Super Western Doppelband 18 - Zwei Wildwestromane in einem Band - Wilfried A. Hary - E-Book

Super Western Doppelband 18 - Zwei Wildwestromane in einem Band E-Book

Wilfried A. Hary

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Beschreibung

Dieser Band enthält folgende Western (349XE) von Wilfried A. Hary: John Steins Rache Blutrache in Ghost Town City Ben Raider war nach Thompson gekommen, um seinen Bruder John zu treffen. Zehn Jahre hatten sie sich nicht gesehen, bis Ben von John einen Brief erhielt, in dem er ihn um Hilfe bat. Bei seiner Ankunft in dem gottverlassenen Nest begegnet man Ben feindselig – erst von der rätselhaften Saloonlady erfährt er, dass John tot ist. Ermordet! Schnell wird Ben klar, dass sie es auch auf ihn abgesehen haben – aber warum? Welches Geheimnis hatte John zu verbergen? Ben will seinen Bruder rächen, doch vorher muss er fliehen – in den Höllencanyon ...

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Wilfried A. Hary

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Inhaltsverzeichnis

Super Western Doppelband 18 - Zwei Wildwestromane in einem Band

Copyright

John Steins Rache

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Blutrache in Ghost Town City

Super Western Doppelband 18 - Zwei Wildwestromane in einem Band

Wilfried A. Hary

Dieser Band enthält folgende Western

von Wilfried A. Hary:

John Steins Rache

Blutrache in Ghost Town City

Ben Raider war nach Thompson gekommen, um seinen Bruder John zu treffen. Zehn Jahre hatten sie sich nicht gesehen, bis Ben von John einen Brief erhielt, in dem er ihn um Hilfe bat. Bei seiner Ankunft in dem gottverlassenen Nest begegnet man Ben feindselig – erst von der rätselhaften Saloonlady erfährt er, dass John tot ist. Ermordet! Schnell wird Ben klar, dass sie es auch auf ihn abgesehen haben – aber warum? Welches Geheimnis hatte John zu verbergen? Ben will seinen Bruder rächen, doch vorher muss er fliehen – in den Höllencanyon ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: A.PANADERO

© dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

John Steins Rache

Western von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

Fünf Jahre Haft hat John Stein hinter sich und will sich dafür an der gesamten Einwohnerschaft von Greak Town rächen. Als er in die Stadt zurückkehrt, muss er jedoch feststellen, dass hier einiges anders geworden ist. Jemand hat das Kommando über diese Stadt übernommen – jemand, der zwielichtige Geschäfte im Sinn hat. Und er, John Stein, soll sich daran beteiligen. Dann ist da noch Lilly, von der er glaubt, dass sie ihn damals verraten hat. Aber ist das alles wirklich so? Die fünf Jahre haben Stein verändert, er weiß es nur noch nicht.

1

Der Tag, an dem John Stein aus der Hölle des Zuchthauses von Utah entlassen wurde, war für ihn der Tag der Rache. Dafür hatte er fünf Jahre härteste Marter und schwerste Zwangsarbeit überlebt.

Der Tag der Rache.

Nicht nur allein für ihn: Seine Leute hatten auf ihn gewartet, treu, wie gewohnt. Sie hatten offensichtlich keinen Alleingang gewagt, weil sie genau wussten: Das hätte er ihnen nie verziehen.

Als John Stein vor die eiserne Pforte trat, waren sie vollzählig da – auch Billy, wie immer verlegen grinsend. Er wusste gar nicht, wie er sich verhalten sollte, druckste herum, schnippte den Hut in den Nacken.

Ein echter Stetson, dachte John Stein überrascht. Also ist es meinen Jungs all die Zeit nicht schlecht gegangen.

Was hatten sie eigentlich getan?

Flüchtig streifte sein Blick die schlaksige Gestalt von Wyoming Kid, den breitschultrigen, stets dümmlich grinsenden Muskelprotz Little King und den Mann mit dem Wieselblick und dem Rattengesicht Great Texas.

John Stein hatte nur ihre Spitznamen behalten. Ihre richtigen Namen waren uninteressant. Ihn interessierte nur, dass sie da waren. Sonst nicht einmal so sehr, wie sie die vergangenen höllischen Jahre verbracht hatten.

Keiner der Banditen hatte ihn besucht. Genau, wie er es gewünscht hatte. Niemand hatte die Chance haben sollen, sie festzunehmen.

Little King reichte ihm mit unentwegt dümmlichem Grinsen den Colt. Den hatte er fünf Jahre lang für seinen Boss aufbewahrt.

»Ihr seid pünktlich, als hätte ich euch persönlich bestellt«, sagte John Stein und nahm den Colt entgegen. »Wann gewöhnst du dir endlich das Grinsen ab, King? Jeder von uns weiß, wie schlau du bist.«

»Tarnung, Boss«, brummte Little King. »Wenn ich mal nicht mehr grinse … Yeah, Boss, dann weißt du, dass ich beschlossen habe, meinen eigenen Kopf zu gebrauchen.«

Eine Antwort, wie John Stein sie von ihm erwartet hatte.

