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Was, wenn die Welt, in der wir leben, nichts als eine Theaterkulisse ist? Und was, wenn wir nicht die einzigen sind, die ihre alltäglichen kleinen und großen Dramen auf dieser Bühne aufführen? Als der Journalist Adam Scheer nach einem Unfall aus dem Koma erwacht, ist nichts mehr so, wie er es kennt. Seine Heimatstadt Ulm hat sich klammheimlich in ein bedrohliches und zeitloses Negativ verwandelt. Ohne es zu ahnen, hat er eine Grenze überschritten und wird zum Gejagten. Denn wer die ANDEREN in unserer Welt auch sind, sie wollen mit allen Mitteln verhindern, dass wir von ihrer Existenz erfahren ... MORGENMENSCHEN ist ein einzigartiger Mystery-Thriller. Den Leser erwartet eine doppelbödige Parabel um die Macht der Zeit und die Magie von Schein und Sein, die in einer atemberaubenden Hetzjagd durch eine fremde und zugleich seltsam vertraute Welt endet. Machen Sie sich bereit für den nervenzerrendsten Sonnenaufgang Ihres Lebens!
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Seitenzahl: 186
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gewidmet den Teams von SKY Channel,
Music Box, Super Channel und allen anderen
für immer in den Äther entschwundenen
Fernsehkanälen aus der Pionierzeit des
Satellitenfernsehens.
Trockne die Tränen,
zieh Deine Kreise,
der stille Weg,
folg dem Sonnenaufgang leise,
tanz den Tanz auf dünnem Eis
(Herbert Grönemeyer, bleibt alles anders)
Prolog
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IEDERERWACHEN
Erster Teil – Auf dem Weg
Kapitel Eins
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ERSPRECHEN
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Kapitel Vier
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Zweiter Teil – 04:47:57
Kapitel Fünf
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Kapitel Sechs
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Kapitel Acht
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Kapitel Neun
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Dritter Teil – Echtzeit
Kapitel Zehn
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ONFRONTATION
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LICKWINKEL
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RAHTSEILAKT
Kapitel Elf
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ARTENHAUS STÜRZT EIN
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RENZE HATTE SICH WIEDER GEÖFFNET
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IRKLICHKEIT PULSIERT
Der Ruf von Aurora
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URÜCK IN DIE
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» ... das Morgenlicht ist klar und strahlend; es verleiht dem Inneren der abgelegenen Bergehalle fast die Würde und Majestät einer gotischen Kathedrale ... «
Wiedererwachen
Das Morgenlicht ist klar und strahlend; es verleiht dem Inneren der abgelegenen Bergehalle fast die Würde und Majestät einer gotischen Kathedrale.
Zusammengerollt wie ein Fötus kauert der Schlafende in einer Mauernische auf der Rückseite der riesigen Scheune. Als er das metallene Knarren des sich öffnenden Eingangstores hört, schreckt er aus seinem von Alpträumen durchwobenen Halbschlaf auf. Blindlings und ohne sich dessen bewusst zu sein, reißt er eine Heugabel hoch und hält sie wie eine Waffe vor sich, bevor er seinen Gegner konfrontiert.
»Wie spät ist es?«, ruft er. Seine panische, atemlose Stimme ist ein schriller Missklang in der sakralen Stille, die bislang die Scheune ausgefüllt hat. »Verdammt noch mal, wie viel Uhr haben wir?«
Der Mann, der ahnungslos das Depot betreten hat, erstarrt zuerst. Dann weicht er erschrocken einen Schritt zurück und muss im selben Moment realisieren, dass sein Weg zur rettenden Eingangstüre von dem urplötzlich aufgetauchten Fremden mit der Mistgabel blockiert ist.
Josef Riedle, ein Landwirt aus Tiefenbach bei Illertissen, kann kaum glauben, was ihm geschieht. Eigentlich ist er unterwegs, um seine Felder auf Schädlingsbefall zu überprüfen, und nun steht er auf seinem eigenen Grund und Boden einem bewaffneten Verrückten gegenüber. So etwas passiert doch immer nur anderen, und nie einem selbst, denkt Riedle und spürt eine brodelnde Mischung aus Angst, Wut und Bestürzung in sich.
