8 Das Meisenglück - Alex Gfeller - E-Book

8 Das Meisenglück E-Book

Alex Gfeller

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Beschreibung

Die Meise fragt sich lediglich ab und zu, doch eigentlich immer nur beiläufig und eher nebenbei und, ehrlich gesagt, persönlich wenig interessiert, ob am Ende dieser neuerlichen Wanderung ins Ungewisse überhaupt noch jemals eine trockene und warme Unterkunft auf sie warte.

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die reichlich banale, zuweilen recht verstörende, selten anziehende, aber auch wenig berauschende Tatsache, dass es eine Realität gebe oder vielleicht sogar gleich mehrere gleichzeitig, muss nicht zwingend heißen, dass sich die Meise mit selbiger oder selbigen zu beschäftigen habe, ja, dass sie sich selbige vielleicht sogar anzueignen habe, wozu auch immer, vielleicht sogar „auf Anordnung von oben“ oder gar „auf Befehl von unten“ oder „auf Vorschrift von hinten“ oder „auf Anweisung von vorne“, was durchaus den Tatsachen entsprechen könnte, nicht wahr?

Aber wozu auch? Was sollte sie denn dazu bringen oder gar dazu zwingen können? Ich bitte Sie! Nichts könnte sie dazu zwingen! Noch dazu bringen!

Die Meise legt ausgesprochen Wert auf die Tatsache, dass sie sich keinesfalls mit Fragen zu beschäftigen wünsche, noch jemals wieder zu beschäftigen gedenke, die sie sich nicht selber ausgesucht hat, die sie somit nicht selber auserkoren und auserwählt hat. No, Sir.

In dieser mittlerweile müßigen Frage hat sie sich längst entschieden; sie will gar nicht mehr näher darauf eingehen. Diese Zeiten sind für sie vorbei, dieser Film ist für sie gelaufen, dieses Spiel ist endgültig ausgespielt; sie lässt sich nicht mehr beeindrucken, noch dazu überreden, Ungebetenes, Unangefordertes und Unerwünschtes ganz freiwillig auf sich zu nehmen, denn sie weiß jetzt, dass die Authentizität ganz anderswo zu suchen und auch ganz anderswo zu finden ist.

Und genau darum geht es ihr, nur darum, meine Damen und Herren! Sie steht ab sofort nicht mehr zur Verfügung.

Aber muss es denn ausgerechnet damit zusammenhängen, dass sich die Meise mit den vielen gefiederten Passanten, die ihre Vorstellung so lebhaft bevölkern, gar nicht verständigen kann, wie wir kurz angedeutet haben? Sie kann in der Erinnerung die Vögel, die sie unterwegs antrifft, tatsächlich sprechen hören, wenn sie es will, wie wir soeben erklärt haben, sie kann durchaus hören, was sie krächzen und zwitschern und schnattern und piepsen, selbst dann, wenn sie ihre Sprache gar nicht versteht. Sie kann sie zuweilen sogar an ihren Stimmen erkennen, kann ornithologisch gespannt lauschen, wie sie singen, pfeifen, zwitschern, oder aber sich nur räuspern, denn sie kann in der Erinnerung in der Tat auch hören, nicht nur sehen – wenn sie will. Die Akustik ist erinnerungstechnisch zweifelsfrei auch abrufbar, denn die Tonspur ist vorhanden, wenn meist nur ausgesprochen bruchstückhaft, immer leicht verzerrt und leider allzu oft viel zu leise und zudem deutlich unvollständig, weil selten benötigt, genau wie die wahre Ausdehnung der Distanzen auch.

Nur für die Musik trifft diese Feststellung nicht zu, weil Musik in ihrer harmonischen Struktur anders rezipiert wird, meist in ihrer Gänze, in ihrer Gesamtheit, besonders aber in ihrer Rhythmik, also in ihrer musikalischen Vollständigkeit, sowie in ihren emotionalen Auslagen und in ihrer gefühlsbetonten Disposition. Die Musik gehorcht anderen Gesetzen, muss die Meise deshalb annehmen. Wahrscheinlich spielen hierbei die Rezeptur und der emotionale Approach eine viel wichtigere Rolle als bei anderen, z.B. bei optischen Phänomenen. Sicher ist sie indes nicht.

