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Jedermann kennt die Geschichten über Unglücksschiffe oder Unglückshäuser, jene scheinbar alltäglichen Dinge, die das Böse und das Unheil anziehen wie Magnete. Aber eine Unglückslokomotive? Kann es so etwas geben? Je länger der Eisenbahn-Schriftsteller Bernd Gellert und seine ungleiche Partnerin, die quirlige Amateurdetektivin Maike Fischer, der Sache nachgehen, desto mehr verfangen sich die beiden in einem Netz aus Tod, Obsessionen, Blutopfern und Wahnsinn ... und am Ende zählt für die beiden nur noch das Überleben. Der atemlos spannende Kurzroman aus der Feder von Thriller-Spezialist Sascha André Michael ist ein Muss für alle Fans von Technohorror. Aber Vorsicht - Sie werden Ihre nächste Zugfahrt mit völlig anderen Augen sehen ...
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Erstes Kapitel: D
IE DUNKLE
H
ALLE
(I)
Zweites Kapitel: M
AIKE UND
B
ERND
Drittes Kapitel: D
IE DUNKLE
H
ALLE
(II)
Viertes Kapitel: D
ANZIG
Fünftes Kapitel: D
IE DUNKLE
H
ALLE
(III)
Sechstes Kapitel: E
NDSPIEL
Es fährt ein Zug nach nirgendwo
mit mir allein als Passagier,
mit jeder Stunde, die vergeht,
führt er mich weiter weg von dir.
Es fährt ein Zug nach nirgendwo,
den es noch gestern gar nicht gab,
ich hab gedacht, du glaubst an mich
und dass ich dich für immer hab.
(Christian Anders, Es fährt ein Zug ...)
Irgendwo auf dem brachliegenden und von Sträuchern und Unkraut überwucherten Industriegelände blieb das Mädchen mit dem rabenschwarzen Haar so abrupt stehen, dass Gellert, tief in Gedanken, sie fast umgerannt hätte.
Er klang aufgeregt, als er fragte: »Ist was? Haben Sie was gesehen?«
»Ich glaub schon«, sagte sie und schirmte mit der Hand ihre eisblauen Augen vor der tief stehenden Herbstsonne ab. Dann schaute sie sich konzentriert um. Leider ohne das erhoffte Ergebnis.
»Nee, das war doch keine Eisenbahnschwelle«, sagte sie. »Wieder nur ein dämlicher Baumstamm.« Gellert konnte ein frustriertes Seufzen von ihr hören, dann fluchte sie: »So ein Fuck! Ich meine, irgendwo muss hier eine Spur zu finden sein ... ein Hinweis ... irgendwas, oder? Wir sind hier richtig. Nicht einmal Sie können uns zweimal in die falsche Richtung dirigieren.«
He, das lag nicht an mir, das lag an dieser unpräzisen Karte, wollte sich Gellert rechtfertigen. Dann aber sah er das Grinsen und Zwinkern seiner hübschen Komplizin und wusste, dass er wieder einmal in einen ihrer bissigen Scherze getappt war wie in eine Bärenfalle. Doch selbst ohne dieses eindeutige Zwinkern hätte er zugeben müssen, wie kindisch und vor allen Dingen unzutreffend seine Ausrede gewesen wäre. Immerhin hatte er die Karte falsch gelesen und sie in einen unnötigen Umweg dirigiert, so schwierig die Schrift und Zeichnungen ihres Informanten auch zu entziffern gewesen sein mochten. Also hielt er den Mund.
»Ich sag doch, Berndie, Sie holen nicht genügend Spaß aus Ihrem Leben.« Maike Tiersen kicherte und machte einen energischen Schritt voran, verhakte sich dabei jedoch in einer Wurzel. Jählings verschwand sie aus Gellerts Sichtfeld, fand sich auf den Knien im struppigen Unterholz wieder.
»Nach Mekka geht es aber Richtung Osten«, sagte Gellert, ohne eine Miene zu verziehen. Galant hielt er ihr die Hand hin, um ihr hoch zu helfen.
