Windschatten - Sascha André Michael - E-Book

Windschatten E-Book

Sascha André Michael

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Beschreibung

500 Meilen bis zur Ewigkeit! Du kannst als Sieger in die Geschichte eingehen oder als Niemand vergessen werden. Ein Fehler kann Dich das Rennen kosten ... oder Dein Leben. Was bist Du bereit, zu riskieren? Ein Muss, nicht nur für Motorsport-Fans. Der Thriller-Spezialist und langjährige Racing-Insider Sascha André Michael entführt den Leser in eine fremde, faszinierende Welt: die Welt des Indy 500, des legendären 500 Meilen-Rennens von Indianapolis. Werfen Sie in diesem High-Speed-Roman einen actiongeladenen Blick hinter die Kulissen des schnellsten und gefährlichsten Autorennens der Welt und erleben Sie den Geschwindigkeitsrausch auf der Piste.

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Seitenzahl: 433

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für Greg Moore

Things that might have been

After two thousand came two thousand and one

To be the new champions we were there for to run

From springtime in Arizona 'til the fall in Monterey

And the raceways were the battlefields and we fought 'em all the way

Was at Phoenix in the morning I had a wake-up call

She went around without a warning put me in the wall

I drove Long Beach, California with three cracked vertebrae

And we went on to Indianapolis, Indiana in May

Well the Brickyard's there to crucify anyone who will not learn

I climbed the mountain to qualify went flat through the turns

But I was down in the might-have-beens and an old pal good as died

And I sat down in Gasoline Alley and I cried

Well we were in at the kill again on the Milwaukee Mile

And in June up in Michigan we were robbed at Belle Isle

Then it was on to Portland, Oregon for the G.I. Joe

And I'd blown off almost everyone when my motor let go

New England, Ontario we died in the dirt

Those walls from mid-Ohio to Toronto they hurt

So we came to Road America where we burned up at the lake

But at the speedway at Nazareth I made no mistake

(Mark Knopfler, Speedway at Nazareth)

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Erster Teil: Der Längste Monat

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Zweiter Teil: Tag der Entscheidung

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Epilog

You Better Hurry Cause They’re Going Fast!

PROLOG

Der Mann mit dem Wohnmobil

Der Rentner mit dem beigefarbenen Wohnmobil war jedes Jahr der Erste.

Spätestens am dreißigsten März lenkte er seinen 75’er Winnebago auf jenen Abstellplatz, den er nun schon seit fast dreißig Jahren gepachtet hatte, und baute dann mit andächtig wirkender Gemächlichkeit das Vorzelt auf.

So, wie für manche Leute der Frühlingsbeginn unweigerlich mit der Rückkehr bestimmter Vögel aus ihrem Winterquartier verbunden war, wussten die Menschen in der Umgebung beim Anblick des abgelebten Campers, dass es nun endlich wieder jene Zeit des Jahres gekommen war. In wenigen Tagen würde ein minutiös geplanter, einzigartiger Countdown über vier Wochen hinweg in Gang kommen, an dessen Höhepunkt das größte Eintages-Sportereignis der Welt stand:

Die fünfhundert Meilen von Indianapolis.

Im Grunde genommen war es nur ein Autorennen, wenn auch härter, länger, schneller und wohl auch gefährlicher als andere Motorsportveranstaltungen.

Für seine vielen enthusiastischen, beinahe fanatischen Anhänger war das liebevoll und vertraulich Indy 500 genannte Epos jedoch die Tradition der Traditionen. Für sie war es ein Spektakel von unvorstellbaren Ausmaßen, zugleich Party, Familientreffen und Achterbahnfahrt. Das Indy 500 zog Jahr für Jahr nicht nur fast eine Million Zuschauer an die Rennstrecke, sondern schlug auch knapp eine halben Milliarde Menschen in weit mehr als einhundert Ländern vor dem Fernsehschirm in seinen Bann.

Der Rentner aus Lafayette in Indiana, der stets zuverlässig den Indy-Monat eröffnete, hatte sein erstes Indy 500 bereits im Jahre 1932 erlebt, damals war er sechs Jahre alt. Seitdem hatte er nur drei Rennen verpasst: das erste 1946, als er sich noch von seiner Kriegsverletzung erholen musste (zugezogen bei der finalen Schlacht um Berlin), dann 1951, als seine Frau Sadie am Renntag ihren ersten Sohn zur Welt brachte, und schließlich 1988, als Sadie ihren mutigen, aber aussichtslosen Kampf gegen einen Gehirntumor verlor.

In den ersten beiden Jahren, nachdem er seine Frau beerdigt hatte, war der rüstige alte Mann von seinem Sohn zum Rennen begleitet worden. Doch dann machte sich sein Sprössling mit einer Immobilienfirma selbständig und entschied, dass er sich die ganze Zeit, die er in den Rennbesuch investieren musste, nicht mehr leisten konnte. Er versprach zwar, wieder mit nach Indy zu kommen, sobald sich das Geschäft selbst trug. Doch dies geschah nie. Also brach der alte Mann wieder alleine nach Indy auf, wie in den Jahren von 1947 bis 1950, bevor er Becky getroffen hatte.

Und immer noch trug er dabei sein Notizbuch mit sich. In dieser Reliquie hatte sich seit 1935 jeder Teilnehmer am Indy 500 mit einem Autogramm und einer Widmung verewigt. Andere sammelten nur die Unterschriften der Sieger, den Rentner aus Lafayette hingegen interessierte jeder, der an dieser Kathedrale der Geschwindigkeit einmal am Lenkrad gearbeitet hatte. An viele dieser mutigen Männer und Pioniere erinnerten heutzutage nur noch die Unterschriften in der ledergebundenen Kladde ... dies, und die Erinnerungen, die sich unauslöschlich im Kopf des Mannes eingebrannt hatten.

Und der alte Mann hatte in seiner Zeit alles gesehen, was diese Rennstrecke bieten konnte: Tragödien, Triumphe, Neulinge, Veteranen, Zweikämpfe, Solofahrten, goldene Momente, bitterste Enttäuschungen, haarsträubende Unfälle und glimpfliche Ausrutscher. Er war Zeuge des Aussterbens der eleganten Frontmotor-Roadster gewesen, hatte den anschließenden Siegeszug der kleinen und leichten heckgetriebenen Monopostos erlebt und Anfänge wie auch abrupten Enden der Karrieren berühmter Fahrer mit angesehen. Jedem, der sich hinsetzen und zuhören wollte, konnte er unzählige lustige, traurige oder auch bemerkenswerte Geschichten erzählen, die in keinem Buch über das Rennen der Rennen erwähnt wurden.

Leider musste der alte Mann etwas wehmütig zugeben, dass das Rennen selbst heute nicht mehr ganz so viel Spaß machte wie früher. Dies lag daran, dass diese neuen Rennwagen ganz einfach zu schnell waren, um sie noch richtig zu beobachten. Bevor er überhaupt mitbekommen hatte, dass sich ihm ein Auto näherte, war es schon wieder vorbeigezischt.

Und dennoch konnte er es wie jedes Jahr kaum erwarten, sich endlich auf seinen angestammten Platz auf der Haupttribüne an der Start- und Zielgeraden niederzulassen und all das zu erleben, was Indy erst zu dem machte, was es war: Er würde all die Leute treffen, mit denen er schon seit dreißig, vierzig Jahren das Rennen besuchte. Er würde die einzigartige Atmosphäre der Brickyard in sich aufnehmen und gespannt die unzähligen kleinen und großen Dramen verfolgen, die sich während der nächsten Wochen von Trainingsfahrten und Qualifikationen bis zum Rennen zwangsläufig entfalten würden.

Obschon er noch nicht wissen konnte, wie Recht er hatte, spürte er schon, dass dieser Monat Mai etwas Besonderes werden würde. In der Luft war eine verheißungsvoll sirrende Elektrizität, die der alte Mann schon seit Jahren nicht mehr so intensiv erlebt hatte. Er ahnte, dass viel auf ihn, die Rennpiste und die Fahrer zukam, und er zählte bereits die Tage und Stunden, bis sein ansonsten ruhiges und beschauliches Leben seinen alljährlichen lauten Höhepunkt erreichte:

Die fünfhundert Meilen von Indianapolis.

Luftaufnahme des Indianapolis Motor Speedway

ERSTER TEIL

DER LÄNGSTE MONAT

(04. Mai 1994 bis 28. Mai 1994)

Eins jedoch ist sicher: So wie

Generationen von Fahrern ihre

Träume mit den Indy 500

verbinden, so werden auch

Generationen von Fans immer

wieder nach Indianapolis kommen,

um an dieser amerikanischen

Nationalfeier teilzunehmen.

