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Knowing how to handle sources confidently is a fundamental prerequisite for anyone wishing to study the ancient world, but a systematic introduction to what are known as the ?auxiliary sciences= has not previously been available. Patrick Reinard and his team of authors now present the first volume in the new series ?Tools for Historians=. With the help of concrete examples, readers can find out how archaeological, epigraphic, numismatic, papyrological and philological sources are located, collected and published. The volume also provides information on additional ways of using sources, such as prosopography or historical geography. The scholarly disciplines are each introduced by experts, presenting the state of research, methods and further reading, as well as links, in an easily readable way. An absolute must for anyone interested in history.
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Werkzeuge der Historiker:innen
Umschlagabbildung: Tessera nummularia, Modena; mit freundlicher Genehmigung des Ministero della Cultura – Soprintendenza archeologia, belle arti e paesaggio per la città metropolitana di Bologna e le province di Modena, Reggio Emilia e Ferrara. Vervielfältigung zu Gewinnzwecken (auch indirekten) verboten.
Patrick Reinard (Hrsg.)
Werkzeuge der Historiker:innen
Antike
Verlag W. Kohlhammer
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1. Auflage 2023
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-040102-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-040103-7
epub: ISBN 978-3-17-040104-4
Der sichere Umgang mit Quellen ist fundamentale Voraussetzung für alle, die sich mit der Geschichte der Antike beschäftigen möchten. Und doch gibt es keine aktuelle systematische Einführung in die sogenannten „Grundwissenschaften“. Patrick Reinard legt nun mit seinem Autorenteam den ersten Band der neuen Reihe „Werkzeuge der Historiker:innen“ vor. Anhand konkreter Beispiele erfährt man, wie archäologische, epigraphische, numismatische, papyrologische und philologische Quellen gefunden, gesammelt und herausgegeben werden. Auch über weiterführende Quellennutzung, wie etwa die Prosopographie oder historische Geographie, informiert der Band. Die jeweiligen Disziplinen werden von ausgewiesenen Experten vorgestellt. Gut lesbar präsentieren sie Forschungsstand, Methoden und weiterführende Literatur sowie digitale Hilfsmittel. Ein absolutes Muss für alle Studierenden und historisch Interessierten.
JProf. Dr. Patrick Reinard forscht und lehrt an der Universität Trier.
Vorwort
1 Einführung in die Historischen Grundwissenschaften der Antike
Patrick Reinard
1.1 Historische Grundwissenschaften: Gemeinsames und Trennendes
1.2 Was ist eine Quelle?
1.3 Was ist Quellenkritik?
1.4 Zeit der Alten Geschichte
1.5 Raum der Alten Geschichte
1.6 Literatur
1.6.1 Einführungen und Überblickswerke
1.6.2 Digitale Hilfsmittel
I. Grundwissenschaften
2 Literarische Quellen
Lennart Gilhaus
2.1 Einleitung
2.2 Forschungsgeschichte und -perspektiven
2.3 Vom Codex zur historisch-kritischen Edition
1. Heuristik
2. Recensio
3. Examinatio und Emendatio
2.4 Die historisch-kritische Edition
2.5 Überlieferungsgeschichte
2.6 Fragmente und Scholien
2.7 Gattungen
2.7.1 Die antike Geschichtsschreibung
2.7.2 Weitere Prosagattungen
2.7.3 Poesie
2.8 Zur Auseinandersetzung mit antiken literarischen Texten
2.9 Literatur
2.9.1 Einführungen und Überblickswerke
2.9.2 Spezialliteratur
2.9.3 Digitale Hilfsmittel
3 Epigraphik
Krešimir Matijević
3.1 Einleitung
3.2 Forschungsgeschichte
3.3 Forschungsstand und Ausblick
3.4 Mögliche Kategorisierung
3.5 Methoden
3.6 Literatur
3.6.1 Einführungen und Überblickswerke
3.6.2 Spezialliteratur
3.6.3 Digitale Hilfsmittel
4 Papyrologie
Patrick Sänger
4.1 Einleitung
4.2 Forschungsgeschichte
4.3 Einteilung papyrologischer Schriftträger
4.4 Die Ausrichtung des Faches
4.5 Forschungsstand und Ausblick
4.6 Methoden
4.7 Literatur
4.7.1 Einführungen und Überblickswerke
4.7.2 Spezialliteratur
4.7.3 Digitale Hilfsmittel
5 Numismatik
Peter Franz Mittag
5.1 Forschungsgeschichte
5.2 Methoden
5.3 Münzen als historische Quellen
5.4 Literatur
5.4.1 Einführungen und Überblickswerke
5.4.2 Spezialliteratur
5.4.3 Digitale Hilfsmittel
6 Klassische Archäologie
Achim Lichtenberger
6.1 Forschungsgeschichte
6.2 Forschungsstand und Ausblick
6.3 Untersuchungsgegenstände
6.3.1 Architektur
6.3.2 Skulptur
6.3.3 Keramik
6.4 Methoden
6.4.1 Ausgrabung und Survey
6.4.2 Typologie, Formgeschichte und Stilanalyse
6.4.3 Ikonographie
6.5 Literatur
6.5.1 Einführungen und Überblickswerke
6.5.2 Spezialliteratur
6.5.3 Digitale Hilfsmittel
II. Benachbarte Disziplinen
7 Chronologie
Michael Zerjadtke
7.1 Einführung
7.2 Grundbegriffe
7.3 Ägypten und Babylon
7.4 Griechenland
7.4.1 Jahreszählung
7.4.2 Monate und Tage
7.4.3 Hellenismus
7.5 Rom
7.5.1 Jahreszählung
7.5.2 Monate, Wochen und Tage
7.6 Literatur
7.6.1 Einführungen und Überblickswerke
7.6.2 Spezialliteratur zu Einzelthemen
8 Prosopographie
Werner Eck
8.1 Einleitung
8.2 Forschungsgeschichte
8.3 Forschungsstand
8.4 Methoden: Onomastik und Ämterlaufbahnen
8.5 Literatur
8.5.1 Einführungen und Überblickswerke
8.5.2 Spezialliteratur
Griechische Welt
Römische Welt
8.5.3 Die wichtigsten Prosopographien
8.5.4 Digitale Hilfsmittel
9 Antike Rechtsgeschichte
Kaja Harter-Uibopuu
9.1 Einführung
9.2 Forschungsgeschichte
9.3 Forschungsstand und Ausblick
9.4 Möglichkeiten und Methoden der antiken Rechtsgeschichte
9.4.1 Literarische Quellen
9.4.2 Rechtswissenschaftliche Literatur in Rom und das
9.4.3 Epigraphische Quellen
9.4.4 Papyrologische Quellen
9.5 Literatur
9.5.1 Einführungen und Überblickswerke
9.5.2 Spezialliteratur
Griechische Welt
Römische Welt
9.5.3 Digitale Hilfsmittel
Griechische Welt
Römische Welt
10 Historische Geographie
Michael Rathmann
10.1 Einleitung
10.2 Methoden
10.3 Quellengrundlage
Schriftquellen
Archäologische Zeugnisse
Naturwissenschaften
10.4 Praktische Anwendung
10.6 Literatur
10.6.1 Einführungen und Überblickswerke
10.6.2 Spezialliteratur
10.6.3 Digitale Hilfsmittel
10.6.4 Institutionen
III. Anhang
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Abbildungsverzeichnis
Index
Sachregister
Personenregister
Als im Jahr 1958 Ahasver von Brandt (1909–1977) seine Einführung in die historischen Hilfswissenschaften, Werkzeug des Historikers, als 33. Band der Urban Taschenbücher vorlegte, rechnete wohl niemand damit, dass dieses Buch zu einem der meistverkauften Lehrbücher der Geschichtswissenschaft werden würde. Noch immer findet das Werk in seiner mittlerweile 18. Auflage nicht nur in der universitären Lehre reiche Anwendung, sondern gibt die Standards in der Quellenkunde vor.
