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Ein unglaubliches Abenteuer und eine große Liebe.
Sophia ist die Frau, die Heinrich Schliemann sich erträumt hat. Sie ist gebildet, teilt seine Leidenschaft für Homer und lässt sich von seinem Forscherdrang anstecken. Ihre gemeinsame Leidenschaft macht sie zu engen Vertrauten, und sie entwickeln eine tiefempfundene Liebe zueinander. Sein Traum wird so zu ihrem gemeinsamen Abenteuer: Sie wollen beweisen, dass es das sagenumwobene Troja wahrhaftig gegeben hat. Voller Begeisterung begleitet Sophia ihren Mann zu Grabungen. Doch die Arbeit ist mühselig, ein größerer Erfolg lässt lange auf sich warten. Dann glaubt Heinrich, auf den Palast des Priamos gestoßen zu sein. Ist damit der lang ersehnte Beweis erbracht?
SPIEGEL-Bestsellerautorin Susanne Lieder gelingt das feinfühlige Porträt einer Frau und eines Paares, das gemeinsam Geschichte geschrieben hat.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2025
Heinrich Schliemann ist in seiner Homer-Begeisterung besessen von dem Vorhaben, das legendäre Troja zu finden. In Sophia Engastroménos findet er die Frau, die seine Liebe zu Homer teilt. Dass es das sagenumwobene Troja tatsächlich gegeben hat, kann sie zunächst nicht glauben, aber Sophia beeindruckt, wie sehr Heinrich an seine Idee glaubt, und schließlich lässt sie sich von seiner Leidenschaft anstecken. Ihre Begeisterung für Troja bringt sie einander näher und lässt aus tief empfundener Zuneigung eine große Liebe wachsen. Sophia teilt Heinrichs Träume, seine Hoffnungen, schenkt ihm Mut. Schließlich begleitet Heinrich Sophia zu Grabungen, und die gemeinsame, mühevolle Arbeit bringt sie einander noch näher. Können sie mit ihren Grabungsfunden beweisen, dass es Troja wahrhaftig gegeben hat?
Susanne Lieder ist in der Nähe von Bad Oeynhausen aufgewachsen und lebt mit ihrer Familie südlich von Bremen. Seit 2012 arbeitet sie hauptberuflich als Schriftstellerin und hat sich damit ihren Kindheitstraum erfüllt. Sie schreibt Unterhaltungsromane, historische Romane und Romanbiographien.
Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Romane »Astrid Lindgren«, »Die Elemente des Lebens« und »Agatha Christie« vor.
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Susanne Lieder
Sophia und die Suche nach Troja
Historischer Roman
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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1. Teil — 1869 – 1870
Kapitel 1
Kolonós im Spätsommer 1869
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Paris im Herbst 1869
Kapitel 14
Paris, Ende des Jahres
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Paris, Anfang des Jahres 1870
Kapitel 18
Athen im Monat darauf
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Konstantinopel
Kapitel 23
Hisarlik, wenige Tage später
Kapitel 24
Athen
Kapitel 25
Hisarlik
Kapitel 26
Athen
Kapitel 27
Konstantinopel
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Paris im Sommer desselben Jahres
Kapitel 31
Paris im Herbst
Kapitel 32
Paris im Winter
2. Teil — 1871–1873
Kapitel 33
Athen im Frühjahr 1871
Kapitel 34
Athen, zwei Monate später
Kapitel 35
Kapitel 36
Konstantinopel
Kapitel 37
Kapitel 38
Hisarlik
Kapitel 39
Hisarlik
Kapitel 40
Kapitel 41
Athen, Anfang des Jahres 1872
Kapitel 42
Athen im Frühjahr
Kapitel 43
Hisarlik, einige Wochen später
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Hisarlik, zu Beginn des Jahres 1873
Kapitel 47
Hisarlik im Frühjahr desselben Jahres
Kapitel 48
Kapitel 49
Athen im Monat darauf
Kapitel 50
Athen im Winter desselben Jahres
Nachwort
Impressum
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1869 – 1870
Sie muss sich für Homer begeistern können. Und sie muss griechischen Typus haben, schwarzes Haar, und wenn möglich, soll sie schön sein. Meine Hauptbedingung aber ist ein gutes und liebreiches Herz.
– Heinrich Schliemann in einem Brief an Bischof Vimbos –
Lieber will ich sterben als an der Seite dieses Mannes leben …
– Sophia Engastroménos –
Ein Gewitter tobte über der Stadt.
Der Sturm rüttelte an Fenstern und Türen, Dachziegel wurden durch die Luft gewirbelt. Prasselnde Regenschauer ergossen sich über die Häuser, als wollten sie sie fortspülen, und Schlammmassen wälzten sich durch die Gassen.
Seit Tagen war es entsetzlich heiß gewesen, die Luft flirrend und staubtrocken. Dann war das Wetter umgeschlagen, und eine kaum zu ertragende Schwüle hatte sich wie eine Glocke über Athen gestülpt. Mückenschwärme und anderes Stechgetier hatten sich auf jedes freie Stück Haut gestürzt, sodass man nur noch verhüllt ins Freie gehen mochte.
Sophia Engastroménos lag in dieser Nacht hellwach im Bett, die dünne Decke ans Fußende geschoben. Der herrenlose Hund, dem sie regelmäßig ein paar Fleischbrocken zuwarf, wenn ihre Mutter es nicht sah, jaulte so herzzerreißend, dass sie ihn am liebsten in ihr Zimmer geholt hätte. Sie sah ihre Mutter kopfschüttelnd vor sich. »Bist du von Sinnen, Sophia? Er ist ein Streuner, und er stinkt zum Himmel.« Was sie gar nicht wissen konnte, denn sie machte stets einen großen Bogen um ihn.
Erneut grollte ein heftiger Donner, gleich darauf spaltete ein greller Blitz den Himmel. Sophia stieß einen leisen Schrei aus und presste die Hand vor den Mund. Hoffentlich hatte es ihr jüngerer und unerschrockener Bruder Panajótis, der in der Kammer nebenan schlief, nicht gehört. Er würde sie genüsslich mit ihrer Schreckhaftigkeit aufziehen.
Auch ihr Bruder Ioánnis, der auf der anderen Seite schlief, würde keine Gelegenheit auslassen, um sie damit zu necken.
Doch das Gewitter war nicht der Hauptgrund, weswegen sie keinen Schlaf finden konnte. Sie fürchtete sich vor dem kommenden Tag, dem Tag, der ihr Leben verändern würde.
