Winternacht - Der Schnee begräbt alles. Nur die Lügen nicht - Sharon Bolton - E-Book

Winternacht - Der Schnee begräbt alles. Nur die Lügen nicht E-Book

Sharon Bolton

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Beschreibung

In einer kalten Winternacht verschwindet die Gattin eines Politikers. Und der Schnee verwischt alle Spuren …

Olive Anderson sitzt allein an einem Tisch im Hotelrestaurant, als sich eine Frau zu ihr setzt, die sie noch nie gesehen hat. Dem Kellner gegenüber behauptet die Fremde, mit ihr verheiratet zu sein. In Wahrheit ist Olive die Gattin eines angesehenen Politikers, doch ihre Ehe hat sich bereits nach einem halben Jahr in einen Albtraum verwandelt. In ihrer Einsamkeit lässt sie sich auf ein Gespräch mit der attraktiven Unbekannten ein und nimmt sie schließlich, reichlich angetrunken, mit in ihr Zimmer. Am nächsten Morgen folgt das böse Erwachen: Die Fremde hat die gemeinsame Nacht gefilmt und zwingt Olive, mit ihr davonzufahren – mitten in einen Schneesturm hinein …

»Ein Thriller allerhöchster Qualität, der beweist, was für eine herausragende Erzählerin Sharon Bolton ist. Sie bewegt sich auf den Spuren von Patricia Highsmith – und ein höheres Lob kann es nicht geben.« Daily Mail

»Absolut packend, mit Figuren, die einen nicht mehr loslassen.« JP Delaney

»Sie werden niemals erraten, wie diese Geschichte ausgeht!« Samantha Downing

»Dieser Thriller hat mich von der ersten Seite an gepackt – absolut süchtig machend und fesselnd.« Rachel Abbott

»Brillant gemachter Nervenkitzel.« The Guardian (über »Der Schatten des Bösen«)

»Dieser Roman schreit nach einer Verfilmung. Herrlich düster.« The Times (über »Beste Freunde«)

»Ein fesselnder Thriller voller Twists, der immer mehr Fahrt aufnimmt.« Belinda Bauer (über »Beste Freunde«)

»Boltons Thriller sorgt beim Lesen für eine Gänsehaut, die dem eisigen Setting angemessen ist.« Kirkus Reviews (über »Dein kaltes Herz«)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Olive Anderson hat die Frau noch nie gesehen, die sich in einer kalten Winternacht ungefragt an ihren Tisch im Restaurant setzt. Dem Kellner gegenüber behauptet die Fremde, mit ihr verheiratet zu sein. In Wahrheit ist Olive die Gattin eines angesehenen Politikers, doch ihre Ehe mit Michael Anderson hat sich bereits nach einem halben Jahr in einen Albtraum verwandelt. In ihrer Einsamkeit lässt Olive sich auf ein Gespräch mit der Unbekannten ein. Und die scheint einige Geheimnisse aus Michaels Vergangenheit zu kennen. Zum Beispiel, dass in seinem Umfeld schon mehrere Frauen verschwunden sind. Und Olive könnte die Nächste sein …

Weitere Informationen zu Sharon Bolton

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

Sharon Bolton

Winternacht

Thriller

Aus dem Englischenvon Marie-Luise Bezzenberger

Die englische Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »The Fake Wife« bei Orion Fiction, an imprint of The Orion Publishing Group Ltd, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2025

Copyright © 2023 by Sharon Bolton

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotive: © Ebru Sidar/Arcangel, © Isabel Hutchison / Alamy Stock Photo, © FinePic®, München

Redaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze

LS · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-31588-7V001

www.goldmann-verlag.de

Für unsere Lexy, die eine wunderbare Überraschung war, und auch für Jane und Lisa. Willkommen in der Familie.

Teil 1Das plötzliche Verschwinden der Olive Anderson

1

An dem Tisch saß eine der schönsten Frauen, die Olive je gesehen hatte. Sie war groß und schlank, ihre saphirblauen Augen waren von dichten schwarzen Wimpern umrahmt. Und das unter derart perfekten Brauen, dass sie mit einem ultrafeinen Pinsel aufgemalt worden sein könnten. Waren sie nicht, stellte Olive fest, als sie näher kam – sie waren echt. Rote Lippen formten einen geschwungenen Amorbogen.

Während Olives kurzer Abwesenheit hatte sich der Speisesaal gefüllt, es war heißer und lauter geworden. Die Gäste mehrerer Weihnachtsfeiern waren eingetroffen. Das sollte an sich kein Problem sein, sie hatte sich einen Platz gesichert, bevor sie kurz hinausgegangen war, nur …

Nur war ihr Platz von einer Frau besetzt, die sie noch nie gesehen hatte.

»Ich glaube, Sie sitzen an meinem Tisch«, sagte sie mit fester Stimme – einer Stimme, die keine Widerworte duldete –, lächelte jedoch dabei.

Die Frau war ein bisschen älter als Olive, vielleicht so um die achtunddreißig. Ihr bürstenschnittkurzes Haar war schwarz und sah aus, als würde es sich locken, wenn es wachsen dürfte. Ja, definitiv, ein paar längere Strähnen hatten nämlich auf ihrer Stirn einen vollendeten Kreis geformt. Sie trug einen Pullover von derselben Farbe wie ihre Augen, und selbst mitten im Winter hatte ihre Haut die gesunde Bräune eines Menschen, der im Freien arbeitet. Sie roch nach kalter Luft. Ihr Blick begegnete Olives, und zwei horizontale Linien erschienen über diesen exquisiten Augen.

»Ihr Tisch?«, fragte sie.

Ganz flüchtig sah Olive, wie ein rascher Blick sie streifte – irgendjemand in der Nähe ahnte eine Konfrontation – und spürte, wie ihr die Brust eng wurde.

»Ich hatte meinen Mantel auf den Stuhl gelegt.« Sie senkte den Blick zu dem Stuhl, auf dem die Frau saß. »Auf diesen hier.«

Die Mundwinkel der Fremden sanken herab, als sie sich herumdrehte. Mit übertriebenen Bewegungen beugte sie sich zur Seite, um den Boden unter dem Tisch in Augenschein zu nehmen, und gab Olive dabei Gelegenheit, hautenge Jeans an sehr langen Beinen und Cowboystiefel aus braunem Leder zu betrachten. Im Stehen musste sie über eins achtzig groß sein.

Mit einem Funkeln in den Augen, das verschmitzt oder auch boshaft sein konnte, wandte sie sich wieder Olive zu. »Sicher?«

Na schön, von Olives Mantel war nichts zu sehen, aber sie hatte ihn ganz sicher nicht an, und sie wäre auf keinen Fall ohne Mantel vom Anbau aus über den Parkplatz gelaufen. Diese Zicke hatte ihren Mantel versteckt, um sich den letzten freien Tisch zu krallen.

»Hier, Madam. Entschuldigen Sie, dass Sie so lange warten mussten. Ich musste eine neue Flasche aus dem Keller holen.« Der Kellner war aufgetaucht wie eine Ehrenrettung von höchster Stelle. Er stellte ein großes Glas Rotwein ab, dann zog er den freien Stuhl unter dem Tisch hervor und bedeutete Olive, Platz zu nehmen. »Sie gestatten.«

Olive gestattete und war froh, dass sie nach der Fahrt hierher geduscht und sich umgezogen hatte. Dass sie okay aussah, denn der Frau auf der anderen Seite des Tisches quoll das Selbstvertrauen aus allen Poren wie Käse aus einem überbackenen Sandwich. Als Olive sich setzte, spürte sie, wie ihr Fuß einen der Cowboystiefel streifte, und zog ihn heftig weg.

»Und Ihren Mantel habe ich aufgehängt, ich hoffe, das ist Ihnen recht«, fuhr der Kellner fort. »Er ist vom Stuhl gefallen, und ich wollte nicht, dass jemand drauftritt. Er hängt neben der Bar. Ich kann ihn holen, wenn Sie möchten.«

»Nein, ist schon in Ordnung, vielen Dank.« Olives Blick wich nicht von den Augen der Frau auf der anderen Seite des Tisches. Sie ließ ihre Augenbrauen emporklimmen und wartete auf eine Entschuldigung, die nicht kam.

»Und für Sie, Madam?«, erkundigte sich der Kellner.

»Scotch mit Soda«, antwortete die Frau, und ihre Augen ließen Olives nicht los. »Mit ganz wenig Eis.«

Der Kellner bemerkte die Spannung zwischen ihnen beiden entweder nicht, oder er ignorierte sie absichtlich. »Davon haben wir draußen ja genug, ich weiß, was Sie meinen«, bemerkte er. »Möchten Sie dann beide bestellen?«

Olive bemerkte, dass Speisekarten gebracht worden waren, während sie fort gewesen war. Die Frau im blauen Pullover nahm ihre und gab sie dem Kellner zurück. »Rib-Eye-Steak, bitte. Blutig. Mit extra Pommes. Und ohne Pilze, dagegen bin ich allergisch.«

»Kein Problem. Und Sie, Madam?«

»Ich …«, setzte Olive an. Ich bin nicht mit dieser Frau zum Essen verabredet, hatte sie sagen wollen, doch eine plötzliche Bewegung hielt sie davon ab.

Die Frau ihr gegenüber hatte den linken Ellenbogen auf den Tisch gestützt und das Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger gelegt, sodass ihr Ehering sehr sichtbar war. Ihre blauen Augen schienen sich zu verdüstern, die Farbe von Schiefer anzunehmen, als sie auf Olives linke Hand hinabstarrte. Auf den Ring, dessen Olive sich auch nach sechs Monaten noch immer sehr bewusst war. Und es konnte Einbildung sein oder der Wein, den sie vorhin schon in ihrem Zimmer getrunken hatte, aber lag da eine Frage in der Art und Weise, wie diese blauen Augen den ihren begegnete? Vielleicht sogar eine Aufforderung?

