Seelenfrost - Sascha André Michael - E-Book

Seelenfrost E-Book

Sascha André Michael

0,0

Beschreibung

Es beginnt im Nebel - und endet im Feuer Der Fall scheint erledigt. Alle Indizien sprechen dafür, dass der Herumtreiber Stig Hansen einen Geschäftsmann und ein junges Mädchen umgebracht hat. Doch den Polizeiermittler David Lieberman plagen Zweifel an Hansens Schuld. Entgegen aller Vernunft folgt Lieberman seiner Intuition ... und entdeckt eine Spur, die ihn auf die Fährte eines unheimlichen Phantoms bringt: Ein Serienmörder ist in Norrestad unterwegs. Für Lieberman und seinen drogensüchtigen Ex-Partner, den Zielfahnder Spencer Lockhart, beginnt ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit, um das Leben eines verschwundenen Mädchens zu retten. SEELENFROST - eigenwillig, abgründig und finster wie die Nacht. Ein neues, haarsträubend spannendes Thriller-Meisterwerk von Sascha André Michael, dem Autor von Die Frequenz der Angst und Morgenmenschen. Der erste Band der Norrland-Trilogie ... Eine fremdartige Stadt im Nebel Zwei gequälte Seelen Fünf Menschen im Bann einer erbarmungslosen Mordserie. SEELENFROST

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 527

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



For my L-angel, in forever love!

Happy, happy bug, coffef and kisslings.

Every great love has its own language.

Ours is forever growing.

Inhaltsverzeichnis

Richtung Norrland

Erster Teil: Jagdzeit

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Zweiter Teil: Angleichung

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

Dritter Teil: Schadensbegrenzung

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

Vierter Teil: Liebestod

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

Im Zustand der Gnade

Richtung Norrland

»Kommt mit«, sagte der Hahn. »Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden!«

(Gebrüder Grimm, die Bremer Stadtmusikanten)

Mein Herz denkt an dein Wort:

"Sucht mein Angesicht!"

Dein Angesicht, Herr,

will ich suchen.

(Psalme 27,8)

Sowohl der legendäre Pacific Coast Highway Nummer 1 wie auch die von der Bevölkerung The One-Oh-One genannte Staatsstraße 101 beginnen ihren Weg im südkalifornischen Orange County.

Während der Highway 101 jedoch schon kurz hinter Santa Barbara ins Landesinnere abbiegt, folgt die State Route 1 der zerklüfteten kalifornischen Küstenlinie weiterhin so dicht, wie sich eine Straße nur an einer Küste entlangwinden kann. Erst bei Rockport, knapp 320 Kilometer hinter San Francisco, lässt auch sie den pazifischen Ozean zurück und vereinigt sich schließlich nahe der kleinen Ortschaft Leggett wieder mit dem Highway 101. Wenn einem danach ist (und man über genug Geld, Zeit und Benzin verfügt), kann einen der One-Oh-One nun auf malerische Weise über Oregon und Washington bis an die kanadische Grenze bringen.

Vorher jedoch, nur wenige Meilen hinter einem formlosen nordkalifornischen Siedlungsgebiet namens McKinleyville, geschieht immer etwas Seltsames. So manchem Reisenden fällt die Veränderung zunächst nicht auf; Menschen mit einem wachen Blick für die Umgebung bemerken sie sofort. Aber irgendwann, nachdem man die Grenze zwischen Humboldt und Norrland County passiert hatte, beschleicht jeden Ortsfremden das eigentümliche Gefühl, mehr als nur die Trennlinie zweier Landkreise hinter sich gelassen zu haben. Wenige Minuten später ist man schließlich überzeugt, unbemerkt einen Sprung auf einen anderen Kontinent gemacht zu haben.

Der One-Oh-One (an dieser Stelle nicht mehr als eine stark gewundene, zweispurige Landstraße) führt nun durch kleine Ortschaften namens Ottenby, Norrköping oder Halmstadt, deren postkartenhaftes Erscheinungsbild von Holzhäusern mit Sprossenfenstern dominiert wird. Auf einmal enden alle Straßennamen mit -gatan oder -väg, in seltenen Fällen auch –gate.

Außerdem sieht sich der Reisende unverhofft einer fast völligen Dominanz von Volvos und Saabs, von Sisu oder Scania-Lastwagen gegenüber, und die Verkehrsampeln stehen vor den Kreuzungen und nicht dahinter. Die Wandlung hat auch die Namen der Läden (»Ilonas liten butiksstil«), Büros, Esslokale (»Halmstadt Restaurang«) und sogar der Zeitungen in ihren kleinen roten Verkaufsboxen (»Norrland Dagblad« oder »Allmänna Aftonbald«) erfasst. Ein überwiegender Großteil der Passanten ist nun auffällig blond und begrüßt einen, je nach Jahreszeit, mit einem lässig-sommerlichen oder eher herbstlichen, introvertierten »Hej!«

Zuletzt versagen sämtliche Mobiltelefone jählings ihren Dienst. Die Funkwellen scheinen auf einmal von unsichtbaren Barrieren abzuprallen oder von der gebirgigen Gegend einfach verschluckt zu werden.

An diesem Punkt hat man bereits fast alle äußeren Kreise durchquert und nähert sich dem Herz von Norrland County, der größten skandinavischen Enklave außerhalb von Skandinavien.

Dem Mythos nach hat dieser einzigartige Fleck seinen Ursprung im Jahre 1875. Björn Hedlund, ein aus Uppsala stammender Aussiedler, hatte – so sagte die Legende – seine gesamten Ersparnisse einem windigen Makler anvertraut und war betrogen worden. Anstatt der versprochenen Goldmine erwarteten ihn, seine Frau und seine drei Kinder am Ziel ihrer beschwerlichen Reise nur Bäume. Doch anstatt zu verzweifeln hatte Hedlund beim Anblick der Meeresbucht, an der er buchstäblich gestrandet war, eine mächtige Vision: er würde hier eine Zuflucht und neue Heimat für alle betrogenen, vom Schicksal gebeutelten und in die USA verschlagenen skandinavischen Emigranten erbauen. Damit keimte dieses nordische Utopia an der kalifornischen Küste, unmittelbar neben einem riesigen Indianerreservat. Jeder echte Norrlander hatte Hedlunds Mythos schon mit der Muttermilch aufgesogen und verbreitete ihn stolz von Generation zu Generation.

Zwar hält sich die Legende beachtlich dicht an die tatsächlichen Begebenheiten, jedoch ist die wahre Geschichte nicht ganz so romantisch. Der Betrug des Maklers hatte zwar stattgefunden, in Wirklichkeit jedoch war Hedlunds anschließende »Vision« eher geschäftlicher als humanitärer Natur gewesen. Als Baumfäller mit jahrelanger Erfahrung sah er sofort das Potential dieser Gegend: das raue, an Skandinavien erinnernde Küstenklima, die günstige Lage und die immensen Wälder, jene scheinbar nie versiegende Rohstoffquelle, die bescheidenen Wohlstand und Arbeit für viele Menschen versprach.

Hedlund sollte Recht behalten. In kürzester Zeit folgten seinem Ruf zahllose weitere skandinavische Kolonisten und bauten sich hier eine neue, sichere Existenz auf.

So gedieh im Laufe der Jahre jener Mikrokosmos, der mit RYDELL OMNISTRIES nicht nur einen Weltkonzern, sondern auch eine komplett autarke Kultur und Infrastruktur aufweisen kann. Die hymnischen, heimatverklärenden Bücher und Lyrikbände des in Ottenby geborenen und lebenden Schriftstellers Carl-Åke Hammar gehören im Landkreis zur Allgemeinbildung. Skulpturen und Gemälde von Lasse Landsvogd aus dem Fiskhamn-Viertel zieren Behörden, öffentliche Plätze und betuchte Privathaushalte. Songs der Norrestader Band Vägvisning werden auf den zwei schwedischsprachigen sowie dem norwegischen Radiosender des Landkreises fast pausenlos in den Äther geschickt. Sechs Zeitungen in den Landessprachen verbreiten täglich ihre gedruckten Nachrichten. Und für flimmernde Zerstreuung und Belehrung sorgen zwei lokale Fernsehprogramme, die durchweg skandinavischsprachige Programme ausstrahlen, auf denen die Filme manchmal jedoch anders enden, als es Ortsfremde in Erinnerung haben mögen.

Obwohl die goldenen Zeiten der Enklave längst vorbei sind, gibt es in Norrland County heute immer noch achtzigtausend Einwohner. Davon ist die überwiegende Mehrheit schwedischer Herkunft. Den Rest teilen Norweger, Dänen, Finnen und eine Handvoll unverdrossener Nichtskandinavier unter sich auf. Die verschiedenen Akzente in ihren Stimmen hegen und pflegen die Norrlander mehr als nur stolz, fast schon trotzig, um sich nicht nur optisch, sondern auch akustisch vom Umland abzusondern.

Norrestad, die größte Stadt und Verwaltungssitz des Landkreises, ist das Epizentrum der Gegend. Allerdings ist die an eine tropfenförmige Bucht (die Hedlundvik) hingesprenkelte Stadt auf den ersten Blick auch von verblüffend zwiespältigem Eindruck. Sie besitzt wunderbar schmale Sträßchen mit Kopfsteinpflaster, ein paar echte Sehenswürdigkeiten (etwa die Träbro, eine hölzerne Hängebrücke) und versprüht direkt an der Küste den typisch rauen Charme ehemaliger Fischereistädte. Andererseits ist ausgerechnet ihre City ein Inbegriff von Langeweile und Farblosigkeit, der einen ernüchtert und aller Magie beraubt zurückließ. Dabei ist die schmucklose Funktionalität des Ortskerns einfach nur ein gegenständlicher Ausdruck der stoischen und praktischen Seite seiner Bewohner.