»Kommt, Boys, der Krieg wartet. Unser Krieg. Yeah, let’s go to Greak Town. Bald wird sie anders heißen. Bloody Town – blutige Stadt.«

2

Wie abgesprochen, ritt John Stein zunächst allein in die Stadt. Man wusste offenbar längst, dass er wieder auf freiem Fuß war, sonst wäre die Main Street nicht so menschenleer gewesen.

Fünf Jahre. John Stein schnalzte mit der Zunge und spuckte in den Straßenstaub.

Greak Town hatte sich in diesen fünf Jahren verändert. Aber es war nicht etwa schöner geworden.

Steins Lippen wurden zu einem schmalen Strich, als er den Braunen genau auf das Sheriff-Office zutrotten ließ.

Hier hatte er gelebt. Von hier aus hatte er die Stadt mit eiserner Faust regiert.

Er kniff die Lippen so fest zusammen, wie es ging, dennoch konnte er das leichte Beben nicht verhindern. Seine Wangenmuskeln spielten.

John Stein dirigierte den Braunen nicht mit den Zügeln, sondern mit kaum hörbaren Schnalzlauten.

Hinter einem Fenster war eine Bewegung. Jemand ging rasch in Deckung.

Er wurde beobachtet, von allen Seiten, aber keiner dieser feigen Memmen zeigte sich ihm offen.

Die Hitze ließ Schweiß unter der Hutkrempe hervorsickern. In dünnen Rinnsalen bahnte er sich einen Weg über Steins in diesem Augenblick unnatürlich bleiches Gesicht. Der Schweiß sickerte zwischen die Bartstoppeln. Als John Stein sich dort unbewusst kratzte, gab es ein schabendes Geräusch.

Der Braune trippelte unruhig. Seine Augen waren leicht geweitet. Das Tier war höchst nervös. Die Spannung, die in der Luft lag, wirkte auch auf den Braunen.

Mit der Linken tastete John Stein unwillkürlich nach dem Revolverholster.

Natürlich, das Holster war leer. John Stein hatte die Waffe in die Decke gerollt, hinter dem Sattel. Er hatte den feigen Bürgern von Greak Town demonstrieren wollen, dass er unbewaffnet zurückkehrte. Wenn nun einer auf ihn schoss, war das glatter Mord.

Er lachte heiser, als er daran dachte.

In diesem Augenblick öffnete sich die Eingangstür zum Sheriff-Office.

Darauf hatte John Stein gewartet.

Immer wieder hatte er sich die Begegnung mit seinem Todfeind vorgestellt. Manchmal hatte er aber auch lauthals darüber geflucht. Eine seltsame Mischung von widersprüchlichen Gefühlen hatte ihn immer beherrscht, wenn er sich die Begegnung ausgemalt hatte. Auch Angst war dabei gewesen.

Ja, er hatte unterschwellige Angst vor seinem Widersacher, dem er die ärgste Niederlage seines Lebens verdankte. Dieser Mann, dem er die fünf Jahre verdankte, der ihn wie einen räudigen Köter aus der Stadt gejagt hatte – ihn, John Stein.

Wie gebannt starrte John Stein auf die langsam auf schwingende Tür. Sie ging nach innen auf. John Stein war von der Sonne geblendet und konnte im Schatten des Raumes nichts sehen.

Die Angst fiel ab. Da war nur noch Hass.

Jemand trat aus dem tiefen Schatten vom Office.

Nein, der tritt nicht, sondern der wankt, dachte John Stein erstaunt.

Sein ärgster Feind: Moore Hendriks.

Aber das war nicht der Moore Hendriks, der ihn mit zwei Colts in den Fäusten über die Main Street gehetzt hatte.

Was John Stein hier vor sich sah, das war nur noch ein Abklatsch da von. Das war ein menschliches Wrack mit schlotternden Knien, schlaffen Schultern, einem Gurt, der an den ausgemergelten Hüften kaum noch Halt fand und ausgebrannten Augen.

Ein Wrack namens Moore Hendriks.

Wie sollte John Stein einen solchen Gegner hassen können?

3

Immer wieder hatte sich John Stein diese Begegnung ausgemalt. Er hatte Pläne geschmiedet und wieder verworfen. Und dann war ein einziger Plan geblieben: er würde in die Stadt kommen, verstaubt, verschwitzt, erschöpft, anscheinend unbewaffnet.

Niemand ahnte indessen, dass er in Wirklichkeit die Fahrt bequem in einem Wagen zurückgelegt hatte.

Vom Pferd herunter und in das Office, Moore Hendriks in Sicherheit wiegen, mit ihm einen Scheinfrieden schließen. Und dann der Colt in der Decke. Mit diesem in der Faust hatte er Moore Hendriks genauso über die Main Street jagen wollen, wie dieser vor fünf Jahren ihn.

Seine Leute wären schon nach dem ersten Schuss herbeigeprescht, aus allen Himmelsrichtungen, um John Stein Rückendeckung zu geben.

Und dann wäre die Herrschaft über Greak Town erneuert worden. John Stein, der jeden unnachsichtig bestrafte, der sein Spiel nicht mitspielte – ein Spiel mit Namen Macht.