»… ich weiß nicht recht«, fuhr Olive fort. »Was gibt es denn für Veganer?«

Falls dem Kellner irgendetwas merkwürdig vorkam, so merkte man es seiner Stimme nicht an. »Ein Risotto mit geröstetem Kürbis und karamellisierten Zwiebeln. Sehr zu empfehlen.«

Olive war keine Veganerin, sie wusste nicht genau, warum sie überhaupt gefragt hatte.

»Ich nehme auch das Rib-Eye-Steak, mit reichlich Pilzen.« Sie gab ihre Speisekarte zurück.

»Und eine große Flasche Mineralwasser«, sagte die Frau auf der anderen Seite des Tisches. »Meine Frau muss morgen früh raus.«

Der Blick des Kellners huschte mit jähem Interesse von einer zur anderen, ehe er ganz leicht lächelte und ging. Eine Sekunde des Schweigens, dann noch eine. Olive öffnete den Mund, um zu fragen: Was zum Teufel soll das werden?, aber es kam kein Wort heraus.

»Wie war dein Tag?«, erkundigte sich die Frau. »Du siehst angespannt aus.«

Der mysteriöse ungebetene Gast würde den Tisch nicht verlassen, so viel war klar. Und hatte Olive nicht zu lange gezögert, um den Kellner jetzt zu bitten, einen anderen Platz für sie zu finden? Vor allem, nachdem sie sich gerade eben als die Ehefrau dieser Person hatte bezeichnen lassen.

»Alles so gelaufen wie geplant?«, hakte die Frau nach.

Es war unwahrscheinlich, dass im Speisesaal noch ein Tisch frei war. Wahrscheinlich gab es in der ganzen Stadt keinen freien Tisch mehr, nicht so kurz vor Weihnachten. Sie zahlte doppelt so viel wie sonst für ihr Zimmer und war schon versucht gewesen, es sein zu lassen. Aber der Gedanke an noch einen Abend zu Hause, an noch einen Abend, an dem sie so tun müsste, als freue sie sich, Michael zu sehen, nein, das war einfach …

»Planet Erde an meine Frau.« Die Frau mit den Saphiraugen lächelte über ihren eigenen Scherz, und ein Grübchen erschien in ihrer linken Wange.

Es lief also alles auf die Frage hinaus: War ein einsames Abendessen in einem vollen, vorweihnachtlichen Hotel wirklich das, was Olive in diesem Moment wollte?

»In Carlisle war’s schön, wie immer«, sagte sie. »In Lancaster nicht so. Die Fahrt hierher war ganz schön haarig. Ich glaube, bevor das Wochenende vorbei ist, sind in ganz Nordengland sämtliche Straßen unbefahrbar.«

Sie wartete darauf, dass die Frau sie fragte, was sie beruflich mache, sich nach Details erkundigte – der übliche Tanz zweier Fremder. Nur waren sie ja keine Fremden, nicht in diesem sonderbaren Spiel, zu dem sie aufgefordert worden war. Sie waren verheiratet.

»Und wie war’s bei dir?«, fragte sie, ehe sie als Zugabe ein versuchsweises »Schatz« nachschob. Es klang seltsam und gezwungen. Ihre neue Gefährtin konnte das hier besser als sie.

Besagte Gefährtin seufzte und schaffte es sogar, ein gelangweiltes Gesicht zu machen. »Hartlepool ist einen Monat in Verzug, und dann noch der übliche Ärger mit den Jungs in Darlington. Andererseits haben sie die Arbeitsschutzbegehung überstanden.«

Sie war in der Baubranche. Sachverständige oder Bauleiterin. Vorausgesetzt natürlich, dass sie die Wahrheit sagte.

»Die Lamas sind schon wieder ausgebrochen«, fügte sie hinzu. »Ich muss wohl mal mit Jim darüber reden, einen höheren Zaun zu ziehen.«

Vielleicht sollte ja dieser ganze Abend in irgendeinem komischen Fantasieland spielen. Vielleicht sollte Olive vorgeben, Neurochirurgin oder Astronautin zu sein, denn wenn man das Spiel schon spielte, dann konnte man es doch genauso gut richtig spielen.

Ein Bild blitzte in ihrem Kopf auf: Michael zu Hause in seinem Arbeitszimmer, der eine endlose Liste mit E-Mails aus seinem Wahlkreis abarbeitete. Wie er das Gesicht verzog, wenn irgendwo anders im Haus lautstarker Streit ausbrach. Wie er die Find-My Friends-App aufrief, um sich zu vergewissern, dass Olive heil angekommen war und sich Sorgen machte, weil sie bei so grässlichem Wetter unterwegs war. Eines von Michaels Lieblingsthemen waren die Gefahren der nordenglischen Winter.

Warum in aller Welt spielte sie hier irgendwelche Spielchen?

Ihr Handy meldete eine SMS. Rasch schaute sie auf das Display, doch es war nicht Michael, nur eine Erinnerungsmail von ihrem Fitnessstudio, dass sie ihren Vertrag verlängern musste. Und inzwischen unterhielten sie sich – über Lamas.

»Wie weit sind sie denn gekommen?«, fragte Olive, gerade als der Kellner mit einem Glas Whiskey auf einem Silbertablett kam.

»Fünf Kilometer die Straße runter, bevor ein Autofahrer die Polizei verständigt hat. Danke.« Die Frau umfasste ihr Glas mit der rechten Hand. »Die Jungs von der Farm haben sie zusammengetrieben und zurückgescheucht.«

Jetzt waren sie also ein Ehepaar mit zahmen Lamas. Olive spürte ein unbekanntes Kitzeln im Bauch, den aufkeimenden Drang, laut zu lachen. »Sind sie okay?«, wollte sie wissen.

Die Fremde kratzte sich am Hinterkopf und trank einen Schluck Scotch. »Ja. Lass uns nicht über die Lamas reden. Was macht dir zu schaffen?«

»Mir macht gar nichts zu schaffen.«

Die Frau beugte sich zu ihr vor. Wieder roch Olive einen Hauch Draußenluft, und darunter etwas wie Granatapfel oder vielleicht Sandelholz, aber verblasst, als wäre sie direkt von der Arbeit gekommen, ohne zu duschen oder sich umzuziehen.

»Du redest hier mit mir.« Die Frau stellte ihren Drink hin, verfehlte jedoch den Untersetzer, weil sie den Blickkontakt nicht abbrach, nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde. »Du beißt andauernd die Zähne zusammen, deine Schultern sitzen fast an den Ohren, und du kaust schon wieder an den Fingernägeln.«

Olive schielte nach unten. Ihre Nägel waren völlig hinüber. Und was den Rest anging – nun, wenn man bedachte, wie sich ihr Abend gerade entwickelte, war es ja wohl kaum überraschend, dass sie angespannt war. Vielleicht wurde es allmählich Zeit, dem Ganzen ein Ende zu machen. Sie könnte sich das Essen aufs Zimmer bringen lassen, Michael anrufen, sich wieder in die Normalität zurückzwingen.

Als spüre sie, dass Olive sich ihr entzog, beugte die Frau sich noch weiter vor, bis Olive ihre Whiskeyfahne riechen konnte. Für jeden, der ihnen zusah, würde das intim und vertraut wirken. Die Interaktion zweier Menschen, die sich in- und auswendig kannten.

»Hey.« Die Stimme der Frau war zu leise, um jenseits des kleinen Tisches gehört zu werden. »Es gibt nur einen Grund dafür, dass wir in ein Hotel eingecheckt haben, das fast bei uns um die Ecke ist.« Sie schaute sich in dem lauten Saal um und schnitt eine Grimasse. »So kurz vor Weihnachten.«

Eine Sekunde lang war Olive kurz davor, in Panik zu geraten. Diese Frau wusste, wo sie wohnte. Nein, das war unmöglich, das war ein Zufallstreffer gewesen wegen Olives leichten nordöstlichen Akzents.

»Und welcher war das noch mal?«, fragte sie herausfordernd.

»Um zu reden.« Die Fremde entspannte sich, lehnte sich zurück und griff von Neuem nach ihrem Glas. »Kotz dich richtig aus, Babe. Tu so, als sei ich deine beste Freundin. Immer raus damit, alles ist erlaubt.«

Und war es nicht genau das, was Olive brauchte: sich bei einer besten Freundin auszukotzen? Nur konnte sie ihren echten Freundinnen auf keinen Fall sagen, dass ihre Warnungen und Bedenken sich zu hundert Prozent bewahrheitet hatten. Und dass sie nach sechs Monaten Ehe – einer Ehe, von der alle ihr abgeraten hatten –, in einer unmöglichen, erbärmlichen Lage gewesen war. Nein, was sie dringend nötig hatte, war, bei einer Wildfremden, die sie nach diesem Abend nie wiedersehen würde, so richtig Dampf abzulassen.

Sie beugte sich vor und war dankbar, dass sie sich die Zähne geputzt hatte, bevor sie zum Essen hinuntergegangen war. »Deine verdammte Schwiegermutter«, zischte sie.

Das verdutzte Stirnrunzeln erschien wie erwartet, und Olive wartete darauf, dass die Fremde eine Formulierung hinterfragte, die ihr ganz sicher merkwürdig vorkam. Stattdessen zog sie ein Gesicht und nickte in stummer Anerkennung der Tatsache, dass Olive tatsächlich nicht unrecht hatte, so illoyal das auch sein mochte. Verflucht, sie machte das echt gut.

