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Nur darum lag ihnen viel daran, dies einem unbekannten und anonymen Publikum angemessen zur Kenntnis zu bringen, nur damit sie fürderhin so wenig wie möglich behelligt werden, so hofften sie damals zumindest, allerdings ohne große Selbstüberzeugung oder gar Selbstüberschätzung.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Die Gewissheit zeigt ihnen den Gewinn der ganzen Anstrengung, den sie dabei allmählich erlangen werden, und das Maß an Intensität, das sie dafür aufwenden müssen; das ist bereits jetzt vorhersehbar, denkbar und voraussehbar. Sie leuchtet schon von Weitem wie eine Leuchtreklame an einer entfernten Tankstelle, und somit ist auch gleich der Rahmen gegeben; er besteht aus lauter leckeren Lauchschnitten mit reichlich Pilzen, die alle akkurat aneinander gelegt und von einer dünnen Bouillonglasur überzogen sind und somit eine Art vegetablen oder vegetabilen Rollladen abgeben. Mit diesem Rollladen aus Lauch schliessen wir die Handelshäfen und die Fernfahrerunterkünfte, aber auch die Wegwerfwindelproduktionsrate und die Turnbeutelerscheinungen an soliden, schwarzen Kleiderhaken in langen, kahlen Korridoren ab, die nach Bodenwichse riechen und auf denen jeweils die Namen der Besitzer und der Besitzerinnen der Turnbeutel, allesamt Schüler und Schülerinnen der ersten Klasse, eckig eingestickt sind. Die Mütter haben sich alle Mühe gegeben und als Zugabe auch noch allerliebst einige Blümchen oder Sternchen hinzugefügt. Da kann man nicht meckern. Toni und Koni können dazu nur anfügen, dass sie sich nicht mehr mit Dingen abgeben werden, die sie gar nichts angehen; sie haben ja mit all den Dingen, die sie tatsächlich etwas angehen und die sie ausreichend beschäftigen, vollends genug zu tun.
Die beiden roten Gummibärchen schauen sich kurz und schweigend an, zwinkern sich dann zu und fahren schulterklopfend fort: “Wir sind ausgelastet, wir haben uns selbst hinreichend ausgelastet, denn wir sind die Lastwagen der kehrsatzer Geisteswelt und somit der Geisteswelt überhaupt. Wir fahren auf ziemlich gefährlichen Strecken und riskieren jedesmal immer gleich unser nacktes Leben, unsere ganze Last, unsere volle Ladung und unser teures Fahrzeug, einen fetten Sattelschlepper für kulturelle Schiffscontainer, denn wir sind die literarischen Eistrucker Mitteleuropas. Auf vereisten Flüssen ziehen wir mutig und endlos dahin und hoffen nur, dass uns das verdammte Eis tragen wird. Einige von uns halten auch bei tiefsten Minustemperaturen die Fahrertür ständig geöffnet, damit sie gegebenenfalls rechtzeitig abspringen können, falls der Truck plötzlich einbricht und absäuft, was übrigens jederzeit in Sekundenschnelle geschehen kann, denn das Eis knarzt und knorzt, rumort und rumpelt, dass es uns erschreckt, und manchmal knallt es wie eine Peitsche, wenn man darüber fährt. Das sind die deutlichen und eindringlichen Warnungen aus der alten, indianischen Unterwelt aus der Tundra Kareliens, die uns auf diese Weise erreichen. Doch unser Weg ist das Ziel, und unsere Reise ist der Zweck, denn der Zweck ist das Ziel und das Ziel ist der Zweck der Reise, und das heiligt die Mittel, je nachdem, wie man die Sache dreht und wendet, nur damit wir uns richtig verstehen. Doch die alte, indianische Unterwelt ist halt auch immer noch da, unsichtbar zwar, doch präsent wie eine gut versteckte Überwachungskamera, verstehen Sie? Sie befindet sich direkt unter uns dicht unter dem Eis und verfolgt ausnahmslos alle unsere Bewegungen mit Argusaugen. Sie wartet einzig auf den Moment, da uns ein verdammter Fehler unterläuft, und genau daran wird sie uns erbarmungslos aufhängen, bzw. herunterziehen, bzw. einsinken oder abstürzen, absacken und abtauchen lassen, denn sie will uns gleichzeitig auch noch ertränken und in den dunklen Fluten zerschmettern. Sie ist gierig auf Menschenfleisch, und wir sollen, wenn es nach ihr geht, der kalten, tödlichen Unterwelt, alle als Wasserleichen in einem einsamen See enden, in einem der zehntausend Seen Kareliens ohne Namen, so der Plan, alle Opfer in bunte Daunenjacken und fingerlose Handschuhe gekleidet, ausnahmslos alle, dazu mit massivem Schuhwerk an den Füßen, dicken Sokken, dicken Pullovern und wattierten Jeans.