»Mann, legen’s erstmal die Heugabel weg, ja?« sagt er zu dem Fremden und versucht, so beschwichtigend wie nur möglich zu klingen (was ihm in seiner Aufregung nicht leicht fällt.)
Erst jetzt fällt Riedle auf, was für seltsame Kleidung der Eindringling trägt: über etwas, das wie ein Schlaf- oder Jogginganzug aussieht, hat er einen langen Mantel geworfen. Seine zotteligen Haare sind wirr und seine Augen blutunterlaufen. Riedle muss daran denken, dass der Kerl eigentlich genau wie jemand ausgesehen hätte, der gerade aus dem Bett gekrochen ist, wenn ... Ja, wenn da nicht die fast panische Angst eines gefangenen oder gejagten Tieres seinen Blick verschleiert hätte. Und wenn nicht sein Körper von all diesen Abschürfungen, Schnitten und Prellungen verunstaltet gewesen wäre. Das wurde alles immer seltsamer. Und beunruhigender.
»Herrgott, jetzt sagen Sie mir endlich: wie spät ist es?!«, ruft der Eindringling, wenn auch im flehentlichsten Tonfall, den Riedle je gehört hat.
»Schon gut, schon gut. Bleiben’s einfach ruhig, ja? Ich schau jetzt!«
Vorsichtig und argwöhnisch prüft der Landwirt seine Armbanduhr. Dabei wagt er es kaum, den Blick auch nur für einen Moment von seinem Gegenüber abzuwenden.
»Es ... es is’ kurz nach sieben«, sagt Riedle.
Seine Worte sind noch nicht ganz verklungen, zum Dach der sonnendurchfluteten Bergehalle aufgestiegen wie schillernde Seifenblasen, als der Fremde plötzlich und unerwartet die Mistgabel wegwirft und auf Riedle zustürzt. Der Landwirt versucht zwar noch instinktiv einen großen Schritt zur Seite zu machen, um dem Mann auszuweichen, doch der Störenfried hat ihn bereits erreicht. Hastig dreht er Riedles Arm herum, um ebenfalls auf die Uhr sehen zu können, und tut dann etwas schier Unglaubliches: beim Anblick des stetig tickenden Sekundenzeigers entfährt ihm ein helles, ungläubiges Jauchzen. Danach umarmt er den völlig verdutzten Landwirt und torkelt lachend und schluchzend auf den Ausgang des riesigen Heustadels zu, wobei er seine Augen mit den Fingern vor den Strahlen der Morgensonne schützt.
»Nach Hause!«, sagt er immer und immer wieder. »Ich kann wieder nach Hause! Nach Hause!«
Riedle sollte den Mann nie wieder sehen.
Diese obskure Konfrontation im Morgenlicht war die einzige Begegnung dieser beiden völlig unterschiedlichen Menschen, und irgendwann vergaßen sie sie beide.
War es also gleichermaßen bedeutungslos und sinnlos, was sich hier gerade zugetragen hatte? Bar jeder Logik? War Josef Riedle einfach nur einem Verrückten begegnet?
Auf den ersten Blick vielleicht.
Weiß man jedoch um die Vorgeschichte dieser seltsamen Begegnung, sieht die Sache anders aus.
Denn alles, was in dieser Welt geschieht, hat einen Grund, Hintergrund und eine Vorgeschichte. Meistens sind der Anlass und die Vorgeschichte von Ereignissen sichtbar und bekannt, manchmal auch nicht. Ab und zu liegen die Faktoren und Auslöser fernab in der Vergangenheit, in weiteren Fällen muss man nur kurze Zeit in der Zeit zurückreisen, um den Ausgangspunkt zu finden. Aber immer führt eines zum anderen.