Ganz kurz fragte Olive sich, ob es wohl als heilsame Erinnerung dienen würde, über Gwendoline zu sprechen. Ob dies sie wieder in ihr wirkliches Leben zurückzerren würde, das Leben mit Problemen, die angegangen werden mussten. Und ihr wurde klar, dass sie nicht dorthin zurückwollte, noch nicht.

»Was hat sie denn jetzt wieder getan?«, erkundigte sich die Frau.

Eine Frage, die fast unmöglich zu beantworten war. Mit der Mutter von Michaels verstorbener Ehefrau umzugehen, war, als sterbe man an tausend kleinen Wunden. Nur wenig, was sie tat, reichte für eine berechtigte Beschwerde aus, doch ihre Taktik – eine Mikroaggression nach der anderen, Tag für Tag – würde jeden fertigmachen: Sie fiel Olive ständig ins Wort, ließ ihre Wäsche im Regen auf der Leine hängen, richtete Nachrichten von ihren Freundinnen und sogar von ihrem Mann nicht aus, knallte mit den Türen, wenn sie nach dem Nachtdienst schlief, regte sich lautstark über jeden Film auf, den sie sich im Fernsehen anschaute. So viele Gemeinheiten, unter denen man wählen konnte.

Olive entschied sich für: »Sie versteckt meine Post.«

Die Fremde runzelte die Stirn. »Sie tut was?«

»Wenn irgendetwas für mich kommt, versteckt sie es, bunkert es mehrere Tage lang, und dann liegt es wie durch Zauberhand auf der Fußmatte, als hätte die Post es verkramt.«

»Und woher weißt du, dass die Post es nicht verkramt hat?«

»Weil das zu oft vorkommt. Nie bei Einschreiben, weil ich die zurückverfolgen könnte. Ich hab’s dir nicht erzählt, aber sechs Geburtstagskarten sind verspätet angekommen. Und ich weiß von allen sechs Leuten, dass sie sie nicht zu spät abgeschickt haben. Sie wollte mir den Tag versauen.«

Olive konnte hören, dass ihre Stimme lauter geworden war. Was an ihrem Geburtstag geschehen war, wurmte sie immer noch. Das hier half tatsächlich, wie eine bizarre Therapie. Es fühlte sich toll an, sich das alles von der Seele zu reden. Während der letzten sechs Monate hatte sie zu viel in sich hineingefressen.

»Und die Mädchen sind auch keine Hilfe.« Olive merkte, wie sie immer mehr in Fahrt kam, als wäre es jetzt, wo sie einmal angefangen hatte, schwer, wieder aufzuhören.

»Sie sind doch noch Kinder«, versuchte die Frau abzuwiegeln. »Für sie war das alles doch auch nicht leicht.«

Wieder ein Zufallstreffer. Diese Frau konnte nicht wissen, wie alt ihre Stieftöchter waren.

»Das verstehe ich ja. Das haben wir auch gewusst. Und mit den Mädchen allein würde ich ja auch klarkommen. Sie sind keine fiesen Gören, natürlich nicht. Aber Gwendoline … ich weiß nicht. Es ist, als ob sie sie noch bestärkt. Die beiden sehen, dass sie sich gemein verhält, und wissen, dass sie auch mit so was durchkommen.«

Das Gesicht der Fremden war jetzt vollkommen ernst – die perfekte Zuhörerin.

»Und mir reicht’s. Ganz ehrlich, ich will morgen nicht nach Hause.«

Und war das etwa nicht die Wahrheit?

»Und was willst du dann?«, wollte die Frau wissen. »Was soll ich tun?«

Olive stellte ihr leeres Glas hin. »Du kannst nichts tun. Das weiß ich. Wir können es nicht ändern. Ich kann es nicht ändern.«

Der Kellner kam mit ihrem Essen.

»Rib-Eye-Steak blutig mit Pilzen für Sie, Mrs Anderson.« Der Mann hatte im Gästeverzeichnis des Hotels nachgeschaut, um ihren Namen in Erfahrung zu bringen. Das war eine höfliche Geste, doch es bedeutete, dass die Frau ihr gegenüber jetzt wusste, wie sie hieß. »Und für Sie ohne Pilze, Madam.«

»Sieht toll aus, vielen Dank.« Die vorgebliche Ehefrau lächelte zu dem Kellner hinauf.

»Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?« Der Mann schien sich länger an ihrem Tisch aufzuhalten, als es streng genommen nötig war.

»Alles gut, danke.«

»Guten Appetit.« Der Kellner bedachte sie beide mit einem Lächeln, blieb noch einen Augenblick stehen und ging dann davon.

»Okay«, sagte die Fremde.

»Okay – was?«

Die Frau nahm ihre Gabel und spießte ein Pommes auf. »Okay, wir ziehen aus. Was immer du willst, du brauchst es nur zu sagen, das solltest du wissen.«

Olive merkte, wie ihr beinahe ein freudloses Lachen entschlüpft wäre. Als könne der Albtraum, zu dem ihr Leben geworden war, so einfach in Ordnung gebracht werden.

2

Der vorderste Mann brach die Haustür auf. Gebaut wie ein D-Zug und allem Anschein nach genauso unaufhaltsam, holte er mit der Ramme aus und ließ sie nach vorn schwingen. Das Krachen zerriss die Stille der Nacht, und der festliche Kranz an der Tür, eine kunstvolle Spirale aus Christrosen, weißen Disteln und Eukalyptus schaukelte wild.

»Polizei!«

»Polizei! Weg von der Tür!«

Wieder krachte die Ramme, und dann ein drittes Mal, übertönte fast, aber nicht ganz das Gebrüll von über einem Dutzend Stimmen. Polizeirazzien waren eine sehr laute Angelegenheit.

Das Eichenholz rund um das Schloss zerbarst, und die Tür schwang auf. Der zweite Mann, bewaffnet und in voller Kampfmontur, schoss wie eine Pistolenkugel ins Haus und riss dabei den Kranz vom Haken. Hinter der Tür rannte er nach links. Der dritte Mann folgte ihm und bog nach rechts ab. Der Raum hinter der Tür war hell erleuchtet, die Eingangshalle eines Hauses, das einer wohlhabenden Familie gehörte. Bei denen, die noch draußen waren, hämmerten die Herzen und brodelte das Adrenalin – sämtliche Officers der Einheit konnten es kaum erwarten, ins Haus zu kommen.

Alle bis auf einen.

Der Lärmpegel stieg.

»Polizei, Hände hoch!«

»Polizei, rauskommen, sofort!«

Einer der Männer hatte so etwas noch nie gemacht, einer hätte alles dafür gegeben, jetzt, genau in diesem Moment, wieder Dienst als Verkehrspolizist zu schieben. Er atmete tief durch, und die Nachtluft brannte in seinen Nasenlöchern. Dann schaute er sich ein letztes Mal in der Winternacht um. In der kalten Brise konnte er einen Hauch Salz von der Nordsee her riechen und Holzrauch von einem nahe gelegenen Bauernhof. Das Haus stand auf einer Anhöhe, doch rund um ihn herum waren in der Finsternis nur wenige Lichter zu sehen. Die gewaltige Weite der North York Moors war einen Steinwurf weit entfernt.

Der Vierte, der das Haus betrat, rannte die Treppe aus Eichenholz mit dem gedrechselten Geländer hinauf.

Der fünfte Mann – der Neue –- rutschte fast auf dem herabgefallenen Weihnachtskranz aus. Eine Hand, glitschig vom Schweiß, umklammerte den Griff der Heckler & Koch G36. Die andere hielt den Lauf ruhig (mehr oder weniger), als er sich wieder fing und zur Seite trat. Während der nächsten paar Minuten bestand seine Aufgabe darin, die Haustür zu bewachen und sicherzustellen, dass niemand außer seinen Kollegen das Grundstück verließ.

Ganz einfach, redete er sich ein. Nichts weiter dabei. Nicht einmal er konnte das vermasseln.

3

Eine Stunde nachdem Olive Platz genommen hatte, war die namenlose Fremde noch immer genau das. Sie hatte ihren Namen nicht genannt. Ihre »Frau« würde ihn natürlich kennen, und wenn es eine Möglichkeit gab, ihn ganz subtil in Erfahrung zu bringen, so war sie Olive noch nicht eingefallen.

»Verrat mir ein Geheimnis«, sagte die Fremde, nachdem sie aufgegessen und Olive etwas mehr als die Hälfte von ihrem Steak geschafft hatte. Den Rest schob sie auf ihrem Teller herum und versuchte vergeblich, ihn kleiner aussehen zu lassen, als er war. Ihr Magen schien sein Missfallen an dem, was sie tat, zu äußern. Andererseits glitt der Wein ganz leicht hinunter, also war ihr Magen vielleicht ebenso durcheinander wie sie.

»Du kennst doch alle meine Geheimnisse«, konterte sie.

»Unmöglich.«

Die Frau streckte die Hand aus. Olive sah diese Hand – mit Sommersprossen und rauer Haut an den Fingerspitzen – wie in Zeitlupe auf ihr Gesicht zukommen. Völlig gebannt beobachtete sie sie wie ein kleines Säugetier eine sich wiegende Schlange. Finger streiften Olives Wange, und eine Haarlocke wurde hinters Ohr gestrichen, dann verweilten sie an ihrem Hals.