»Sie lernen schnell, Berndie«, sagte sie, während sie sich Tannennadeln und Blätter von den langen Beinen und ihrem schwarzen Rock klopfte. »Aber Sie sind auch nicht der erste, der sich wundert, dass ich immer auf meinen Knien zu enden scheine, wenn ich weggehe.«
»Müssen Sie eigentlich immer das letzte Wort haben?«
»Besser als den letzten Atemzug«, sagte sie, machte einen großen Schritt über die tückisch aus der Erde ragende Baumwurzel hinweg und stapfte weiter in den abgelegenen Forst hinein, ihr Begleiter immer ein, zwei Schritte hinter ihr, die handgezeichnete Karte im Block.
Als hätte es das Schicksal gut mit ihm gemeint, war es tatsächlich Gellert, der kurz darauf den entscheidenden Hinweis entdeckte. Vor den zwei Suchern ragte ein alter Metallmast in die Höhe, so dicht von einigen Pflanzen umrankt, dass man ihn auch für einen Baumstumpf hätte halten können. Doch der rostige, auf ewig »Halt!« anzeigende Signalarm verriet ihn als Relikt der Industriebahntrasse, die hier einmal verlaufen war.
»Na also!«, sagte Gellert mit tief empfundenem Triumph in der Stimme. »Wir haben es geschafft!«
»Ja, hier verlief das Gleis zur Halle 16«, sagte Maike feierlich und wühlte mit dem Fuß ein wenig jenes groben Schotters auf, der unter Eisenbahnschienen zum Einsatz kam. »Jetzt müssen wir nur noch dem Bahndamm folgen. Berndie, wir sind ganz dicht dran ... spüren Sie es?«
Er nickte stumm. Mehr noch als das spürte er allerdings seine schmerzenden Füße, die Kratzer an seinen Armen, die Schrammen an den Beinen ... sowie dieses schuldbewusste Prickeln, das einen stets daran erinnert, dass man sich bei einer nicht ganz lupenrein legalen Aktion befindet. Dann jedoch, keine hundert Schritte weiter, manifestierten sich endlich die dunklen Umrisse ihres Zieles im grünbraunen Dickicht, und alle Schmerzen und Sorgen waren vorerst vergessen.
»Donnerwetter!«, sagte er und musste schneller gehen, um mit seiner Begleiterin mitzuhalten.
»Wir haben es gefunden!« Sie jubelte und zeigte auf einen verwitterten Schriftzug, der hoch an der Backsteinmauer des lang gezogenen Gebäudes prangte: Halle 16 – Lackiererei Lokomotiven. Darunter war ein weiteres Schild angebracht, an dem der Zahn der Zeit nicht minder genagt hatte: Mittelbayerische Privatund Museumsbahn e.V.
»Mann, was sind wir für ein Team, oder?«, sagte Maike und versuchte, durch ein Fenster zu spähen.
»Sehen Sie was?«, fragte Gellert.
»So gut wie nichts.« Das Mädchen schüttelte den Kopf und prüfte die nächsten Fenster. »So ein Mist! Das sind alles getönte Scheiben. Da ist nichts zu machen. Ich meine, irgendwas ist da drinnen in der Halle, etwas Großes, das kann man zumindest erkennen. Nur nicht, was es ist. Das könnte die Lok sein ... ziemlich sicher sogar.«
»Nicht unwahrscheinlich«, sagte Gellert und drückte die Nase gegen das blinde Milchglas, in das sich von beiden Seiten während der einsamen Jahre dicke Schichten von Dreck, Ruß und Staub eingebrannt hatten. Auch er sah diesen riesigen Umriss im Inneren des Gebäudes, ohne die Formen wirklich deuten zu können. »Das könnte sie sein, aber auch etwas ganz anders.«
»Ein abgestellter Altkleidercontainer der Heilsarmee oder die Kiste mit dem Sarkophag von Tut-Ench-Amun?«
»Zum Beispiel. Wir brauchen direkten Sichtkontakt.«
»Wie es im Krimi so schön heißt«, sagte Maike.
