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Ein effektiver Ausschluss der Reduktion oder ein definitiver Aufbruch der thüringer Rostbratwürste würden uns in keiner Weise weiterbringen oder weiterhelfen und würden auch nicht weiterführen, auch wenn die gegenteilige Haltung genauso berechtig wäre wie das ganze beigefügte Grillgeschehen auf flotten Überlandfahrten der Konkubinanden und Konkubinösen selber.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Schade, dass die arbeitende Bevölkerung nicht schlauer geworden ist; man kann sie in ihrer ganzen Abgestumpftheit, Unwissenheit, Blödheit und Unaufmerksamkeit nur allzu leicht übers Ohr hauen, das steht längst fest. Sie besteht eigentlich nur aus Scheiße, grob gesagt und wie ein unbekannter Weitspringer aus Ebnat-Kappel einst unerwünscht, unerkannt, ungebeten und unvorhergesehen aufgedeckt und ungefragt angemerkt hat. Wenn also unsere beiden Stubenhocker, Toni und Koni, von denen eigentlich hier schon lange und ausführlich die Rede ist, also von den dorfbekannten Dick und Dünn aus dem ehemaligen Brillengeschäft Dick in Kehrsatz mit dem uralten Geschäftsslogan “Dick macht schön”, wie er auf der Hausfassade noch heute schwach zu erkennen ist, jetzt schon einen Drittel der neuen Textur der “Suite” geschrieben haben, ist das doch schon fast die Hälfte, nur noch nicht ganz die ganze Hälfte, aber eben schon fast, und da sollten sie eigentlich bereits zufrieden sein, möchte man bleiläufig annehmen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Sie sind und bleiben beide extrem unsicher, unentschieden und zwiespältig, denn die Qualität der Textur, die sie an langen, stillen Sonntagnachmittagen angerichtet haben, aber auch deren Charakter und deren Ausrichtung, ist für sie ganz neu und vor allem ganz anders als jemals zuvor, müssen sie sich eingestehen, und sie wissen noch überhaupt nicht, was sie damit anfangen sollen. Daher ihre Unsicherheit. Vielleicht hängt das mit ihrem neugewonnenen Rentnerstatus zusammen, nehmen sie vorerst mal an, doch sie können sie noch nicht schlüssig einschätzen, die neue Textur der “Suite”, und auch nicht abschließend abschätzen oder gar schlüssig beurteilen; sie können also noch nicht sagen, ob sich eine Fortsetzung überhaupt lohnt, denn sie wissen, ehrlich gesagt, noch gar nicht weiter, ja, sie wissen überhaupt nicht weiter, um ehrlich zu sein. Aber sie wissen eigentlich nie weiter, wenn sie mittendrin stecken; das ist das ganze Geheimnis ihrer ermüdenden Schreiberei. Nach jedem Absatz stockt die Maschinerie erneut und stottert eine Weile ratlos vor sich hin, bis sie endlich wieder Fuß gefasst und einen brauchbaren Anschluss gefunden hat. So verläuft ihr gemeinsames Schreiben. Das erste, bereits recht mühsame Drittel haben sie jetzt ausführlich und umfassend überarbeitet und neu gefasst, so dass sie es vorderhand oder vorläufig so stehen lassen können, finden sie zwar unsicher, doch was danach kommen soll, kommen muss und kommen wird, ist ihnen immer noch ein völliges Rätsel und ein Buch mit sieben Siegeln, wie man sagt. So ergeht es ihnen aber immer mit dem gemeinsamen Schreiben an stillen Sonntagnachmittagen, wie gesagt. Es ist und bleibt ein gemeinsames Werk voller Geheimnisse und voller Fragezeichen, um genau zu sein, jedenfalls fragwürdig genug, um sich die Köpfe weiterhin zu zerbrechen, aber gleichzeitig ein Topf voller römischer Fischsauce, ein querbeet gelaufenes Reh in Panik, ein verzwicktes Kreuzworträtsel zumal, und sie können sich bereits die fragend hochgezogenen Augenbrauen ihrer spärlichen Leser und vor allem ihrer wenigen treuen Leserinnen in Kehrsatz und Umgebung bildlich vorstellen. Sie haben immer den Eindruck, als hätten sie eigentlich längst alles geschrieben, was es zu schreiben gebe, als hätten sie somit bereits ausgeschrieben, meinen sie ernsthaft, also als hätten sie ausgeschossen, militärisch gesprochen, und rein gar nichts werde ihnen noch jemals einfallen, ganz und gar nichts mehr, und nichts werde ihnen noch jemals weiterhelfen, denn