»Ich mag deine Ohren«, sagte die Frau. »Die sind sexy. Aber das weißt du ja.«

Im Speisesaal war es heiß geworden, oder so kam es Olive zumindest vor, und das Kondenswasser, das an den dunklen Fensterscheiben herabrann, erinnerte sie auf ungute Weise an die Schweißrinnsale, die ihr beharrlich den Rücken hinunterliefen. Schon seit einer ganzen Weile hätte sie gern ihre Jacke ausgezogen, hatte aber Angst vor dem Signal gehabt, das sie damit aussenden würde. Ausziehen suggerierte Entspannung, vielleicht sogar den Wunsch, ihren Körper zur Schau zu stellen.

Ihre Tischgefährtin hatte keine solchen Hemmungen. Der blaue Pullover hing schon lange über ihrer Stuhllehne und hatte ein enges schwarzes T-Shirt enthüllt. Sie gab sich alle Mühe, nicht hinzuschauen, aber Olive konnte nicht anders, als die vollen, hohen Brüste der Frau sowie ein kleines Seepferdchen-Tattoo auf ihrer rechten Schulter zu bemerken.

Sie hatte sich nach dem Tattoo erkundigen wollen, hatte sich sogar eine Formulierung ausgedacht, die nicht gegen die Spielregeln verstoßen würde: Du hast mir nie erzählt, warum du dir ausgerechnet dieses Tattoo hast stechen lassen. Doch sie tat es nicht, denn etwas über den Körper dieser Frau zu sagen – zuzugeben, dass sie das Tattoo bemerkt hatte –, das fühlte sich an, als würde eine Grenze überschritten.

Es hatte sie zutiefst schockiert, sich bei dem Gedanken zu ertappen, wie diese Brüste sich wohl in ihren Händen anfühlen würden.

»Na, komm schon«, drängte die Fremde. »Ein Geheimnis.«

Olives Wange und ihr Hals kribbelten noch immer. »Wenn ich das tue, verrätst du mir dann eins von deinen?«, fragte sie.

Die Frau zuckte die Achseln. »Ist ja nur gerecht. Du zuerst.«

Wieder hoben sich die Brauen der Frau, täuschten Überraschung vor, dabei hätte Olive alles Mögliche sagen können: Ich arbeite schon seit Jahren für den Inlandsgeheimdienst, mit sechzehn habe ich meinen Mathelehrer verführt, und diese Fremde hätte keine Ahnung, ob es stimmte oder nicht. Es war signifikant, dass sie beschlossen hatte, mit etwas Wahrem aufzuwarten, das war ihr klar.

»Seit Monaten tue ich so, als ob ich es toll finde«, fuhr sie fort, »weil ich weiß, wie wichtig es dir ist und wie viel es dir bedeutet, dass wir gemeinsam Spaß damit haben können, aber ich zitterte jedes Mal wie Espenlaub, wenn wir rausfahren. Mir wird schlecht, selbst wenn das Wasser ganz ruhig ist und wenn das Ding sich auf die Seite legt, wenn es das tut, was du kränken nennst, oder …«

»Krängen«, verbesserte die Fremde und verriet Olive damit, dass sie etwas vom Segeln verstand, wer immer sie auch war. Und vielleicht auch, dass sie ebenfalls nicht gern segelte, denn ihre Augen waren kälter geworden, und die Linie ihres Unterkiefers wirkte härter.

»Ich bin immer überzeugt, dass wir gleich kentern und dass ich ertrinke, und dann hasse ich dich«, fuhr Olive fort. »Ich hasse dich dafür, dass du mir glaubst, wenn ich behaupte, es macht mir Spaß, und ich hasse die Mädchen, weil sie das alles so mühelos hinkriegen, und ich hasse Gwen dafür, dass sie sich andauernd darüber auslässt, wie gut … na, du weißt schon.«

Sie hatte nicht gesagt, konnte es unmöglich sagen, aber … o Gott, die Erleichterung, diese Gefühle in Worte zu fassen!

»Das scheint mir etwas zu sein, worüber wir schon früher hätten reden sollen«, bemerkte die Frau.

Und sie hatte recht. Olive hatte so viel für sich behalten, ihr Groll wurde allmählich toxisch und zu einer Bedrohung für alles.

»Wie hätte ich dir etwas sagen können, das dazu führt, dass du mich weniger liebst?«

Die Frau öffnete den Mund, um irgendeine Plattitüde von sich zu geben, die Olive im Augenblick wirklich nicht hören wollte.

»Du bist dran«, sagte sie, um das zu verhindern.

Die Fremde antwortete nicht gleich, und Olive hatte einen Moment Zeit, um festzustellen, dass die Feiernden um sie herum entweder leiser wurden oder allmählich den Saal verließen. Irgendwo im Hotel dröhnte Discomusik, und viele der Gäste hatten sich dorthin aufgemacht. Der Raum, den sie zurückließen, war mit Weihnachtsfeier-Treibgut übersät: zerrissene Papierhüte, Luftschlangen, die feucht und schlaff auf dem Teppich mit Paisleymuster lagen, fleckige Papierservietten, ausgeweidete Knallbonbons und Proseccokorken.

Nach über einer Minute, als Olive schon nachhaken wollte, antwortete die Frau.

»Ich habe das hier geplant.«

Olive lehnte sich zurück und merkte, wie ihr Blick hart wurde. Also war das Spiel vorbei.

»Ich habe dich gesehen, als ich reingekommen bin, wie du allein hier gesessen hast. Ich habe gesehen, wie du aufgestanden bist, um zur Toilette zu gehen, und ich habe es drauf ankommen lassen.«

»Warum?« Es war also kein Irrtum gewesen, gefolgt von ein bisschen übermütigem Unfug. Diese Frau hatte das alles geplant, aus irgendeinem Grund, der noch nicht klar war, den sie aber bald kennen würde. Und Olive hatte viel zu viel Wein getrunken.

»Weil es sich angefühlt hat, als hätte jemand mein Innerstes gepackt und es einmal ordentlich verdreht, als ich dich gesehen habe«, erwiderte die Frau. »Und mir ist ein ganz verrückter Gedanke gekommen.«

Frag sie nicht, wasfür ein Gedanke. Das hier ist schon entschieden zu weit gegangen.

»Ich dachte: Da ist sie. Endlich.«

Olive war sich der Bewegung um sie beide herum bewusst, Personal, das sich bemühte, den Speisesaal aufzuräumen. Doch sie konnte den Blick nicht von den Augen der Frau auf der anderen Seite des Tisches lösen. Sie wartete darauf, dass der Zorn sich einstellte, die Empörung – was zum Teufel glaubte die, mit wem sie es hier zu tun hatte? –, und sie wartete vergeblich.

»Kann ich Ihnen noch etwas bringen?« Der Kellner war wieder da.

Olive konnte nicht sprechen. »Zwei Brandys bitte«, sagte ihre Tischgenossin. »Wir nehmen sie mit aufs Zimmer.«

»Kein Problem.« Der Kellner verschwand.

»Gehe ich zu weit?«, wollte die Frau wissen.

Ja, viel zu weit. Sie war verheiratet, und was sie mit Michael hatte, war viel zu wichtig, um es jetzt aufs Spiel zu setzen.

Und trotzdem, sie war so unglücklich. Und so betrunken. Und das hier fühlte sich mehr und mehr wie etwas … Unausweichliches an.

»Ich habe Zimmer Nummer sieben«, sagte Olive. »Auf der anderen Seite vom Innenhof.«

Die andere Frau stand auf. »Ich hole deinen Mantel.«

4

Die Frau, die namenlos war, schaute unwillkürlich kurz zum Himmel hinauf, als sie und Olive in die schneidende Dunkelheit hinaustraten. Die Kälte schien in sie hineinzuspringen, als schabten Messer in ihren Nasenlöchern und ihrem Rachen. Während sie gegessen hatten, waren weitere drei Zentimeter Schnee gefallen.

Aus dieser Nähe, den Arm bei Olive eingehakt, um ihr auf dem tückisch glatten Untergrund Halt zu geben, konnte sie ihr Parfüm riechen, etwas Warmes, Süßes. Olive roch nach Weihnachten.

Sie konnte nicht fassen, wie leicht es gewesen war. Wäre Olive an ihrem Tisch geblieben, hatte sie geplant, sich vielmals zu entschuldigen, zu erklären, dass das Restaurant voll sei, und ob es ihr sehr viel ausmachen würde, wenn sie sich dazusetze? Sie hatte ein Buch in der Jackentasche, eines, von dem sie wusste – Danke, Facebook! –, dass Olive es gelesen und fantastisch gefunden hatte. Hatte vorgehabt, es hervorzuholen und so zu tun, als sei sie ganz darin vertieft. Sich als höflich darzustellen, als rücksichtsvoll, als das genaue Gegenteil einer Bedrohung.

Die Unterhaltung hätte zögernd und unsicher begonnen. Sie hätte behauptet, ebenfalls Krankenschwester zu sein, hatte viel Arbeit in ihre Coverstory gesteckt, um eine Gemeinsamkeit zu finden. Stattdessen war Olive aufgestanden, um auf die Toilette zu gehen, und der Kellner hatte ihren Mantel vom Boden aufgehoben und ihn weggebracht.

Der Frau, die namenlos war, war es vorgekommen, als seien sämtliche Schicksalsgöttinnen ihr hold. Ohne nachzudenken, war sie losgegangen, hatte auf dem Stuhl gegenüber Platz genommen und ein paar Mal tief durchgeatmet, um entspannt zu wirken.

So einfach. Sie hatte sich schon gedacht, dass die Andersons Probleme hatten – unter diesen Umständen doch ganz bestimmt –, doch das alles war nur so aus Olive herausgeströmt: Verbitterung, Enttäuschung, Frustration. Und unter all dem große Einsamkeit.