(Tom Carnegie, Streckensprecher in Indianapolis von 1946-2000)

ERSTES KAPITEL

Konsequenzen

1

Jeder Rennfahrer weiß, dass Verletzungen oder gar der Tod stets irgendwo lauern können; vielleicht hinter der nächsten Kurve, oder aber am Ende der folgenden Geraden. Unfälle gehören für Racer zum Alltag. Diese Tatsache wird einerseits mit Hilfe von gesundem Fatalismus und Selbstsicherheit verdrängt, aber auch - vielleicht zwangsläufig - von allen akzeptiert, als düsterer, wenngleich unvermeidbarer Bestandteil einer freiwillig gewählten Umgebung. Und dennoch ist jeder wirklich schwere Unfall gleichermaßen schockierend. Jählings und unerwartet zerreißt der Tunnelblick und zeigt für einen kurzen Moment die finstere Konsequenz der Realität.

Zwei Tage nach der zeremoniellen Freigabe des Indianapolis Motor Speedways für Trainingsfahrten jagte ein silbern, blau und rot lackiertes Indycar die eintausend Meter lange Start-Zielgerade der weltberühmten Rennstrecke entlang. Das gleichmäßige Heulen des Ford-Cosworth V8-Turbomotors im Heck des pfeilförmigen J003-Chassis hallte über die spärlich gefüllten Zuschauerränge, auf denen die wenigen Fans in ihren bunten Sachen wie verschwommene Farbtupfer aussahen.

Arjen Dijkstra hielt den HARDCASTLE’S Special, wie der Rennwagen dank seines Hauptsponsors offiziell genannt wurde, immer auf dem Groove. Dies war die Ideallinie der zweikommafünf Meilen langen, ovalförmigen Piste, auf der sich während der Testrunden der meiste Gummiabrieb gebildet hatte und die Reifen die beste Haftung besaßen.

Die Digitalanzeige auf dem schmalen Armaturenbrett in Dijkstras Cockpit zeigte an, dass die momentane Drehzahl des Motors etwas mehr als 11300 Umdrehungen betrug. Es gab keinen Geschwindigkeitsanzeiger auf dem so genannten Dashboard, doch per Boxenfunk hatte der Pilot erfahren, dass seine letzte Rundenzeit bei erbärmlichen 43.2 Sekunden gelegen hatte, was eine Durchschnittsgeschwindigkeit von gerade einmal 345 Km/H ergab.

Dijkstra war unzufrieden, mit sich und ganz besonders mit seinem Rennwagen. Steve MacLean im Spirit-Ilmor hatte bereits eine Runde mit einem Schnitt von dreihundertsechzig Km/H hingelegt. Von dieser Leistung, selbst von der Geschwindigkeit seines Teamkollegen Gary Allison war Dijkstra weit entfernt. Vor Mannschaft und Fahrer lagen noch einige Strapazen, bis alles funktionierte. Denn erst sobald das Paket aus Aerodynamik, der mechanischen Abstimmung und der Motorleistung des Rennwagens endlich stimmte, konnte man sich beim Team von Harriman Motorsports berechtigte Hoffnung machen, das wichtigste Rennen der Saison zu gewinnen.

Aber davon konnte man momentan nicht einmal träumen. Die bisherigen drei Rennen der CART World Series für Indycars waren eine bittere Enttäuschung für Dijkstra und seine Mannschaft gewesen. Es war kaum mehr ein Schatten der Erfolge vergangener Jahre, als etwa Gordon Wilcox 1982 das Indy 500 gewann oder Kendall Crippen 1986 Champion der Indycar-Serie wurde. Sowohl Dijkstras letzter Sieg, als auch der letzte Erfolg für den Rennstall lag fast schon zwei Jahre zurück.

Der J003 war ein Auto, dem die schnellen Ovalrennstecken wie Indianapolis oder Michigan aerodynamisch liegen sollten. Die ganze Mannschaft hatte daher gehofft, dass ihre beiden Indycars beim Indy 500, dem Kronjuwel der Serie, endlich zu alter Form zurückfinden würden. Doch Dijkstra und seine Crew kämpften bislang mit genau denselben entnervenden technischen Problemen wie während der ersten Saisonrennen in Surfers Paradise, Phoenix und Nazareth. Dijkstras Renningenieur Tony Ribicoff und Chefmechaniker Denny Gomberg hatten zwar durch einige gezielte Veränderungen in der Einstellung des Wagens, dem Setup, die anfangs geradezu katastrophale Trägheit des J003 ein wenig verbessert. Aber dies hatte sich trotzdem noch nicht positiv auf die Rundenzeiten ausgewirkt.

Also begann Dijkstra eine weitere Testfahrt, für ihn war es bereits die zweihundertsechzigste Runde in anderthalb Tagen.

Wie immer schlug es ihm beim Überqueren der Start- und Ziellinie im hinteren Drittel der oberen Geraden fast das Lenkrad aus den Händen. Dies war eines der Wahrzeichen der Rennstrecke von Indianapolis; auf diesem genau ein Yard, also 91 Zentimeter breiten Streifen hatte man den ursprünglichen, 85 Jahre alten Streckenbelag des Speedways aus Backsteinen (auf Englisch 'Bricks') erhalten. Diesem einzigartigen Erinnerungsstück verdankte die Rennpiste von Indy ihren Rufnamen 'Brickyard', also Ziegelei.

Am Beginn der ersten Kurve drückte Dijkstra sein Indycar ohne zu bremsen in die mit neun Grad sanft überhöhte Biegung. Auf einer guten Runde und bei freier Strecke benutzte man in Indianapolis die Bremsen nie, höchstens nahm man in den vier Linkskurven des entgegen des Uhrzeigersinnes gefahrenen Ovals etwas Gas weg, um die Geschwindigkeit zu verringern. Aber auch dies war nur nötig, wenn der Wagen außer Kontrolle zu geraten drohte.

Dijkstra hielt sich so lange dicht an der Innenseite der Kehre, bis ihn das Kurvenmoment dann am Beginn der short chute, der kurzen Verbindungsgerade zwischen den Kurven 1 und 2, gleichmäßig wieder zur Außenwand hindrückte. Kurz darauf zog er die untere Gerade entlang. Nach knapp zehn Sekunden, vor der Einfahrt von Kurve 3, hatte sein Indycar eine Geschwindigkeit von fast dreihundertsiebzig Stundenkilometern erreicht, von der er in der Kehre wieder etwa dreißig verlor. Und das war viel zu viel. Jeder Fahrer wusste, dass der Schlüssel zu einer guten Runde in Indy weniger in einem hohen Speed auf der Geraden lag, sondern darin, sowenig Schwung wie möglich in den Kurven zu verlieren. Als dann auf dem Dashboard die letzte Rundenzeit aufblitzte, war Dijkstra entsprechend frustriert, weil er nach wie vor zwei Sekunden zu langsam war.

Vor Kurve 3 setzte er sich hinter einen Spirit-Ilmor und ließ sich von dem schnelleren Kollegen mitziehen. Obwohl die extrem aerodynamischen Indycars nur recht geringe Windschatten in die Luft stanzten und die Abluft des Unterflügels darin zusätzlich für Turbulenzen sorgte, konnte man dennoch vom Drafting profitieren. Der hintere Rennwagen hatte im Windschatten seines Vordermannes einen geringeren Luftwiderstand, er erreichte eine höhere Geschwindigkeit und sparte auch noch Treibstoff.

Dijkstra folgte dem Spirit in Kurve vier und war fest entschlossen, einen Teil des Rückstandes durch fahrerischen Einsatz wettzumachen und sich vom Vordermann nicht abhängen zu lassen. Doch auch ein langjähriger Profi war nicht gegen den typischen Fehler eines Piloten immun, der mit einem schlechten Wagen zu kämpfen hatte: er fuhr zu hart und zu gezwungen. Er büsste damit, dass seine Front instabil wurde, er von der Ideallinie abkam und die Fahrspur abrupt korrigieren musste. Grimmig brach er die Runde ab. Im Moment hatte es keinen Sinn, noch auf der Piste zu bleiben.

»Jerry, ich komme wieder rein«, sagte er seinem Teammanager per Helmfunk, während der schwarz/goldene Spirit, von dem er sich ein paar Meter hatte ziehen lassen, in der Ferne verschwand.