Ebenso wirkt die Decke aus bleischwerem Küstennebel, die oftmals des Nachts über Norrestad kroch, für Außenstehende auf den ersten Blick trist und melancholisch. Tatsächlich ist sie jedoch eine Manifestation von Verschlossenheit und Stille, die den Einheimischen alles andere als unwillkommen ist. Denn bei aller oberflächlichen Freundlichkeit spürt man dennoch stets, dass man hier als krasser Außenseiter (als so genannter Jenseitiger, irgendeiner von »jenseits der Landkreisgrenze«) in einer insularen, hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft voll Misstrauen, unverständlicher Bräuche und Traditionen gelandet ist. Diese Segregation geht so weit, dass die Norrlander im Laufe der Zeit sogar eine eigene Sprache hervorgebracht haben: »Norrspråk«, eine obskure Verquickung englischer und hauptsächlich schwedischer Bruchstücke, die nur an diesem einen Ort gepflegt wird.

Der allgegenwärtige Nebel lässt scharfe Konturen verschwimmen und teilt; er deutet nur an, anstatt zu zeigen – genau wie es das auch die Gegend und ihre Menschen tun.

Die Enklave präsentiert Fremden eine hübsche Fassade mit ihren sauberen Straßen, roten Holzhäusern, weißen Sprossenfenstern und blauen Dächern. Ihre Schandflecken und Abgründe jedoch verbirgt sie in wenig zugänglichen Vierteln am Stadtrand oder hinter Sichtblenden.

Die Norrlander selbst verschleiern ihre Gefühle, Geheimnisse, Gerüchte und Rituale sogar noch sorgsamer, manche vor sich selbst, alle aber vor den Blicken Fremder oder Unbefugter (wobei im Grunde genommen beinahe jeder fremd und unbefugt war, der nicht zu den Eingeborenen zweifelsfrei Norrlander Abstammung gehörte). Das Mädchen verdrängt seinen Schmerz und versucht, ein normales Leben zu leben; der alte Mann, der aus seinem Rollstuhl heraus die Welt an sich vorbeifließen sieht, unterdrückt seinen qualvollen Hunger; der Junge flüchtet sich vor der tristen Realität in seine Fantasie; und der Polizist erstickt seine Frustration in Routine und Abstumpfung.

Die Norrlander leben bewusst oder unbewusst allesamt in Einklang mit ihrer Enklave und ihren Prinzipien.

Doch seit einiger Zeit befällt eine verdrießliche Unruhe die Menschen. Zunächst war es noch unmerklich, doch nun scheint es, als hätten sich der Pulsschlag und das Atmen des Landstriches klammheimlich beschleunigt. Die Atmosphäre wurde plötzlich von einer dunklen elektrischen Energie erfüllt, die an die Vorahnung eines aufziehenden Sturmes erinnerte.

Und genau dies war auch der Fall: Tatsächlich zieht ein Sturm auf. Jedoch ist dieser Sturm kein Wetterphänomen. Er tobt schon seit Jahren in den Köpfen der Menschen.

Sein Höhepunkt beginnt fast unsichtbar – mit einem Mündungsblitz im nebligen Wald.

Wochen später endet alles im Feuer.

Erster Teil

Jagdzeit

3. Dezember bis 28. Januar

Darkness, darkness be my pillow

Take my hand and let me sleep

In the coolness of your shadow

In the silence of your deep

Darkness, darkness hide my yearning

For the things I cannot see

Keep my mind from constant turning

To the things I cannot be

Darkness, darkness be my blanket

Cover me with this endless night

Take away, oh, this pain of knowing

Fill this emptiness with light

(Darkness Darkness, Jesse Colin Young)

1. Kapitel

Die Nachricht, dass ein paar Forstarbeiter im Söderskog Redwood Park nahe Borenshult eine Leiche gefunden hatten, erreichte David Lieberman noch am Frühstückstisch. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand hatte er die unfassbar öde einzige englischsprachige Lokalzeitung Norrlands überflogen und dabei versucht, sich allmählich und ohne viel Widerstreben in diesen Tag hinein zu stehlen. Doch aus allmählich wurde an diesem Morgen, wie schon so oft, abrupt. Keine Stunde später stand er bereits im Inneren eines ungleichmäßigen Vielecks, gesponnen aus Absperrungsbändern.

Geduldig wartete er ab, während zwei Hilfspolizisten den Tatort und seine Umgebung mit Kameras dokumentierten und sich dabei größte (wenn auch manchmal vergebliche) Mühe gaben, einander nicht in die Quere zu kommen. Er wirkte wie eine nachdenkliche Insel inmitten der lärmenden Betriebsamkeit, mit der die uniformierten Kollegen der Polisen Norrland (offiziell als Norrland County Sheriff Department bekannt, obwohl hier niemand diese Bezeichnung je benutzte) den ehrwürdigen Wald heimsuchten. Fast hätte man meinen können, all dies hier würde ihn gar nichts angehen und er wäre nur ein distanzierter Beobachter. Wenn es jedoch etwas gab, das David Lieberman nicht war, dann distanziert oder gar nur ein Beobachter. In Norrland war er das Rückgrat jeder Ermittlung.

Als er seine feingliedrigen Hände in puderbestäubte Latexhandschuhe zwängte, war dies sein Startsignal. Augenblicklich schaltete er in seinen Kriminalistenmodus und begann zu funktionieren.

Zunächst filterte er das Offensichtlichste aus der Flut von visuellen Eindrücken: Der Tote war weiß, zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt und etwa einsfünfundachtzig groß. Zusammengekrümmt und bleich lag der Mann auf dem bemoosten Waldboden. Strähnen von aschfarbenem Haar klebten feucht und schmutzig an seiner Stirn. Alles an ihm schrie geradezu: Ich bin ein Ortsfremder. Er war kein Tourist, sondern ein Geschäftsreisender, das war für Lieberman offensichtlich.

Die kleine, sternförmige Einschusswunde im Oberbauch des Opfers hatte nur wenig geblutet. Eine Austrittswunde war bei der ersten Sondierung nicht auszumachen. Auch wenn erst die Autopsie Sicherheit bringen würde, war es nach Liebermans Erfahrung wahrscheinlich, dass die verwendete Waffe ein ziemlich kleines Kaliber hatte und die Schussverletzung ein innerliches Verbluten nach sich zog. Dafür sprach auch die schmerzgekrümmte Haltung, in der das Opfer schließlich gestorben war.

Anschließend fuhr Lieberman mit den Fingern in Jacken- und Hosentaschen des Toten. Dort förderte er ein Streichholzbriefchen mit Werbung eines Chemiegroßhänders namens Dyson Chemical Marketing aus Kansas City zutage, eine sorgfältig zusammengefaltetes Papierserviette und eine Schlüsselkarte der Lövtred Lodge, eines Mittelklassehotels am Stadtrand. Ein paar Telefonnummern und Vornamen waren in Ermangelung eines Notizzettels auf die Serviette gekritzelt worden. Erste Puzzleteile, nicht mehr.

David Lieberman wollte gerade wieder aufstehen, als ihm jemand auf die Schulter klopfte. Es war Chief Deputy Tom Kristensen, nach Polizeichef Eklund der zweitwichtigste Mann der uniformierten Polisen Norrland.

»Hej, Inspektor. Landgren hat die Brieftasche des Toten gefunden.« Kristensen deutete auf das Unterholz etwa zwanzig Meter nördlich der beiden, wo jetzt eine kleine Fahne mit der Markierungsnummer '12' im Boden steckte. Mit seiner gedrungenen Ringkämpferstatur und dem strohblonden Bürstenhaarschnitt wirkte Kristensen zwar plump, tatsächlich war er aber ein ungemein agiler, sensibler und cleverer Polizist der guten Schule.

Zudem war der Kristensen einer der wenigen echten Norrlander Polizisten, bei denen Lieberman nicht das Gefühl hatte, noch in hundert Jahren nur ein leidlich geduldeter Jenseitiger zu sein, ein Zivilbulle ohne Zugang zur Kaste der Uniformierten, dem jede Bindung zum Landkreis und seinen unverrückbaren Traditionen fehlte. Lieberman hatte sich stets abseits der Massen bewegt. Daher hatte er es auch nie drauf angelegt, auf Teufel komm raus integriert zu werden; zumal war es damals sein eigener Wunsch gewesen, an diesen sonderbaren Fleck versetzt zu werden. Folglich hatte er seinen Sonderstatus immer akzeptiert. Und dennoch konnte es auch in selbst gewählter Isolation ungemütlich und kühl werden.

Lieberman entdeckte kein Bargeld, als er das Portemonnaie des Mordopfers untersuchte, nur noch ein paar einsam im Seitenfach klimpernde Cents. Die Einschübe für die Kreditkarten waren ebenfalls geplündert worden. Führerschein und Pass steckten noch in ihren Klarsichtfächern und lauteten auf den Namen Robert Elton. Der Tote hatte nun eine Identität.

Lieberman ließ die Brieftasche (gestern noch ein höchst privater Gebrauchsgegenstand und jetzt ein kaltes, unpersönliches Beweisstück) in einen transparenten Plastikbeutel fallen und verschloss die Hülle sorgsam. Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob er sich wieder aus der Hocke.

Das Tuckern eines nahenden Autos machte ihn misstrauisch. Ihm spukte der Gedanke an Reporter durch den Kopf. Doch am Steuer des rostigen Lieferwagens, der den schlecht befestigten Waldweg hinaufrumpelte, saß nur Björn Göransson, der trotz seiner gutmütigen Natur und tiefer Wurzeln in Ottenby wie ein trink- und waffenfreudiger Redneck aus dem Bibelgürtel im Süden der USA aussah.

Björn Göransson gehörte Norrlands einzige Hundeschule. Er war zwar kein offizielles Mitglied der Polisen Norrland, seine Vierbeiner waren jedoch die schärfsten Spürnasen der Gegend, weswegen man ihn häufig bei Such- oder Rettungsaktionen zu Hilfe holte.