Sie war ein bisschen bestürzt, wie sehr sie versucht war, Olive zu mögen. Natürlich war Andersons Ehefrau bildschön, aber das hatte sie ja gewusst. Sie hatte doch jede Menge Fotos von den beiden gesehen. Womit sie nicht gerechnet hatte, war das Strahlen ihrer Haut, das Leuchten in ihren grünen Augen, der seidige Glanz ihres Haares. Sogar müde, sogar gestresst, hatte sie das gewisse Etwas.

Das änderte nichts. Sie hatte Olive Anderson zu lange gehasst, um jetzt zu erwägen, ihren Kurs zu ändern. Olive würde bekommen, was sie verdient hatte.

5

Der Mann, der die Haustür der Villa bewachte – Garry – spürte, wie ihm der Schweiß in die Augen lief. Ihm war klar, dass das bestimmt aussah, als würde er flennen, also löste er eine Hand von der Waffe, um ihn wegzuwischen.

Der Krach um ihn herum machte ihn beinahe taub: das Dröhnen von Stiefeln auf Steinboden, Männer, die Befehle brüllten, eine Frau, die schrie. Von draußen kam Geknatter wie von Feuerwerkskörpern, als Ablenkungsexplosionen hochgingen. Ein Kerl, der sogar noch größer war als er, stolperte auf dem Weg ins Haus und trat Garry ganz kurz auf den Fuß.

Garry fluchte nicht – er fluchte nie, er bekam eine Gänsehaut, wenn er Schimpfworte hörte –, doch er biss sich heftig auf die Lippe, während ihm echte Tränen in die Augen schossen. Der andere marschierte weiter, ohne sich zu entschuldigen oder sich auch nur umzusehen, und Garry konnte Blut im Mund schmecken.

Blut und Tränen. Sehr passend.

Das gesamte Team war jetzt im Haus, auch die, die von der Rückseite her eingedrungen waren. Das Gebrüll ging weiter, Türen wurden aufgerissen … Der Heidenlärm war Absicht, er sollte den Bewohnern des Hauses Angst machen und sie einschüchtern.

Nicht nur die Bewohner.

Garry drückte sich an die Hauswand und sagte sich, dass es bald vorbei sein würde. Dass er doch nur die Tür bewachen musste und dass nichts schiefgehen konnte, überhaupt nichts.

6

Olive hielt sich am Arm der Fremden fest, als sie den Innenhof überquerten. Der Schnee war liegen geblieben und war bereits über fünf Zentimeter hoch. Aus dem offenen Fenster einer Bar dröhnte ein Weihnachtssong, das betrunkene Grölen von fünfzig nicht eben tonsicheren Stimmen übertönte den Sänger. Als sie dicht an dem Fenster vorübergingen, schritten sie durch eine Blase aus warmem Dunst. Schneeflocken fielen in das Glas, das Olive in der Hand hielt, und schmolzen beim Kontakt mit dem Brandy sofort.

Sie hatte das Gefühl, dass ihr die Kontrolle über das Geschehen immer mehr entglitt, dass sie haltlos den Winden des Schicksals ausgeliefert war. Sie war betrunken, sicher, aber nicht so betrunken, dass sie gegen ihren Willen eine Wildfremde auf ihr Zimmer mitnehmen würde. Das hier war etwas anderes, etwas, das sie noch nie erlebt hatte. Es war beängstigend und sehr erregend.

Mit ihrem Zimmerschlüssel öffnete sie die Tür des Anbaus und ging voraus auf das Ende des Flurs zu. Fünfzehn kurze Schritte, und bei jedem sagte sie sich, dass es noch nicht zu spät sei. Sie könnte sich entschuldigen und sagen, sie hätte es sich anders überlegt, ihr sei klar geworden, dass dies hier die schlechteste Idee der Welt sei.

Doch Michael, die Mädchen und das Leben, mit dem sie sich die letzten sechs Monate lang abgemüht hatte, waren in ihrem Kopf verblasst wie ein Traum, der beim Aufwachen verging. Oder wie eine alte Kindheitserinnerung oder eine alte sepiabraune Fotografie. All das kam ihr nicht mehr real vor. Das hier war real, die hochgewachsene Frau einen halben Schritt hinter ihr, die sie eben gestützt hatte, als sie im Schnee ausgerutscht war, so schnell und so geschickt, dass nicht einmal ihre Drinks übergeschwappt waren.

In ihrem Zimmer roch es nach der Fremden. Olive bemerkte einen Hauch Sandelholz und blieb in der Tür stehen. Eigentlich sollte es unmöglich sein, dass der Geruch dieser Frau ihnen vorausgeeilt war, um das Zimmer für sich zu beanspruchen, so wie sie jetzt Anspruch auf Olive erhob, sie sanft hineinschob und die Tür schloss. Ihr den Mantel abstreifte und ihn fallen ließ, ihr ins Haar griff und ihr Gesicht sanft dem ihren entgegenhob.

»Endlich«, sagte sie halblaut, als sie sich vorbeugte und sie küsste.

So anders, war alles, was Olive während jener ersten Augenblicke denken konnte. Michael, der beim Sex wie ein Tier war, hätte sie gepackt, sobald die Tür zu war, hätte ihr Gesicht zu sich gezerrt, ihr die Kleider heruntergerissen und sich nicht darum gekümmert, ob sie Schaden nahmen. Michael hätte den Brandy über ihren nackten Körper gegossen und dafür gesorgt, dass er den Weg an sämtliche intimen Stellen fand, bevor er ihn abgeleckt hätte. Michael fickte sie wie ein Pornostar – wild, angeberisch –, zog sich mehrmals zurück und bog sie grob in die nächste unmögliche Stellung, bevor er schließlich, nach dreißig Minuten oder so, lautstark zum Höhepunkt kam.

Michael scherte sich nie darum, wer ihn beim Orgasmus hören konnte, weder seine Töchter noch die Mutter seiner verstorbenen Frau, weder die Kühe im Stall noch das Personal der Home Farm, das einen knappen Kilometer weiter an der Straße wohnte.

Diese Frau war das genaue Gegenteil von Michael. Ganz langsam zog sie Olive aus und küsste jeden Zentimeter Haut, den sie freilegte. Diese Frau ließ sich Zeit, trat ab und zu ein paar Sekunden lang zurück, um sie zu betrachten, sodass sich Olive unter den Augen der Fremden mehr als nackt fühlte.

Diese Frau hob sie hoch und legte sie sanft aufs Bett, ehe sie ihre eigenen Kleider abstreifte und sich neben sie legte. Noch immer wollte sie nicht mehr als schauen, als Olive küssen, als mit der Hand über Olives Haut fahren.

»So unterwürfig«, sagte sie ihr leise ins Ohr, und das tat weh. Michaels Verhalten im Bett machte eine Beteiligung seitens Olive fast unmöglich. Nie ließ er sie die Führung übernehmen, und irgendwann hatte sie vergessen, wie das ging.

Diese Frau ließ ihr reichlich Zeit, es sich noch einmal zu überlegen, reichlich Zeit aufzuspringen, sich ihren Mantel zu schnappen und aus dem Zimmer zu stürzen. Diese Frau machte das zum Allerletzten, was Olive tun wollte. Als ihre Finger schließlich in Olive hineinkrochen, so langsam und behutsam wie alles andere, was sie getan hatte, hörte sie auf, sie mit Michael zu vergleichen.

»Wer bist du?«, schrie sie einmal in das dunkle Zimmer hinein.

Es kam keine Antwort.

7

Die Männer des Teams trampelten noch immer durch die alte Villa aus dem 18. Jahrhundert wie zweibeinige Rhinozerosse, glänzend schwarz und superaggressiv in ihrer Schutzmontur. Garry konnte Stiefel im Obergeschoss poltern hören. Die Bewohner des Hauses – laut ihren Informationen mindestens zwei, es konnten aber auch mehr sein – waren nicht gefunden worden.

Die Razzia bei Howie Tricks – dem jüngeren Bruder von Stevie Tricks, dem berüchtigten Boss des hiesigen organisierten Verbrechens – war eigentlich für morgen früh um vier Uhr geplant gewesen, doch nach einem ungünstigen Wetterbericht war sie vorverlegt worden. Morgen um vier könnte die Straße draußen unpassierbar sein, und der Polizei von Cleveland stand nur ein enges Zeitfenster zur Verfügung, um gestohlene Goldbarren im Wert von mehreren Millionen Pfund sowie eine sehr, sehr wertvolle Halskette aus Rubinen und Diamanten wiederzubeschaffen, die vor Kurzem bei Sotheby’s geklaut worden war – den berüchtigten »Ring of Blood and Tears«.

Garry schaute auf seine Uhr. Achtzehn Minuten, seit die Operation begonnen hatte, und es kam ihm viel länger vor. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, was in aller Welt ihn geritten hatte, die Ausbildung bei den Bewaffneten Einsatzkräften zu machen.

8

Die Fremde schlief anscheinend eine Weile. Olive lag neben ihr und wartete auf die Scham, die doch bestimmt gleich kommen würde. Der Wahnsinn war vorbei, die Lust war befriedigt. Ihre Rache an ihrem Mann, an allem, zu dem ihr Leben geworden war – denn genau das war es gewesen, das war ihr jetzt klar –, war vollendet.

War das Scham, dieses brennende Gefühl in ihrer Brust, dieses Gefühl, als müsse sie sich gleich übergeben?