Und hier beginnt die Vorgeschichte, die Josef Riedle an einem diesigen Hochsommermorgen diese bizarre Auseinandersetzung bescherte, mit einem alten Versprechen, gegeben vor fünf Jahren.
Die Geschwindigkeit eines entgegenkommenden Wagens ist direkt proportional zur Länge deiner Überholspur.(Reeces zweites Gesetz)
Das Tier ist immer auf der falschen Seite der Tür(Das Haustierprinzip)
Die ersten 90% einer Aufgabe verbrauchen 10 % der Zeit, die restlichen 10% der Aufgabe 90% der Zeit.(90/90-Regel des Projekt-Terminplanens)
» ... das Taxi kam auf der abschüssigen Straße zuerst ins Schlingern, dann ins Schleudern, und geriet schließlich völlig außer Kontrolle. Vorne und hinten, links und rechts tauschten unablässig die Plätze, als spielten alle Himmelsrichtungen miteinander Ringelreihen ... «
An einem außergewöhnlich warmen und sonnigen Mittwoch im November des Jahres 2001 schwor Adam Mat-hieu Scheer seiner bisherigen Lebensgefährtin Svetlana, jederzeit auf den prächtigen Maine Coon-Kater der beiden aufzupassen, wenn es nötig werden sollte. Der knorrige Journalist, Übersetzer und Schriftsteller und die tschechische Kunststudentin hatten sich im Laufe ihrer dreijährigen Beziehung voneinander entfremdet und gerade in beidseitigem Einvernehmen getrennt. Dieses Einvernehmen umfasste auch die Gewissheit, dass Kater Hannibal nicht der stumme Leidtragende der Trennung werden sollte. Daher war es Adam mit dem Versprechen sehr ernst, und Lana wusste, dass sie sich stets darauf verlassen konnte, obschon beide in den folgenden fünf Jahren ihre eigenen Leben lebten und bei zufälligen Begegnungen eine zivilisierte und distanzierte Kommunikation aufrecht erhielten.
Heute hatte Adam dieses Kapitel seiner Vergangenheit völlig abgehakt. (Oder zumindest hatte er geglaubt, dass es für immer abgehakt war. Aber natürlich ahnte er noch nicht, was die nächste Zeit für ihn bereithielt.) Er lebte in einer hübschen, sonnigen Wohnung in der lebendigen und bunten Oststadt von Ulm an der Donau, seinem Geburtsort, dem er stets die Treue gehalten hatte, wenngleich Die Große Weite Welt ihn laut und vernehmlich immer wieder aus dem Schwabenland zu locken versuchte. Bislang jedoch vergeblich.
Nach der Trennung war er mehr oder weniger konstant Single geblieben (oder in malerischem Altdeutsch »unverbesserlicher Junggeselle«). Er genoss das große und seltene Glück, seine drei größten Leidenschaften – das Reisen, das Schreiben und den Automobilrennsport – zum Beruf gemacht zu haben; ständig besuchte er im Auftrag von Fachzeitschriften entlegene Winkel dieser Erde, wo Rennwagen unterwegs waren, und verfasste hochklassige Reportagen und Artikel.
Und dies war letztlich einer der wichtigsten Umstände im Ablauf bis zu den Ereignissen jenes Morgens, vielleicht sogar der wichtigste. Sicherlich auch der (für Adam) schmerzhafteste.
Anfang März des Jahres 2007 reiste Adam im Auftrag einer bekannten deutschen Autofachzeitschrift nach Monterrey im amerikanischen Bundesstaat Kalifornien. Dort lag die Rennstrecke von Laguna Seca, der Mazda Raceway. Kenner, Fans und Fahrer schätzten das einzigartige Layout des Kurses, seinen natürlich gewachsenen Fluss, wie man ihn auch bei Klassikern wie der Nürburgring Nordschleife, Spa Francourchamps in Belgien oder Mount Panorama in Australien vorfand. Die Teams schätzten das gleichmäßig warme südkalifornische Klima, das fast ganzjährig Testfahrten auf der Strecke zuließ.
