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Beschreibung

Der sichere Umgang mit Quellen ist das Fundament für die eigenständige Erforschung und ein tieferes Verständnis jeder historischen Epoche. Der dritten Band der "Werkzeuge der Historiker:innen" stellt das Handwerkszeug für die Arbeit mit Quellen der Frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts bereit und bietet eine systematische Einführung in die zugehörigen historischen "Grundwissenschaften". Beispielorientiert stellen Jan Simon Karstens und sein Team ausgewiesener Expert:innen Disziplinen wie Paläographie, Aktenkunde, Genealogie, Phaleristik, Historische Kartographie oder Numismatik vor und darüber hinaus eine Auswahl von wichtigen Quellentypen der Neuzeit wie Akten, Periodika, Flugschriften oder Briefe. Verständlich präsentieren sie Forschungsstand, Methoden und weiterführende Literatur sowie digitale Hilfsmittel. Ein Muss für alle Studierenden und historisch Interessierten.

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Seitenzahl: 417

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Werkzeuge der Historiker:innen

Umschlagabbildung: Letterpress Manufaktur Hamburg, https://www.letterpress-manufaktur-hamburg.de

Jan Simon Karstens (Hrsg.)

Werkzeuge der Historiker:innen

Neuzeit

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.

1. Auflage 2025

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart

[email protected]

Print:

ISBN 978-3-17-043420-2

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-043421-9

epub: ISBN 978-3-17-043422-6

Der sichere Umgang mit Quellen ist das Fundament für die eigenständige Erforschung und ein tieferes Verständnis jeder historischen Epoche. Der dritten Band der "Werkzeuge der Historiker:innen" stellt das Handwerkszeug für die Arbeit mit Quellen der Frühen Neuzeit und des 19. Jahrhunderts bereit und bietet eine systematische Einführung in die zugehörigen historischen "Grundwissenschaften".

Beispielorientiert stellen Jan Simon Karstens und sein Team ausgewiesener Expert:innen Disziplinen wie Paläographie, Aktenkunde, Genealogie, Phaleristik, Historische Kartographie oder Numismatik vor und darüber hinaus eine Auswahl von wichtigen Quellentypen der Neuzeit wie Akten, Periodika, Flugschriften oder Briefe. Verständlich präsentieren sie Forschungsstand, Methoden und weiterführende Literatur sowie digitale Hilfsmittel.

Ein Muss für alle Studierenden und historisch Interessierten.

PD Dr. Jan Simon Karstens lehrt und forscht an der Universität Trier.

Inhalt

Vorwort

I.  Methoden und Hilfswissenschaften

1  Die Werkzeuge der Neueren Geschichte

Jan Simon Karstens

1.1  Die Grenzen der Neuzeit (und dieses Bandes)

1.2  Die Quellen der Neuzeit

1.3  Die Neuzeit erforschen I: Der Kreislauf von Thema, Fragestellung und Material

1.4  Die Neuzeit erforschen II: Quellenrecherche und Quellenanalyse

1.5  Literatur

1.5.1  Einführungen und Überblickswerke

1.5.2  Digitale Hilfsmittel

2  Paläographie

Florian Lehrmann und Robert Meier

2.1  Einführung

2.2  Methodik

2.2.1  Grundzüge der Schriftentwicklung

2.2.2  Neugotisch-deutsche Schriften: Fraktur, Kanzlei, Kurrent

2.2.3  Antiqua-Schriften: Antiqua-Minuskel, Antiqua-Kursive

2.2.4  Abkürzungen in neugotisch-deutschen und Antiqua-Schriften

2.2.5  Übungsmöglichkeiten und Transkriptionsregeln

2.2.6  Maschinen lesen – Paläographie im digitalen Zeitalter

2.3  Literatur und Hilfsmittel

2.3.1  Einführungen

2.3.2  Spezialliteratur

2.3.3  Abbildungswerke und Übungsbücher

2.3.4  Digitale Hilfsmittel

3  Aktenkunde

Karsten Uhde

3.1  Entwicklung und Stand der Aktenkunde

3.2  Gegenstand der Aktenkunde

3.3  Methoden der Aktenkunde

3.3.1  Die analytische Aktenkunde

3.3.2  Die systematische Aktenkunde

3.3.3  Die Klassifikation nach dem »Alten Stil« (16.–18. Jahrhundert)

3.3.4  Die Klassifikation nach dem »Neuen Stil« (19. Jahrhundert)

3.3.5  Die genetische Aktenkunde

3.3.6  Die rekonstruierende Aktenkunde

3.4  Ein Fallbeispiel

3.5  Literatur

3.5.1  Einführungen und Überblickswerke

3.5.2  Digitale Hilfsmitttel

4  Kartographie

Thomas Horst

4.1  Einführung

4.2  Der interdisziplinäre Fachbereich ›Geschichte der Kartographie‹

4.3  Aufgabengebiete

4.4  Geschichte des Fachbereichs

4.5  Untersuchungsgegenstände: Frühneuzeitliche Kartentypen

4.5.1  Portolankarten für nautische Zwecke

4.5.2  Augenscheinkarten als Hilfsmittel für die Verwaltung

4.5.3  Ptolemäus-Rezeption, erste Landesaufnahmen und Regionalkarten

4.5.4  Gedruckte Welt- und Atlaskarten sowie topographische Landesaufnahmen

4.5.5  Anwendungsbeispiele

4.6.  Literatur

4.6.1  Überblickswerke

4.6.2  Kartenbibliographien und Faksimiles

4.6.3  Digitale Hilfsmittel

5  Chronologie

Jan Simon Karstens

5.1  Einführung

5.2  Wie die Zeit vergeht – Forschungsstand

5.3  Drei Herausforderungen für die Quellenarbeit

5.3.1  Jahreswechsel: Geschrieben im Jahr 1535 – oder doch nicht?

5.3.2  Die Kalenderreform von 1582: Beherrscht der Papst die Zeit?

5.3.3  Der Französische Revolutionskalender – Beginn einer neuen Zeitrechnung?

5.4  Praktische Hinweise

5.5  Literatur

6  Metrologie

Werner Scheltjens

6.1  Einführung und Definition

6.2  Metrologie als Grundwissenschaft und eigenes Forschungsfeld – Geschichte und aktuelle Fragestellungen

6.3  Ordnung in der Vielfalt

6.4  Quellen und Nachschlagewerke

6.5  Zukunft

6.6  Literatur

6.6.1  Einführungen

6.6.2  Nachschlagewerke

7  Uniformenkunde

Matthias Rogg

7.1  Militärische Kleidung als historische Quelle

7.2  Quellen und Ressourcen

7.3  Begriffe

7.4  Soldatische Tracht im 16. und 17. Jahrhundert

7.5  Militärische Uniformen im 18. Jahrhundert

7.6  Literatur

7.6.1  Periodika

7.6.2  Mode

7.6.3  Militärische Tracht und Uniformen

8  Numismatik

Sebastian Steinbach

8.1  Einleitung

8.2  Münz-ähnliche Objekte und nicht-monetäres Geld

8.3  (Falsch-)Datierungen und absolute Chronologien

8.4  Münzherstellung – Eine neuzeitliche Technikgeschichte

8.5  Die neuzeitliche Münzprägung in Deutschland

8.6  Literatur

8.6.1  Einführungen

8.6.2  Spezialliteratur

8.6.3  Digitale Hilfsmittel

9  Netzwerkanalyse

Martin Grandjean

9.1  Einführung

9.2  Die Vielfalt historischer Netzwerke – Der Stand der Forschung

9.3  Grundlagen der Netzwerkanalyse

9.3.1  Visuelle Analyse: Die Struktur lesen

9.3.2  Globale und lokale Graphmetriken: Quantifizierung der Konnektivität

9.4  Anwendung historischer Netzwerkanalyse

9.4.1  Welche Perspektive?

9.4.2  Welche Daten?

9.4.3  Welche Interpretation?

9.5  Digitale Ressourcen

9.6  Literatur

9.6.1  Einführungen und Spezialliteratur

9.6.2  Digitale Hilfsmittel

10  Genealogie

Anett Müller und Katrin Heil

10.1  Einführung

10.2  Forschungsgeschichte

10.3  Darstellungsformen

10.4  Recherchewege und Quellen

10.4.1  Kirchenbücher

10.4.2  Personenstandsregister

10.4.3  Meldeunterlagen

10.4.4  Leichenpredigten

10.4.5  Universitäts- und Hochschulmatrikeln und Schulprogramme/Schulschriften

10.4.6  Ortsfamilienbücher

10.4.7  Familienarchive, Nachlässe und genealogische Nachlässe

10.4.8  Weitere archivalische Quellen

10.4.9  Adressbücher

10.4.10  Ortsverzeichnisse

10.5  Ausgewählte Forschungsfelder der Genealogie

10.5.1  Hugenotten ()

10.5.2  Salzburger Emigranten

10.5.3  Auswanderungen nach Russland und Südosteuropa

10.5.4  Auswanderungen nach Übersee

10.5.5  Jüdische Genealogie

10.6  Literatur

10.6.1  Einführungen und Spezialliteratur

10.6.2  Digitale Hilfsmittel

11  Digital Humanities (Stilometrie)

Simon Dagenais

11.1  Einführung

11.2  Methoden der digitalen Geisteswissenschaften: ein Überblick

11.3  Stilometrie – Definition und Anwendungsbereiche

11.4  Forschungsstand

11.5  Das Paket für die Programmiersprache R

11.5.1  Vorbereiten des Korpus für eine Analyse mit

11.5.2  Installation von

11.5.3   anwenden und Analyseparameter festlegen:

11.5.4  Bevor Sie weitermachen: Validierung Ihrer ersten Analyse

11.6  Beispiel: Eine stilometrische Analyse französischer Flugschriften

11.6.1  Erste Analyse

11.6.2  Zweite Analyse: Modifizierte Parameter

11.6.3  Dritte Analyse: Unterschiedliche Methoden

11.7  Zusammenfassung und Ausblick

11.8  Literatur

11.8.1  Einführungen

11.8.2  Spezialliteratur

11.8.3  Digitale Hilfsmittel

II.  Quellen

12  Briefe

Ursula Lehmkuhl

12.1  Definition und Quellenwert

12.2  Brieftypen und ihre Eigenschaften

12.2.1  Offizielle Briefe

12.2.2  Private Briefe

12.2.3  Auswandererbriefe

12.2.4  Feldpostbriefe

12.2.5  Religiöse Briefe

12.2.6  Gelehrtenbriefe

12.2.7  Geschäftliche Briefe

12.2.8  Politische Briefe

12.3  Archive und Archivierung von Briefen

12.4  Fazit

12.5  Literatur

12.5.1  Einführungen

12.5.2  Gedruckte Briefeditionen

Auswandererbriefe

Feldpostbriefe

Liebesbriefe

12.5.3  Digitale Hilfsmittel

13  Rechnungsbücher, Zollregister und Notariatsakten – Massendokumente der Wirtschaftsgeschichte

Heinrich Lang und Magnus Ressel

13.1  Einführung

13.2  Definitionen

13.3  Forschungsgeschichte und Methodik

13.4  Überlieferungssituation und analytische Zugänge

13.5  Literatur

13.5.1  Einführungen und Spezialliteratur

13.5.2  Digitale Hilfsmittel

14  Kriminal- und Strafgerichtsakten

Rita Voltmer

14.1  Einführung

14.2  Strafverfahren und Akten – die Norm

14.3  Vom Umgang mit Kriminalakten – die Praxis

14.4  Das Konstrukt ›Kriminalakte‹ – Eigenschaften der Quellengattung

14.5  Notare und Schreiber – Architekten der Akten oder getreue Protokollanten?

14.6  Die Rolle der Folter

14.7  Forschungsperspektiven – Auswahl

14.8  Zur historischen Relevanz von Kriminalakten

14.9  Literatur

14.9.1  Einführungen

14.9.2  Spezialliteratur

14.9.3  Editionen

14.9.4  Digitale Hilfsmittel

15  Periodika (Zeitungen und Journale)

Christian Meierhofer

15.1  Einführung

15.2  Definitionen und Eigenschaften

15.3  Historische Entwicklung

15.4  Analytische Zugänge

15.4.1  Prämissen

15.4.2  Georg Greflingers

15.4.3  Johann Gottfried Zenners

15.5  Zusammenfassung

15.6  Literatur

15.6.1  Einführungen und Überblickswerke

15.6.2  Spezialliteratur

15.6.3  Quellen (Nachdrucke)

15.6.4  Digitale Hilfsmittel

16  Lexika und Enzyklopädien

Jan Simon Karstens

16.1  Definition und Eigenschaften

16.2  Analytische Zugänge

16.3  Auswahl historischer Lexika und Enzyklopädien

16.3.1  Das (1715)

16.3.2   1728

16.3.3  Das (Leipzig 1731–1754)

16.3.4   1751–1780

16.3.5   (1773–1858)

16.3.6  

16.3.7   (1834–1838)

16.3.8  ›Der Brockhaus‹/›Der Meyer‹/›Der Herder‹ – Lexika des 19. Jahrhunderts

›Der Brockhaus‹

›Der Meyer‹

›Der Herder‹

16.4  Literatur

16.4.1  Einführungen

16.4.2  Digitale Editionen

17  Flugpublizistik

Daniel Bellingradt

17.1  Definition und Eigenschaften

17.2  Historische Entwicklung

17.3  Forschungsperspektiven und analytische Zugänge

17.4  Literatur

17.4.1  Überblickswerke und Spezialliteratur

17.4.2  Exemplarische Kataloge

17.4.3  Digitale Hilfsmittel

III.  Anhang

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Abbildungsverzeichnis

Index

Sachregister

Personenregister

Vorwort

Als im Jahr 1958 Ahasver von Brandt (1909–1977) seine Einführung in die historischen Hilfswissenschaften, Werkzeug des Historikers, als 33. Band der Urban Taschenbücher vorlegte, rechnete wohl niemand damit, dass dieses Buch zu einem der meistverkauften Lehrbücher der Geschichtswissenschaft werden würde. Noch immer findet das Werk in seiner mittlerweile 18. Auflage nicht nur in der universitären Lehre reiche Anwendung, sondern gibt die Standards in der Quellenkunde vor.

Obwohl es für jeden Wissenschaftsverlag eine große Freude und Genugtuung ist, einen so erfolgreichen Titel im Programm zu wissen, haben wir uns entschieden, das Werk durch eine Neufassung zu ersetzen. Notwendig wurde dies vor allem aus zwei Gründen: Zum einen haben sich von Brandts Ausführungen sehr stark auf die Hilfs-‍/Grundwissenschaften der mittelalterlichen Geschichte konzentriert. Zum anderen haben sich die Hilfs-/Grundwissenschaften in den letzten Jahren nicht nur emanzipiert, sondern merklich weiterentwickelt – nicht zuletzt deshalb, weil sich die klassische Geschichtswissenschaft ausgehend von ihren politik- und rechtsgeschichtlichen Traditionen in einem früher ungeahnten Maße geöffnet hat. Mit der Einbeziehung zahlreicher neuer Forschungsfelder ging auch die Zuwendung zu neuen Quellengruppen einher. Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen.

Eine breite Auseinandersetzung mit neuen Quellen setzt deren ubiquitäre Zugänglichkeit voraus, die erst mit der allgemeinen Verbreitung von Digitalisaten durch das Internet sowie neue elektronische Erschließungsverfahren möglich geworden ist. So sind nicht nur neue Hilfsmittel und Methoden für alle historischen Teilfächer selbstverständlich geworden, sondern es werden auch gänzlich neue Quellengattungen – nicht nur, aber vor allem in der Zeitgeschichte – erschlossen und erforscht. Die damit einhergehenden Herausforderungen bergen gleichzeitig auch ganz neue Erkenntnispotentiale. Die nächsten Generationen von Wissenschaftler:innen benötigen daher dringend Orientierungspunkte in diesem Dickicht digitalisierter Quellenmassen. Sie benötigen Werkzeuge, um für künftige Fragestellungen mit den Quellen und ihren Digitalisaten auf allen Ebenen umgehen zu können. Zugleich ist auch die konkrete Arbeit an und mit den historischen Quellen stärker an Methoden orientiert und damit herausfordernder geworden. Durch die konsequente Einbeziehung früher als randständig betrachteter Quellengruppen können heute gänzlich neue Fragestellungen bearbeitet werden. Gleichzeitig steigt aber auch der Aufwand, um diese Quellen in ihrer ganzen Breite nutzen zu können.

Vor diesem Hintergrund war es dem Verlag sowie den Herausgeber:innen ein Anliegen, für die historischen Hilfs-/Grundwissenschaften eine moderne, zeitgemäße und alle Epochen berücksichtigende Einführung zu bieten: die Werkzeuge der Historiker:innen in vier Einzelbänden (Antike, Mittelalter, Neuzeit, Zeitgeschichte) mit jeweils rund zehn bis zwanzig Beiträgen. Gegenüber den neun behandelten Disziplinen bei Ahasver von Brandt können so die inhaltlichen und methodischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte deutlich umfassender behandelt werden. Die Bände streben trotz gebotener Kürze an, möglichst viele Teildisziplinen entsprechend der verschiedenen Quellengattungen sowie der besonderen hilfs-/grundwissenschaftlichen Arbeitstechniken einführend zu präsentieren. Um Redundanzen zu vermeiden, wurden die Inhalte der einzelnen Bände aufeinander abgestimmt. Dennoch bleibt jeder Band für sich alleinstehend verständlich und nutzbar und berücksichtigt umsichtig die Spezifika der einzelnen Epochen.

Je nach behandelter Epoche zwingt die Erweiterung und Heterogenität der Quellenbasis zu unterschiedlichen Herangehensweisen. So ist die Alte Geschichte trotz einer ursprünglichen Dominanz der literarischen Überlieferung seit jeher gezwungen, die ohnehin geringe Quellenbasis voll auszunutzen, während die Mediävistik stärker alltagsbezogene Quellengruppen wie Inschriften, Graffiti oder serielle Quellen lange Zeit zugunsten herrschaftsnaher Quellen wie Urkunden und Historiographie systematisch vernachlässigte. Mit dem erheblichen Anwachsen der Überlieferung in der Neuzeit und Zeitgeschichte strukturiert in diesen Epochen die gezielte Auswahl der in vertretbarer Zeit bearbeitbaren Quellen den Forschungsprozess. Hinzu kommen gänzlich neue Quellen wie Ton- und audiovisuelle Aufzeichnungen oder gespeicherte digitale Kommunikation.