Obwohl es für jeden Wissenschaftsverlag eine große Freude und Genugtuung ist, einen so erfolgreichen Titel im Programm zu wissen, haben wir uns entschieden, das Werk durch eine Neufassung zu ersetzen. Notwendig wurde dies vor allem aus zwei Gründen: Zum einen haben sich von Brandts Ausführungen sehr stark auf die Hilfs-/Grundwissenschaften der mittelalterlichen Geschichte konzentriert. Zum anderen haben sich die Hilfs-/Grundwissenschaften in den letzten Jahren nicht nur emanzipiert, sondern merklich weiterentwickelt – nicht zuletzt deshalb, weil sich die klassische Geschichtswissenschaft ausgehend von ihren politik- und rechtsgeschichtlichen Traditionen in einem früher ungeahnten Maße geöffnet hat. Mit der Einbeziehung zahlreicher neuer Forschungsfelder ging auch die Zuwendung zu neuen Quellengruppen einher. Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen.
Eine breite Auseinandersetzung mit neuen Quellen setzt deren ubiquitäre Zugänglichkeit voraus, die erst mit der allgemeinen Verbreitung von Digitalisaten durch das Internet sowie neue elektronische Erschließungsverfahren möglich geworden ist. So sind nicht nur neue Hilfsmittel und Methoden für alle historischen Teilfächer selbstverständlich geworden, sondern es werden auch gänzlich neue Quellengattungen – nicht nur, aber vor allem in der Zeitgeschichte – erschlossen und erforscht. Die damit einhergehenden Herausforderungen bergen gleichzeitig auch ganz neue Erkenntnispotentiale. Die nächsten Generationen von Wissenschaftler:innen benötigen daher dringend Orientierungspunkte in diesem Dickicht digitalisierter Quellenmassen. Sie benötigen Werkzeuge, um für künftige Fragestellungen mit den Quellen und ihren Digitalisaten auf allen Ebenen umgehen zu können. Zugleich ist auch die konkrete Arbeit an und mit den historischen Quellen stärker an Methoden orientiert und damit herausfordernder geworden. Durch die konsequente Einbeziehung früher als randständig betrachteter Quellengruppen können heute gänzlich neue Fragestellungen bearbeitet werden. Gleichzeitig steigt aber auch der Aufwand, um diese Quellen in ihrer ganzen Breite nutzen zu können.
Vor diesem Hintergrund war es dem Verlag sowie den Herausgeber:innen ein Anliegen, für die historischen Hilfs-/Grundwissenschaften eine moderne, zeitgemäße und alle Epochen berücksichtigende Einführung zu bieten: die Werkzeuge der Historiker:innen in vier Einzelbänden (Antike, Mittelalter, Neuzeit, Zeitgeschichte) mit jeweils rund zehn bis zwanzig Beiträgen. Gegenüber den neun behandelten Disziplinen bei Ahasver von Brandt können so die inhaltlichen und methodischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte deutlich umfassender behandelt werden. Die Bände streben trotz gebotener Kürze an, möglichst viele Teildisziplinen entsprechend der verschiedenen Quellengattungen sowie der besonderen hilfs-/grundwissenschaftlichen Arbeitstechniken einführend zu präsentieren. Um Redundanzen zu vermeiden, wurden die Inhalte der einzelnen Bände aufeinander abgestimmt. Dennoch bleibt jeder Band für sich alleinstehend verständlich und nutzbar und berücksichtigt umsichtig die Spezifika der einzelnen Epochen.
Je nach behandelter Epoche zwingt die Erweiterung und Heterogenität der Quellenbasis zu unterschiedlichen Herangehensweisen. So ist die Alte Geschichte trotz einer ursprünglichen Dominanz der literarischen Überlieferung seit jeher gezwungen, die ohnehin geringe Quellenbasis voll auszunutzen, während die Mediävistik stärker alltagsbezogene Quellengruppen wie Inschriften, Graffiti oder serielle Quellen lange Zeit zugunsten herrschaftsnaher Quellen wie Urkunden und Historiographie systematisch vernachlässigte. Mit dem erheblichen Anwachsen der Überlieferung in der Neuzeit und Zeitgeschichte strukturiert in diesen Epochen die gezielte Auswahl der in vertretbarer Zeit bearbeitbaren Quellen den Forschungsprozess. Hinzu kommen gänzlich neue Quellen wie Ton- und audiovisuelle Aufzeichnungen oder gespeicherte digitale Kommunikation.
Genau hier setzen die Bände der Werkzeuge der Historiker:innen an und zeigen, welche Entwicklungen die Disziplin in den jeweiligen Fachbereichen genommen hat und welche Veränderungen sich gerade auch durch die Digitalisierung ergeben haben. Zielgruppe bleiben Studierende, die eine sichere Basis brauchen, von der aus erste Schritte zum eigenen Forschen möglich werden. Im Vorwort zur 7. Auflage seines Werkes schrieb von Brandt: »Das vorliegende Buch ist aus der Praxis des akademischen Unterrichts entstanden«. Dies gilt auch für die neuen Werkzeuge, die auf Lehrerfahrung nicht nur aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, sondern auch weit darüber hinaus gestützt sind.
Wir haben uns entschlossen, den traditionsreichen Titel in eine gendergerechte Sprache zu überführen. Ob die einzelnen Kapitel diese verwenden, blieb jedoch im Ermessen der Autor:innen.
Wir sind zuversichtlich, dass diese zeitgemäßen Werkzeuge der Historiker:innen es schaffen werden, die Tradition des Klassikers aus der Feder Ahasver von Brandts fortzuführen.
Der Verlag und die Herausgeber:innen
Patrick Reinard
Das Buch ist als Einführung in die Grundwissenschaften der Antike konzipiert und richtet sich insbesondere an Studierende. Es gliedert sich in zwei große Bereiche:
1. Die Grundwissenschaften im engeren Sinne, die sich über die intensive Beschäftigung mit einer Quellengattung definieren und die jeweiligen Quellen zur weiteren wissenschaftlichen Nutzung aufarbeiten und publizieren: die literarischen Quellen, die Epigraphik, die Papyrologie, die Numismatik und die Archäologie.
2. Die benachbarten Disziplinen, die die so erschlossenen Quellen unter Fokussierung auf eine besondere Thematik einer Auswertung unterziehen und historische Informationen so für Nichtspezialisten zugänglicher machen: die Chronologie, die Prosopographie, die Antike Rechtsgeschichte, die Historische Geographie.
Im Sinne der Lesbarkeit wurden möglichst wenige Fußnoten verwendet und die Beiträge sind im Ansatz ähnlich gegliedert. Neben kurzen Bemerkungen zu Forschungsgeschichte und Forschungsstand liegt der Fokus der Darstellung jeweils auf der spezifischen Methodik und den Disziplininhalten. Am Ende eines jeden Beitrags finden sich Quellen-, Literatur- und Internetverweise. Abgeschlossen wird der Band durch ein Register, dessen Einträge sich auf grundwissenschaftlich relevante Termini sowie Personennamen beschränken.
