Trauma bewältigen - Alice Romanus-Ludewig - E-Book

Trauma bewältigen E-Book

Alice Romanus-Ludewig

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Beschreibung

Wirksame Selbsthilfemaßnahmen zur Überwindung eines Traumas Wir werden im Leben mit unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert. Viele Erlebnisse stecken wir gut weg. Aber es gibt Erfahrungen, die tiefe Wunden hinterlassen und nicht einfach so abgeschüttelt werden können. Sie verfolgen uns, machen uns Angst und rauben uns die Lebensfreude. In solchen Fällen brauchen wir einen "Krisenbegleiter", der uns Halt gibt und sicher durch die schwierige Zeit lotst. Dieses Buch ist ein solcher Lotse. Verständlich und behutsam vermittelt das Buch • was man unter einem Trauma versteht, • welche körperlichen und seelischen Veränderungen ein Trauma bewirkt, • Kriterien dafür, ob eine sogenannte Traumafolgestörung vorliegt, • Wege, auf denen ein Trauma überwunden werden kann. Es bietet Hilfe zur Selbsthilfe und unterstützt den Therapieprozess, indem es Ihnen – orientiert an den traumatherapeutischen Leitlinien – aufzeigt, wo Sie gerade stehen und was Sie selbst tun können, um die Bewältigung des Traumas zu fördern.

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Seitenzahl: 231

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Alice Romanus-LudewigTrauma bewältigenÜbungen zur Selbsthilfe und für die Therapie

Über dieses Buch

Wirksame Selbsthilfemaßnahmen zur Überwindung eines Traumas 

Wir werden im Leben mit unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert. Viele Erlebnisse stecken wir gut weg. Aber es gibt Erfahrungen, die tiefe Wunden hinterlassen und nicht einfach so abgeschüttelt werden können. Sie verfolgen uns, machen uns Angst und rauben uns die Lebensfreude. In solchen Fällen brauchen wir einen „Krisenbegleiter“, der uns Halt gibt und sicher durch die schwierige Zeit lotst. Dieses Buch ist ein solcher Lotse. Verständlich und behutsam vermittelt das Buch 

was man unter einem Trauma versteht, welche körperlichen und seelischen Veränderungen ein Trauma bewirkt, Kriterien dafür, ob eine sogenannte Traumafolgestörung vorliegt, Wege, auf denen ein Trauma überwunden werden kann. 

Es bietet Hilfe zur Selbsthilfe und unterstützt den Therapieprozess, indem es Ihnen – orientiert an den traumatherapeutischen Leitlinien – aufzeigt, wo Sie gerade stehen und was Sie selbst tun können, um die Bewältigung des Trauma zu fördern.

Dr. Alice Romanus-Ludewig ist Ärztliche Psychotherapeutin in eigener Praxis in Hannover. In ihren Seminaren erfahren Therapeut*innen alles Wesentliche über Traumata, Traumatisierungsfolgen und Grundlagen der traumatherapeutischen Behandlung nach dem RebiT-Ansatz.

Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2022

Coverfoto: © KMNPhoto – stock.adobe.com

Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn

Alle Rechte vorbehalten.

Erscheinungsjahr dieser E-Book-Ausgabe: 2022

ISBN der Printausgabe: 978-3-7495-0324-7

ISBN dieses E-Books: 978-3-7495-0325-4 (EPUB), 978-3-7495-0327-8 (PDF), 978-3-7495-0326-1 (EPUB für Kindle).

Einleitung: Für wen ist dieses Buch geschrieben?

Das Leben bürdet uns allen die eine oder andere Last auf. Wir werden mit unterschiedlichsten Herausforderungen konfrontiert und erleben von Zeit zu Zeit Rückschläge. Viele Erlebnisse stecken wir gut weg und wundern uns vielleicht sogar darüber, wie gut wir damit zurechtkommen, wie zuverlässig wir weiterhin „funktionieren“. Und dann gibt es Erfahrungen, die tiefe Wunden hinterlassen und nicht einfach so abgeschüttelt werden können. Sie verfolgen uns, machen uns Angst und rauben uns die Lebensfreude.

Trauma bewältigen richtet sich an alle, die eine oder mehrere solcher schweren Belastungen mit sich tragen. Dabei ist es nicht relevant, wie „schlimm“ das Ereignis objektiv war. Selbst (von außen betrachtet) wenig dramatische Erfahrungen können ihre Spuren hinterlassen. Maßgebend ist allein der persönliche Leidensdruck.

Ein und dasselbe Erlebnis kann von einem Menschen gut verarbeitet werden, während ein anderer lange darunter leidet. Und selbst wenn ein Ereignis in einer bestimmten Lebensphase problemlos bewältigt werden kann, wirft etwas ähnlich Erlebtes in einer anderen Lebensphase diesen Menschen vielleicht komplett aus der Bahn.