Doch die Bilder bleiben meist, wenn auch nicht immer, lautlos; die Meise kann zum Beispiel meisische Geräusche nur hören, kann meisische Töne nur abrufen, kann meisische Klänge nur hervorholen, wenn sie es ganz bewusst so haben will und wenn sie sich diesbezüglich ausdrücklich anstrengt, sofern Meisen überhaupt zu ihrem inneren Environnement gehören, falls sie somit überhaupt Teil der Kulisse der meisischen Erinnerung sind, oder wenn sie, selten zwar, gar im Mittelpunkt der meisischen Erinnerung stehen.

Sie kann jedoch auch jederzeit den Straßenverkehr hören, sobald sie ihn aus einer Ablage der Erinnerung hervorholt, und sie kann auch die Motorengeräusche deutlich unterscheiden. Sie weiß in der Vorstellung, also aus der Erinnerung heraus genau, wie ein billiger Roller oder ein teurer Sportwagen kleingen, das kann sie sich jederzeit vergegenwärtigen, was nichts anderes heißt und beweist, als dass sie nicht nur die Bilder, sondern auch die entsprechenden Töne gespeichert hat.

Das gleiche Phänomen zeigt sich übrigens auch in der Erinnerung an Gerüche, die oft unverwechselbar sind und – als Besonderheit – kein Alter zu haben scheinen. Gerüche sind immer gleich intensiv und gleich ausgeprägt, ganz egal, ob es um die Erinnerung an Gerüche geht oder um konkrete Gerüche, in einer Küche, zum Beispiel.

Kann sie in der Vorstellung auch sich selber sehen und hören? Das ist eine interessante Frage. Wenn sie sich in ihrer Vorstellung selber sähe, dann könnte sie auch ein Bild von sich machen, und dann könnte sie im Gegenzug auch zu sich selber auf Distanz gehen.

Sie überlegt: Doch, sie kann nicht nur sich selber in Bildern sehen, sie kann sich auch hören, sie kann hören, was sie in der Vorstellung sagt und wie sie es sagt – und sie kann sogar spüren, was sie dabei fühlt, wenn sie etwas sagt. Sie kann sich an ihrer eigenen Stimme erkennen, ebenso wie an ihren eigenen Empfindungen, denn sich kann sich auch sprechen hören, ohne dass sie gleichzeitig im Bild erscheint. Sie sieht sich als Ton ohne Bild, doch sie kann nicht mitreden, kann das Wort nicht an die unbekannten Passanten oder auch an die sehr wohl bekannten Bekannten richten, die in ihrer Erinnerung auftauchen und in ihrer Vorstellung vorbeigehen, kann mit den Meisen ihrer Erinnerung nicht kommunizieren, kann also auch in der Vorstellung nicht mit ihnen umgehen, ebenso wenig, wie sie es in der Realität kann oder allenfalls können möchte. Sie kann sich ihnen tatsächlich auch in der Vorstellung nicht deutlich machen, kann sich ihnen nicht klar und verständlich mitteilen, kann sich ihnen schon gar nicht anvertrauen, kurz, sie kann auch in der Imagination nicht mit ihnen reden, übrigens ebenso wenig wie in der Wirklichkeit, selbst dann nicht, wenn sie von ihnen in ihren eigenen inneren Bildern zuweilen und in seltenen Fällen tatsächlich zur Kenntnis genommen zu werden scheint und sich – Gipfel der Vorstellung! – angesprochen fühlt.

Sowohl die fremden, als auch die bekannten Figuren hören in ihrer eigenen Vorstellung einfach nicht hin, wenn sie sich an sie wendet und mit ihnen spricht, wie wenn sie gar nicht da wären, und sie reagieren auf die konsternierte Meise allerhöchstens so, wie man auf jemanden reagiert, der einen im Gedränge unabsichtlich leicht anstößt, oder wie auf einen Unbekannten, der einem auf einer engen Treppe beim Kreuzen höflich ausweicht, mehr ist da nicht, mehr als diese oberflächliche, flüchtige und beiläufige Kenntnisnahme mit gleich anschließendem Vergessen ist niemals und nirgendwo auszumachen, auch nicht in einem sehr intimen Rahmen nicht, wohlverstanden, nicht einmal da.