Genau hier setzen die Bände der Werkzeuge der Historiker:innen an und zeigen, welche Entwicklungen die Disziplin in den jeweiligen Fachbereichen genommen hat und welche Veränderungen sich gerade auch durch die Digitalisierung ergeben haben. Zielgruppe bleiben Studierende, die eine sichere Basis brauchen, von der aus erste Schritte zum eigenen Forschen möglich werden. Im Vorwort zur 7. Auflage seines Werkes schrieb von Brandt: »Das vorliegende Buch ist aus der Praxis des akademischen Unterrichts entstanden«. Dies gilt auch für die neuen Werkzeuge, die auf Lehrerfahrung nicht nur aus dem ganzen deutschsprachigen Raum, sondern auch weit darüber hinaus gestützt sind.

Wir haben uns entschlossen, den traditionsreichen Titel in eine gendergerechte Sprache zu überführen. Ob die einzelnen Kapitel diese verwenden, blieb jedoch im Ermessen der Autor:innen.

Wir sind zuversichtlich, dass diese zeitgemäßen Werkzeuge der Historiker:innen es schaffen werden, die Tradition des Klassikers aus der Feder Ahasver von Brandts fortzuführen.

Der Verlag und die Herausgeber:innen

I.  Methoden und Hilfswissenschaften

1  Die Werkzeuge der Neueren Geschichte

Jan Simon Karstens

Wie unsere Gesellschaft insgesamt, steht auch die Geschichtswissenschaft vor weitreichenden Veränderungen. Neue digitale Methoden zur Wissensgenerierung, Archivierung und Vermittlung treffen auf eine zunehmende Polarisierung und in vielen Ländern sogar (Re-)politisierung der Diskurse über Vergangenheiten. Gerade angesichts solcher Entwicklungen, ist es wichtig festzuhalten, dass die Worte des Historikers Gustav Droysen aus seinem Grundriss der Historik von 1882 nach wie vor Gültigkeit beanspruchen können:

»Man wird den historischen Studien die Anerkennung nicht versagen, dass auch sie in der lebhaften wissenschaftlichen Bewegung unseres Zeitalters ihre Stelle haben, dass sie thätig sind Neues zu entdecken, das Alte neu zu durchforschen, das Gefundene in angemessener Weise darzustellen.« (Droysen 1882, 3)

Das vorliegende Handbuch ist eine Einladung, sich auf den Spuren der Begründerinnen und Begründer der Geschichtswissenschaft von aktuellen Veränderungen und Herausforderungen nicht abschrecken, sondern inspirieren zu lassen. Es unterstützt fortgeschrittene Studierende und junge Forscherinnen und Forscher dabei, sich für Abschluss- und Qualifikationsarbeiten oder schon für ihre Seminararbeiten dem Spannendsten zu widmen, was das Geschichtsstudium zu bieten hat: die unmittelbare Auseinandersetzung mit Zeugnissen der Vergangenheit.

Hunderttausende bisher nicht oder nur kaum untersuchter Druckschriften, Flugblätter, Briefe und persönliche Aufzeichnungen von bekannten Persönlichkeiten aber auch sogenannten einfachen Leute aus der Neuzeit warten auf ihre Erforschung. Hinzu kommen Regalkilometer von Gerichtsakten, Verwaltungsschriftgut sowie Aufzeichnungen von lokalen Unternehmen und globalen Konzernen, aber auch von politischen und sozialen Institutionen, seien es regionale Ständeversammlungen oder Geheimgesellschaften.

Mit diesen Quellen lassen sich unzählige neue Fragen an die Vergangenheit richten. Fragen, die vor dem Hintergrund aktueller sozialer, technologischer, wirtschaftlicher und politischer Entwicklungen gestellt werden können und deren Untersuchung unser Verständnis von vergangenen Gesellschaften aber auch von der Genese unserer Gegenwart erweitert.

Jedes Jahr werden mehr dieser Quellen erfasst und digitalisiert, was es möglich macht, auch ohne Archivreisen eigenständige Forschungen durchzuführen. Es ist einfacher denn je, historisches Material für Analysen zu finden. Doch diese noch vor einigen Jahrzehnten unvorstellbare Zugänglichkeit ändert nichts daran, dass klassische Herausforderungen weiter bestehen: Die Auswahl des Materials im Hinblick auf die Untersuchungsziele, die Prüfung auf Echtheit und Aussagekraft, die sprachliche und inhaltliche Erschließung, die Einordnung in den ereignis- und überlieferungsgeschichtlichen Kontext sowie schließlich die Analyse.

Um diese Herausforderungen zu meistern, kann die Geschichtswissenschaft auf ein Set von »Werkzeugen« zurückgreifen, wie Ahasver von Brandt es nannte. Mit dieser Metapher umschrieb Brandt eine Auswahl der sogenannten Hilfs- oder Grundwissenschaften. Dadurch umging er geschickt eine damals geführte Debatte über den Stellenwert von Disziplinen wie der Handschriften-, Siegel- oder Wappenkunde, die entweder als unumgängliches Fundament oder als eher dem eigentlichen Fach Geschichte nachgeordnet gesehen werden konnten.

Der vorliegende Band ist nicht nur durch seinen Titel dem Vorbild Brandts verpflichtet. Er bietet eine Einführung in klassische und neue Werkzeuge der Historikerinnen und Historiker, die von einer fundamentalen Bedeutung der Grundwissenschaften für die Analyse der Vergangenheit ausgeht.

Den ersten Teil dieser Einführung bilden zehn Kapitel, die jeweils ein Werkzeug näher vorstellen. Dies umfasst Methoden für die detailgenaue Erschließung einzelner Quellen aber auch zur Handhabung von heterogenen Informationen aus einer breiten Materialbasis. Die Kapitel sind strukturell ähnlich aufgebaut und bieten eine Vorstellung ihres Gegenstandes, einen Einblick in die Forschungsgeschichte sowie beispielorientierte Handreichungen für eigene Projekte.

Die engen Grenzen, welche das Konzept dieses Bandes vorgibt, bringen es mit sich, dass hier nur eine Auswahl vorgestellt werden kann. Daher wurden klassische und neue Werkzeuge kombiniert und vor allem Themen fokussiert, die für die Neuere Geschichte zwischen 1500 und 1900 besonders relevant sind.

Selbstverständlich kann jede Auswahl leicht kritisiert werden, insbesondere da Quellen aus dem Europa des Jahres 1500 eher mittelalterlichen Traditionen verhaftet sind, während Quellen der Zeit um 1900 tendenziell der Zeitgeschichte näher stehen. Dieser Tatsache trägt der vorliegende Band dadurch Rechnung, dass er zwar eigenständig konzipiert, aber zugleich mit den benachbarten Bänden der Reihe abgestimmt ist. Zentrale Werkzeuge der Mediävistik wie die Urkundenlehre (Diplomatik), Siegel- oder Wappenkunde (Sphragistik und Heraldik) werden daher im vorliegenden Band nicht erneut in eigenen Kapiteln behandelt. Entsprechendes gilt für die Analyse von Tondokumenten oder Fotographien in Bezug auf den Band zur Zeitgeschichte. Dies soll nicht unterstellen, dass diese Werkzeuge für die Neuzeit irrelevant wären, sondern unterstreicht den Charakter dieser Epoche als Transformationsphase, deren Erforschung je nach Thema und Material auch Einblicke in die benachbarten Teilfächer der Geschichtswissenschaft erfordert.

Im zweiten Teil dieses Buches folgen sechs Kapitel, die einzelne Quellentypen ins Zentrum rücken. Sie sind Quellen wie Briefen, Gerichtsakten, Periodika oder Flugschriften gewidmet, die es entweder vorher in dieser Form nicht gab oder die aus der Neuzeit in großer Zahl überliefert sind und als typisch für diese Epoche gelten können. Bei der Auswahl lag außerdem besonderes Augenmerk auf Quellen, die in großer Zahl online zugänglich sind. Gerade letzteres ermöglicht einen zielgerichteten Einstieg in die eigene Arbeit mit historischem Material. Die Quellenkapitel korrespondieren mit unterschiedlichen, im ersten Teil präsentierten Werkzeugen und veranschaulichen so die zuvor beschriebenen Zusammenhänge.

Jedes der 16 Kapitel dieses Bandes ist wie der Band als Ganzes nicht nur als eine Einführung, sondern auch als Einladung konzipiert. Sie alle präsentieren die Potentiale historischer Quellenarbeit, führen als Wegweiser zu interessanten Beständen und stellen die Mittel zu deren Bearbeitung bereit.

1.1  Die Grenzen der Neuzeit (und dieses Bandes)

In der Geschichtswissenschaft ist es selbstverständlich, von fließenden Grenzen zwischen historischen Epochen und damit den Teilfächern der Disziplin auszugehen. Forscherinnen und Forscher können durch die Wahl ihres Untersuchungsraumes und Gegenstandes Brüche oder Kontinuitäten hervorheben und so die Neuzeit aus ihrer spezifischen Perspektive heraus als Epoche verkürzen, verlängern oder sogar als Kategorie in Frage stellen.

