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"Sie sind nicht von hier, oder?", rief die Kassiererin ihr nach. "Dann wüssten Sie ... Sie wüssten ... ER ist größer, als Sie denken!" Pia Fischer will nur Medizin für ihre Tochter kaufen - doch ihr Weg wird zur Odyssee an den Rand des Vorstellbaren. Ein scheinbar normaler Supermarkt verwandelt sich in eine Falle ohne Anfang und Ende. Um wieder nach Hause zu kommen, muss sie lernen, ihren Augen zu misstrauen und dem Undenkbaren zu begegnen. Und ihre Zeit läuft ab! Du bist eine Unendlichkeit von Zuhause entfernt. Schau Dich nicht um! Schließe Deine Augen! Dann findest Du vielleicht den Weg ... Verstörend und nervenzerrend - SEELENGRABEN, die neue, Horrornovelle von Sascha André Michael, dem Autor von MORGENMENSCHEN und SEELENFROST.
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Seitenzahl: 84
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für Ales und Amalia,
Löwenmutter und Sternenkind
Ich hab' schon alles
ich will noch mehr
alles hält ewig
jetzt muss was Neues her
Ich könnt im Angebot ersaufen
mich um Sonderposten raufen
hab' diverse Kredite laufen
oh
was geht's mir gut
Oh
ich kauf' mir was
kaufen macht soviel Spaß
ich könnte ständig kaufen gehn
kaufen ist wunderschön
ich könnte ständig kaufen gehn
kaufen ist wunderschön
ich kauf'
ich kauf'
was ist egal
(Herbert Grönemeyer, Kaufen)
Erster Teil: Aubenwelt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Zweiter Teil: Innenwelt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Dritter Teil: Nachwelt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Es hatte zu regnen begonnen. Die tonnenschwere Wolkendecke über Ulm ließ den tristen Vorabend im April noch bedrückender erscheinen, als er ohnehin schon war.
»Mami, ich hab so Lust auf Pfannkuchen – kannst du heut’ Abend welche machen?«, sagte Die Hübscheste Tochter Der Welt und schaute ihre Mutter aus einer kleinen Burg von Kissen, Decken, Büchern, Zeitschriften und Plüschtieren heraus gleichermaßen fragend wie kränkelnd an. Ihr Fieber war endlich wieder etwas gesunken, aber ihre Wangen waren immer noch unnatürlich gerötet. Über ihren strahlend blauen Augen lag ein glasiger Film. Selbst ihr ansonsten seidig schimmerndes Haar wirkte erschöpft und stumpf. Fraglos sah Tamina Fischer in diesem Moment eher wie Die Erkältetste Tochter Der Welt aus.
Sie hatte, wie alle Kinder, natürlich schon unter Anfällen akuter Faulheit gelitten und war mit ach so üblen Bauchschmerzen oder etwas ähnlichem von der Schule daheim geblieben (und ihre Mutter hatte es durchgehen lassen, obwohl sie tief in sich wusste, dass ihre Tochter flunkerte.) Doch selbst ohne die Visite des Kinderarztes kurz zuvor hätte Pia keine Sekunde geglaubt, dies hier wäre ein Fall von Unlusteritis (wie diese mysteriöse, ausschließlich Wochentags um sieben Uhr auftretende Krankheit vermutlich sogar offiziell hieß.) Dies war eine waschechte fiebrige Grippe mit Bronchitis und allem, was dazu gehörte.
Im farblosen Zwielicht des Regenwetters strich Pia ihrer Tochter tröstend über den Kopf. Sie benutzte die Zärtlichkeit, um zugleich Taminas von kaltem Schweiß benetzte Stirn zu befühlen. Dann sagte sie: »Also wenn du jetzt den Rest von dem Aspirin austrinkst, dann machen wir das mit den Pfannkuchen, okay, Maus?«
»Muss das sein?«, fragte Tamina. »Das Zeug ist soooo eklig bitter.«
Unmissverständlich drückte Pia ihrer Tochter das halbvolle Glas in die Hand. »Es schmeckt nicht nach Cola, aber du hast den Doc gehört: ist gut gegen dein Fieber und Kopfweh.«
»Bäääh!« Tamina beäugte das Getränk, in dem sich inzwischen ein Bodensatz aus kleinen, weißen Kristallen gebildet hatte, argwöhnisch. Dann kippte sie die säuerliche Brühe mutig in einem Zug herunter. Als sie sich danach wie ein nasses Kätzchen angewidert schüttelte und nach Luft schnappte, rasselte es unter der Brust ihres langen Snoopy-Schlafshirts derartig, dass Pia glaubte, kleine Hagelkörner würden auf den Fenstersims des Mädchenzimmers prasseln. Dem Rasseln folgte unweigerlich ein dumpfes, bellendes Husten, bei dem sich die Kleine jedes Mal aufbäumte.
