Die Königin des Regens - Sascha André Michael - E-Book

Die Königin des Regens E-Book

Sascha André Michael

4,6

Beschreibung

Fünf Menschen im Bann einer unheimlichen Mordserie ... Ein Polizist mit einem ungelösten Fall und einer Vorahnung, ein Mädchen, in das sich der Falsche verliebt, ein Ex-Fahnder im Drogensumpf, ein einsamer Junge auf der Suche nach Wärme und ein alter Mann, Opfer seiner Besessenheit. Dem Strudel der Ereignisse können sie nicht entkommen ... Endlich als umfassende Neuausgabe! Sascha André Michaels großer Psychothriller - ein aufregender Wettlauf gegen die Zeit und zugleich eine subtile und eindringliche Charakterstudie, die den Leser in die dunkelsten und einsamsten Gefilde der menschlichen Seele entführt. »Spannend! ... Sascha André Michael seziert wie ein Pathologe die Gefühlswelten von Täter und Opfer.« Augsburger Allgemeine Zeitung

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Seitenzahl: 594

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jeder, der gegen Ungeheuer kämpft,

sollte darauf achten,

dass er bei diesem Vorgang nicht selbst

zum Ungeheuer wird,

und wenn jemand in einen Abgrund blickt,

blickt der Abgrund seinerseits in ihn hinein.

Friedrich Nietzsche

Mein Herz denkt an dein Wort:

»Sucht mein Angesicht!«

Dein Angesicht, Herr,

will ich suchen.

Psalme 27,8

Gewidmet meinem Großvater,

Theodor Häbich.

Ohne seine Liebe zu Büchern und der

Sprache, ohne seine humoristische Kreativität

und auch ohne seine Triumph-Adler-Schreibmasche

(stets ein Quell der Inspiration für mich!)

würde es den Schriftsteller Sascha André Michael

nicht geben.

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch: Der Polizist

Zweites Buch: Der Süchtige

Drittes Buch: Der Mentor

Viertes Buch: Der Schüler

Fünftes Buch: Die Königin

Erstes Buch

DER POLIZIST

Selbst gnädig war Rockville bestenfalls als schmucklos zu bezeichnen. Der an eine tropfenförmige Meeresbucht in Nordkalifornien hingesprenkelte Ort spiegelte in der Einfachheit, Schnörkellosigkeit und Funktionalität von Architektur und Anlage viel zu sehr die zutiefst bodenständige Mentalität seiner etwa fünfzehntausend Bewohner wieder, als dass er ansprechend oder auch nur besonders gewirkt hätte. An jenem Tag, der alles in Bewegung brachte und das Leben einer Handvoll besonderer Menschen für immer verändern sollte, erwachte Rockville wie so oft unter einer Glocke aus deprimierendem, bleiernem Hochnebel.

Die Nachricht, dass ein Trupp Forstarbeiter unweit der Stadtgrenze im Redwood Nationalpark eine Leiche gefunden hatte, erreichte Aaron Landman noch am Frühstückstisch, wo er mit einer Tasse Kaffee in der Hand die Morgenzeitung überflogen hatte. Zügig und ohne einen Zwischenstopp im Polizeipräsidium steuerte er seinen Ford von Zuhause aus direkt in das trübe Dickicht, wo er auf die Kollegen vom Rockville Police Department stieß.

Während ein leicht hinkender Fotograf (Bradlee, mit ee am Schluss) den Tatort und seine Umgebung aus allen möglichen und unmöglichen Winkeln und Entfernungen sorgfältig dokumentierte, zwängte Landman wie unzählige Male zuvor in seiner Dienstzeit als Kriminalbeamter seine feingliedrigen Hände in puderbestäubte Latexhandschuhe. Dunkelhaarig, drahtig und von einer distanzierten Aura umgeben, so stand der Ermittler da und wartete, bis ihm der geschäftige Lichtbildner ein Zeichen gab. Dann war es soweit:

Aaron Landman begann zu funktionieren.

Als auf der anderen Seite der Waldichtung ein paar Leute der Spurensicherung begannen, Gipsabdrücke einer vom Tatort wegführenden Reifenspuren anzufertigen, hockte sich der Ermittler neben die sterblichen Überreste eines gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen.

Seine ersten Blicke galten den offensichtlichsten Details:

Der Tote war weiß, zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt mochte etwa einsfünfundachtzig groß gewesen sein. Wie ein weggeworfenes Bündel Lumpen lag der Mann auf dem bemoosten Waldboden, zusammengekrümmt, bleich und jeglicher Würde beraubt. Strähnen seines schütteren Haares klebten ihm feucht und schmutzig auf der Stirn. Seine manikürten Fingernägel, der kostspielige Anzug und die edlen Schuhe wiesen ihn ziemlich sicher als Ortsfremden aus – eine Visitenkarte der Großstadt gewissermaßen.

Auch das noch, dachte Landman. Touristen fanden selbst in der Hauptreisezeit nur alle Jubeljahre ihren Weg nach Rockville und hielten sich noch seltener länger auf; die Besucher übernachteten entweder in Eureka und machten von dort Ausflüge, oder sie fuhren gleich weiter zu ihren Zielorten. Und nun war ausgerechnet einer der wenigen Reisenden hier einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Prächtig.

Mit einem Gefühl der Ernüchterung und Leere fuhr Landman fort, die Leiche zu untersuchen. An der Einschusswunde im Oberbauch konnte er kaum Blut ausmachen. Die wohl bei einem heftigen Gerangel entstandenen Schrammen seitlich am Kopf des Toten hatten erheblich stärker geblutet als die Geschoßeintrittswunde in der Brust. Und das bedeutete nach Landmans Erfahrung, dass die verwendete Waffe von sehr kleinem Kaliber gewesen war; er schätzte, dass es sich um eine .22 oder 6,35mm-Pistole handele und die Schussverletzung ein langsames innerliches Verbluten zur Folge gehabt hatte. Ein schmerzhafter Tod.

Anschließend fuhr Landman mit den Fingern in Jacken- und Hosentaschen des Opfers. Er förderte ein Streichholzbriefchen mit Werbung eines Chemiegroßhänders namens DCM Inc. aus Kansas City zutage, ein gebrauchtes, aber sorgfältig zusammengefaltetes Papiertaschentuch und einen Notizzettel mit dem Emblem der Redwood Lodge, des teuersten und wohl besten Hotels der Stadt. Ein paar Telefonnummern und Vornamen waren darauf vermerkt.

Landman wollte gerade wieder aufstehen, als ihm jemand auf die Schulter klopfte.

»Calvano hat die Brieftasche des Toten gefunden«, sagte der Chief Deputy, Tommy Shingleton, mit leiser Stimme und deutete auf das Unterholz etwa zwanzig Meter nördlich der beiden, wo jetzt eine kleine Fahne mit der Markierungsnummer '12' im Boden steckte.

Landman nahm die teure Ledergeldbörse entgegen und nickte dem muskulösen Hilfssheriff, dessen Figur und Agilität an einen Ringkämpfer erinnerten, dankend zu. Nach wie vor war Shingleton einer der wenigen innerhalb des Departments, bei dem der Landman nicht das Gefühl hatte, noch in zehn Jahren als Fremdkörper, als der ewige 'Neue aus der Stadt' angesehen zu werden, egal was er tat.

Er entdeckte kein Bargeld, als er die Börse untersuchte, nur noch ein paar einsam im Seitenfach klimpernde Centmünzen. Die Einschübe für die Kreditkarten waren ebenfalls geplündert worden, aber Führerschein und Pass steckten noch in ihren mit Folie überspannten Fächern. Der Tote hatte nun einen Namen, Robert Joseph (genannt 'R.J.') Bauersachs, sowie eine Heimat: Santa Rosa, Kalifornien. Im Innenteil der Brieftasche stieß Landman noch auf ein Foto, das Mr. Bauersachs inmitten einer Gruppe von Männern und Frauen in seinem Alter - wahrscheinlich Freunden oder Geschäftspartnern - zeigte, ein kleines Büchlein mit Telefonnummern, einen Organspenderausweis und eine Zimmerschlüsselkarte der Redwood Lodge. Lauter Puzzleteile, die darauf warteten, zu einem Bild zusammengesetzt zu werden.

Landman ließ die Brieftasche (gestern noch ein sehr privater Gebrauchsgegenstand, jetzt ein kaltes Beweisstück), in einen transparenten Plastikbeutel fallen, schloss die Hülle sorgsam ab und erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung aus der Hocke. Danach übergab er die Geldbörse an Deputy Forry Ackerman und klappte mit Fingern, die in der feuchtkalten Luft langsam zu stechen begannen, den Kragen seines Mantels hoch. Als nächstes hörte man von ihm ein lautstarkes Räuspern, um die Kollegen auf sich aufmerksam zu machen, doch es war erst Shingletons gellender Pfiff, der sämtliche Hilfssheriffs in Richtung des Detectives blicken ließ.

»Also, wenn wir Glück haben, rechnen der oder die Täter nicht damit, dass wir die Leiche so schnell finden würden«, begann Landman. »Noch fühlen sie sich sicher. Aber wenn sie mitbekommen, dass sie gesucht werden, verlieren wir unseren Vorteil. Keiner verplappert sich also, wenn die Reporter auftauchen. Klappe zu, Affe tot, klar?«

Zustimmendes Nicken und Gemurmel der Polizisten am Tatort, bevor er fortfuhr: »Calvano und Forrest, ihr beide schwingt eure Hintern zur Redwood Lodge; Tracy, Sie hängen sich ans Telefon. Wir brauchen Infos für eine All Points Bulletin-Suchmeldung: Kreditkartennummern, Daten über den Pkw des Toten, Baujahr, Farbe, Typ, besondere Kennzeichen, Motor- und Fahrgestellnummer, und d-«

Das Brummen eines nahenden Autos ließ ihn verstummen. Sofort schoss ihm der Gedanke an Reporter durch den Kopf, doch am Steuer des alten GMC-Pickups, der den schlecht befestigten Waldweg hinaufrumpelte, saß nur Sterling Goodyear, ein rundlicher Mann, der meistens eine alte Parka, ein kariertes Hemd, Jeans und abgewetzte Cowboystiefel trug. Goodyear gehörte nicht offiziell zur Polizei von Rockville County, half aber gelegentlich aus, weil seine Hunde die schärfsten Spürnasen der Umgebung waren. Landman kannte ihn von einigen früheren Einsätzen.