Welche Auswirkungen belastende Lebensereignisse auf uns haben, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Als Traumatherapeutin möchte ich ein bisschen Licht in den „Trauma-Dschungel“ bringen. Ich möchte vermitteln, was genau man unter einem Trauma versteht, welche körperlichen und seelischen Veränderungen ein Trauma bewirkt und woran Sie erkennen können, ob eine sogenannte Traumafolgestörung vorliegt. Sie werden zudem erfahren, was Traumatherapie ist und auf welchem Weg ein Trauma mit Unterstützung eines Therapeuten oder einer Therapeutin1 überwunden werden kann.

Natürlich braucht nicht jeder Traumabetroffene eine Therapie. Oft reicht es aus, die Selbstheilungskräfte wirken zu lassen. Auch dafür bietet dieses Buch Informationen, Übungen und Anregungen. Man kann selbst eine Menge dafür tun, die Verarbeitung des Traumas zu unterstützen. Jederzeit können Sie damit anfangen, Ihre Resilienz zu stärken, Ihr Wohlbefinden zu verbessern und Ihr Leiden zu lindern. Dabei erfolgt die Wirkung zwar oft sehr „kleinschrittig“ (selten bewirkt eine Übung eine sofortige Verbesserung Ihres inneren Zustands), aber auch in kleinen Schritten kann es gelingen, auf dem gewünschten Weg vorwärts zu kommen.

Das zweite Ziel dieses Buches besteht darin, Ihnen ein „Begleiter“ zu sein. Wenn Sie gerade eine Traumatherapie machen oder dies beabsichtigen, dann kann dieses Buch ein Kompass für den Verlauf der Therapie sein. Ihr persönlicher „Traumatherapie-Begleiter“ kann Ihnen Informationen darüber geben, was auf Sie zukommen wird, wo Sie sich gerade befinden und auch, welche Prozesse in Ihrer Seele und in Ihrem Gehirn während der Therapie ablaufen.

Die Traumatherapiemethode, die hier beschrieben wird, nennt sich „RebiT“ (Resilienz-und bindungsorientierte Traumatherapie). Ich habe sie nach mehrjähriger Erfahrung in der Behandlung von traumatisierten Patienten2 entwickelt. Sie orientiert sich an den allgemeinen traumatherapeutischen Leitlinien. Das Besondere an dieser Methode ist, dass sie sehr klar strukturiert und sowohl für Klientinnen als auch für Therapeuten gut anwendbar sowie „schonend“ ist. Denn eines vorweg: Bei einer Traumatherapie geht es nicht darum, so tief wie möglich noch einmal in das Erleben „hineinzugehen“, sondern eher im Gegenteil: Dosiert und gut begleitet wird das Geschehene noch einmal betrachtet, um Körper und Seele zu helfen, es zu verarbeiten. Vielleicht kann Ihnen das ein wenig Angst nehmen. Durch RebiT wird Ihnen nichts abverlangt, was Sie überfordern könnte.

Bei der Lektüre des Buches werden Sie eine ganz wichtige Entdeckung machen:

Sie selbst sind der wichtigste Schlüssel für das Vorankommen in der Therapie. Je mehr Sie sich vor und während der Therapie damit beschäftigen, was Sie selbst tun können und wie Sie den Heilungsprozess in den unterschiedlichen Phasen unterstützen können, desto besser.

Auch wenn in diesem Buch die RebiT-Methode Grundlage ist, können Sie die beschriebenen Impulse und Übungen auch dann anwenden und davon profitieren, wenn in Ihrer Therapie eine andere Traumatherapiemethode angewandt wird. Die Wissensgrundlagen sind dieselben und Sie werden entdecken, dass sich auch bestimmte „Behandlungselemente“ ähnlich sind.

Ich erlaube mir während der Begleitung durch dieses Buch das persönlichere „Du“. Sollten wir uns einmal im realen Leben begegnen, müssen wir das nicht fortführen, aber hier schafft es meinem Empfinden nach eine vertrauensvollere Basis und ich hoffe, Sie erleben es ebenso.

Und zu guter Letzt noch der Hinweis: Sie dürfen Fragen stellen! Gerne können Sie mich auf meiner Website http://www.seelenworkout.de besuchen und mich unter [email protected] anschreiben. Ich freue mich, von Ihnen zu lesen.

Herzlichst,

Ihre Alice Romanus-Ludewig

1  Zugunsten der besseren Lesbarkeit wechseln sich die weibliche und die männliche Form der Personenbezeichnungen in lockerer Folge ab und es erfolgt keine konstante Genderschreibweise. In jedem Fall sind alle Geschlechter mit einbezogen. Der Verlag bittet um Verständnis.

2  Im Text wechsele ich zwischen den Bezeichnungen Patient / Patientin und Klientin / Klient ab. Formal werden Menschen in Therapie als „Patient / Patientin“ bezeichnet, Klientin / Klient betont jedoch die Gleichberechtigung von Behandelndem und Behandeltem.