»Also Pfannkuchen heute Abend«, sagte Pia, obwohl sie bezweifelte, dass Die Erkältetste Tochter der Welt viel essen würde oder das meiste davon bei sich behalten konnte. Aber ihrem kranken Schatz jetzt eine Freude zu machen, und sei es nur mit etwas so einfachem wie Pfannkuchen, hörte sich für Pia wie ein hervorragender Plan an. »Pilzsoße oder Apfelkompott?«, fragte sie.
»Zuerst Soße, dann Kompott«, sagte Tamina und begann, den Kissenberg in ihrem Rücken ein wenig umzuschlichten. »Mann, mir tut alles weh«, meinte das Mädchen leise, als es seine größeren Umbauarbeiten abgeschlossen hatte.
»Ich weiß, Schätzchen«, sagte Pia. Dann stand sie von der Bettkante auf, wo sie die letzten Minuten gesessen hatte. »Bald geht es dir besser. Ich bring dir noch was von der Apotheke mit, damit du gut schlafen kannst, okay?«
»Okay, Mami«, antwortete Tamina, und für ein paar Momente huschte ein mattes Lächeln über ihr verblüffend ebenmäßiges Gesicht. Peng!, und da war sie da wieder, Die Hübscheste Tochter Der Welt.
Bevor Pia hinüber in die Essküche ihrer kleinen, behaglichen 3-Zimmer-Wohnung ging, um vor dem Einkauf sämtliche Vorräte einer eingehenden Prüfung zu unterziehen, verriegelte sie noch das Fenster hinter Taminas Arbeitstisch. Das Zimmer hatte genug frische Luft, fand Pia, zumal die Luft kühl und klamm war. Heute war wirklich das sprichwörtliche Mistwetter, bei dem man keinen Hund vor die Türe setzte. Dicke Tropfen zerplatzten auf der Scheibe. Pia freute sich drauf, sich auf dem Sofa auszustrecken, sobald Tamina schlief, und irgendeinen Stumpfsinn im TV zu konsumieren, einen hektischen und sorgenvollen Tag so ruhig wie möglich ausklingen zu lassen.
Untermalt von der seriösen und markanten Stimme des SDR3-Moderators Stefan Siller, der gerade im Radio die aktuelle Stunde zwischen 16 und 17 Uhr moderierte, warf sie anschließend kritische Blicke in die Küchenschränke. Dann stellte sie ihren Einkaufszettel zusammen. Mehl, Eier, Champignons, Hagebuttentee. Wenigstens Katzenfutter für Azrael, Taminas schwarzen Kater, hatten sie noch genug. Das bedeutete, dass sie nicht auch noch diese ewig schweren Dosen vier Stockwerke von der Tiefgarage nach oben schleppen musste. Dennoch besserte sich Laune nicht. Nur der Gedanke, ihre kranke Maus schon wieder alleine lassen zu müssen, versetzte ihr einen Stich der Schuld und des Unwillens.
»Na gut, Schätzchen, ich fahr jetzt zur Apotheke und dann in den Supermarkt«, sagte sie und streichelte nochmals Taminas pfirsichzarte Wange. »Ich brauch nicht lang. Kommst du zurecht? Ganz sicher?«
»Na klar.« Die Erkältetste Tochter Der Welt nickte tapfer. »Ich hab ja Gesellschaft.«
Sie deutete auf Azrael, der es sich, sozusagen als Wachablösung, auf dem Bett gemütlich gemacht hatte, wo kurz zuvor noch Pia gesessen hatte. Als Tamina ein weiteres grollendes Husten ausstieß, sah der Kater kurz auf und rollte sich dann wieder in ein glänzend schwarzes Fellknäuel zusammen.
»Soll ich dir noch was mitbringen? Was zu lesen vielleicht?«, wollte Pia wissen.
»Au ja, bringst du mir das neue Ein Herz für Tiere mit?«, sagte Tamina mit einem matten Lächeln auf dem Gesicht. Nur einem Moment später brach das Mädchen unvermittelt wieder in dieses bittere, für ihre Mutter fast schmerzlich anzuhörende und anzusehende Husten aus.
»Ein Herz für Tiere, wie’s gewünscht wird.« Pia seufzte besorgt. »Schätzchen, du kommst wirklich zurecht, bis ich wieder da bin?«
»Maaa-miiiii, ich bin doch schon den ganzen Tag zurechtgekommen, oder?«, sagte Tamina in einem abgeklärten Tonfall, der keinen Zweifel an ihrer Äußerung ließ. Dabei zog sie die rechte Augenbraue hoch, genau wie es ihr Vater immer getan hatte, wenn er eine offensichtliche Antwort auf eine überflüssige Frage geben musste (etwa auf die, ob es zwischen ihm und Pia jemals mehr als nur die seltsame Art von Quasi-Affäre geben würde, die sie damals verbunden hatte.)