Genau dies war der Hintergrund von Adams Reise: ein Insider-Bericht über die letzten Tests des neuen Champ Car-Einheitschassis, dem Panoz DP01-Ford. Und Insider war in diesem Falle kein bloßes Schmuckwort, denn in Deutschland gab es wenig größere Experten für die amerikanische Champ Car-Rennserie als Adam. Diese Meisterschaft für einsitzige Rennwagen mit freistehenden Rädern, so genannten Open Wheelers, wurde oft als »US-Gegenstück zur Formel Eins« bezeichnet, was jedoch nur teilweise zutraf. Denn obwohl bei den Champ Cars genauso packender und professioneller Motorsport geboten wurde wie etwa in Europa, war die Atmosphäre im Fahrerlager, abseits der Rennstrecken und unter den Fans ungleich entspannter und freundlicher. Jene familiäre Stimmung war es, weswegen Adam den »American Way of Racing« der Indycars, Champ Cars oder ALMS Sportwagen im Laufe der Zeit zu seinem unschlagbar eigenen Fachgebiet gemacht hatte. Und auf diese Nähe und Kollegialität freute er sich auch am meisten, nachdem sein Flieger in San Francisco gelandet war und er sein Gepäck im Kofferraum des Mietwagens verstaute.
Zunächst nutzte er die Zeit an der Rennstrecke auf eine Weise, dass man genauso gut hätte behaupten können, er machte bezahlten Urlaub. Freilich verbrachte er viel Zeit mit seinen Bekannten und Kumpels unter Fahrern, Teamchefs und Mechanikern; aber er dachte zunächst nicht daran, seine Tonnen von Notizen auch nur rudimentär zu einem Artikel auszuarbeiten. Dazu hatte er später noch genügend Zeit. Lieber erlebte er. Genoss. Verschmolz. Er war Teil eines Ganzen, dessen er sich völlig zugehörig fühlte und es auch war.
Daher sagte er sofort und begeistert zu, als ihn ein paar Techniker aus dem Team von Yelland-Brunetti-Motorsports einluden, über ein Steakhouse im benachbarten Salinas herzufallen und dessen Bestand an Grillfleisch und Kartoffelsalat gehörig zu dezimieren.
Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, wurde der Abend lustig. Und informativ. Und lang. Der Gerstensaft der berühmten Brauereien Anheuser Busch und Miller strömte unablässig. Erst zur Sperrstunde stellte man unter wieherndem Gelächter und zahllosen klatschenden Facepalms fest, dass man vergessen hatte, einen designated driver, also einen zur Nüchternheit verdammten Fahrer zu bestimmen. Also musste ein Taxi gerufen werden.
Jene Taxe, in das Adam und drei Freunde schließlich kletterten, hatte dank des knapp 150 Kilo wiegenden Fahrers mit der quietschigen Fistelstimme (»call me Eric, guys!») schon vor Beginn der Fahrt ziemliche Schlagseite. Der Stimmung der Fahrgäste tat jedoch das leise Ächzen der gequälten Stoßdämpfer bei jedem Schlagloch keinen Abbruch, im Gegenteil. Erst, nachdem sich seine Bekannten verabschiedet hatten und nur noch der letzte Teil der Wegstrecke zu Adams etwas abgelegener Herberge begann, senkte sich plötzlich Schweigen über den älteren Ford Taurus.
Adam wurde langweilig. Er fühlte sich unbehaglich. Stille machte keinen Spaß, nicht mit so viel Bier.