TEIL I: EINBLICK IN DIE VERLETZTE SEELE

1. Was unterscheidet ein Trauma von einer „normalen“ Belastung?

Der Begriff „Trauma“ wird heute inflationär gebraucht. Das kann dazu führen, dass sich betroffene Menschen Aussagen anhören müssen wie: „Wir haben doch alle unser Trauma. Nimm dich nicht so wichtig!“ Doch dies wird dem Schicksal von Traumabetroffenen nicht gerecht und kann sehr verletzend sein, kommt es doch einer Relativierung ihres Erlebens gleich. Deshalb möchte ich Traumata mit ihren Folgewirkungen von einer „normalen“ Belastung abgrenzen.

Wenn Sie selbst unsicher sind, ob Ihre Belastungen bzw. die Symptome, unter denen Sie leiden, krankheitswertig sind, hilft Ihnen diese Gegenüberstellung vielleicht dabei, mehr Klarheit über Ihre Situation zu gewinnen. Eine Diagnose sollte jedoch ausschließlich von Fachleuten gestellt werden. Ich rate dringend von Selbstdiagnosen ab! Das kann sowohl in die eine Richtung (Sie sind traumatisiert, wollen sich aber „zusammenreißen“ und spielen Ihr Leid herunter) als auch in die andere Richtung (Ihre Belastungen sind nicht die Folge eines Traumas, sondern haben andere, noch nicht erkannte Ursachen) Schaden anrichten.

Belastende Lebensereignisse können uns „umhauen“ und uns kräftig „durchrütteln“. Hierzu zählen die Trennung vom Partner, ein beruflicher Misserfolg, eine Krankheit oder zwischenmenschliche Konflikte zum Beispiel am Arbeitsplatz oder innerhalb der Familie. Wir sind angesichts dieser Spannungen vielleicht oft erst einmal ratlos und fühlen uns überfordert, können uns aber im weiteren Verlauf wieder sortieren, unsere Kräfte bündeln und die Situation Schritt für Schritt bewältigen.

Traumatische Erfahrungen zeichnen sich dadurch aus, dass wir einer Situation extremer Ohnmacht und Hilflosigkeit ausgesetzt sind. Wir können weder fliehen noch uns zur Wehr setzen – die Standardstrategien, die wir Menschen mit allen anderen Säugetieren teilen, wenn Gefahr droht, greifen nicht. In einer bedrohlichen Situation wird der Modus „Kampf oder Flucht“ aktiviert: Um Sicherheit zurückzuerlangen, wird der Ort der Bedrohung fluchtartig verlassen oder Kräfte für einen Kampf mobilisiert.

Ist beides jedoch nicht möglich, d. h., es besteht größte Gefahr, aber es gibt keinen Fluchtweg und ein Kampf wäre zwecklos oder nicht möglich, dann handelt es sich um eine traumatische Situation. Wir haben keine Möglichkeit, angemessen zu reagieren. Man könnte auch sagen, wir sind in eine „traumatische Falle“ geraten. Unser Organismus ist nun auf Schadensbegrenzung ausgerichtet:

Entweder wir erstarren, halten still und „frieren ein“, was angesichts eines übermächtigen Gegenübers lebensrettend sein kann, oder unser Organismus ermöglicht es uns, die schreckliche Erfahrung verändert zu erleben und abzuspeichern. Man nennt das „Fragmentieren“ (engl. „in Teile zerlegen“): Das Ereignis wird nicht wie andere als Ganzes erlebt und abgespeichert, sondern in kleine Bruchstücke aufgeteilt. Um es in ein einfaches Bild zu fassen: Weil wir den großen unverdaulichen Brocken einfach nicht schlucken und verdauen können, ist unser Organismus so weise, ihn in kleine Teile zu zerlegen.

Das ist auch der Grund dafür, dass es sich manchmal etwas „wirr“ anhören kann, wenn jemand von einem traumatischen Ereignis spricht. Das Gedächtnis hat eine Menge aufgesplitterter Einzelteile abgespeichert, nicht das furchtbare Ganze.

Was sind die Gründe für eine Traumatisierung? Im Infokasten sind die Ereignisse aufgeführt, die am häufigsten zu einer Traumatisierung führen.

 INFOKASTEN

Häufigste Traumaursachen:

KriegFolterFluchtkörperliche Gewaltsexuelle GewaltZeugenschaft von Gewaltseelische GewaltVerlust naher Bezugspersonen (v.a. Bindungspersonen)schwere (lebensbedrohliche) Erkrankungenschwere Formen von Mobbing

1.1 Das Trauma in Körper und Seele

Bei einer traumatischen Situation werden sowohl unser Körper als auch unsere Seele in einen Alarmzustand versetzt. In einer solchen Situation von „Maximalstress“ laufen immer bestimmte Reaktionen des Organismus ab:

Die

Stresszentren

im Gehirn werden aktiviert. Wir haben eine Art „Feuermelder“ im Gehirn, der sich Amygdala oder auch Mandelkern (wegen seiner mandelförmigen Struktur) nennt. Die Amygdala ist Teil des sogenannten Limbischen Systems. Das ist ein Verbund verschiedener Hirnstrukturen im Innern des Gehirns und spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen. Die Amygdala setzt ab einer bestimmten Schwelle eine Stressreaktion in Gang. Wenn du dich an eine Situation erinnerst, in der du dich einmal so richtig erschreckt hast, kannst du sicher sein, dass die Amygdala kurzfristig „gefeuert“ hat, das heißt, sie hat Botenstoffe aktiviert, die die Information „Gefahr“ zum Mark der Nebenniere weiterleiten.