Er lenkte durch Turn Kurve und zog dann nach links von der Rennstrecke weg und in die Boxengasse hinein. Die Box des HARDCASTLE’S Special befand sich früh im ersten Viertel der neu gestalteten Anlage, und dies war auch nicht unbedingt dazu angetan, um den verdrießlichen Fahrer aufzuheitern. Nachdem er von der Geraden weggebrochen war und die Geschwindigkeit schon bei der Anfahrt rabiat gedrosselt hatte, um sich dem Speedlimit in der Boxengasse von 100 Meilen pro Stunde anzupassen, musste er sofort mit aller Kraft auf die Bremse steigen, um nicht seine Crew zu verpassen.

Damit niemand von einem anderen Team einen Blick auf die Flügeleinstellung des Wagens werfen konnte, deckten zwei seiner Mechaniker sofort die Front- und Heckspolier des J003 mit Stoffmatten zu, nachdem Dijkstra den Wagen geparkt hatte. Dann ließ der Pilot den Verschluss des Sechspunktegurtes aufschnappen, zog das Lenkrad ab und schälte sich aus dem Cockpit, ein großgewachsener, schlanker und durchtrainierter Mann Mitte dreißig, der seine dunklen, schulterlangen Haare im Nacken zu einem buschigen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.

Das Gesicht, das zum Vorschein kam, nachdem er seinen golden und rot lackierten Arai-Helm abgenommen und sich von der durchgeschwitzten Balaclava, der feuerfesten Kopf- und Gesichtsschutzmaske, befreit hatte, war hager und gut geschnitten. Seine Augen schimmerten steingrau. Zweimal war Dijkstra bereits von den Leserinnen einiger Motorsportmagazine zum Rennfahrer mit dem meisten Sex-Appeal gewählt worden, was er jedoch eher als amüsant empfunden hatte und weniger als große Ehre. Lieber sammelte er Siege und Titel auf der Rennstrecke.

Während der Elektronikspezialist der Crew sein Laptop in das Interface vor dem Windabweiser des Cockpits stöpselte, um die neusten Telemetriedaten abgerufen zu können, zupfte sich Dijkstra die Lärmschutzpropfen und die mit dem Bord-Funksystem verbunden Lautsprecherknöpfe aus den Ohren. Dann trat er hinter die hüfthohe Boxenmauer. Neben dem mit tragbaren Computern und Monitoren vollgestopften, von einem Zeltdach abgeschirmten Kommandostand wartete schon der technische Stab seines Teams.

In der komplexen Struktur eines Indycar-Teams stand an der Spitze der Teambesitzer, der oftmals eine aktive Rolle in der Mannschaft spielte, wie etwa Dijkstras Boss Jacob Harriman, manchmal aber auch nur als Geldgeber fungierte. Als nächstes in der Hierarchie folgte der Teammanager, der alle taktischen und rennstrategischen Entscheidungen zu treffen hatte und als Bindeglied zwischen der technischen und der logistischen Seite der Brigade fungierte. Der Manager von Harriman Motorsports, Jerry Mulholland, war ein gedrungener Mann mit leiser Stimme, dunklen Augen und kurzen sandfarbenen Haaren. Rund um den Globus hatte Mulholland in den unterschiedlichsten Serien von der Formel 1 bis zur Rallye-WM seinen reichen Erfahrungsschatz gesammelt.

Die technische Leitung des Teams repräsentierten Tony Ribicoff, der Renningenieur, der für die Einstellung und Telemetrie des Wagens zuständig war, und Denny Gomberg, der Chefmechaniker, der dafür sorgte, dass die Entscheidungen des Renningenieurs vom Team technisch umgesetzt wurden. Dahinter stand ein versierter Stab von Mechanikern und Spezialisten für bestimmte Bereiche des Indycars, etwa das Treibstoffsystem, die Auspuffanlage, Aerodynamik, Verbundstoffherstellung, oder die immer komplexer werdende Elektronik. Insgesamt arbeiteten pro Wagen neunzehn Leute in den beiden Harriman-Crews. Die Gesamtbelegschaft des Rennstalles zählte achtundsechzig Fachkräfte, vom Trucker über die Helfer im Hospitality-Bereich, bis hin zu den Büro- und Putzkräften in der Harriman Motorsports-Zentrale, dem so genannten Shop in Detroit.

»Dasselbe Spiel: ich habe höllisches Untersteuern im Windschatten«, sagte der Fahrer, und die Frustration in seiner von einem sanften holländischen Akzent geprägten Stimme war nicht zu überhören. Wenn der Wagen untersteuert, oder schiebt, dann verlieren die Vorderräder in den Kurven ihre Lenkwirkung. Das Gegenteil ist das Übersteuern, wenn der Rennwagen extrem sensibel auf Lenkausschläge reagiert und ständig in Gefahr ist, sich zu drehen. Beides zwingt den Fahrer zu Kurskorrekturen, was Zeit kostet. »Ich hab’s hinter dem Spirit wieder gemerkt.«

Anthony Ribicoff war einer der versiertesten und gewieftesten Renningenieure der Szene. Wenn er ein dumpfes Seufzen ausstieß und frustriert wirkte, weil keine seiner Ideen fruchtete, waren die Probleme groß. Und das waren sie.

»Okay«, meinte Ribicoff. »Denny und seine Jungs bereiten das Ersatzchassis vor, damit du nachher noch für ein paar Runden 'rausgehen kannst. Wir werden die Stabilisatoren ein wenig runternehmen und geben stattdessen ein wenig mehr Frontflügel. Dann haben wir einen Vergleichswert, wenn wir heute Abend die Telemetrie durchgehen. Gary ist gerade in der 4T draußen, wir werden sehen, was er sagt.«

Nickend lehnte sich Dijkstra gegen die Boxenmauer und zog eine Flasche mit Elektrolytgetränk aus der Sporttasche, die er im Schatten unter dem großen Treibstofftank der Box deponiert hatte. Dann trank er einen tiefen Schluck. Die Nachmittagssonne glühte von einem nur schwach bewölkten Himmel auf ihn herab. Zum Glück wehte ein sanftes Lüftchen, das die Hitze für die Fahrer in Overall und feuerfester Unterwäsche zumindest erträglich machte und zugleich die Wagen auf der Strecke gleichzeitig nicht behinderte, wie es böiger Gegen- oder Seitenwind tat.

Dijkstra hatte dieses Geräusch so oft gehört, dass er kaum noch wahrnahm, als im Hintergrund das Fauchen eines Indycar-V8-Motores anschwoll. Der Wagen musste jede Sekunde aus Kurve Vier kommen. Doch diesmal ging etwas schief.

Jäh quietschten Reifen. Und dann: Aufschlag!

Dijkstra sah nur noch, wie ein Indycar bei etwa zweihundert Meilen pro Stunde in die Seitenwand hinter Turn vier krachte.

Für einen Sekundenbruchteil verschwand der Wagen in einem Feuerball von verbrennendem Öl, schlidderte dann zuerst mit dem Heck voran, schließlich seitwärts an der unnachgiebigen Betonmauer entlang, wobei er eine Spur von Teilen des Chassis und der Verkleidung, die von dem harten Aufschlag in die Luft geschleudert worden waren, hinter sich herzog. Scheppernd und splitternd landeten die Kohlefaser- und Fiberglasteile wieder auf dem Asphalt, während der auf der linken Seite völlig zerstörte Wagen zurück auf die Strecke schleuderte, nochmals gegen die Innenmauer krachte und schließlich liegen blieb.

Augenblicklich kamen die roten Flaggen heraus. Das Training wurde abgebrochen.

Dijkstra wusste sofort, dass dies ein besonders übler Abflug gewesen war – ein tückischer Heckeinschlag.

Er legte seinen Helm zur Seite und hastete durch puddingdicke Stille hinüber zu den TV-Monitoren im Leitstand. Dort sah er, dass die Sicherheitsmannschaften des CART Safety Teams bereits vor Ort waren, noch bevor sich die graue Staub- und Rauchwolke des Unfalles verflüchtigt hatte. Das Heck des Wagens wurde aufgrund der unsichtbaren Methanol-Flammen mit Löschschaum zugedeckt. Die Sicherheitszelle war schwer beschädigt, hatte aber gehalten und somit seinen Dienst erfüllt, den Fahrer einzuschließen und zu schützen. Aber wen hatte es erwischt?

Erst als die Bildregie auf eine andere Kamera umschaltete, erkannten Dijkstra und die anderem am Kommandostand voller Entsetzen, wer der verunfallte Fahrer war: Es war Gary Allison, Dijkstras Teamkollege.