Ja, das war sein glorreicher Plan gewesen, der beste Plan von allen anderen. Und nun war dieser Plan keinen Cent mehr wert, denn wenn er dieses Wrack von einem Sheriff über die Main Street hetzte, konnte er sich nur lächerlich machen, weil er sich an einem Schwächling vergriff.

John Stein glitt aus dem Sattel.

Die Zähne des feigen Moore Hendriks schlotterten wie spanische Kastagnetten. In seinen Augen war Todesangst.

John Stein wollte es immer noch nicht glauben. Er hatte sich so in seinen Hass hineingesteigert, dass es ihm unendlich schwer fiel, praktisch keinen Grund mehr für diesen Hass zu sehen.

»Du – du bist also wirklich gekommen«, lallte Moore Hendriks. Eine Alkoholfahne wehte dabei John Stein ins Gesicht.

Aha, nun begriff er endlich. Moore Hendriks war dem Alkohol verfallen. Dieser muskelstarrende Bursche, der so schnell seinen Colt zog, dass man die Bewegung nicht mit den Augen verfolgen konnte. Dieser eisenharte Kerl. Der Schnaps hatte ihn zerstört. Innerhalb von nur fünf Jahren.

Selbst der hartgesottene John Stein spürte eine Gänsehaut.

Da griff Moore Hendriks nach seinem Colt. Die Bewegung war noch genauso schnell wie früher, nur hatte er mit dem Gewicht des Colts deutlich Schwierigkeiten.

Der Lauf der Waffe zitterte zu stark. Damit würde er nicht treffen. Mir der anderen Hand half Moore Hendriks nach. Nun war der Lauf ruhiger und deutete genau auf das Herz von John Stein.

Stein schnippte seinen breitkrempigen Hut in den Nacken und grinste breit.

»Wen willst du damit erschrecken, Hendriks? Alte Ladies?«

Er riss schneller sein Bein hoch, als Moore Hendriks abdrücken konnte. Die Stiefelspitze traf Hendriks’ Hände und prellte die Waffe weg. Sie flog im hohen Bogen in den Straßenstaub.

Moore Hendriks schrie auf. Wimmernd massierte er die geschundenen Hände.

Ein versoffener, wehleidiger Jammerlappen, dachte John Stein verächtlich.

Er schob den Betrunkenen beiseite. Dabei dosierte er seine Kraft nicht richtig, setzte zu viel ein, denn Moore Hendriks, dieses Alkoholwrack, flog seiner Waffe nach und landete neben ihr im Staub der Main Street.

Er war sogar zu feige, noch einmal danach zu greifen. Obwohl John Stein offensichtlich unbewaffnet dastand.

John Stein betrat das Office, ohne dem Sheriff weiter Beachtung zu schenken.

Vom Lüften hielt der Sheriff wohl gar nichts. John Stein musste sich zusammennehmen, um das Office nicht augenblicklich wieder zu verlassen.

Er fragte sich unwillkürlich, warum diese heruntergekommene Stadt einen solchen Sheriff überhaupt ertrug? Warum jagten sie ihn nicht zum Teufel?

Kopfschüttelnd sah er sich um. Seine Augen gewöhnten sich rasch an das hier herrschende Halbdunkel.

Und da erst bemerkte er den Schatten, der im Durchgang zu den Zellen stand. Der Schatten eines hoch gewachsenen Mannes, in beiden Händen eine Unterhebel-Repetierbüchse der Marke Winchester. Der Lauf der Waffe deutete genau auf John Stein.

Der Fremde lachte. Er trat auf John Stein zu.

Ein verirrter Lichtstrahl streifte sein Gesicht. Ein Gesicht, das John Stein nicht kannte. Dieser Mann stammte nicht aus Greak Town.

Von dem Fremden ging eisige Kälte aus. Eine Kälte, die an die Kälte des Todes erinnerte.

»Das also ist der berüchtigte John Stein«, sagte der Fremde grinsend.

»Wer sind Sie?«

»Ja, John Stein, das würdest du wohl gern wissen, was?«

»Sonst würde ich nicht fragen.«

Der Fremde bohrte ihm den Lauf seiner Winchester in den Nabel.

Steins Bauchmuskeln spannten sich, als könnten sie damit die Kugel aufhalten. Der Fremde brauchte nur den Zeigefinger krumm zu machen.

John Stein wagte es trotzdem: er machte eine halbe Drehung nach links, packte gleichzeitig den Lauf der Winchester und zog kräftig daran.

Es löste sich kein Schuss, wie er erwartet hatte, aber die Büchse ließ ein metallisches Klicken hören. Als wäre sie überhaupt nicht geladen.

Der Fremde prallte gegen John Stein und verlor sein Gewehr. Doch kein Grund für John Stein, zu triumphieren. Er spürte einen scharfen Stich in der Herzgegend. Blut sickerte aus einer Wunde. Er wagte nicht sich zu bewegen.