Während der Truck kurz vor der gelb/schwarzen Polizeiabsperrung abbremste und dann durchgelassen wurde, gab Landman den Deputies mit einer Geste zu verstehen, dass sie sich an die Arbeit machen sollten; anschließend beobachtete er, wie Goodyear und seine breitschultrigen Cousins Allan und Gray ihre Tiere, ein Labrador und zwei deutsche Schäferhunde, anleinten und Witterung aufnehmen ließen.

Na schön, dachte Landman nickend. Die Jagd hat begonnen.

Knapp vierundzwanzig Stunden nach dem Fund der Leiche betrat Aaron Landman den kargen, auch als »die Schlucht« bekannten Konferenzraum im Hauptquartier des Rockville County Police Departments. Drei Männer und eine Frau warteten bereits in dem lang gezogenen Zimmer ohne Fenster, an dessen Wände Fotos des Tatorts und seiner Umgebung, sowie des Mordopfers gepinnt worden waren. Den Mittelpunkt des Planungsraumes bildete ein breiter Stahltisch, an dessen Kopf der Platz von Sheriff Parks lag.

Landman nickte den anderen Cops im Raum zu und ließ sich dann neben Dr. Danny Kemp an der Tafelrunde nieder. Kemp war Bezirkspathologe von Rockville County, ein gedrungener, gelinde gesagt zur Behäbigkeit neigender Ire mit wuscheligem, schwarzem Haar und gutmütigen Augen hinter einer schwach vergrößernden Brille. Wie sein sonniges Gemüt war auch Kemps breites Gesicht immer freundlich und sah trotz der langen Nachtschicht, die er hinter sich hatte, so rund, glatt und weich wie ein Babypopo aus.

»Morgen.« Kemp grüßte seinen Freund, ohne von den Papieren, die er gerade emsig sortierte, aufzusehen. »So wie du aussiehst, bist du letzte Nacht auch nicht unbedingt dazugekommen, deine Augenlider von innen zu betrachten, oder?«

Aaron Landman (der neben Kemp ziemlich müde und ausgelaugt aussah mit seinen schwarzen Ringen unter den Augen) brummte eine Zustimmung. Tatsächlich hatte er ohne Pause an der Koordination der Fahndung mitgearbeitet und auf die Berichte des Pathologen und der Spurensicherung gewartet; jetzt sehnte er sich nach einem höllischen Kaffee oder einer innigen Umarmung seiner Freundin Margret. Beides würde ihn aufmöbeln, aber leider war nur der Kaffee jetzt realistisch.

»Greif zu«, lud Kemp ihn ein und schob eine randvolle Henkeltasse, von der Dampf aufstieg, zum Detective hinüber. »Ich weiß nicht, was es für ein Gesöff ist, aber es ist vorschriftsmäßig heiß und stark.«

»So lange der Löffel alleine darin stehen kann, trinke ich's.«

Landman nahm das undefinierbare Automatengebräu an sich.

Als er gerade den ersten Schluck herunterkippte, öffnete sich die Zimmertüre, und der Sheriff zelebrierte einen seiner typischen Auftritte: eine sorgsam inszenierte Choreographie großspuriger Gesten, vom Aufhängen der teuren Lederjacke bis zum Abwischen des Stuhles vor dem Setzen. Robin Parks war achtunddreißig und seit knapp drei Jahren Polizeichef von Rockville, ein großer, schlanker Mann mit distanzierten grauen Augen und elegant zurückgekämmtem dunkelblondem Haar.

Parks' Vorgänger, Andy Yarborough, hatte nur durch seine Präsenz Vertrauen und Respekt erweckt und als Sheriff wie ein Handschuh zu den redlichen und hart arbeitenden Leuten hier oben gepasst. Groß und vierschrötig, mit dem Herz am rechten Fleck und einer ländlichen, grundehrlichen Art, die ihn immer genau das sagen ließ, was er dachte, war Yarborough für die Menschen von der Straße zugleich Großvater, Vater und großer Bruder gewesen.

Der strategisch günstig in den Dunstkreis der Tyrrell Industriedynastie eingeheiratete Parks hingegen wirkte in Yarboroughs altem Büro und der Uniform des Bezirkssheriffs völlig fehl am Platze. Fast alle in Rockville fanden, dass Parks eher in einen Designeranzug gepasst hätte, in einem teuren Golfklub Scotch on the Rocks schlürfend, dabei eifrig Smalltalk betreibend und in die breitgesessenen Kehrseiten einflussreicher Lokalgrößen kriechend.

Doch dieser Eindruck täuschte und trug dazu bei, dass man Parks unterschätzte, was teuer werden konnte. Denn in Wirklichkeit war Robin Parks ein politisch hochambitionierter, von seinem Ehrgeiz getriebener Karrierist, der auf seinem Weg nach oben verbissen hinter jeder Möglichkeit zur Profilierung herjagte und dabei nicht daran dachte, sich von irgendjemand aufhalten zu lassen. Landman, der den wahren Charakter seines Polizeichefs zum Glück schon vor geraumer Zeit erkannt hatte, zweifelte insgeheim nicht daran, dass es Parks eines Tages weit bringen würde (wenn er sich nicht irgendwann überschätzte und an einem zu großen Bissen Machtkuchen verschluckte.)

»Ich sehe, wir sind komplett«, begann Parks mit seiner sonoren, wie geölten Radiosprecherstimme. »Als erstes wenigstens ein paar gute Neuigkeiten: Ernest Kenwood hat sich bereiterklärt, unser Lufttaxi zu spielen, sollten die Täter gefasst werden. Jetzt zum Aktuellen - Detective Landman, was haben Sie uns über das Opfer anzubieten?«

Landman nickte und stellte seinen Kaffee auf den Tisch zurück. In diesem Moment wurde ihm zwangsweise mit frustrierender Deutlichkeit eines klar: Wie sehr hatte er sich doch während seiner Entscheidung, sein altes Revier zu verlassen, etwas vorgemacht. Immerhin war es damals nicht zuletzt genau diese unausweichliche, allgegenwärtige Gewalt gewesen, wegen der er sich aus Los Angeles hatte wegversetzen lassen, um in irgendeiner entfernten Stadt, wo er nicht mit jeder Straßenecke Erinnerungen verband, neu anzufangen.

Doch inzwischen wusste er, dass er auf das älteste Klischee im Buch für dienstmüde Polizisten hereingefallen war ... wie Tausende vor und wohl auch nach ihm. Auch in der scheinbar friedlichsten Umgebung blieb ein Mord einfach ein Mord. Und die Verbrechen in Rockville unterschieden sich für den Polizeidetektiv nur in ihrer geringeren Zahl von jenen, die er vor Jahren in der Stadt der Engel bearbeitet hatte. Sonst blieb alles beim Alten, wenn die Tretmühle erst in Gang gekommen war, so wie jetzt.

»Der Tote hieß Robert Bauersachs; er wohnte in Santa Rosa, geschieden, ein Sohn aus erster Ehe«, las er aus der Ermittlungsakte, die er auf ein Clipboard geheftet hatte, vor. »Er arbeitete als freier Außendienstmitarbeiter bei einem chemikalischen Großhandelsbetrieb und war hier in Rockville, um Verhandlungen mit Tyrrell Chemicals zu führen. Er wohnte in der Redwood Lodge. Der letzte Zeuge, der ihn lebend gesehen hat, ist ein Mitarbeiter von Tyrrell, mit dem sich Bauersachs zum Abendessen im Steakparadies in der Eureka Avenue getroffen hat. Bauersachs verließ das Restaurant um halb elf und ist nicht mehr im Hotel angekommen, also hat er seine Mörder zwischen halb elf und halb zwölf getroffen. Ungefähr um zwölf wurden ihm die Verletzungen zugefügt, der Tod trat etwa um vier Uhr am Morgen ein.«

Zu einem Zeitpunkt, als Landman tief und friedlich neben seiner Lebensgefährtin geschlafen hatte. Guter Gott.

»Bislang haben wir niemand aufgetrieben, der ihn gesehen hat, nachdem er das Restaurant verlassen hat«, fuhr er fort. »Aber die Befragungen dauern noch an, Calvano und Tracy sind noch draußen. Gestohlen wurden jedenfalls der Wagen, ein Mercedes Benz Baureihe 250, Baujahr '94, metallic-grün, seine Amex, Visa und Mastercard und eine bislang unbekannte Summe an Bargeld. Die Kartennummern wurden gekennzeichnet. Sobald jemand damit einzukaufen versucht, bekommen wir Nachricht. Bis dahin bleibt die Nachrichtensperre aufrecht.«

»Also gut«, sagte Parks. »Was ist mit den Leuten, die die Leiche gefunden haben? Sind sie zuverlässig?«

Landman rang sich zu einem Nicken durch. Er wusste nicht, ob es an der hektischen Nacht oder aber an der Stimmung lag, die immer ein wenig angespannter wurde, sobald Parks einen Raum betrat. Doch im Moment fühlte er sich, als würde sich das Laufrad, in dem er steckte, ein wenig zu schnell für seinen Geschmack drehen.