Wieder und wieder stellte sie sich die Begegnung mit dem Mann vor, der um sie warb und den sie, wenn es nach ihren Eltern ging, heiraten sollte. Heinrich Schliemann, so hieß er, war ein deutscher Kaufmann, ein früherer Schüler und guter Freund ihres Onkels. »Er hat mich gebeten, mich nach einer möglichen Heiratskandidatin umzusehen«, hatte er Wochen zuvor verkündet.
»Wieso hier in Griechenland und nicht in Deutschland?«, hatte ihr Vater Konstantínos wissen wollen.
»Weil er sich eine Griechin wünscht.«
Ihre Eltern hatten sich einen seltsamen Blick zugeworfen, und Sophia hatte sich verwirrt und erschrocken zugleich gefragt, ob sie etwa eine mögliche Heiratskandidatin war. So viele Fragen hatten ihr auf der Zunge gelegen, dass sie um ein Haar damit herausgeplatzt wäre. Doch sie hatte sich beherrschen können. Das lag ihr ohnehin, vielleicht hatte sie es im Laufe der Jahre aber auch nur sehr gut gelernt. Man sagte schnell etwas, das einem hinterher leidtat.
Als ihre Mutter den Onkel gebeten hatte, mehr über den Deutschen zu erzählen, hätte sie sie dafür küssen können.
»Heinrich ist nicht nur sehr reich, er ist auch ungeheuer wissbegierig. Ein weit gereister, überaus kluger Mann, der mehrere Sprachen spricht.«
Sie war beeindruckt gewesen. Doch sie hätte gern gewusst, wie dieser Schliemann aussah, was er für ein Mensch war. War er attraktiv, männlich? Liebenswürdig und großherzig?
»Und er hat eine Schwäche für Homer.« Ihr Onkel hatte geschmunzelt. »Deshalb wünscht er sich eine griechische Frau, die Homer genauso liebt.« Dabei hatte er ihr zugezwinkert.
Sophia hatte eine Leidenschaft für Homers Schriften, besonders für die Ilias. Eine Geschichte voller Tragik, Liebe, Täuschung und Verlust. Die Seherin Kassandra, eine der Töchter des trojanischen Königs Priamos, war ihre persönliche Heldin; eine tragische Figur, die Gutes tun wollte und der man nicht geglaubt hatte.
Sophia war das ungute Gefühl gekommen, dass ihr Onkel ihre Liebe zu Homer für seine Zwecke benutzte. Er verschacherte sie an einen wildfremden Mann, von dem sie kaum mehr als den Namen wusste.
Als ihr Onkel schließlich damit herausgerückt war, dass der Deutsche ein zweites Mal heiraten wollte, war sie erschüttert gewesen. »Er war schon mal verheiratet?«
»So ist es, mein Liebes. Er ist frisch geschieden und möchte sich wieder vermählen.« Ganz vergnügt hatte ihr Onkel ausgesehen. Als wären eine Scheidung und eine zweite Ehe etwas durchweg Positives. Dabei glaubte er gar nicht an die Ehe. Er bezeichnete sie als einen Sack voller Schlangen, in der sich ein einziger Aal befand. »Mit viel Glück erwischt man ihn«, behauptete er gern. »Mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit aber erwischt man eine der Schlangen.«
Sophia glaubte an die Ehe, an Zusammengehörigkeit und Liebe.
Es musste wundervoll sein, jemanden zu finden, den man lieben konnte und von dem man geliebt wurde. Aber diesen Jemand wollte sie sich selbst aussuchen.
Endlich hatte sie sich getraut zu fragen, wie alt der Deutsche war.
»Siebenundvierzig.«
»Wie bitte? Siebenundvierzig? Aber … dann ist er dreißig Jahre älter als ich!«, hatte sie hervorgebracht.
Onkel Theóklitos hatte ihren Einwand einfach überhört. »Ich habe Heinrich nach Athen eingeladen, damit ihr euch kennenlernt.«
Er bot sie an wie ein gut abgehangenes Stück Ziegenfleisch oder eine Kiste reife Oliven. Und ihre Eltern standen dabei und machten gute Miene zum bösen Spiel.
»Mama, Papa!« Sophia hatte die beiden flehend angeschaut und war schließlich aus dem Zimmer gestürmt.
Jetzt schwang sie die Beine aus dem Bett und stellte sich ans Fenster. Der Regen hatte etwas nachgelassen, genau wie der Sturm. In ihrem Inneren jedoch tobte und brodelte es weiter.
Auch Heinrich Schliemann lag in dieser Unwetternacht in seiner Suite im Athener Hôtel d’Angleterre wach.
Er stellte sich vor, wie die junge bildhübsche Sophia Engastroménos, die seine neue Ehefrau werden sollte, in ihrem Bett lag und schlief. Vielleicht hatte sie den Kopf auf den Arm gebettet, das dunkle Haar wie ein Fächer auf dem Kissen ausgebreitet.
Es war bestimmt ein berührender, wunderschöner Anblick, den er zu gern genießen würde. Als Vimbos ihm Fotos von griechischen Heiratskandidatinnen geschickt hatte, war Sophia ihm sofort aufgefallen. Die sollte, die musste es sein! Die und keine andere.
Er hatte sich den anderen Fotografien gewidmet, doch keine hatte seine Seele so berührt wie die von Sophia Engastroménos.
Am Abend hatte er ihre Fotografie wieder zur Hand genommen, Sophias Antlitz bewundert, ihre dunklen Augen, das zurückhaltende Lächeln. Ein anmutiger Charakter, hatte er wohlwollend gedacht, so hatte sein Freund Theóklitos Vimbos sie ihm beschrieben. »Aber ich kann und werde sie Dir nur geben, wenn Du sie lieben kannst«, hatte in dem Brief gestanden, der dem Foto beilag.
Heinrich seufzte und drehte sich auf die andere Seite. Lieben. Seine erste Frau hatte er wohl geliebt, bis sich eine Wand zwischen ihnen aufgetan hatte. Er war zu viel auf Reisen gewesen, hatte sich auch innerlich mehr und mehr von ihr und den drei gemeinsamen Kindern entfernt. Bis sie ihm so fremd geworden waren, dass er sich gefragt hatte, ob das Gefühl, das er empfunden hatte, wirklich Liebe gewesen war.