Dennoch müssen sich alle Interpretationen von Epochengrenzen mit einem grundlegenden Ordnungsmodell auseinandersetzen, das in breiter Perspektive Gültigkeit beansprucht und allgemeine Orientierung bietet. Der Beginn der Frühen Neuzeit in Europa wird um 1500 veranschlagt, markiert durch technische Innovationen, globale Verflechtungen, politische Umwälzungen und eine zeitgenössische Wahrnehmung der eigenen Gegenwart als Umbruchszeit. Eine ähnliche Verdichtung von Ereignissen und Prozessen ist um 1800 zu beobachten, sodass hier häufig ein Ende der Frühen Neuzeit verortet wird. Es sind aber auch alternative oder ergänzende Konzepte zu dieser Einteilung im Fach verbreitet, sei es eine Alteuropa umfassenden Kontinuitätslinie vom späten Mittelalter bis zur Industriellen Revolution oder die prominent von Reinhart Koselleck benannte »Sattelzeit« zwischen 1750 und 1850 als eigene Umbruchsperiode.

Dieser Band orientiert sich am klassischen Beginn der Neuzeit und setzt um 1500 ein. In einigen Fällen wird aber auch weiter zurückgegriffen, um Kontinuitäten und langfristige Entwicklungen herauszustellen. Dies geschieht komplementär zum Vorgängerband, der die Mittelalterliche Geschichte zwar generell um 1500 enden lässt, aber auch darüber hinausweist. Das zeitliche Ende dieses Bandes ist hingegen relativ spät um 1900 angesiedelt. Dies bedeutet, dass erhebliche Umbrüche und Veränderungen bezüglich der Überlieferung berücksichtigt werden müssen.

Zum einen wurde Kommunikation immer regelmäßiger und schneller, sei es durch die Professionalisierung des Postwesens, die Nutzung der Eisenbahn und gestiegene Sicherheit im Schiffsverkehr. Außerdem wurde es im 19. Jahrhundert durch die Einführung von Telegraphie erstmals möglich, dass Nachrichten schneller reisten als die Menschen, die sie überbrachten. Die Alphabetisierung der Bevölkerung nahm zu und ermöglichte eine massive Ausbreitung von Periodika. Tages- und Wochenzeitungen sowie Zeitschriften gab es zwar schon seit dem 17. Jahrhundert, aber jetzt erschienen sie in immer größerer Zahl für immer mehr Teile der Bevölkerung und bedienten ein breites Spektrum von Interessen. Auch Romane und Lexika erreichten im 19. Jahrhundert ein neues Massenpublikum.

Bedenkt man, dass außerdem Beschreibstoffe wie Papier und Tinte sowie Federn aus Metall immer günstiger zur Verfügung standen, so erklärt sich die immense Ausweitung von Schriftlichkeit in Form von Briefen oder Tagebüchern. Auch Verwaltungen setzten den Weg der Professionalisierung, Normierung und Verschriftlichung, der bereits im 16. Jahrhundert begonnen hatte, im 19. Jahrhundert mit neuer Intensität fort und produzierten mehr Material als jemals zuvor.

Die Frage nach den Grenzen der Neuzeit ist aber nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine räumliche. Auch wenn die Geschichtswissenschaft schon seit längerem gezeigt hat, dass bereits die Antike und Mittelalterliche Geschichte nicht auf Akteure, Ereignisse und Prozesse in Europa begrenzt werden kann, so kam es doch erst in der Neuzeit zu einer globalen Verflechtung, welche die Küsten aller Ozeane umfasste.

Angesichts der neuen Kontakte der Europäer mit außereuropäischen Kulturen, die eigene Überlieferungstraditionen schriftlicher und nicht­schriftlicher Quellen hervorgebracht haben, müsste eine umfassende Einführung in die Werkzeuge der Geschichtswissenschaft eigentlich den Blick über Europa hinauslenken. Knotenschnüre der Inka, Stockkarten von den Marshallinseln, Bilderkodizes der Azteken, indische Poesie, japanische Historienwerke oder sakrale Schrifttraditionen Äthiopiens – all dies und mehr hätte einen Platz verdient.

Ein Band von ca. 300 Seiten muss sich jedoch auf europäische Überlieferungstraditionen begrenzen, die mit hier in großer Menge verfügbaren Quellen korrespondieren. Allerdings schließt dies ausdrücklich die Möglichkeit ein, eine Vielzahl von Quellen zur Geschichte der Verflechtung der Welt zu nutzen. Eine kritische Aufarbeitung des spezifischen Blickwinkels vorausgesetzt, erlaubt die nach europäischen Konventionen erstellte Überlieferung faszinierende, wenn auch begrenzte Einblicke in die Verflechtung der Welt. Nicht zuletzt, weil an deren Entstehung Nichteuropäerinnen und -europäer und auch interkulturelle Grenzgänger erheblichen Anteil hatten. Die Kapitel dieses Buches laden daher dazu ein, sich mit Berichten von Reisenden in gedruckter und handschriftlicher Form, Büchern über verschiedene Kulturen und interkulturelle Begegnungen, Briefwechseln zwischen Kontinenten, den juristischen und administrativen Strukturen von Imperien, in denen auch außereuropäische Akteurinnen und Akteure einen Platz beanspruchten, und mit Zeugnissen der wirtschaftlichen Verflechtung von Kontinenten sowie der Vermessung der Welt zu beschäftigen.

1.2  Die Quellen der Neuzeit

Für die Neuzeit gilt wie für jede Epoche der Geschichte, dass potentiell alles eine Quelle ist, was Informationen über eine vergangene Zeit liefern kann. Es braucht dafür nur Menschen, die Fragen an das Material stellen. Diese Definition von Quellen bezieht ausdrücklich nichttextliche Überlieferung wie Bilder, Gebäude, Alltagsgegenstände oder Erzählungen und Lieder ein. Auch Spuren von Naturereignissen, klimatischen Entwicklungen oder menschlicher Einflussnahme auf die Natur können Quellen sein.

Trotz der potentiellen Grenzenlosigkeit des Quellenbegriffs hat die klassische Geschichtswissenschaft seit dem 19. Jahrhundert einen deutlichen Fokus auf Texte gelegt. Das ist wenig überraschend, da auch die Ergebnisse historischer Forschung in Texten ausgearbeitet werden und Texte traditionell zentrale Medien historischen Erzählens sind. Der vorliegende Band folgt einerseits der textorientierten Tradition der Geschichtswissenschaft, da er zahlreiche Textquellen und Werkzeuge zu ihrer Erforschung präsentiert, geht aber andererseits auch darüber hinaus. Hierfür kann er einer langen Tradition der Arbeit mit Bild- und Sachquellen folgen. In diesem Band verweisen daher mehrere Kapitel auf nichttextliche Quellen wie Münzen, historische Karten oder militärische Sachquellen. Für die Erschließung und Nutzung weiterer Quellentypen sind in teilweise eigenständigen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Kunstgeschichte und Archäologie spezifische Methoden entwickelt worden, für die es eigene, spezialisierte Einführungsliteratur gibt.

Um die Vielfalt der Quellen in Gattungen oder Typen einzuteilen, diskutiert die Geschichtswissenschaft seit ihren Anfängen unterschiedliche Ansätze. Sie alle sollen den Blick für Gemeinsamkeiten und Unterschiede schärfen, um das Typische und Besondere an einer Quelle zu verstehen. Außerdem lenken solche Einteilungen den Blick auf vergleichende Fragen wie jene nach Herkunft, Materialität oder Überlieferungsabsicht. Im Folgenden werden drei weit verbreitete Einteilungen näher beschrieben, die sowohl Text-, Bild- wie auch Sachquellen umfassen können.

Eine der bekanntesten Typologien ist die auf Gustav Droysen zurückgehende und insbesondere in der Alten und Mittelalterlichen Geschichte relevante Unterscheidung von Tradition und Überrest. Zur Kategorisierung steht bei Droysen die Frage nach der Absicht des Autors im Zentrum. Wollte jener sich mit einem unmittelbaren Anliegen an seine Zeitgenossen wenden oder mit dem Wunsch, eine Erinnerung zu prägen, an nachfolgende Generationen? Demnach wären Heiligen- und Herrscherviten, Chroniken oder andere Historienwerke Traditionsquellen. Hingegen wären Verwaltungsschriftgut, Briefe oder Rechnungen Überreste.

Schon Droysen hat diese beiden Kategorien nicht als starr und unveränderlich verstanden, sondern ging davon aus, dass die Zuordnung von der Fragestellung der Forschenden abhängig ist. Daher ist auch die Anwendung dieser Zweiteilung letztlich nicht so relevant für die aktuelle Forschung wie die Fragen an die Quellen, die ihr zugrunde liegen: nach der Intention des Verfassers, den Adressatinnen und Adressaten und nach dem Weg der Überlieferung.

Außerhalb der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft hat diese Einteilung allerdings keine vergleichbare Bedeutung. Im angloamerikanischen Sprachraum dominiert traditionell eine Differenzierung nach der Nähe des Autors, Zeichners oder Graveurs zum Gegenstand, über den die Quelle berichtet. Quellen, deren Autorinnen und Autoren unmittelbare Augenzeugen oder Augenzeuginnen, Vertraute oder Beteiligte waren, gelten als Primärquellen und als besonders aussagekräftig. Historienwerke oder Berichte aus zweiter Hand sind dagegen lediglich secondary sources. Solche und ähnliche Einteilungen bringen zwei Probleme mit sich. Zum einen ist die Grenze zwischen Sekundärquellen und Literatur teilweise schwer zu ziehen, sofern nicht ein bestimmtes Entstehungsjahr die Grenze markieren soll. Zum anderen legt diese Einteilung nahe, Primärquellen besäßen aufgrund räumlicher, zeitlicher oder persönlicher Nähe der Verfasserinnen oder Verfasser zum Gegenstand höhere Glaubwürdigkeit oder Relevanz. Eine quellenkritische Untersuchung dürfte aber in vielen Fällen zu dem Ergebnis kommen, dass Augenzeugen absichtlich oder unabsichtlich verzerrte Berichte abgegeben haben. Daher ist auch hier die kategorische Einteilung weniger von Nutzen als die ihr zugrundeliegenden Fragen an die Quellen: nach dem Entstehungskontext, dem Wissensstand der Verfasserin oder des Verfassers über die beschriebenen Aspekte sowie nach dem Ursprung seiner oder ihrer Informationen.