»Die verstehen, warum noch nichts von dem Mord der Presse bekannt gemacht worden ist«, sagte er. »Ich denke, sie halten dicht.«

»Na ja, hoffen wir es.« Parks tippte mit einem Bleistift gegen seine blitzsauberen, verkronten Vorderzähne. »Haben wir irgendwelche konkreten Spuren am Tatort?«

»Also, wir haben den Tatort mit Sterlings Spürhunden in einem Umkreis von inzwischen ... äh? ... zwei Meilen durchkämmt«, antwortete Landman, sein schwarzes Haar glänzend im kalten Licht der Neonröhren an der Decke. »Die Umgebung scheint sauber zu sein. Aber was wir haben, sind ein paar fast unversehrte Schuh- und Reifenspuren direkt von der Leichenfundstelle. Daher wissen wir: Es waren mit Sicherheit zwei Täter beteiligt. Der eine - der größere der beiden -, trug am Tatort Stiefel mit stark profilierter Sohle, wahrscheinlich alte Springerstiefel, Größe 46. Sein Komplize trug Turnschuhe Größe 38, ziemlich abgelaufen Der Reifenabdruck gehört zu einem Bridgestone-Reifen, wie sie auf den Mercedes des Opfers montiert gewesen sind. Dazu kommen noch die zwei Fingerabdruckfragmente auf der Brieftasche des Toten.

Das Problem ist, dass die leider von sehr schlechter Qualität sind, zu verwischt und undeutlich, um sie direkt in den Computer zu jagen. Die Sachen sind gestern Abend zum zuständigen FBI-Labor abgegangen. Da hat man die besseren Apparate und Hilfsmittel, um die Qualität der Prints zu verbessern, Helium-Kadmium-Laser und das ganze Zeug. Die Jungs dort unten sind meistens ziemlich schnell, aber die haben viel um die Ohren. Ich hoffe, dass wir die ersten brauchbaren Resultate irgendwann in den nächsten Tagen erwarten können.«

»M-hm.« Parks wandte sich ab, auf seinem Gesicht die übliche sphinxhafte Ausdruckslosigkeit. »Doktor Kemp?«

»Das Opfer hatte keine Drogen oder Alkohol im Blut«, berichtete der Pathologe mit seiner ruhigen, unaufgeregten Stimme. »Seine letzte Mahlzeit vor dem Tod war das Abendessen. Am Kopf hatte er ein paar Kampfspuren. Laut den freien Histaminwerten erlitt er diese Verletzungen unmittelbar vor dem Tod, was wohl bedeutet, dass er zuerst ohne direkten physischen Zwang mit seinen Mördern gegangen ist. Vielleicht wurde er mit einer Waffe bedroht. Dann kam es da oben in dem Wald zu einem Kampf, und dabei wurde er, vielleicht im Kampfgetümmel, angeschossen. Laut des ballistischen Berichts handelt es sich um ein Projektil 6.35mm, abgeschossen aus einer Waffe mit sehr kurzem Lauf. Der Schuss wurde aus kürzestem Abstand zum Körper abgegeben, zehn bis zwanzig Zentimeter. Die Kugel hat zu schweren internen Verletzungen geführt, an denen er verblutet ist. Das hat, wie Detective Landman schon sagte, fast vier Stunden gedauert.«

Für ein paar Momente herrschte nach dieser Eröffnung unangenehme Stille im Konferenzsaal. Dann klopfte es unerwartet an der Türe, und Shingleton platzte herein.

»Chef, wichtige Neuigkeiten!«, sagte der Deputy. »Ein Kollege aus Sacramento hat vor einem Imbiss einen verdächtigen Wagen gesehen und überprüfen lassen: Volltreffer, es ist der gesuchte Mercedes. Die beiden Verdächtigen sind noch in dem Lokal. SWAT Sacramento macht sich zum Zuschlagen bereit.«

Sofort stieß sich Parks aus dem Sessel hoch. Im Vorbeigehen riss er seine teure Lederjacke vom Kleiderhaken an der Türe.

»Alles klar, Tommy«, sagte er. »Rufen Sie Kenwood an und sagen Sie ihm, er soll seine Kiste anwerfen. Pronto! Detective Landman, ich will Sie dabeihaben. Ich schätze, in ein paar Stunden haben wir alle Antworten, die wir brauchen.«

Als der glänzende Jeep Cherokee des Sherrifs auf dem lehmigen Boden des Flugfeldes zum stehen kam, wartete Ernest Kenwoods einmotorige Piper Warrior bereits startbereit vor dem Hangar auf die Fluggäste. Nur wenige Minuten später ließ das Flugzeug die Piste in der Nähe von Rockport auch schon hinter sich und steuerte ins Landesinnere.

Noch vor dem Start hatte Kenwood geschätzt, dass sie für die Strecke von etwas mehr als dreihundertfünfzig Kilometer nach Sacramento um die anderthalb Stunden reine Flugzeit benötigen würden, mögliche Warteschleifen vor der Landung nicht mitgerechnet.

Landman dauerte dies viel zu lange. Er scharrte mit den Hufen; ungeduldig, gespannt und unruhig. Er wollte so schnell wie nur möglich nach Sacramento, denn immerhin wusste er eines - sobald der Zugriff erfolgt war und sich die Verdächtigen im Polizeigewahrsam befanden, konnte es nicht lange dauern, bis auch Kollegen von den anderen Departments, die nach den Gangstern fahndeten, in Sacramento auftauchen würden. Und dann brach wie immer das übliche Gerangel um Zuständigkeit und Priorität aus. Jedes Präsidium, jede Staatspolizei-Einheit würde geltend machen, dass ihr Fall der wichtigste war und der schnellsten Klärung bedurfte, und, je größer und wichtiger die Stadt war, je mehr Einfluss der Bezirksstaatsanwalt hatte, desto eher würde dieser Behauptung wahrscheinlich geglaubt und nachgegeben werden.

Eine gute Stunde später rollte die Piper mit Parks und Landman schließlich und endlich auf einem kleinen Sportflughafen außerhalb der City aus. Parks hatte noch nicht einmal seinen Sicherheitsgurt gelöst, als sein Handy piepsend zum Leben erwachte.

Mit den Zähnen zupfte der Sheriff die Antenne aus dem Gehäuse, drückte das kleine Mobiltelefon ans rechte Ohr und meldete sich mit: »Parks?!« Dann: »Ja, Shingleton ...? Man hat ...? Hervorragend ... okay, 10-4.« Zufrieden nickend schob er das Handy wieder in seine Lederjacke und wandte sich zu Landman um.

»Wir haben sie im Sack!«, sagte er. »Einer der beiden Verdächtigen hat sich ergeben, der andere hat offenbar die Nerven verloren. Er fuchtelte mit seiner Kanone herum und hat auf das Sondereinsatzkommando geschossen. Die Antwort bekam er von einem Scharfschützen. Er ist auf dem Weg ins Krankenhaus, aber der Notarzt gibt ihm keine allzu großen Chancen.«

Landman stieß seinen angehaltenen Atem zischend durch die Vorderzähne aus. Er klang halb erleichtert, halb frustriert, als er fragte: »Wissen wir schon, wer die beiden sind?«

Parks schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Sie bringen den Verdächtigen gerade ins Präsidium.«

Landman wusste, was in diesem Moment in Sacramento vor sich ging, und er wünschte sich, schon dort zu sein: Etwa zur selben Zeit, in der die Kollegen aus Sacramento begannen, den überlebenden Gangster zu verhören, wurden Kopien der Fingerabdrücke beider Verdächtiger online zum Zentralregister der kalifornischen Staatspolizei und an die Labors des FBI geschickt, um die Identifizierung der undeutlichen Prints von der Brieftasche aus Rockville mit den neuen Vergleichsmustern zu erleichtern. Den Abdrücken folgte eine Kette von Routineprotokollen, Berichten und Meldungen an verschiedene Dienststellen und Departments, sowie Listen der Dinge, die bei den Gangstern gefunden wurden, und die sie möglicherweise mit anderen unaufgeklärten Einbrüchen oder Überfällen in Verbindung bringen konnten.

Neben einem weißgetünchten Wellblechhangar parkte bereits ein ziviler Polizeiwagen, der die Insassen der Maschine zügig in die Stadt brachte. Im Präsidium des Sacramento Police Departments wurden die Cops aus Rockville von einem glatzköpfigen, schnurrbärtigen Detective Sergeant namens Dale ("Aber nennt mich einfach 'Bubba', das tun alle!") Whittington in Empfang genommen.

»Der zweite Verdächtige ist vor einer Viertelstunde gestorben«, berichtete der bullige Cop mit den tätowierten Unterarmen, während er Landman und Parks im Laufschritt durch das Gebäude führte. »Hatte wohl keine Chance. Sein halbes Gehirn war feinsäuberlich über den Mercedes verteilt, nachdem der Scharfschütze ihn erwischt hat. Sie müssen sich mal das Einsatzvideo ansehen, das ist heftiger Stoff.« Damit stieß er die Türe zum Nebenraum des vierten Verhörzimmers auf, in dem der Gangster befragt wurde. »Tja, und mit dem anderen Vogel beschäftigen sich gerade zwei meiner Jungs. Hier herein, die Herren.«

Landman trat so nahe an die Beobachtungsscheibe heran, dass das einseitig durchsichtige Glas von seinem Atem beschlug.