Vorsichtig schlüpfte Olive aus dem Bett. Sie fürchtete sich davor, die Frau zu wecken, und wusste doch zugleich, dass sie das bald tun und sie zum Gehen auffordern musste. Michael würde nämlich morgen früh anrufen, und auf gar keinen Fall konnte sie mit ihrem Mann reden, während eine nackte Frau in ihrem Bett lag. Er benutzte FaceTime, und er würde eine virtuelle Führung durch ihr Zimmer verlangen, würde wissen wollen, was für Unterwäsche sie gerade trug.

Was zum Teufel hatte sie getan?

Olive tastete sich um herumliegende Kleidungsstücke herum, an der Reisetasche vorbei, die sie gar nicht richtig ausgepackt hatte, und sah ihre Handtasche neben der Tür. Die würde sie gleich verstecken. Sie konnte nicht riskieren, dass diese Frau noch mehr über sie in Erfahrung brachte. Sie musste die anonyme Mrs Anderson bleiben. Nicht einmal ihren Vornamen hatte sie der Frau verraten.

Im Badezimmer ging sie aufs Klo, trank Wasser aus dem Hahn und wischte sich den Schweiß vom Körper, aber sie duschte nicht. Duschen würde die Frau im Schlafzimmer wecken, und außerdem war die Dusche etwas für die Zeit, wenn sie fort war, wenn sie jede Spur von ihr wegwaschen konnte.

Dann schauderte sie, musste plötzlich wieder an den Sex denken. Der Sex war wunderbar gewesen: sanft, aufreizend, quälend langsam, und eine winzige, völlig irrwitzige Stimme in ihrem Kopf drängte sie, wieder ins Schlafzimmer zu schleichen, unter die Decke zu kriechen und das alles noch einmal zu erleben.

Genug. Sie würde die Frau jetzt wecken und ihr erklären, dass sie gehen müsse, dass es für sie keinen Platz in Olives Leben gab. Die andere würde es verstehen. Sie war ja auch verheiratet.

Das hatte sie ganz vergessen. Die Fremde war verheiratet, sie hatte genauso viel zu verlieren wie Olive. Erleichterung flutete über sie hinweg.

Sie schlang sich ein Handtuch um den Körper und öffnete die Badezimmertür. Versuchte gar nicht, leise zu sein, denn es war Zeit.

Die Deckenbeleuchtung war an. Die Frau war wach. Nicht nur wach, sondern vollständig angezogen, und sie zog gerade den Reißverschluss von Olives Reisetasche zu. Dann drehte sie sich um und schien tief Luft zu holen, bevor sie etwas sagte.

»Zieh dich an«, sagte sie. »Wir fahren.«

Dies hier war eine andere Frau, und doch hatte sich nichts geändert, sie sah noch genauso aus wie vorher.

»Was?« Olive umklammerte das Handtuch, froh, dass sie wenigstens irgendetwas anhatte. Die andere hatte sogar ihre Schuhe angezogen. Das hier war ein bisschen wie in so einem Traum, in dem man sich plötzlich splitternackt in der Öffentlichkeit wiederfindet.

Nichts hatte sich verändert, außer die Augen der Frau, die so kalt und hart geworden waren wie Feuersteine.

Und der Laptop dort, der offen auf der Kommode stand, der gehörte nicht Olive. Was ging hier vor?

Urplötzlich war sie sich des Inneren ihres Körpers fast schmerzhaft bewusst, und das fühlte sich kalt und schwer an wie Lehm.

»Wir checken aus.« Die kalten Augen der Frau hatten jetzt etwas Verschlagenes. »Hol all deine Sachen aus dem Bad und zieh dich an. Sofort, Olive.«

Sie hatte ihren Namen benutzt. Olive hatte der Fremden ihren Namen nicht gesagt. Plötzlich hatte sie große Angst.

»Ich sag’s nicht noch mal«, blaffte die Frau.

Olive fand ihre Stimme wieder. »Ich denke nicht dran. Verschwinde.«

Die Frau seufzte und trat zu dem Laptop. Sie drückte auf die Leertaste, und der Bildschirm erwachte schlagartig zum Leben. Ein Foto erschien, in genau diesem Zimmer gemacht. Von ihnen beiden. Wie sie sich küssten.

Nein, kein Foto, ein Video. Olive sah den Fortschrittsbalken am unteren Bildschirmrand. Ein Video, das über zwanzig Minuten lang war.

»Manche Teile sind ein bisschen dunkel, aber man sieht recht deutlich, dass die Frau darin – die größtenteils nackt ist – du bist. Und dass die Person, die du vögelst, nicht Michael Anderson ist, der Parlamentsabgeordnete des Wahlkreises Middlesbrough South and East Cleveland.«

Das Zimmer erschien Olive nicht mehr viel zu hell, seine Ränder wurden dunkel und unscharf.

»Willst du dir ein bisschen anschauen?«, fragte die Frau.

Olive schüttelte den Kopf, doch das konnte die Frau nicht sehen, und es hätte wahrscheinlich auch nichts geändert. Sie spulte das Video bis etwa zur Hälfte vor und klickte dann auf PLAY.

Der Kopf der Fremden war zwischen Olives Beinen, ihre Hände griffen nach oben und umfassten ihre Brüste. Olives Knie waren angewinkelt, sodass ihre Füße die Schultern der Frau streiften. Die Arme hatte sie über den Kopf gestreckt und umklammerte das Kopfteil des Bettes, und ihr Mund war zu seinem stummen Schrei geöffnet.

»Es waren drei Kameras«, erklärte die Frau. »Über der Vorhangstange, auf dem Kopfteil vom Bett und hinter der Lampe auf der Kommode. Ich bin in dein Zimmer eingebrochen, als du zum Essen runtergegangen bist.«

Deswegen hatte es im Zimmer nach ihr gerochen. Und sie hatte Olive sogar gewarnt: Ich habe das geplant.

»Ich habe dich aus jedem erdenklichen Blickwinkel gefilmt, Olive, und ich muss sagen, gratuliere, das war eine tolle Show.«

Olive stürzte zurück ins Badezimmer und krümmte sich über dem Klo, während alles aus ihr herausströmte. Beim letzten Würgen merkte sie, dass die Frau hinter ihr stand.

»Du hast fünf Minuten«, ließ sie Olive wissen. »Zieh dich an, pack alles ein, und dann checken wir aus. An der Rezeption sagen wir, dass wir einen familiären Notfall haben und sofort abreisen müssen. Du bezahlst die Rechnung, und dann steigen wir in dein Auto.«

Olive rührte sich nicht.

»Fünf Minuten, Olive. Oder dieses Video wird ins Internet gestellt.«

9

Die Fremde fuhr. Olive bezweifelte, dass sie dazu in der Lage gewesen wäre, auch ohne all den Alkohol, den sie konsumiert hatte. Zu spät fiel ihr wieder ein, wie wenig die andere Frau getrunken hatte. Olive hatte vorhin ziemlich einen sitzen gehabt, die Fremde nicht.

Jetzt fühlte Olive sich überhaupt nicht mehr betrunken. Gefangen in einer Parallelwelt, in der Albträume wahr wurden, ansonsten aber stocknüchtern.

Hexham war eine kleine Stadt. Sie ließen sie rasch hinter sich und fuhren nach Norden in die weiße Nacht hinein. Die Fremde fuhr schnell, als könne sie dem Schnee davonrasen, der immer näher an die Straßenmitte heranschwappte. Sie war eine aggressive Fahrerin, bremste scharf und beschleunigte abrupt. Saß kerzengerade auf dem Fahrersitz, konzentrierte sich vollkommen auf die Straße und sagte kein Wort.

Das Radio lief leise, und die andere Frau drehte jedes Mal lauter, wenn eine der zahlreichen Verkehrswarnungen durchgegeben wurde. Die meisten schienen wetterbedingt zu sein: blockierte Straßen, Sperrungen aus Sicherheitsgründen, liegen gebliebene Fahrzeuge oder Unfallmeldungen.

Als sie sich dem ersten Dorf näherten – einem winzigen Nest namens Acomb –, zwang Olive sich, etwas zu sagen. Nur ein paar Worte. Eine simple Frage.

»Wo fahren wir hin?«

Die Fremde wandte den Blick nicht von der Straße. »Das erfährst du noch früh genug.«

Olive hatte keine Ahnung, ob es gut oder schlecht war, dass es nicht weit war. Alles, was sie wusste, war, dass in ihrem Kopf Todesangst die Scham verdrängt hatte. Was zum Teufel hatte sie getan, einfach in dieses Auto zu steigen?

Die Uhr auf dem Armaturenbrett verriet ihr, dass es zwanzig nach zehn war. Michael würde London bereits verlassen haben und auf dem Heimweg sein, und er rief sie immer vom Auto aus an. Doch diese Frau hatte ihr das Handy weggenommen, es ausgeschaltet und in eine Innentasche ihrer Reisetasche gesteckt. Diese Tasche lag jetzt im Kofferraum des Wagens und Olives eigene auch.

Sie überlegte, wann Michael anfangen würde, sich Sorgen um sie zu machen – wenn überhaupt.

Am Ende des Dorfes mussten sie langsamer werden, als sie auf eine Baustellenampel zufuhren. Rasch schielte Olive zur Tür hinüber.

»Vergiss es«, warnte die Frau, ohne die rote Ampel vor ihnen aus den Augen zu lassen.

Aber sie musste doch, dies hier könnte ihre letzte Chance sein. Traute sie sich das? Aus dem Wagen springen und ins Dorf rennen, um Hilfe schreien, sobald sie Luft holen konnte?