Historisches Arbeiten basiert stets auf einer Kombination spezieller Kompetenzen aus verschiedenen Grundwissenschaften. Insofern ergeben sich zwischen den hier versammelten Beiträgen inhaltliche und methodische Überschneidungen. Auf solche Anknüpfungspunkte wird durch einen Querverweis zu anderen Kapiteln hingewiesen. Doch zunächst einmal gilt es, den Begriff ›Grundwissenschaften‹ zu erklären, sowie eine kurze Orientierung über die Bereiche zu geben, in denen sich die einzelnen Disziplinen berühren, überschneiden und ergänzen. Darauffolgend werden kurz die Termini ›Quelle‹ und ›Quellenkritik‹ eingeführt und Zeit und Raum der griechisch-römischen Antike beschrieben.
Die Termini ›Hilfs-‹ und ›Grundwissenschaft‹ werden in diesem Buch synonym aufgefasst, wobei die zweitgenannte Bezeichnung favorisiert wird, da sie keine hierarchische Einordnung suggeriert; in früherer Zeit wurden in der Geschichtswissenschaft einige benachbarte Disziplinen sogar als ancilla (lat. ›Dienerin‹) bezeichnet. Es ist daher wichtig zu betonen, dass alle Grundwissenschaften gleichrangig nebeneinanderstehen und sich gegenseitig stützen. Inhalte, Methoden und Ergebnisse einer Grundwissenschaft können wechselseitig auch von den anderen genutzt werden. Ja, vielfach ist es sogar zwingend nötig, Erkenntnisse aus anderen Grundwissenschaften wahrzunehmen. Deshalb ist der mitunter als wertend empfundene Begriff ›Hilfswissenschaften‹ irreführend.
Innerhalb der Alten Geschichte wurden die ›Historischen Grundwissenschaften‹ nicht als eigenes Fach aufgefasst, wie dies etwa in der Mittelalterlichen Geschichte üblich ist. Verschiedene Disziplinen entwickelten sich vielmehr zu eigenen Fächern, deren Methoden und Inhalte in unterschiedlichen Ausmaßen in das ›Fach‹ Alte Geschichte integriert sind. Die Archäologie, die Papyrologie oder die Klassische Philologie sind an den Universitäten gänzlich selbstständige Fächer, die zwar auf das Engste mit der Alten Geschichte verbunden sind, aber dennoch jeweils eigene, weit in die Vergangenheit zurückreichende Traditionen aufweisen. Dagegen gelten Epigraphik und Numismatik in der Regel als fachinterne Teildisziplinen der Althistorie, die auf der Schnittstelle zwischen den archäologischen und altgeschichtlichen Fächern angesiedelt sind.
Gemeinsam ist diesen Grundwissenschaften, dass sie sich jeweils mit einer spezifischen Quellengruppe befassen: Die Archäologie (s. Kap. 6) behandelt generell materielle Hinterlassenschaften, die Papyrologie (s. Kap. 4) befasst sich mit handschriftlichen Zeugnissen – insbesondere, aber nicht ausschließlich mit solchen auf Papyri und Scherben (griech. ὄστρακα, ›Ostraka‹) –, die Klassische Philologie (s. Kap. 2) konzentriert sich auf die antiken Sprachen sowie auf durch Manuskripte überlieferte lateinische und griechische Literaturwerke, die Numismatik (s. Kap. 5) fokussiert sich auf Münzen sowie vergleichbare Objekte und die Epigraphik (s. Kap. 3) ist für sämtliche Texte zuständig, die auf Stein, Bronze, Blei, Holz, Keramik etc. überliefert sind. Bei diesen Grundwissenschaften handelt es sich also um quellenaufbereitende Disziplinen. Insofern könnte man sie auch als Grundlagenforschungen bezeichnen. Dabei beschränken sie sich natürlich nicht ausschließlich auf ein ›Verfügbarmachen‹ von Quellen, sondern thematisieren vielfältige disziplinspezifische und historische Fragen.
Selbstverständlich bestehen zwischen den Grundwissenschaften diverse Überschneidungen und Zusammenhänge: Antike literarische Werke liegen auch auf Papyri vor, in Stein gesetzte Inschriften überliefern manchmal antike Dichtung (z. B. metrische Grabepigramme) und manches Graffito entpuppt sich als Zitat eines bekannten antiken Autors. Klassische Philologie, Papyrologie und Epigraphik bieten also aufgrund ihrer Ausrichtung auf das geschriebene Wort vielfältige Überschneidungen und Anknüpfungspunkte. Dies gilt im besonderen Maße für einzelne Quellengruppen, die zwischen Papyrologie und Epigraphik stehen: Handschriftliche Texte haben sich nicht ausschließlich auf Papyri und Ostraka erhalten, sondern auch auf antiken Wänden, auf Schreib- und Wachstafeln, auf hölzernen Mumienetiketten oder auf Textilien etc. Während die Schreibtafeln zumeist zu gleichen Teilen von Papyrologie und Epigraphik behandelt werden, lassen sich für andere Textgruppen bestimmte Schwerpunkte erkennen. Graffiti auf Wänden werden z. B. tendenziell meist der Epigraphik zugeordnet, während die Mumientäfelchen – letztlich auch aufgrund ihrer geographischen Herkunft (Ägypten) – hauptsächlich der Papyrologie zugeschlagen werden. Bei handschriftlichen Zeugnissen kann auch die Anbringungsart für eine Zuordnung zu einer ›Grundwissenschaft‹ entscheidend sein. Mit Tinte beschriebene Scherben werden häufiger der Papyrologie zugerechnet, während geritzte Texte eher Gegenstand der Epigraphik sind; dies liegt auch daran, dass mit Tinte beschriebene Keramikstücke jenseits der üblichen Fundregionen papyrologischer Texte (Ägypten und im geringeren Umfang beispielsweise noch Syrien, Levante, Nordafrika oder Kreta) seltener erhalten sind. Hinsichtlich der Unterscheidung, die sich aufgrund der Funktion eines Textes auf einem Keramikstück erkennen lässt, ist Folgendes zu bemerken: Manche Texte wurden auf Keramikgefäßen angebracht, als diese noch intakt und funktionsfähig waren. Diese Zeugnisse hatten also eine Bedeutung im Zusammenhang mit dem Gebrauch des Gefäßes in der Antike; man spricht z. B. von Dipinti oder Tituli Picti. Andere Texte – und dies sind im Wesentlichen die als Ostraka angesprochenen Stücke – wurden erst auf einer Tonscherbe angebracht, als das Gefäß, der Teller, die Amphore etc. nicht mehr in Funktion war (s. Abb. 4.1). Aus defekten Keramikgefäßen wurden in sekundärer Nutzung – gewissermaßen durch ›Recycling‹ – Schriftträger. Im ersten Fall werden die Texte meistens der Epigraphik (s. Kap. 3), im zweiten Fall eher der Papyrologie (s. Kap. 4) zugerechnet.
Die mannigfaltigen Überschneidungen zwischen Klassischer Philologie, Papyrologie und Epigraphik ergeben sich auch aufgrund von Gemeinsamkeiten in der methodischen Aufarbeitung und Auswertung der Texte. Eigentlich sind sämtliche erhaltenen Textzeugnisse für sprachgeschichtliche Forschungen von Relevanz, wobei sich aber die Sprachwissenschaft nicht als einzelne ›Grundwissenschaft‹ der Alten Geschichte entwickelt hat. Sie ist im Wesentlichen eine Domäne der Klassischen Philologie und – mit einem Fokus auf der Alltagssprache – der Papyrologie. Ein weiterer Unterschied liegt auch in der literaturwissenschaftlichen Bewertung, die in der Papyrologie und Epigraphik eine untergeordnete Rolle spielt, während sie in der Klassischen Philologie (s. Kap. 2) von zentraler Bedeutung ist. Hier ergibt sich auch ein wichtiger Anknüpfungspunkt zwischen dem philologischen und dem althistorischen Fach: Für die Althistorie ist im Zuge der Quellenauswertung die konkrete literatur- und gattungsgeschichtliche Einordnung eines Textes sowie eine möglichst tiefgehende soziokulturelle Verortung eines Autors sehr wichtig, weshalb Inhalte und Methoden der Klassischen Philologie adaptiert werden müssen.