Und mit einem dumpfen Grummeln im Magen musterte er zum ersten Mal Chris Kessler:

Der Gauner war vielleicht einsfünfundsechzig groß und auf verschlagene Weise nicht unattraktiv, er hatte kurzes, helles Haar und trug Jeans und ein kariertes Hemd. In den Akten stand, dass Kessler im Juni '66 in Eureka, Kalifornien, geboren wurde. Seine Mutter war Verkäuferin, sein Vater Hausmeister; er hatte eine jüngere und eine ältere Halbschwester. Ohne Highschool-Abschluß ging er Anfang '85 freiwillig zur Army, wo er jedoch nur vier Monate Dienst tat, bis er aus medizinischen Gründen (einem bei der Musterung offenbar übersehenen Herzfehler) entlassen wurde. Es folgte das, was man ein langsames Abrutschen in die Kriminalität nannte: Einbrüche und Hehlerei, hauptsächlich im kalifornischen Norden, aber auch weiter oben in Oregon. Einmal saß er für sechs Monate in Crescent City, weil er nach einem kleineren Ding von zwei festgenommenen Komplizen verpfiffen worden war; ansonsten hatte er immer Glück gehabt, denn die großen Sachen konnten ihm nie nachgewiesen werden.

»Erst vor ein paar Monaten machte er einen Fehler«, erzählte ‚Bubba’ Whittington und zupfte dabei an seinem buschigen, sandfarbenen Schnurrbart. »Er wollte in eine Wohnung oben in Redding einsteigen, wusste aber scheinbar nicht, dass ein Freund des Besitzers in dem Appartement übernachtete. Es kam zu einem Kampf, und Kessler zog den Kürzeren. Beim Flüchten aus der Wohnung zerriss er sich einen seiner Handschuhe und hinterließ einen wunderschönen Satz blutiger Abdrücke. Typen wie er, die haben 'ne Weile lang Glück, aber dann machen sie erfahrungsgemäß einen Patzer ... wie auch jetzt.«

»Hat er schon einen Anwalt verlangt?«, fragte Parks.

»Nee, bislang wollte er noch keinen«, meinte Whittington und verschränkte die Arme. »Um genau zu sein hat er außer seinem Namen noch so gut wie überhaupt nichts gesagt. Aber das dauert wahrscheinlich nicht mehr lange. Viele von denen wollen zuerst den starken Macker markieren. Die glauben, sie kommen mit dieser coolen Unschuldsmasche durch, und irgendwann heulen sie doch nach 'nem Rechtsverdreher.«

Stumm nickend schlug Landman die Akte zu und wandte sich dem Verhör im Nebenraum zu.

» ... dein Freund im Krankenhaus hat ausgepackt«, sagte gerade der größere der beiden Cops. Landman erkannte die Phrase sofort als eine jener üblichen Maschen, mit denen bei Verhören gearbeitet wurde.

»Es geht ihm nicht besonders, aber er hat wenigstens eingesehen, was richtig für ihn war. Wie steht's mit dir, hm?«

Der Verdächtige brummte eine unverständliche Antwort. Landman fand es schade, die Stimme des Verdächtigen nicht gehört zu haben.

»Mann, deine Situation könnte echt nicht viel mieser sein«, sagte der kleinere, gedrungene Cop. »Du bist hier wegen Raubmordes, kapierst du das? Wir reden hier nicht mehr nur von ein paar Brüchen. Da kannst du nicht erwarten, glimpflich davonzukommen, nicht mehr. Die ganzen Beweise ... und jetzt auch noch die Aussage deines Kumpels. Weißt du, ich kann dir nichts vorschreiben, sondern dir nur einen guten Rat geben, aber wenn ich dich wäre, dann würde ich jetzt ganz auspacken.«

Endlich meldete sich Kessler zum ersten Mal zu Wort. Er klang zittrig und gepresst, als er behauptete: »Es war ein Unfall, okay? Ein Unfall. Ich hab' bislang noch nie jemanden erledigt. Auch der Kerl in Rockville könnte noch leben. Ich geb' ja zu, dass ich und Shep ihn ausnehmen wollten, aber wir hatten es nur auf sein Geld und den Wagen abgesehen. Er musste ja den Rambo spielen und mit seiner beschissenen Kanone herumfuchteln. Ich hab' mich nur gewehrt .«

»Ja, klar, und wenn ich mich vorbeuge, fliegen mir Schweine aus dem Arsch.« Der größere Cop (laut Whittington war sein Name Joe 'Shooter' Ebsen, der »beste verdammte Schütze jenseits von Frisco") grinste höhnisch. »Mann, du würdest uns doch so gut wie alles erzählen, damit du nicht wegen Mord, sondern nur wegen Totschlag angeklagt wirst, oder? Das zieht bei mir nicht. Spar' dir also diesen Müll. Du hältst mich für 'nen riesengroßen Wichser, klar. Aber glaub' mir, wenn du etwas wirklich Kluges tun willst - das Beste, was du in deiner Situation tun kannst -, dann erzählst du jetzt schön brav die Wahrheit. Ich meine, möchtest du, dass der Richter in deiner Akte ein freundliches 'sehr kooperativ und einsichtig, besonders reuevoll' sieht, oder etwas, das viel weniger positiv klingt, wenn es darum geht, das Strafmaß festzulegen? Das könnte den Unterschied zwischen der Todesstrafe und lebenslanger Haft ausmachen.«

»Und du weißt, was das bedeutet, oder?«, fragte Benny Lemke, der kleinere Cop, und nahm den Faden übergangslos von seinem Partner auf. Alleine an diesem Detail erkannte Landman, dass die beiden Kollegen ihre Horror-Show schon zum Erbrechen oft durchgekaut hatten: »Zehn, fünfzehn Jahre in dieser winzigen, kahlen Todeszelle. Und dann die Gaskammer. Stell' dir das Geräusch vor, das sie macht, wenn sie sich zum letzten Mal schließt ... und die Leute werden applaudieren, sobald endlich die Cyanidpille fällt ... Sie werden klatschen und johlen und eine Party feiern, während du erstickst. Lustig, was?«

Kessler drückte seine Hände gegeneinander, wahrscheinlich um zu verbergen, dass sie zitterten. Etwas an seiner Art, an seinen Augen irritierte Landman, auch wenn er noch nicht sagen konnte, was es war.

»Ich hab' noch nie jemanden umgebracht«, versicherte der Ganove erneut. »Das ist nicht mein Stil, ich will ja nicht mal was mit Rauschgift zu tun haben. Ich mache Brüche, und ab und zu zocke ich reiche Typen ab, denen so was nicht weh tut. Das ist alles.«

Diese Worte hallten durch Landmans Kopf wie hartnäckiges Husten durch einen lautlosen Konzertsaal. Er wandte sich ab.

»Kann ich mit Kessler sprechen, wenn Ihre Jungs fertig sind?«, fragte er.

»Tun Sie sich keinen Zwang an, Kumpel«, meinte Whittington mit einer einladenden Handbewegung. »Lemke und Ebsen sind jetzt schon seit zwei Stunden da drinnen - vielleicht tut diesem Vogel eine kleine Luftveränderung ganz gut. Beeilen Sie sich, bevor die Staatspolizei und die anderen Departments antanzen und Kessler für sich wollen.«

Der Detective nickte und verließ den Raum.

Kurz darauf sahen Parks und Whittington, wie Landman das Verhörzimmer betrat. Dort schaltete er das grelle Deckenlicht aus und ließ nur eine kleine Schreibtischlampe, die er auf den Boden stellte, brennen. Schließlich schob er den Tisch zur Seite und rutschte den zweiten Stuhl, der noch angewärmt von Ebsens massiger Kehrseite war, zu Kessler hinüber.

»Was soll denn das werden?«, fragte Whittington verdutzt.

»Er weiß schon, was er tut«, sagte Parks.

Whittington überlegte kurz. »Sagen Sie, ist er eigentlich der Aaron Landman ... ich meine, der Typ, der damals der Partner von Paul Teravainen gewesen ist?«

Robin Parks nickte und verschränkte die Arme. »Sie wissen ja, was damals passiert ist? Der Key-West-Ripper?«

Whittington murmelte eine Zustimmung.

»Teravainen ging alleine in die Halle, wo sich Vance Bloch versteckt hielt, und ich glaube, jeder weiß, was Bloch mit ihm gemacht hat«, sagte Parks. »Landman hatte in einer anderen Spur ermittelt und ist zu spät gekommen. Er fühlt sich immer noch schuldig deswegen.«

Whittington nickte stumm. Danach starrten die beiden Cops aufmerksam und abwartend durch die Spiegelglasscheibe.

»Hallo, Mister Kessler«, sagte Aaron Landman mit distanzierter Freundlichkeit und stellte sich vor.

»Mann, was wollen Sie denn jetzt noch?« Kessler klang zugleich genervt und argwöhnisch. »Ihre Kumpels waren ziemlich gründlich.«

»Sie meinen Tarzan und Jane mit ihrer Guter-Cop-schlechter-Cop-Nummer, die schon 1946 aus der Mode kam?« Landman machte eine abfällige Geste in Richtung der Türe. »Das war nicht gründlich, das war der übliche voreingenommene Scheiß, der gar nichts bringt.«

»Was ... was wollen Sie denn dann?« Kessler schien seinen Argwohn gegen schlichte Verwirrung eingetauscht zu haben.

»Mich nur mit Ihnen unterhalten, das ist alles. Ihre Seite der Geschichte erfahren«, erläuterte Landman leise, fast im Flüsterton, und beugte sich ein wenig vor. »Was können Sie verlieren, außer ein paar Minuten? Sie können sicher sein, dass ich Ihnen zuhöre. Denn ich möchte Sie verstehen. Wenn Sie ehrlich zu mir sind, haben Sie so was wie einen Verbündeten. Aber nur dann. Ansonsten überlasse ich Sie wieder den Officers Dick und Doof von vorhin. Sie haben die Wahl, Chris. Die oder ich?«

»Sie«, antwortete Kessler nach kurzem Überlegen.