Dadurch schnellen deine

Stress

hormone

kräftig in die Höhe. Es wird Adrenalin ausgeschüttet, das vor allem deinen Blutdruck ansteigen und deinen Puls schneller werden lässt. Aber auch ein Hormon namens Noradrenalin steigt an. Dieses sorgt zusätzlich für die Ausschüttung von Adrenalin. Ein weiteres Hormon wird angekurbelt, es nennt sich Cortisol und dient dazu, den Körper in einen „energiegeladenen“ Zustand zu versetzen, sodass er z. B. schnell und kraftvoll reagieren kann, falls sich doch noch eine Chance zu fliehen oder zu kämpfen bietet. So lässt sich auch erklären, dass Menschen in Situationen größter Gefahr Kraft aufbringen, zu der sie im „Normalzustand“ nicht in der Lage wären.

Ein traumatisches Erlebnis überfordert jedoch die normale Stressverarbeitung. Wenn weder Flucht noch Kampf möglich sind, erstarrt der Körper, während die Stresshormone im Inneren noch voll aktiv sind. Ein Verharren in der traumatischen Situation führt zu einer veränderten Reaktion der Stresssysteme: Es wirkt wie eine Art „Puffer“ zwischen dem schrecklichen traumatischen Erleben und deinem persönlichen Empfinden. Betroffene beschreiben, dass sie das Geschehen „wie von außen betrachten“, einen „Tunnelblick“ haben oder auch „sich wie in einem Nebel“ fühlen. Eine Art Betäubung setzt ein. Auch unser

Gedächtnis

ist davon betroffen. In einer traumatischen Situation werden nur die weniger bedrohlichen Teile des Erlebens im sogenannten Hippocampus (Hippocampus = Seepferdchen, wegen der seepferdchenartigen Form dieses Gehirnteils) gespeichert. Die besonders bedrohlichen Details werden aber als „Gedächtnissplitter“ in der Amygdala abgelegt und haben eher den Charakter von „Blitzlichtern“, also kurzen einzelnen Momentaufnahmen, die manchmal zeitlich schwer einzuordnen sind. Ein traumatisches Ereignis kann also nicht als zusammenhängende Erinnerung ins biografische Langzeitgedächtnis eingespeichert werden. Es wird gleichzeitig in verschiedenen Hirnarealen gespeichert und ist dann unterschiedlich gut und schnell abrufbar.

Damit dieser komplexe Prozess besser verständlich wird, schildere ich es hier an einem Beispiel:

Eine 20-jährige junge Frau ist leidenschaftliche Motorradfahrerin. Es ist Herbst und äußerst nebelig. Ein Autofahrer übersieht sie und fährt ihr beim Abbiegen in die Seite. Das Motorrad überschlägt sich, sie selbst fliegt mehrere Meter durch die Luft und knallt auf den Asphalt des Seitenstreifens. Kurz darauf steht sie auf, läuft wie abwesend am Seitenstreifen entlang. Ein Sanitäter vom inzwischen eingetroffenen Rettungswagen läuft ihr hinterher, spricht sie an, bittet sie, sich hinzusetzen. Erst jetzt sieht sie eine große klaffende Wunde am Oberschenkel und der Sanitäter muss ihr erklären, dass sie gerade einen Unfall hatte. Allmählich „kommt sie zu sich“ und erst im Rettungswagen beginnt sie, starke Schmerzen wahrzunehmen.

Anhand dieses Beispiels lassen sich die oben beschriebenen Vorgänge gut veranschaulichen: Als die Frau „wie abwesend“ die Straße entlangläuft, wird die Wirkung des „Benebelungshormons“ Noradrenalin erkennbar. Die erhöhte Ausschüttung der Stresshormone macht den Körper nicht nur kampf- und fluchtbereit, sondern führt auch zu einer Schmerzunempfindlichkeit, Gefühlsbetäubung sowie zu einem verschwommenen Bewusstsein. Die Frau erinnert sich direkt nach dem Unfall nicht daran, was passiert ist. Erst als sie später aus der OP-Narkose erwacht, kann sie den Unfall rekapitulieren. Ihrer Schilderung ist jedoch zu entnehmen, dass sie sich nur an Bruchstücke erinnert, das Erlebnis ist wie „zersplittert“, wie in Puzzleteile zerlegt. Man kann es sich auch wie ein Bild in einem Spiegel vorstellen. Dann kommt ein Hammer und zerschlägt den Spiegel, er zerbricht in viele Einzelteile, die dann verstreut und ungeordnet herumliegen.