so, wie der Anfang, gestaltet sich jetzt auch noch die unausweichliche Fortsetzung, nämlich als ein riesiges, schwarzes Loch ohne Ende und ohne jeden Widerhall. Daran müssen sie sich jedoch erst wieder gewöhnen, und vielleicht ist dies ja die Essenz dieses neuen und neuartigen Doppelwerkes namens “Suite”: Sie tappen endlos und orientierungslos im dichtesten Nebel herum, waten völlig ahnungslos im brusthohen Schlick durch eine dicke Buchstabensuppe, kosten zuweilen kostenlos den fetten Erbsenbrei, und mit einem Auge achten sie sinnlos immer wieder auf die hungrigen Lämmergeier, die ständig über ihnen kreisen und nur darauf warten, dass sie endlich aufgeben, den Löffel abgeben und die Arbeit enttäuscht hinschmeißen. Wer weiß? Vielleicht ist dies sogar ein Rezept, ein gemeinsames Schreibrezept, dieses neuartige, gemeinsame Schreiben an der gleichen Textur, ein Rezept für zwei gleichlautende und gleichgeschaltete Literaten, die nur noch ein Ziel kennen, nämlich heil über die Runden zu kommen. Über Rezepturen wissen sie indes nicht genug Bescheid, das müssen sie einsehen und eingestehen, denn sie haben zusammen vor ihrer Lehre zum Optiker und zum kaufmännischen Angestellten fünf Jahre lang nur die örtliche Sekundarschule besucht, und nicht einmal von Kneippkuren und Uiguren, von Gamellen und Karamellen, von Sozietäten und Kalamitäten, von Resorbtionen und Exekutionen verstehen sie etwas. Sie verstünden eigentlich von nichts etwas, müssen sie sich von Zeit zu Zeit wieder eingestehen, doch wer versteht schon etwas? Mal im Ernst: Sie haben keinen akademischen Grad und keinen akademischen Titel; sie sind ausschließlich mit der Literatur und mit der Malerei verheiratet und wissen einzig, dass sie diesmal in ihrem alten Brillenwahn gleich sechs neue Brillen gekauft haben. Der netten Verkäuferin des Konkurrenzgeschäfts in Wabern drüben haben sie zudem erklärt, dass das Brillenverkaufen ein ganzes Leben lang ihr einziges und wahres Hobby gewesen sei, das sie jemals betrieben hätten, so wie es früher, also vor ihrer Pensionierung, das Augenvermessen, der Sichtstatus, das Sehvermögen, das Gläserschleifen, das Brillenmontieren, das Brillenanpassen und somit das Brillenverkaufen war, nebst dem Schreiben natürlich, ihrem geliebten Steckenpferd für die stillen Sonntage, und nebst dem Malen an langen Abenden, versteht sich, ihrer einzigen, wahren Leidenschaft, also nebst der Literatur und der Malerei an sich, wenn man so will. Sie werden jetzt beide bald wieder je 14 Brillen haben, haben sie belustigt festgestellt, alle mit denselben Gläserstärken ausgestattet, davon zwei mit abgedunkelten Sonnengläsern, je nach Bedarf. Sie könnten also jeder vierzehn Tage lang täglich die Brille wechseln, wenn sie Lust dazu hätten, denn so sind sie, die beiden Stubenhocker Koni und Toni, und manchmal geben sie sich zum Trotz richtig schranken- und hemmungslos, wenn ihnen danach ist, und kaufen sich einfach neue Brillen. Ihnen gefällt diese Attitüde zuweilen, und sie leben sie von Zeit zu Zeit ausführlich aus. Allein der belebende Gedanke, nicht immer gleich langweilig auszusehen, indem sie am Morgen früh nur für sich jeweils eine andere Brille aussuchen, einen anderen Brillentyp, beflügelt sie und vermittelt ihnen das Gefühl von eindeutiger Finanzkraft und Verfügungsgewalt, von gut abgesicherter Kartoffelstärke und von entschiedener Furzkraft, besonders nach dem Genuss von reichlich Sauerkraut mit Speck und Bohnen aus dem Gürbetal, wie schon so oft approbiert und durchgezogen, manchmal ganze Winterabende oder Wochenenden lang. So werden sie auch gesehen, nämlich als zwei unbelehrbare Sauerkrauts, die sich nie für Weiber interessiert haben, und so liegt ihnen auch ihr entspanntes Lebensgefühl in aller Lebensbilanz zu Füßen. Wer möchte dieses satte und wonnige Lebensgefühl nicht mit ihnen teilen? Es ist doch eindeutig ein schönes Lebensgefühl, über je 14 gleichwertige, aber sehr unterschiedliche Brillen zu verfügen, auch wenn sie immer nur eine aufs Mal tragen können.