Unsere Biberfellmützen werden wir im eisigen Wasser schnell mal verloren haben; vielleicht werden sie von den ewig hungrigen Hechten verschlungen und gefressen werden, die ebenfalls überall lauern, in der Annahme, es handle sich dabei um wattierte Fische oder um ausgestopfte Biber. Doch wie auch immer und was auch immer: All die unumgängliche Schicksalhaftigkeit scheint unausweichlich vorausbestimmt zu sein, auch wenn wir auf den Eisstraßen schon viele Erfahrungen angesammelt haben. Je mehr Erfahrung wir haben, desto eher werden wir konsequenterweise einbrechen, das ist das uralte Gesetz der Wahrscheinlichkeit. Wenn wir uns also auf Entdeckungsreise begeben, wissen wir nie im Voraus, worauf wir stoßen werden, und wir können nur wie die Goldsucher hoffen, dass wir etwas finden werden, was unser Herz erfreuen wird, was unser Gemüt aufmuntern kann und was uns ermutigen soll, weiterzufahren. Wir investieren all unser Können, all unser Wissen und all unser Verlangen nur noch in die Suche nach Gold, obschon wir genau wissen, dass es sehr schwierig werden wird, überhaupt nur ein einziges Goldkörnchen zu finden, denn wir sind alle blinde Hühner, die unablässig scharren und picken, in der vagen Hoffnung, allein durch Zufall erfolgreich zu sein. So sind wir beschaffen, und eigentlich sind wir nur glücklich beim Suchen und nicht einmal beim Finden, denn das Suchen ist der Weg, und das Finden ist höchstens das angestrebte Ziel – wenn überhaupt. Wenn wir das verstanden haben, werden wir die Zuversicht gewinnen, die wir unausweichlich benötigen, um überhaupt erst vorwärtszukommen. Nur anhaltender Misserfolg könnte uns daran hindern, weiter zu kommen, obwohl das so nicht einmal richtig stimmen kann, denn das Bedürfnis und das Verlangen, also der Druck und der Drang, sind wesentlich stärker als alle Misserfolge.
Denn was ist schon ein Misserfolg? Na? Wenn nichts erfolgt, ist das ein Misserfolg; doch es folgt ja immer etwas nach, immer und überall, nach und nach, also nahdisnah, früher oder später. Das ist immerhin ein wichtiger Aspekt der angeborenen Zuversicht, der angelegten Begeisterung und der auferlegten Aussicht. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Möglichkeit, die Pausen zu verstehen, die unausweichlich dann entstehen, wenn wir nicht mehr weiterwissen, sei es, weil uns ein bestimmter Begriff nicht mehr einfallen will, sei es, weil wir hilflos nach einem treffenden Wort suchen müssen, das wir nicht einfach irgendwo heraussuchen, nachschlagen oder sonstwie herausfinden können. Wir wissen, zum Beispiel, dass wir ein ganz bestimmtes Wort benötigen, das eine Sachlage ganz genau ausdrückt, und das Wort, von dem wir wissen, dass es existiert, will uns einfach nicht mehr einfallen. Wir können nicht nachschlagen, wir können es nirgendwo abrufen, wir können es uns nicht in einem Kraftakt einfallen lassen. Wir müssen uns vorsehen und eventuell warten können, bis es uns wieder einfällt, auch auf die Gefahr hin, dass es uns nie mehr einfallen wird. Aber dieses Warten verzögert jeweils alle nachfolgenden Wörter und Sätze, und das ist ärgerlich, aber nicht einfach zu umgehen. Manchmal hilft es, eine künstliche Lücke freizulassen, um das Wort später einfügen zu können, sobald es uns einfallen wird. Doch oft vergessen wir die Lücke, oder wir wissen nicht mehr, was wir mit der Lücke wollten, falls wir darauf zurückkommen. Doch machmal hilft sogar eine kurze Fahrt, um sich das gesuchte Wort auf mirakulöse Weise aus den hintersten Gehirnwindungen hervorklauben zu können. Das klappt manchmal, und manchmal nicht, je nachdem, aber wir stellen besorgt fest, dass sich diese Gedächtnislücken allmählich häufen, denn jedesmal, wenn wir uns an den