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Die Meise versteht wahrscheinlich gar nicht mehr, muss man befürchten, dass sie sich in einer vollends ausweglosen Lage befindet, zu der sie selber im Übrigen gar nichts beigetragen hat.
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Seitenzahl: 76
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Es ist in der Tat nie Hilfe zu erwarten, keinesfalls, von nirgendwo her, so dass diese kindische Erwartungshaltung längst lächerlich geworden ist; das gehört nun mal zu den krassen Erwerbsbedingungen einer Meise, die allein durch Unter- und Auslassungen glänzen, und das weiß sie ganz genau, auch wenn alle andern das Gegenteil behaupten sollten. Sie weiß es einfach besser. Müsste sie hier auf dem Gehsteig nicht stehenbleiben und warten? Doch warten worauf? Und wie lange? Oder sollte sie sich nicht gleich auf die Suche nach dem verschwundenen Ausschussrest und dem Ausschussganzen machen, nach dem Gewürm überhaupt, müsste sie jetzt nicht eine Vermisstenanzeige auf dem nächstgelegenen Polizeiposten aufgeben: Meise vermisst Würmer, Meise sucht Würmer, Meise will Würmer zurück, was alles gar nicht stimmt, noch stimmen kann, oder sollte sie doch einfach nur gemächlich weitergehen, als sei gar nichts geschehen, in der flüchtigen Annahme, oder, besser, in der zweifelhaften Hoffnung, der säumige Ausschuss würde ihr gewiss, wenn auch nur unsichtbar und unhörbar, so doch anstandslos folgen können? Könnte sie also bloß so tun, als habe sie vom längst erwarteten Verschwinden des ganzen Wurmausschusses noch gar nichts bemerkt? Würde sich das aktuelle Problem folglich ohne weiteres und wie von selbst erledigen, rundweg logisch und irgendwie organisch, also gewissermaßen automatisch? Wäre daraufhin die ganze Aufregung nicht völlig umsonst gewesen? Oder wird die Meise die Würmer für die Dauer der laufenden Unternehmung unter Umständen überhaupt nicht mehr zu Gesicht bekommen, etwas, was sie sich übrigens insgeheim und nur für sich selber inniglich wünscht? Nie mehr Würmer! Ein Leben ohne Würmer! Eine Welt ohne Würmer! Ein Universum ohne Würmer!
Eine Weile sinnt sie dieser verlockenden Vorstellung nach, denn dies wäre ihr tatsächlich die liebste aller denkbaren Varianten; sie entspräche eindeutig ihrer Traumvorstellung und käme ihrem unausgesprochenen Ideal entschieden am nächsten, denn selbst ein einziger, wurmfreier Tag löst bei ihr rundweg die höchsten aller Gefühle aus: Glück und Freude. So tief ist sie beruflich bereits gesunken; den Ausschuss einen ganzen Tag lang nicht mehr sehen zu müssen, käme für sie tatsächlich einem unerwarteten Geschenk gleich.