Kurz darauf beobachtete Lieberman, wie Göransson und sein glatzköpfiger Cousin Rönn ihre Tiere – ein Labrador und zwei deutsche Schäferhunde – anleinten und dann Witterung aufnehmen ließen. Dabei wurde ihm klar, dass er und die Hunde einiges gemeinsam hatten. Für sie alle hatte die Jagd nun begonnen, und von ihrem Riecher hing so vieles ab. Nur dass am anderen Ende seiner Leine Polizeichef Eklund darauf wartete, in welche Richtung sich alles bewegen würde.

2. Kapitel

Als sich Lieberman knapp vierundzwanzig Stunden nach dem Fund von Robert Eltons Leiche auf die Morgenbesprechung vorbereitete, deutete nichts auf die Zäsur hin, die ihm und ganz Norrland in Kürze bevorstand. Noch bewegte sich die junge Ermittlung auf denselben, routinierten Bahnen wie stets.

Eine volle Dokumentenmappe unter den Arm geklemmt, einen dampfenden Pappbecher mit Kaffeeersatz aus dem Automaten in der Hand, betrat David Lieberman den Konferenzraum des hässlichen Hauptquartiers der Polisen Norrland. Er war der erste in der fensterlosen Kammer, an deren Wände Fotos des Tatorts und seiner Umgebung, sowie des Mordopfers gepinnt worden waren. Den Mittelpunkt des Zimmers bildete ein langer, rechteckiger Metalltisch mit Glasplatte, dem der Bereich seinen sarkastischen Spitznamen »der Wintergarten« verdankte.

Lieberman ließ sich längsseits an der Tafel nieder. Er wusste aus Erfahrung, dass die Sitze links und rechts von ihm unweigerlich frei bleiben würden, sofern nicht der Bezirkspathologe Gavin Tyce oder Chief Deputy Kristensen zu der Gruppe stießen. Normalerweise nutzte Lieberman diese Tatsache, um seinen Kram auf den leeren Stühlen abzuladen, heute jedoch würde er Gesellschaft haben.

Der Gerichtsmediziner Gavin Tyce war die interessanteste und wahrhaftig herausragendste Gestalt jedes Norrlander Ermittlungsstabs. Er überragte selbst Polisassistent Claas Björk, das mit seinen einsneunzig größte Mitglied der Polizeitruppe, um fast einen Kopf. Doch im Gegensatz zu Björk war Tyce so grotesk dürr, dass seit Jahren ein Witz bei den Norrlander Polizisten die Runde machte: Wenn man den Leichenschänder Tyce so ansah, könnte man meinen, eine Hungersnot sei ausgebrochen; und wenn man die Walze Björk so ansah, war man überzeugt, er sei der Grund dafür. Sogar Lieberman fand, dass Tyce rein optisch einem jener vielgliedrigen und spindeldürren Insekten glich, die sich als Pflanzenzweige tarnen konnten. Aber dieser hutzelige Körper beherbergte ein grundsolides und ansprechendes Individuum. Nicht zuletzt weil die beiden zu einer in Norrestad und Umgebung höchst selten anzutreffenden ethnischen Minorität gehörten – Menschen, die weder einen skandinavischen Namen noch skandinavische Vorfahren aufweisen konnten – hatten Lieberman und der Pathologe inzwischen einen guten Draht zueinander entwickelt.

»Guten Morgen«, sagte Tyce. Er musterte Lieberman von oben bis unten und hob die Augenbrauen. »Na ja, wobei ich das mit dem ‚gut’ mal so stehen lasse. Ich hab im Labor Präparate in Formaldehyd herumstehen, die wesentlich lebendiger aussehen als Sie, werter Polisinspektör.«

David Lieberman wusste, dass Tyce Recht hatte. Er hatte dunkle Halbmonde unter den Augen, und sein ohnehin asketisches Gesicht wirkte wächsern und zermürbt. Er brummte eine Antwort, halb Zustimmung, halb Verwünschung, bevor er einen großen Schluck aus seinem Pappbecher nahm. Augenblicklich schüttelte es ihn, als habe er eine Aspirintablette ohne Wasser geschluckt.

»O Scheiße!«, stieß er hervor. »Was kommt aus diesem Automaten? Erbrochenes?«

»Huch!«, sagte Tyce und beugte sich neugierig über den Becher, um dessen Inhalt in Augenschein zu nehmen. »Aber wenigstens ist es kostenloses Erbrochenes mit Milch.«

»Was haben wir doch für Glück«, sagte Lieberman.

In diesem Moment zelebrierte Polizeichef Rasmus Eklund einen seiner Auftritte: eine sorgsam inszenierte und subtil vorgetragene Choreographie von Gesten, die Macht demonstrieren sollten, vom Aufhängen der teuren Lederjacke bis zum Zurechrücken und Abwischen des Stuhles vor dem Setzen.

Eklunds Vorgänger, Polismästere Kenneth Petterson, hatte nur durch seine Präsenz Vertrauen und Respekt erweckt. Als Polizeichef hatte er wie ein Handschuh zu den eigentümlichen, aber redlichen und hart arbeitenden Leuten hier oben gepasst. Groß und vierschrötig, mit dem Herz am rechten Fleck und einer ländlichen, grundehrlichen Art, die ihn immer genau das sagen ließ, was er dachte, war »Kenny« für die Menschen von der Straße zugleich Großvater, Vater und großer Bruder gewesen. Nicht zuletzt war eine Einladung von Petterson der Grund gewesen, wieso sich Lieberman ausgerechnet für diesen nicht gerade alltäglichen Ort entschieden hatte, um nach dem Desaster in Florida neu anzufangen.

Eklund, achtunddreißig und seit knapp drei Jahren (nach offizieller Bezeichnung) Sheriff von Norrland County, war das komplette Gegenteil von Kenneth Petterson. Polischef Eklund war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit grauen Augen. Stets perfekt durchgestylt auftretend, wirkte der strategisch günstig in den Dunstkreis der traditionsreichen Norrlander Industriefamilie Rydell eingeheiratete Eklund selten wie ein echter Polizist. Viel eher glich er einer Mischung aus charismatischem Fernsehevangelist und neoliberalem Lobbyisten. Ging es darum, Wähler zu mobilisieren, konnte Eklund eine persönliche Sogwirkung und einen Charme an den Tag legen, der fast schon hypnotisch war. Dann verwandelte er jedes schlichte Rednerpodest in eine große Bühne.

Doch ihn darauf zu reduzieren und zu unterschätzen war ein Fehler. Denn Eklund hatte durchaus Talent für Polizeiarbeit, wenn auch hauptsächlich für die politische und repräsentative Seite des Jobs. Dies war seine Welt. Die praktische Hälfte – die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung, der Kontakt mit den Bürgern - war für ihn nur eine Sprosse auf seiner Karriereleiter, wenn auch eine wichtige, die seinem Lebenslauf später ein großes Maß an Glaubwürdigkeit und Tiefe verleihen würde, sobald es um höhere Aufgaben ging. Und genau das war es, was für diesen ambitionierten, von seinem beträchtlichen Ehrgeiz voran gepeitschten Karrieristen zählte: höhere Aufgaben. David Lieberman zweifelte nicht daran, dass es Eklund eines Tages weit bringen würde, wenn er sich nicht irgendwann überschätzte und an einem zu großen Bissen Machtkuchen verschluckte.

»Guten Morgen, die Herren«, sagte Eklund mit seiner sonoren, geölten Radiosprecherstimme. »Wie ich sehe, sind wir komplett und können beginnen. Also, Inspektor Lieberman, was haben Sie uns zu erzählen?«

Lieberman nickte und stellte seinen kostenlosen Becher Erbrochenes mit Milch auf den Tisch zurück. In diesem Moment wurde ihm zwangsweise mit frustrierender Deutlichkeit eines klar: Wie sehr hatte er sich doch während seiner Entscheidung, sein altes Revier zu verlassen, etwas vorgemacht. Immerhin war es nicht zuletzt genau diese unausweichliche, allgegenwärtige Gewalt gewesen, wegen der er sich aus Los Angeles hatte wegversetzen lassen, um in irgendeiner entfernten Stadt, wo er nicht mit jeder Straßenecke Erinnerungen verband, neu anzufangen. Doch inzwischen wusste er, dass er auf das älteste Klischee im Buch für dienstmüde Polizisten hereingefallen war, so wie Tausende vor und nach ihm. Auch in der scheinbar friedlichsten Umgebung blieb ein Mord einfach ein Mord. Und die Verbrechen in Norrland County unterschieden sich für den Polizeidetektiv nur in ihrer geringeren Zahl von jenen, die er vor Jahren in der Stadt der Engel bearbeitet hatte. Sonst blieb alles beim Alten, wenn die Tretmühle erst in Gang gekommen war.

Routiniert las er alle über das Mordopfer zusammengetragenen Daten aus seinem Dossier ab: Robert J. Elton aus Fresno, geschieden, ein Sohn. Als freier Außendienstmitarbeiter bei einem Großhandelsbetrieb für Edelgase hatte er in Norrland Verhandlungen mit der Chemiesparte von RYDELL OMNISTRIES geführt. Er nächtigte in der Lövtred Lodge. Ein Abteilungsleiter von RYDELL OMNISTRIES’ Chemiesdivision, mit dem sich Elton zu einem informellen Abendessen in einem Steakhaus in der Strömgatan getroffen hatte, war - bislang - die letzte Person, die Elton gesehen hatte. Aber Landgren und Björk waren noch draußen, um nach weiteren Zeugen zu suchen. Elton verließ das Restaurant um halb elf und war nicht mehr im Hotel angekommen, also hatte er seine Mörder zwischen halb elf und halb zwölf getroffen. Ungefähr um ein Uhr Morgens wurden ihm die Verletzungen zugefügt. Der Tod trat etwa drei Stunden später ein.