Der Fremde lachte ihm ins Gesicht. »Ein Messer«, klärte er John Stein auf. »Die Spitze hat sich in dein Fleisch gebohrt, Bandit. Nur ein kleines Stückchen, direkt zwischen zwei Rippen. Ein kleiner Stoß, Kerl, und du gehst vor die Hunde.«

»Wer sind Sie?«, fragte John Stein erneut.

Der Fremde stieß ihm mit der freien Hand vor die Brust. John Stein taumelte rückwärts gegen die Wand und blieb dort stehen. Er knirschte mit den Zähnen. Seine Fingernägel krallten sich in den morschen Verputz.

John Stein schätzte seine Chancen ab. Aber er zögerte. Dieser Fremde erschien ihm irgendwie unheimlich.

»Du bist doch zurückgekommen, Stein, um wieder die Macht an dich zu reißen, nicht wahr?«

John Stein blieb stumm.

Der Fremde fuhr fort: »Du bist hier, weil du dich rächen willst. Erst an Moore Hendriks. Das hat sich ja erledigt, wie du gesehen hast. Brauchst ihm nur genügend Whisky einzuflößen. Das beschleunigt seinen Abgang. Und anschließend wolltest du den Bürgern dieser Stadt wieder zeigen, wer der Herr ist.«

Er bückte sich, ohne John Stein aus den Augen zu lassen, und hob die Winchester auf, John Stein hatte sie nicht in den Händen behalten. Was sollte er mit einer ungeladenen Waffe?

Blitzschnell warf ihm der Fremde die Winchester zu. Unwillkürlich fing John Stein sie auf.

»Es soll alles so kommen, wie du es dir ausgemalt hast, John Stein. Ich weiß, deine Leute warten außerhalb der Stadt auf ein Zeichen von dir. Schieß einfach in die Luft, wie mit ihnen verabredet.«

Woher wusste der Fremde dies alles?

John Stein betrachtete die dunkle Gestalt. Sollte er es wagen, den Mann anzugreifen? Aber wer sagte ihm, ob der Mann außer dem Messer nicht noch eine Waffe bei sich trug? Der Fremde gab sich sehr selbstsicher. Also hatte er vorgebaut.

»Hast du begriffen, John Stein? Du kannst die Stadt haben. Ich schenke sie dir. Erwähne mich niemals, hörst du? Du wirst herrschen, aber nicht ganz ohne mich. Wenn es dir nicht passt, dann greif mich an. Na los, worauf wartest du?«

Ja, der Fremde erschien John Stein unheimlich. Aber, damned, war er fünf Jahre in der Hölle von Utah gewesen, nur um abergläubisch zu werden? Dies war ein Wesen aus Fleisch und Blut, und die Überlegenheit, die von dem Mann ausging, begründete sich nur darauf, dass John Stein unbewaffnet war. John Stein ließ die Winchester wütend zu Boden fallen.

»Ich weiß alles über dich, John Stein. Du solltest dich in den letzten fünf Jahren daran gewöhnt haben, dass es Leute gibt, die dir überlegen sind. Auch im Zuchthaus hast du dich unterordnen müssen. Vor fünf Jahren hast du deinen Meister gefunden. Ich weiß, was dir widerfuhr. Deine Leute waren unterwegs, von Moore Hendriks aus der Stadt gelockt. Oh, damals war Hendriks noch ein schlauer Bursche. Du warst allein zurückgeblieben. Lilly aus dem Saloon kam, um dir Gesellschaft zu leisten. Du hast dich über ihren Besuch gefreut, wie immer, nicht wahr? Aber du hast nicht ahnen können, dass sie sich mit Hendriks verbündet hatte, um dich loszuwerden. Sie konnte dich entwaffnen, bevor Moore Hendriks das Büro hier betrat. Und dann begann für dich der Höllentanz. Die Bürger von Greak Town haben über dich gelacht, als Moore Hendriks dich aus der Stadt jagte.

Mit geschundenen Gliedern hast du dort draußen gelegen, als die Bürger einen Trupp bildeten und dich wieder zurückbrachten. Sie schleiften dich wie ein Stück Dreck über die Main Street. Moore Hendriks hieß der neue Sheriff, weil er die Stadt von dir befreit hatte. Und es war seine Aufgabe, dich dem District-Marshal zu übergeben. All die Jahre war niemals die Rede von deinen Kumpanen gewesen. Du hast sie gedeckt. Sie blieben für die Hüter des Gesetzes verschwunden. Es sind treue Leute, John Stein. Und du wirst mir genauso treu ergeben sein. Du wirst besser arbeiten als Moore Hendriks.«

»Er hat für Sie gearbeitet?«

»Sonst wäre er längst kein Sheriff mehr.«

»Wer sind Sie?«

»Dein Gönner, John Stein – oder dein Todfeind. Du kannst es dir aussuchen. Und ich bin nicht allein. Du wirst uns nicht entkommen.«

»Was verlangen Sie von mir?«, fragte John Stein gepresst.

»Nichts. Du sollst hier alles haben, wie du es willst. Fang an, deine neue Herrschaft aufzubauen. Dann wirst du von mir hören.«

Moore Hendriks hat für den Mann gearbeitet?, überlegte John Stein. Dann hat Moore Hendriks das damals nur getan, um die Stadt für den Fremden und seine Hintermänner zu erobern?

