte Idee wäre, ihren wöchentlichen Kaffeeklatsch in Jamies Confiserie ins Hinterzimmer von Emmas Quilt-Shop zu verlegen, weil man von Stoff nicht dick werden konnte.
Ihre Freundin Kizzy, die ein Geschäft für Küchenzubehör in der Stadt besaß, drängte sie immer wieder, ihrem Teeny-Bikini-Diätclub beizutreten. Da Sarah jedoch nicht dazu bereit war, begnügte Kizzy sich damit, ihre Freundin sonntags zu Spaziergängen um den See abzuholen. Sarah glaubte allerdings nicht, dass das viel nützte. Um eine Verbesserung zu sehen, müsste sie, Sarah, wahrscheinlich bis nach Florida und wieder zurück laufen.
Okay, also nur einen Trüffel. Sie beugte sich vor, um sich die Reihen um Reihen verlockender Köstlichkeiten anzusehen, die sie aus der Glasvitrine zu rufen schienen. Die Geschmacksrichtungen reichten von dunkler Schokolade mit Grand-Marnier-Füllung bis zu weißer Schokolade mit Lavendel. Und dann das Konfekt: traditionelle Schokolade, Rocky Road, Penuche und die neue Geschmacksrichtung »Südlich der Grenze« mit einem Hauch von Schärfe. Und nun, da der Sommer dem Herbst das Feld überließ, waren die Eiscremeriegel aus zwei verschiedenen Sorten Schokolade durch Äpfel ersetzt worden, die mit weißer Milchschokolade überzogen waren.
»Ganz schön schwer, sich zu entscheiden, was?«, scherzte Jamie. Wie sie es schaffte, ihre Größe 36 zu behalten, war Sarah ein Rätsel. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass das Mädchen nie etwas Anständiges aß.
»Lach nicht! Es ist verdammt schwer, sich nur einen auszusuchen«, sagte Sarah. »Du könntest meinen Hüften etwas Gutes tun und einen Trüffel erfinden, der weder Fett noch Kalorien hat.«
»Das ließe sich machen, wenn ich sie aus Pappkarton herstellen würde.«
»Wie wär’s mit einem aus weißer Schokolade und Himbeerfüllung?«
»Gute Wahl«, lobte Jamie und nahm einen für Sarah heraus.
Dann wurde die Ladentür geöffnet, und herein trat eine Frau von Anfang dreißig mit einem runden, sommersprossigen Gesicht, einer kurvenreichen Figur und rotblondem, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar. Sie trug einen Mantel, Jeans und ein mit pinkfarbenen Blüten bedrucktes, fließendes Top darunter. Emma Swanson, die stolze Besitzerin von Emmas Quilt Corner. Eines Mittwochs im September war sie in die Chocolate Bar gekommen, als Jamie und Sarah sich gerade anschickten, ihren Tag mit einer ordentlichen Dosis Schokolade zu beenden. Das unerwartete Treffen war schnell zu einer allwöchentlichen Tradition geworden, und die anfangs lose Freundschaft hatte sich ebenso schnell zu einer Schwesternschaft entwickelt.
Emma drehte das Schild an der Tür auf Geschlossen um und schloss mit den Worten ab: »So, jetzt ist es offiziell fünf Uhr.«
»Gut«, sagte Jamie seufzend. »Ich bin total erledigt und froh, mich hinsetzen zu können.«
»Du hast eben zu viel zu tun«, bemerkte Emma. »Ich wünschte, ich hätte das gleiche Problem«, fügte sie seufzend hinzu.
»Hab Geduld!«, riet Sarah. »Du hast nicht einmal ein Jahr geöffnet. Und das Quilten findet immer mehr Anklang.«
»Das hoffe ich«, sagte Emma. »Bisher sind meine besten Kunden noch immer meine Großmutter und meine Mutter. Und Mom quiltet nicht einmal. Oh, und ihr natürlich«, fügte sie mit einem Lächeln zu Sarah hinzu, die vor einer Woche ein kleines Vermögen für Stoffe ausgegeben hatte. Sie wollte ihren beiden Enkelinnen Quilts zu Weihnachten schenken. Ihre Bäckerei hielt sie zwar so auf Trab, dass sie jahrelang keine Steppdecken mehr angefertigt hatte, aber sie war sicher, dass man das Quilten ebenso wenig verlernte wie das Fahrradfahren. Sie war auch schon ewig nicht mehr Fahrrad gefahren, doch wenn sie ehrlich war, quiltete sie lieber.