»Gestohlen wurden sein Wagen, ein Ford Taurus, Baujahr '97, metallic-grün, seine Kreditkarten - Amex, Visa und Mastercard - und eine bislang noch unbekannte Summe an Bargeld«, fuhr Liebermann fort. »Die Kartennummern wurden gekennzeichnet. Sobald jemand damit einzukaufen versucht, bekommen wir natürlich Nachricht. Ernest Lassberg wird unser Lufttaxi, wenn sich im weiteren Umkreis etwas tut.«

»Gut.« Eklund nickte. »Die Nachrichtensperre steht noch?«

»Bislang wie eine eins«, sagte Lieberman.

»Und die Arbeiter, die die Leiche gefunden haben? Sind die zuverlässig? Oder könnte das ein Problem werden?«

Lieberman rang sich zu einem betont ruhigen Kopfschütteln durch. Er wusste nicht, ob es an seiner unruhigen Nacht oder aber an der Stimmung lag, die immer ein wenig angespannter und ehrgeiziger wurde, sobald Eklund einen Raum betrat. Doch im Moment fühlte er sich, als würde sich das Laufrad, in dem er steckte, ein wenig zu schnell und unrund drehen.

»Die verstehen, warum noch nichts von dem Mord der Presse bekannt gemacht worden ist«, sagte Lieberman. Sein schwarzes Haar glänzte im kalten Licht der Neonröhren an der Decke, ein ungekämmter Tupfer der Finsternis neben Tyces Rotschopf und den mannigfaltigen Blondtönen um ihn herum. »Die halten dicht.«

Eklund tippte mit einem Bleistift gegen seine blitzsauberen, verkronten Vorderzähne. »Schön, haben wir irgendwelche konkreten Spuren am Tatort?«

Lieberman gab den aktuellen Stand wieder: Inzwischen hatte man den Tatort mit Lester Göranssons Spürhunden in einem Umkreis von zwei Meilen durchkämmt. Die weitere Umgebung schien sauber zu sein. Aber was sie hatten, waren ein paar fast unversehrte Schuh- und Reifenspuren direkt von der Leichenfundstelle. Demnach waren mit Sicherheit zwei Täter beteiligt, der größere und schwerere trug am Tatort Stiefel mit stark profilierter Sohle, wahrscheinlich alte Springerstiefel, Größe 46. Sein Komplize trug Turnschuhe Größe 43, ziemlich abgelaufen. Der Reifenabdruck gehörte zu einem Bridgestone, wie sie auf den Ford des Opfers montiert waren. Dazu kamen noch Fingerabdruckfragmente auf der Brieftasche des Toten, die jedoch von mieser Qualität waren, zu verwischt und undeutlich, um sie direkt in den Computer zu jagen. Die Beweisstücke waren noch gestern Abend zum zuständigen FBI-Labor in Sacramento abgegangen, wo man die nötigen Apparate und Hilfsmittel hatte, um die Qualität der Abdrücke zu verbessern.

»Das Opfer hatte keine Drogen und nur eine geringe Menge Alkohol im Blut«, begann Tyce anschließend. »Seine letzte Mahlzeit vor dem Tod war das Abendessen: ein Pfeffersteak, Kartoffelspalten, Salat, ein Light Beer dazu. Er hatte diverse Verletzungen, also Abschürfungen, Quetschungen, Hämatome und oberflächliche Schnitte, typische Nahkampfspuren. Laut den freien Histaminwerten erlitt er diese Verletzungen unmittelbar vor dem Tod, was wohl bedeutet, dass er zuerst ohne direkten physischen Zwang mit seinen Mördern gegangen ist. Vielleicht wurde er mit einer Waffe bedroht. Dann kam es da oben in dem Wald zu einem Kampf und dabei wurde er angeschossen. Die nahe Schussdistanz und der schiefe Eintrittswinkel der Kugel machen es ziemlich wahrscheinlich, dass der Schuss im Kampfgetümmel abgegeben wurde. Laut des ballistischen Berichts handelt es sich um ein Projektil 6.35mm, abgeschossen aus einer Waffe mit sehr kurzem Lauf, einer typischen Taschenpistole. Die Kugel hat wenig oberflächliche, aber schwere interne Verletzungen verursacht, an denen er innerlich verblutet ist. Kein schönes Ende, wirklich nicht. Armer Kerl.«

Liebermans Erfahrung hatte ihn also nicht getäuscht. Für ein paar Momente herrschte unangenehme Stille im Konferenzsaal. Dann klopfte es unerwartet an der Türe, und Kristensen erschien.

»Boss, wichtige Neuigkeiten!«, sagte er. »Der Wagen des Opfers wurde gesichtet.«

»Wo?« Eklund setzte sich ruckartig auf.

»In Sacramento, vor einer Fressbude. Das Lokal ist umstellt.«

Zackig stieß sich Eklund aus dem Sessel hoch. Im Vorbeigehen riss er seine edle Lederjacke vom Kleiderhaken an der Türe.

»Alles klar, Tommy«, sagte er. »Rufen Sie Ernest Lassberg an und sagen Sie ihm, er soll seine Kiste anwerfen. Lieberman, Sie begleiten mich!«

Der bullige Volvo V70 XC des Polizeichefs bremste abrupt auf dem Vorfeld des Haupthangars aus Wellblech, wo Ernest Lassbergs blau-gelb lackierte Piper Warrior bereits auf die Fluggäste wartete.

Lassberg war Berufspilot, Vollprofi und einer der ruhigsten und ausgeglichensten Männer, den Lieberman je getroffen hatte, ein Charakterzug, der in Lassbergs Job nur von Vorteil sein konnte. Zu Lassbergs kleinem, aber erfolgreichem Kurierflugdienst namens Norrland Air Service gehörten ein Bell Jet Ranger Hubschrauber und zwei Flugzeuge, jene Piper Warrior, in der Lieberman und der Polizeichef nun Platz nahmen, sowie eine klassische, perfekt in Schuss gehaltene zweimotorige Cessna 402b für Fracht- oder Charterflüge auf längeren Strecken.

Nur wenige Minuten später ließ das Flugzeug die Piste in der Nähe von Ottenby auch schon hinter sich und steuerte ins Landesinnere. Vor dem Start hatte Lassberg geschätzt, dass sie für die Strecke von etwas mehr als dreihundertfünfzig Kilometer nach Sacramento um die anderthalb Stunden reine Flugzeit benötigen würden, mögliche Warteschleifen vor der Landung nicht mitgerechnet. Lieberman war dies viel zu lange. Er scharrte mit den Hufen, war ungeduldig, gespannt und unruhig. Er wollte so schnell wie möglich nach Sacramento.

Sobald der Zugriff erfolgt war und sich die Verdächtigen im Polizeigewahrsam befanden, würden Kopien der Fingerabdrücke beider Verdächtiger online zum Zentralregister der kalifornischen Staatspolizei und an die Labors des FBI geschickt, um die Identifizierung der undeutlichen Prints von der Brieftasche aus Norrland mit den neuen Vergleichsmustern zu erleichtern. Den Abdrücken folgte eine Kette von Routineprotokollen, Berichten und Meldungen an verschiedene Dienststellen und Departments, sowie Listen der Dinge, die bei den Gangstern gefunden wurden und die sie möglicherweise mit anderen unaufgeklärten Einbrüchen oder Überfällen in Verbindung bringen konnten. Und dann würde es nicht lange dauern, bis das übliche Gerangel um Zuständigkeit und Priorität ausbrach. Jedes Präsidium, jede Staatspolizei-Einheit würde geltend machen, dass ihr Fall der wichtigste war und der schnellsten Klärung bedurfte. Je größer und wichtiger die Stadt war, je mehr Einfluss der Bezirksstaatsanwalt hatte, desto eher würde dieser Behauptung wahrscheinlich geglaubt und nachgegeben werden.

Zwei endlose Stunden später rollte die Piper auf einem kleinen Flugfeld außerhalb von Sacramento aus. Am Ende der Rollbahn parkte bereits ein ziviler Polizeiwagen, der Lieberman und den Polischef zügig in die Stadt brachte. Das Präsidium des Sacramento Police Departments lag an der Ecke Freeport Boulevard und 35te Avenue. Hier wurden die Polizisten aus Norrland County von einem glatzköpfigen, schnurrbärtigen Detective Sergeant namens Jerry Bronski (»Aber nennt mich einfach Trigger, das tun alle!«) in Empfang genommen.

Während er Lieberman und Eklund im Laufschritt durch das Gebäude führte, unterrichtete Bronski seine Kollegen über das, was in der Zwischenzeit geschehen war.

»Okay, wir hatten den Diner umstellt«, sagte er. »Unsere Jungs haben zugegriffen, als die beiden den Fressschuppen verlassen haben. Einer der beiden hat sich sofort ergeben, der andere hat die Nerven verloren, als unsere Jungs ankamen, er fuchtelte mit einer Kanone herum und ballerte in die Luft. Die Antwort bekam er von einem unserer Scharfschützen, und das war keine freundliche. Er ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Hatte wohl keine Chance. Sein halbes Gehirn war feinsäuberlich über den Wagen verteilt.«

Lieberman stieß den Atem zischend durch die Vorderzähne aus. »Sein Komplize wird gerade verhört?«, fragte er.

»So ist es – das sehen wir uns jetzt an«, sagte Bronski und stieß die Türe zum dunklen Nebenraum des Verhörzimmers auf. »Hereinspaziert, Kollegen.«

Lieberman trat so nahe an die Beobachtungsscheibe heran, dass das einseitig durchsichtige Glas von seinem Atem beschlug. Mit einem dumpfen Pulsieren im Magen sah er zum ersten Mal jenen Mann, der den unaufhaltsamen Strudel der Ereignisse in Gang gebracht hatte, was in diesem Moment allerdings noch niemand ahnen konnte.