Um ein paar der guten Schwingungen auch noch in den zweiten Teil der Nacht hinüber zu retten, erzählte er Eric, dem feisten Chauffeur, einen Witz, welchen er kurz zuvor von einem der Mechaniker aufgeschnappt hatte. Die nicht jugendfreie Geschichte (es drehte sich um die so genannte Rodeo-Stellung im Bett; man musste dabei seine Freundin von hinten nehmen und dabei möglichst enttäuscht klingend bemerken, dass die Ex das alles viel besser gekonnt hätte) mochte kaum witzig gewesen sein, wenn man nüchtern war. Da Adams Kopf aber noch angenehm vom letzten der acht oder neun Pitcher Bier summte, die er intus hatte (von welchem sonst? Es war immer der letzte), besaß selbst der grausam chauvinistische Gag so etwas wie Esprit und Charme. (Ähnlich gewisser Menschen, die man nur im Vollrausch ertragen konnte.)
Glücklicherweise schien er genau den Humor seines Taxifahrers getroffen zu haben. Der eine permanente Kette von Süßigkeiten in sich stopfende Fettsack prustete und kicherte schon ein paar Augenblicke vor der Pointe so sehr, dass Adam lauter reden musste, damit sein Gegenüber den Witz auch in vollem Glanz und Gloria mitbekam.
Das Problem war nur, dass sich Erics Lachen urplötzlich in ein lautes, bellendes Husten verwandelte. Tatsächlich brachte jenes schlabbernde, quiekende Bellen Adam im ersten Moment sogar zum grinsen.
Adams Feixen erstarb jedoch sofort, als das Husten nicht mehr aufhören wollte. Der Fahrer riss seine Hände vom Lenkrad und wickelte sie stattdessen um seine Kehle. Schlagartig wurde Adam nüchtern. Sollte es dieser Nimmersatt etwa geschafft haben, sich an einem Stück Schokoriegel zu verschlucken?
Genau das war geschehen. Großer Gott! Adam machte eine ruckartige Bewegung nach vorne, um das Lenkrad festzuhalten, aber da war es schon zu spät.
Das Taxi kam auf der abschüssigen Straße zuerst ins Schlingern, dann ins Schleudern, und geriet schließlich völlig außer Kontrolle. Vorne und hinten, links und rechts tauschten unablässig die Plätze, als spielten alle Himmelsrichtungen miteinander Ringelreihen. Adam wurde halb auf dem Rücksitz und halb auf dem Vordersitz hin- und her geworfen wie ein Hemd in der Waschmaschine. Das letzte, was er sah, bevor er kopfüber in Finsternis getaucht wurde, war ein Baum, der einzige Baum abseits der Straße auf einer Länge von fast 100 Metern. Wie von einem Magneten angezogen raste die Taxe genau auf diesen einen Baum zu. In unfassbar detailreicher Zeitlupe sah Adam den Baum (es handelte sich um einen Ahornbaum) immer größer werden, zuerst über seiner rechten Schulter, dann über der linken, dann wieder über der Rechten. Schließlich gab es einen unaufhaltsamen, zermalmenden Ruck ...
... damit erlosch das Licht ...
... und dann alles.
Es dauerte drei Tage, bis die Ärzte beschlossen, Adam aus seiner medikamentös eingeleiteten Bewusstlosigkeit zurückzuholen, da seine Gehirnschwellung endlich weit genug abgeklungen war. Und so sickerte Adam Mathieu Scheer zweiundsiebzig Stunden nach dem Unfall langsam ins Leben zurück, als hätte sich sein ganzes Bewusstsein in Sand verwandelt und würde langsam durch die Taille einer Sanduhr aus einem sedierten Nebel wieder ins Jetzt zurückrieseln.
Was ihn nach dem Dämmerzustand erwartete, animierte ihn nicht dazu, die Entscheidung der Ärzte irgendwie gutzuheißen, im Gegenteil. Zumeist wünschte er sich ins Koma zurück, denn er schwamm in einem Meer von Schmerzen und noch mehr Schmerzen, von Übelkeit und Schwermut und nicht zu vergessen überwältigendem Juckreiz in seinem Gipsverband. Abgesehen von der schweren Gehirnerschütterung, die er erlitten hatte, war seine linke Schulter bei dem Crash ausgekugelt worden, vier Rippen waren gebrochen, er hatte einen linksseitigen Lungenkollaps erlitten und außerdem einen leichten Milzriss abbekommen.