Die drei Freundinnen ließen sich an einem der weißen Bistrotische auf der anderen Seite des Ladens nieder, Emma und Sarah mit ihrem Mokka und den Trüffeln und Jamie nur mit einer Tasse Schoko-Pfefferminztee.
»Kein Wunder, dass du so dünn bist!«, sagte Emma und zeigte auf den Tee. »Ich weiß nicht, wie du es schaffst, nicht deinen gesamten Bestand aufzufuttern.«
»Dafür habe ich Clarice. Außerdem musste ich so viele Trüffel probieren, als ich lernte, wie man die Dinger herstellt, dass ich es nicht bedauern würde, nie wieder einen zu essen. Es sei denn, es wäre ein neues Rezept«, ergänzte Emma.
»Ich habe auch viele meiner Rezepte probiert, als ich die Bäckerei eröffnete«, warf Sarah ein. »Deshalb bin ich ja auch eine solche Naschkatze geworden.«
»Ja, nur das war der Grund dafür, du Arme!«, spöttelte Jamie. »Du warst schon eine Naschkatze, bevor du deine Bäckerei eröffnet hast. Ich war dabei, oder hast du das vergessen?«
Sarah schüttelte den Kopf. »Das ist das Problem, wenn man eine ältere Schwester hat, die einen vor der Zeit zur Tante macht. So bekommt man naseweise Nichten, die zu viel wissen.«
»Du hast mich gewissermaßen importiert«, erinnerte Jamie sie lächelnd.
»Und ich bin froh darüber. Irgendjemand aus deiner Familie musste nach Hause zurückkehren. Außerdem bist du eine große Bereicherung für Heart Lake.« Sarah trank einen Schluck von ihrem Mokka und seufzte tief.
»Bis Weihnachten werden sie zurück sein«, sagte Jamie, die den Seufzer richtig deutete.
»Sie abreisen zu sehen muss ganz schön hart gewesen sein«, bemerkte Emma. »Ich weiß ja, wie sehr du deine Enkelinnen liebst.«
»Meine Mom trug eine Sonnenbrille, als ich bei ihr war, um mich zu verabschieden«, warf Jamie ein.
»Trägt nicht jeder in L.A. eine Sonnenbrille?«, fragte Emma.
»Im Haus?«
»Na ja, das ist schon komisch.«
»Sie wollte nicht, dass ich sie weinen sah.«
»Ich war tapfer und habe nicht geweint«, erzählte Sarah nicht ohne Stolz. »Oder zumindest nicht, solange sie noch da waren.«
Jamie beschloss, das Thema zu wechseln. »Ihr werdet es nicht glauben, aber einige Dummköpfe haben gestern das Stoppschild zwischen Lake Way und Alder überfahren.«
Emma sah sie fragend an. »Es überrascht dich, dass jemand ein Stoppschild überfahren hat?«
»Dass jemand in Heart Lake ein Stoppschild überfahren hat, überrascht mich«, berichtigte Jamie sie. »Am Zebrastreifen weiter unten standen zwei alte Damen, und hätte ich sie nicht die Straße überqueren lassen, dann stünden sie noch heute dort.«
»Früher brachten die Leute sich an dieser Kreuzung fast gegenseitig um vor Höflichkeit«, erinnerte sich Sarah wehmütig.
Jamie schnaubte. »Tja, die Sache mit dem Sich-gegenseitig-Umbringen gilt auch heute noch.«
Emma seufzte. »Ich wünschte, Heart Lake könnte so bleiben wie damals, als ich noch zur Schule ging.«
»Schöne Orte wie dieser können nicht umhin zu wachsen«, meinte Sarah. »Jeder will der letzte Mensch im Paradies sein. Je mehr Leute jedoch im Paradies einziehen, desto schwieriger wird es, miteinander in Verbindung zu bleiben. Und dann hören die Leute auf, sich umeinander zu kümmern, und es ist nicht mehr das Paradies«, schloss sie stirnrunzelnd und griff nach ihrem Mokka.