Apparat setzen, kann es unvermittelt geschehen, dass uns ein Wort, ein Begriff, eine Redewendung oder eine Sachlage einfach nicht mehr einfallen wollen, obwohl wir wissen, dass wir ganz nahe dran sind. Diese jeweils unerwarteten und unberechenbaren Gedächtnislücken müssen eine Alterserscheinung sein, sagen wir uns jeweils wie zum Trost, doch auch das hilft uns nur wenig weiter. Was nicht mehr da ist, ist weg, und was weg ist, ist meistens vorderhand oder gleich für immer weg. Wir müssen deshalb unbedingt weg von uns selber kommen, denn wir sind uns immer selber die größten Hemmnisse und Hindernisse. Doch weder wir, noch man, noch sonst jemand soll an unsere Sätze rühren können. Wir werden unberührbar werden; wir werden zu Parias der Literatur verkommen. Keine einzige Sauordnung soll uns deshalb noch erreichen können, und wir werden uns gegebenenfalls die Gegebenheiten aufluchsen oder abluchsen, auch wenn das überhaupt nichts mit einem Luchs zu tun hat, denn ein Luchs kann nichts dafür, dass er ein Luchs ist, und zudem luchst ein Luchs nicht.
Aber kein einziges Sandkorn darf noch zwischen uns und die Sätze geraten können, ausgerechnet jetzt, da wir endlich unabhängig geworden sind. Wir sind frei von wirklich jeglichem Ballast und können uns frei bewegen, genau so, wie wir uns schon immer haben bewegen wollen. Nichts und niemand wird uns noch jemals stören können, und endlich fühlen wir uns auch zu nichts mehr verpflichtet, denn wozu sollten wir uns noch jemals genötigt oder gepresst fühlen? Ebenso, wie wir jetzt unabhängig, ballast- und beschwerdefrei sind, sind wir auch beschwerungsfrei sowie verschwörungsfrei, sind palastfrei, podestfrei und absolut prognosenfrei, aber auch abhängigkeitslos, verpflichtungslos, furchtlos und zwangslos, also unbedarft und risikofrei und beschwerungsunabhängig; das ist ja der ganze Hammer, das ist ja der ganze Clou des ganzen postkommerziellen Theaters. “Darauf haben wir lange warten müssen, darauf haben wir uns lange gedulden müssen, und es ist tatsächlich sogar schon mal so weit gekommen, dass wir uns in unserer ganzen Dämlichkeit auch noch selber in neue Abhängigkeiten begeben haben – es ist nicht zu glauben, noch zu fassen. So dumm müssen wir sein.” “Wenn der Sklave endlich frei geworden ist, begibt er sich gleich als erstes wieder in die verdammte Sklaverei zurück, denn er will viel lieber Sklave bleiben und zu essen haben, als ein freier, hungernder Mensch werden.” Das hat sogar etwas Schlüssiges, etwas Logisches und auch etwas Bescheuertes, bei allem sozialen Verständnis und bei aller generellen Verständlichkeit. Viele Sklaven auf den endlosen Baumwollfeldern wollen gar nicht in die Freiheit entlassen werden, denn sie wissen nicht, was Freiheit ist und haben Angst davor; sie wollen viel lieber auf den beschissenen Baumwollfeldern bleiben und weiterhin in der prallen Sonne schuften dürfen. Sie kennen nichts anderes und wollen sich auch nichts anderes vorstellen müssen; sie haben nur die verdammte Baumwolle vor Augen – und sonst nichts. Doch so geht es im Übrigen allen Arbeitssklaven, auch denen, die gar keine Sklaven sind, sondern “freie” Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen: Sie möchten einfach nur, dass es ewig so weitergehe wie bisher mit der Lohnabhängigkeit, ohne dass sie daran etwas ändern müssen, ohne dass sich daran etwas ändern ließe, denn es handelt sich hierbei gleich um ihr ganzes, eigenes, beschissenes Leben, und sonst um nichts, also um ein kümmerliches Leben fürwahr, das durch die Sklavenbefreiung plötzlich und unerwünscht in Frage gestellt sieht. Auch ein Arbeitnehmer möchte somit am liebsten ewig Arbeitnehmer bleiben, ohne darüber nachdenken zu müssen.