Noch bevor er diesbezüglich eine Frage stellen konnte, wandte sich der Fremde ab und verschwand im Durchgang zu den Zellen.

John Stein eilte hinterher, aber der Zellengang war leer.

Er suchte nach Spuren, fand aber keine.

»Ein ganz normaler Mensch aus Fleisch und Blut«, murmelte er vor sich hin, »aber ein Mann, der einige Tricks auf Lager hat. Man sollte ihn nicht unterschätzen.«

Er richtete sich auf.

Was ist in den letzten fünf Jahren in dieser Stadt geschehen? Und was sind das für Fremde? Was wollen sie von der Stadt und von mir, dachte er.

4

Lilly, dachte John Stein. Fünf Jahre lang habe ich jeden Gedanken an sie verdrängt. Obwohl Hendriks ohne sie gar nicht an mich herangekommen wäre. Wenigstens auf diese dramatische Art und Weise nicht.

Er trat auf die Straße hinaus.

Da krachte ein Schuss. Die Kugel verfehlte ihn knapp, heulte an seinem Ohr vorbei und trieb ihn in das Office zurück.

»Ich bringe dich um«, lallte Moore Hendriks draußen.

»Dazu müsstest du noch mehr Zielwasser saufen, damned«, brummte John Stein und hechtete durch die offene Tür.

Ein weiterer Schuss, bevor er noch den Boden berührte. Eine Rolle vorwärts, John Stein sprang auf, war dann an seinem Sattel und zog den Colt aus der Decke.

Auch der dritte Schuss verfehlte ihn. Moore Hendriks war am Ende. Kein Revolverheld mehr, sondern ein Sterbender. Nur schien er das nicht zu wissen.

John Stein traf besser. Er hatte in fünf Jahren Utah nichts verlernt. Seine Kugel prellte den Revolver aus der Hand von Moore Hendriks.

Der verhinderte Mordschütze heulte lauthals los.

Lauschend hob John Stein den Kopf: Hufgetrappel. Seine Leute? Zufrieden schnalzte er mit der Zunge. Sein Brauner trippelte und schnaubte. Beruhigend tätschelte Stein seine Flanke.

John Stein steckte den Colt in das Holster und ging zum Sheriff hinüber. Kurz bückte er sich und verabreichte Moore Hendriks eine schallende Ohrfeige.

»Das nächste Mal überlegst du dir besser, auf wen du schießt.«

»Ich – ich habe nichts mehr zu verlieren«, lallte Hendriks.

Stein packte ihn am Kragen und zog ihn hoch. Sein Gesicht war ganz nahe, obwohl ihm der Schnapsgestank den Atem raubte.

»Wer war der Fremde?«

»Was für ein Fremder?«, lallte Hendriks und rollte mit den Augen, dass nur noch das Weiße zu sehen war. Er lachte heiser. »Es gibt keinen Fremden, hörst du? Überhaupt keinen. Höchstens Freunde.«

»Er war in deinem Büro, Hendriks.«

Moore Hendriks kniff mehrmals die Augen zusammen. Sein Atem ging schwer. Als er endlich den forschenden Blick von John Stein erwiderte, stahl sich ein verzerrtes Lächeln um seine Lippen.

»Niemand war im Büro, außer mir. Du siehst Gespenster, glaube mir. Habe schon gehört. Utah soll den Leuten mächtig zusetzen. Scheint, es hat auch auf deinen Verstand gewirkt.«

»Na gut«, knurrte John Stein und ließ ihn fallen. Wimmernd landete Hendriks am Boden.

»Hundesohn«, schimpfte er. »Knall mich endlich ab. Dann habe ich es hinter mir.«

5

Little King preschte über die Main Street heran. Von der gegenüberliegenden Seite kam Billy.

Er konnte es offenbar nicht lassen, er schwang seinen Colt wie wild und fing an herumzuballern.

Scheiben gingen zu Bruch.

John Stein dachte an den Fremden.

Der hatte ihn dazu aufgefordert, alles genauso ablaufen zu lassen wie geplant – außer mit Moore Hendriks, der es gar nicht verdiente, dass man ihn überhaupt beachtete.

Irgendwie war Stein die Lust absolut vergangen. Am liebsten hätte er Greak Town für immer den Rücken gekehrt. Wie aber sollte er das seinen Leuten plausibel machen?

Und noch etwas hielt ihn – die Neugierde. Er wollte wissen, was hier gespielt wurde.

John Stein stieg in den Sattel seines Braunen, gerade als Little King ihn erreichte.

King zügelte sein Pferd und schaute auf Moore Hendriks hinab, der sich am Boden wand und vergeblich versuchte aufzustehen.

»Damned!«, sagte Little King.

»Yeah!«, schrie John Stein, ließ den Braunen auf die Hinterhand steigen und galoppierte zur Straßenmitte.

»Feige Bastarde!«, brüllte Billy und schoss in ein Fenster. Von drinnen ertönte prompt ein Schrei. »Zeigt euch, oder ich blase euch alle aus!«

Great Texas und Wyoming Kid ritten herbei.