Für die Philologie ist wiederum charakteristisch, dass sie sich im Zuge der Textüberlieferung und -wiederherstellung grundlegend mit nachantiken Manuskripten beschäftigt und dadurch in vielerlei Hinsicht auch mediävistische Methoden und Kompetenzen umfasst.
Zwischen Archäologie und Numismatik gibt es ebenfalls grundlegende Überschneidungen: Beide ›Grundwissenschaften‹ befassen sich mit ikonographischen Quellen bzw. mit einer Quelle, in der ikonographische Darstellung und Textinformation verbunden sind. Gewiss gibt es auch Graffitizeichnungen oder Papyrusmalereien, die Material für eine Beschäftigung mit ›Bildquellen‹ sein können, doch ist die wissenschaftliche Auswertung ikonographischer Zeugnisse im Besonderen eine Aufgabe der Archäologie (s. Kap. 6). Die Münzen sind dabei eine spezielle Fundgruppe, die in vielerlei Hinsicht eigene Herausforderungen, Methoden und Inhalte aufweist und dabei können u. a. auch geld- und wirtschaftshistorische Fragen verfolgt werden (s. Kap. 5).
Neben der ikonographischen Überlieferung befasst sich die Archäologie auch mit architektonischen, typologischen, siedlungsarchäologischen oder grabungstechnischen Themen. Man kann zu Recht sagen, dass sie unter den auf ausgewählte Quellengruppen orientierten Grundwissenschaften die breiteste Disziplin ist; letztlich ist alles, was Papyrologie, Epigraphik und Numismatik auswerten, zunächst einmal ein archäologischer Fund. Sofern ein archäologischer Fundkontext vorliegt, können die archäologischen Fundzusammenhänge fundamentale Informationen (Herkunft, Datierung, soziokulturelle und wirtschaftliche Bedeutung etc.) über ein papyrologisches, epigraphisches oder numismatisches Quellenzeugnis liefern. Dies ist natürlich vice versa ebenfalls möglich: So können etwa Münzen und Papyri für die Datierung eines Grabungsbefundes von Bedeutung sein, oder der Name einer archäologisch untersuchten Siedlung ist vielleicht nur dank einer Inschrift oder eines Ostrakons bekannt.
Zwischen den auf einzelne Quellengruppen konzentrierten ›Grundwissenschaften‹ gibt es nicht nur diverse Berührungspunkte, sondern diese Disziplinen überschneiden und ergänzen sich in vielen Bereichen. Dies gilt im besonderen Maße für die Chronologie (s. Kap. 7), die Prosopographie (s. Kap. 8), die Rechtsgeschichte (s. Kap. 9) und die Historische Geographie (s. Kap. 10). Diese vier Disziplinen sind in erster Linie durch eine besondere Methodik sowie die Fokussierung auf spezielle Themen und Methoden gekennzeichnet. Allerdings sind sie keineswegs auf eine spezielle Quellengruppe begrenzt.
Der Erfolg und Umfang der prosopographischen Forschung, d. h. der Untersuchung bestimmter Personengruppen mit dem Ziel der Verdeutlichung von ›Personengeschichten‹ und sozio-politischen Verbindungen, ist abhängig vom verfügbaren Quellenmaterial; insbesondere ist eine gewisse Quantität an Zeugnissen notwendig, um verlässliche Informationen durch die Prosopographie zu erreichen. Dabei sind die Inschriften die wichtigste Quellengruppe, aber natürlich müssen auch literarische oder papyrologische Quellen ausgewertet werden. Die Übergänge zwischen den Quellendisziplinen können daher in prosopographischen Arbeiten häufig fließend sein. Ein besonderer Bereich ist dabei auch die Onomastik (griech. ὄνομα, ›Name‹), die namenskundliche Forschung (s. Kap. 8). Personennamen können Informationen über die kulturelle, geographische oder ethnische Herkunft einer Person liefern; mitunter können auch Erkenntnisse zu Datierungsfragen von Personennamen abgeleitet werden.
Als spezielle historische Methode ist auch die Historische Geographie zu verstehen, die die antike Raumwahrnehmung und -vorstellung sowie die Veränderung von Naturräumen, aber auch den Umgang mit naturräumlichen und nautischen Gegebenheiten oder die Toponymik untersucht. Hierbei werden – wie in der Prosopographie – sämtliche Quellengruppen, die entsprechende Informationen liefern können, in den Blick genommen. Ferner spielt die Wahrnehmung der rezenten topographischen Situationen sowie die Auswertung nachantiker Karten, Reiseberichte, Landschaftsdarstellungen etc. eine Rolle. Letztlich wird sämtliche historische Überlieferung über einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Region für die Bewertung antiker historisch-geographischer Fragestellungen rezipiert; insbesondere mit der Archäologie bestehen breite Überschneidungen.
Eine besondere Methodik und Fragestellung zeichnet auch die Chronologie (s. Kap. 7) aus. Diese Disziplin untersucht die antiken Techniken der Zeitbestimmung, der Zeitrechnung oder der Zeitangabe. Damit ist diese Grundwissenschaft unmittelbar mit der in der Geschichtswissenschaft omnipräsenten Datierungsfrage verbunden. Für alle Grundwissenschaften und generell für jedwedes historisches Forschen ist eine zeitliche Einordnung von Ereignissen, Personen, materiellen Gegenständen, schriftlichen Texten etc. von zentraler Wichtigkeit. Da für die Datierung archäologischer Funde in den jeweiligen spezialisierten Disziplinen besondere Methoden etabliert sind, besteht ein intensiver Austausch mit der Chronologie.
Schließlich ist noch die Rechtsgeschichte (s. Kap. 9) zu nennen, die eine besondere Form des historischen Forschens darstellt. Sie fokussiert sich auf die Etablierung, Praxis, Entwicklung, Verbreitung und Rezeption des antiken Rechtswesens. Diese Thematik, die anhand besonderer methodischer Zugriffe zu erforschen ist, hat dazu geführt, dass die Rechtsgeschichte teilweise als eigenes Fach gesehen wird, das nicht selten auch tatsächlich von Juristen betrieben wird. Die Rechtsgeschichte basiert in weiten Teilen auf ganz unterschiedlichen Quellengattungen. Für die römische Zeit sind insbesondere die großen spätantiken Gesetzessammlungen zu nennen; für das antike Griechenland liefern Inschriften oder literarisch überlieferte Reden die wichtigsten Erkenntnisse. Doch auch andere Überlieferungsgruppen stellen Quellenmaterial zur Erforschung des antiken Rechts zur Verfügung. Für die Rechtsgeschichte ist nicht nur die Auswertung erhaltener Gesetzestexte wichtig, sondern generell jede direkte oder indirekte Aussage zu Gesetzen, normativen Regeln und Rechtsprechung. Dazu werden sämtliche verfügbaren Quelleninformationen gesichtet, weshalb Methoden der entsprechenden Grundwissenschaften zu adaptieren sind.