Als schwerwiegendste Verletzung jedoch entpuppte sich der komplizierte zweifache Bruch seines rechten Schienbeines, der eine aufwendige Rehabilitation nötig machte.
Alles in allem war er aus Rennfahrerperspektive ziemlich glimpflich davon gekommen, wie ihm seine Freunde versicherten, wenn sie ihn besuchten. Für sie als Profirennfahrer gehörten Tod oder Verletzungen zum alltäglichen, akzeptierten Risiko einer selbst gewählten Umgebung. Aus der Sichtweise eines Normalmenschen hingegen hatte es ihn zweifellos extrem schwer erwischt. Und so lange und eng er auch schon mit Rennfahrern zusammengearbeitet und sich mit ihnen angefreundet hatte, in jener Zeit entdeckte Adam zweifellos, dass er, was Verletzungen anging, eindeutig zu den Normalmenschen zählte.
Es gab Phasen, da versank er in eine so düstere Gemütslage, dass sich die Ärzte Sorgen zu machen begannen. Denn sobald man bedachte, was hätte passieren können, wenn das Taxi etwas schneller und nicht mit der Fahrerseite an den Baum gekracht wäre (wo es Eric war, der mit seiner weichen Fettmasse den Aufprall für Adam milderte), dann hätte Adam eigentlich höchst dankbar sein müssen, dass er wirklich auf verdrehte Weise glimpflich davongekommen war. Aber sobald er an die nächsten Monate dachte, die er entweder unter dem Schirm eines Schmerzmittels oder in Reha verbringen musste, verging ihm jegliche Dankbarkeit nachhaltig.
Dann jedoch geschah etwas, auf das er in zweierlei Weise hätte reagieren können: Eric, der Taxilenker, verstarb an einer Herzembolie, ohne nach dem Crash jemals wieder das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Und erst dieses Ereignis riss Adam endlich aus seiner depressiven Lethargie.
Erics einsamer Tod hätte die typischen Schuldgefühle eines Überlebenden eines traumatischen Ereignisses in Adam hervorrufen können, ebenso wie Depressionen und die selbstzerfleischende Frage auf Endlosschleife: Warum ist er/sind sie gestorben und nicht ich? Für Adam hingegen klärte sich damit schlagartig die schmerzgetünchte Tunnelvision, die ihn seit seinem Erwachen fest im Griff gehabt hatte. Er empfand endlich wieder Dankbarkeit für die neue Chance, die er bekommen hatte.
Damit schaffte er es, wieder Kraft und ein wenig Mut für das Folgende zu schöpfen, was dringend nötig war. Denn hart wurde die folgende Zeit der Wiederherstellung, die er unter der Führung des genialen Dr. Terry Trammell in einer Spezialklinik in Indianapolis verbrachte, zweifellos. Und manchmal schloss ihn auch die Depression wieder in ihre schwermütige Umarmung. Aber zum Glück dauerte die Melancholie nie zu lange, obwohl er selbst in seiner deutschen Heimat noch eine gewisse Zeit in einer Spezialklinik zu verbringen hatte, bis die Knochenverletzung endlich soweit stabilisiert war, dass man ihn in die Eigenverantwortung entlassen konnte.
Aber dann war es soweit, und Mitte Mai betrat (oder behumpelte) Adam Mathieu Scheer zum ersten Mal nach einer kleinen Ewigkeit wieder seine so schmerzlich vermissten eigenen vier Wände.