John Stein dirigierte seinen Braunen in Richtung Saloon. Er hatte sich entschlossen.

Seine Leute folgten ihm. Nur Little King zögerte. Er konnte anscheinend seinen Blick nicht mehr von dem Wrack namens Moore Hendriks lassen.

Vor dem Saloon tauchte Lilly auf. Sie war somit der zweite Mensch seit seiner Ankunft, der es wagte, John Stein gegenüberzutreten – den Fremden nicht einbezogen.

Billy pfiff laut durch die Zähne. »Alle Achtung, die hat sich besser gehalten als Trockenfisch im Keller.« Er gab seinem Pferd die Hacken und galoppierte die Main Street entlang. Wyoming Kid schloss sich ihm an.

John Stein kümmerte sich weiter nicht um die beiden. Er brauchte sie im Moment nicht. Sie grölten herum, ballerten mit ihren Revolvern in die Gegend. Angstschreie von Bürgern waren zu hören.

Auch das interessierte John Stein zur Zeit nicht. Er hatte nur noch Augen für Lilly. Das verdammte Weibsbild hatte ihm damals die Falle gestellt, doch das schien ihr gar nichts auszumachen. Sie stand vor dem Eingang zu ihrem Saloon, als wollte sie ihn persönlich beschützen, hatte die Arme in die Seiten gestemmt und lächelte süffisant.

»Der Zuchthäusler ist also wieder da«, sagte sie abfällig. »Ein Halunke namens John Stein.«

»Knall sie nieder«, forderte Great Texas erbost.

Stein winkte ab. Er ließ sich aus dem Sattel gleiten und schlang die Zügel um die Haltestange.

Lilly erklärte: »Von mir aus kannst du gleich wieder verschwinden.«

John Stein lächelte. Langsam ging er auf sie zu.

Er hatte fünf Jahre lang seinen ganzen Hass auf Moore Hendriks konzentriert. Das war ein verdammter Fehler gewesen. Hendriks war es nicht wert. Aber Lilly. Sie hatte sich zu einer wahren Furie entwickelt.

Seltsam, sein Hass verrauchte so schnell, wie er gekommen war. John Stein ließ den Revolver sinken.

»Wer hat mich denn fünf Jahre lang bei dir vertreten?«

Sie lachte spöttisch. »Was denn, soll ich dir nun eine komplette Liste anfertigen? Wird nicht leicht sein. Hör mal gut zu: Zieh Leine, aber ein bisschen plötzlich. Falls du es wirklich wagst, mich anzufassen, bist du dran, denn zwei Gewehre sind in diesem Augenblick auf dich gerichtet.«

»Mist«, zischte Great Texas, und im nächsten Moment bewies er sein artistisches Können, indem er sich rücklings über die Hinterhand vom Pferd rollen ließ. Als er auf beiden Beinen am Boden landete, hatte er seine Colts in den Händen und schoss in den ersten Stock hinauf.

Die Kugeln verfehlten ihr Ziel genauso wie die Kugeln aus den beiden Gewehren. Sie zischten über den leeren Sattel hinweg.

Little King ließ sich seitlich aus dem Sattel gleiten. Das rettete ihm ebenfalls das Leben.

John Stein blieb stehen und richtete den Revolver auf Lilly. Um die Heckenschützen brauchte er sich nicht zu kümmern. Auf King und Texas war Verlass.

Sie schossen gleichzeitig, In der nächsten Sekunde platzten zwei Scheiben im ersten Stock in tausend Scherben.

Die Kerle kamen zum Vorschein. Sie kippten vornüber, verloren die Gewehre und fielen auf den hölzernen Steg vor dem Saloon.

John Stein sagte: »Und nun, Lilly? Willst du nicht endlich deinen lang vermissten Geliebten begrüßen?«

Sie war blass geworden, mit einer Farbe um die Nase wie frisches Gras.

»Eher krepiere ich!«, schwor sie und machte den rechten Arm krumm.

John Stein starrte direkt in die Mündung eines kleinen Damenrevolvers.

Sofort warf er sich zur Seite. Keine Sekunde zu früh. Der Derringer entlud sich krachend. Die Kugel sirrte dicht an John Stein vorbei.

Es war nur ein Einschüsser. Lilly ließ ihren Arm wieder sinken.

John Stein wog sein Eisen wie prüfend in der Hand.

»Wann knallst du sie denn endlich ab?«, brüllte Great Texas außer sich. »Hast du immer noch nicht genug?«

John Stein tat das genaue Gegenteil. Er steckte seine Waffe weg.

»Ich biete dir Waffenstillstand an, Lilly.«

»Der spinnt.« Great Texas tippte sich vielsagend an die Stirn.

Little King knirschte nur mit den Zähnen. Er ließ Lilly keine Sekunde aus den Augen.

»Wie bitte?«, fragte sie überrascht.

»Waffenstillstand«, wiederholte John Stein.