»Gute Wahl, Chris. Sie haben nur eine Chance, also versuchen wir es mit etwas einfachem. Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit? Ihre Familie?«, fragte er mit zugewandter Stimme. »Spielkameraden? Freunde? Was ist mit Ihrem Vater? Wie sind Ihre Erinnerungen an ihn?«

»Äh - was?« Der Verdächtige schüttelte den Kopf, als hätte er nicht verstanden.

»Pech gehabt.« Stumm erhob sich Landman und ging zur Türe.

»He, warten Sie, Mann«, sagte Kessler. »Schon gut - nein, ich erinnere mich nicht an meinen Vater, okay? Ich war erst zwei, als er draufging. Er ist besoffen eine Treppe in der Schule 'runtergefallen, wo er gearbeitet hat.«

Landman blieb stehen – in beunruhigend kurzer Entfernung zur Ausgangstüre - und verschränkte die Arme. »Haben Sie Ihre Mutter gemocht? Hat sie Sie gemocht und gut behandelt?«

Kessler seufzte. »Was soll dieser ganze Mist?«, sagte er. »Sind Sie einer von diesen Psychofritzen, die einem sagen, dass man Lust gehabt hätte, seine Mutter zu vögeln und deshalb zum Verbrecher wird, oder wie?«

»Hatten Sie je Lust dazu? Und wenn ja, warum?«, erkundigte sich Landman unbeeindruckt und mit einer Ruhe, die Kessler sofort jeglichen Wind aus den Segeln nahm.

»Ich kapiere Sie nicht«, brummte der Gangster und starrte seine jetzt im Schoß liegenden Hände an. »Ich bin kein so gebildeter Kerl.«

»Dann beantworten Sie die Frage, die Sie beantworten können. Das genügt mir völlig.« Landmans Stimme war leise und eindringlich, aber ihr Unterton war endgültig und ließ keinen Widerspruch mehr zu, wie eine Tür, die zugeschlagen und verschlossen wurde. »Und sehen Sie mir genau in die Augen, wenn Sie mit mir reden. Wie war ihre Mutter?«

»Sie hat viel gearbeitet.«

»Sie hat also nicht viel Zeit für Sie gehabt?«

»Sie hatte viel um die Ohren ... sie musste für mich, meine Schwestern und unsere Großmutter, die auch bei uns gewohnt hat, sorgen. Aber ich hab' sie respektiert. Ehrlich.«

»Hat sie Sie geschlagen?«

»Nicht was Sie denken, Sie hat mir ab und zu mal eine 'runtergehauen, aber nur, wenn ich es verdient hatte.«

Landman setzte sich wieder. »Woher wussten Sie, wann Sie es verdient hatten und wann nicht? Konnten Sie das von selbst unterscheiden, oder hat sie es Ihnen gesagt?«

»Sie ... sie hat's mir gesagt«, sagte Kessler, der sich immer unbehaglicher zu fühlen schien. »Und ich wusste es auch. Denke ich.«

»Damals wussten Sie es also?! Wieso nicht mehr heute, erklären Sie's mir?«

»Mann, ich hab' keine Ausbildung, die wollten mich ja nicht mal bei der Army«, sagte Kessler. »Irgendwann musste ich mich alleine durchschlagen, weil ich nicht verhungern wollte. Es ist einfach etwas, das ich tue, okay? Wenn man Geld braucht, fragt man sich nicht, ob das Recht oder Unrecht ist. Aber ich habe nie jemanden umgebracht, das habe ich schon hundertmal gesagt. Shep und ich wollten einfach nur das Geld und den Wagen, aber auf einmal hatte der Typ eine Kanone ...«

»Darüber haben wir nicht geredet, aber wenn Sie wollen, nehmen wir das Thema auf. Sie sagen also, dass Ihnen bislang nichts anderes übrig geblieben ist, als früher oder später das zu tun, was Sie tun. Habe ich das richtig verstanden, Sie hatten nie eine andere Wahl? Hatten Sie da oben im Wald vielleicht auch keine andere Wahl? Ist es wirklich ein so großer Unterschied, in die Wohnung von jemand einzusteigen, oder eine Kanone zu nehmen und jemanden wegzupusten? Kann es nicht sein, dass man auch da keinen Unterschied mehr machen will, wenn man dringend Kohle braucht?«

Für ein paar Momente schien Kessler nicht zu wissen, was er sagen sollte und druckste um Worte ringend herum.

»Nein ... ich meine ... das ist ...« stammelte er. »Shep und ich waren da oben, um diesen Kerl auszunehmen. Das alles gebe ich ja zu, okay? Wir waren schon eine Weile im Norden und wir brauchten Bares und einen Wagen, um wieder nach Süden zurückzukommen. Also haben wir ihn uns geschnappt. Es war Zufall, dass wir ausgerechnet ihn erwischt haben; er hatte sich verfahren, und ich habe mich angeboten, ihm den Weg zu zeigen. Später ließ ich Shep einsteigen, und dann sind wir in diesen Wald gefahren, wo ich diesen Macker fesseln und ruhigstellen wollte. Aber ich wollte ihn wirklich nicht umbringen. Es hätte ganz schnell gehen können. Ich meine, der Kerl war doch garantiert versichert. Es wäre doch kein beschissener Verlust für ihn gewesen. Aber auf einmal hatte er diese Kanone in der Hand, er muss sie irgendwo im Wagen gehabt haben, und rannte auf mich zu. Also habe ich mich gewehrt, und dabei ... dabei löste sich ein Schuss. Der Kerl schrie und wälzte sich auf dem Boden hin und her ... aber es war ein Unfall! Hören Sie?«

»Ja, ich höre zu. Aber nur so lange, bis ich denke, dass du mir eine Lüge erzählst. Dann ist es vorbei.« Nach dieser Ermahnung blieb Landman still, ließ Kessler einfach reden.

»Ich ... ich kriegte einfach Panik«, fuhr der Gauner mit bleichem Gesicht fort. »Ich hab' noch nie jemanden so schreien hören. Ich wollte ja was tun, aber ich wusste nicht, was. Hätte ich die Bullen rufen sollen? Dann ist er auf einmal still geworden, hat nur noch gewimmert. Die Zunge hing' ihm heraus, wie bei einem Hund. Ich wollte nur noch weg ... Also sind Shep und ich so schnell wir konnten mit dem Wagen verschwunden und haben ihn ... na ja, liegengelassen. Das war mies, Scheiße, aber ich konnte nicht anderes. Ich wollte nur noch weg von da oben. Die Waffe hab' ich saubergemacht und irgendwo bei Eureka in einen Fluss geworfen.«

Immer noch wortlos sah Landman sein Gegenüber an.

»Das ist die Wahrheit, Mann«, versicherte Kessler und verkrampfte wieder seine Hände ineinander.

»Vielleicht glaube ich Ihnen, Chris.« Landman nickte langsam, stand auf und schob den Stuhl an den Tisch zurück. Dann ließ er Kessler alleine. Für heute hatte er genug gehört und gesehen.

Bis weit nach Mitternacht wartete Landman ungeduldig auf Neuigkeiten, was die Nachforschungen der Cops in den anderen Städten ergeben hatten, und tauschte dabei belanglose Erinnerungen und Anekdoten mit zwei alten Kollegen aus L.A. aus. Dann erwischte ihn schließlich der tote Punkt, gegen den er schon seit Stunden angekämpft hatte, mit der Wucht und Wirkung einer gegen seinen Kopf krachenden Bowlingkugel.

Gähnend hatte er Bubba Whittington gefragt, wo man hier für ein paar Minuten die Augen zumachen könnte, und rollte sich dann in seine Jacke gehüllt auf einem quietschenden, nach verschüttetem Bier, Kaffee und Zigarettenrauch muffelnden Sofa in einem abgelegenen Nebenraum auf der zweiten Etage zusammen.

Doch der Nachhall des turbulenten Tages ließ ihn zunächst keine Ruhe finden, obwohl er verrückterweise zu müde war, um die Augendeckel offen zu halten. Mit irgendwelchen wirren Bildern und wie ein Bienenschwarm umhersurrenden Gesprächsfetzen im Kopf nickte Landman schließlich ein, glitt fast übergangslos in einen unruhigen Schlummer.

Als er eine unbestimmte Zeit später wieder aufwachte, schlug er zunächst nur blinzelnd das rechte Auge auf. Verschlafen fragte er sich, wo er war und wieso sein Bett auf einmal so verdammt hart war. Dann sah er graue Wände, ein paar alte Metallspinde und einen mit allem möglichen Kram überladenen Holzschreibtisch um sich herum und wusste wieder, wo er war: Sacramento, eine langsam in der Morgendämmerung erwachende Stadt, deren Dächer er durch das quadratische, vergitterte Fenster rechts von sich sehen konnte.

Mühsam setzte er sich auf und streckte sich, bis ihm seine Muskeln schmerzend die unbequeme Haltung heimzahlten, in der geschlafen haben musste. Während er sich zu lockern versuchte, rutschte seine Jacke, mit der er zugedeckt gewesen war, auf den stumpfen PVC-Boden des Nebenzimmers, das offensichtlich im Laufe der Zeit mehr und mehr zur Rumpelkammer verkommen war. Stöhnend zog er sie wieder zu sich, schlüpfte hinein und erfrischte sich im Waschraum am anderen Ende des Korridors mit kaltem Wasser.

Ein paar Minuten später plumpste mit einem widerwilligen Klicken ein Pappbecher in den Einfüllschlitz des scheppernden Verkaufsautomaten irgendwo in der zweiten Etage. Sich den letzten Schlaf aus den Augen reibend wartete Landman, bis der Becher mit dünnem, dampfendem Kaffee vollgelaufen war, danach nahm er das flüssige Frühstück an sich und trank einen unvorsichtig großen Schluck, wobei er sich fast den Gaumen verbrühte.