»Genau das geschieht bereits«, erklärte Emma mit finsterer Miene. »Wisst ihr, dass nur vier Personen zu meiner Veranstaltung gestern Abend gekommen sind? Und zwei davon waren Verwandte.«
Schuldbewusstsein beschlich Sarah. »Oh, nein! Das hatte ich total vergessen!«
»Ich auch«, sagte Jamie entschuldigend. »Tut mir wirklich leid, Em.«
Emma zuckte mit den Schultern. »Na ja. Ich hab’s versucht.«
»Die Leute sind egoistisch«, meinte Jamie ärgerlich. »Aber so ist es nun mal.«
Emma stützte die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn auf die Hände. »Ich wünschte, ich könnte etwas dagegen tun. Es stimmt mich traurig, dass Heart Lake sich verändert. Früher war es so eine freundliche, einladende kleine Stadt.«
»Freundlich ist sie immer noch«, erwiderte Jamie. »Du warst wie ein Einmann-Begrüßungskomitee, als ich hierher zurückkam.« Sie lächelte Sarah an. »Du warst geradezu überwältigend.«
»Das musste ich sein. Wir sind schließlich verwandt«, scherzte Sarah. »Aber Spaß beiseite«, fügte sie hinzu. »Heart Lake ist der ideale Ort für dich.«
Jamie hatte es weit gebracht von der misshandelten Frau, die Sarah vor einem Jahr unter ihre Fittiche genommen hatte. Heute war Jamie glücklich mit ihrem eigenen Heim und dem florierenden Geschäft. Es gab zwar keinen Mann in ihrem Leben, aber nach allem, was sie durchgemacht hatte, konnte Sarah es ihr nicht verdenken, dass sie eine Barriere um ihr Herz errichtet hatte.
»Vielleicht ist eine Art Begrüßungskomitee genau das, was wir hier brauchen«, sinnierte Emma. »Dadurch würden die Leute sich verbundener miteinander fühlen.«
»Früher gab es so etwas«, bemerkte Sarah. »Wir nannten es den ›Begrüßungswagen‹.«
»Den Begrüßungswagen? Und was ist daraus geworden?«, hakte Emma nach.
Sarah zuckte die Schultern. »Er ist … einfach eingeschlafen, dieser nette alte Brauch. Es gibt keine Freiwilligen mehr, die ihn aufrechterhalten, alle arbeiten, und keiner ist mehr zu Hause, um Neuankömmlinge in Empfang zu nehmen. Die Leute sind wohl einfach zu beschäftigt, um noch nett zueinander zu sein.«
»Es dauert nur eine Minute, zwei alte Damen die Straße überqueren zu lassen«, warf Jamie entrüstet ein.
»Ja, und damit hast du deine gute Tat für einen Tag getan«, sagte Sarah zu ihr. »Und wenn alle nur einmal täglich etwas Nettes täten …«, fügte sie dann nachdenklich hinzu.
»Würden wir in Mayberry leben«, ergänzte Jamie.
»Mayberry! Als Kind liebte ich die Wiederholungen dieser alten Fernseh-Serie«, sagte Emma.
Jamie verdrehte die Augen. »Wieso überrascht mich das nicht?«
Sarah war noch immer in Gedanken versunken. »Warum könnten wir nicht wenigstens eine gute Tat am Tag vollbringen?«, fragte sie dann plötzlich. »Es würde sicher Spaß machen, es zu versuchen. Ihr wisst schon, mit gutem Beispiel vorangehen gewissermaßen.«
»Wie in Mayberry«, stimmte Emma lächelnd zu.
»An dem Stoppschild hat das gut geklappt«, sagte Jamie und trank den Rest ihres Schoko-Pfefferminztees. »Okay, hier ist meine gute Tat: Eure Schokoladentherapie geht heute aufs Haus«, verkündete sie. So war es ohnehin immer, aber Jamie zog eine Augenbraue hoch und grinste Emma an. »Und nun übertriff das mal!«
»Vielleicht schaffe ich’s ja«, sagte die Freundin. »Wenn ich einen gut aussehenden Obdachlosen sehe, nehme ich ihn über Nacht mit heim.«
Die beiden anderen nahmen sie nicht ernst, das konnte Sarah sehen. Aber die Idee hatte was, fand sie. Ihr musste nur noch einfallen, wie sie sich verwirklichen ließ.