Wieder seufzte er und schloss die Augen. Er sollte wenigstens ein paar Stunden Schlaf finden, damit er sich ausgeruht fühlte, wenn er am folgenden Tag nach Kolonós aufbrechen würde. Dort, etwas außerhalb von Athen, lebte die Familie Engastroménos seit einiger Zeit. Ihr Haus nahe der Akropolis hatten sie aufgegeben. Aus Geldgründen, wie er wusste.
Konstantínos Engastroménos war früher ein erfolgreicher, wohlhabender Textilimporteur gewesen, doch die Geschäfte liefen nicht mehr gut, wie Vimbos ihm anvertraut hatte.
Umso wichtiger, dass sich die zweitälteste Tochter gut vermählte.
Die Scheidung von seiner ersten Ehefrau hatte Heinrich erst vor wenigen Wochen hinter sich gebracht. Eine haarige, kostspielige Angelegenheit. Wahrscheinlich war es auch haarsträubend, sich sofort wieder Gedanken über eine neue Ehefrau zu machen. Ja, ganz sicher war es das, und er hätte die Idee möglicherweise auch aus seinem Kopf bekommen, wenn da nicht Sophias Antlitz gewesen wäre, das ihn augenblicklich eingenommen, fasziniert hatte. Eine Griechin, wie sie im Buche stand!
Heinrich sehnte sich nach einer Frau, mit der er über Homer philosophieren konnte. Das war seine Bedingung an Vimbos gewesen. Seit seiner Kindheit hatte er eine Schwäche für den Dichter und dessen Epen, besonders die Ilias hatte es ihm angetan. So manches Mal hatte ihn die träumerische Vorstellung, ein Held im Trojanischen Krieg zu sein, über sein damaliges armseliges und unglückliches Leben als Sohn eines ewig betrunkenen Pfarrers hinweggetröstet.
Doch für ihn war die Ilias keine Erfindung und damit phantastische Geschichte, sie war real, tatsächlich geschehen, vor etwa dreitausend Jahren. Und er, Heinrich Schliemann, würde eines Tages den Beweis dafür erbringen.
Heinrich rollte sich auf den Rücken und verschränkte die Hände im Nacken. Er war nass geschwitzt, noch immer war es unerträglich schwül im Zimmer. Das lang ersehnte Gewitter schien nicht die Abkühlung und Erfrischung zu bringen, die sich alle erhofft hatten.
Er überlegte, was er am morgigen Tag anziehen, was er sagen sollte, wenn er das erste Mal vor Sophia stand. Er kam sich mit einem Mal wie ein blutjunger, bis über die Ohren verliebter Mann vor. Wie würde es sein, wenn er seiner Auserwählten, seiner Angebeteten gegenüberstehen würde?
Sechs lange Jahre hatte er sich in Verzicht geübt, auch wenn die sinnlichen, die körperlichen Freuden ihn nie über die Maßen begeistert hatten. Heinrich parlierte, diskutierte und philosophierte einfach lieber. Für ihn die beste und innigste Verbindung, die Menschen zuteilwerden konnte.
Seiner jungen Ehefrau – und er war davon überzeugt, dass Sophia Engastroménos ihn heiraten würde – wollte, musste er jedoch mehr bieten als gute, tiefsinnige Gespräche.
Wie sie wohl roch, überlegte er und seufzte erneut. Und wie sich wohl anfühlte?
Darüber solltest du besser nicht nachdenken, rief er sich zur Ordnung. Am Ende bekäme er kein Auge mehr zu und wäre am nächsten Tag unausgeruht und unansehnlich, mit wenig vorteilhaften dunklen Ringen unter den Augen.
Zeig dich von deiner besten Seite, war das Letzte, was er dachte, bevor er in den Schlaf glitt.
Erst im Morgengrauen hatte Sophia ein wenig Schlaf finden können. Ein furchtbarer Traum hielt sie eisern fest, als bereits die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer fielen.
Mühsam schüttelte sie ihn ab und setzte sich auf. Sie hatte geträumt, dass sie von einem Ungeheuer verfolgt wurde, das sie durch Athen trieb und mit spitzen Zähnen nach ihr greifen wollte. Sie war barfuß gewesen und hatte nur ein Nachthemd getragen.
Sophia stand auf und warf einen Blick aus dem Fenster. Es würde ein herrlicher Spätsommertag werden, die Vögel zwitscherten in den Bäumen, und es duftete nach Zitronen und Jasmin. Sie liebte den großen Garten mit den Obstbäumen und den Zypressen und Platanen, die ihn umgaben. Gleich gegenüber dem Grundstück lagen Thymianfelder, deren betörender Duft zu ihr herüberwehte.
Ja, es könnte ein wunderbarer Tag werden, wenn heute nicht dieser Heinrich Schliemann käme, der sich in den Kopf gesetzt hatte, sie ehelichen zu wollen.
Bestimmt würde sie ihre Eltern mit konsequenter Weigerung, die nicht den Hauch von Trotz beinhalten durfte, davon überzeugen, dass sie und Schliemann unmöglich heiraten konnten. Er war zu alt, noch dazu geschieden und kein Grieche.
Alles würde gut werden, ganz bestimmt, versicherte sie sich selbst, während sie sich wusch und anzog. Sie hielt inne und blickte an sich herab. Sollte sie dieses Kleid tragen? Es war hübsch, aber ein wenig zu … verspielt, zu jugendlich.
Ich bin jugendlich, dachte sie mit einem Anflug von Ärger. Sie konnte nichts dafür, dass Schliemann schon fast fünfzig war. Wie ihr Vater. Sie sollte allen Ernstes einen Mann heiraten, der so alt war wie ihr Vater?
Lieber sterbe ich!
Sophia sank aufs Bett und streckte die Beine aus, um sie zu betrachten. Sie waren wohlgeformt, wie eigentlich alles an ihr. Nicht sie selbst war dieser Auffassung, vielmehr hatten das sowohl ihre Mutter als auch ihre Schwestern gemeint. Und ihre beste Freundin.
Würde das auch Schliemann so sehen? Würde er sie ungeniert angaffen und im Geiste bereits auskleiden?
Sophia setzte sich auf die Hände und baumelte mit den Beinen. Aber was, wenn er gut aussah, wenn er attraktiv und freundlich war? Wenn er ihr Herz zum Klopfen brachte und er ihr vor Augen führte, was Verliebtheit war?