Alle diese beschriebenen Abläufe dienen dem einen Zweck: überleben und den Schaden möglichst zu minimieren. Das ist klug eingerichtet von der Natur, aber diese „Existenzsicherung“ verläuft oft nicht ohne „Kollateralschäden“, wie ich in Abschnitt 1.2 erläutern werde.

1.2 Wann macht ein Trauma krank?

Nicht jedes Trauma macht krank. Viele Traumatisierungen heilen folgenlos (oder zumindest fast folgenlos) aus. Dann bleibt nur eine „seelische Narbe“ zurück. Die Person wird zwar auch erst einmal von der überwältigenden Erfahrung des Traumas „umgehauen“ und es können anfangs massive Stresssymptome auftreten wie Verzweiflung, Traurigkeit, Wut, Ruhelosigkeit und Schlafstörungen. Diese Symptome nehmen aber rasch wieder ab und das Leben normalisiert sich. Betroffene sind noch gestresst oder traurig, wenn sie an das Trauma erinnert werden. Diesen Stress können sie jedoch gut regulieren und sich auch innerlich wieder bewusst von der belastenden Erinnerung abwenden.

Anders sieht es aus, wenn sich eine Traumafolgestörung entwickelt. In diesem Fall bleiben die Stresssymptome auch nach mehreren Wochen bestehen oder werden sogar schlimmer. Der normale Alltag wird von den Folgen des Traumas stark belastet und beeinträchtigt.

Diese Traumafolgestörungen nennt man Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS. Dabei treten immer wieder vier typische Symptome auf.

Sich aufdrängende Erinnerungen („Intrusionen

“)

Darunter versteht man auf das Trauma bezogene Erinnerungen, die sich von selbst stark ins Bewusstsein drängen. Man spricht auch von sogenannten Nachhallerinnerungen oder Flashbacks. Auch in Träumen können sich die Erinnerungen aufdrängen und stark belasten. Das Unangenehme daran ist, dass sich solche Phänomene tatsächlich ziemlich „echt“ anfühlen können und starken inneren Stress verursachen.

Eine ältere Frau wird abends von einem jungen Mann angesprochen. Er verwickelt sie erst in ein Gespräch und versucht dann, ihr die Handtasche zu entreißen. Als sie versucht, sie festzuhalten, zückt der Mann ein Messer und hält es ihr vors Gesicht. Die Frau überlebt das Geschehen unverletzt, in den darauffolgenden Wochen sieht sie aber immer wieder die Szene vor sich: wie der Mann plötzlich das Messer zückt und es ganz nah vor ihr Gesicht hält.

Eine Teenagerin muss mit ansehen, wir ihr Hund, der sich von der Leine losgerissen hatte, von einem Auto erfasst wird. Kurz darauf stirbt er. Das Mädchen sieht immer wieder die Szene vor sich, wie ihr Hund gegen das Auto prallt, aufjault und durch die Luft geschleudert wird.

Gefühlsleere

und depressive

Verstimmungen (engl. numbing =

 „Dumpfheit“)

Es ist kein Wunder, dass schon alleine die unter 1. aufgeführten stark belastenden Erinnerungen dazu beitragen, dass die Stimmung leidet. Betroffene berichten von einem Gefühl von Leere, manche beschreiben es als ein Betäubtsein. Man verliert das Interesse an der Umgebung, an Menschen und Ereignissen. Die Lebensfreude fehlt, nichts macht mehr Spaß, nichts motiviert. Da vor allem nahe Angehörige das zu spüren bekommen und irritiert oder hilflos sind, kann es zu Spannungen in den Beziehungen kommen.

„Sie hat sich total verändert“, sagen die Freundinnen der Studentin, die bei ihrem Job an der Supermarktkasse plötzlich mit einer Waffe bedroht und aufgefordert wurde, die Kasse zu öffnen. Sie selbst fühlt sich wie „abgeschnitten“ von ihren Gefühlen, kann seit dem Vorfall weder lachen noch richtig traurig sein.

Der junge Mann, der während eines Auslandsaufenthaltes Zeuge eines Mordes auf offener Straße wurde, zieht sich seit seiner Rückkehr massiv zurück. Er vermeidet Treffen mit Freunden und beendet sogar die Beziehung zu seiner Freundin, weil er „zurzeit nichts fühlen kann“.

Vermeidung

Niemand möchte Schmerz erleiden. Wir haben alle die Neigung, Leid und Schmerz zu vermeiden, wo es nur geht. Je größer der Schmerz, desto stärker die Vermeidung. Da verwundert es nicht, dass bei Traumata, die „Maximalstress“ bedeuten, Vermeidungsverhalten eine häufige Folge ist. Diese Vermeidung kann sich auf fast alles beziehen: Betroffene können Orte vermeiden, die räumliche Nähe zum Traumageschehen haben. Viele vermeiden es, etwas zu einem Thema zu hören oder zu lesen, das an das Trauma erinnern könnte. Auch Tätigkeiten oder Situationen, die an das Trauma erinnern, werden vermieden.