»O Gott«, murmelte jemand neben ihm, Schock in der Stimme. »O Scheiße, das ist Gary.«

Der Rennarzt und seine Helfer leiteten mit kühler, abgeklärt wirkender Professionalität Erste-Hilfe-Maßnahmen ein. Wie immer bei solchen Unfällen wurde dem Genick des Fahrers besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Wenn nur der leiseste Verdacht bestand, dass die Wirbelsäule des Piloten gebrochen oder auch nur verstaucht war, durfte der Verletzte nur mit äußerster Vorsicht auf einer Trage mit Kopf- und Genickfixierung bewegt werden, ohne diese Schienung auf gar keinen Fall.

Im Moment jedoch konnte noch nichts über den Zustand des verunglückten Piloten gesagt werden, denn er hing regungslos in den Gurten. Gary Allisons Kopf lag auf dem rechten Katzenkissen an der hochgezogenen Wand des Monocoque. Offenbar war er bewusstlos oder zumindest benommen.

Dijkstra betrachtete die intensive und andauernde Arbeit der Rettungscrew. Nicht zuletzt aus eigener Erfahrung wusste er, dass es keine bessere Erstversorgung geben konnte als durch die Jungs des CART Safety Teams. Doch das minderte nicht die Sorge in seinem Bauch. Denn dies war eindeutig kein glimpflicher, fast alltäglicher Ausrutscher gewesen, sondern ein heftiger Unfall, ein worst case, dessen Folgen im Moment noch nicht abzusehen waren.

2

Der Gründer und Besitzer von Harriman Motorsports, Jacob Francis (‚Jake’) Harriman, war ein großer, schlanker Mittfünfziger mit einem kantigen Falkengesicht, aschfarbenen Haaren und grüngrauen Augen. Er war von einer so ruhigen und bescheidenen Natur, dass nur wenige Menschen in ihm den brillanten und gewieften Geschäftsmann erkannten, der er war. Geboren in relativ einfachen Verhältnissen in Des Moines hatte er sein Millionenvermögen mit einer Kette von über hundert Gemischtwarenläden (HarriMart) im amerikanischen Mittelwesten erwirtschaftet, bevor sein Konzern vor einigen Jahren mit der Blue Skye Malls-Gruppe fusionierte (die auch heute noch einen seiner Rennwagen sponserte). Umso mehr konnte sich Jake Harriman danach auf seine humanitäre Arbeit und sein bisheriges Hobby, das Indycar-Team, konzentrieren.

Als Dijkstra seinen Chef begrüßte, saß Harriman im funktionell eingerichteten Büroabteil des riesigen Team-Wohnmobils, das wie ein Lastwagen-Auflieger von einer GMC-Zugmaschine bewegt wurde. Wie immer, wenn er nicht bei seinem Team in den Boxen oder der Garage war, trug Harriman einen teuren und hervorragend geschnittenen, aber angenehm unauffälligen Anzug mit Krawatte.

»Schau dir das an«, sagte Harriman. »Wir haben inzwischen eine ganze Schubkarre voll Nachrichten.«

Er reichte seinem Fahrer ein Fax. »Das hier freut mich besonders - es von Kendall aus Monaco.«

Dijkstra nickte stumm, als er sich in einen der ledernen Besuchersessel niederließ. Er wusste, der frischgebackene Formel-1-Pilot Kendall Crippen und Allison waren während ihrer Zeit beim legendären Lanier-Rennstall gute Freunde geworden. Flüchtig überflog Dijkstra auch noch einige der restlichen Briefe, Karten und Faxe, die auf dem Schreibtisch seines Teamchefs lagen, und die allesamt ehrliche Sorge, Angst und Mitgefühl ausstrahlten.

All dies und die Anteilnahme im Fahrerlager waren die besten Beweise dafür, dass die Indycar-Szene tatsächlich wie eine große, verschworene Familie aus Fahrern und Fans war. Natürlich gab es auch hier, wie in allen Familien, Krach und Streit, und man war weit entfernt davon, im Paradies zu sein. Aber in einer Zeit, wo aus der Formel 1 nur noch verrückte und kalte Politik geworden war, konnte man wenigstens auf dieser Seite des 'atlantischen Flusses' (wie Aldo Salvadori den Ozean nannte), aufeinander zählen. Und das war ein gutes Gefühl.

Ähnlich beruhigend wie die Beweise des Zusammenhaltes in der Szene waren auch die letzten ärztlichen Bulletins aus dem Hanna-Hospital: Gary Allison hatte großes Glück im Unglück gehabt. Zwar hatte er diverse innere Verletzungen bei dem Crash erlitten, jedoch war keine davon lebensgefährlich. Dazu kamen eine schwere Gehirnerschütterung und ein Beckenbruch, sowie zahllose Prellungen und Stauchungen. Gemessen an der Tatsache, dass im Moment des Einschlages 90 G, also die neunzigfache Erdbeschleunigung auf Allisons Indycar eingewirkt hatte, war er tatsächlich sehr glimpflich davongekommen. Wer je einen weiteren Beweis dafür gebraucht hatte, wie effektiv die aktiven und passiven Sicherheitsmaßnahmen eines modernen Indycars waren (oder dass eine ganze Horde von Schutzengeln ihre Hände über seinen Rennwagen gehalten hatten, je nach Standpunkt), hier war diese Bestätigung.

Noch während er in der Teamgarage auf erste Neuigkeiten aus dem Hanna-Hospital gewartet hatte, musste Dijkstra daran denken, dass er und Gary Allison sich eigentlich erst in letzter Zeit, bedauernswert kurz vor dem Unfall, auch menschlich angenähert hatten. Bis dahin war Allison für Dijkstra einer der anderen Fahrer gewesen; ein Konkurrent auf der Rennstrecke, und scheinbar kein übler Kerl daneben. Man traf sich bei den Fahrerbesprechungen und Briefings, Presseterminen, gelegentlich auf dem Podium nach erfolgreichen Rennen und fachsimpelte ab und zu über technische Probleme. In Wirklichkeit kannte man sich aber kaum. Selbst nachdem sie vor zwei Jahren Teamkameraden geworden waren, wurde ihr Verhältnis kaum enger. Dijkstra und der Indycar-Veteran Allison fuhren zwar für denselben Rennstall, aber dennoch in zwei separaten Mannschaften. Erst während einiger Testfahrten auf dem Einmeilenoval von Nazareth im letzten Monat war diese nüchterne geschäftliche Beziehung endlich einer entspannten Art von Teamkameradschaft gewichen.

Nun lag Gary im Hospital – und Dijkstra bezweifelte, dass man Allison jemals wieder in einem Indycar sah.

Die Fernsehaufnahmen des Crashs waren aufwühlend:

Das Indycar lag zu Beginn der Kurve noch ruhig. Kurz hinter dem Scheitelpunkt von Turn vier jedoch brach urplötzlich und scheinbar ohne ersichtlichen Grund das Heck aus und überholte die Front des Wagens. Unkontrollierbar, Gary zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Passagier, jagte der J003 in Richtung Mauer. Was folgte, war das magenverstimmende, hohle Krachen, das anzeigte, dass eines der Kohlefaser-Projektile von seiner natürlichen Umlaufbahn im Oval abgekommen und in die Begrenzung eingeschlagen war. Trümmer wirbelten durch die Luft. Reifen kullerten über die Strecke.

Der seltsame und untypische Verlauf des Unfalles schloss einen Fahrfehler von Gary praktisch aus. Viel wahrscheinlicher war ein äußerer Einfluss, etwa eine jähe Windböe, ein Reifenschaden oder ein Materialdefekt, was die finsterste Möglichkeit war. Tony Ribicoff und seine Jungs hatten noch gestern Nachmittag begonnen, alle verfügbaren Wagen des Teams auseinander zu nehmen und selbst das kleinste Teil genaustes zu checken. Zur selben Zeit zerpflückte Tom Shaw zusammen mit Spezialisten der Rennwagenschmiede Brett & Davis, wo die Harriman-Chassis entworfen und gebaut wurden, und einigen Fachleuten von Goodyear das Wrack der 4T, in dem Gary seinen Unfall gehabt hatte. Und bis beide Teams die Ursache des Unfalls nicht hundertprozentig geklärt hatten, so hatte Teamchef Harriman seiner Mannschaft und später der Presse mitgeteilt, waren beide Teams gegrounded. Keiner seiner Wagen würde auf die Strecke gehen.