Wenig später nahm sie im Kreis ihrer Familie ein Frühstück zu sich, das aus einem Laib Brot, Oliven und Ziegenkäse bestand. Es wurde geschwatzt und gelacht, fast so, als sei dieser Morgen kein besonderer Morgen. Doch Sophia bemerkte die Blicke, die ihre Eltern sich immer wieder zuwarfen. Sie bemerkte auch, dass Marigó, die jüngere Schwester, sie mitleidig anschaute. Mitleidig!
Schließlich schob sie energisch den Teller von sich und verkündete mit fester, lauter Stimme: »Hört auf, mich so anzusehen! Es genügt, wenn das später dieser Schliemann tun wird.«
»Sophia«, mahnte ihre Mutter Viktoría mit tadelndem Blick. »Sieh ihn dir erst mal an.«
»Und wenn er mir nicht gefällt? Werde ich ihn trotzdem heiraten müssen?«
Ihre Mutter lächelte nachsichtig. »Und wenn er dir gefällt, mein Schatz? Was dann? Wirst du noch in der Nacht mit ihm durchbrennen?«
Ihr Vater lachte unbehaglich.
»Das ist nicht lustig, Papa!«, ereiferte sie sich, wohl wissend, dass sie gleich wieder getadelt würde. »Ich will diesen Schliemann nicht heiraten! Er ist genauso alt wie du!«
»Ich weiß.« Mehr sagte Konstantínos nicht.
»Du willst mich wirklich mit diesem … diesem uralten Mann verheiraten?« Sie sprang auf und stieß gegen das Tischbein. Das Geschirr schepperte.
»Sophia Engastroménos! Du wirst dich sofort wieder setzen und brav sein!«, polterte ihre Mutter mit hochrotem Gesicht. »Und du wirst dir Heinrich Schliemann erst einmal anschauen, ja?«, fügte sie mit sanfterer Stimme hinzu.
»Ich werde davonlaufen!«
»Na, na.«
»Sophia.« Ihr Vater räusperte sich. »Du könntest ein Leben in Wohlstand führen. Er könnte dir jeden Wunsch erfüllen. Er könnte …« Er warf Viktoría einen hilfesuchenden Blick zu, doch die hatte den Kopf gesenkt. Vielleicht waren ihr die Argumente ausgegangen. »Ich finde den Vorschlag deiner Mutter sehr vernünftig, ihn dir erst einmal anzusehen.«
Sophia presste den Kiefer aufeinander. Einerseits wollte sie eine gehorsame Tochter sein, andererseits spürte sie blanke Panik aufkommen und das unbändige Verlangen aufzubegehren.
»Du solltest dich umziehen«, meinte Viktoría wenig später, als sie Sophia gefolgt war, die im Garten unter dem Zitronenbaum saß.
»Was gefällt dir an diesem Kleid nicht?« Mit einem Mal fühlte Sophia sich müde, erschöpft. In ihr war es leer, als sei das Leben innerhalb der letzten Stunde aus ihr gewichen.
»Es ist hübsch.« Ihre Mutter setzte sich neben sie und griff nach ihrer Hand. »Aber du solltest etwas Angemessenes tragen.«
»Vielleicht gleich ein Hochzeitskleid?«, fragte sie spitz.
»Nun, ich dachte eher an unsere Tracht.«
Ja, das würde Schliemann sicher gefallen.
Plötzlich brach Sophia in Tränen aus. Sie schämte sich für ihre Ungezogenheit, ihre Widerborstigkeit, ihre Eltern meinten es doch nur gut. »Verzeih mir, Mama, aber ich habe solche Angst«, flüsterte sie unter Tränen.
»Vor Schliemann?«, fragte Viktoría mit weicher Stimme.
Sie nickte matt.
»Er wird kein Unhold sein, Sophia. Hätte dein Onkel einem Ungeheuer ein Foto von dir geschickt?«
Schniefend schüttelte sie den Kopf.
»Na, siehst du.«
Ihr ging auf, dass ihre Mutter sicher ebenfalls Bedenken hatte, dass auch sie in Sorge war. »Aber wenn er doch ein Unhold ist …« Sophias Stimme bebte. »Dann muss ich ihn nicht heiraten, nicht wahr?«
Doch anstatt einer Antwort, einem »Natürlich nicht«, das sie sich so wünschte, lächelte ihre Mutter nur.
Ein Lächeln, das Sophias ungutes, unheilvolles Gefühl noch bestärkte, bis sie letztlich begriff, dass ein »Nein« von ihrer Seite keine Option war. Wahrscheinlich nie gewesen war.
Mithilfe ihrer Mutter zog Sophia die griechische Tracht an, setzte die Haube auf – und zwang sich zu einem Lächeln, das ihr unendlich schwerfiel. Immer wieder huschte ihr nervöser Blick zur Uhr. Noch zwei Stunden.
Noch eine.
Schliemann würde in wenigen Minuten da sein.
Ihre Handflächen waren feucht, ihre Blase drückte.
Als sie das schmiedeeiserne Tor hörte, setzte ihr Herzschlag für einen Moment aus. Doch dann wich das Gefühl der Ablehnung und der Verweigerung, stattdessen spürte Sophia, wie sie sich aufrichtete und wappnete.
Sie wollte Heinrich Schliemann beherzt begegnen und ihm zeigen, dass sie eine brave, wohlerzogene Tochter aus gutem Hause war. Sie würde ihren Eltern keine Schande machen.
Heinrich betrat den Vorgarten und blickte sich um.
Es roch würzig und zugleich süßlich nach Blüten und Zitronen.
Der Garten war gepflegt, wahrscheinlich kümmerte sich Viktoría Engastroménos mit Hingabe darum. Eine Aufgabe, die sie sich, wie so viele Frauen, deren Kinder erwachsen und aus dem Haus waren, nicht nehmen lassen wollte.
Ob ihre Tochter auch so geartet war? Würde Sophia ein großer, blühender und duftender Garten gefallen?
Heinrich trat näher, den Blick auf die Haustür gerichtet.
Stand sie dahinter und beäugte ihn durchs Schlüsselloch?
Ich würde es tun, dachte er.
Er betätigte den Türklopfer und wartete.
Nach nur wenigen Sekunden wurde die Tür geöffnet. Eine junge Dienerin machte ihm auf, warf ihm einen verstohlenen Blick zu und knickste. »Herr Schliemann, nehme ich an?«
Er nickte und nahm den Hut ab. Er machte ihn größer, stattlicher.
»Man erwartet Sie bereits.« Sie trat zur Seite und ließ ihn ins Haus.