Wir erkennen hierbei leichterhand das Ausmaß der meisischen Not, das Gewicht des meisischen Leidens und den Umfang des ganzen meisischen Elends, und man merkt schnell: Erst als Meise lernt man die Würmer als solche und deshalb natürlich auch einen ganzen, ausgewachsenen Wurmausschuss richtig zu hassen. Das mag in der Tat eine unerwartet bittere meisische Grunderkenntnis auf der Basis einer ätzend langjährigen Grunderfahrung sein, die sich indes in den allermeisten Fällen viel zu spät einstellt, nur weil man sie sich lange Zeit gar nicht erst einund zugestehen will, weil das meisische Verdrängungspotenzial naturgemäß unausweichlich und unübersehbar gigantisch sein muss, um die geeignete Wirksamkeit zeigen zu können. Die Meise ist nicht nur ungehalten, sie ist jetzt auch noch wütend und empört zugleich. Womit muss sie sich auch noch im gesetzten Alter beschäftigen! Womit muss sie sich als erfahrene Meise täglich herumschlagen! Womit hat sie diesen ganzen Wurmdreck überhaupt verdient? Kann man so etwas Entwürdigendes von ihr eigentlich noch verlangen? Sind solch garstige Erwerbsbedingungen einer erfahrenen, langjährigen und recht abgebrühten Meise überhaupt noch zumutbar und sehr konkret zuzumuten? Ist dieses unkalkulierbare und auch überaus verwerfliche Geschehen nicht längst zu einer arbeitsrechtlichen Grenzüberschreitung verkommen, zu einem ornithologischen Fanal, zu einem vogelrechtlichen Ausnahmefall, zu einem meisischen Desaster und somit zu einer völlig unzulässigen Meisenplage, bzw. zu einer unstatthaften Würmerplage? Müsste eine jede tapfere Meise solcherlei nicht stolz und entschieden zurückweisen dürfen, und könnte sie, zum Beispiel, zu Händen einer Internationalen Vogelrechtskommission, angesichts dieser pausenlosen Beleidigungen, unablässigen Demütigungen, konstanten Bedrohungen und fortlaufenden Entwürdigungen nicht einfach erklären: „Damit habe ich nichts zu tun. Das geht mich nichts an. Das liegt weit jenseits all meiner Kompetenzen und Aufgaben. Das muss ich mir nicht bieten lassen, und gefallen lassen schon gar nicht! Ich werde mich damit gar nicht erst befassen, noch werde ich solcherlei jemals wieder mitmachen. Das liegt weit unter meiner Würde eines grenzüberschreitend anerkannten Sing- und Ziervogels mit naturgeschütztem Status!“
Tatsache ist: Die Meise hat nunmehr den ganzen ameisischen Wurmausschuss, die gesamte Wurmheit, das komplette Würmertum, also all das widerwärtige Drecksgewürm und Drecksgesocks endgültig aus den Augen verloren, mitten im Gewimmel einer fremden Stadt, leider nicht gleich auch noch aus dem Sinn verdrängt zwar, doch zumindest aus dem unmittelbaren optischen Kontaktbereich, in welchem sie unter guten Bedingungen und gelungenen Voraussetzungen sogar ansatzweise arbeiten könnte und phasenweise auch tatsächlich arbeiten würde, wenn auch immer nur in sinnlosen Ansätzen und zudem nur sehr sprunghaft, also äußerst ineffizient und somit wenig nachhaltig. Noch gestattet sie sich aber, diese nüchterne Überlegung zu machen, das weiß sie genau, denn diese Situation kennt sie bereits zur Genüge: Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass ihr dieses peinliche Missgeschick widerfährt; so gesehen könnte sie sich jetzt beruhigen und sich erleichtert einreden: «Das wird sich gewiss wieder geben, liebe Meise, das wird sich füglich fügen, die Dinge werden sich wie von selbst wieder einrenken und intuitiv ihren richtigen Weg finden, und das Unternehmen wird deshalb schon bald wieder seinen gewohnten Verlauf nehmen und seinen üblichen Gang gehen. Die Würmer selber werden wie üblich irgendwann mal ganz ahnungslos wieder auftauchen und völlig unbeteiligt aufkreuzen, äußerlich höchst erstaunt ob meiner sinnlosen Aufregung und unnötiger Sorge.»
Sie wiederum, die Meise also, wird das verdeckte, böse Spiel unwillig aufnehmen, denn sie wird das ganze Theater zwangsläufig mitspielen müssen, wird somit ebenfalls so tun, als sei gar nichts geschehen, wird mit steinerner Miene weitergehen, wie bereits geschehen, wird tapfer voranschreiten und das Pflichtprogramm der aktuellen Unternehmung genau wie vorgesehen abspulen und durchziehen, wird es ungerührt hinter sich bringen, wird es somit schon bald abhaken dürfen und noch am späten Abend ein überaus wohltuend warmes Bad nehmen können, sozusagen als Belohnung, ein angenehm duftendes Entspannungsbad mit Mangocream, Papayajuice, Lavendelduft und Eukalyptuskonzentrat, und sie wird gleich danach ganz aufgeweicht und erschöpft ins frisch gemachte Nestchen sinken, ohne sich vorher noch die Spätausgabe der Tagesschau angeschaut zu haben, wie dies ansonsten üblich wäre.