»Arjen, wir müssen etwas besprechen«, begann der Teamchef in diesem Moment und räusperte sich. »Ich brauche deine Hilfe.«

»Aha«, meinte Dijkstra. Meine Hilfe? dachte er verblüfft.

»Wir müssen uns Gedanken über einen Ersatz für Gary machen«, sagte der Teamchef. »Ich weiß, dass der Unfall noch nicht einmal einen Tag her ist. Aber du kennst das Spiel lange genug: unser Team hängt von unseren Sponsoren ab ... und wir haben Verpflichtungen denen gegenüber. Wenn die abspringen, wird es düster für uns. Immerhin wollen Sponsoren Leistung für ihr Geld sehen, was ihr gutes Recht ist, immerhin stellen die uns Unsummen an Geld zur Verfügung. Aber Leistung können wir im Moment einfach nicht bieten.«

»Was du nicht sagst«, meinte Dijkstra und begann sich zu fragen, auf was diese Rede hinauslaufen würde. Dass sein Boss so blumig um den Busch herumredete, gab ihm zu denken, immerhin war dies sonst nicht Harrimans Art.

»Ich muss ans Geschäft denken«, fuhr der Teamchef fort. »Und ich kann nicht ewig nur Geld aus eigener Tasche zuschießen, wenn es knapp wird. Wir brauchen zwei Wagen, also auch zwei Fahrer, um die Verträge zu erfüllen. Das ist ein Fakt. Und wir brauchen einen verdammt guten Mann für Indy, keinen Rookie, und auch keinen blassen Mittelfeldtyp. Das ist ebenfalls eine Tatsache. Wir brauchen jemand, den unsere Geldgeber lieben ... jemand, der diese Rennstrecke mehr oder weniger im Schlaf beherrscht und alle Tricks und Kniffe draufhat. Jemand, der noch nicht hundert Jahre alt und verfügbar ist. Alle Knochen und Tassen im Schrank sollte er natürlich auch haben.«

»Schon gut«, sagte Dijkstra. »Mir klingeln die Ohren. Also, wo werden wir jemanden herbekommen? An wen denkst du? Wie du sagst - gute Rennfahrer wachsen nicht einfach auf Bäumen, die meisten haben feste Verträge, und wer dieses Jahr nicht in einem Indycar unterwegs ist, fährt bereits in irgendeiner anderen Rennserie. Na ja, Danny Crawford fährt für Jack Roush in der Trans Am-Serie, vielleicht könnten wir ihn bekommen - aber, wenn du mich fragst, seine Zeit ist vorbei. Wie viele echte Top-Leute bleiben da noch?«

»Wenige«, sagte Harriman, »Aber zumindest einen gibt es.«

»Und wer ist das? Hör mit diesem Puzzlespiel auf«, sagte Dijkstra. Wieso gefiel ihm das alles ganz und gar nicht? Er wusste, wenn es in den Augen seines Chefs dermaßen funkelte, war Gefahr im Verzug. Einen Moment später wusste er, wie Recht er damit hatte:

»Ich denke an Dale Sullivan«, meinte der Teamchef.

Es traf Dijkstra wie ein Hammerschlag, den Namen seines alten Freundes, Teamkollegen und späteren Rivalen so unvermittelt, nach all jener Zeit, wiederzuhören. Eine dunkle Erinnerung stürzte mit erschreckender Wucht auf ihn ein ...

Das Indy 500, Runde 197, drei Jahre zuvor. Dorsey Baker hat vor Kurve Vier nur einen winzigen Konzentrationsfehler, doch das genügt, um die Kettenreaktion auszulösen

Bakers von einem glimpflichen Ausrutscher ein paar Runden zuvor leicht beschädigter Spirit-SC14-Chevrolet driftet zu weit nach links, über das Gras der Auslaufzone im Innenfeld der Rennstrecke, und die Hinterräder verlieren ihre Bodenhaftung. Der dunkle Wagen mit der goldenen Sponsorenbeschriftung schleudert wieder auf den Speedway hinaus, seine Reifen kritzeln dicke schwarze Achten auf den Asphalt, dann kracht er rückwärts gegen die Betonmauer am Rande der Strecke.

Sofort kommen die gelben Flaggen heraus, das Rennen wird neutralisiert und verlangsamt. Doch der überrundete Lola-Buick des Neulings Paul Crippen und die beiden Führenden in ihren glänzenden, perlweißen Lola-Bianchi, die in diesem Augenblick Seite an Seite in Turn Vier stürzen, sind viel zu schnell und zu nah, um noch auf die Warnsignale zu reagieren.

Danach geschieht alles in einer seltsamen Mischung aus Zeitlupe und Höchstgeschwindigkeit – es ist, als wären alle Ereignisse vorbestimmt und die Dramaturgie folgt dem Script wie auf Schienen. Alle spüren, dass die düstere Energie, welche diesen Monat so geprägt hat, nun unausweichlich zum Ausbruch kommt.

Die beiden Motori Bianchi-Piloten reagieren nur noch instinktiv, als sie die Unfallzone erreichen. Beide wissen, dass derjenige, der jetzt bremst, das Rennen und somit alles verlieren wird. Entgegen des ungeschriebenen Gesetzes, genau auf ein schleuderndes Auto zuzuhalten, entscheidet sich Dijkstra in Sekundenbrucheilen, unter dem schlingernden Wrack von Bakers Spirit durchzutauchen. Das ist sein Glück. Zwar zerschlägt ihm ein Teil von Bakers Frontflügel die Radaufhängung vorne rechts, was ihm den Rennsieg kostet, aber er kommt durch.

Dale Sullivan hingegen versucht es auf der oberen Seite und zieht nach rechts ... doch er findet seine Linie von Crippens Lola blockiert, der unerwartet und ohne sich der Gegenwart der beiden Führenden bewusst zu sein ebenfalls die hohe Bahn wählt.

Mit voller Wucht rammt Dale Sullivans Lola-Bianchi das Heck des älteren Indycars, das jählings vor ihn zieht. Karbonfaserstücke explodieren in die Luft, dann berühren sich Vorder- und Hinterreifen der zwei Rennwagen. Sullivans Lola wird in die Luft katapultiert, überschlägt sich zweimal und landet kopfüber in den Trümmerfangzäunen, wird dort in zwei Teile zerrissen. Das Heck mit dem Motorblock schlittert weiter die Rennstrecke entlang, während die Front mit dem Monocoque und dem Fahrer darin schließlich vor der Boxeneinfahrt zum Liegen kommt. Der Überrundete schlägt seinerseits in einem sehr stumpfen Winkel fast frontal in die Mauer ein, wird zur Seite geschleudert und schlingert dann mit dem Heck voran in Richtung Boxenstraßenmauer über den Speedway, wo auch er, nur ein paar Meter vom Cockpit des Motori Bianchi-Indycars entfernt, liegen bleibt.

Noch bevor Crippens Wrack vollkommen zum Stillstand gekommen ist, sind die Rettungsmannschaften bereits auf den Weg zum Unfallort. Als sie dort ankommen, schält sich der erste Fahrer bereits aus den Überresten seines Rennwagens: Dorsey Baker streckt sich ein paar Mal und wirft dann vor lauter Wut seine feuerfesten Handschuhe auf den Asphalt. Doch es kommt kein Lebenszeichen von Dale Sullivan oder Paul Crippen in ihren zerstörten Maschinen ...

Dijkstra musste den Kopf schütteln, um die Bilder wieder loszuwerden. Dann brauchte er einen Moment, um sich zu sammeln.

»Dale?«, sagte er schließlich.

Der Teamchef nickte. »Arjen, mir ist klar, was das für dich bedeutet, und dass ich eine Menge alter Wunden damit aufreiße. Aber Dale ist unsere beste Chance. Er kennt das Spiel, er kennt den Kurs und er ist einer der besten Fahrer, die je Indycars gefahren sind. Ihr beide wart ein großartiges Team bei Bobby Courage, und ...«

»Hast du vergessen, was 1991 passiert ist«, fragte Dijkstra. »Dale hat sich nach dem Unfall vom Rennsport zurückgezogen, und ich glaube nicht, dass er jemals wieder einen Rennwagen besteigen wird, selbst wenn du ihm sämtliches beschissenes Geld dieses Landes dafür bieten würdest.«

Harriman entgegnete nichts.