Er erinnerte sich noch gut an das Gefühl, als er die Wohnung vor knapp fünf Jahren zum ersten Mal betreten hatte. Es war die erste Wohnung, die er nach der Trennung von Lana und dem Auszug aus ihrer gemeinsamen Bleibe angeschaut hatte, ebenso die einzige. Hinter der Türschwelle durchwogte ihn augenblicklich ein intuitiver Eindruck von Richtigkeit, Geborgenheit und nach-Hausekommen, obschon er nie zuvor hier gewesen war. Die damalige Mieterin, eine ausnehmend hübsche und kluge Frau, die lange Jahre hier mit ihrer Tochter (Adam erinnerte sich an den außergewöhnlichen und musikalischen Namen des Mädchens: Tamina) gelebt hatte, bestätigte seine Empfindung völlig. So glücklich der Anlass auch war – die junge Frau begann einen neuen Lebensabschnitt und zog in eine gemeinsame Wohnung mit ihrem Partner – verließen Mutter und Tochter die Wohnung mit großer Wehmut. Obschon oberflächlich gesehen nur ein Apartment in einem typischen Komplex aus den frühen 80’ern, war diese Bleibe etwas ganz besonderes.
Genau dieser Eindruck umfing Adam nun aufs Neue.
Alles Heimweh, aller Druck fiel auf einmal von ihm ab. Endlich residierte er wieder in seinem Reich, in dem nur sein Wille geschah, wie im Wohnzimmer, so auch in der Küche, amen. Nach zu vielen Wochen unter dem strengen Regiment mannigfaltiger Krankenschwestern und Physiotherapeuten fühlte er sich frei wie ein Teenager, der zum ersten Mal von Zuhause ausgezogen war.
In der ersten Zeit nach der Rückkehr arbeitete er sehr wenig, obwohl er sich jeden Tag vornahm, endlich seinen großen Motorsport-Schlüsselroman zu beginnen (was er schon seit ein, zwei Jahren immer wieder vor sich her schob.) Stattdessen aß er viel, schwänzte Reha-Sitzungen und sah viel fern. Für jemand, der seinen TV-Konsum jahrelang auf Rennsportereignisse und gelegentlich einen guten Film beschränkt hafte, schaute er sicher zu viel in die Glotze. Dies dämmerte ihm spätestens dann, als er mit der Zeit zu einem Semi-Fachmann für all die zahllosen Seifenopern wurde, die er früher mit spöttischer Verächtlichkeit als Hausfrauen-Dope abgetan hatte.
Damit er bei seinem täglichen TV-Kult nicht völlig zur Sofakartoffel mutierte, unternahm er, so oft er konnte, lange und langsame Spaziergänge durch die abwechslungsreiche Oststadt oder die Friedrichsau, Ulms größten und bekanntesten Park. Wenn ihm Schmerzen im Bein einen Strich durch die Rechnung machten, verbrachte er viel Zeit auf dem Balkon seines Apartments. Dort genoss er die frische Luft, die angenehme frühsommerliche Wärme und den noch nicht zu brennenden Sonnenschein.
Am meisten aber freute ihn die Tatsache, dass er endlich dazu kam, all jene Bücher zu lesen, die er in den vergangenen hektischen Jahren gehortet hatte, während er so gut wie immer auf Achse gewesen war. Hatte er keine Lust zu Kochen (obwohl er wahrlich kein übler Hobbykoch war) ließ er sich etwas nach Hause kommen.
Kurzum – er lebte das faule, aber geordnete Leben eines ledigen und undisziplinierten Rekonvaleszenten. Da er während seiner aktiven Zeiten genügend vorgesorgt hatte, brauchte er sich auch längerfristig finanziell keine Sorgen zu machen. Und später würde alles bereits wieder seinen gewohnten Gang gehen.
So dachte er.
Dann aber kam der Anruf, und nichts würde jemals wieder seinen gewohnten Gang gehen.
Wirklich nichts.
» ... danach versuchte er krampfhaft, den letzten Absatz des Artikels zu einem sinnvollen Ende zu führen. Aber schließlich gab er auf. Es hatte keinen Sinn mehr, an diesem Tag noch Text herauszuquetschen zu wollen. Sein geistiger Schließmuskel hatte Verstopfung entwickelt ... «
»Hier spricht Capt’n Kirk vom Raumschiff Enterprise, wir übermitteln Grüße und erwarten Antwort.«