Mit seinem Dreitagebart, den zotteligen, ungekämmten Haaren und ungewöhnlich hellen, misstrauischen Augen war Stig Hansen durchaus attraktiv, wenn auch auf eine verschlagene Art und Weise. Im Moment trug er ausgeblichene Jeans, ein rotkariertes Holzfällerhemd und weiße Sneakers. Seine ganze Körpersprache zeigte Schock und dass er mit dem Rücken zur Wand stand, was er durch Trotz und cooles Gehabe zu kaschieren versuchte.

Lieberman schlug das Dossier auf, das Bronski ihm überreicht hatte. Die polizeilichen Datenbanken hatten folgendes über Stig Martin Hansen ausgespuckt: Geboren am ersten Juni 1966 in Norrestad. Sieh an, dachte Lieberman, ein heimisches Nachtschattengewächs. Schulabbrecher. Trat mit achtzehn Jahren freiwillig der US Army bei, wo er jedoch nur vier Monate Dienst tat, bis bei einer Routineuntersuchung ein während der Musterung offenbar übersehener Herzfehler entdeckt wurde. Er musste die Armee verlassen und geriet in ein typisches, langsames Abrutschen in die Schwerkriminalität. Er begann mit Einbrüchen und Hehlerei, wobei es ihn immer wieder in seine alte Heimat Norrland zurückzog. Einmal saß er für sechs Monate in Crescent City, weil er nach einem kleineren Ding von zwei Komplizen verpfiffen worden war; ansonsten hatte er immer Glück gehabt. Kleinkaliber wie Hansen hatten erfahrungsgemäß eine Weile lang Glück, bevor dieses Glück eben irgendwann aufgebraucht war. Die unweigerliche Bruchlandung war dafür umso härter.

»Hat er schon einen Anwalt verlangt?«, fragte Eklund.

»Nee, bislang wollte er noch keinen«, meinte Bronski und verschränkte die Arme. »Um genau zu sein hat er außer seinem Namen fast gar nichts gesagt. Aber das dauert wahrscheinlich nicht mehr lange. Viele von denen lassen zuerst den starken Max raushängen. Die glauben, sie kommen mit dieser coolen Unschuldsmasche durch, aber irgendwann heulen sie doch nach einem Rechtsverdreher.«

Stumm nickend schloss Lieberman Hansens Akte wieder und widmete sich dem Verhör im Nebenraum.

Die beiden Kollegen aus Sacramento arbeiteten bieder, und sie benutzten die ältesten Tricks aus dem Buch. Sie konfrontierten ihn damit, dass ihn sein schwer verletzter Kumpel noch verpfiffen hätte (ein Bluff), appellierten an sein Gewissen (ein Fehlgriff) und schilderten ihm seine drohende Zeit in der Todeszelle und der Hinrichtungskammer in Stereo und Technicolor (ein peinliches Klischee). Vorsintflutlich, urteilte Lieberman über die Verhörmethoden der Kollegen. Zeitverschwendung. Dieses ganze Gesums brachte nur standardisierte Antworten und verbissenen Trotz als Reaktion auf altherkömmliche Fragestellungen. Er hatte genug gesehen und wandte sich ab.

»Kann ich mit Hansen sprechen, wenn Ihre Jungs fertig sind?«, fragte er.

»Tun Sie sich keinen Zwang an, Kumpel«, sagte Bronski mit einer einladenden Handbewegung. »Vielleicht tut diesem Vogel eine kleine Luftveränderung ganz gut. Beeilen Sie sich, bevor die Staatspolizei und die anderen Departments antanzen und Hansen für sich wollen.«

Kurz darauf beobachteten Eklund und Bronski, wie Lieberman das Verhörzimmer betrat. Dort schaltete er zuerst das grelle Deckenlicht aus und ließ nur eine kleine Schreibtischlampe brennen, die er auf den Boden stellte. Schließlich schob er den Tisch zur Seite und rutschte den zweiten Stuhl, der noch angewärmt von Ebsens massiger Kehrseite war, zu Hansen hinüber, bevor er sich setzte. Doch anstatt eine Frage zu stellen oder überhaupt etwas zu sagen, nickte er Hansen nur höflich zu, beugte sich dann vor und legte die Fingerspitzen ans Kinn. In dieser Haltung verharrte er. Und verharrte.

»Was soll denn das werden?«, fragte Bronski.

»Er weiß schon, was er tut, Sergeant Bronski, glauben Sie mir«, versicherte Eklund beinahe gelangweilt. »Das kann noch eine Weile dauern, bis sich irgendwas Interessantes tut. Er fängt seine Verhöre immer so an – er schweigt seine Verdächtigen buchstäblich weich. Ziemlich wirkungsvoll. Übrigens, gibt es hier einen Kaffee?«

»Der Automat ist draußen links. Sagen Sie, ist er wirklich der David Lieberman ... also der Typ, der damals der Partner von Spencer Lockhart war?«

»Exakt, das ist er. Meine Geheimwaffe.«

Bronski taxierte den in Fachkreisen legendären Kollegen, der in seinem Verhörzimmer zu einer Statue erstarrt zu sein schien, und sagte: »Na schön, dann weiß er, was er tut. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was das soll.«

»Sie werden es sehen«, versprach Eklund.

3. Kapitel

David Lieberman erwachte am nächsten Morgen wie aus einem Koma. Blinzelnd schlug er zunächst nur das rechte Auge auf, zu mehr fühlte er sich nicht in der Lage. Die linke Seite seines Gesichts war in ein unidentifizierbares Stoffbündel gedrückt. Orientierungslos fragte er sich, wo er war und wieso sein Bett auf einmal so verdammt hart war. Dann klärte sich sein Blick; er sah graue Wände, ein paar alte Metallspinde sowie einen mit allem möglichen Kram überladenen Holzschreibtisch. Nun wusste er wieder, wo er sich befand: In Sacramento, eine langsam in der Morgendämmerung erwachenden Stadt, deren Häuser er durch das quadratische, vergitterte Fenster rechts von sich sehen konnte.

Langsam und vorsichtig setzte er sich auf. Er war maßlos groggy. Seine Muskeln zahlten ihm schmerzend die unbequeme Haltung heim, in der geschlafen hatte. Auf seiner Zunge schien ein dichter Pelz gewachsen zu sein.

Bis weit nach Mitternacht hatte er irgendwelcher Neuigkeiten geharrt, welche die Nachforschungen der Cops in den anderen Städten vielleicht ergaben, und dabei belanglose Erinnerungen und Anekdoten mit zwei alten Kollegen aus L.A. ausgetauscht. Dann erwischte ihn schließlich der tote Punkt, gegen den er schon seit Stunden angekämpft hatte, mit der Wucht und Wirkung einer gegen seinen Kopf krachenden Bowlingkugel. Gähnend hatte er Trigger Bronski gefragt, wo man hier für ein paar Minuten die Augen zumachen könnte, und rollte sich dann in seine Jacke gehüllt auf einem quietschenden, nach Bier, Kaffee und Zigarettenrauch muffelnden Sofa zusammen.

Doch der Nachhall des hektischen Tages ließ ihn zunächst keine Ruhe finden, obwohl er zu müde war, um die Augendeckel offen zu halten. Immer wieder kehrten seine Gedanken zum Verhör mit Hansen zurück, analysierten und rekapitulierten aus Routine Schlüsselmomente des Gesprächs, gruben nach bislang unentdeckten Facetten oder Details.

In sich selbst waren die Befragung und ihr Ergebnis völlig stimmig gewesen. Es hatte weniger als fünfzehn Minuten Schweigen gebraucht, um Hansen weich zu kochen, und sein System hatte Lieberman bislang noch nie betrogen.

Das erste Mal war er noch während seiner Lehrzeit im Los Angeles Police Department auf diese unorthodoxe Methode gestoßen. Sein damaliger Partner war ein langjähriger Detective namens Wilton Burnett gewesen, im Außeneinsatz nur durchschnittlich effektiv, aber im Verhörraum eine Legende. Burnett hatte seine Befragungen immer auf dieselbe Art und Weise begonnen: er betrat den Raum, setzte sich dem Verdächtigen in etwa zwei Meter Abstand gegenüber und schwieg. Manchmal fixierte er die andere Person dabei, ab und zu starrte er konsequent in eine andere Raumecke, aber stets sprach er kein einziges Wort. Dieses kontrollierte Ignorieren konnte zehn Minuten oder auch zwei Stunden dauern, das kam ganz auf den Verdächtigen an. Aber es hatte kaum je eine Befragung gegeben, in der die Person auf dem anderen Stuhl nicht nach einer gewissen Zeit in der zunehmend drückenden Wortlosigkeit fast ertrunken wäre; danach bettelte man fast um Aufmerksamkeit.

In der Stille, hatte Burnett einmal zu Lieberman gesagt, erfährt man am meisten über einen Menschen. Die meisten Menschen hassen es, ignoriert zu werden. Und genau das ist mein Werkzeug. Man muss nur zwei Dinge: genau hinschauen und hinhören, zuerst im Schweigen, und dann, wenn sie mit einem reden wollen.

Diese Methode, die Lieberman so fasziniert hatte, dass er sie übernahm und sogar noch perfektionierte, hatte nun auch bei Hansen zu einem klaren Ergebnis geführt. Sowohl das Greifbare, Hansens Aussagen, wie auch das Unbewusste, also Hansens Mimik, Tonfall und Körpersprache, war völlig kohärent gewesen, während der Schweigephase und auch danach. Dies war ein Feld, das nur von wenigen hochintelligenten und besonders talentierten Menschen perfekt manipuliert werden konnte. Und bei aller Bauernschläue waren hohe Intelligenz und psychologisches Talent Eigenschaften, die auf Hansen gewiss nicht zutrafen. Hansen war simpel und klar strukturiert.

Die Gesamtheit hatte bei Hansen eine harmonische Einheit gebildet, eine klares, gut zu lesendes Profil: Der Tod des Geschäftsmannes namens Robert Elton war kein kaltblütiger Mord gewesen, sondern eher eine Verkettung finsterer Zufälle, die mit einer Leiche endete.