Dijkstra lehnte sich in den Sessel zurück und versuchte, sich zu beruhigen. »Wieso gerade er?«, fragte er. »Wieso von allen verdammten Rennfahrern in diesem Land gerade Dale?«

»Das müsstest du sogar besser wissen als ich, oder?«, sagte der Teamchef ruhig. »Er ist die Idealbesetzung für den Blue Skye Malls Special. Er kennt diese Strecke im Schlaf. Er ist ein begnadeter Fahrer, hat fast dreihundert Führungsrunden hier in Indy, ohne ein einziges Mal gewonnen zu haben. Dabei war es immer sein größtes Ziel, Indy zu gewinnen, aber es ist ihm nie vergönnt gewesen. Und das ist der springende Punkt.«

Dijkstra nickte stumm. Das ist nur ein Traum, dachte er geschockt. Mann, das konnte doch nur ein Traum sein.

»Was damals passiert ist, ist schrecklich«, begann Harriman. »Aber den Rennbazillus kann man nicht so einfach abschalten. Ich bin sicher, dass er immer noch in Dale ist und nur darauf wartet, wieder geweckt zu werden. Wer, abgesehen von dir, hätte es mehr verdient, Indy zu gewinnen als Dale? Wir können ihm diesen Traum erfüllen. Und das wäre ihm nur zu klar. Die Sponsoren haben ihn immer fast abgöttisch geliebt, und alleine die Publicity seines Comebacks würde jede Summe, die er als Fahrergage verlangt, rechtfertigen.«

»Ach, er wird nein sagen, auf jeden Fall«, meinte Dijkstra kategorisch und verschränkte die Arme. »Er wird dich gar nicht erst anhören, wenn du anrufst. Er wird auflegen, sobald er hört, wer dran ist und wittert, um was es geht.«

»Deshalb musst du persönlich zu ihm gehen und mit ihm sprechen«, erwiderte Harriman mit seiner typischen stoischen Vernunft und Ruhe, die Dijkstra zur Weißglut brachte. »Hast du überhaupt ein Wort mit ihm gesprochen, seit er damals aus dem Krankenhaus entlassen wurde und die Pressekonferenz abhielt?«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Nein«, sagte er.

Nicht einmal davor, dachte er bitter. Er erinnerte sich dumpf, dass er eine Besserungskarte und später noch einen kurzen Brief an Dale geschrieben hatte, in dem er mehr schlecht als gut versucht hatte, alles irgendwie zu rechtfertigen. Doch beide Schriftstücke zerriss er, bevor er sie abschickte.

»Dann musst du es eben jetzt tun«, meinte Harriman. »Besser spät als nie, oder?«

»So viel Zeit haben wir doch gar nicht«, gab Dijkstra zu denken, doch Harriman winkte ab.

»Bis zum ersten Qualifikationswochenende sind es noch vier Tage, und bis zum zweiten noch fast zwei Wochen«, meinte er gelassen. »Ich muss sowieso noch einige paar Dinge organisieren, immerhin brauchen wir nicht nur einen neuen Fahrer, sondern auch neue Autos. Also hast du jetzt die Gelegenheit, Dale zu besuchen und mit ihm zu sprechen. Ich habe meine Fühler ein wenig ausgestreckt. Er lebt mit seiner Frau etwa hundert Meilen von Indianapolis entfernt auf einer kleinen Farm.«

»Seine Frau?«, wiederholte Dijkstra. Das war nun wirklich unvorstellbar. »Dale hat geheiratet? Der Typ, der die Ehe für die achte biblische Plage gehalten hat ... und er lebt auf einer Farm? Mit Pflanzen und Tieren und so? Du verscheißerst mich.«

Harriman schüttelte stumm den Kopf.

»Dann eben nicht«, sagte Dijkstra. »Aber es ist und bleibt schlicht unmöglich, Jake. Das wird nicht klappen. Das ist, als ob du von mir verlangst, innerhalb von einem Tag den Papst zum Islam zu bekehren. Das schafft keine Macht der Welt.«

Diesmal zuckte Harriman nur mit den Schultern.

»Vielleicht, aber dann gib ihm wenigstens eine Chance, 'nein' zu sagen. Völlig unverbindlich. Wenn er interessiert ist, dann sehen wir weiter. Über Geld wird erst geredet, wenn es soweit ist, und das ist mein Job, keine Frage. Aber alles andere, nun, das liegt an dir.«

ZWEITES KAPITEL

Turbulenzen

1

Als sich Dijkstra am nächsten Vormittag in einem kleinen Diner in Indianapolis einen O-Saft und zwei belegte Brote bestellte (medium rare Roastbeef auf Vollkornbrot, sein Favorit), fühlte er sich wie gerädert. Zuerst hatte er letzte Nacht nicht einschlafen können; unzählige Erinnerungen rissen ihn immer wieder aus dem sanften Hinüberdämmern abrupt in die Realität zurück. Danach war er dann so tief eingenickt, dass er seinen normalen Wecker nicht hörte. Erst sein Radiowecker riss ihn mit der fetzigen Erkennungsmelodie der Nachrichten von Radio KROX (Indianas laut eigenem Bekunden wildestem und unabhängigstem Rocksender) laut und von schrillen Fanfaren begleitet aus einem unruhigen Schlummer.

Nachdem er sein Roastbeef-Sandwich aufgegessen und den Saft ausgetrunken hatte, bezahlte er das kräftige Frühstück und stieg wieder in seinen Dienstwagen, ein Ford Mustang-Cabrio in den Farben des Teamsponsors Blue Skye Malls.

Gleißender Widerschein von der verspiegelten Front eines Bürogebäudes blendete ihn direkt ins Gesicht. Deshalb setzte er seine Sonnenbrille auf, bevor er die herrlich machohaft röhrende 5,6-Liter-V8-Maschine startete und den Wagen zum Zubringer 465 lenkte. Dieser Straße folgte er dann bis zur Abzweigung des Interstate 65 in Richtung Columbus und Louisville. Auf jenem geräumigen Freeway blieb er etwa zwei Stunden und fuhr dabei deutlich langsamer als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Er hatte keine Lust, fester aufs Gas zu treten; denn das würde nur bedeuten, früher dort zu sein, wo er hin musste. Und das wollte er nun wirklich nicht.

Die Fahrt selbst war ruhig und problemlos. Es war fast die Parodie eines coolen Roadtrips durch den mittleren Westen: Im Hintergrund röhrte der V8-Motor des Ford, daneben liefen irgendwelche seichten Country-Pop-Songs von lokalen Radiosendern (Billy Ray Cyrus flehte gerade, man möge doch seinem schmerzenden, zerbrechlichen Herz keine schlechten Nachrichten überbringen, denn es würde sonst explodieren), und durch das geöffnete Fahrerfenster wehte ein warmer Wind ins Innere des Wagens, fuhr Dijkstra durch das schulterlange Haar.

Im Gegensatz zur Gelassenheit der Fahrt war sein Innenleben völlig außer Rand und Band geraten.

Warum tat er dies nur? Diese Frage stellte er sich andauernd.

Nun, die Antwort lag auf der Hand. Er hatte es seinem Teamchef versprochen, und Dijkstra war altmodisch genug, dass Versprechen noch etwas für ihn zählten. Davon abgesehen brauchten sie einen guten Mann am Steuer des Blue Skye Malls Special, und Dale war nicht nur ein ‚guter Mann’, er war einer der besten, egal, was damals geschehen war. Überdies (auch dies musste Dijkstra zugeben) fühlte es sich auf seltsame Weise richtig an, was er hier tat. Verrückt, aber richtig.

Aber wie, zum Teufel, sollte er alles, was damals geschehen war, einfach aus der Welt schaffen? Wie eine neue Kommunikationsbasis mit Dale schaffen? Wie nur? Man sagte zwar, dass Zeit die Wunden heilte, doch wenn die Kluft schon damals zu groß gewesen war, um sie auch nur behelfsmäßig wieder zu kitten, wie sollte dies nun heute funktionieren? Und außerdem ...

Dijkstra musste sich aus seinen Gedanken reißen, um nicht die richtige Ausfahrt zu versäumen. Zum nach- und zurückdenken hatte er später noch genug Zeit; nun musste er erst einmal dies hier hinter sich bringen: Mit immer lauter werdenden Grummeln im Bauch folgte er den Anweisungen, die Jake aufgeschrieben hatte, um ihn zu Dales Farm zu bringen.