Sie gingen einmal komplett um die Halle herum, bis die zwei Sucher ernüchtert vor jenem riesigen Metalltor standen, durch das die inzwischen abgetragenen Schienen früher ins Innere der Werkshalle geführt hatten. Hier waren die Fenster zwar etwas durchsichtiger, doch ein paar ungünstig positionierte Balken verhinderten immer noch jeden direkten Blick auf den mysteriösen Koloss da drinnen.
Gellerts hübsche Gefährtin rüttelte auf gut Glück ein paar Mal am Türgriff, doch das schwere Rolltor rührte sich nicht. Es schien besonders mühevoll verriegelt, vielleicht sogar zugeschweißt worden zu sein. Das dumpfe, metallene Grollen der Pforten in ihren rostigen Führungsschienen klang wie ferner Donner und ließ einen Schwarm verschreckter Vögel aus dem Forst abseits der Halle aufsteigen.
Gellerts Beklemmung kehrte schlagartig zurück. Was, wenn das jemand gehört hatte? Sicherlich waren sie hier völlig alleine; die nächste noch in Betrieb befindliche Anlage auf diesem ausgedehnten Industrieareal war mindestens einen Kilometer entfernt. Und dennoch war ihm der Gedanke extrem zuwider. Er hatte während der zahllosen Recherchen für seine Eisenbahn-Sachbücher eine Menge guter Kontakte, fast schon Freundschaften innerhalb der Deutschen Bahn, privaten Eisenbahngesellschaften und der Industrie geknüpft, unerlässlich bei seiner Arbeit. Wenn man ihn nun als unbefugten Eindringling (er ging sogar noch weiter und dachte: als Einbrecher!) hier antraf, würde das ernsthafte Konsequenzen haben, keine Frage.
Er schreckte aus seinen Sorgen hoch. Die junge Frau hatte etwas gesagt: »Na schön - geben Sie mir mal die Taschenlampe, Berndie.«
Geistesabwesend nickend gab er ihr die große Stabtaschenlampe mit dem Stahlgehäuse, die er an der rechten Hüfte hinter den Gürtel geschoben hatte. »Bitte schön. Die Batterien sind ganz voll, ich habe neue eingesetzt.«
»Mir egal«, sagte Maike. »Ich will damit eh nur das Fenster einschlagen.«
»Ach so, na dann.« Erst danach dämmerte ihm, was genau sie gesagt hatte. »Sie wollen was?«
»Andere Vorschläge, wie wir da rein sollen?«, erkundigte sich Maike. »Wir stehen vielleicht so kurz vor unserem Ziel, wollen Sie jetzt aufgeben, weil wir eine verdammt Glasscheibe zerteppern müssen?«
»Na ja ... also ... ich ...« Gellert räusperte sich. In ihm tobte ein Zwiespalt der Gefühle.
»Sorry, aber dann hätten wir gar nicht erst anfangen dürfen, oder?«, sagte Maike. «Ich meine, es ist ja nun wirklich nicht die erste illegale Tat, die wir auf dem Weghierher begangen haben, oder? Muss ich Sie erinnern, dass wir mehrere Sicherheitszäune überwunden und einige Warnschilder großzügig ignoriert haben, um hierher zu kommen? Und nu’ bekommen Sie Muffensausen wegen einer lumpigen Scheibe? Direkt vor der Ziellinie? Berndie, ich bitte Sie! Wir sind hier alleine. Dieser Teil der Anlage ist schon seit Jahren stillgelegt, wie Sie wissen. Die ersten Hallen meines Brötchengebers, wo noch gearbeitet wird, liegen viel weiter da drüben.«
Sie winkte in Richtung der Rauchschwaden, die aus kirchturmhohen Industrieschornsteinen quollen und dann den Herbsthimmel mit Kohlezeichnungen versahen.
»Ja doch, Sie haben recht«, sagte er. »Also tun Sie’s!«
»Glauben Sie mir – ich mache das nicht zum ersten Mal!«
Das glaubte Gellert ihr aufs Wort.