Hansen und sein tumber Komplize namens Kevin Haas (eine Konstellation, die wie aus einer 30er-Jahre-Novelle von John Steinbeck anmutete, dachte Lieberman unwillkürlich) hielten sich eine Zeitlang mit Diebstählen und Einbrüchen in Nordkalifornien über Wasser. Dann beschlossen sie, es weiter unten im Süden noch einmal »krachen zu lassen«. Es war Zufall, dass es ausgerechnet Elton erwischte – er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort und ließ Hansen im denkbar falschesten Moment einen Blick auf seine mit Kohle und Kreditkarten prall gefüllte Geldbörse werfen. Damit war Eltons Schicksal besiegelt. Doch anstatt seine Brieftasche und das Auto kampflos zu übergeben, »fuchtelte Elton oben im Wald plötzlich mit einer Kanone herum (so Hansens Worte). Es kam zu einem Handgemenge. Der Schuss, der sich löste und Elton in den Bauch traf, war nichts als ein Unfall gewesen. In Panik machten sich die beiden Schmalspurganoven davon und ließen den Verletzten liegen, bis ihre Flucht in Sacramento abrupt endete ... hier, wo David Lieberman mit wirren Bildern und wie ein Bienenschwarm in seinem Kopf umhersurrenden Gesprächsfetzen schließlich einnickte. So glitt er in einen unruhigen Schlummer, aus dem er dermaßen ausgelaugt und abgespannt wieder erwacht war, als habe er gar nicht geschlafen.

Ein paar Minuten später hatte sich Lieberman mit kaltem Wasser erfrischt. Dann plumpste mit einem widerwilligen Klicken ein Pappbecher in den Einfüllschlitz des scheppernden Kaffeeautomaten irgendwo in der zweiten Etage. Sich den letzten Schlaf aus den Augen reibend wartete Lieberman, bis der Becher mit dünner, dampfender Brühe voll gelaufen war. Sodann nahm er das flüssige Frühstück an sich und trank einen großen Schluck, an dem er sich den Gaumen verbrühte.

Die typischen Geräusche von Polizeiarbeit und Routine um ihn herum kamen ihm allmählich nicht mehr so fremd und seltsam verzerrt vor. Er wollte sich gerade aufmachen, um nach Eklund zu suchen, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte und sich umwandte. Hier stand der Sheriff direkt vor ihm und hielt ihm einen Stoß Papiere entgegen.

»Morgen, Lieberman«, sagte Eklund. »Wenn Sie noch nicht wach sind, das hier wird Sie wecken.«

»Na hoffentlich. Was haben wir hier?«

»Die zwei Faxe hier kamen vorhin aus Norrestad. Auf Nummer eins haben wir schon gewartet! Die Laborjungs vom FBI haben es geschafft, die Qualität der beiden Fingerabdruckfragmente aus dem Wald so weit zu verbessern, dass man sie in den Computer scannen und mit Hansens Abdrücken vergleichen konnte. Sie sind identisch.«

»Wie zu erwarten war.« Rasch überflog der Ermittler das erste Fax. »Also noch fühle ich mich nicht viel wacher.«

»Warten Sie ab – es kommt mehr«, sagte Eklund.

Der Polischef verschränkte die Arme und schaffte es, dabei zugleich gönnerhaft und besserwisserisch zu wirken.

Nun wird es interessant, dachte Lieberman. Und tatsächlich: Die Müdigkeit in seinem Kopf wurde abrupt von einem dumpfen, erregten Pochen abgelöst.

Laut Kristensens Depesche hatte sich gestern Abend ein Kollege aus Enterprise gemeldet, um die Herkunft eines Schmuckstücks zu klären, das Hansen vor knapp einem Monat einem halbseidenen Pfandleiher angedreht hatte. Der Hehler erinnerte sich, dass Hansen dafür fünfzig Dollar gefordert hatte und sich letztendlich mit zwanzig begnügen musste. Nicht ungewöhnlich. Was Lieberman jedoch bestürzte, war die Nachricht, dass jene goldene Halskette mit herzförmigem Anhänger einem aus Norrestad stammenden Mädchen gehört hatte.

Einem Mädchen, das seit fast sechs Monaten spurlos verschwunden war.

Der Meldung folgten grobkörnige Fotos der Kette und des seit Anfang August dieses Jahres wie vom Erdboden verschluckten Mädchens: Solveig Olsson, siebzehn Jahre und fünf Monate alt, einsfünfundfünfzig, neunundvierzig Kilo, dunkle Haare, braune Augen und Linkshänderin. Kleines Muttermal links neben der Nase, sonst keine besonderen Merkmale. Sehr hübsch, wie selbst das schroffe Faxbild zeigte.

»Also, was halten Sie davon?«, fragte Eklund.

Das war eine gute Frage. Lieberman konnte es nicht sagen, noch verarbeitete er die abrupte Neuausrichtung der Situation und des ganzen Szenarios.

»Für mich ist das jedenfalls ein sehr seltsamer Zufall«, sagte Eklund. »Der tote Geschäftsmann – und nun das.«

»Verdammt seltsam ist es auf jeden Fall«, sagte Lieberman nickend. »Ich nehme mir Hansen gleich noch einmal vor, und zwar so lange, bis ich weiß, was los ist. Dann reden wir weiter. Bis später.«

»Machen Sie das. Wir sehen uns.«

Unrasiert und zerknittert stapfte Lieberman zwei Stockwerke tiefer in den Arrestzellenblock, das Fax zusammengerollt in seiner rechten Hand. Je näher er der doppelten Sicherheitsschleuse kam, vor der ein gelangweilt wirkender Cop von der Nachtschicht alles für die Übergabe an seinen Kollegen von der Tagschicht vorbereitete, desto seltsamer fühlte er sich, als hätte er auf einmal ein Loch im Bauch. Konnte Hansen etwas mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun haben? fragte er sich pausenlos. Wenn ja, was?

»Stig Hansen«, sagte er zum Diensthabenden.

»Fünfte Zelle auf der linken Seite«, sagte der schmerbäuchige Cop mit einer brummigen Stimme, die gut zu seiner gelassenen Art passte. »Sind Sie bewaffnet, Kollege?«

Lieberman schüttelte den Kopf, war mit seinen Gedanken Lichtjahre weit entfernt. Der Diensthabende hielt ihm ein Clipboard hin, ließ ihn unterschreiben, und öffnete mit zwei Schaltern unter seinem Schreibtisch zuerst das äußere und dann das innere Gittertor der Sicherheitsschleuse. Hansen schlief oder döste auf der schmalen Pritsche, die in die linke Seitenwand eingelassen war. Hansen wachte erst auf, als sich die Zellentüre mit einem Rumpeln öffnete und Lieberman das karge Loch betrat.

Stig Hansen blinzelte verschlafen, stützte sich auf die Ellenbogen und starrte das Faxbild vor seiner Nase ein paar Momente lang unschlüssig an.

»Was soll damit sein?«, fragte er benommen.

»Das will ich von dir wissen«, sagte Lieberman und fand es an der Zeit, das distanzierte und auf gewisse Weise höfliche 'Sie', das gestern tonangebend zwischen den beiden gewesen war, fallen zu lassen. »Woher hast du diese Kette? Ein Hehler aus Enterprise hat ausgesagt, dass du sie ihm vor vier Wochen für zwanzig Mäuse überlassen hättest.«

»Na ja ... kann schon sein.« Deutlicher als seine Worte war die ertappte und betroffene Weise, mit der Hansen in sich zusammensank, so sehr er sich auch bemühte, Fassung zu wahren. Aber in seiner Müdigkeit waren seine Selbstkontrolle und Zensur noch nicht völlig in Gang gekommen.

»Nein, nicht 'kann schon sein'«, korrigierte Lieberman. »Deine Körpersprache hat mir gerade sehr deutlich etwas anderes gezeigt – du weißt genau, wovon ich rede. Wo hast du die Kette her? Dachtest du, dass wir das Ding nicht finden würden?«

Hansen hob beide Hände. »Mann, was hat diese Scheiß Kette denn mit allem zu tun? Ich w-«

»Stig, überlege dir gut, was du sagst.« Liebermanns Stimme war nun kalt und informell. »Ich habe dir gestern eine Chance gegeben. Erinnerst du dich? Daran hat sich nichts geändert. Eine Chance. Du bist dabei, sie zu verschwenden.«

»Die Kette gehörte einem Mädchen aus Norrestad.«

»Und weiter? Wer war das Mädchen? Wie bist du an die Kette gekommen?«

»Ihr Name war ... ähm, irgendwas mit ‚S’ … Sara?« Er überlegte. »Solveig, genau, so hieß sie. Solveig. Ich hab' sie im Sommer ein paar Mal gesehen, wenn sie am Wochenende in dieser miesen Pizzeria an der Lottagatan bedient hat. Da haben wir ab und zu ein wenig miteinander gelabert. Einfach so.«

Die Pizzeria war mies, das wusste Lieberman aus eigener Erfahrung. Er speicherte dieses Detail ebenso wie die positive Tatsache, dass Hansen den Namen des Mädchens weder absichtlich verdreht noch unterschlagen hatte. Aber er registrierte auch Hansens andauerndes, defensives Negieren.

»Ach so, ihr habt einfach nur gelabert«, sagte er. »Und da hat sie dir gleich ihre Goldkette geschenkt, weil ihr euch so gut verstanden habt? Fuck off!«

Ruckartig stand er auf und wandte sich zur Zellentür.