Dales Farm, dachte Dijkstra und wusste nicht, ob er hysterisch loslachen oder ein paar Minuten lang in einen bizarren Heulkrampf verfallen sollte. Ausgerechnet Dale, der früher so wenig auf eine Farm gepasst hätte wie der schwergewichtige US-Schauspieler John Goodman in ein Indycar. Dale, der Techno-Freak, der seine Wohnung mit zahllosen Computern geteilt hatte und sich stundenlang mit den Mechanikern über technische Einzelheiten unterhalten konnte, dieser Mann sollte nun eine kleine Farm haben, was man sich auch immer darunter vorstellen konnte oder musste? Dijkstra schüttelte den Kopf.

Unwillkürlich hatte er ein grotesk-komisches Bild im Kopf: Dale Sullivan in kompletter Amish-Tracht mit Bart, Hut, dunklem Anzug und einer Sense, die er über der rechten Schulter trug, auf ein riesiges, goldenes Kornfeld tretend und sich dann, irgend ein religiöses Volkslied trällernd, an die Erntearbeit machend. Und so sehr er sich auch bemühte, die verrückte Geistesblüte wieder zu vergessen, konnte er es einfach nicht; sie verfolgte ihn wie ein Schatten, bis er schließlich am Ziel war.

2

Er stellte den Mustang vielleicht zweihundert Meter von der Farm entfernt ab und ging den restlichen Weg zu Fuß. Es erschien ihm noch unpassender als überhaupt nur aufzutauchen, wie ein Angeber mit seinem hochgezüchteten Sportwagen auf die schlichte, gemütlich wirkende Farm zu donnern, eine riesige Staubwolke hinter dem Wagen herwehend, dann anzuhalten, aus der Karre zu springen und 'Hi, Dale, lange nicht gesehen! Wie geht’s denn so, alte Hütte?' zu sagen.

Stattdessen ging er langsam und mit kurzen, bedächtigen Schritten auf das Haus zu, das aus der Nähe betrachtet weniger wie eine Farm aussah, als vielmehr wie ein abgelegenes Ferienhaus. Er hoffte und betete, dass ihn sein Ex-Teampartner jetzt schon sah und Dale genug Zeit hatte, das, was er nun zu tun oder sagen gedachte, nochmals zu überdenken, besonders wenn es vielleicht etwas mit Schrotflinten oder scharfen Hunden zu tun hatte - Dinge, die es in so einsamen Häusern sicher gab. Noch schlimmer als das wäre jedoch, wenn Dale seinen früheren Freund einfach ignorieren würde, kein Wort mit ihm redete und ihn wie Luft behandelte, bis Dijkstra gar nichts anderes übrig blieb, als wie ein getretener Hund mit eingeklemmten Schwanz wieder zu verschwinden.

Er fühlte sich angespannt und unbehaglich. Und dieses Gefühl wuchs mit jedem Schritt, mit dem er Dales Farm näher kam.

Das war Blödsinn, ja. Er tat hier nichts physisch gefährliches, und dennoch hatte er mehr Respekt vor dieser Begegnung als vor der Möglichkeit eines Rennunfalls, wenn er sich in seinem Indycar mit knapp vierhundert Stundenkilometern im Meterabstand an unnachgiebigen Betonmauern entlang bewegte. Aber im Rennwagen hatte er bis zu einem gewissen Grad immer die Kontrolle über das, was geschah. Er konnte Gas geben, lupfen, bremsen, korrigieren, so wie es nötig war. Hier nicht. Hier lag es nur an Dale.

Eine Glückskatze, die faul an der Seite des Weges lag, warf Dijkstra einen gleichmütigen Blick zu und ließ sich dann wieder die Sonne auf den Bauch scheinen. Die Luft roch gesund und frisch, nach Erde und nach Gras. Dijkstra hörte leise Musik im Hintergrund, dann war da ab und zu ein helles Lachen, zweifellos von einer Frau, gefolgt vom Bellen eines großen Hundes.

Er öffnete ein Tor in einem Holzzaun, der um das Haus herum gezogen worden war, und ging hindurch. Sein Herz schlug bis in den Hals hinauf, als er einen Schatten neben dem Hauptgebäude sah ... einen Schatten, der sich langsam auf ihn zubewegte.

Man hatte ihn also bemerkt.

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Das war der Punkt ohne Wiederkehr, ähnlich dem Fallen der grünen Flagge beim Rennen. Was auch immer geschehen konnte, jetzt würde es passieren.

3

Eine junge Frau mit dunklen Augen war der erste Mensch, dem Dijkstra auf der Farm begegnete. Der leichte Frühlingswind bauschte der hübschen Brünetten das einfache Kleid um die Beine, während sie mit der rechten Hand ihren Strohhut festhielt, damit er ihr nicht vom Kopf geweht wurde.

Doch was Dijkstra wie ein Schlag genau in den Magen traf, war die Tatsache, dass das Mädchen schwanger war. Denn wenn dies Dales Frau war – und wer sollte es sonst sein? –, dann fürchtete Dijkstra, dass seine hehre Mission schon gescheitert war. Eine schwangere Frau würde Dale sicher nicht verlassen, um wieder in einen Rennwagen zu steigen, egal, was man ihm anbot.

»Hallo«, begrüßte sie ihn freundlich. Sie hatte ein warmherziges und entwaffnendes Lächeln. »Kann ich Ihnen helfen?«

Er verspürte kurz den Impuls in sich, zu sagen: 'Was, hier ist gar nicht die Carlsson-Ranch?', sich zu entschuldigen und dann zu verschwinden. »Hi«, sagte er stattdessen. »Ich, äh, ich suche Dale.«

»Er ist gerade bei den Pferden, aber er kommt gleich zurück«, sagte die hübsche junge Frau und fügte dann ein fragendes: »Mister ...?« hinzu.

»Arjen Dijkstra«, stellte er sich vor, und damit war die Katze aus dem Sack. Nun hatte er den Punkt ohne Wiederkehr endgültig überschritten. Er wusste nicht, in wie weit Dale seine Frau über die Vergangenheit eingeweiht hatte, und vor allen Dingen, welchen Standpunkt er dabei bezogen hatte, etwa: 'Oh, er ist der Antichrist, dieser Arjen Dijkstra, weißt du, meine Süße? Er ist an allem Schuld, inklusive Fuchs-du-hast-die-Gans-gestohlen und der Ermordung von John F. Kennedy!'

Doch Dales Frau nickte nur und schnippte sich eine Locke ihres langen, haselnussbraunen Haars aus der Stirn, wohin sie der sanfte Wind geweht hatte. Dann sagte sie lächelnd: »Schön, Sie kennen zu lernen, Mister Dijkstra. Ich bin Julia, Dales Frau. Woher kennen Sie meinen Mann?«

»Wir haben früher zusammengearbeitet«, sagte er. »Wir waren Teamkollegen, als Dale noch ... die Indycar-Rennen gefahren ist.«

Ein schöner, großer Hund, der wie ein Mischling aus Schäferhund und Huskie aussah (wobei der Huskie-Teil im Gesicht und dem dichten, seidigen Fell überwog, der Schäferhund im Körperbau und wohl auch im Gemüt), blieb neben dem rechten Bein der jungen Frau stehen. Er musterte Dijkstra wachsam, mit einem eindeutigen so-lange-du-keine-falsche-Bewegung-machst-sind-wir-die-besten-Freunde-okay?-aber-wenn-du-meinem-Frauchen-auch-nur-einen-Schritt-zu-nahe-kommst-reisse-ich-dir-den-Arsch-auf!'-Blick in den klugen, stahlblauen Augen.

»Das ist Nanouk«, sagte Julia und tätschelte den Kopf des Hundes. Er warf ihr einen rührenden, von unendlicher Liebe erfüllten Blick zu; keine Frage, dass er alles tun würde, um sein Frauchen zu beschützen. »Aber Sie brauchen keine Angst vor ihm zu haben, Nanouk ist ein ganz lieber Kerl, nicht wahr, mein Baby?« Zärtlich knuddelte sie den Hund, während sie ihm unablässig Kosenamen zuflüstere.

»Na, dann bin ich ja beruhigt. Wann ist es denn soweit, Mrs. Sullivan?«, fragte er und deutete auf ihr Bäuchlein. »Wissen Sie schon, was es wird?«

»Nein«, sagte Julia lächelnd und strich mit der Hand beruhigend über Nanouks glänzendes Fell. »Dale und ich wollen uns überraschen lassen. Bis wir es erfahren, dauert es noch etwa vier Monate. Es wird etwa Mitte Oktober soweit sein; Dale wünscht sich eine Tochter, ich mir einen Sohn.«

Logisch, dass Dale eine Tochter will, dachte Dijkstra. Da war die Chance umso kleiner, dass sein Nachwuchs so gerät wie er und auch irgendwann einmal Rennfahrer werden will.