Intime Situationen werden sogar immer ganz besonders schnell vergessen, schneller noch, als ganz banale, zufällige Zusammentreffen jedenfalls; gerade Liebesszenen scheinen ausgesprochen flüchtige Bilder zu sein, die sich in der Erinnerung sofort in Nichts auflösen. Ist das nicht überraschend?

Auch in der Vorstellung bleiben somit alle Meisen, alle Katzen und alle Würmer gleichermaßen unbekannt, uninspiriert, unpersönlich und uninteressiert, geben sich zudem pausenlos betont gleichgültig und ausgesprochen beiläufig, manchmal sogar richtig herablassend, selbst in ihrer ganzen Auffälligkeit, denn im Reiche der Erinnerung bleiben alle Begegnungen bedeutungslos und nichtssagend. Liebespaare lösen sich in nichts auf, Liebesbeziehungen zerfallen augenblicklich zu Staub, Liebesschwüre werden sofort bedeutungslos, und auch die Liebe selber besteht in der Erinnerung einfach nicht mehr.

Merken wir uns das, denn das soll uns eine Lehre sein. Man muss somit davon ausgehen, dass das Individuum in der Vorstellung genau so isoliert dasteht wie in der Wirklichkeit auch, dass also gerade die Existenz in ihrer ganzen existenziellen Isolation, besonders in der unreflektierten Vorstellung, also in der unbewussten Einbildung klar und deutlich heraustritt, wahrscheinlich sogar klarer und deutlicher, als uns allen lieb sein kann.

Genau dieser doch recht eindeutige Befund hat die Meise nach gründlicher Betrachtung dazu gebracht zu behaupten, sie verstünde diese fremden Sprachen gar nicht, und er hat sie zudem veranlasst zu meinen, sie hätte diese ihr unbekannten Sprachen noch gar nie gehört und könne sie deswegen nicht einmal in Fragmenten nachsprechen, noch in Teilen oder wenigstens in vereinzelten Wörtern und Begriffen anwenden, auch nicht in durchaus üblichen Kürzeln wie „ja“, „nein“, „nicht“, „Hallo“, „Wie geht’s“, „Danke“, „Bitte“, „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“, nicht einmal „Prost“ oder „Zum Wohl“ usw., nichts davon; es fehlt einfach jeglicher Bezug. Selbst das Nicken oder das Kopfschütteln bedeuten ja nicht in allen Sprachen und Kulturräumen exakt dasselbe, wenn nicht gar etwas ganz Gegensätzliches, ja, sogar Kontroverses, und auch das freundschaftliche Abküssen und Umarmen zur Begrüßung oder auch nur das banale Händeschütteln können, je nach Kulturraum, sehr unterschiedliche Bedeutungen und somit ganz unerwartete Auswirkungen haben.

Deshalb ist die Meise oft versucht, stumm wegzublicken oder gar unvermittelt wegzugehen, sobald jemand das Wort an sie richtet, denn sie muss immer wieder ernüchtert zur Kenntnis nehmen, dass sie ganz offensichtlich gar nicht persönlich gemeint ist, weil sie gar nicht gefragt ist, weil die anderen Vögel auch in der Vorstellung überhaupt nicht auf sie reagieren oder reagieren wollen, dass sie der Meise zeitweilige Versuche einer schüchternen Kontaktaufnahme nicht einmal kurz zur Kenntnis nehmen, weil sie sich einen Deut um die Meise scheren. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen können, selbst dann, wenn die Ornithologie stereotyp fragt: „Wie geht’s dir denn so?“

Die Meise muss erkennen, dass die Ornithologie zwar durchaus da ist, manchmal sogar in intimer Nahdistanz, gewiss, zuweilen gar im sehr privaten oder auch nur im ganz beiläufigen Geschlechtsakt, dass sie aber nicht auf sie hört, noch auf sie achtet und auch nicht auf sie reagiert, selbst dann nicht, wenn die anderen Vögel in der Erinnerung direkt mit ihr, der Meise, sprechen, wenn sie also ungewohnterweise das Wort direkt an sie, an die Meise, richten, warum und wozu auch immer, besonders in den seltenen Momenten, da sie durchaus auf die Meise zu reagieren scheinen, wenn auch nie so, wie es die Meise gerne hätte, nämlich irgendwie interkommunikativ und vor allem persönlich, authentisch und intensiv.