Einzelne Arbeitsmethoden werden von verschiedenen Grundwissenschaften angewendet. Bei der Analyse von Handschriften oder Schriftbildern kommen Methoden der Philologie und der Papyrologie (s. Abb. 4.1 bis 4.3) zur Anwendung; man spricht von Paläographie (griech. παλαιός, ›alt‹; γράφειν, ›schreiben‹), wobei dieser Terminus generell die Beschäftigung mit alten Schriften und mit der Entwicklung von Schriftzeichen meint und dabei keinesfalls strikt als auf Handschriftliches begrenzt zu verstehen ist. So wird z. B. auch in der Epigraphik von Paläographie gesprochen. Hier geht es dann um die Ausführung gemeißelter oder gestanzter Buchstaben. Bei Amphorenaufschriften oder Wandgraffiti kann zudem ebenfalls von Paläographie die Rede sein, wenn der Fokus auf der handschriftlichen Ausführung einer Aufschrift liegt; hier ist die Arbeitsweise dann wieder sehr eng mit der Papyrologie verwandt.
Eine ebenfalls in verschiedenen Grundwissenschaften wichtige Methode ist die Autopsie (griech. αὐτός, ›selbst‹; ὄψις, ›das Sehen‹), das Prüfen von Quellen am Originalbestand. Autopsie kann z. B. im Museum bei der Analyse von Kunstwerken, Papyri oder Inschriften, aber ebenso auch in einer Landschaft bzw. vor Ort an einem Denkmal, Gebäude, einer Wegführung etc. erfolgen.
Die Erforschung der antiken Geschichte steht vor dem Problem einer relativen Quellenarmut. Nur ein geringer Bruchteil der einstigen literarisch-schriftlichen sowie der materiellen Kulturleistungen sind erhalten geblieben. Diese ›Armut‹ bedingt einerseits die zentrale Bedeutung der Grundwissenschaften für das historische Forschen, denn das stete Aufbereiten und Zugänglichmachen neuer Zeugnisse ist immer ein großer Gewinn, der unser Bild von der Antike manchmal massiv und nachhaltig verändert. Andererseits führt die ›Armut‹ dazu, dass sich die Grundwissenschaften in vielen Bereichen überschneiden und gegenseitig aufeinander angewiesen sind, denn stets muss man bemüht sein, jede greifbare historische Information in verschiedensten Quellengattungen wahrzunehmen. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, einleitend den ›Quellenbegriff‹ zu thematisieren.
Für die antike Geschichte werden verschiedene Grundkategorien des Quellenbegriffs differenziert. Grundsätzlich ist zwischen ›unmittelbar‹ und ›mittelbar‹ überlieferten Quellen zu unterscheiden, was mit der Überlieferungssituation zusammenhängt. Ein literarischer Text, wie ein Geschichtswerk oder ein Epos, ist nur mittelbar bekannt. Denn alle diese Texte wurden bereits in der Antike und in späteren Jahrhunderten immer wieder von Hand abgeschrieben; dabei ist ein solches Kopieren zum einen aus dem Grund des Texterhalts, zum anderen aufgrund von Vervielfältigungs- und Verbreitungsabsichten erfolgt (s. Kap. 2). Die ›Originale‹ liegen nie vor, weil kein Autograph (griech. αὐτός, ›selbst‹; γράφειν, ›schreiben‹) eines antiken Autors erhalten ist. Auch wenn literarische Werke auf einem antiken Papyrus erhalten geblieben sind, handelt es sich dennoch ›nur‹ um eine mittelbare Überlieferung. Denn der Papyrus selbst stammt zwar aus der Antike, aber der auf ihm niedergeschriebene Text ist bereits das Resultat einer Abschrift, die nicht unmittelbar vom Autor ausgeht. Nur äußerst selten sind literarische Werke ausschließlich epigraphisch überliefert; etwa der philosophische Text des Diogenes von Oinoanda oder der Tatenbericht des Augustus. Und auch diese Beispiele sind nur mittelbare Abschriften, die von einem anderen Schriftträger in Stein übertragen wurden.
Inschriften, Papyri, Ostraka, Münzen sowie archäologische Fundstücke jeder Art sind im Unterschied dazu unmittelbar überliefert. Es handelt sich um materielle Zeugnisse, die in der Antike entstanden und direkt auf uns gekommen sind. Anders als literarische Werke mussten sie nicht abgeschrieben oder vervielfältigt werden, um über lange Zeit erhalten zu bleiben. Natürlich gibt es aber auch hierbei Ausnahmen: In der Epigraphik werden z. B. gelegentlich auch Inschriftentexte behandelt, die heute verloren sind, in früheren Zeiten jedoch bereits schriftlich dokumentiert wurden. In diesen Fällen kann die Inschrift nicht mehr in Autopsie untersucht werden, man muss stattdessen quellenkritisch die erhaltene schriftliche oder zeichnerische Dokumentation überprüfen (s. Abb. 7.5); hier ergeben sich dann Gemeinsamkeiten mit der Klassischen Philologie, die intensiv nachantike Manuskripte behandelt.
Neben der Unterscheidung unmittelbar/mittelbar können Quellen auch in die Kategorien ›bewusste‹ und ›unbewusste‹ Überlieferung eingeordnet werden. Diese Einteilung hat nichts mit der Überlieferungssituation zu tun, sondern hängt mit dem Quelleninhalt sowie dem Grund zusammen, warum ein Quellenzeugnis überhaupt existiert. Von einer bewussten Überlieferung spricht man dann, wenn eine Quelle gezielt für die Öffentlichkeit und/oder die Nachwelt entstanden ist. Der Schöpfer der Quelle hat also bewusst Informationen verbreitet oder für spätere Zeiten zu erhalten versucht. Ein literarischer Text ist für ein Publikum entstanden, eine Statue oder ein Denkmal (s. Abb. 3.1 und 3.4) sollten öffentlich sichtbar sein, Münzen vermitteln via bildlicher und schriftlicher Aussage (Legende/Umschrift) bestimmte Intentionen etc. (s. Kap. 5). Dabei kann man wiederum zwischen den Adressaten differenzieren: Adressierte der Schöpfer ein zeitgenössisches Publikum oder vielmehr die Nachwelt? Bei intentional entstandenen Quellen kann ein bestimmtes Motiv vorausgesetzt werden (Selbstinszenierung etc.), sodass das vermittelte Bild nicht mit der Realität übereinstimmen muss.
Unbewusste Überlieferungen sind entsprechend jene Quellenzeugnisse, die nicht gezielt für eine Öffentlichkeit oder die Nachwelt angefertigt wurden. Keramik- und Glasfragmente, die Inventarliste eines Verwalters oder Privatbriefe auf Schreibtafeln, die auf einer Müllhalde entsorgt wurden, waren nicht als Wissensspeicher für spätere Rezipienten gedacht. Es handelt sich um Zeugnisse, die in aller Regel nicht für einen öffentlichen Raum bestimmt waren, sondern in privaten oder begrenzten Personenkreisen verwendet wurden und für die Benutzer einen funktionalen Charakter besaßen. Bei diesen Quellen handelt es sich oft um Gebrauchsgegenstände und Texte, die irgendwann ihre Bedeutung für ihre Besitzer verloren und nicht mehr benötigt wurden.
Unbewusst überlieferte Quellen liefern – im Gegensatz zu literarischen Werken – häufig keine ›Erzählungen‹ über die Vergangenheit; sie berichten nicht narrativ über Ereignisse und nehmen keine retrospektive Perspektive ein. Unbewusst überlieferte Quellen stammen vielmehr aus dem historischen Zusammenhang, über den sie informieren. Die Wandmalerei, die Innenausstattung und das Graffito in einer Taverne geben unmittelbar Eindruck von der Lebenswirklichkeit und dem Ambiente in einer Gaststätte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Keine intentionale Absicht verfälscht die Informationen.