Es können ausgeklügelte „Vermeidungstaktiken“ entstehen, welche die persönliche Freiheit und auch die Lebensqualität stark beeinflussen.

Ein Mann wird bei einem Auffahrunfall in einem Tunnel schwer verletzt. Seitdem vermeidet er konsequent jede Tunnelfahrt, selbst wenn das für ihn einen großen Umweg bedeutet. Manchmal ruft schon das Wissen darum, sich in der Nähe eines Tunnels zu befinden, Schweißausbrüche bei ihm hervor.

Als die Auszubildende sich als angehende Erzieherin in einer Unterrichtseinheit mit dem Thema sexueller Missbrauch beschäftigen muss, spürt sie, dass dieses Thema ihr emotional den Boden unter den Füßen wegreißt. Sie entscheidet kurzerhand, ihre Ausbildung abzubrechen. Hintergrund ist, dass sie als kleines Mädchen über ein Jahr lang von einem Freund ihrer Mutter sexuell missbraucht wurde.

Übererregung

(Hyperarousal, Hypervigilanz)

Nach einem Trauma befindet sich der gesamte Organismus in „Aufruhr.“ Das kann sich dann in einer extremen Schreckhaftigkeit, in Nervosität und Anspannung äußern. Viele Betroffene beschreiben es auch als eine dauerhafte „innere Alarmbereitschaft“ mit dem unangenehmen Gefühl, nicht zur Ruhe kommen zu können. Schlafstörungen sind eine häufige Folge.

Nachdem eine Frau nachts überfallen wurde und nur knapp einer Vergewaltigung entkam, fühlt sie sich unter „Dauerstress“. Sie kann nicht mehr abschalten, vor allem bei einbrechender Dunkelheit wird sie immer unruhiger. Zum Einschlafen braucht sie mehrere Nachtlichter. Wenn sie nachts aufwacht, ist sie sofort hellwach, traut sich aber nicht, zur Toilette zu gehen. Tagsüber zuckt sie bei lauteren Geräuschen zusammen, auch wenn ihr eigener Hund bellt.

Ein kleines Mädchen ist wegen erlittener körperlicher Gewalt durch beide Eltern aus der Familie herausgenommen worden und lebt jetzt in einer Pflegefamilie. Es fällt auf, dass sie in Anwesenheit erwachsener Personen diese andauernd mit weit aufgerissenen ängstlich dreinblickenden Augen beobachtet. Verändert sich die Mimik einer Person in Richtung Missfallen oder gar Ärger, reagiert sie extrem ängstlich und verkriecht sich in eine Ecke des Zimmers.

Es gibt eine Vielzahl anderer Probleme, die sich nach einem Trauma einstellen können, wie etwa Angstzustände bis hin zu Panikattacken oder depressive Gefühle mit Suizidgedanken. Auch die Einnahme von Drogen oder der übermäßige Konsum von Alkohol kann zu einer problematischen Strategie werden, den Schmerz und die schlimmen Erinnerungen zu betäuben. Solche ungesunden Folgeerscheinungen können sich erst einige Zeit nach dem Trauma einstellen, sodass weder Betroffene selbst noch die Umgebung diese Anzeichen mit dem Trauma in Verbindung bringen.

Alle vier Symptome sind eine „normale“ direkte Reaktion auf die „unnormale“ Belastung des Traumas. Wenn diese Symptome jedoch bestehen bleiben, auch nach mehreren Wochen oder Monaten keine abnehmende Tendenz zu erkennen ist, dann spricht man von einer „Traumafolgestörung.“ Die Symptome können zudem eine zunehmende Tendenz haben und das Alltagsleben stark beeinträchtigen.

Besonders gravierend sind traumatische Ereignisse im Kindesalter, weil sie sich negativ auf die Gehirnentwicklung auswirken. Früher dachte man, die Entwicklung des kindlichen Gehirns ist nach dem Kleinkindalter beendet. Dank der modernen Hirnforschung weiß man aber inzwischen, dass das Gehirn lebenslang formbar bleibt. Das ist eigentlich eine gute Nachricht, denn es bedeutet, dass wir lebenslang lernfähig bleiben und uns auch verändern können. Die Kehrseite ist allerdings, dass belastende Ereignisse oder Traumata ebenfalls unser Gehirn „formen“ können. Je gravierender ein Trauma ist und je häufiger es stattfindet, umso mehr „prägt“ es uns. Doch zum Glück kann man auch etwas gegen diese „Prägung“ tun und davon handelt dieses Buch.

Mutmacher

Alle Erscheinungen und Beschwerden, die du nach dem Trauma hast, sind keine Zeichen dafür, dass du nicht in Ordnung bist. Sie sind ganz normale Reaktionen auf eine unnormale (traumatische) Situation.