Es war angenehm kühl auf der Diele, und er spürte erst jetzt, wie ihm der Schweiß zwischen den Schulterblättern entlanglief. Natürlich erwartet man mich, dachte er und war versucht, der Dienerin einen missbilligenden Blick zu senden. Doch er ließ es bleiben. Es war nicht die Zeit für Maßregelungen und Vorhaltungen. Sein eigenes Personal würde besser instruiert und erzogen werden.
»Wenn Sie hier einen Moment warten wollen?«
Er wollte eigentlich nicht, am liebsten wäre es ihm nämlich, wenn er gleich in die gute Stube stürmen und Sophia in Augenschein nehmen könnte. Aber er nickte herablassend und zog die Handschuhe aus, die sie ihm hätte abnehmen müssen.
Wahrscheinlich konnten die Engastroménos sich kein anständiges Personal leisten. Nun, das könnte sich bald ändern, dachte Heinrich und blickte sich um.
Es war ein hübsches, komfortables, aber bescheidenes Haus. Reichtümer würde er hier nicht vorfinden, aber das hatte er auch nicht erwartet. Die Bediensteten schienen es immerhin sauber zu halten.
Eine Tür ging auf, und ein recht groß gewachsener, dunkelhaariger Mann mit Schnauzbart kam heraus. »Doktor Schliemann.« Er streckte die Hand aus, ergriff Heinrichs und schüttelte sie so fest, dass er ihm fast die Schulter auskugelte. »Wir sind sehr erfreut. Kommen Sie, bitte kommen Sie doch herein, Herr Doktor.«
Heinrich fühlte sich geschmeichelt, dass er mit seinem Doktortitel angeredet wurde. Vor zwei Jahren hatte er eine Studie über Ithaka, die Peloponnes und Troja veröffentlicht und dafür von der Rostocker Universität den Doktortitel erhalten.
Er folgte dem wohlbeleibten dunkelhaarigen Mann, den Blick erwartungsvoll nach vorn gerichtet. Gleich würde er vor ihr stehen, seiner zukünftigen Ehefrau.
Er betrat den Wohnraum, ein behaglich eingerichtetes Zimmer mit mehreren Teppichen, einem geschnitzten Sekretär und weiteren Möbelstücken, die nicht billig gewesen waren. Heinrich hatte ein Auge für teure Dinge, schließlich umgab er sich gern damit, wenn auch nicht im Übermaß.
Bis auf eine Frau, die am Fenster stand und sich zu ihm umdrehte, war das Zimmer leer.
Konstantínos stellte sie sogleich als seine Ehefrau vor. »Darf ich bekannt machen: Doktor Schliemann, meine Gattin Viktoría.«
»Sehr angenehm«, sagte Heinrich auf Griechisch, das er genauso gut beherrschte wie die anderen Sprachen, die er sich angeeignet hatte. Er verbeugte sich. »Wo ist das Fräulein Tochter, wenn ich fragen darf?«
Hatten sie es sich anders überlegt? Wollte Konstantínos doch nicht die Annehmlichkeiten genießen, die Heinrich ihm durch Vimbos versprochen hatte?
»Oh, sie wird gleich da sein, Doktor Schliemann, keine Sorge, keine Sorge«, beeilte sich der Hausherr ihm zu versichern.
Sie hätte ihn direkt begrüßen sollen, fand Heinrich. Eine ziemliche Unhöflichkeit, wenn nicht Frechheit. In ihrer Ehe würde er so etwas nicht dulden. »Nun denn.« Er schaute sich fragend um. War es erlaubt, Platz zu nehmen?
»Oh, bitte, setzen Sie sich doch.« Konstantínos deutete auf den Sessel am Fenster, die einzige Sitzmöglichkeit, die frei im Raum stand. Wahrscheinlich wollte er nicht, dass seine Tochter und ihr zukünftiger Ehemann Knie an Knie nebeneinander auf dem Sofa saßen. »Sie sprechen unsere Sprache sehr gut, Herr Doktor.«
Heinrich bedankte sich mit einem knappen Nicken.
Viktoría Engastroménos musterte ihn, das spürte er, auch wenn er nicht in ihre Richtung sah. Was mochte sie von ihm als ihrem baldigen Schwiegersohn denken?
Er schlug die Beine übereinander, Handschuhe und Hut noch immer in Händen.
Die Hausherrin errötete beschämt und rief sofort nach der Dienerin. »Bring Doktor Schliemanns Sachen fort, aber rasch«, wies sie mit leiser Stimme an.
Die Dienerin knickste, griff nach Hut und Handschuhen und verließ das Zimmer so schnell und unauffällig, wie sie es betreten hatte.
Wie lange würde Sophia sich wohl noch Zeit lassen, fragte Heinrich sich. Ob sie ganz in der Nähe stand und ihn bereits neugierig angeschaut hatte? Oder hatte sie etwa gar nicht vor, freiwillig herzukommen?
Daran mochte Heinrich gar nicht denken. Er stellte sich seine zukünftige Gattin lieber als liebreizendes, williges Geschöpf vor, das nur zu gern Heimat und Familie verlassen würde, um mit ihm zu leben.
Während man ein bisschen Konversation machte, schaute Heinrich sich im Zimmer um. Die Teppiche und Möbelstücke waren in der Tat kostbar, Zeugen einer besseren, einer wohlhabenderen Zeit.
»Wie kommt es, dass Sie so gut Griechisch sprechen?«, erkundigte sich Konstantínos.
»Das Erlernen fremder Sprachen fällt mir recht leicht«, gab er zu. »Auch wenn es natürlich dennoch ein hohes Maß an Disziplin und Eifer bedeutet.«
»Ich verstehe, ich verstehe. Dann hatten Sie ganz offenbar gute Lehrer.«
Heinrich lächelte. »Durchaus, ja. Aber die meisten Sprachen habe ich mir selbst beigebracht.« Es klang stolz, und das war er auch. Inzwischen sprach er mehr als zwölf Sprachen.
Er überlegte, es den Gastgebern zu sagen, entschied sich aber dagegen. Er wollte nicht prahlen, auch wenn es ihm stets ein Heidenvergnügen bereitete. »Wo bleibt denn nur Ihre Tochter, Konstantínos?«, fragte er ein wenig ungehalten. Er nannte seinen Schwiegervater in spe einfach beim Vornamen.
»Viktoría?« Er sah seine Frau bittend an.
Sie erhob sich. »Sie wird im Garten sein. Ich lasse sie holen.«
Heinrich schnappte nach Luft. Im Garten? Das war unerhört. Wollte Sophia ihn zum Narren halten?