Sie lächelte auf einmal. »Na gut, Gringo.«

»Keine Bedingungen deinerseits?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Finger weg von mir. Das ist alles. Ich habe dich oft genug ertragen müssen, Bastard.«

»Einverstanden.«

»Warum tust du das eigentlich? Warum schießt du mich nicht nieder oder sperrst mich wenigstens ein oder überlässt mich deinen Leuten?«

»Vielleicht, weil ich dich immer noch liebe. Obwohl du mich verraten hast. Obwohl du versucht hast, mich umzubringen.«

»Ich werde es wieder tun, sobald ich Gelegenheit dazu kriege.«

John Stein musterte Lilly. Sie hatte ein bodenlanges Kleid an, mit einem gewagten Ausschnitt. Ihre festen Brüste wogten bei dem Atemzug.

Die beginnende Erregung schnürte ihm die Kehle zu.

Nein, Lilly sollte leben. Aber er musste höllisch aufpassen. Sie war gefährlich.

Kurz lauschte er auf die wüsten Schreie am anderen Ende der Stadt.

John Stein ging an Lilly vorbei und betrat den Saloon.

Mindestens zwanzig Bürger befanden sich hier, alle bewaffnet. Feige duckten sie sich unter die Tische.

»Kommt herein!«, rief Stein seinen Leuten zu. »Ich gebe einen aus.«

Ich werde Lilly einweihen, dachte er. Ich werde sie über den Fremden ausfragen. Sie weiß am besten Bescheid über alles, was in diesem Nest geschieht.

Great Texas schoss zwei Kugeln in die Decke. Das genügte, um die verängstigten Bürger zum fluchtartigen Verlassen des Saloons zu bewegen.

John Stein erkannte sie. Damals waren sie dabei gewesen, als man ihn über die Main Street geschleift hatte.

Aber er ließ sie unbehelligt ziehen.

6

Nur noch einer war geblieben: der Barkeeper. Er richtete sich hinter der Theke auf, die Ärmel hochgekrempelt, eine speckige Schürze vor dem Spitzbauch, wieselflinke Augen unter der spiegelnden Halbglatze.

Stein kannte auch ihn. Nur an den Namen konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern. Jeder sagte Keeper zu ihm.

»Whisky«, raunzte Great Texas ihn an.

Der Keeper betrachtete ihn abschätzend. Er schien keine Angst zu haben vor diesem Mann, der einen Ruf genoss, dass es jedem Eingeweihten bis in die Oststaaten eiskalt den Rücken herunterlief, wenn er nur den Namen hörte.

Great Texas grinste breit. Er steckte die Waffen weg und legte beide Hände mit dem Handrücken nach oben auf den Tresen.

Der Barkeeper zögerte. Er putzte mit seinem Lappen ein Whiskyglas, als wollte er damit den Boden durchscheuern. Dann stellte er das Glas vor Great Texas und sagte: »Bin schon dabei, Sir.« Er zog das Sir so lang, dass es schon wieder abfällig klang.

Great Texas wartete, bis sein Glas voll war. Dann nahm er es zwischen Daumen und Zeigefinger, hob es langsam hoch und machte Anstalten, es an die Lippen zu setzen.

Blitzschnell schüttete er es aber dem Keeper ins Gesicht.

Der Mann hatte Glück. Früh genug hatte er die Augen geschlossen. Kein Tropfen von dem scharfen Zeug geriet hinein. Er hob den Lappen und wischte sich das Gesicht ab. Dann goss er ungerührt nach.

Great Texas schürzte die Lippen und sagte zu Lilly, ohne allerdings den Blick von dem Keeper zu wenden: »Du hast den besten Keeper unter Vertrag, den ich je gesehen habe. Alle Achtung. Man sollte ihn einrahmen und an die Wand hängen, damit ihn jeder bestaunen kann.«

Der Barkeeper griff unter die Theke und brachte eine abgesägte Schrotflinte zum Vorschein. Die Mündung wies zur Seite.

Great Texas hatte nach seiner Waffe greifen wollen, aber seine Hand stoppte in halber Bewegung.

»Ich kann für mich selber sorgen«, sagte der Keeper hart. »Wie du siehst.« Er knallte die Schrotflinte auf den Tresen und ließ sie dort liegen. Dann nahm er neue Gläser und bediente John Stein und Little King.

Texas nahm die Schrotflinte an sich und wog sie kopfschüttelnd in den Händen. »Der ist nicht nur ein guter Keeper, sondern auch ungewöhnlich schlau. Er weiß, wann es besser ist, die Waffen zu strecken.«

Lilly stemmte zornig die Arme in die Seite und fauchte: »John Stein und seine dreckige Bande.«

Great Texas schielte nach seinem Boss. »Ich tue es für dich, John.«

Lilly lachte auf. »Nun hör sich einer diese schäbige Laus an. Eine halbe Portion, mehr nicht. Man sollte ihm ordentliche Manieren beibringen.«

Texas wandte sich ihr zu. Sein Gesicht war auf einmal kreidebleich. In seinen Augen loderte Feuer.

Lilly hielt dem Blick stand.

»Halbe Portion«, wiederholte sie.

Das war seine empfindliche Stelle. Nun hatte sie erkannt, wie sie ihn am besten verletzen konnte.