Weitaus eindeutiger als die vorhergehenden beiden Einteilungen ist eine Unterscheidung anhand der Materialität der Quellen. Text-, Bild und unterschiedliche Sachquellen können differenziert und mit spezifischen Fragen nach der Bedeutung ihrer materiellen Eigenschaften, wie Gewicht, Haptik oder Ausmaße untersucht werden. Selbstverständlich gibt es dabei auch Grauzonen, gerade wenn es um beschriebene Sachquellen wie Münzen geht oder um Quellen, die wie historische Karten Text und Bild kombinieren. Bei einer Karte kann es beispielsweise erheblichen Einfluss auf die Detailmenge oder die Textgestaltung haben, ob sie auf Tierhäute gezeichnet ist und sich an bestimmte Maße und Formen halten musste, ob es sich um ein Großformat handelt oder ob sie für den Druck auf einen bestimmten Umfang reduziert oder in Teilkarten zerlegt mit Begleittexten erstellt wurde. Doch wie das Beispiel zeigt, ist auch bei dieser Einteilung weniger die scharfe Kategorisierung als vielmehr die Untersuchung der dafür grundlegenden Fragen von großer Relevanz.

Fokussiert man von der Vielfalt des möglichen Quellenmaterials ausgehend auf die in der Geschichtswissenschaft favorisierten Textquellen, so lassen sich in der Neueren Geschichte mehrere Binnenkategorien ausmachen. Solch eine genauere, orientierungsstiftende Typologie ist vor allem angesichts der drastischen Zunahme textlicher Überlieferung in der Neuzeit notwendig.

Eine offensichtliche Ursache hierfür war die Etablierung des expandierenden Buchdrucks und -marktes, der durch das Medienereignis der Reformation europaweit neue Textformen wie Flugschriften oder Flugblätter verfügbar machte. Eng damit verbunden war die Entstehung eines Nachrichtenwesens, das sich im Laufe der Neuzeit von den Fuggerzeitungen über die Zeitschriften des Aufklärungszeitalters bis hin zu einer ausdifferenzierten und politisierten Tagespresse entwickelte. Außerdem förderten Konfessionalisierung und Bildungspolitik die Alphabetisierung der Bevölkerung, was in Wechselwirkung mit dem neuartigen Postwesen einen Briefverkehr zwischen zunächst zehntausenden und schließlich Millionen Menschen ermöglichte. Weiterhin professionalisierten weltliche und geistliche Obrigkeiten im Laufe der Neuzeit ihre Methoden der Informationssammlung und Archivierung. Die Expansion und Normierung der Kirchenverwaltungen im Zuge der Konfessionsbildung und die Entstehung neuer Institutionen und Praktiken weltlicher Verwaltung in der frühmodernen Staatsbildung sind der Grund, warum die Neuzeit auch als »Aktenzeitalter« im Gegensatz zum mittelalterlichen »Urkundenzeitalter« bezeichnet wird. Dies gilt für die entstehende Zentralverwaltung großer Herrschaftsgebiete wie Brandenburg-Preußen, aber auch die lokalen Verwaltungen tausender adeliger Landgüter in ganz Europa. Auch Assoziationen und politische Organisationen wie Bündnisse oder ständische Korporationen in einzelnen Territorien oder im Heiligen Römischen Reich produzierten eigene Schriftlichkeit. Hinzu kommen gewaltige Bestände wirtschaftlicher Akteure, seien es Familienunternehmen, die zu Konzernen anwuchsen wie die Fugger oder Welser-Vöhlin, oder börsennotierte und global agierende Handelsgesellschaften wie die englische East India Trading Company.

Als Folge dieser Entwicklungen stehen für die Erforschung der Neuzeit gewaltige Mengen historischen Materials zur Verfügung, die aber bisher nur bedingt erschlossen, erfasst und für Analysen aufbereitet worden sind. Spektakuläre neue Funde sind weiterhin möglich und die Suche nach neuen Quellen in Archiven eine Herausforderung für die meisten Forschenden.

Um die Menge an Textquellen zu strukturieren, lassen sich einerseits die oben genannten Kategorien und daraus abgeleitete Fragen nutzen. Darüber hinaus hat die Neuere Geschichte als Teilfach aber auch eigene Einteilungen vorgelegt, so beispielsweise von Birgit Emich oder Harriet Rudolph und Gabriele Lingelbach. In ihren Einführungswerken unterscheiden sie unter Verknüpfung von Inhalt, Absicht der Verfasserinnen und Verfasser sowie Materialität der Quellen bis zu vier Großkategorien: 1) Geschäftsquellen (Akten, Urkunden, Belege von Verwaltungshandeln jeglicher Art); 2) Publizistik (alle veröffentlichten oder zur Veröffentlichung bestimmten Quellen, vom einzelnen Flugblatt über Periodika bis zu Enzyklopädien); 3) Selbstzeugnisse oder Ego-Dokumente (Quellen, in denen historische Akteure Auskunft über sich selbst geben, wie Briefe oder Tagebücher). Einen Grenzfall zum Verwaltungsschriftgut stellen dabei Anträge, Zeugenaussagen oder ähnliches dar, einen Grenzfall zur Publizistik hingegen das in der Neuzeit beliebte Genre der Memoiren. Emich verweist außerdem ausdrücklich auf 4) serielle Quellen der Wirtschaftsgeschichte, wie sie beispielsweise Geschäftsbücher bieten. Ergänzend ist noch anzumerken, dass für die Geschichte der Neuzeit auch Teile der älteren Forschungsliteratur Quellen sein können, denn jede historische Darstellung ist auch ein Quellendokument für ihre Entstehungszeit.

Diese Quellentypen und die für ihre Analyse notwendigen Methoden werden in diesem Band mit ihrer Bedeutung für die Bearbeitung unterschiedlicher Fragestellungen näher vorgestellt.

1.3  Die Neuzeit erforschen I: Der Kreislauf von Thema, Fragestellung und Material

Bereits im Zuge der Professionalisierung der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert hat sich ein grundlegendes Konzept historischen Arbeitens etabliert, um Fragestellungen an die Vergangenheit zu entwickeln, sie mittels überlieferter Zeugnisse zu prüfen und als nachvollziehbare Ergebnisse in akademische oder breitere Diskurse über Vergangenheit einzubringen.

Das klassische Modell der sogenannten ›historischen Methode‹ sieht vor, dass Forschende sich zunächst in ihr Thema einlesen und dann eine Fragestellung entwickeln. Es folgt die Suche nach Quellen, um dieser Frage nachzugehen und schließlich die Analyse des Materials. Am Ende entsteht eine Darstellung, welche nicht nur das Ergebnis präsentiert und in der bisherigen Forschung verortet, sondern auch die Untersuchungsschritte und speziell die Quellenarbeit durch Belege nachvollziehbar macht.

Schon im 19. Jahrhundert räumten Historiker allerdings ein, dass dieses Modell kein festes Arbeitsprogramm darstellt, sondern vielmehr Stationen in einem dynamischen Prozess beschreibt, der mehrmals durchlaufen werden kann. So kann die Quellenrecherche, im Erfolgsfall oder wenn Funde ausbleiben, zu einer Neuausrichtung der Fragestellung führen, was wiederum die Recherche verändert. Auch die Analyse der Quellen kann Befunde hervorbringen, die neue Wege für weitere Quellensuche oder für eine Nuancierung der Fragestellung aufzeigen. Grundlegend muss die Entwicklung einer Fragestellung auch nicht zwingend vor der Quellenrecherche stehen. Viele Projekte sind von vornherein einem bestimmten Quellenbestand gewidmet oder beginnen mit einem besonderen Quellenfund und stellen dazu ihre Fragen.

Die oben genannten Arbeitsschritte sind somit keine Reihenfolge, sondern eher ein Kreislauf, weswegen auch vom hermeneutischen Zirkel gesprochen wird. Damit der Zirkel nicht zum Teufelskreis wird, ist es wichtig die drei zentralen Aspekte: Thema, Material und Fragestellung nach wechselseitiger Prüfung und der Auswertung von Quellenstichproben schließlich festzulegen und das Forschungsvorhaben abzuschließen.

Das Thema ist der größere Zusammenhang oder der allgemeine Gegenstand, der behandelt wird. Es kann sich beispielsweise um Personen, Ereignisse und Prozesse handeln, die in Raum und Zeit historisch konkretisiert werden. Den Forschungsstand zum eigenen Thema zu erfassen, seien es Piraten und Freibeuter in Jamaica 1650–1700 oder die Folgen der Klosteraufhebungen Josephs II. in der Steiermark nach 1781, ist stets der erste Schritt für ein Forschungsprojekt. Der Forschungsstand zum Thema bereitet den Weg zu den nächsten beiden Aspekten, deren Reihenfolge nicht festgelegt ist.