»Sie ist eine folgsame, ganz reizende junge Frau, wirklich«, sagte Konstantínos rasch und blickte nervös zur Tür.
Heinrich war mittlerweile so aufgebracht, dass er sogar für einen kurzen Moment überlegte, einfach aufzustehen und zu verschwinden.
Da ging die Tür auf, und Viktoría kam wieder herein. Gleich neben ihr die Tochter.
Wie schön, wie bezaubernd Sophia war! Wie anmutig sie sich bewegte, und wie betörend ihr Lächeln war.
Heinrich schluckte.
Sophia war einer Ohnmacht nahe.
Sie konnte nicht anders, als den Mann anzustarren, der hastig aufgesprungen war, als sie hereinkam.
Das also war Heinrich Schliemann, der wohlhabende Mann, den ihr Onkel seinen deutschen Freund nannte. Der Mann, der sie zur Frau wollte.
Behauptete sie, ihn sich anders vorgestellt zu haben, träfe es nicht annähernd das, was sie empfand, als sie beide sich die Hände schüttelten.
»Erítimos despossíni. Gnädiges Fräulein.« Errötete er gerade?
»Doktor Schliemann«, sagte sie leise und sittsam und senkte den Blick. Nicht, weil sie verlegen war, sondern weil sie ihn nicht weiter ansehen wollte.
Heinrich Schliemann mochte klug, weit gereist und schwerreich sein, aber er war vor allem eines: hässlich.
Er war klein – fast einen Kopf kleiner als sie –, von schmächtiger Statur, und sein Gesicht glich dem eines Kobolds. Jedenfalls stellte sie sich einen Kobold so vor.
Um ein Haar hätte sie entsetzt aufgestöhnt, sie konnte es gerade noch zurückhalten.
Sie hörte, wie ihre Mutter sich räusperte und sie damit ohne Worte ermahnte. Reiß dich zusammen, Sophia!
»Lassen Sie uns einen Spaziergang machen«, schlug Schliemann vor, und sie wünschte, sie könnte sich unsichtbar machen. In Luft auflösen, jetzt sofort. »Dann können wir in Ruhe miteinander reden, uns besser kennenlernen.«
Schließlich werden wir bald heiraten. Er hatte es nicht ausgesprochen, doch das musste er auch gar nicht. Die Worte schwebten durch den Raum, hingen über ihr in der Luft, wie an einer Schnur aufgereiht. Dort prangten sie, baumelten über ihrem Kopf und verursachten ihr solche Übelkeit, dass sie nach Atem ringen musste.
»Sophia?« Viktoría sah sie besorgt an.
Sie nahm sich zusammen, nickte.
Heinrich Schliemann bot ihr seinen Ellbogen und erwartete offenbar, dass sie ihre Hand darauflegte.
Eine Berührung konnte sie sich nicht vorstellen, sie wäre ihr zuwider. Sie tat es trotzdem und bemerkte, wie ihre Mutter erleichtert aufseufzte.
»Sie könnten mir den Garten zeigen«, schlug Schliemann vor. Seine Stimme war angenehm, ganz im Gegensatz zu seinem Aussehen.
Es sind nur Äußerlichkeiten, sagte Sophia sich, während sie neben ihm das Haus verließ und in den Garten hinausging.
Eine Lerche sang ihr Lied, was Sophia daran erinnerte, dass es auf eine Weise eben doch ein gewöhnlicher Tag war.
»Es ist herrlich hier.« Schliemann blieb stehen und blickte in den Himmel. »Ich liebe Ihre Heimat, Ihr Land, Sophia.«
Sie war gerührt, dass er das sagte, aber vielleicht wollte er nur nett sein. »Sie sprechen unsere Sprache sehr gut, Doktor Schliemann.«
»Vielen Dank und bitte nennen Sie mich Heinrich«, bat er.
»Mein Onkel sagt, Sie sprechen mehrere Sprachen fließend.«
Er nickte.
Sophia fiel auf, dass er die ganze Zeit das Kinn gereckt hielt und auf den Zehenspitzen wippte. »Wie viele Sprachen sprechen Sie, Doktor Schliemann? Heinrich.«
»Inzwischen sind es zwölf.«
»Allmächtiger! Wie ist das möglich?« Sie kam sich albern vor. Wieder hatte sie geredet, ohne nachzudenken.
Sein Lächeln war milde, nachsichtig. »Nun, ich scheine eine gewisse Begabung zu haben.« Er deutete auf die kleine Steinbank, die sich unter einem von Weinblättern berankten schmiedeeisernen Bogen befand. »Wollen wir uns dort drüben setzen? Ein besonders hübscher Platz.«
»Meine Mutter hat ihn angelegt, damit man sich vor der Sonne schützen kann.«
Heinrich nahm Platz und klopfte neben sich. Die Bank war schmal, sie würden recht eng nebeneinandersitzen.
Sophia versuchte, so viel Abstand wie möglich zu halten.
So viele Fragen brannten ihr unter den Nägeln. Warum wollen Sie unbedingt wieder heiraten? Warum keine gleichaltrige Frau? Wo wollen Sie mit mir leben? Haben Sie vor, noch eine Familie zu gründen?
Sie holte tief Luft und biss sich auf die Zunge.
Heinrich ließ den Blick schweifen, die Stirn gerunzelt. »Ich glaube, mir würde ein eigener Garten gefallen.«
Das war die Gelegenheit, ihn zu fragen, wo er zu wohnen gedachte. Doch Sophia wagte es nicht, zu groß war die Furcht vor seiner Antwort. Was, wenn er mit ihr am Ende der Welt leben wollte? Immerhin schmückte er sich damit, ein weitgereister Mann zu sein.
Plötzlich drehte er den Kopf und sah ihr in die Augen. Sein Blick war stechend, unangenehm. »Sie hätten doch bestimmt auch gern einen eigenen Garten, nicht wahr?«
Zögernd nickte sie. Sie spürte, wie ihre Kehle sich zuschnürte. Das alles hier aufgeben zu müssen, zu verlieren, erschien ihr völlig undenkbar, absolut unvorstellbar. »Werden wir hier in Athen wohnen?«, fragte sie nun doch mit leiser Stimme.
Er schüttelte den Kopf, und ihr Herz und ihr Magen zogen sich schmerzhaft zusammen. »Ich habe eine geräumige, sehr schöne Wohnung in Paris. Waren Sie schon mal in Paris, Sophia?«
»Nein.« Paris. Lieber Himmel, das war wirklich beinahe am Ende der Welt.