Als schließlich das Koffein seine Wirkung zu tun begann, fühlte sich Landman endlich munterer, fast schon wieder lebendig, und die Geräusche von Arbeit und Routine um ihn herum kamen ihm nicht mehr so fremd und seltsam verzerrt vor. Er wollte sich gerade aufmachen, um nach Parks zu suchen, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte und sich umwandte. Hier stand der Sheriff direkt vor ihm und hielt ihm zwei Papiere entgegen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass die kurze Zeit der Ruhe nun endgültig vorbei war.

»Morgen, Verehrtester«, sagte der Sheriff. »Gerade wollte ich Sie wecken. Die zwei Faxe hier kamen vorhin aus Rockville. Auf Nummer eins haben wir schon gewartet: Perkins sagt, dass es die Laborjungs vom FBI geschafft haben, die Qualität der beiden Fingerabdruckfragmente aus dem Wald so weit zu verbessern, dass man sie in den Computer scannen und mit Kesslers Prints vergleichen konnte. Sie sind identisch. Jetzt haben wir ihn!«

Rasch überflog der Detective das erste Fax.

»Aber da gibt es noch mehr«, sagte Parks.

Landman nahm den anderen Bogen abgerissenes Endlospapier an sich, stutzte und las den Text sofort noch ein zweites Mal durch. Die letzte Müdigkeit in seinem Inneren wurde abrupt von einem dumpfen Pochen abgelöst. Laut Shingletons Fax hatten sich gestern Abend einige Kollegen aus Enterprise gemeldet, um die Herkunft eines als gesucht gemeldeten und mit weiterer von Kessler angebotener Hehlerware sichergestellten Schmuckstücks zu klären. Der Hehler, in dessen Auslage man die Kette gefunden hatte, bestätigte inzwischen, dass es Kessler gewesen war, der sie ihm vor etwa einem Monat angeboten und für lumpige zwanzig Dollar verkauft hatte. Nicht ungewöhnlich.

Was Landman jedoch bestürzte, war, dass die goldene Halskette mit herzförmigem Anhänger einem aus Rockville stammenden, seit fast sechs Monaten verschwundenen Mädchen gehört hatte!

Der Mitteilung folgten ein grobkörniges Foto der Kette und Bilder des seit dem siebten Juni dieses Jahres wie vom Erdboden verschluckten Mädchens, Nancy Patrini, nach der Vermisstenanzeige siebzehn Jahre und fünf Monate alt, einsfünfundfünfzig, neunundvierzig Kilo, dunkle Haare, braune Augen und Linkshänderin, keine besonderen Merkmale.

»Verflucht und zugenäht?!«, sagte Landman.

»Was halten Sie davon?«, fragte Parks. »Zuerst der Geschäftsmann und jetzt das. Kessler scheint doch nicht nur auf Einbrüche zu stehen, wie er uns weismachen wollte. Was meinen Sie, könnte er etwas damit zu tun haben?«

»Ich ... ich weiß noch nicht«, sagte Landman und wünschte sich Mundwasser und eine Zahnbürste. »Ich ... ich möchte erst mit ihm darüber reden, bevor ich irgend etwas dazu sage.«

»Sie glauben immer noch, er hätte Sie gestern nicht angelogen?« Parks verschränkte die Arme.

»Er hätte sicherlich viel erzählt, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Deswegen ging es mir nicht um das, was er gesagt hat, sondern wie er es gesagt hat. Bis jetzt war ich ziemlich sicher, dass er mich nicht belogen hat, aber das hier ist natürlich ...« Er ließ den Satz unvollendet und tippte mit dem Zeigefinger auf das Bild des hübschen, dunkelhaarigen Mädchens. »Ich nehme mir diesen Mistkerl gleich noch einmal vor, und zwar so lange, bis ich weiß, was los ist. Bis später.«

Unrasiert und zerknittert, wie er war, stapfte er zwei Stockwerke tiefer in den Arrestzellenblock, das Fax zusammengerollt in seiner rechten Hand. Je näher er der doppelten Sicherheitsschleuse kam, vor der ein gelangweilt wirkender Cop von der Nachtschicht alles für die Übergabe an seinen Kollegen von der Tagschicht vorbereitete, desto seltsamer fühlte er sich, als hätte er auf einmal ein Loch im Bauch.

»Chris Kessler«, sagte er zu dem Wachmann.

»Fünfte Zelle auf der linken Seite«, sagte der schmerbäuchige Cop mit einer brummigen Stimme, die gut zu seiner desinteressierten Art passte. »Sind Sie bewaffnet?«

Landman schüttelte den Kopf.

Der Wachmann hielt ihm ein Clipboard hin, ließ ihn unterschreiben, und öffnete mit zwei Schaltern unter seinem Schreibtisch zuerst das äußere und dann das innere Gittertor der Sicherheitsschleuse.

Kessler schlief oder döste auf der schmalen Pritsche, die in die linke Seitenwand eingelassen war, und sah erst auf, als sich die Zellentüre mit einem Rumpeln öffnete und Landman das karge Loch betrat. Der Wachmann, der Landman begleitet hatte, blieb im Korridor zurück.

»Was ist das?«, sagte der Detective. »Ich hab' dich etwas gefragt, Chris. Kommt dir die Kette auf diesem Foto bekannt vor?«

»Die ... was?« Kessler stützte sich auf die Ellenbogen und starrte das Bild ein paar Momente lang an. Dann zuckte er mit den Achseln und wollte sich wieder hinlegen, doch Landman packte den Gangster energisch an den Schultern und zwang ihn, sich aufrecht gegen die Zellenwand zu lehnen.

»Oh, du hast mich verdammt gut verstanden«, sagte der Detective, ohne sich dabei richtig bewusst zu werden, das distanzierte 'Sie', das gestern tonangebend zwischen den beiden gewesen war, fallengelassen zu haben. »Ich will wissen, wo du diese Kette her hast. Sie gehört einem Mädchen aus Rockville, das seit fünf Monaten verschwunden ist. Ein Hehler in Enterprise hat ausgesagt, dass du ihm diese Kette vor einem Monat für zwanzig Mäuse überlassen hättest.«

»Ja ... kann schon sein.« Kessler räusperte sich.

»Nein, nicht 'kann schon sein'«, korrigierte Landman streng.

»Wo hast du die Kette her? Kanntest du das Mädchen? Was ist mit ihr passiert, Chris? Weißt du, wo sie ist?«

»Nein, ich w-«

»Belüg' mich nicht! Ich habe dir gestern eine Chance gegeben, nicht mehr. Erinnerst du dich? Daran hat sich nichts geändert.«

»Ich hab' die Kleine ein paar Mal gesehen, wenn sie am Wochenende im Pizza-Hut in Rockville bedient hat. Da haben wir ab und zu ein wenig miteinander gelabert. Einfach so.«

»Und da hat sie dir gleich ihre Goldkette geschenkt, weil ihr euch so gut verstanden habt.« Drohend packte Landman den Gangster unter dem Kinn und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen. »Es ist früh am Morgen, ich hatte noch kein Frühstück, und ich bin verdammt ungemütlich, wenn ich kein Frühstück intus habe«, stellte der Detective klar. »Komm' also gar nicht erst auf die Idee, mich hier verscheißern zu wollen, klar? Gestern hab' ich es im Guten versucht und war bereit, dir zu glauben, dass die Geschichte mit dem Geschäftsmann in Rockville nur ein Unfall war. Aber damit hat es sich jetzt.«

»Okay, wir haben uns ein paar Mal gesehen«, verbesserte sich Kessler hastig. »Ich hab' ihr erzählt, ich würde Computer programmieren, unten in Berkeley. Ich wär' in Rockville, um die neuen Windows-Systeme bei dieser Chemiefirma aufzubauen ... dabei weiß ich nicht mal, was'n Windows-System ist, hab's nur mal irgendwo auf 'ner Zeitschrift gelesen. Sie sagte immer wieder, dass sie irgendwann aus Rockville verschwinden würde, dass sie schon immer mal Frisco sehen wollte, und ob ich sie nicht mitnehmen könnte. Ich sagte 'ja, okay', und versuchte die ganze Zeit nur, endlich ihre Titten zu begrapschen. Die Kette hab' ich ihr irgendwann mal geklaut, weil das Ding wertvoll aussah; sie dachte, sie hätte sie verloren ... O Gott, glauben Sie, ich hätte der Kleinen was getan? Ich ...«

»Was passierte weiter, Chris?«

»Ich hab' Nancy nicht mehr gesehen. Sie war eines Tages einfach ... na ja, weg. Ich sagte mir noch, dass sie ausgerissen wäre, wie sie's zu mir gesagt hat, und hab' nicht mehr an sie gedacht. Bis vor so 'nem Monat. Da brauchte ich Bares, also bin ich an meine 'eiserne Reserve' gegangen, und die Kette war eben dabei. Ich hab' der Kleinen kein Haar gekrümmt ... Wieso wollen Sie mir das anhängen?«

»Ich will nur die Wahrheit. War es vielleicht dein Freund?«

»O Jesus, nein«, wehrte Kessler ab. »Shep hab' ich erst später in Seattle aufgelesen. Ich hab' ihn mitgeschleppt, weil er ein netter Kerl und gut für die schweren Arbeiten war. Ich schwöre Ihnen, Mann, ich habe diesem Mädchen wirklich nichts getan. Diese Geschichte darf ... kann man mir nicht auch noch anhängen ...«

Plötzlich stutzte Kessler, sank merkbar in sich zusammen.