Allerdings ist bei der inhaltlichen Kategorisierung von Quellen stets Vorsicht geboten! Das Beispiel der Taverne zeigt bereits an, wie problematisch die Unterscheidung zwischen bewusster und unbewusster Überlieferung sein kann. Das Kriterium des ›Publikumscharakters‹ ist bei einem literarischen Werk oder einer Statue klar gegeben. Allerdings ist ebenso festzuhalten, dass Aussagen einer Wandmalerei als Bildquelle oder die Graffiti, die jemand an eine Wand gekritzelt hat, ebenfalls als bewusste ›Botschaften‹ an ein Publikum aufgefasst werden können. Auch Alltagsgegenstände können durch ikonographische Gestaltung eine ›Geschichte‹ referieren, etwa mythologische Szenen auf Keramikprodukten. Wie lässt sich zwischen bewusster und unbewusster Überlieferung kategorisch unterscheiden? Die Unterscheidung bewusst/unbewusst fokussiert stets auf die Intention, die ein bestimmtes Bild von Ereignissen und Personen zeichnen möchte. Besonders wichtig scheint dabei, besagte Intentionen im politischen und ereignisgeschichtlichen Kontext zu erkennen und bewusste Überlieferung quellenkritisch einzuordnen. Denn für historische Fragestellungen ist man auf berichtende literarische Zeugnisse oder auf Inschriften, Denkmäler, Edikte etc. angewiesen, die von einem Herrscher oder einer politischen Administration stammen und ein bestimmtes Bild vermitteln wollen. Das konkrete quellenkritische Erkennen und Einordnen einer etwaigen Darstellungsabsicht spielt somit eine entscheidende Rolle bei der Rekonstruktion vergangener Realitäten und eine Sensibilisierung für das Überlieferungsbewusstsein einer Quelle muss entwickelt werden.
Generell ist zu betonen, dass die Einordnung in bewusste oder unbewusste Überlieferungskategorien natürlich immerzu von den jeweiligen Fragestellungen abhängt. Die Statue eines römischen Kaisers (s. Abb. 6.8) ist hinsichtlich der politischen Repräsentation des jeweiligen Machthabers zweifellos eine bewusste Überlieferung. Wenn man die Statue aber als Quelle für eine kunsthistorische Frage – etwa mit einem Fokus auf die Entwicklung der Bildhauerkunst in einer bestimmten Region oder mit Fokus auf die Rezeption spezieller ikonographischer Merkmale – heranzieht, kann man nicht mehr von einer bewussten Quelle sprechen. Für diese Fragen ist die durch die Statue überlieferte Information keineswegs intentionell verfälscht. Ähnliches gilt für Münzen: Unabhängig von der Repräsentation eines Herrschers kann eine Münze in Kombination mit dem Fundort ggfs. auch für wirtschafts- oder handelsgeschichtliche Fragen interessant sein. Was z. B. ein hellenistischer König mit den Darstellungen auf Münzen, die heute in Indien entdeckt werden, beabsichtigt hat, ist für die Wirtschaftsgeschichte zweitrangig. Solche Münzfunde können beispielsweise über Handelsbeziehungen und -wege oder vielleicht ansatzweise sogar über Handelsvolumen Auskunft geben. Trägt man diese Fragen an die Münzen heran, sind sie als unbewusste Überlieferung einzuordnen. Bewusste und unbewusste Überlieferung können also in ein und derselben Quelle zusammenfallen – die Grenzen sind fließend.
Bei der Behandlung der Frage ›Was ist eine Quelle?‹ ist auch die abstrakte Überlieferung zu bedenken. Losgelöst von der Überlieferungssituation gibt es kulturelle Traditionslinien, die über lange Zeiträume konstant bleiben und dadurch historisches Wissen transferieren. Viele Gewässernamen in Mitteleuropa gehen etwa auf keltische Wörter zurück. Man fasst damit ein Relikt aus der Vergangenheit, das indirekt anzeigt, dass einst eine keltischsprachige Bevölkerung in einer bestimmten Region über lange Zeit ansässig gewesen sein muss. Mittels der Etymologie (griech. ἔτυμος, ›wahr, echt‹; λόγος, ›Wort‹) ist es möglich, solche ›Wortgeschichten‹ zu rekonstruieren und damit sehr altes Kulturgut heute noch erkennbar zu machen. Auch in Personen- und Götternamen oder in Toponymen können solche Informationen konserviert worden sein. Zudem gehen mitunter Sitten und Brauchtum auf sehr frühe Ursprünge zurück. Solche Kulturkonstanten müssen nicht an materielle Quellen gebunden sein, sondern wurden über Generation weitergegeben, weshalb man von einer abstrakten Überlieferung spricht.
Schließlich ist für die Alte Geschichte der Unterschied zwischen ›Quelle‹ und moderner wissenschaftlicher ›Literatur‹ zu nennen. Systematisch muss zwischen den historischen Quellen einerseits und der Forschungsliteratur andererseits unterschieden werden. Letztere ist keine Quelle, sondern das Resultat der intensiven Bewertung und kritischen Interpretation historischer Überlieferung. ›Forschungsliteratur‹ basiert auf der ausführlichen Beschäftigung mit und der Auswertung von ›Quellen‹.
Jede historische Überlieferung ist hinsichtlich ihres Aussagewertes kritisch zu prüfen. Die besonderen Eigenschaften einer Quelle sind zu beachten. Dabei sind die Überlieferungssituation, der Erhaltungszustand, die Herstellungsart, das Material, die Datierung und die geographische Verortung wichtige Aspekte. Dies wird als ›äußere‹ Quellenkritik aufgefasst.
Bei literarischen Quellen ist eine intensive Beschäftigung mit dem Autor grundlegend; hier kann man sich an den sogenannten W-Fragen bzw. ähnlichen Fragen orientieren, die als Einstieg für ein tiefergehendes Reflektieren über den Quellenwert hilfreich sind: Wer war der Autor? Wann hat er wo gelebt? War er ein Zeit- oder gar Augenzeuge der geschilderten Ereignisse? Welche Zeitspanne liegt zwischen seiner Lebenszeit und den berichteten Ereignissen? In welchem Lebensabschnitt des Autors ist das Werk entstanden? Warum und wo hat er sein literarisches Werk geschrieben? Was will ein Autor mit einem Text erreichen bzw. welches Ziel verfolgt er? Welche politische, religiöse, soziale, kulturelle, wirtschaftliche etc. Prägung besaß er? Welche persönliche Distanz besaß ein Autor zu den geschilderten Ereignissen oder haben diese sein Leben direkt oder indirekt beeinflusst? In welcher Sprache dachte und schrieb er? Was sagt er über seine Biographie, seine Bildung, seine Aufenthalts- und Wohnorte und seinen beruflichen Werdegang aus? An wen hat er sein Werk adressiert? Welche Quellen hat er verwendet? In welchen Sprachen waren diese Quellen verfasst und wie datieren sie? Liegen diese Quellen heute noch vor? Was für eine Textgattung liegt vor und welche genretypischen Stilelemente sind für diese üblich? Wie sind die Stilistik seiner Sprache und die Textgestaltung zu bewerten? Welche Inhalte eines Texts werden ausführlich, welche eher knapp oder gar nicht behandelt? Ist der Inhalt generell plausibel und realistisch oder durch Übertreibungen geprägt?
Solche und ähnliche Fragen ermöglichen einen Einstieg in eine kritische Beschäftigung mit einem literarischen Text. Die Fragen sind in ähnlicher Form auch für die anderen Quellenarten adaptierbar, gleichwohl der Erkenntnisgewinn bei einzelnen Fragen in der Beschäftigung mit Inschriften, Papyri, archäologischen Befunden etc. stets unterschiedlich bemessen ist. Die kritischen Fragen, die auf die inhaltliche Glaubwürdigkeit einer Quelleninformation abzielen, können allgemein als ›innere‹ Quellenkritik bezeichnet werden. Jedoch überschneiden sich ›innere‹ und ›äußere‹ Quellenkritik je nach Quellengattung und je nach Fragestellung.