»Gratuliere Ihnen beiden, äh, drei.«

»Danke ... Ah, da kommt Dale.« Dann rief sie, an ihren Mann gewandt: »Dale, hier ist ein alter Bekannter von dir.«

»Bin schon da, Liebling«, erwiderte Dale und trat um die Ecke.

Im selben Moment erstarrten die beiden alten Freunde und Rivalen.

4

Für ein paar Sekunden taxierten sich sie sich stumm, immerhin war es wirklich das erste Mal seit dem Unfall, dass sie sich leibhaftig gegenüberstanden.

Dale sah gut aus, fand Dijkstra. Sein Gesicht, früher rund und babyglatt, war schmal und auf charaktervolle Weise kantig geworden. Sein Körper wirkte drahtiger und sehniger als damals, als er gelegentlich das eine oder andere Pfund zu viel mit sich herum geschleppt hatte. Das sandfarbene Haar trug er kurz und locker zurückgekämmt.

»Arjen?!«, sagte Dale Sullivan mit einer Ruhe und Vernunft, die Dijkstra zugleich beruhigte und überraschte und ihm allen Wind aus den Segeln nahm.

»Hallo, Dale.« Dales Unaufgeregtheit zu reflektieren erschien Dijkstra als die beste Reaktion.

»Also, dich hätte ich nicht erwartet. Tut mir übrigens sehr Leid wegen Gary. Wie geht es ihm?«

»Viel besser, danke«, antwortete Dijkstra und konnte die Stimme, die er gehört hatte, kaum als die seine identifizieren. Er räusperte sich. Passierte das hier alles wirklich, oder träumte er?

»Gut, das zu hören«, sagte Dale erleichtert. »Gary und ich haben uns einige ziemlich denkwürdige Fights geliefert.« Er wandte sich dem gemütlichen Farmhaus zu. »Komm' doch rein, Arjen, es ist heiß hier draußen. Möchtest du was trinken?«

»Ja, gerne«, sagte Dijkstra und dachte daran, zu lächeln, doch er ließ es. Er wusste, dass es nur falsch und gequält wirken würde, und das würde alles nur noch schlimmer machen.

»Kennst du schon meine Frau?«, fragte Dale und legte den rechten Arm um Julia. Sie schmiegte sich an ihn.

»Wir haben uns schon unterhalten«, antwortete Dijkstra nickend. »Gratuliere, dass du Vater wirst.«

»Danke«, sagte Dale nickend. Als er und seine Frau auf das Haus zugingen, Nanouk wie festgeschweißt an der Seite seines Frauchens, stellte Dijkstra fest, dass Dale rechts immer noch ein wenig hinkte. Die Ärzte hatten ihn schon gewarnt, dass er dieses Bein nie wieder hundertprozentig benutzen können würde; aber auch Chip Carter und Gordon Wilcox hatten ähnliche Blessuren von Unfällen davongetragen. Während der Indy 500 des Jahres 1988 war Wilcox sogar auf Krücken zu seinem Wagen gehumpelt und hatte das Rennen dennoch auf dem sechsten Platz beendet; das war möglich, weil die Füße in Indy nicht so belastet wurden wie etwa auf einem Straßenkurs. Gekuppelt und geschaltet wurde nur bei der Ein- und Ausfahrt in den Boxen, ansonsten brauchte man nur einen unnachgiebigen Gasfuß.

Davon abgesehen bemerkte Dijkstra, dass es auf der Farm von Tieren nur so wimmelte. Aber es waren keine Nutztiere, sondern eine bunte Mischung aus Haus- und Hoftieren, die alle in irgendeiner Weise verletzt gewesen zu sein schienen. Da war ein Pony, dessen rechter Vorderhuf bandagiert war, ein kleiner, offensichtlich fast blinder Mischlingshund, der faul auf einer Gartenbank lag, zwei Schafe und eine Menge von Katzen, die wohl niemand mehr gewollt hatte, zum Beispiel der Siamkater, dem die rechte Hinterpfote und etwa ein Drittel des Schwanzes fehlten. Dijkstra verwettete seine Fahrerlizenz darauf, dass es Dales Frau war, die all die verletzten Tiere aufnahm und wieder aufpäppelte; es würde irgendwie perfekt zu ihrer warmherzigen Art passen.

Im Inneren des Landhauses war es angenehm kühl, und erst jetzt bemerkte Dijkstra, wie warm es draußen wirklich sein musste. Er nahm von Julia ein Glas mit kalter Zitronenlimonade entgegen, bedankte sich mit einem Kopfnicken und folgte dann Dales Einladung, sich an den großen Holztisch in der Mitte des gemütlichen Esszimmers zu setzen. Rasch nippte er an seiner Limonade und war dankbar, als der erste Schluck seine staubtrockene Kehle hinabrollte.

»Liebling, würdest du mich und Arjen bitte kurz alleine lassen?«, fragte Dale und küsste die junge Frau auf die Stirn. »Wir haben etwas zu besprechen.«

»Sicher«, sagte sie und ging nach draußen, aber ihr Gesichtsausdruck war misstrauisch und beunruhigt. Es gefiel Dijkstra nicht, dass er der Grund für ihre Beunruhigung war.

Als er und Dale schließlich alleine waren, erwartete er jede Sekunde, die Faust seines Ex-Teamkollegen zu spüren, welche in härteren Kontakt mit seinem Gesicht kam. Aber stattdessen setzte sich Dale einfach nur hin und verschränkte die Arme.

»Hab' am Rande in den News gehört, ihr habt im Moment ein paar Meinungsverschiedenheiten in der Serie«, meinte Dale mit dieser verstörend unverbindlichen Stimme.

»Stimmt«, sagte Dijkstra. »Es geht das Gerücht um, dass Tony George mit dem USAC auf ein paar anderen Kursen, auf denen im Moment keine Indycar-Rennen gefahren werden, Pocono und Charlotte zum Beispiel, etwas wie eine Konkurrenz-Indycar-Serie auf die Beine stellen will. Das ganze könnte früher oder später in einem Bürgerkrieg enden, gegen den der CART gegen USAC-Konflikt von '79 wie ein Streit in der Buddelkiste aussehen wird, und was das für den Sport bedeutet, muss ich dir nicht sagen.«

Dale nickte.

»Wie geht’s Paul Crippen?«, fragte er nach kurzer Stille.

Dijkstra räusperte sich, holte dann tief Luft und sagte: »Gut. Er sagt, seine Füße machen vor Regenwetter noch immer Ärger, aber keiner kann ihn aus einem Rennauto fernhalten. Dieses Jahr ist er auch wieder mit seinem kleinen Team in Indy, fährt einen völlig antiquierten 91 'er Lola mit Cosworth-DFS-Motor. Hat nicht besonders viele Chancen, sich für das Rennen zu qualifizieren, aber er meint, einer müsse ja die Familienehre der Crippens hochhalten, nachdem Kendall in die Formel 1 gewechselt ist.«

»Wirklich?« Dale wirkte verblüfft. »Kendall ist in die Formel 1 gegangen? Kann ich gar nicht fassen, bei Gott, seit wann ist er so geldgeil? Für welches Team ist er denn unterwegs?«

»McLaren-Peugeot.«

»Peugeot? Seit wann fahren die nicht mehr mit Honda?«

»Seit letztem Jahr. Honda macht jetzt Indycar-Motoren, mit Frontier Raceworks als Werksteam. Die haben noch einige Probleme. Aber irgendwann haben sie die im Griff, und dann haben wir den Salat. Erinnerst du dich daran, wie Honda die Formel 1 dominiert hat?«

Dale seufzte. »Meine Güte. Ich bin doch wohl schon länger 'raus, als ich gedacht habe, hm? Was hat sich inzwischen sonst noch getan? «

»Ach, jede Menge«, sagte Dijkstra. »Reynard hat ein Indycar-Chassis gebaut. Chip Carter und auch dein alter Teamchef Chase MacMillan setzen es ein. Die haben mit Jimmys Team schon das erste Saisonrennen gewonnen. Lola und Spirit werden sich warm anziehen müssen, wenn die so weitermachen. Was gibt's noch? Oh ja - Jamie Blake ist endgültig zurückgetreten, nachdem er wieder geheiratet hat, die letztjährige Miss America übrigens.«

Dale schüttelte den Kopf. »Seine wievielte Ehe ist das? Die fünfte? Ach, es wird nicht dasselbe ohne ihn. Und was machen all die anderen Jungs? Danny Crawford? Dorsey und Aldo?«