Einmal haben sie irgendwo gelesen, dass diese weit verbreiteten Sehhilfen eigentlich eine Art Gehhilfe für Kurzsichtige seien, wenn nicht gar ein Hilfsgerät für eindeutig Sichtinvalide, wie Krücken oder Beinschienen für Gehbehinderte, wie Rollstühle für verunglückte Rollerfahrer oder wie Luftlandekissen für Luftlandetruppen, wie künstliche Gebisse oder stählerne Implantate für Mehrfachoperierte, und das hat ihnen damals moralisch ziemlich zugesetzt. Schlechte Augen zu haben sei bereits eine körperliche Behinderung, stand in dem Artikel, und die Vorstellung, invalid zu sein, hat sie eindeutig getroffen und gleichzeitig betroffen gemacht, denn sie haben sich allein bei der Lektüre bereits als zwei arme Krüppel gesehen, die sich mühsam durchs Leben schleppen müssen, verfolgt von einer Meute bissiger Hunde und klebriger Geschwüre bei stetig tränenden Augen und schlechten Sichtverhältnissen. Das wollten sie nicht einfach auf sich sitzen lassen, denn sie betrachten Brillen eindeutig als einen bereichernden Körperschmuck, als einen angemessenen Gesichtsschmuck wie z.B. ein Bauchnabelpiercing oder einen ausgefallenen Ohrläppchenschmuck oder wie ein teures Geschmeide um den Hals, einen güldenen Nasenring oder allenfalls wie künstliche, überlange, schwarze Wimpern, die sie sich manchmal zum Spaß ankleben, oder wie ein Stützkorsett für Übergewichtige oder wie ein eher befremdliches Zungenpiercing. Wenn sie ihre insgesamt 28 Brillen hervorholen, auf dem Küchentisch nebeneinander aufstellen, lange betrachten und offen und vorurteilsfrei beurteilen, sind sie stolz auf ihre kleine Privatsammlung an Sehhilfen und könnten sich gar nicht entscheiden, welche jetzt ihre Lieblingsbrille sein müsste, wenn sie denn überhaupt eine Lieblingsbrille hätten oder wenn sie gezwungen wären, sich für eine Lieblingsbrille zu entscheiden, und sie könnten auch nicht mit Sicherheit sagen, welche sie am wenigsten mögen, wenn sie sich entscheiden müssten, denn sie mögen eindeutig alle ihre Brillen gleichermaßen gerne, etwa so, wie andere ihre Kinder mögen, ihre Spiegelbilder oder ihre Autos, nehmen sie beiläufig an. Ihre Brillen sind also ihre Kinder; sie passen alle hervorragend in ihre Gesichter, sowohl in das dicke, breite von Koni, als auch in das dünne, schmale von Toni, denn sie sind alle gleichermaßen liebevoll und mit derselben professionellen Sorgfalt ausgewählt und bearbeitet worden.
Von keiner ihrer Brillen möchten sie sich somit jemals trennen müssen, stellen sie übereinstimmend und befriedigt fest, und würden sie eine auswechseln müssen, wäre es genau diejenige, die sie sofort am meisten mögen und deshalb keinesfalls missen möchten.
Doch sie können sich nicht endlos um ihre Brillen kümmern, denn es gibt auch noch andere Aufgaben, von denen sie allerdings nicht behaupten könnten, dass sie wirklich wichtig wären. Sie mögen ihre gemeinsamen Texte und Gedichte, wie auch ihre umfassende und vollständige Bildersammlung auf