Es handelt sich um die Auswahl des Untersuchungsmaterials, also der Quellen, die bearbeitet werden sollen. Deren Auswahl kann sich direkt aus dem Forschungsstand ergeben, wenn darin auf interessante oder unbearbeitete Bestände verwiesen wird. Es ist auch möglich, während der Einarbeitung bereits erste Quellenrecherchen durchzuführen und so zu Funden zu gelangen, die dann die weitere Recherche prägen. Die Auswahl des Materials kann aber auch klassisch von der Fragestellung der Arbeit abhängig gemacht werden, zu der dann das passende Material gesucht wird. Hierbei ist aber zu beachten, dass letztlich die Quellen die Grenzen des Erforschbaren vorgeben.

Die Fragestellung steht in Bezug zu den beiden anderen Aspekten. Sie muss einerseits aus dem Forschungsstand zum Thema begründet sein und offene Fragen untersuchen, Varianten aufzeigen oder scheinbar gesicherten Erkenntnissen widersprechen. Zugleich aber muss die Fragestellung direkt auf das konkrete Material bezogen sein und die verfügbaren und ausgewählten Quellengattungen und einzelnen Quellen mit ihrem jeweiligen analytischen Potential und dessen Grenzen einbeziehen. Daher ist es wichtig, eine vorher festgelegte Fragestellung vor dem Hintergrund der Quellen noch einmal kritisch zu prüfen, um nicht eine Frage zu stellen, die sich gar nicht untersuchen lässt. Dies kann natürlich auch eine Zuspitzung der Fragestellung bedeuten, wenn die verfügbare Quellenbasis sich als zu umfangreich erweist.

1.4  Die Neuzeit erforschen II: Quellenrecherche und Quellenanalyse

Auch wenn Thema, Fragestellung und Material bei der Konzeptionalisierung eines Forschungsvorhabens zusammenwirken, bleibt bei der Umsetzung die Quellenanalyse der wichtigste Schritt. Sie ist der Kern historischer Forschung und steht daher im Zentrum dieser Einführung. Die folgenden Kapitel stellen Methoden zur Erschließung von Quellen ebenso wie zentrale Quellengattungen vor, verweisen auf Editionen, Digitalisierungen und bieten Anregungen für eigene Projekte von der Hausarbeit bis zur Promotion. Dem entsprechend endet auch diese Einleitung mit Ausführungen zur Suche nach Quellen und den allgemeinen Grundlagen für ihre Erschließung.

Die Suche nach dem Untersuchungsmaterial wird in der Fachsprache als Heuristik bezeichnet, wörtlich übersetzt die ›Findekunst‹. Gustav Droysen nutzte hierfür die Metapher der »Bergmannskunst«, da die Historikerinnen und Historiker in der Tiefe der Archive wie Bergleute nach Rohmaterial schürfen, das sie zur Bearbeitung ans Tageslicht bringen. Hierfür empfiehlt sich generell, drei Hilfsmittel (online) bereit zu haben: Erstens für das Thema einschlägige historische oder geschichtswissenschaftliche Wörterbücher; zweitens Personenlexika wie Nationalbiographien; und drittens Sachlexika, wie die stetig aktualisierte Enzyklopädieder Neuzeit.

Für die Quellenrecherche lassen sich ähnlich wie bei der Literaturrecherche in der Theorie zwei Ansätze unterscheiden, die in der Praxis meist kombiniert werden: Erstens ein unsystematisches, eher intuitives Vorgehen. Hier werden Anregungen aus der Literatur aufgegriffen, um in verschiedenen Editionen und Beständen nach Quellen zu stöbern. Die Such­begriffe sind relativ weit gefasst und die Recherche kann auch die oberflächliche Durchsicht verschiedener Bestände umfassen. So sind Zufallsfunde möglich, aber auch eine Eingrenzung der Überlieferung oder Anregungen für eine Präzisierung der Fragestellung. Meist laufen unsystematische Quellenrecherchen bereits parallel zur Einarbeitung ins Thema, wenn beispielsweise in Auszügen zitierte Quellen vollständig gesichtet werden. Davon ausgehend lassen sich dann nach dem Schneeballprinzip weitere Hinweise verfolgen.

Dieses eher intuitive Vorgehen stellt meist die Vorstufe für eine systematische Recherche dar. Hier werden ausgehend vom Forschungsstand zuerst alle für das Thema einschlägigen Editionen, Quellensammlungen, Digitalisierungsprojekte, Bestandsübersichten und Findbücher von Archiven ermittelt. Dabei können sogenannte Quellenkunden helfen, die zentrale Bestände und Archive vorstellen. Anschließend werden diese Sammlungen und Hilfsmittel mit einheitlichen Suchbegriffen ausgewertet, die auch unterschiedliche historische Schreibweisen oder Synonyme berücksichtigen. So werden die Bestände eingekreist, die im Archiv zunächst stichprobenartig geprüft und bei ihrer Eignung für die Fragestellung später genauer analysiert werden. Es empfiehlt sich, zu verzeichnen, wann mit welchen Suchbegriffen wo gesucht wurde, um Dopplungen zu vermeiden und zielgerichtet nachrecherchieren zu können.

Quelleneditionen und Digitalisierungsprojekte sind generell ein guter Startpunkt für Recherchen, zumal sie oft nur zu einem kleinen Teil ausgewertet worden sind. Nimmt man digitalisierte und in Verzeichnissen erschlossene neuzeitliche Publikationen hinzu, genügt ein Menschenleben schon lange nicht mehr, um das verfügbare Material zu sichten. Daher sind Übersichtsartikel und Einführungen von großer Bedeutung, wie sie beispielsweise CLIO-Online bietet. Auch die folgenden Kapitel stellen qualitativ hochwertige und für bestimmte Quellengattungen zentrale Sammlungen und Editionen vor. Allerdings decken Editionen und Digitalisierungen lediglich einen kleinen Teil des verfügbaren Materials ab. Die Suche nach bisher unerschlossenen Quellen in Archiven ist daher für viele größere Projekte unerlässlich.

Für Archivrecherchen ist die grundlegende Unterscheidung zwischen zwei Ordnungsprinzipien wichtig: Provenienz und Pertinenz. Im Provenienzverfahren werden Überlieferungen nach dem Urheber oder der Urheberin geordnet, also beispielsweise Akten nach der ausstellenden Behörde. Briefe hingegen können unter dem Namen der Verfasserinnen und Verfasser oder der Empfängerinnen und Empfänger erfasst sein, je nachdem wer die Briefsammlung dem Archiv zur Aufbewahrung übereignet hat. Entscheidend ist jeweils der Ursprung der Überlieferung. Nahezu alle größeren Archive in Mitteleuropa sind nach diesem Muster organisiert.

Innerhalb der Bestände einer Provenienz können Findbücher den Zugriff auf die einzelnen Akten erleichtern. Dies umfasst in der Regel zumindest eine chronologische Einteilung der Aktenkartons (von–bis), idealerweise auch ein Personen- und Sachregister zum Inhalt. Letzteres ist aber keineswegs üblich. Bei der Planung eines Rechercheprojektes und für die Erstellung glaubwürdiger Finanzierungsanträge ist daher zur Abschätzung der Bearbeitungszeit nötig zu wissen, in welchem Maß die Bestände erschlossen sind.

Das zweite Ordnungsschema ist das Pertinenzprinzip. Es beschreibt eine Sortierung nach Themen und findet sich meistens bei kleineren oder privaten Archiven. Diese Ordnungsform ist zwar zum Verständnis der in der Systematik vorgegebenen Themen sehr nützlich, erschwert es aber, Zusammenhänge zu verstehen und neue Themen zu untersuchen.

Da das Provenienzprinzip in Mitteleuropa deutlich überwiegt, ist es für Recherchen zentral, die Urheber potentieller Quellen, egal ob Institutionen oder Personen, zu kennen und die Suche chronologisch einzugrenzen.

Ist die Recherche abgeschlossen und das Material ausgewählt, folgen Quellenkritik und Analyse. Hierfür empfiehlt die gängige Einführungsliteratur verschiedene Vorgehensweisen. Relativ üblich ist eine Unterscheidung zwischen innerer und äußerer Quellenkritik, die aber unterschiedlich definiert und abgegrenzt werden. Tendenziell lässt sich erkennen, dass die äußere Quellenkritik zunächst Fragen nach Materialität, Quellengattung, Überlieferungszustand, Sprache, Schriftart und Bezug zu anderen Quellen untersucht sowie ob es sich um eine Edition oder ein Original handelt und inwiefern die Quelle vollständig ist. Dies ermöglicht, den Text später als typisch oder untypisch und im Kontext der Überlieferung beispielsweise einer Behörde oder eines Briefwechsels zu analysieren.

Den Abschluss der äußeren Quellenkritik bilden Angaben zum Verfasser und ggf. Auftraggeber, zu den Rezipienten und zum Entstehungszeitpunkt. Diese Informationen können – sofern das gewünscht ist – genutzt werden, um die Quelle in die oben genannten Kategorien Tradition und Überrest oder Primär- und Sekundärquellen einzuteilen, ermöglichen aber noch viel mehr. Gerne werden für die äußere Quellenkritik sogenannte W-Fragen vorgeschlagen, wie: Wer hat in wessen Auftrag wann und wo für wen welche Art von Quelle verfasst, und wie liegt die Quelle heute vor?