»Sie werden es mögen.« Er lächelte sie an. »Ich werde Ihnen ein guter Ehemann sein, Sophia. Und Sie? Werden Sie mir eine gute Gemahlin sein?«
Sophia schluckte und schluckte. Was sollte sie nur sagen?
»Wir … wir kennen uns doch kaum«, brachte sie schließlich hervor.
Er lachte leise. »Das kann sich ändern.« Er stand auf und ging vor ihr auf die Knie. »Heiraten Sie mich, Sophia. Bitte werden Sie meine Frau, und ich werde der glücklichste Mann auf Erden sein.«
Sie saß kerzengerade da, das Blut rauschte in ihren Ohren.
Er war vor ihr niedergekniet, er legte ihr sein Herz zu Füßen!
Selbst wenn ihres aus Stein wäre, hätte diese Geste sie gerührt. »Herr Schliemann … Heinrich«, stammelte sie.
»Wir werden ein schönes Leben haben, Sophia, ein wundervolles Leben, das verspreche ich Ihnen. Ich habe noch sehr viel vor.« Er lächelte flüchtig. »Und es wäre so schön, wenn Sie daran teilhaben würden. Ich bin sehr viel älter als Sie, ja, und ja, es wird meine zweite Ehe sein. Aber ich versichere Ihnen, dass ich kein Mann bin, der …« er schien nach den richtigen Worten zu suchen, »der ständig unzufrieden ist und deshalb …« Er verstummte kurz, schaute sie zerstreut und nachdenklich an und sprach schließlich weiter. »Was ich damit sagen möchte, Sophia: Ich sehne mich nach einer Frau, mit der ich mein Leben teilen kann.«
Ihr schossen Tränen in die Augen, sie konnte es nicht verhindern. Sie hätte gern etwas gesagt, nur was?
»Sie lieben Homer, genau wie ich, Sophia.« Wieder ein flüchtiges Lächeln. »Auch das wird uns verbinden.«
Sophia rang nach Worten. Was könnte, was sollte sie sagen?
Die Wahrheit war: Schliemann imponierte ihr, seine Worte, die so unerwartet sanft waren, berührten, bewegten sie. Aber würde sie auf alle Ewigkeit hintanstellen können, dass er nicht der Mann ihrer Träume war? Dass er unattraktiv war? Dass sie sich mehr erhoffte als schöne Worte, Reichtümer und Versprechen?
Mit einem Ruck stand sie auf, wischte die feuchten Hände an ihrem Rock ab und schluckte. »Heinrich, ich … Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte …«
»Bevor Sie weitersprechen, Sophia …« Er hatte die Hand gehoben. »Ich würde gern auch noch etwas sagen.«
Sophia war erleichtert. Vielleicht würden ihr doch noch die passenden Worte einfallen. Sie wollte ihn um etwas Bedenkzeit bitten.
Heinrich deutete auf ihre Tracht. »Hübsch, wirklich hübsch.«
Sie blinzelte verdutzt. Wieso dieser plötzliche Themenwechsel?
»Aber wenn ich ehrlich sein darf, Sophia – ich finde, Sie sollten besser ein sanft fallendes Kleid tragen. Dieses schmeichelt Ihrer Figur nicht eben.«
Sophie blinzelte erneut, dann wandte sie sich ab und lief zurück ins Haus, die Fingernägel in die Handflächen gebohrt.
Was hatte er denn nur Falsches gesagt, fragte Heinrich sich.
Er hatte Sophia doch lediglich darauf hingewiesen, dass sie seiner Meinung nach fließende Kleider tragen sollte. Weil sie ihrer Figur schmeichelten. Was war daran falsch?
Er stand auf und blickte sich unschlüssig um. Sollte er ihr folgen und sich näher erklären oder einfach gehen?
Die Frage erübrigte sich, denn Konstantínos kam aus dem Haus gelaufen, das Gesicht gerötet. »Doktor Schliemann! Herr Doktor!«, rief er von Weitem und fuchtelte mit der Hand. »Kommen Sie, ich lade Sie auf ein Glas Wein ein.«
Heinrich machte sich nicht viel aus Alkohol. Ganz im Gegensatz zu seinem Vater, der fast täglich betrunken gewesen war. »Vielleicht sollte ich besser …«
»Aber nein, aber nein!« Konstantínos schob ihn beinahe ins Haus, vorbei an der Dienerin, die sofort den Blick senkte. »Kommen Sie, Herr Doktor, kommen Sie. Oder möchten Sie vielleicht einen starken Kaffee und etwas Lukum? Ganz frisch zubereitet?«
»Da kann ich wohl nicht Nein sagen.«
Konstantínos strahlte. »Nein, das können Sie nicht, Herr Doktor. Meine Gemahlin bereitet es selbst zu, das lässt sie sich nicht nehmen.«
Heinrich war verstimmt, doch das wollte er Sophias Vater nicht spüren lassen. Jedenfalls nicht jetzt. Sicher ergäbe sich später noch eine Gelegenheit.
Konstantínos führte ihn in den Wohnraum, wo Viktoría bereits wartete. Auf dem niedrigen Tisch vor ihr stand ein Tablett, darauf drei Tassen, eine Silberkanne und kleine Schälchen mit Gebäck und Lukum, einer Süßigkeit, die aus gekochten Früchten und Nüssen bestand. Heinrich liebte sie und hatte häufig Mühe, sich zurückzuhalten.
»Doktor Schliemann.« Viktoría lächelte ihn an und deutete auf den Sessel ihr gegenüber. »Bitte nehmen Sie Platz und trinken Sie eine Tasse Kaffee mit uns.« Sie warf ihrem Mann einen kurzen Blick zu. »Sie müssen unserer Tochter verzeihen. Sophia ist … Wie soll ich sagen? Nun, ich fürchte, sie ist ein wenig überfordert. Aber sie wird sich wieder fangen«, versicherte sie, während sie Kaffee einschenkte.
Heinrich fragte sich, warum das nicht die Dienerin übernahm. Als ahne die Gastgeberin seine Gedanken, erklärte Viktoría: »Ich kümmere mich gern selbst um unsere Gäste. Kochen und Backen sind meine Leidenschaft.«
Er lehnte sich zurück, nachdem er einen Schluck getrunken und nach einem Stück Lukum gegriffen hatte, das köstlich zubereitet war. Auch der Kaffee war hervorragend.