»Aber das wird man, oder?«, sagte er. »Ich meine, ich kann doch tun, was ich will - die Leute da draußen haben sich doch schon ihr Urteil über mich gemacht. Und Sie wollen mich doch auch nur verknacken wie alle anderen, oder?«

»Das kommt auf dich an«, stellte Landman klar, so sehr er Kessler tief in seinem Innersten auch zustimmen musste, Leider. »Das kommt ganz alleine auf dich an.«

Die nächsten Wochen rauschten vorüber wie ein D-Zug durch einen geschlossenen Bahnübergang. Weihnachten kam und ging, Neujahr kam und ging, und schon begann irgendwie die dritte Januarwoche.

Obwohl inzwischen auch Legionen anderer Cops an der Kessler-Akte arbeiteten und man die Ermittlungen praktisch auf den ganzen Staat ausgeweitet hatte, um noch mehr Material und Beweise für die Anklage zu beschaffen, verging kein Tag, an dem sich Aaron Landman nicht selbst in seiner Freizeit irgendwie mit dem Fall konfrontierte.

Denn während all der Zeit war er sich immer noch unschlüssig darüber, was er in dieser Sache fühlen sollte. Er schob seine seltsame Stimmung auf den üblichen Feiertagsstress (dem Weihnachtsfreak Margret zuliebe hatte er sich breitschlagen lassen, alle Vorbehalte gegen dieses für ihn ziemlich bizarre Fest fallenzulassen) und zwei neue Fälle, die in den Wochen zwischen seinen letzten Gesprächen mit Kessler und Nancy Patrini's Mutter und dem ersten Verhandlungstag auf seinem Schreibtisch gelandet waren.

Aber völlig befriedigte ihn dieser Erklärungsversuch nicht.

Ja, sein Verstand, sein empirisches Wissen sagten ihm immer wieder, dass alles seine Richtigkeit hatte. Kessler hatte den Geschäftsmann aus Südkalifornien getötet, dies war praktisch seit der Tat erwiesen. Ob es sich dabei tatsächlich um einen Unfall gehandelt hatte, musste später geklärt werden.

Und obwohl es sich nur um Indizienbeweise handelte und der Gangster nach wie vor alles leugnete, sprach dennoch zu viel für eine maßgebliche Beteiligung Kesslers am Verschwinden von Nancy Patrini.

Doch trotz aller Beschwichtigungen hatte der pure Verstand Landman in diesem Punkt noch nicht überzeugen können. Er wusste, die kleinen, bohrenden Anfälle von Zweifel kamen aus anderen, weniger rationellen Teilen seines Wesens - seinem Gespür und seiner jüdischen Intuition, die in all den Jahren der Zusammenarbeit mit Teravainen ausgereift und sensibilisiert worden war, ab und zu schlief oder sich auf Sparflamme schaltete, aber nie völlig schwieg. Bereits nach dem ersten Gespräch mit Kessler hatte sie anfangen, sich zu melden, war mit jedem Tag lauter geworden und selbst dann nicht verstummt, als neue Fakten Kessler in völlig neuem Licht erschienen ließen.

Der Grund dafür war eine überraschende Wende in dem Fall, die sich unmittelbar vor Neujahr ereignete:

Kurz nachdem das Gericht einen Antrag von Kesslers altgedientem Verteidiger auf Freilassung gegen Kaution abgelehnt hatte (der Untersuchungsrichter nannte als Grund die Schwere der Verbrechen, in denen gegen Kessler ermittelt wurde) stießen zwei Detectives aus Eureka, der Geburtsstadt des Verdächtigen, bei der routinemäßigen Überprüfung der Vergangenheit des Gangsters auf einen seiner alten Bekannten.

Louis Roper war ein Jugendfreund von Kessler und berichtete den Cops von einem Ereignis, das sich vor zwanzig Jahren zugetragen haben musste. Laut Roper hatten Kessler und ein paar Kumpels (Landman bezweifelte, es war Zufall, dass drei der genannten Kumpels ebenfalls längere Vorstrafenregister besaßen) bei einem Drive-In ein paar Mädchen aufgegabelt und waren mit ihnen ein bisschen durch die Gegend gezogen. Als Kessler zudringlich wurde und ihn eines das Mädchen (Roper glaubte sich daran zu erinnern, sie hieße Sally) abblitzen ließ, geriet er völlig außer Fassung und schlug ihr mehrmals ins Gesicht.

Ropers Aussage las sich ziemlich eindeutig: : »Also, wir mussten ihn zu dritt festhalten – zu dritt! Ich weiß nicht, was er getan hätte, wenn wir ihn nicht festgehalten hätten. Die Kleine und ihre Freundin, ich glaube, die hieß Frannie, sind sofort verschwunden. Sie hat ziemlich geblutet, und ich hab' angeboten, ob ich sie zu 'nem Krankenhaus fahren soll, aber sie wollte nur weg. Als ich im Fernsehen gehört hab', dass gegen Chris wegen diesem verschwundenen Mädchen ermittelt wird, hab’ ich sofort dran gedacht, was damals passiert ist. Ich meine, eigentlich war er okay, ehrlich. Aber wenn er getrunken oder einen Joint geraucht hatte, konnte es schon einmal vorkommen, dass er es ... hey, ein wenig übertrieb. Besonders wenn er sowieso schon Ärger hatte. Ich meine, die Geschichte mit dem Mädchen ist passiert, kurz nachdem man ihm wegen diesem Herzfehler aus der Army geworfen hatte.«

Ein anderer Ex-Kumpel Kesslers, der in San Quentin wegen bewaffnetem Überfalles, Totschlages und Angriffes mit einer tödlichen Waffe einsaß, bestätigte die Geschichte inzwischen; ja, er fügte sogar hinzu, dass er sich auch an einige andere Situationen erinnern könnte, in denen Kessler gegenüber Mädchen, die ihn ab- oder zurückgewiesen hatten, handgreiflich geworden war. Einmal zum Beispiel schlug er eine Prostituierte scheinbar grundlos fast krankenhausreif.

So war es kein Wunder, dass in den Zeitungen und Zeitschriften nun immer öfter von Chris Kessler, 'dem mutmaßlichen Mörder der jungen Nancy P. aus Rockville' die Rede war und man den 'Einbrecherkönig und Dieb' völlig von den Titelseiten verdrängte. Und je näher die Vorverhandlung in Sacramento rückte, je deutlicher sich in der Ungewissheit über Nancy Patrinis Schicksal ein grausamer Verdacht abzuzeichnen begann, desto kleiner und versteckter wurde das schließlich auch das 'mutmaßliche' in den Artikeln und Schlagzeilen. In den vergangenen Wochen hatten zu viele mühsam ans Tageslicht gebrachte Puzzleteile die weißen Flächen in den Akten Kesslers und des Teenagers weitgehend ausgefüllt und ließen nun langsam ein ganzes Bild erkennen:

Nancy Patrini hatte eine unruhige Kindheit hinter sich; ihren Vater, Nico Stephanopolous, einen Gelegenheitsarbeiter griechischer Abstammung, der unter dem Jahr kreuz und quer durch die Staaten reiste, um mit diversen Aushilfsjobs Geld zu verdienen, hatte sie nie gesehen. Als Nancy drei Jahre alt war, heiratete ihre Mutter zum ersten Mal, doch die Ehe mit einem Holzfäller hielt nur acht Monate.

Einige Zeit später bekam Nancy einen neuen Stiefvater, einen Fernfahrer namens Gary Patrini. Etwa zur selben Zeit, in der Patrini vor drei Jahren einem Krebsleiden erlag, verlor Nancys Mutter während der großen Pleitewelle in Rockville ihre Stelle bei einer Papierfabrik und war seitdem ohne feste Beschäftigung.

Das Mädchen war eine mittelmäßig gute Schülerin, begabt, aber laut ihrer Lehrer eigensinnig, zu undiszipliniert und aufsässig, um konstant gute Leistungen zu bringen. Vor ihrem Verschwinden jobbte sie ab und zu bei einer Pizza-Hut-Filiale als Kellnerin; es war genau jenes Lokal, von dem sie nach Feierabend am siebten Juni nicht wieder nach Hause gekommen war.

Ihr Zimmer in der Wohnung ihrer Mutter war klein, aber liebevoll und gemütlich eingerichtet, wie das Apartment in einem Vorort von Rockville auch. An jenem diesigen Nachmittag noch vor Weihnachten, an dem Landman zum ersten Mal mit Sheila Patrini gesprochen hatte, wirkte es grau und verlassen. In der ganzen Wohnung existierte kein Funke von Dekoration oder vorfestlicher Stimmung.

»Sie war manchmal schwierig, doch sie war ein gutes Kind, trotz allem«, sagte Nancys Mutter mit einer erschreckend dumpfen, tonlosen Stimme, die Landman härter als jeder Tränenausbruch traf.

Dies war eine der schlimmsten Seiten seines Jobs. Das Umfeld eines Verbrechens zu erkunden, die Hinterbliebenen zu interviewen und mit ihren Selbstvorwürfen und ihrer Seelenqual konfrontiert zu werden, nahm ihn oftmals mehr mit als die Tat selbst.

»Sie neigte zu diesen ... na ja, überstürzten und gefühlsbetonten Sachen, genau wie ich in diesem Alter«, fuhr Sheila seufzend fort. Sie war vierunddreißig, mittelgroß, unscheinbar und roch im Moment ein wenig nach Holz und Harz, weil sie halbtags als Schreib- und Hilfskraft in einer der zahlreichen Großschreinereien der Gegend arbeitete.