Wichtig ist das beständige Verifizieren oder Falsifizieren der Informationen, die aus einer Quelle gewonnen werden können. Dabei sind Parallelquellen von zentraler Bedeutung. Darunter versteht man Quellen, die über ein gleiches Thema, ein gleiches Ereignis oder eine gleiche Person Informationen liefern, dabei aber nicht inhaltlich voneinander abhängig sind. Wenn etwa Autoren wie Sueton, Tacitus oder Cassius Dio über eine vermeintlich willkürliche Herrschaft eines Kaisers berichten, kann dies nicht voreilig als gegenseitiges Stützen der historischen Information aufgefasst werden. Vielmehr muss geprüft werden, ob die besagten Autoren ihre jeweiligen Werke gekannt und sie für ihr eigenes Werk als Quelle verwendet haben. Möglicherweise können auch alle uns heute vorliegenden Quellen von einem nicht mehr vorliegenden Text abgeschrieben sein. Besteht eine solche Quellenabhängigkeit und bieten die Autoren gleiche oder ähnliche Bewertungen, kann eine Überlieferungstradition vorliegen. Daher kann durch einen Vergleich der Textinhalte deren Aussage nicht zwingend verifiziert werden. Anders liegt der Fall, wenn Autoren über die gleichen Themen berichten, aber unterschiedliche Wertungen und Informationen liefern. Hier werden individuelle Wertungen oder gar unterschiedliche Quellenvorlagen ersichtlich und man kann diese dann nicht als eine Tradition abqualifizieren. Es zeigt sich hier, dass das kritische Bewerten der Quelleninhalte ein schwieriger und unter Selbstreflektion stetig zu wiederholender Arbeitsprozess ist.
Das Arbeiten mit Parallelquellen ist insbesondere dann vielversprechend, wenn man Zeugnisse unterschiedlicher Quellengattungen vergleicht. Werden die Aussagen eines antiken Autors etwa durch inschriftliche oder papyrologische Informationen bestätigt, liegt in aller Regel eine Parallelüberlieferung vor. So können beispielsweise literarisch verbürgte Lebensdaten anhand von sogenannten cursus-honorum-Inschriften überprüft oder etwa literarisch referierte Gesetze eines ptolemäischen Königs mit auf Papyri erhaltenen Gesetzestexten abgeglichen werden.
Aus Sicht der Grundwissenschaften ist der Beginn der griechisch-römischen Antike mit dem Aufkommen griechischer Literatur ab etwa dem 8. Jahrhundert v. Chr. anzusetzen. Frühere Jahrhunderte können nicht gänzlich außer Acht gelassen werden, denn kulturelle, religiöse, politische, materielle, soziale etc. Gegebenheiten haben bis in die Zeit gewirkt, die uns durch die griechische Literatur erkennbar wird. Auch gab es früher bereits eine griechische Schriftsprache, das sogenannte Linear B. Diese Sprache wurde in der Mykenischen Zeit entwickelt, welche in der späten Bronzezeit als erste schriftnutzende Kultur Griechenlands aufkam (ca. 1500–1100 v. Chr.). Andere an die östliche Mittelmeerwelt angrenzende Hochkulturen, etwa Kulturvölker des Alten Orients oder Ägyptens, verfügten bereits früher über Schriften. Die Entzifferung und Auswertung der Texte und Schriftsysteme, die vor dem 8. Jahrhundert v. Chr. existierten, werden von speziellen Wissenschaften (Mykenologie, Altorientalistik, Ägyptologie) durchgeführt, die als ›Nachbarwissenschaften‹ der Grundwissenschaften der griechisch-römischen Antike anzusehen sind. Weniger statisch ist diese ›Grenze‹ in der Archäologie. Zwar gibt es auch Spezialausrichtungen wie die Vor- und Frühgeschichte, doch befasst sich auch die ›klassisch‹ orientierte Archäologie vielfach mit der mykenischen und der insbesondere auf Kreta konzentrierten minoischen Kultur, die Ausgangspunkte für die materielle und kulturelle Geschichte der griechischen Hochkultur sind. Aufgrund des Fokus auf die Grundwissenschaften muss das Aufkommen der klassischen griechischen Schriftsprache als wichtige ›Zäsur‹ betont werden.
Ein Endpunkt der griechisch-römischen Welt ist ebenfalls nicht einfach festzulegen. Oft wird das ›Ende‹ der Antike mit dem ›Ende‹ des römischen Staats gleichgesetzt, wobei dieser in Form des byzantinisch-oströmischen Reichs bis ins 15. Jahrhundert fortbestand. Auf der Suche nach Epochengrenzen können ferner wichtige politische und religiös-kulturelle Zäsuren betont werden, wie die Gründung Konstantinopels im Jahr 330 n. Chr., die dann als neue Hauptstadt des (ost-)römischen Reiches bis 1453 bestehen blieb; die sogenannte ›Völkerwanderung‹ und die Etablierung germanischer Nachfolgestaaten in Westeuropa und Nordafrika, die die römische Staatlichkeit ersetzten und einen Ausgangspunkt für die mittelalterliche Geschichte bilden; die Absetzung des Romulus Augustulus im Jahr 476 n. Chr., die symbolisch als Ende des Kaisertums im Westen angesehen werden kann; der Aufstieg des Christentums zur dominierenden Religion ab dem 4. Jahrhundert n. Chr. und der damit einhergehende Rückgang der ›paganen‹ antiken Kulte; die Herrschaftszeit Justinians I. (527–565 n. Chr.), der nochmals weite Teil des römischen Westens zurückerobern konnte; die Herrschaftszeit des Herakleios (610–641 n. Chr.), in der der letzte römisch-sasanidische Krieg beendet wurde; die arabische Expansion ab den 630er Jahren, die ganz Nordafrika und Teile Spaniens im Westen sowie weite Gebiete der arabischen, orientalischen, aber auch der oströmischen Welt erfasste und zudem eine neue Weltreligion verbreitete; die sogenannte Themenreform, die im 7./8. Jahrhundert zu einem neuen administrativen System von Militärprovinzen im byzantinisch-oströmischen Staat führte; die Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahr 800 n. Chr., wodurch im Westen wieder ein ›römisches‹ Kaisertum existierte; in dieser Zeit entstand im Westen auch die sogenannte karolingische Renaissance, welche für die Überlieferung antiker Literaturwerke in Westeuropa sehr wichtig war.
Diese Ereignisse und Zeitspannen, die exemplarisch aufgelistet wurden, sind einzeln nicht geeignet, um ein ›Ende‹ der antiken Geschichte definieren zu können. Das ›Ende‹ der Antike ist als dynamischer und multikausaler Transformationsprozess vom frühen 4. Jahrhundert bis ins 8. Jahrhundert aufzufassen.
Aus Sicht der Grundwissenschaften ist dabei zu betonen, dass es auch für die Übergangsphase zwischen Antike und Mittelalter verschiedene Spezialdisziplinen gibt, die als Nachbarwissenschaften angesprochen werden müssen. Die Byzantinistik behandelt die Geschichte und Kultur des byzantinisch-oströmischen Staates zwischen dem 4. und dem 15. Jahrhundert. Arabistik und Islamwissenschaft befassen sich mit der Geschichte und Kultur der arabischen Welt. Die Mediävistik ist für die Geschichte und Kultur des lateinischen Mittelalters in Westeuropa zuständig. Insbesondere für die Überlieferung antiker Texte sind diese drei ›Nachbarn‹ von großer Bedeutung und es gibt entsprechend viele methodische und inhaltliche Anknüpfungspunkte mit der Alten Geschichte und Klassischen Philologie. Erst in jüngerer Vergangenheit wird dabei die große Bedeutung der arabischen Gelehrten des Mittelalters für die Vermittlung antiker Kulturgüter, insbesondere philosophischer und wissenschaftlicher Schriften, angemessen berücksichtigt.