»Selbstverständlich verzeihe ich Ihrer Tochter«, sagte er gönnerhaft. »Sie ist noch sehr jung und braucht eine starke Hand.« Als er Konstantínos’ Blick sah, fügte er hinzu: »Womit ich keinesfalls behaupten will, dass Sie kein strenger Vater sind, mein lieber Konstantínos.«
»Oh, das bin ich, das bin ich. Ich habe vier Söhne und drei Töchter, Herr Doktor …«
»Bitte nennen Sie mich Heinrich«, bat er aus einer Laune heraus. Möglicherweise würde er es später bereuen, aber nun war es heraus.
Konstantínos strahlte. »Oh, das mache ich sehr gern, Herr Doktor. Efkharîsto, Verzeihung. Heinrich. Ich wäre nichts ohne meine Kinder, meine Familie«, sagte er weiter. »Sie haben auch Kinder, wie ich hörte?«
Heinrich nickte zögernd. Er wollte nicht gern daran erinnert werden, dass auch er Vater war, eine Familie hatte. Er fühlte sich lausig, wusste, dass er sie all die Jahre vernachlässigt hatte, auch wenn er stets gut für sie gesorgt hatte. Es mangelte ihnen an nichts – außer an seiner Gegenwart.
»Einen Sohn und zwei Töchter.«
»Sie werden furchtbar stolz auf sie sein.«
Das ließ er so stehen. Natürlich war er stolz, auch wenn er kaum noch etwas über sie und ihr Leben wusste.
»Wie alt sind Ihre Kinder, wenn die Frage erlaubt ist?«
»Die Mädchen sind elf und acht, Sergej ist vierzehn.« Und damit gerade mal drei Jahre jünger als Sophia.
Wieder tauschten Konstantínos und seine Frau einen raschen Blick. Wechseln wir lieber das Thema, schien er zu bedeuten.
»Theóklitos erzählte mir, dass Sie sich bereits aus Ihren Geschäften zurückgezogen haben.« Konstantínos schlug die Beine übereinander und stellte die Tasse auf seinem Knie ab.
»So ist es.« Heinrich nickte erneut und nahm ein weiteres Stück Lukum. »Das schmeckt ganz vortrefflich, meine liebe Viktoría.« Er wandte sich wieder Konstantínos zu. »Ich habe genug gearbeitet, bin zu Wohlstand gekommen. Jetzt will ich endlich das tun, wonach mir schon lange der Sinn steht: Ich möchte mich als Archäologe betätigen.«
»Als Archäologe?«, fragte Konstantínos verwundert.
Heinrich beugte sich vor. »Ich möchte das legendäre Troja ausgraben. Und ich würde mich freuen, wenn Sophia mich dabei begleiten würde.«
Konstantínos schaute ihn verdutzt an. »Aber Troja ist, wie Sie schon sagen, eine Legende, eine Sage. Es hat nicht existiert. Homer hat es erfunden.« Er warf seiner Frau einen Blick zu. Ich fürchte, Heinrich hat nicht alle beisammen, schien der zu bedeuten.
»Wer will behaupten, dass es nicht existiert hat? Sie? Troja hat existiert«, erklärte Heinrich bestimmt. »Davon bin ich überzeugt. Und ich glaube sogar zu wissen, wo es gelegen hat.«
»Aber woher glauben Sie das zu wissen, verehrter Heinrich?«
»Ich war bereits dort.« Heinrich lächelte in Erinnerung an diese unvergessene Zeit. »Ich habe alles, was Homer über die sagenumwobene Stadt geschrieben hat, mit dem Ort, dem Hügel verglichen, unter dem ich Troja vermute. Und ich werde es ausgraben und der ganzen Welt zeigen.«
~
Sophia lag ausgestreckt auf ihrem Bett, das Gesicht im Kissen vergraben, und schluchzte. Sie war so wütend! Was fiel Schliemann ein, ihr zu sagen, sie solle etwas anderes tragen!
Gerade hatte sie begonnen, ihn von einer anderen Seite zu sehen, seine Weichheit zu erkennen, die irgendwo unter seiner rauen Schale verborgen schien, und dann diese unhöfliche Äußerung!
Es klopfte, und Marigó kam herein. »Warum liegst du hier und heulst, Sophia?«
»Lass mich allein, geh wieder.«
»Ich denke ja gar nicht daran.« Ihre Schwester setzte sich zu ihr auf die Bettkante und strich über ihre Schulter. »Es ist wegen diesem Doktor Schliemann, nicht? Du magst ihn nicht. Du findest ihn grässlich.«
Sophia setzte sich auf und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht. »Hast du ihn gesehen?«
»Natürlich. Ich hatte mich im Garten hinter dem Feigenbaum versteckt, als ihr euch auf die Bank gesetzt habt.« Marigó kicherte. »Wie er dir hinterhergeschaut hat, als du davongestürmt bist. Du warst ziemlich wütend auf ihn, nicht wahr?«
»Er hat gesagt, ich solle lieber fließende Kleider tragen, die würden mir besser stehen.«
Marigó lachte. »Und das hat dich so wütend gemacht?«
»Wärst du nicht wütend, wenn man so etwas zu dir sagt?«, fragte Sophia verständnislos. »Ich fand es sehr unhöflich und unverschämt.«
Ihre Schwester zuckte die Schultern. »Ich hätte mich nicht darüber geärgert.«
»Ich glaube dir kein Wort.« Sie senkte die Stimme und blickte zur Tür. »Ist er schon fort?«
»Nein, er sitzt unten bei Mama und Papa und trinkt Kaffee.«
»Auch das noch.« Sophia stöhnte auf. »Mir wäre es lieb, er würde gehen und nicht wiederkommen.«
»Aber er will dich heiraten, Sophia. Glaubst du wirklich, er verzichtet einfach auf dich?«
»Er soll eine andere heiraten«, erwiderte sie unglücklich. »Eine, die ihn vergöttert, die ihn lieben kann. Ich kann es jedenfalls nicht, Marigó.« Es klang verzweifelt, und sie fühlte sich auch so.
»Mama sagt, man kann lernen, jemanden zu lieben.«
»Und Onkel Theóklitos sagt, die Ehe sei ein Sack voller Schlangen«, sagte Sophia säuerlich.
Marigó umschlang ihr Knie mit beiden Händen. »Ich verstehe dich ja. Ich will auch nur einen Mann heiraten, den ich liebe. Und der mich liebt.«