Schon holte sie mit der Taschenlampe aus ... und mit einem fürchterlich lauten Klirren splitterte die Scheibe. Gellerts Nackenhaare stellten sich auf. Sofort schlug die junge Frau nochmals zu, dann wieder. Nach kurzer Zeit hatte sie den Fensterrahmen von allen Scherben gereinigt. Schließlich stemmte sie sich auf den Sims, wobei für mehr als nur einen Moment ihre violette Seidenunterwäsche unter dem Rock hervorspitzte, und glitt elegant ins Innere der Halle.
»Fuck!«, rief Maike, noch ehe ihre Füße den Boden berührt hatten. Sie klang aufgeregt. »Berndie, schauen Sie sich das an!«
Eigentlich war kaum etwas zu sehen, ein Ausschnitt, nur Teil der Front, mehr nicht. Doch es war unverkennbar eine Lokomotive der legendären Baureihe V200, die da inmitten der abgeschiedenen Halle ein ödes, gottverlassenes Dasein fristete. Zu typisch waren die elegant geschwungenen Formen, jene fast schon femininen Rundungen, in welche die hohen Fenster des Führerstandes und das Stirnlicht auf seltsam verführerische Weise eingebunden waren; ein Symbol für die neue, aufregende Zeit, in welche die Bundesbahn der 50’er Jahre die Bürger des Wirtschaftswunderlandes befördern sollte. Selbst das hypnotische Purpurrot des Außenblechs und die erhabenen verchromten Zierleisten waren, wenn auch von der Sonne ausgebleicht, noch erahnbar.
Gellert fühlte eine heftige Gefühlsaufwallung in sich.
»Das ist eine V200, ja«, flüsterte er mit unverhohlener Ehrfurcht in der Stimme. »Jetzt kommt es auf die Registriernummer an. Na los, beeilen wir uns, Maike!«
Rasch kletterte auch er durch das aufgebrochene Fenster, und es war ihm völlig egal, dass er sich dabei das Bein ein wenig aufriss und Blut durch seine Cordhose zu sickern begann. Mit einem aufregenden Kribbeln überall im Körper, das bei jedem Schritt in Richtung der Lok stärker wurde, durchquerte er jenen Schattenbahnhof, der sich da still und weihevoll wie eine Gruft vor ihm ausbreitete.
Für Maike Tiersen hatte diese kuriose Geschichte wenige Wochen zuvor begonnen, als sie einen geölten und professionellen Sermon in ihren Telefonhörer flötete:
»Siemens-Krafft-Martin Lokomotivbau, Archiv, Apparat von Doktor Kofler.«
»Ja, hallo«, sagte die sanfte Stimme am anderen Ende der Leitung. »Ich hätte gerne Herrn Doktor Kofler gesprochen.«
»Ach, ich kenne Sie – Sie sind Bernd Gellert, der Autor, nicht wahr?«, erwiderte Maike fröhlich. »Sie schreiben diese Lokomotivbücher. Mein Boss nennt Sie immer den Stephen King der Eisenbahnliteratur ... das sind Sie doch, oder?«
»Ja, ja, so ist es«, sagte der Anrufer kurz angebunden. »Aber ich bräuchte jetzt dringend Herrn Doktor Kofler.«
»Oh, tut mir leid«, sagte Maike. »Das können Sie ja noch gar nicht wissen: also, mein Chef liegt seit letzter Woche im Krankenhaus. Nein, keine Sorge, es ist nichts Lebensgefährliches. Aber, ähm, unangenehm. Es war ein Fahrradunfall, wissen Sie? Ist auf einer Pfütze ausgerutscht und in den Straßengraben geflogen. Hat sich das Schlüsselbein und den rechten Arm gebrochen.«
Gellert stöhnte ins Telefon: »Ach du schöner grüner Wald!«
Maike kicherte. Das war vielleicht ein altmodischer Ausruf des Erstaunens. Den hatte sie vor vielen Jahren zuletzt bei ihrer Oma gehört.
»Jedenfalls liegt er jetzt mit einem Oberkörpergips im Hospital und fällt mindestens zwei Monate aus«, fuhr sie fort.