Sie hatte einen gewaltigen Fehler gemacht. Vorhin, im Hotel, hatte sie nicht nachgedacht. Sie war in Panik geraten, hatte sich in etwas Gefährliches hineinziehen lassen. Diese Frau war gefährlich. Sie musste weg von ihr, sofort.

Ihre Hand glitt zur Schließe des Sicherheitsgurtes hinab.

Die Ampel sprang auf Rot und Gelb.

Jetzt. Sie griff nach dem Türöffner.

Die Fremde trat das Gaspedal durch. Eine Sekunde lang, möglicherweise auch zwei, tanzte das Auto auf der Straße, als die Reifen nach Halt suchten, dann schossen sie vorwärts, kurz bevor die Ampel auf Grün sprang.

»Mach mich nicht wütend«, sagte die Fremde.

10

Natürlich kannte Garry die Antwort auf seine eigene Frage. Nachdem er bei den Detective-Prüfungen zweimal durchgefallen war (und man ihm geraten hatte, es nicht noch einmal zu versuchen), hatte er Punkte gutmachen müssen und hatte sich bei der Spezialeinheit beworben. Die Ausbildung war nicht einmal schwer gewesen, er hatte einfach nur lernen müssen, mit der Ausrüstung umzugehen und sie in Schuss zu halten, außerdem ein bisschen Nahkampftraining und ein wenig Erste Hilfe, mit der er ohnehin schon vertraut gewesen war. Beim Fahren war er einsame Spitze gewesen: Abfangmanöver, taktische Verfolgungstechniken. Und er hatte sich auch als ganz brauchbarer Schütze erwiesen, nachdem er aufgehört hatte, darüber nachzudenken, wie er damit klarkäme, wenn er anstelle einer Zielscheibe einen lebendigen Menschen vor sich hätte.

Damals schien das so eine gute Idee zu sein, und sein Dad hatte endlich etwas, womit er bei seinen Expolizisten-Kumpels im Golfclub angeben konnte.

Irgendwo im Haus bellte ein Hund. Die Tricks’ besaßen zwei Rottweiler, und es war die Rede davon gewesen, sie zu erschießen, wenn sie aggressiv wurden. Garry war froh: Das Gebell und die Tatsache, dass keine Schüsse ertönten, bedeutete, dass das wahrscheinlich nicht passiert war. Es war nicht besonders schwer zu erraten, wer dazu abkommandiert werden würde, sich um die toten Hunde zu kümmern.

Das Funkgerät knisterte. »Wir haben Howie Tricks. Howie kommt jetzt raus.«

Der Raum schien sich in Sekundenschnelle zu füllen. Von irgendwo hörte Garry jemanden Anweisungen brüllen, und dann wurde Howie Tricks in Handschellen ins Zimmer geführt. Ein weißer Mann Mitte vierzig mit Winterbräune, an etlichen Fingern, beiden Handgelenken und sogar um den Hals glitzerte Gelbgold.

Trotz seines protzigen Aussehens hatte der Mann etwas latent Bedrohliches an sich. Er leistete keinen Widerstand, bewegte sich aber absichtlich sehr langsam. Sein Kopf schwang hierhin und dorthin wie der eines Reptils auf der Suche nach seiner nächsten Mahlzeit, während er das Chaos in seinem Haus betrachtete.

»Wo ist meine Frau?«, wollte er wissen, und er brauchte die Stimme nicht zu heben, um sich Gehör zu verschaffen. »Was habt ihr verschissenen Schwachköpfe mit meiner Frau gemacht?«

Garry unterdrückte ein Schaudern. Er konnte unflätige Kraftausdrücke nicht ausstehen.

»Sagen Sie uns, wo das Gold ist, Howie«, antwortete der Sergeant, der den Einsatz leitete. »Und was ist mit der hübschen Rubinkette?«

»Keine Ahnung, wovon ihr redet.«

Howie Tricks hatte sein Vermögen damit gemacht, Gold zu kaufen und zu verkaufen. Oft – obgleich das niemals bewiesen worden war – von höchst zweifelhaften Anbietern.

»Schafft ihn raus«, befahl der Sergeant.

Tricks wurde hinausgeführt. Dabei sah er den Mann, der vor der Tür seines Hauses strammstand. Den Mann, an dessen Stiefel noch immer Teile des Weihnachtskranzes klebten.

Garry trug volle Kampfmontur, einschließlich Helm und Sturmhaube, die den unteren Teil seines Gesichts bedeckte. Trotzdem spürte er die volle Wucht von Tricks’ durchdringendem Blick. Die Augen des Mannes waren von einem kalten, harten Blau. Garry versuchte, ein neuerliches Schaudern zu unterdrücken, und sah das befriedigte Aufleuchten in Tricks’ Augen, als ihm das nicht gelang.

11

Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte halb elf. Olive hatte weder Mond noch Sterne gesehen, und Straßenlaternen hatten sie schon lange hinter sich gelassen. Doch der Schnee schien ein eigenes Licht zu verströmen und milderte die Finsternis. Auf einer Seite der Straße, jenseits eines riesigen weißen Feldes, deutet eine geschwungene Baumreihe vor dem grauen Himmel an, dass der Fluss ganz in der Nähe war. Sie kamen durch Wall, und die bunten Lichter des Weihnachtsbaums auf dem Dorfanger wirkten wie ein Symbol einer Welt, an der teilzuhaben sie nicht mehr verdiente.

»Wer bist du?« Olive war verblüfft, wie ruhig ihre Stimme klang.

»Falsche Frage.«

Olive öffnete den Mund, um die naheliegende Erwiderung vorzubringen, und beherrschte sich gerade noch rechtzeitig. Hier würde nicht alles so laufen, wie diese Frau es wollte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die Fremde kurz zu ihr hinüberschaute. Mehr als einmal.

Schließlich brach die andere das Schweigen. »Die richtige Frage lautet: Was will ich?«

»Ich nehme mal an, das hier hat etwas mit meinem Mann zu tun«, sagte Olive.

Ein leises Prusten, irgendwo zwischen einem Lachen und einem Schnauben.

Es musste um Michael gehen. Die meisten Abgeordneten polarisierten. Vielen missfielen ihre politischen Ansichten, andere hegten einen persönlichen Groll wegen Problemen, die durch ein strenges Schreiben auf Parlamentsbriefpapier nicht behoben werden konnten. Allerdings hatte Michael mehr Brücken geschlagen als die meisten anderen. Soweit das für einen Abgeordneten möglich war, war er beliebt.

Draußen schneite es noch immer, so heftig, dass die Scheibenwischer auf Hochtouren arbeiteten. Die Ränder der Windschutzscheibe waren mit einer dicken weißen Schicht bedeckt, und das Blickfenster auf die nächtliche Landschaft wurde von Minute zu Minute kleiner.

Im Radio wurde die Musik durch eine Verkehrsmeldung unterbrochen. Die A69 in Richtung Norden war völlig zu, und die Polizei riet den Leuten, zu Hause zu bleiben, wenn eine Fahrt nicht absolut unumgänglich war.

Als die Ansage vorbei war, fragte Olive: »Woher wusstest du, dass ich heute Abend in Hexham sein würde? In diesem Hotel?«

Von der Fremden kam nichts, sie verzog nur ganz leicht die Lippen.

»Du hast das geplant. Das hast du selbst gesagt. Du kannst mir ja nicht wochenlang auf gut Glück gefolgt sein.«

Noch immer nichts.

»Jemand hat dir gesagt, wo ich sein würde.« Bei dieser Erkenntnis schien sich das Rumoren in Olives Magen plötzlich zu verfestigen, zu etwas zu werden, das das Leben aus ihr herausquetschen könnte. »Wer?«

Die Fremde lachte leise auf. »Wie heißt es doch so schön, Olive? Halte deine Feinde näher bei dir als deine Freunde?« Sie schaute zu ihr hinüber und hielt in Anbetracht des Tempos, mit dem sie unterwegs waren, gefährlich lange Blickkontakt. »Sieht aus, als hättest du deine wirklich sehr nahe bei dir gehabt.«

12

Die Frau, die noch immer namenlos war, konnte den Schweiß kalt und feucht zwischen ihren Schulterblättern spüren. Schon ein paar Mal wäre der Wagen beinahe stecken geblieben; entweder hatte es so weit im Norden heftiger geschneit, oder an den Hecken hatten sich Schneewehen gebildet. Mit jedem Wegrutschen der Reifen, jedem Zurücksetzen und dem darauffolgenden Bemühen, wieder Bodenhaftung zu bekommen, fühlte sie die Wut wachsen. Ihre Hände waren steif und kalt ums Lenkrad gekrampft, als würden sie ihre Krallenform behalten, wenn sie losließ.

»Woher hast du’s gewusst?«, fragte Olive. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, dass sie etwas gesagt hatte.

»Woher hab ich was gewusst?«

»Dass ich mich von dir verführen lassen würde.«

Die Fremde riskierte es, den Blick von der Straße zu lösen und kurz zu Olive hinüberzuschauen. Der furchtsame Gesichtsausdruck war verschwunden, stattdessen sah sie aus, als wäre sie stinksauer. Die Fremde beschloss, dass ihr das lieber war. Eigentlich war sie ja enttäuscht gewesen, wie leicht Olive kapituliert hatte.

»Ich dachte, es wäre umgekehrt gewesen«, meinte sie.

»Du blöde Zicke.« Auch Olives Stimme war härter geworden. »Egal, woher hast du gewusst, dass das passieren würde? Wenn ich nun gesagt hätte, du sollst dich verpissen, oder mich woandershin gesetzt hätte? Oder wenn ich aufs Zimmer gegangen und beim Zimmerservice bestellt hätte? Woher hast du gewusst, dass ich so betrunken und so dämlich und verzweifelt sein würde, so was wie dich an mich ranzulassen?«

»Autsch.« Das hatte tatsächlich gesessen.