Die innere Quellenkritik thematisiert den Inhalt und seine Ausgestaltung. Dazu gehört auch die Erschließung der Quelle durch Transkription oder Klärung unbekannter Begriffe sowie Personen- und Ortsnamen. Hierfür finden sich den folgenden Kapiteln nützliche Hilfestellungen. In Form von W-Fragen bedeutet dies: Was berichtet der Verfasser in welcher Reihenfolge, aus welchen angegebenen Gründen, mit welcher Wortwahl und welchen Stilmitteln?

Klassisch dient die Quellenkritik dazu, zwei Dinge zu bestimmen. Zunächst die Echtheit. Existierte der angebliche Verfasser oder die Verfasserin? Konnte er oder sie am angegebenen Ort zu dieser Zeit die Quelle verfassen? Passen Sprache und Gestaltung zum Quellentyp und zum Autor oder der Autorin? Konnte er oder sie über die Informationen verfügen? Ist es glaubwürdig, dass er oder sie sich auf diese Weise an die Zielgruppe wendet? Zu beachten ist, dass die Prüfung der Echtheit einer Quelle nichts über den Wahrheitsgehalt des Inhalts aussagt, sondern nur Fälschungen und Fehldatierungen entlarven soll. Auch Lügen, Irrtümer und Fehlinformationen können bedeutsam sein.

Wenn die Echtheit der Quelle geprüft ist, bleibt die Frage nach ihrer Aussagekraft. Deren Einschätzung hängt von Thema und Fragestellung ab. Pauschale Regeln sind hier wenig hilfreich, wohl aber der Hinweis, sich die Möglichkeiten und Grenzen der Quelle anhand der Ergebnisse der Quellenkritik bewusst zu machen.

Nach Abschluss der Quellenkritik folgt die Analyse des Materials in Bezug auf die Fragestellung. Hierzu gehören der Vergleich und die Einordnung der Quelle in die bisherigen Rechercheergebnisse, sowohl bezüglich der Überlieferungssituation als auch des Forschungsstandes. Vorgaben lassen sich dafür nicht machen, da die Analyse von der gewählten Fragestellung und Untersuchungsmethode abhängt. Eine sozialgeschichtliche Netzwerkanalyse unterscheidet sich sehr von einer Kulturgeschichte des Politischen oder von einer diskursgeschichtlichen oder biographischen Arbeit.

Ist das Ziel ein möglichst umfassendes Verständnis der Quelle, so ist es hilfreich während der Analyse nach Aspekten zu fragen, die nicht explizit benannt sind, sich aber aus dem Kontext ergeben: Gibt es unausgesprochene Motive der Verfasserin und des Verfassers oder derjenigen, welche die Quelle in Auftrag gaben? Wie ist das Verhältnis zu den Rezipienten? Lassen sich Auslassungen nachweisen? Gibt es Bezüge zu Vorläufertexten oder Übernahmen aus anderen Quellen, die nicht explizit als Zitate markiert sind? Gibt es weitere Quellen, die Aussagen über die Wirkung und Rezeption der Quelle ermöglichen? Welche Bedeutung haben Widersprüche, die in der Quellenkritik auffielen und wie passt die Quelle zu ihrem Typus? Für die Beantwortung gerade der letzten Frage finden sich in den Quellenkapiteln dieses Bandes zahlreiche Anregungen.

1.5  Literatur

1.5.1  Einführungen und Überblickswerke

Baumgart, Winfried (Hg): Quellenkunde zur deutschen Geschichte der Neuzeit von 1500 bis zur Gegenwart, Bd. 1 (1500–1815), 3. Aufl., Paderborn 2018.

Baumgart, Winfried: Bücherverzeichnis zur deutschen Geschichte, 18. Aufl., München 2014.

Benjamin, Jules R.: A Student’s Guide to History, 10. Aufl., Boston 2007.

Brandt, Ahasver von: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, 18. Aufl., Stuttgart 2012.

Droysen, Gustav: Grundriss der Historik, 3. Aufl., Leipzig 1882.

Eckert, Georg/Beigel, Thorsten: Historisch Arbeiten, Göttingen 2019.

Emich, Birgit: Geschichte der Frühen Neuzeit studieren, 2. Aufl., München 2019.

Jordan, Stefan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, 4. Aufl., Stuttgart 2018.

Kirn, Paul: Einführung in die Geschichtswissenschaft, hrsg. von Joachim Leuschner, 6. Aufl., Berlin 1972.

Opgenoorth, Ernst/Schulz, Günther: Einführung in das Studium der neueren Geschichte, 6. Aufl., Paderborn 2001.

Pandel, Hans-Jürgen: Quelleninterpretation. Die schriftliche Quelle im Geschichtsunterricht, 3. Aufl., Schwalbach/Ts. 2006.

Paul, Gerhard: Von der Historischen Bildkunde zur Visual History. Eine Einführung, in: Paul, Gerhard (Hrsg.), Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006, 7–36.

Pauser, Josef: Quellenkunde der Habsburgermonarchie (16.–18. Jahrhundert). Ein exemplarisches Handbuch, München 2014.

Rudolph, Harriet/Lingelbach, Gabriele: Geschichte Studieren. Eine praxisorientierte Einführung für Historiker von der Immatrikulation bis zum Berufseinstieg, Wiesbaden 2005.

Rüsen, Jörn: Historische Vernunft. Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft. Grundzüge einer Historik, Bd. 1, Göttingen 1983.

Wohlfeil, Rainer: Methodische Reflexionen zur Historischen Bildkunde, in: Tolkemitt, Brigitte/Wohlfeil, Rainer (Hrsg.), Historische Bildkunde. Probleme, Wege, Beispiele (Beihefte der Zeitschrift für Historische Forschung 12), Berlin 1991.

Wurthmann, Nicola/Schmidt, Christoph: Digitale Quellenkunde. Zukunftsaufgaben der Historischen Grundwissenschaften, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 17 (2020), 169–178.

1.5.2  Digitale Hilfsmittel

CLIO – Online – https://guides.clio-online.de [1.1.2024].Einführungen mit thematischer oder epochaler Sortierung und zu geschichtswissenschaftlichen Arbeitstechniken.

Historicum – https://historicum-estudies.uni-koeln.de/wissenschaftliches-arbeiten-i/tutorium-quellenarbeit [1.1.2024].Einführung in die geschichtswissenschaftliche Quellenarbeit der Universität zu Köln.

Ad fontes – https://www.adfontes.uzh.ch [1.1.2024].Einführung in die Quellenarbeit im Archivder Universität Zürich, u. a. mit alten Handschriften, Leseübungen, Beispiele aus verschiedenen Archiven und einer Einführung in die Archivrecherche.

Universität Wien – https://gonline.univie.ac.at/methoden-quellen [1.1.2024].Einführung in das historische Arbeiten der Universität Wien.

Universität Duisburg-Essen – https://www.uni-due.de/imperia/md/content/geschichte/wirtschaftsgeschichte/reader_propaedeutikum_2018.pdf [1.1.2024].Bausteine für das Geschichtsstudium – Leitfaden der Geschichtswissenschaft der Universität Duisburg-Essen.

2  Paläographie

Florian Lehrmann und Robert Meier

2.1  Einführung

Kenntnisse der Paläographie (Schriftkunde) haben für Historikerinnen und Historiker, die mit unedierten Quellen des 16. bis 19. Jahrhunderts arbeiten, eine hohe praktische Bedeutung. Denn sie ermöglichen, in heute ungebräuchlichen Schriften geschriebene Texte zu lesen, was gerade für den deutschsprachigen Raum wichtig ist – Verwaltungsschriftgut ebenso wie Ego-Dokumente.

Der Beitrag behandelt diejenigen Ausprägungen der lateinischen Schrift, die zwischen 1500 und 1900 im deutschen Sprachraum geschrieben wurden: die neugotisch-deutschen Schriften – die auch in einigen anderen Regionen, vor allem Böhmen und Skandinavien, verwendet wurden – und die im ganzen lateinischschriftigen Europa geläufigen Antiqua-Schriften. Andere Schriften sind mit Schreiben auswärtiger Aussteller in die Archive gelangt, werden aber hier nicht betrachtet. Es geht zudem um handgeschriebene Schriften; auf den Druck wird nur am Rande eingegangen. Im Zentrum steht eine der neugotisch-deutschen Schriften, nämlich die Kurrentschrift, da sie die häufigste Schreibschrift der Zeit war und für heutige Leserinnen und Leser besonders schwer zu lesen ist.

2.2  Methodik

2.2.1  Grundzüge der Schriftentwicklung

Eine grundlegende Bedingung für die neuzeitliche Schriftentwicklung war eine ständige Zunahme der Schriftlichkeit, zunächst in Verwaltungen, später auch im privaten Leben der Menschen. Für den deutschsprachigen Raum war überdies charakteristisch, dass es nicht nur eine, sondern zwei Arten von Handschriften gab: zum einen die neugotisch-deutschen Schriften, die auf den spätmittelalterlichen gotischen Schriften basierten, zum anderen die Antiqua-Schriften, die ab etwa 1400 von den Humanisten entwickelt worden waren. Dieser Sachverhalt wird als »Zweischriftigkeit« bezeichnet. Solch ein gleichzeitiges Bestehen von Schriften in der gotischen und in der humanistischen Tradition gab es zwar vorübergehend im ganzen lateinischschriftigen Europa, aber im deutschen Sprachraum etablierte sich ein stabiles und besonders langlebiges Nebeneinander der Schriftgruppen, das bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts währte.