Nun denn, alles halb so schlimm, Alte, winken die Unbeteiligten und Wankelmütigen in ihrer vage angedachten Überheblichkeit ab, die Zuschauer, die Mitleser, die Beisitzenden, die Nachtragenden und die stillen Beobachter. Die geplagte Meise wird gewiss keinen Schaden davontragen, weder einen physischen, noch einen psychischen. Dies nimmt auch sie selber reichlich verharmlosend, doch deutlich unsicher an, auch nicht einen moralischen Defekt oder gar einen ethischen Zielkonflikt wird sie davontragen, und auch das antimeisische, also das ameisische Gewürm wird wohlweislich den Mund halten, denn es wird ausreichend Grund dazu haben: Es wird sich unbeschwert und ungehindert am reichlichen Diebesgut erfreuen wollen, an der lohnenden Ausbeute eines weiteren, erfolgreichen Raubzuges durch viele unbekannte Warenhäuser mit ihren verlockenden Angeboten, in fremden Häusern also, wo der Überwachungscomputer, wie angedeutet, die Gesichter der einzelnen Würmer noch nicht digital erfasst, gespeichert, analysiert und klassifiziert hat und deshalb auch noch nicht automatisch erkennt, wo er ihre Personalien noch nicht gespeichert hat und wo ihre biometrischen Daten noch nicht blitzschnell abgerufen werden können, noch ihre genetischen Merkmale, nicht einmal ihre Fingerabdrücke, und alle werden sie sich anschließend ganz entspannt auf die Schulter klopfen und erleichtert sagen können: „Alter, das ist ja ganz gut gegangen heute; alles hat reibungslos geklappt, Mann, niemand ist verloren gegangen, nichts ist krumm und schief gelaufen, niemand hat die Alarmanlage ausgelöst und keiner ist zu Schaden gekommen, Dude, und auch die Sprinkleranlage ist ja noch intakt. Was wollen wir mehr? Es haben keine wilden Verfolgungsrennen durch alle Etagen des bekackten Ladens stattgefunden, noch hat eine gewalttätige Überwältigung stattgefunden, auch keine unvorhergesehene Verhaftung, nicht einmal eine stundenlange Befragung, auch keine heftigen und gezielten Schläge auf Kopf, Geschlechtsteile und Rücken, keine Elektroschocks, keine öffentliche Auspeitschung, kein rüdes Händeabhacken, auch keine Steinigung, keine spontane Hinrichtung, auch kein sonstiger übler Konflikt mit dem Bodenpersonal, keine Brandstiftung, keine Explosion und auch keine Vergewaltigung, keine wilden Prügeleien mit dem Verkaufspersonal oder spontane Racheakte an der Kasse, keine Zirkumzision, auch keine Klitoridektomie und somit absolut kein Stress heute! Alter Schwede, alle sind wohlbehalten zurück und wohlauf, reich beschenkt und reichlich behangen mit allerlei Hehlerware, mit Edeltand, silbernen Blinkern und güldenen Klunkern und somit reich belohnt und in den Augen aller Daheimgebliebenen und deshalb leer Ausgegangenen reichlich begünstigt. Weder haben wir Druck machen müssen, noch auf Terror gehen, und auch der ganz gewöhnliche Drogenhandel hat sich in der fremden Stadt überaus erfreulich abgewickelt und ausgiebig ausbezahlt. Wir haben auch diesmal wieder ausnehmend fette Beute und happige Gewinne zu unseren Gunsten gemacht; das dürfen wir freudig festhalten und ruhig feiern. Das diesjährige Unternehmen hat sich wirklich wieder einmal gelohnt und erfreulich ausbezahlt, genau wie erhofft, wie ausbedungen, wie abgemacht und wie vorgesehen, du Sitzpinkler und Turnbeutelträger! Und auch die Meise hat sich anständig aufgeführt und von alledem nichts bemerkt. Alles im Rahmen, du Warmduscher und Kampfwichser, alles absolut vollfett astrein, glasklar endgeil und vollkorn paletti, Dude!“
So glatt und nahtlos wird die Unternehmung möglicherweise ausgerechnet diesmal nicht verlaufen, befürchtet die Meise indes voller dunkler Vorahnungen; sie wird vielleicht für einmal nicht so spurlos und auch nicht so schadlos und konfliktfrei enden, denn einmal, so das unüberwindliche mathematische