2. Wie funktioniert eine Traumatherapie?

Es hat sich gezeigt, dass es bei Traumafolgestörungen nicht reicht, „nur“ über das Geschehene zu sprechen. Oft ist es Betroffenen auch gar nicht möglich, es in Worte zu fassen. Erinnerst du dich noch an den Vergleich mit den Puzzleteilen oder dem zerschlagenen Spiegel? Das traumatische Erlebnis ist nicht als zusammenhängendes Ganzes abgespeichert, sondern in „Einzelteilen“. Und genau das ist das Problem: Da unser „normales Gedächtnis“ (Hippocampus) keine zersplitterten, sondern nur zusammenhängende Erinnerungen als „aus und vorbei“ abspeichert, kann das Trauma nicht richtig einsortiert und „abgehakt“ werden. Es bleibt wie in einer Art Zwischenlager präsent und fühlt sich so an, als ob es immer noch ganz „frisch und aktuell“ wäre.

Bei einem Trauma, das von alleine ausheilt, hat das Gehirn den anfänglich „unverdaulichen Brocken“ im Laufe der Zeit Stück für Stück verarbeitet. Schafft unser Gehirn das allerdings nicht, braucht es ein wenig „Nachhilfe“ durch eine Traumatherapie.

Die Traumatherapie ermöglicht es, das Unverdauliche doch noch zu verdauen, damit es sich endlich wie „aus und vorbei“ anfühlen kann. Es gibt Übungen, die du selbst machen kannst, ich stelle dir im Laufe dieses Buches eine Reihe davon vor. Wenn ich dir traumatherapeutische Techniken vorstelle, die nur im Rahmen einer Therapie anwendbar sind, weise ich dich zu deinem Schutz ausdrücklich darauf hin. So kannst du schon eine Menge allein tun, um die bessere Verarbeitung deines Traumas zu fördern, und bekommst zusätzlich Informationen über das, was möglicherweise in einer Therapie auf dich zukommt.

Warum ein Trauma nicht unverarbeitet bleiben soll, hängt mit deiner Lebensqualität zusammen. Führe dir noch einmal die Folgen eines unverarbeiteten Traumas vor Augen: ständige sich aufdrängende Erinnerung an das furchtbare Erlebnis, Gefühl der Leere und Bedrückung, Gleichgültigkeit, Nervosität und Anspannung. Halten solche Symptome länger an, überlagern sie deine Lebensfreude. Du kämpfst mit den Traumafolgen und verlierst deine eigentlichen (Lebens-)Ziele aus den Augen. Beziehungen erfahren eine enorme Belastung und es besteht die Gefahr, dass die Symptomatik chronisch wird.

Solltest du also das Gefühl haben, unter Traumafolgestörungen zu leiden, möchte ich dich ermutigen, dir Hilfe zu holen. Am Ende dieses Buches findest du eine Liste mit weiterführenden Ressourcen. Dort habe ich dir auch ein paar Anlaufstellen aufgeführt, die dich unterstützen können.

2.1 Ein erster Überblick über den Verlauf einer Traumatherapie

Die Traumatherapie-Techniken sind kein Hokuspokus, sondern wirken ganz gezielt im Gehirn, um ihm bei der „Verdauung“ des Traumas zu helfen. Da – wie schon erwähnt – das alleinige „Darüber-Reden“ nicht immer hilft, gehen die traumatherapeutischen Techniken darüber hinaus. Bevor ich zu diesen speziellen Techniken ausführlicher komme, möchte ich erst einmal beschreiben, wie eine Traumatherapie aufgebaut ist. Wenn du vor der Entscheidung stehst, ob du eine Therapie machen möchtest bzw. brauchst, oder wenn deine Therapie bald beginnt, dann kann dir diese Übersicht mehr Sicherheit und Klarheit vermitteln (vgl. auch Abbildung 2.1).

Abbildung 2.1: Der Traumatherapiezirkel (BF = Big Five)

Eine Traumatherapie besteht aus drei Abschnitten bzw. Phasen:

Phase: Stabilisierung

Bevor sich Betroffene eingehender mit dem traumatischen Geschehen beschäftigen können, ist es wichtig, wieder eine ausreichende psychische Stabilität zu erreichen. Wer wegen schon länger bestehender Traumafolgestörungen eine Therapie beginnt, hat oft auch im Alltag mit diversen Problemen zu kämpfen. Extreme Nervosität und Schlafstörungen, reizbares und impulsives Verhalten gegenüber Mitmenschen, mangelndes Interesse an Aktivitäten und / oder ein Sichzurückziehen sind nicht selten. Bei manchen Betroffenen ist die Stimmung so schlecht, dass sich ein Gefühl der Sinnlosigkeit einstellt und der Blick in die Zukunft eher trüb ausfällt. Das alles gefährdet die innere Stabilität und den Halt im Leben.

Eine direkte Beschäftigung mit dem Trauma ist belastend und setzt eine gewisse Stabilität voraus. Deswegen ist die Reihenfolge sinnvoll: Erst wieder stabiler werden, dann kann das Aufarbeiten des Traumas erfolgen. Dieser „sinnvolle Umweg“ irritiert oder überrascht manche Klientinnen in der Therapie, weil sie die Erwartung haben, dass es von Anfang an um das Trauma gehen wird.