Auch der Gebrauch der Schriften unterschied sich von anderen Regionen: Während es anderswo überwiegend vom Textgegenstand abhing, ob Schriften gotischer oder humanistischer Herkunft verwendet wurden, unterschied man im deutschen Sprachraum meist nach der Sprache. Man nutzte für Deutsch typischerweise neugotisch-deutsche Schriften und für andere Sprachen, in erster Linie Latein, Antiqua-Schriften. Diese Unterscheidung beachtete man so streng, dass man in deutschen, insgesamt neugotisch-deutsch geschriebenen Texten Fremdwörter regelmäßig in Antiqua-Schriften und deutsche Endungen von ihnen oft wieder neugotisch-deutsch schrieb.

Einfluss auf die Entwicklung der Handschriften hatten die zahlreichen Schreibmeister, professionelle Schreiblehrer, die ihre Hochzeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert hatten. Sie brachten als Lehrwerke die meist gedruckten Schreibmeisterbücher heraus. Trotz diesen Vorbildern sind die Handschriften der zahlreicher werdenden Schreiber der Frühen Neuzeit aber individueller, als es vom Mittelalter her bekannt ist. Erst im 19. Jahrhundert werden die Schriften wieder gleichförmiger, was mit der Durchsetzung der Schulpflicht zu tun hat. Schließlich hatten die benutzten Schreibgeräte Einfluss auf das Aussehen der Schriften: So hatten die oft feinen Striche in Schriften des 19. Jahrhunderts Stahlfedern mit dünn geschnittenen Spitzen zur Voraussetzung.

2.2.2  Neugotisch-deutsche Schriften: Fraktur, Kanzlei, Kurrent

Mit dem Begriff ›neugotisch-deutsche Schriften‹ früher ›deutsche Schrift‹ werden neuzeitliche Schriften bezeichnet, die sich aus den spätmittelalterlichen gotischen Schriften entwickelt haben, und zwar diejenigen die im deutschen Sprachraum sowie in manchen benachbarten Regionen verwendet wurden. Die Entstehung dieser Schriften fällt ins späte 15. und ins 16. Jahrhundert. Nach einer Übergangszeit, etwa bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts, kristallisierte sich im Laufe des 16. Jahrhunderts im Wesentlichen ein System von drei Unterarten der neugotisch-deutschen Schrift heraus: Fraktur, Kanzlei und Kurrent.

Die Fraktur (von lat. fractura, ›Bruch‹) ist eine auf den spätmittelalterlichen Bastardschriften, speziell der französisch-burgundischen lettre bâtarde (auch Bourguignonne) basierende, ab der Mitte des 15. Jahrhunderts und im frühen 16. Jahrhundert entstandene Schrift, die besonders am Hof Kaiser Maximilians I. gepflegt wurde. Ihre klassisch gewordenen Detailformen erhielt sie in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts. Die Schrift hat unverbundene und gewöhnlich aufrechtstehende Buchstaben, die teils gebrochene, teils runde Formen haben und durch den Wechsel von dünnen Haar- und dicken Schattenstrichen gestaltet sind.

Im Verhältnis zu ihrem ausgedehnten Mittelband haben die Buchstaben nur gering ausgebildete Ober- und Unterlängen. Langes »s« und »f« haben spindelförmige Schwellschäfte, die sich nach oben verdicken. Die Großbuchstaben sind oft aufwendig verziert, vor allem mit dem typischen »Elefantenrüssel«, einem »s«-förmigen Anschwung (z. B. beim »A«). Im handschriftlichen Bereich wurde die Fraktur vor allem als Auszeichnungsschrift (hervorgehobene Schrift) verwendet. Ihre eigentliche Bedeutung liegt jedoch im Druckbereich: Hier setzte sie sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als übliche Schrift für deutschsprachige Texte durch.

Die Kurrentschrift (Kurrent, Kurrente, von lat. currere, ›laufen‹; auch Geschäftsschrift) ist in einer Übergangsphase in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus der Bastarda beziehungsweise gotischen Kursive entstanden. Sie ist mit großem Abstand die häufigste handgeschriebene Schrift der neugotisch-deutschen Schriften. Nicht verwechselt werden sollte sie mit der Sütterlin-Schrift, einer im 20. Jahrhundert geschaffenen Variante der Kurrentschrift.

Die Buchstaben sind regelmäßig miteinander verbunden, was unter anderem durch Schlingen in Ober- und Unterlängen geschieht (so etwa bei »l«, »d« beziehungsweise »g«, »z«). Parallele Schäfte sind zwischen verschiedenen Buchstaben (unter anderem bei »i« und »c«), aber auch innerhalb bestimmter Buchstaben (so bei »m«, »n«, »u«; ähnlich auch bei »e«) durch diagonale Striche verbunden. Dies erzeugt zickzackförmige Muster und erschwert die Lesbarkeit, da auf diese Weise die Buchstabengrenzen nicht immer eindeutig sind. Die ausgebildete Form der Kurrentschrift ist meist nach rechts geneigt und hat, anders als die Fraktur, im Verhältnis zum Mittelband ausgeprägte Ober- und Unterlängen. Der Gesamteindruck der Schrift unterliegt auch zeitlichen Veränderungen, die wohl mit sich wandelndem Zeitgeschmack zu tun haben.

Die »Leitbuchstaben« der Kurrentschrift, also die Buchstaben, an denen man diese Schrift erkennen kann, sind »e«, »h« und »r« (Bošnjak 2013, 370). Das »e« entwickelt im Laufe des 16. Jahrhunderts eine »n«-ähnliche Form, die aus zwei parallelen, oft eng nebeneinander stehenden Schäften besteht, die mit einem kleinen Schrägstrich verbunden sind. Die Kurrentform des »h« besteht aus nur einem Schaft und hat sowohl in der Ober- als auch in der Unterlänge Schlingen. Das »r« weist, ähnlich wie in der nachfolgend erklärten Kanzlei, einen gespaltenen Schaft auf, der unten mit einem Häkchen oder mit Schlingen verbunden ist. Die Schaftspaltung tritt auch bei anderen Buchstaben auf (so etwa bei »a«, »v«, »w«).

Ein weiterer charakteristischer Buchstabe ist das »c«, bei dem sich im 16. Jahrhundert eine Form mit einem Schaft und zwei diagonalen Verbindungsstrichen links und rechts ausbildet. Diese »c«-Form kann mit einem »i«, aber auch mit einem »t« verwechselt werden.

Der Buchstabe »s« tritt in der Kurrentschrift in zwei unterschiedlichen Gestalten auf, dem langen und dem runden »s«. Welche Form geschrieben wird, richtet sich nach der Stellung im Wort: Am Beginn und im Inneren eines Wortes steht in der Regel das lange »s«, am Wort- (und oft Silben-)Ende das runde »s« (»Schluss-s«).

Bei »u« und »v« ist zu beachten, dass sich die Verwendung lange Zeit nicht nach dem Lautwert richtet, sondern nach der Stellung im Wort: Zu Beginn eines Wortes wird stets »v«, in der Mitte und am Ende stets »u« geschrieben (so steht im Schriftbild z. B. »vngeuerlich«, wenn »ungeverlich« gemeint ist). Erst ab dem 17./18. Jahrhundert werden »u« und »v« nach dem Lautwert gebraucht.

Die Umlaute »ä«, »ö« und »ü« können schon im 16. Jahrhundert durch zwei Punkte oder Striche gekennzeichnet sein. Diese diakritischen Zeichen, die ursprünglich auf ein übergeschriebenes »e« zurückgehen, können auch kursiv zu einem geschwungenen Strich verbunden sein, was die Abgrenzung von einem »u«-Haken (einem Zeichen zur Kennzeichnung des »u«) nicht in jedem Fall möglich macht.

Die Großbuchstaben können in zahlreichen Varianten auftreten, entweder als vergrößerte Kleinbuchstaben oder in eigenen Formen. Wegen ihrer Varianz, ihrer oft stärkeren Verzierung und ihres selteneren Vorkommens können sie Leseschwierigkeiten bereiten.

Ein prägendes Merkmal der Kurrentschrift sind ihre Ligaturen (Verschmelzungen zweier oder mehrerer Buchstaben zu einem neuen Zeichen). Sie treten in erster Linie beim langen »s« auf. Hier ist zunächst »sz« zu erwähnen, das in der Regel schon im frühen 16. Jahrhundert in der Form des ›scharfen s‹ (»ß«) geschrieben wird, bei der das »z« in einem Zug an den Bogen des langen »s« angehängt wird und zum Teil in einer Schlinge ausläuft. Da aber auch das ›normale‹ lange »s« teils einen größeren Bogen haben kann, kann die Unterscheidung im Einzelfall schwierig sein. Ebenso kann die Abgrenzung von »ß« zur »ss«-Ligatur schwierig sein, da diese nicht nur aus zwei verbundenen langen »s«, sondern auch aus einem langen »s« mit angehängtem rundem »s« bestehen kann. In solchen Fällen muss die Buchstabengestaltung des Schreibers