»Zwei Monate?!«, sagte Gellert und klang nicht nur enttäuscht, er klang am Boden zerstört. »Wirklich zu dumm. Ich hätte dringend seine Hilfe gebraucht.«
»Tut mir echt leid«, sagte Maike und zuckte mit den Schultern, eine seltsame Geste am Telefon, aber in einer derartigen Situation irgendwie tief in der menschlichen Natur vergraben. »Tja, kann ich Ihnen vielleicht helfen? Wissen Sie, ich habe denselben Zugriff auf das Archiv wie mein Chef, sowohl auf das digitale wie auch auf das aus Papier.«
Er druckste merklich um die Antwort herum. »Danke für das Angebot«, sagte er schließlich. »Aber ich brauche einige sehr spezifische Infos zu einem bestimmten Thema, eher nichts alltägliches. Also das hier ist doch etwas für Doktor Kofler, wenn er zurück ist ...«
Damit geriet Gellert eindeutig an die falsche Person.
»Hallo?«, sagte Maike aufgebracht. »Mit allem Verlaub, wir schreiben das Jahr 2008, und ich dachte, diese Art von altväterlichem Chauvinismus wäre schon im Jahre 1991 ausgestorben. Wenn Sie mir das nicht zutrauen, dann ist das okay, aber sagen Sie es einfach.«
Das Schweigen, das nun in der Leitung summte, war von hochgradiger Peinlichkeit erfüllt. Dazu passte auch sein Tonfall, als er versicherte: »Nein, so hab ich das nicht gemeint, sicher nicht. Ich wollte nur sagen, dass ich ... also ich meinte doch nur, dass ich sehr spezielle Informationen suche, von denen ich nicht mal weiß, ob sie im Archivzu finden sind, und ...«
Er räusperte sich. »Ehrlich, ich wollte sie nicht irgendwie beleidigen, Frau ...?«
»Tiersen«, sagte sie. »Ich bin Maike Tiersen.«
Daraufhin seufzte er. Ein Zeichen, dass er sich geschlagen gab? fragte sich Maike.
»In Ordnung, haben Sie was zu schreiben, Frau Tiersen?«, sagte er. Na also. Zufrieden nahm sie einen Kugelschreiber und einen Schmierzettel zur Hand.
»Schießen Sie los, ich bin ganz Ohr.«
Dies tat Gellert, er schoss los. Maike ließ sich die einzelnen Punkte seiner Liste diktieren, wiederholte sie nochmals und runzelte schließlich verdutzt die Stirn, als sie sah, welche Informationen der Autor benötigte. In jedem Fall würde dies eine gute Methode sein, um ihr Wissen über das Archiv noch zu vergrößern. Genau deshalb genoss sie die Aussicht auf die bevorstehende Detektivarbeit. Das war schon ein eklatanter Unterschied zu der unkreativen Stelle in der Telefonzentrale, die sie zunächst in der altehrwürdigen Krafft-Martin-AG besetzt hatte, bevor fast alle Inbound-Telefondienste in ein Call Center ausgelagert worden waren und sie mit viel Glück einen anderen Job innerhalb des zweitältesten deutschen Stahl- und Maschinenbaukonzerns ergattern konnte.
»Okay, betrachten Sie es als erledigt«, sagte sie. »Soll ich anrufen, sobald ich alles zusammengesucht habe?«
»Ja, das wäre gut«, antwortete Gellert und nannte ihr seine Festnetznummer. Danach legte er auf, und Maike Tiersen machte sich gewissenhaft an die Arbeit. Die junge Frau entdeckte dabei eine Seite an sich, von der sie nie geahnt hatte, dass sie sie besaß.
Die beiden grundverschiedenen Menschen, die ein paar Wochen später als Team in eine abgelegene Werkshalle einbrechen sollten, hatten nur ein paar Mal unbewusst und zweimal bewusst am Telefon miteinander zu tun gehabt. Daher ahnte keiner der beiden wirklich, wer oder was ihn während ihres ersten Treffens erwarten würde.