Man kann das Vorgehen in einer Traumatherapie mit einer anstehenden Operation vergleichen: Stell dir vor, jemand hat sich nach einem Unfall eine Verletzung zugezogen. Vielleicht befindet sich noch ein Fremdkörper in der Wunde und diese eitert heftig und schmerzt. Das Ganze hat die Betroffene inzwischen so in Mitleidenschaft gezogen, dass sie unter Schlafstörungen und Appetitlosigkeit leidet und wegen der Schmerzen kaum noch aus dem Haus geht. Bei einer ärztlichen Untersuchung wird festgestellt, dass extrem hohe Entzündungswerte vorliegen, die Blutwerte sind völlig aus dem Lot. Es ist klar, dass eine Operation ansteht, um den Fremdkörper zu entfernen, aber natürlich wird der Arzt entscheiden, erst einmal den gesamten Organismus so zu stärken (mit Infusionen, Antibiotika o. Ä.), dass eine Operation gut verkraftet werden kann und das Immunsystem gut funktioniert.

In ähnlicher Weise braucht eine traumatisierte Person auch erst einmal „Soforthilfe“. Es sind meistens die durch die Traumatisierung ausgelösten Alltagsprobleme, die die Betroffenen zur Therapeutin führen.

In der Stabilisierungsphase werden Übungen erlernt, die genau diese „Soforthilfe“ leisten sollen. Die Übungen bieten Unterstützung bei der Lösung von Alltagsproblemen von Traumabetroffenen. Wir haben die typischen Symptome schon betrachtet (siehe Abschnitt 1.2): sich aufdrängende schmerzhafte Traumaerinnerungen, Gefühle von Leere und Bedrückung, Vermeidungsverhalten und Übererregung. Die Stabilisierungsübungen können helfen, diese Symptome zu lindern. Da die PTBS-Symptome oft mit dem Gefühl von Kontrollverlust und Ohnmacht einhergehen, dienen sie dazu, wieder mehr Einfluss auf den eigenen Gefühlszustand und die eigenen Reaktionen zu gewinnen. Therapeuten wenden in dieser Phase keine Techniken an Patientinnen an, sondern die Übungen werden gemeinsam mit dem Betroffenen eingeübt, sodass sie auch alleine zu Hause umsetzbar sind.

Wie genau die einzelnen Übungen aussehen und wozu sie dienen, erfährst du in Teil II dieses Buches.

Phase: Trauma

konfrontation / Traumadurcharbeitung

Wenn alles gut läuft, hast du jetzt genug Stabilität, um dich in den Therapiestunden mit dem eigentlichen traumatischen Ereignis zu befassen. Warum das? Warum kann es sich lohnen, sich noch einmal mit dem Schrecklichen zu befassen? Weil sich die meisten Traumaforscher darin einig sind und es auch durch Studien bestätigt wird, dass ein Erinnern und Schildern des traumatischen Erlebnisses (mithilfe traumatherapeutischer Techniken) dabei hilft, das Trauma zu verarbeiten.

Man könnte es auch so formulieren: Die Traumakonfrontation hilft dem Gehirn, das traumatische Ereignis „normal“ abzuspeichern, es als „aus und vorbei“ anzusehen. Geschieht dies nicht, fühlt es sich weiterhin so an, als ob das Trauma immer noch geschieht oder jederzeit wieder geschehen könnte.

Um dem Gehirn diese „Nachhilfe“ beim Verarbeiten des Traumas zu geben, sind einige Dinge zu beachten: Es ist notwendig, das Trauma noch einmal an die Oberfläche zu holen und den genauen Ablauf zu rekonstruieren, allerdings in einem gut vorbereiteten und geschützten Rahmen. Dazu gehört, dass deine Therapeutin an deiner Seite ist und dir hilft, all das auszuhalten, was im Zusammenhang mit den Erinnerungen an die Oberfläche kommt. Es gehört auch dazu, dass du eine Beobachterperspektive einnimmst und beim Schildern des traumatischen Ereignisses etwas Distanz zum Geschehen behältst. Dadurch soll vermieden werden, dass du noch einmal in das Trauma „hineinfällst“ und dich völlig hilflos und ohnmächtig fühlst. Gerade diese Distanz und die therapeutische Begleitung haben einen heilenden Effekt.

Das klingt jetzt vielleicht kompliziert für dich und tatsächlich sind die psychologischen und neurobiologischen Vorgänge komplex. Aber das Entscheidende ist, dass du ein gutes Vertrauensverhältnis zu deinem Therapeuten aufbauen konntest, du ausreichend stabil bist und eine der fundierten und wirksamen Traumatherapietechniken angewandt wird. Scheue dich nicht, in der Therapie Fragen zu dem geplanten Vorgehen zu stellen oder Ängste zur Sprache zu bringen!