Sie fügte hinzu: »Begegne mir niemals ohne Waffe. Hörst du, Laus? Ich breche dir sämtliche Knochen im Leib, obwohl ich eine Frau bin. Nur eine Frau, kapiert?«

Great Texas richtete die Schrotflinte auf sie. Ehe es jemand verhindern konnte, drückte er ab.

Der Schuss traf sie nicht. Absicht? Die Schrotkörner holten den Kronleuchter herunter. Das Glas war zerfetzt. Der Leuchter krachte hinter Lilly auf den Holzfußboden.

»Schluss jetzt!«, brüllte John Stein außer sich. »Alle beide!«

Sie lächelte ihn an. »Der Boss befiehlt mal wieder. Das hast du in Utah nicht verlernt, wie ich sehe.«

Great Texas ließ die Schrotflinte fallen und griff nach seinem Whisky. Wie ein Verdurstender stürzte er ihn hinunter. Er atmete ein paar Mal tief durch. Dann schien er sich wieder völlig in der Gewalt zu haben.

John Stein ging auf Lilly zu, als wollte er sie schlagen.

Der Barkeeper putzte wieder mal Gläser, aber seinen wieselflinken Augen entging nichts. Little King stand ein wenig abseits. Auch er hatte alles im Auge, hielt sich aber zurück. Seine Rechte lag wie zufällig auf dem Griff seiner Waffe. Seine Armmuskeln waren leicht gespannt. Sie waren so dick wie Männerschenkel.

John Stein erreichte Lilly und griff mit beiden Händen nach ihr. Sie wich nicht aus, schaute ihn nur starr an.

»Was ist in den letzten fünf Jahren hier vorgefallen?«, fragte John Stein.

»Was ist mit dir passiert?«

»Mit mir?«

»Du hast dich verändert.«

»Ja, ich bin fünf Jahre älter geworden.«

Er wollte sie umarmen. Dabei spürte er ihren Widerstand. Unter ihrer weichen, glatten, erregend weiblich duftenden Haut verbargen sich kräftige Muskeln, die man ihr nicht zutraute.

Sie konnte Great Texas wirklich die Knochen im Leib brechen, wenn er sie an sich heranließ. John Stein wusste das. Great Texas ebenfalls. Deshalb sein Hass.

Und man sah es Lilly tatsächlich nicht an. Sie war schlank, wirkte eher zierlich. Sie hatte einen nicht zu üppigen, aber hoch angesetzten Busen.

Lilly war eine Raubkatze, gefährlich, unberechenbar. Sie war eine Westfrau, wie sie im Buche stand.

Und in diesem Moment konnte John Stein endlich die Blicke deuten, die Little King ihr die ganze Zeit schon zuwarf: er begehrte sie. Ihre Stärke imponierte ihm. Aber Little King war ein Mann, der niemals um eine Frau warb. Sie musste ihn freiwillig nehmen oder gar nicht. Sein Stolz war so eisern wie seine Muskeln.

John Stein verdrängte die Gedanken an Little King und die Möglichkeit, dass er ihm Lilly abspenstig machen könnte.

Konnte ihm denn Little King eine Frau ausspannen, die ihm gar nicht gehörte?

Lilly befreite sich mit einem einzigen Ruck aus der halben Umarmung. Sie lief davon, auf die breite Treppe zu, die aus dem Schankraum zur Galerie hinaufführte. Dort oben waren die Türen zu den Hotelzimmern. Das mittlere Zimmer, wo die Treppe endete, hatte Lilly schon vor vielen Jahren zu einem Büro umfunktioniert.

Sie erreichte die Treppe.

»Stehen bleiben!«, befahl John Stein. Er hatte seinen Colt bereits in der Hand und wusste nicht einmal zu sagen, wie er dort hingekommen war. Beinahe hätte er auf Lilly geschossen.

John Stein knirschte mit den Zähnen. Nein, das war keine Lösung. Er musste das Problem anders angehen.

Rasch steckte er den Colt wieder weg. Er hörte das schadenfrohe Kichern von Great Texas und rannte los.

Lilly hetzte die Treppe hinauf, nahm immer zwei Stufen auf einmal. Ihr bodenlanges Kleid hielt sie gerafft, um nicht über den Saum zu stolpern.

Sie lief mit der Kraft und der Anmut einer ausgereiften Wildkatze. John Stein konnte sie nicht rechtzeitig einholen. Das war sicher. Aber er gab nicht auf.

Nun, vielleicht liebte er diese Frau tatsächlich? Vielleicht war er deswegen ein verdammter Narr?

Sie war gefährlicher als eine Klapperschlange, die man an der eigenen Brust nährte.

Warum wollte sie in ihr Büro? Hatte sie dort eine Waffe versteckt?

Little King lachte lauthals. Ihm imponierte Lilly. Für ihn war das ein grandioses Schauspiel, denn jeder wusste in diesem Augenblick, dass John Stein um sein Leben lief, wenn er schon seinen Colt nicht benutzen wollte.

Sie erreichte ihr Büro, stieß die Tür auf, wirbelte hinein.

John Stein hatte es fast geschafft. Noch ein paar Stufen. Er sah, dass sie zum Schreibtisch lief.