»Ich bin kein Baby mehr«, sagte Tamina. »Ich bin elf.«
Das stimmte natürlich, auch wenn Pia wie alle Mütter in diesem Punkt eine gewisse Amnesie an den Tag legen konnte.
»Menschenskind, Maus, du hast ja Recht.« Pia lächelte ein ertapptes Lächeln. »Dann gehe ich mal.«
Aber natürlich ging sie noch nicht. Sie versicherte sich zuvor, dass Tamina etwas zu trinken besaß – die Kanne mit Hagebuttentee, die Pia vorhin aufgebrüht hatte –, dass für Notfälle das Telefon in Reichweite ihrer Tochter am Fußende des Bettes stand (soweit das Telefonkabel eben reichte) und dass genügend Papiertaschentücher vorhanden waren. Erst nach Abhaken dieser Checkliste schien sie bereit für die Exkursion.
Als sie ihre Jacke von der Garderobe im Flur nahm, hineinschlüpfte und das handschriftliche Rezept des Kinderarztes in die Innentasche schob, hatte sie fast den Eindruck, Die Hübscheste Tochter Der Welt wäre froh darüber, endlich ihre Ruhe zu haben. Und so zog Pia Fischer schließlich die hölzerne Wohnungstüre zu und ließ ihre vertraute kleine Welt weiter hinter sich, als sie je in ihren finstersten Träumen hätte befürchten können.
Auf dem Weg zur Tiefgarage spürte Pia (vielleicht als Vorahnung der Dinge, die ihr bevorstanden) eine heftige Gefühlsaufwallung in sich. Nur etwa drei Treppenabsätze unterhalb ihrer Wohnung vermisste sie Tamina schlagartig, als habe sie ihr Kind monatelang nicht gesehen. Sie hegte den innigsten Wunsch, sich später nach dem Einkaufen neben ihre Tochter zu kuscheln und etwas zu lesen, dabei Radio zu hören oder einfach nur dem Regen auf dem Dachfenster zu lauschen. Sicherlich standen sich die beiden sehr nahe, ja, vielleicht sogar ungewöhnlich nahe, besonders da die Pubertät noch keine gröberen Keile in die Beziehung der beiden hatte treiben können. Dennoch überraschte Pia diese Woge verzweifelter Emotionen selbst ein wenig. Vielleicht meldete sich nur das schlechte Gewissen einer berufstätigen und allein stehenden Mama, der klar war, dass sie ihrer Tochter ein Dasein als typisches Schlüsselkind zumutete.
Und das war etwas, das Tamina nicht verdient hatte, obschon sie die Situation perfekt meisterte. Pia wusste, welches außerordentliche Glück sie mit Tamina hatte und wie besonders ihr inzwischen großes kleines Mädchen war. Tamina hatte wenige, dafür wirklich enge Freunde, die auch Pia sehr ans Herz gewachsen waren. Zugleich gehörte sie auch zu den Kindern, die sich bestens mit sich selbst beschäftigen konnten, ohne pausenlos am Fernseher zu hängen. Viel lieber las sie, hörte versonnen Musik oder zeichnete.
Schon vor Jahren, als Die Hübscheste Tochter Der Welt noch ein rosiges Baby gewesen war, hatten viele Freunde und Fremde mit eigenen Kindern Pia stets um diesen problemlosen Wonneproppen beneidet. Sobald sie vom Leid anderer Eltern mit Schreikindern oder ähnlichen Problemfällen hörte, wurde ihr klar, mit welchem Vorzeigekind sie stets gesegnet war. Nicht, dass Tamina pausenlos ein Engel gewesen wäre – das gab es nur im Fernsehen. Auch sie hatte ihre heftigen Trotzphasen durchlebt und dank ihres Scharfsinns und ihrer Souveränität (dem Erbe ihres Vaters) schon sehr früh einen zutiefst eigenen Kopf entwickelt. Aber andererseits verfügte sie als Gegengewicht auch über genug Intuition und emotionelle Intelligenz in ihrer Persönlichkeit (definitiv das Erbe ihrer Mutter), um sich nicht wie ihr Vater irgendwann einmal selbst im Wege zu stehen und seine Umwelt nur noch zu verstören und zurückzustoßen.
Und das war etwas, das Taminas Vater perfekt beherrscht hatte. Professor Martin Quaife-Hobbs aus Birmingham war ein begnadeter Dirigent und ein noch begnadeterer Individualist und Menschen-vor-den-Kopf-Stoßer