»Warten Sie«, rief Hansen abrupt. »Bitte.«

»Du hast eine letzte Chance: Ganze Geschichte, jetzt!«

»Okay, wir haben uns ein paar Mal getroffen«, verbesserte sich Hansen. »Ich hab' ihr erzählt, ich würde Computer programmieren, unten in Berkeley. Ich sagte, ich wär in Norrland, um die neuen Windows-Systeme bei den OMNISTRIES zu vernetzen ... dabei weiß ich nicht mal, was ein Windows-System ist. Ich hab das nur mal irgendwo auf 'ner Zeitschrift gelesen. Sie sagte immer wieder, dass sie von Norrland die Schnauze voll hätte, von dem Job, ihrer Mutter und einfach allem hier. Sie wollte schon immer mal Frisco sehen, und ob ich sie nicht mitnehmen könnte? Ich sagte 'ja, okay' und versuchte die ganze Zeit nur, endlich ... na ja, Sie wissen schon, an ihre Titten zu kommen. Die Kette hab' ich ihr irgendwann mal geklaut, weil das Ding wertvoll aussah; Solveig dachte, sie hätte sie verloren. Was ist denn jetzt mit dieser Kette, warum ist das so wichtig?«

»Noch stelle ich die Fragen. Was passierte danach? Was war mit Solveig?«

»Mit Solveig? Gar nichts.« Hansen klang verständnislos. »Sie kam eines Tages nicht mehr zur Arbeit. Das war irgendwann Anfang August. Danach hab ich sie nicht mehr gesehen. Ich sagte mir, dass sie wohl ausgerissen ist, wie sie's zu mir gesagt hat. Vor knapp 'nem Monat war ich in Enterprise gestrandet und brauchte Bares, um wieder nach Norrland zurück zu kommen. Also bin ich an meine eiserne Reserve gegangen, und die Kette war eben dabei. Sagen Sie mir jetzt endlich, was das alles soll?«

»Ich will nur die Wahrheit.«

»Die habe ich Ihnen gesagt«, meinte Hansen. »Und Sie?«

»Solveig Olsson ist seit dem dritten August spurlos verschwunden, Stig«, sagte Lieberman.

»O Scheiße!« Hansen wurde bleich. »O Scheiße ... Scheiße, denken Sie jetzt, ich hätte was damit zu tun? Denken Sie, ich hätte ihr etwas getan und sie dann irgendwie verschwinden lassen? Jävlar skit!«

»Liegt das nicht nahe?«

»Nein!«, rief Hansen. »Ich ... ich habe nie ...«

»War es vielleicht dein Kumpel Haas?«, fragte Lieberman.

»Ach Jeeee-sus, nee!«

Hansen wehrte den Vorwurf ab, anstatt seinen toten Komplizen zum Täter abzustempeln. Auch das war bemerkenswert, fand Lieberman.

»Kev hab' ich erst später in Seattle aufgelesen«, sagte Hansen. »Ich hab' ihn mitgeschleppt, weil er ein netter Kerl und gut für die schweren Arbeiten war. Ich schwöre Ihnen, Mann, ich habe diesem Mädchen wirklich nichts getan. Nie und nimmer. Das müssen Sie mir glauben. Die Sache oben in Borenshult war ein Unfall. Aber mit Solveig habe ich nichts zu tun, wirklich! Mann, ich lüge nicht, ich bin kein Killer!«

4. Kapitel

Hansens verzagte Worte waren genau der Punkt, der Lieberman zunehmend verwirrte und verunsicherte. Sein Verstand, sein empirisches Wissen sagten ihm immer wieder, dass alles seine Richtigkeit hatte: Hansen hatte den Geschäftsmann in einer Affekthandlung während eines Kampfes getötet, dies hatte der Gauner selbst gestanden. Und obwohl es sich bislang nur um Indizienbeweise handelte und der Gauner nach wie vor alles grimmig leugnete, sprach auf dem Papier einiges für eine maßgebliche Beteiligung Hansens am Verschwinden von Solveig Olsson: Nur drei Personen hatten Fingerabdrücke auf dem Kettenanhänger hinterlassen, nämlich Solveig selbst, der Pfandleiher und Stig Hansen. Glaubhafte Zeugen hatten Hansen an jenem Abend zusammen mit Solveig Olsson gesehen, als sich ihre Spur für immer verlor.

Doch trotz aller stimmigen Verdachtsmomente hatte sein Verstand Lieberman noch nicht überzeugen können, dass Hansen tatsächlich etwas mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun hatte. Auf allen Ebenen war Hansens völlig kohärent gewesen, als Lieberman seine Interviews mit ihm geführt hatte. Und genauso beständig hatte Lieberman den Gauner erlebt, als dieser versicherte, Solveig nichts getan zu haben.

Ungeachtet seines immensen Erfahrungsschatzes in der Arbeit mit der dunklen Seite der menschlichen Seele war Lieberman nur ein Mensch und ebenso wenig frei von Fehlern und Fehlurteilen wie von Darmbakterien. Dennoch konnte und wollte er nach wie vor einfach nicht glauben, dass er auf ein absichtliches Täuschungsmanöver hereingefallen war. Dafür war er zu versiert und Hansen nicht raffiniert genug.

War es also dieser Eindruck, der ihm seinen Zwiespalt einbrockte? Ja und nein. Er wusste, diese leise, obschon hartnäckige Skepsis kam zu einem großen Teil auch aus einem anderen, weniger rationellen oder erklärbaren Teil seines Wesens, nämlich seinem Gespür und seiner jüdischen Intuition. In all den Jahren der Zusammenarbeit mit Spencer Lockhart war dieser Sensor aufs Extremste ausgereift und sensibilisiert worden, schlief ab und zu oder schaltete sich auf Sparflamme, aber schwieg nie völlig. Und nun schürte diese Intuition entgegen aller Indizien noch mehr Zweifel an Hansens Schuld, was Solveig Olsson anging.

Lieberman hasste diesen Zustand. Er verabscheute die Diskrepanz zwischen Papier und Intuition. Und er wusste, dass er nichts anderes tun konnte, als noch tiefer zu bohren, wenn er die Zweifel entweder beschwichtigen – oder ihnen Recht geben wollte.

Seine besondere Aufmerksamkeit galt nun dem verschwundenen Mädchen, Solveig Olsson. Sie war für ihn der logische Ansatzpunkt, um sich dem Fall aus einem anderen Winkel zu nähern.

Solveig hatte eine unruhige Kindheit hinter sich, wie Lieberman rasch herausfand. Ihren leiblichen Vater hatte sie nie gesehen. Laut ihrer Mutter war er ein Gelegenheitsarbeiter, der während des Jahres ziellos umher reiste, um mit diversen Aushilfsjobs Geld zu verdienen. Als Solveig drei Jahre alt war, heiratete ihre Mutter einen Holzfäller namens Jussi Lethinen, doch die Ehe hielt nur acht Monate. Einige Zeit später bekam Solveig einen neuen Stiefvater, einen Fernfahrer namens Gerry Stenmark. Etwa zur selben Zeit, als der unverbesserliche Kettenraucher Stenmark vor drei Jahren einem Lungenkrebsleiden erlag, verlor Solveigs Mutter während der großen Pleitewelle in Norrland ihre Stelle bei einer Papierfabrik und war seitdem ohne Vollzeitjob.

Das Mädchen war eine mittelmäßig gute Schülerin, zwar begabt, aber laut ihrer Lehrer viel zu faul, undiszipliniert und aufsässig, um konstant gute Leistungen zu bringen. Einige Monate lang jobbte sie tatsächlich bei »Lorenzo’s liten Pizzeria« in der Lottagatan als Kellnerin.

An einem diesigen Nachmittag Mitte Dezember, als Lieberman zum ersten Mal Solveigs Mutter, Linda Olsson, interviewte, wirkte deren Wohnung grau und fast bleiern finster. Nirgendwo glimmte auch nur ein Funke der ansonsten unausweichlichen Jul-Dekoration oder vorfestlicher Stimmung.

Die Victimisierung, das Opfer und seine Welt kennen zu lernen, war in jedem Fall eine der wichtigsten, aber zugleich verstörendsten Seiten seines Jobs. Das Umfeld eines Verbrechens zu erkunden, die Hinterbliebenen zu befragen und mit ihrer Qual konfrontiert zu werden, nahm Lieberman gelegentlich mehr mit als die Tat selbst.

»Solvie war manchmal verdammt schwierig, doch sie war ein gutes Kind«, sagte Linda Olsson mit einer dumpfen, tonlosen Stimme. Sie war vierunddreißig, dunkelblond, hübsch und roch stark nach Holz und Harz, weil sie halbtags als billige Schreib- und Hilfskraft in einer der zahlreichen Großschreinereien der Gegend schuftete. Sie sprach ein sehr ausgeprägtes Norrspråk.

»Sie neigte zu diesen ... na ja, überstürzten und emotionellen Sachen, genau wie ich in diesem Alter«, fuhr Linda Olsson fort. »Solvie selbst ist das beste Beispiel dafür. Ich war sehr jung, wie ich Nico, also Solveigs Vater, kennen gelernt habe und gleich schwanger wurde. Na ja, sie war schon ein ... ein Unfall. Aber ich habe sie geliebt. Glauben Sie mir, vielleicht haben wir uns manchmal nicht so gut verstanden, aber sie war trotzdem alles, was ich hatte, seit Gerry vor drei Jahren gestorben ist.«

Ihre Augen waren glasig, ihr Blick weit entfernt, als sie den Kopf schüttelte und murmelte: »Herre gud, vielleicht hätte ich mich mehr um sie kümmern müssen, aber ich war so froh, dass ich wieder einen Job gefunden hatte. Das ... das war nicht leicht. Die Zeit nach Gerrys Tod war verdammt hart. Det var fan vad det här var svårt.«

»Sie müssen sich nicht rechtfertigen«, sagte Lieberman.

»Ach, wirklich?« Linda Olsson seufzte, während sie sich auf das Bett ihrer Tochter setzte und eines der gerahmten Bilder vom Nachttisch nahm.