Um halb sechs schaute Sarah auf die Uhr und verkündete: »Ich sollte besser heimgehen und das Abendessen vorbereiten.«
Sie musste jetzt nur noch für Sam und sich selbst kochen, und die meiste Zeit verbrachte er auf der Feuerwache. Aber das spielte keine Rolle. Sarah bereitete ihm grundsätzlich das Abendessen zu, egal, wo er sich gerade aufhielt. Genau genommen kochte sie am Ende für alle Mitglieder der Feuerwache neun. Wenn man Jamie fragte, war ihre Tante schon die Königin der guten Taten.
»Sie hat nicht ganz unrecht, finde ich«, bemerkte Emma, nachdem Jamie sich mit einem Kuss von Sarah verabschiedet und ihr für ihren Onkel einen Trüffel mitgegeben hatte (der es natürlich niemals bis nach Hause schaffen würde).
»Dass wir mit gutem Beispiel vorangehen sollten, meinst du?«
»Ja, warum eigentlich nicht? Im Grunde sind die Menschen gar nicht schlecht.«
Jamie schnaubte angewidert. »Ich weiß nicht, wer dir das erzählt hat, aber er hat gelogen.«
»Die meisten Menschen sind im Grunde gar nicht schlecht«, verbesserte sich Emma. »Es ist meine Grandma, die das immer sagt. Ich glaube, tief im Innern wollen die Menschen auch gut sein.«
»Nicht alle«, murmelte Jamie. Durch Emmas mitfühlenden Blick plötzlich nervös geworden, stand sie auf und ging in die Küche hinter dem Laden, um ihre Tassen in die Spülmaschine zu stellen.
Emma folgte ihr. Jamie konnte spüren, wie ihre Freundin sie mit ihren großen, ein wenig naiv wirkenden blauen Augen beobachtete. »Hey, es ist nicht so, als liebte ich diese Stadt nicht«, sagte Jamie. »Und ich würde es hassen, wenn sie zu einem Ameisenhaufen von Fremden würde. Aber ich weiß nicht, wie man einen Ort davor bewahren soll, sich zum Negativen zu verändern.«
»Schade, dass wir nicht ein Foto von Heart Lake machen, es in einen Rahmen stecken und dann einfach reinspringen können!«, meinte Emma seufzend.
»Mit all den neuen Bewohnern würde das Bild wahrscheinlich ohnehin gleich wieder von der Wand herunterfallen.«
»Möchtest du zum Essen rüberkommen?«, fragte Emma, als sie auf die Straße hinaustraten und Jamie den Laden hinter ihnen abschloss. »Ich habe gestern Curry-Hühnersuppe gekocht und Meine Braut ist übersinnlich mit Jimmy Stewart und Kim Novak aufgenommen.«
Emma und ihre alten Filme! »Worum geht es darin?«, wollte Jamie argwöhnisch wissen.
»Hexen. Der perfekte Film für Halloween.«
»Nur um Hexen?« Keine rührselige Liebesgeschichte?
»Er ist wirklich nett. Und vergiss nicht, dass du noch ein Essen dazu bekommst«, fügte Emma hinzu.
Warum nicht?, dachte Jamie. Sie war schließlich nicht gerade ausgebucht in ihrer freien Zeit. Seit sie nach Heart Lake gekommen war, bestand ihr Privatleben am Wochenende aus Fahrradtouren um den See, Abstechern ins Fitnessstudio und Besuchen bei Sarah, um sich zeigen zu lassen, wie man Kuchen dekorierte, gefolgt von weiteren Abstechern ins Fitnessstudio, um dem durch die Besuche bei Sarah entstandenen Schaden entgegenzuwirken.
Abgesehen davon hatte sie nur die Fernsehabende in Emmas kleiner Doppelhaushälfte. Zu Beginn ihrer Freundschaft hatten Emma und Jamie sich mit Dingen wie der Herstellung von Kerzen oder Trockenblumenarrangements beschäftigt. Daraus waren alle möglichen Basteleien, gefolgt von einem Filmabend, geworden. Es hatte nicht länger als ein, zwei Mal gedauert, bis Jamie merkte, dass Emma ein Fan alter Filme war. Ganz besonders liebte sie Schnulzen wie Ein Gespenst auf Freiersfüßen und Die große Liebe meines Lebens. Da Filme wie Kill Bill mehr Jamies Geschmack entsprachen, hatten sie einen Kompromiss geschlossen. Jamie war bereit, sich Emmas alte Filme anzusehen, solange darin keine Frau beleidigt wurde oder von James Cagney eine Grapefruit ins Gesicht gedrückt bekam. Und auch Polizistenfilme und kitschige Liebesfilme waren tabu. Auf Letztere zu verzichten fiel Emma nicht leicht. Ein Film über Hexen hörte sich jedoch relativ gefahrlos an. Viel Theater um nichts.