»Na komm schon, woher?«

»Ich hab’s nicht gewusst. Dass du so leicht zu haben bist, war ein Bonus.«

Sobald die Worte aus ihrem Mund heraus waren, bereute sie sie. »Entschuldigung«, sagte sie.

»Du kannst mich mal kreuzweise«, knurrte Olive.

»Und um deine Frage zu beantworten, ich hatte einen Plan B. Ein paar Benzodiazepin-Tabletten in meiner Jackentasche. Die wollte ich dir ins Glas tun. Nach fünf Minuten habe ich gewusst, dass das nicht nötig sein würde.«

Schweigen, dann fragte Olive: »Rohypnol?«

Die klassische Date-Rape-Droge. »Gut, dass du Rotwein trinkst. Die Hersteller tun da jetzt blaue Farbe rein, wusstest du das? Sieht man in einem Glas Chardonnay sofort.«

Olives Augen schlossen sich kurz. »Warum? Was zum Teufel soll das alles?«

Etwas flog vor dem Auto vorüber und ließ sie beide zusammenfahren. Es war nur ein Vogel, doch die Fremde hatte nicht damit gerechnet, so schreckhaft zu sein.

»Nicht jetzt, Olive. Falls du’s nicht gemerkt hast, die Straßenverhältnisse sind ein bisschen heikel.«

»Michael ruft mich an. Er ruft jeden Abend an, wenn ich unterwegs bin. Wenn er mich nicht erreichen kann, ruft er im Hotel an.«

»Und was, glaubst du, werden die ihm sagen?«

Die Fremde wartete darauf, dass Olive begriff. Ihr Schweigen deutete darauf hin, dass das wahrscheinlich schon geschehen war. Sie würden Michael sagen, dass Olive das Hotel mit ihrer Frau verlassen hatte.

13

Tina Tricks, Howies Ehefrau, war gefunden worden. Oder vielmehr hatte sie sich oben in einem Badezimmer eingeschlossen und sich trotz Aufforderungen, beharrlicher Anweisungen und dann direkter Befehle der Polizisten im Flur geweigert herauszukommen. Schließlich war das Schloss mit einem harten, lauten Tritt aufgesprengt worden. All das erfuhr Garry aus Gesprächen, die rund um ihn herum stattfanden. Der hektische Wirrwarr von vorhin hatte sich jetzt gelegt, nachdem sie Howie Tricks und seine zwei Teilhaber in Gewahrsam hatten. Keiner von ihnen hatte bewaffneten Widerstand geleistet. Dass sie auch Tina geschnappt hatten, bedeutete, dass die Suche in geordneteren Bahnen fortgesetzt werden konnte. Tina Tricks, eine hochgewachsene, schlanke Frau mit dichtem braunem Haar, wurde im lachsfarbenen Pyjama in die Eingangshalle geführt. Sie drückte mit beiden Händen ein Stofftier an die Brust.

»Setzen Sie sich da hin«, sagte die Polizistin, die sie begleitete, und drückte sie dann auf eine Polsterbank genau gegenüber von Garry. »Wir müssen Ihnen Schuhe besorgen. Wo finden wir Schuhe?«

»Leck mich«, antwortete Tina, ehe sie beide Füße auf die Bank zog und sich um das Stofftier krümmte.

»Dann schaue ich eben mal nach«, seufzte die Polizistin. »Warum denken Sie nicht mal darüber nach, wann Sie die Kette zum letzten Mal gesehen haben, Tina? Ich kann nicht glauben, dass Sie das Ding nicht anprobiert haben.«

Ihren Informationen nach konnte die Halskette überall im Haus sein: Sie konnte im Kühlschrank liegen, Tina konnte sie am Leib tragen, sogar einer der Hunde konnte sie um den Hals haben. Die Kette war das größere Problem. Goldbarren würden leicht zu finden sein – bei einem Schmuckstück sah das anders aus.

Der Einsatzleiter kam in die Eingangshalle und pflanzte sich direkt vor Garry auf, sodass er ihm fast völlig die Sicht versperrte.

»Wir sind mit dem Weinkeller fertig, Boss.« Ein weiterer Polizist, absolut anonym in voller Kampfmontur, kam auf sie zu. »Nichts. Als Nächstes nehmen wir uns die Büros vor. Und ein Team ist bereit, die Ställe zu übernehmen.«

Tina Tricks hielt Pferde – vier wunderschöne Tiere, die alle zusammen knapp eine Million Pfund wert waren. Gegenüber von den Ställen war noch ein Gebäude, in dem sich ein Hallenbad, ein Fitnessstudio und Büros befanden.

Über die Schulter seines Vorgesetzten konnte Garry sehen, dass Tinas Blick starr auf ihn gerichtet war, als fände sie seine statuenhafte Reglosigkeit bedrohlicher als das Herumwuseln all der anderen Officers. Das Stofftier, das sie umklammerte, war ein Teddybär, sah er jetzt. Als sich ihre Blicke begegneten, drückte sie es abermals an sich, und Garry hatte plötzlich ein ganz merkwürdiges Gefühl. Irgendwie wusste er, dass der Teddy wichtig war. War das der berühmte Polizisteninstinkt, der sich da bei ihm meldete?

Endlich?

14

Es war fast elf. In dem Leben, das Olive hinter sich zurückgelassen hatte, läge sie allein in einem Hotelbett und hätte gerade genug Wein getrunken, um Michael bei seinem unvermeidlich anzüglichen spätabendlichen Anruf Gleiches mit Gleichem vergelten zu können. Er würde ihr sagen, dass er sie liebe, dass er es gar nicht erwarten könne, sie wiederzusehen, und sie würde behaupten, ihr ginge es genauso. Und dann einschlafen und sich dabei einreden, dass sie sämtliche Scheiße bewältigen könnte, mit der ihr neues Leben nach ihr schmiss, weil das, was sie dabei gewinnen konnte, es wert war.

Doch das konnte sie eben nicht, das hatte sie ja mehr als deutlich bewiesen. Besoffen und blöd hatte sie alles ruiniert.

Draußen war die Landschaft immer karger geworden, und das Wetter wurde immer schlimmer. Der Wind hatte zugelegt. Sie konnte sein Heulen trotz des Motorengeräuschs hören, und alle paar Minuten erschütterten Böen den Wagen.

Als im Radio die Uhrzeit angesagt wurde, fragte die Fremde plötzlich: »Wie viel weißt du über Michael Anderson?«

Es ging also um Michael, aber worum hätte es auch sonst gehen sollen?

»Eine stürmische Romanze? Seit sechs Monaten verheiratet?«, fuhr die Fremde fort. »Reicht das wirklich, um jemand kennenzulernen? Um jemandem zu vertrauen?«

Dir habe ich nach zwei Stunden vertraut. Genug, um zu riskieren, mein ganzes Leben wegzuwerfen.

»Du hast die Hello! gelesen.« Olive dachte an die Fotostory, zu der Michael sich widerstrebend bereit erklärt hatte, nachdem Gwen darauf hingewiesen hatte, dass das Honorar von fünfzig Riesen eine willkommene Finanzspritze für den Treuhandfonds wäre, den sie eingerichtet hatte, um Krebshilfe-Organisationen für Frauen zu unterstützen. Sieben verschiedene Outfits, zwölf verschiedene Locations auf Gwens Anwesen Home Farm und in der Umgebung und drei peinliche Magazinseiten, die ihre Heirat mit TheSexiest Man in Parliament bejubelten.

Die Hello! war schuld daran, begriff sie, dass diese Frau sie so leicht hatte erkennen können. Wenn man Olive Anderson googelte, ploppten sofort mehr als ein Dutzend glasklare Fotos auf.

»Ich weiß genug«, fügte sie hinzu und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob das wirklich stimmte.

»Weißt du auch, dass er seine erste Frau umgebracht hat?«, erkundigte sich die Fremde.

15

Tina Tricks versuchte abzuhauen. Eben hatte sie noch wie ein schmollendes Kind zusammengekrümmt auf der Bank gehockt, und dann schoss sie plötzlich wie ein Pfeil auf die Haustür zu. Die Polizistin, die sie eskortiert hatte, griff nach ihr und bekam sie nicht zu fassen. Sonst war niemand nahe genug.

»Mizon, halt sie fest!«

Garry machte einen Schritt zur Seite und stellte sich in den Türrahmen. Tina senkte den Kopf, als wolle sie ihn rammen. Ernsthaft? Sie wog halb so viel wie er. Als sie noch zwei Schritte entfernt war, wappnete er sich für den Zusammenprall. Den Teddy in der einen Hand zog Tina die Schultern hoch, ballte die andere Hand zur Faust und rammte sie ihm in die Eier. Als Garry nach Luft schnappte, schlüpfte Tina an ihm vorbei und rannte in den Schnee hinaus.

»Mizon, du Wichser! Hinterher!«

Seit der Einsatz vor einer Dreiviertelstunde begonnen hatte, hatte es die ganze Zeit weitergeschneit. Dank der Abdrücke von Tinas nackten Füßen hätte man ihr auch dann leicht folgen können, wenn sie mehr als ein paar Meter weit gekommen wäre. Er rannte ihr nach. In der Schule war er gut im Crosslauf gewesen, und er war sich ziemlich sicher, dass er schneller war als Tina Tricks.

Allerdings war sie verblüffend flink. Bevor Garry den Rasen zur Hälfte überquert hatte, war sie über die Gartenmauer gesprungen und sauste davon.