»Sehen Sie, ich hab' hier nichts verändert, das mochte sie nicht«, flüsterte sie und streichelte Solveigs Foto zärtlich. »Die erste Zeit hab' ich noch gehofft, dass sie eines Tages wieder vor der Tür stehen würde. Ich hätte nichts gesagt, nicht einen Ton. Ich hätte ihr etwas zu essen gemacht und sie ins Bett gesteckt ... Wie früher, als sie noch klein war und völlig verdeckt eine Stunde zu spät vom Spielplatz heimgekommen ist. Aber jetzt spüre ich einfach, dass sie nicht mehr lebt. Sie wird nie wieder zurückkommen.«

»Noch können wir das nicht mit Sicherheit sagen«, widersprach Lieberman.

»Ich weiß, dass Sie es nur gut meinen, aber sie ist tot, das fühle ich.« Solveigs Mutter schüttelte den Kopf. »Mit allem anderen würde ich mich belügen. Wäre alles nur zwei Wochen her, würde ich vielleicht noch sagen, dass Sie Recht haben, Polisinspektör. Dann hätte ich noch Hoffnung. Aber nicht nach fast einem halben Jahr. Inzwischen hätte sie sich gemeldet, besonders, nachdem ihr Name und ihr Bild in allen Zeitungen war. Selbst wenn sie nicht mehr hier her hätte zurückkommen wollen, hätte sie noch mal kurz Bescheid gesagt. Solvie schmollte gerne, aber nie länger als eine Woche. Dann verlor sie die Lust.«

Lieberman sah sich um. »Was ist damals passiert, bevor Ihre Tochter verschwand, Linda? Ich weiß, dass es schwer für Sie ist, aber ich brauche diese Informationen.«

»Schon gut«, sagte sie. »Das Reden hilft irgendwie. Wir ... wir hatten damals einen Streit, aber das war nichts Besonderes. Wir hatten uns leider häufig in der Wolle. Diesmal ging es um die Schule und ihre Noten. Wir hatten im April wieder einen Brief vom Rektor bekommen, ihre Noten waren von mittelmäßig zu katastrophal abgerutscht. Ich verlangte, dass sie Nachhilfestunden nimmt, aber sie wollte das nicht. Sie hat sich geweigert.«

Lieberman nickte stumm.

»Das ganze zog sich über Monate hin, bis sie einfach nicht mehr nach Hause kam«, fuhr Linda Olsson fort. »Zuerst dachte ich, sie wolle mir nur eins auswischen, mich bestrafen, und dass sie in Wirklichkeit bei einer ihrer Freundinnen eingezogen ist, bis Gras über die Sache gewachsen wäre. Sie hatte so etwas schon zweimal gemacht und ist beide Male nach ein paar Tagen wieder heim gekommen. Dann kam auch noch diese Postkarte ... dieses verdammte Ding!«

»Eine Postkarte?« Lieberman war erstaunt. »Wann?«

»Zwei Tage, nachdem Solvie verschwunden war.«

»Was stand darauf? Haben Sie die Karte noch?«

Sie biss sich so fest auf die Unterlippe, dass es blutete, ein Bildnis der Selbstvorwürfe und des Zorns.

»Nej«, sagte sie kaum hörbar. »Fantamij! Der Teufel soll mich dumme Kuh holen! Ich war so verdammt wütend – es stand einfach nur darauf, dass es ihr gut geht und ich sie nicht suchen soll. Sie sei in Sicherheit. Alles ist okay, aber sie brauche Abstand und würde sich wieder melden. Ich habe mir gedacht: Bin ich meiner Tochter nur so ein paar unpersönliche Zeilen wert? Und dann habe ich die Karte weggeworfen. Hätte ich gewusst, dass es das letzte ... das letzte Lebenszeichen ...« Linda Olsson konnte nicht weiter sprechen.

»Deshalb hab' ich mir auch keine großen Sorgen gemacht«, flüsterte sie schließlich, als sie sich ein wenig gefangen hatte. »Fan helvete! Ich hätte sie viel früher als vermisst melden sollen, ich weiß ... Jäklar! Aber, ganz ehrlich, von Ihren Kollegen, die den Fall dann bearbeitet haben, habe ich auch nicht viel Unterstützung bekommen. Ich habe mich immer gefühlt, als würde man die Sache nicht ernst nehmen. Hat man das denn? Sie sind jetzt der erste, der mir wirklich zuhört und mich nicht nur irgendwie ... irgendwie abspeist. Warum waren Sie nicht früher hier?«

»Ich wünschte, ich wäre es gewesen«, erwiderte Lieberman.

Linda Olsson schnaubte unversöhnlich.

»Hat sie Ihnen gegenüber jemals den Namen Joe oder Stig Hansen erwähnt?«, fragte Lieberman. »Oder dass sie irgendjemand kennen gelernt hat?«

Linda Olsson schüttelte der Kopf.

»Nej. In den Tagen, bevor sie verschwunden ist, haben wir nur sehr wenig miteinander geredet. Wie gesagt, Solvie schmollte gerne. Sie wollte immer, dass man sich zuerst bei ihr entschuldigt.«

»Hatte Solveig einen Freund?«

Linda verneinte erneut. »Nej. Im Moment nicht. Mit ihrem letzten Freund hatte sie sich schon vor einigen Monaten zerstritten und sich dann von ihm getrennt. Danach sind er und seine Eltern weggezogen, ich glaube, weil sein Vater einen Job in einer Schiffswerft in Norfolk bekommen hat. Sie hat so viel geweint. Seitdem gab’s niemand, von dem ich wüsste.«

»Was ist mit ihren Freundinnen«, meinte Lieberman. »Könnte sie vielleicht mit ihnen über Hansen geredet haben?«

Sie überlegte kurz. »Ja, wahrscheinlich.«

»Wer waren Solveigs beste Freundinnen.«

»Sie kannte einige Mädchen aus der Schule, aber ihre besten Freundinnen waren Ingvild Eliason und Annie Nordin. Die drei waren unzertrennlich«, sagte sie. »Und Kristy Messing hat später auch zu der Clique dazugehört ... dieses arme Schätzchen. Alles ist so verdammt schrecklich!«

»Kristy Messing?«, fragte Lieberman. Linda Olsson nickte.

Lieberman konnte es kaum fassen, diesen Namen hier und jetzt zu hören. Leider war er ihm viel zu gut bekannt. Die Akte der abscheulichsten Norrlander Bluttat in vielen Jahren trug genau diesen Namen. Der bislang noch ungeklärte Raubmord, dem Kristy und ihr Freund Patrik Jansson zum Opfer gefallen waren, steckte seit Monaten wie ein glühender Stachel im Fleisch der Polisen Norrland.

»Kristy und ihre Eltern waren noch nicht lange hier in Norrland«, sagte Linda Olsson. »Aber Solvie und die anderen hatten sich recht schnell mit ihr angefreundet. Sie hatten alle dieselben Wünsche und Träume, waren einfach ... anders. Vielleicht haben sie sich deshalb so gut verstanden. Sie waren sich so ähnlich, fast wie Schwestern. Herre gud, sie waren allesamt so gute Mädchen. Es bricht mir das Herz, dass keine von ihnen heute mehr in Norrestad ist.«

Diese Bemerkung verstörte Lieberman nachhaltig.

»Wo sind sie denn hin?«, fragte er.

»Annie ist ungefähr eine Woche, bevor ... bevor ...« Sie räusperte sich. »... bevor das mit Kristy passiert ist, aus Norrestad abgehauen. Auch Ingvild ist, glaube ich, vor etwa fünf Monaten von zuhause ausgerissen.«

»Sind die Mädchen inzwischen zurückgekommen?«

»Det kann jag tyvärr inte säga, Inspektör«, sagte Linda Olsson. Sie wusste es nicht.

Lieberman fühlte sich irritiert und ernüchtert zugleich, denn die besten Freundinnen wären ideale Ansatzpunkte gewesen, um die Beziehung zwischen Hansen und Solveig näher zu beleuchten. Das würde es ihm nicht einfacher machen.

»Was meinen Sie, Inspektör Lieberman?«, fragte Linda Olsson. »Hat dieser Hansen meine Tochter umgebracht?«

»Sie wissen, dass ich darauf nicht antworten kann.«

»Vad som helst. Tun Sie mir wenigstens einen Gefallen«, bat sie im Flüsterton. »Egal, ob es dieser Hansen war oder ein anderer. Sorgen Sie dafür, dass derjenige, der meine Solvie auf dem Gewissen hat, seine gerechte Strafe bekommt. Was es auch kostet und wer er auch ist. Sie war alles, was ich hatte. Sie war ein gutes Kind. Ein so gutes Kind!«

Wut hatte an dieser Stelle alle Trauer verdrängt. Lieberman wusste, dass sie die Tränen aber früher oder später doch noch einholen würden, irgendwann tief in der nachtfinsteren Wolfsstunde, wenn die Gedanken schließlich zu dem zurückkehrten, was man bislang erfolgreich zu verdrängen versucht hatte.

Die nächsten Wochen rauschten an Lieberman vorüber wie ein Schnellzug durch einen geschlossenen Bahnübergang. Weihnachten kam und ging, Neujahr kam und ging, und schon mündete das neue Jahr wieder in Alltag.

Pünktlich zum Beginn der Vorverhandlung gegen Stig Hansen schien sich ein sanfter Dunst über die ganze Welt gelegt zu haben, ein weißer Nebel, durch den sich Lieberman zwar zielsicher, aber seltsam unbeteiligt bewegte, wie von einem Autopiloten gesteuert. Der Nebel zog fast alle Farben, Gerüche und jeden Geschmack aus der Realität und ließ nur einen langweiligen Einheitsbrei zurück, der die komplizierte und verworrene Gedankenwelt in Liebermans Innerem weitaus ansprechender erscheinen ließ. In diesem seltsam grüblerischen Zustand versuchte Lieberman zwar, Aufmerksamkeit an der Gegenwart anderer Menschen zu heucheln, doch niemand war im Moment von irgendeinem externen Interesse für Lieberman.

Dafür beschäftigte ihn viel zu sehr der permanente Aufruhr in seinem Kopf und Verstand. Immer noch schien nichts, aber auch gar