Beide waren dementsprechend gespannt, wobei Bernd Gellert dem Treffen sogar mit unleugbarer Nervosität und auch mit einem gewissen Fatalismus entgegensah. Er fürchtete immer noch, einen großen Fehler begangen zu haben, als er die Recherche an ein Mädchen übergab, das er nie zuvor gesehen hatte, und dessen einzige wirkliche Qualifikation die Tatsache darstellte, dass sie für einen Mann arbeitete, den Gellert sehr schätzte.
Sie verabredeten sich in einem Eiscafe in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs. Was Gellert schließlich dort an einem der hohen, runden Bistrotische erblickte, war eine schlanke junge Frau Mitte zwanzig. Sie hatte ein apartes, Vförmiges Gesicht. Über ihre schmale Nase waren Sommersprossen versprenkelt. Ihre fast schimmernd blasse Haut bildete einen verwirrenden Kontrast zu ihren strahlenden, eisblauen Augen, ihrer lockigen, rabenschwarzen Mähne (etwas zu rabenschwarz, um nicht zumindest nachgefärbt zu sein) und ihrer nicht minder düsteren Aufmachung: schwarze Bluse mit violetten Rüschen, schwarzes Top, knielanger schwarzer Samtrock, hohe schwarze Stiefel.
Man musste nicht auf der Höhe der Zeit oder auch der Mode sein (was Gellert von allen Menschen auf dieser Welt wahrscheinlich am wenigsten war), um zu erkennen, dass sie mehr oder weniger dezent zur Gothic- und Steampunk-Subkultur gehörte. Wenn Gellert besser über menschliche Trends informiert gewesen wäre und nicht nur die Umlaufpläne sämtlicher verbliebener E-Loks der legendären Baureihe 103 im Kopf gehabt hätte, wäre ihm vielleicht sogar der passende Begriff »Edel-Goth«, in den Sinn gekommen. So aber fand er einfach, dass sie wie eine sehr selbstbewusste Vampirfrau im hellen Tageslicht aussah (womit er eine der Faszinationen der Gothic-Jünger instinktiv gut erfasst hatte.)
Im ersten Moment war er noch unsicher, ob dies auch wirklich die Person war, mit der er sich verabredet hatte. Doch dann sah er auf dem Holzrondell vor ihr eine Mappe mit dem unverwechselbaren Logo der Krafft-Martin-AG, eines der bekanntesten Industriesymbole der Welt: eine Eisenbahnschiene im Querschnitt mit zwei Flügeln daran. Das hübsche Vampirmädchen musste also die Kontaktperson aus dem Vorzimmer seines Bekannten und zuverlässigen Informationsfinders Dr. Kofler sein. Gott erbarme dich meiner!, dachte er und räusperte sich.
»Hallo«, sagte er mit seiner milden Stimme und trat näher. »Sind Sie Frau Tiersen?! Ich bin Bernd Gellert.«
Maike sah von der Akte auf, in der sie geblättert hatte.
Für sie stellte sich der erste Kontakt mit ihrem zukünftigen Komplizen folgendermaßen dar: Ihr gegenüber stand ein knapp einsneunzig großer, schlaksiger Mann mit wuscheligem, sandfarbenem Haar. Seine intelligenten Augen musterten sie leicht distanziert hinter einer kleinen, runden Nickelbrille. Tatsächlich war er in seiner mehr als nur vagen Ähnlichkeit mit dem legendären Beatle John Lennon ziemlich attraktiv, aber er trug das fast schmerzhaft chaotischste Outfit, das Maike je hatte anschauen müssen: Unter einem quer gestreiften Pullunder in verschiedenen Grüntönen lugte ein babyblauer Hemdkragen hervor, dazu gab es khakifarbene Hosen und hellbraune Halbschuhe mit weißen Socken zu bewundern. Er krönte das ganze mit einem großgemusterten Sakko, das im besten Falle an eine 70er-Jahre-Tapete erinnerte und im schlechtesten an eine Bildstörung auf einem alten Farbfernseher.