Jede Form der Epocheneinteilung ist künstlich und als Versuch zu begreifen, in der Rückschau historische ›Einheiten‹ herzustellen, um eine geschichtliche Orientierung zu vereinfachen. Dies gilt auch für die Unterteilung einer Epoche. Die Antike kann grob in die Griechische und in die Römische Geschichte aufgeteilt werden. Als wesentliche Epocheneinteilungen sind zu nennen: die Archaik (8. Jh. v. Chr. bis 510/490 v. Chr.), die Klassik (490 bis 323 v. Chr.) und der Hellenismus (323 bis 30 v. Chr.) bzw. die Römische Königszeit (ca. 753 bis ca. 510 v. Chr.), die Römische Republik (510 bis 27 v. Chr.), die Römische Kaiserzeit (27 v. bis 284 n. Chr.) und die Spätantike (ab 284 n. Chr.). Dabei liegen die drei griechischen Epochen zeitlich parallel mit der Römischen Königszeit und der republikanischen Zeit Roms.
Die Unterteilung der römischen Zeit ist durch politische Veränderungen gekennzeichnet: Zum einen die Vertreibung des letzten Königs Tarquinius Superbus und die Etablierung einer aristokratisch geprägten Mischverfassung, die sich erst in einem längeren Prozess entwickelt hat und die retrospektiv als Republik bezeichnet wird. Diese res publica wurde nach einem Jahrhundert voller Bürgerkriege (133 bis 30 v. Chr.) durch die Herrschaft eines Mannes kontrolliert, der ab 27 v. Chr. als Augustus in die Geschichte einging. Abgeleitet vom Namen Caesar wird diese Herrschaftsform, die bis zum Ende der Antike bestand, als Kaiserherrschaft bezeichnet. Die Spätantike ist gekennzeichnet durch besondere politische sowie kulturelle Konstellationen – wie eine Vierkaiserherrschaft (Tetrarchie) am Ende des 3. und zu Beginn des 4. Jahrhunderts; ein Mehrkaisertum, welches zu einer Aufteilung zwischen westlichem und östlichen Reichsteil führte (ab 395, s. Abb. 1.1); gelegentliches Kindkaisertum im 5. Jahrhundert; Völkerwanderung und Nachfolgestaaten; Christianisierung; Gründung einer neuen Hauptstadt etc. Aufgrund dieser hier nur beispielhaft genannten Besonderheiten wird die Spätantike als Epocheneinteilung von der Kaiserzeit getrennt.
Für die Unterteilung der griechischen Geschichte dienen ebenfalls kunsthistorische und politische Ereignisse. Die Klassik geht zurück auf die Weiterentwicklung rundplastischer Kunst, wobei ein deutlicher Entwicklungssprung in den Jahrzehnten zwischen 510 und 490 v. Chr. erkennbar wird. Hier ergibt sich eine ›Zäsur‹, die man grob mit politischen Entwicklungen synchronisiert. Zu nennen ist etwa die Vertreibung der Peisistratiden aus Athen (510 v. Chr.) oder der Ionische Aufstand (500/499–494 v. Chr.); damals begehrten Griechenstädte an der Westküste der heutigen Türkei gegen die persische Herrschaft auf. Eine Folge davon waren u. a. die dank Herodot von Halikarnassos berühmt gewordenen Perserkriege des 5. Jahrhunderts v. Chr., die als politisches Großereignis am Beginn der Klassik stehen. Der Übergang zum Hellenismus ist schließlich durch ein politisches Ereignis markiert: Makedonien stieg zur führenden Herrschaftsmacht Griechenlands auf. Insbesondere ist der nach dem Tod Philipps II. (336 v. Chr.) von seinem Sohn Alexander III. (der Große) unternommene Angriff auf das persische Großreich als epochenmachend zu nennen. Der Alexanderzug sowie die sich nach dem Tod Alexanders (323 v. Chr.) etablierenden sogenannten Diadochenreiche sorgten für eine sehr weite Verbreitung der griechischen Sprache und Kultur im Osten der Mittelmeerwelt sowie im Orient. In der Zeit der Römischen Republik weitete sich die Macht der Tiberstadt immer weiter gen Osten aus und beherrschte schließlich die ganze Mittelmeerwelt. Als letztes Diadochenreich fiel das Reich der Ptolemäer in Ägypten unter römische Herrschaft: Mit Kleopatra VII. starb 30 v. Chr. die letzte ptolemäische Königin. Zugleich beendete Octavian, der bald darauf Augustus genannte wurde, die römischen Bürgerkriege und sicherte sich als Alleinherrscher die Kontrolle über den römischen Staat. Das Ende der hellenistischen und der römischrepublikanischen Epoche fallen hier zusammen und gehen in der Kaiserzeit auf.
Abb. 1.1: West- und Oströmisches Reich in der Spätantike.
Geographisch umfasst die griechisch-römische Antike in etwa den Raum von der afrikanischen Atlantikküste im Westen bis zum Hindukusch im Osten sowie von den schottischen Highlands im Norden bis zur Sahara im Süden bzw. von der russischen Steppe bis zum Horn von Afrika. Diese vage Beschreibung resultiert aus einer groben künstlichen Zusammenfügung der beiden politisch-kulturellen Gebiete, die das sogenannte Alexanderreich (s. Abb. 1.2) und das Römische Reich (s. Abb. 1.3) ausgemacht haben. Dabei ist die hier umrissene geographische Ausbreitung ein vereinfachtes Konstrukt, das lediglich eine Orientierung über den Gesamtraum der griechisch-römischen Antike vermittelt. Die geographische Ausdehnung war in verschiedenen Jahrhunderten unterschiedlich, während der Mittelmeerraum stets das Zentrum der griechisch-römischen Kultur bildete.
In diesem skizzierten Großraum waren – vereinfacht gesagt – die griechische und die lateinische Sprache und Kultur verbreitet. Allerdings erfolgte keineswegs eine gleichmäßige Vereinheitlichung von Kultur, Sprache, Religion etc. Ferner gab es Gebiete außerhalb dieses Raumes, die ebenfalls durch die griechisch-römische Kultur beeinflusst waren und die in einem intensiven Austausch mit der Mittelmeerwelt standen: z. B. die Verbindungen zu keltischen oder germanischen Völkern in Nord- und Osteuropa, die vielfältigen Kontakte in den eurasischen Steppenraum, der Indienhandel über das Rote Meer und den Indischen Ozean oder der rege Austausch über die sogenannte(n) Seidenstraße(n).
Verlässt man die Makroperspektive, so stellt man schnell fest, dass innerhalb dieses Raumes diverse unterschiedliche kulturelle und ethnische Gruppen existierten. Dies verdeutlicht sich nicht nur in politischen Konstellationen sowie religiösen Besonderheiten, sondern auch in verschiedenen gleichzeitig lebendigen Sprachen. Die diversen Kulturgruppen blieben über Jahrhunderte lebendig und haben teilweise, wie etwa die koptische, keltische und germanische Sprache, die antike Zeit überlebt. Gelegentlich spricht man aus einer griechisch-römischen Perspektive von ›Randvölkern