»Wissen Sie, ich war sehr jung, als ich Nico - Nancys Vater -, kennen gelernt habe und mit ihr schwanger wurde«, erzählte sie. »Aber ich habe sie geliebt. Glauben Sie mir, vielleicht haben wir uns manchmal nicht so gut verstanden, aber sie war trotzdem alles, was ich hatte, seit Gary vor drei Jahren gestorben ist. Er war der netteste Kerl, den man sich vorstellen konnte, aber er hat ja jeden Tag drei verdammte Schachteln von diesen filterlosen Kippen wegrauchen müssen; wenn er auf Tour war, sogar noch mehr.«

Ihre Augen waren glasig, ihr Blick weit entfernt, als sie den Kopf schüttelte und sagte: »Gott, vielleicht hätte ich mich mehr um Nancy kümmern müssen, aber ich war so froh, dass ich den neuen Job bei Interwood bekommen hatte. Das ... das war nicht leicht. Die Zeit nach Garys Tod war verdammt hart.« »Sie müssen sich nicht rechtfertigen«, sagte Landman. »Weiß Nancys leiblicher Vater, was passiert ist?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Nico hat sich zuletzt vor einem Monat bei mir gemeldet. Das macht er ab und zu, nur um zu fragen, ob es hier Jobs hat. Diesmal rief er irgendwo aus Südamerika an. Er sucht dort in einer alten Mine nach Diamanten, können Sie sich das vorstellen? Diamanten. Er ist nie richtig erwachsen geworden, dieser Idiot.« Sheila Patrini seufzte erneut, während sie sich auf das Bett ihrer Tochter setzte und eines der gerahmten Bilder vom Nachttisch nahm.

»Ich hab' hier nichts verändert, das mochte sie nicht«, flüsterte sie und streichelte Nancys Foto zärtlich. »Die erste Zeit hab' ich noch gehofft, dass sie eines Tages wieder vor der Tür stehen würde. Ich hätte nichts gesagt, nicht einen Ton. Ich hätte ihr etwas zu essen gemacht und sie ins Bett gesteckt ... Wie früher, als sie noch klein war und völlig verdeckt eine Stunde zu spät vom Spielplatz heimgekommen ist. Aber dann spürte ich einfach, dass sie nicht mehr lebte.«

»Noch können wir das nicht mit Sicherheit sagen«, widersprach Landman sanft. »Auch wenn ich Ihnen keine übergroßen Hoffnungen machen will, bedenken Sie bitte: So lange wir sie nicht gefunden haben, können wir nicht völlig ausschließen, dass sie noch am Leben ist, und ...«

»Ich weiß, dass Sie es nur gut meinen, aber sie ist tot. Das fühle ich. Mit allem anderen würde ich mich belügen. Wäre alles nur zwei Wochen her, würde ich vielleicht noch sagen, dass Sie Recht haben, Detective, dann würde ich Ihnen Recht geben. Aber nicht nach einem halben Jahr. Inzwischen hätte sie sich gemeldet, besonders, nachdem ihr Name und ihr Bild in allen Zeitungen sind. Selbst wenn Sie nicht mehr hier her hätte zurückkommen wollen, hätte sie kurz Bescheid gesagt. Nancy schmollte gerne, aber nie länger als eine Woche. Dann verlor sie die Lust.«

Landman sah sich um.

»Was ist damals passiert, bevor Nancy verschwand, Mrs. Patrini? Ich weiß, dass das schwer für Sie ist, aber ich brauche diese Informationen.«

»Schon gut - je mehr ich darüber rede, desto mehr hilft es. Also, wir hatten einen Streit, aber das war nichts besonderes, wir hatten uns damals gelegentlich in der Wolle. Diesmal ging es um die Schule und ihre Noten. Wir hatten im April wieder einen Brief vom Rektor bekommen; ihre Versetzung war gefährdet. Ich wollte, dass sie Nachhilfestunden nimmt, sie nicht. Das ganze zog sich über Monate hin, bis sie einfach nicht mehr nach Hause kam. Zuerst dachte ich, sie wolle mir nur eins auswischen, mich bestrafen, und dass sie in Wirklichkeit bei einer ihrer Freundinnen eingezogen ist, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Sie hatte so etwas schon zweimal versucht, und ist beide Male nach ein paar Tagen wiedergekommen. Deshalb hab' ich mir zuerst keine großen Sorgen gemacht; ich weiß, ich hätte es tun sollen, aber ...«

Sie schluckte hart und wandte sich ab.

»Hat sie Ihnen gegenüber jemals den Namen von Chris Kessler erwähnt, oder dass sie ihn getroffen hat?«, erkundigte sich Landman. »Dass sie irgendjemand kennen gelernt hat?«

Sheila Patrini schüttelte der Kopf. »In den Tagen, bevor sie verschwunden ist, haben wir nur sehr wenig miteinander geredet. Wie gesagt, sie schmollte gerne ein wenig. Sie wollte immer, dass man sich zuerst bei ihr entschuldigt.«

Landman räusperte sich. »Hatte Nancy einen Freund?«

Sheila verneinte erneut. »Sie hatte sich schon vor einiger Zeit mit Marty zerstritten und sich dann von ihm getrennt. Danach sind er und seine Eltern weggezogen, nachdem sein Vater einen Job in einer Marine-Schiffswerft in Norfolk bekommen hat. Gott, das war eine miese Zeit für sie. Sie hat viel geweint. Seitdem gab es da niemand.«

»Was ist mit ihren Freundinnen«, meinte Landman. »Könnte sie vielleicht mit ihnen über Kessler geredet haben?«

»Na ja, vielleicht.« Sheila Patrini nickte langsam.

»Wer waren ihre besten Freundinnen.«

»Sie kannte einige Mädchen aus der Schule, aber ihre besten Freundinnen waren Simone Engdahl und Sara Lee Scott. Die drei waren unzertrennlich«, sagte sie. »Die arme kleine Kathy Richmond hatte auch dazugehört ... Kathy war noch neu in Rockville, aber Nancy und die anderen hatten sich recht schnell mit ihr angefreundet. Vor allen Dingen war Kathy die einzige von ihnen, die ein eigenes Auto hatte. Alle drei waren wirklich nette Mädchen, gute Mädchen. Ich hatte nichts dagegen, wenn Nancy die Zeit mit ihnen verbrachte. Ich glaube, sie hatten alle vier dieselben Wünsche und Träume, vielleicht haben sie sich deshalb so gut verstanden. Sie waren sich so ähnlich, fast wie Schwestern.« Sie schüttelte den Kopf. »Aber, wissen Sie, keine von ihnen ist inzwischen mehr in Rockville.«

»Wo sind sie hin«, fragte Landman mit gerunzelter Stirn.

»Simone ist, glaube ich, vor etwa fünf Monaten ausgerissen«, erinnerte sich Sheila. »'ne Menge Teenager versuchen, von hier oben abzuhauen, das wissen Sie ja wohl. Sara Lee ging ungefähr zwei Wochen, bevor Kathy umgebracht wurde, aus Rockville weg.«

»Haben sich die beiden seit ihrem Verschwinden irgendwie gemeldet?«, wollte er wissen. »Gibt es Briefe? Anrufe? Einen Weg, sie zu erreichen?«

»Ich glaube, dass Simone einmal auf den Anrufbeantworter ihrer Eltern gesprochen hat«, meinte sie. »Annie Engdahl hat mir davon erzählt. Von Sara Lee weiß ich nichts.«

Landman nickte wieder und machte sich auf der Rückseite einer eselsohrigen Visitenkarte ein paar Notizen. »Sie wissen ja, was Kessler ausgesagt hat. Können Sie sich überhaupt vorstellen, dass sich Nancy dermaßen von ihm beeindrucken ließ, um mit ihm nach San Francisco fahren zu wollen?«

Sheila Patrini zuckte unschlüssig mit den Achseln, während sie scheinbar unbewusst immer wieder mit dem Daumen zärtlich über das Bild von Nancy strich. »Normalerweise würde ich nein sagen«, sagte sie nach kurzem Überlegen. »Aber das war keine normale Zeit. Ich meine, ich könnte mir vorstellen, dass sie diese Chance nutzen wollte, um hier wegzukommen, mich ein wenig schmoren zu lassen. San Francisco war schon immer Nancys Lieblingsstadt.«

Plötzlich sah sie auf, fixierte Landman mit blitzenden Augen.

»Was meinen Sie, Detective? Hat dieser Kessler meine Tochter wirklich umgebracht?«

»Hören Sie, ich kann nur wiederholen, dass wir zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen noch nicht mit Sicherheit sagen können, ob ...«

Lustlos spulte er die übliche Leier herunter, die Polizisten für solche Situationen eingetrichtert bekamen.

Nancys Mutter unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Schon gut, Detective. Tun Sie mir einen Gefallen?«, sagte sie im Flüsterton.

»Worum geht es?«

»Sorgen Sie dafür, dass der Bastard, der meine Nancy auf dem Gewissen hat, seine gerechte Strafe bekommt. Was es auch kostet. Das ist alles, was ich will. Er darf nicht damit davonkommen. Versprechen Sie das?«

Landman nickte ihr stumm zu. Sie wirkte erleichtert. Die ganze Zeit über weinte sie nicht. Landman wusste, dass es sie aber früher oder später doch noch erwischen würde, tief in der Nacht, in der Wolfsstunde, wie es sein Vater genannt hatte, wenn die Gedanken unweigerlich zu dem zurückkehrten, was man bislang erfolgreich zu verdrängen versucht hatte. Während er selbst jedoch seine Margret neben sich spüren und ihr ruhiges Atmen hören würde, hatte Sheila Patrini niemand, an den sie sich halt- und wärmesuchend wenden konnte.

In diesem Moment wurde Landman sehr kalt.

Als Aaron Landman und Sheriff Parks am Dienstag im Morgengrauen das Flugfeld des North Californian Air Service erreichten, dauerte es nur noch ein paar Stunden bis zur Eröffnung der Vorverhandlung gegen Chris Kessler.