Doch so war er keineswegs. Das wusste Jamie gleich von der Szene an, in der Jimmy Stewart in Kim Novaks gruseligen kleinen Laden kam. Unter eine Flickendecke gekuschelt, saß Jamie auf Emmas altem Sofa und knabberte Popcorn, während Emma mit unschuldiger Miene und scheinbar völlig ahnungslos an der Einfassung eines Patchwork-Wandbehangs für ihr Schaufenster arbeitete.
Als Jimmy und Kim endlich zusammenfanden und Kim mit Tränen in den Augen gestand, dass sie nur menschlich war, griff Jamie mit einem bösen Blick auf Emma, die mit rotem Kopf in ihrem Sessel saß, nach der Fernbedienung und machte dem Nachspann ein Ende. »Es ging also nur um Hexen, was?«
Emmas Gesicht wurde noch röter – was zusammen mit ihrem pinkfarben geblümten Top keine gute Farbkombination ergab. »Die Liebesgeschichte hatte ich vergessen. Wirklich, Jamie. Ich konnte mich nur noch an die lustige Szene mit Jack Lemmon erinnern, als er all die Straßenlaternen ausschaltet.«
»Das war nicht lustig«, beschied Jamie sie.
Emma ließ den Kopf hängen. »Tut mir leid.«
»Mach dir nichts draus! So schlimm war’s auch nicht«, sagte Jamie schulterzuckend, um keine Spielverderberin zu sein. Außerdem geschah es ihr recht. Sie hätte verschwinden und ins Fitnessstudio gehen sollen, als Jimmy und Kim angefangen hatten, gefühlsduselig zu werden. Sie schlug die Decke zurück. »Ich gehe jetzt besser. Ich muss morgen schon früh aufstehen und Karamelltrüffel herstellen und noch ein paar Äpfel mit Schokolade überziehen.«
Emma nickte, offenbar froh, aus dem Schneider zu sein. »Was wirst du beim Wichtelmännchen-Marsch verteilen? Hast du dir schon etwas überlegt?«
»Lutscher für die Kinder, und den Erwachsenen werde ich Konfekt-Kostproben anbieten.«
»Gute Werbung!«, lobte Emma. »So wirst du sicher einige neue Kunden gewinnen. Schokolade mögen alle.«
»Weißt du, irgendwie freue ich mich sogar auf Halloween«, sagte Jamie. »Ich erinnere mich, als kleines Kind am Wichtelmännchen-Marsch teilgenommen zu haben. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal als Ladenbesitzerin daran beteiligen würde.«
»All diese kleinen Hexen, Prinzessinnen und Feen, die sind sooo niedlich! Irgendwie lässt es einen wünschen, selbst Kinder zu haben, nicht?«, sagte Emma mit einem verschmitzten Blick. Denn um mit diesen Kindern beim Wichtelmännchen-Marsch mitgehen zu können, müsste Jamie natürlich auch einen Mann haben. Wenn Emma Swanson nicht gerade in ihrem Laden sehr beschäftigt war, betätigte sie sich nebenher sehr gern als Cupido.
»Ähm … Nein.«
»Du lügst wie gedruckt!«
Jamie zuckte mit den Schultern. »Na schön, dann lüge ich eben. Vielleicht werde ich eines Tages ein Kind adoptieren.«
»Eines Tages? Du wirst nicht jünger, weißt du.«
»Danke schön.«
»Keine von uns wird jünger«, stellte Emma seufzend fest und zeigte mit dem Finger auf Jamie. »Was du brauchst, ist ein Jack Colton.«
»Einen wen?«
»Du weißt schon, jemanden wie aus dem Film Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten.«
»Oh ja! Das ist genau das, was ich brauche!« Emma lebte in einer Fantasiewelt. Jamie zog ihre Jeansjacke über und griff nach ihrer Tasche. »Die Suppe war vorzüglich. Das nächste Mal essen wir bei mir. Dann können wir auch anfangen, diesen Pinienzapfen-Kranz zu basteln, von dem ich dir erzählt habe.«
Emma legte widerstrebend ihre Cupido-Flügel ab und nickte.