Agatha Raisin und die tote Wohltäterin - M. C. Beaton - E-Book

Agatha Raisin und die tote Wohltäterin E-Book

M.C. Beaton

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Beschreibung

Geborgt ist noch lange nicht geschenkt!

Als Gloria French nach Piddlebury zieht, ist sie dort auf Anhieb beliebt. Sie scheint eine Wohltäterin par excellence zu sein, die Spenden für die Kirche sammelt und sich um die älteren Menschen kümmert. Aber sie hat leider auch die schlechte Angewohnheit, sich Dinge zu »leihen«, ohne sie zurückzugeben. Da wundert es niemanden, dass sie eines Tages tot aufgefunden wird, augenscheinlich vergiftet. Die Dörfler trauern nicht allzu sehr um Gloria. Gemeinderat Jerry Tarrant beauftragt dennoch Agatha Raisin, den Mörder zu finden. Aber das ist leichter gesagt als getan! Das Dorf ist unheimlich, und die Einwohner scheinen nicht zu wollen, dass Agatha dem Täter auf die Spur kommt ...

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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Epilog

Über das Buch

Geborgt ist noch lange nicht geschenkt! Als Gloria French nach Piddlebury zieht, ist sie dort auf Anhieb beliebt. Sie scheint eine Wohltäterin par excellence zu sein, die Spenden für die Kirche sammelt und sich um die älteren Menschen kümmert. Aber sie hat leider auch die schlechte Angewohnheit, sich Dinge zu »leihen«, ohne sie zurückzugeben. Da wundert es niemanden, dass sie eines Tages tot aufgefunden wird, augenscheinlich vergiftet. Die Dörfler trauern nicht allzu sehr um Gloria. Gemeinderat Jerry Tarrant beauftragt dennoch Agatha Raisin, den Mörder zu finden. Aber das ist leichter gesagt als getan! Das Dorf ist unheimlich, und die Einwohner scheinen nicht zu wollen, dass Agatha dem Täter auf die Spur kommt …

Über die Autorin

M. C. Beaton ist eines der zahlreichen Pseudonyme der schottischen Autorin Marion Chesney. Nachdem sie lange Zeit als Theaterkritikerin und Journalistin für verschiedene britische Zeitungen tätig war, beschloss sie, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Mit ihren Krimi-Reihen um die englische Detektivin Agatha Raisin und den schottischen Dorfpolizisten Hamish Macbeth feierte sie große Erfolge in über 17 Ländern. Sie verstarb im Dezember 2019 im Alter von 83 Jahren.

M. C. BEATON

Agatha Raisin

und dietote Wohltäterin

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Sabine Schilasky

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:Copyright © 2013 by M.C. BeatonPublished by Arrangement with M.C. BEATON LIMITEDTitel der englischen Originalausgabe: »Something Borrowed, Someone Dead«

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

M.C. BEATON® and AGATHA RAISIN® are registered trademarks of M.C. Beaton Limited

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2025 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau Osenau und Guter Punkt, MünchenUmschlagmotiv: © iStock/Getty Images Plus:gjp311 | Edda Dupree | elenaleonova | FabrikaCr | fermate | Lebazele; © Adobe Stock: nightskyeBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf

ISBN 978-3-7517-6145-1

luebbe.delesejury.de

Der Goldkehle Schottlands, Grant Mackintosh, und Desmond Kingin Liebe

Eins

Privatdetektivin Agatha Raisin bekam die Rezession deutlich zu spüren. Die Fälle, die das täglich Brot der Detektei darstellten – Scheidungen, ausgerissene Teenager, sogar entlaufene Hunde und Katzen –, wurden immer rarer, weil sich die Leute lieber gratis Hilfe bei der Polizei holten oder in unglücklichen Ehen ausharrten, ehe sie Agatha dafür bezahlten, Beweise für Untreue zu beschaffen.

Ihr Personal in der Detektei bestand aus zwei jungen Leuten, Toni Gilmour und Simon Black, dem pensionierten Polizisten Patrick Mulligan, dem älteren Phil Marshall sowie der Sekretärin Mrs Freedman.

Obwohl die Zeiten schlecht waren, brachte Agatha es nicht übers Herz, einen von ihnen zu entlassen. Sie verbrachte mehr Zeit in ihrem Cottage im Cotswolds-Dorf Carsely, rauchte, trank Gin Tonic und spielte mit ihren Katern Hodge und Boswell. Ihr Ex-Mann, James Lacey, dem das Cottage nebenan gehörte, schrieb Reisebücher und war oft unterwegs; ihr Freund, der Police Detective Bill Wong, hatte zu viel zu tun, um sie zu besuchen, und ihr anderer Freund, Sir Charles Fraith, hatte sich seit über einem Monat nicht mehr bei ihr gemeldet.

Also machte sie sich eines sonnigen Morgens statt ins Büro auf den Weg zum Pfarrhaus, um ihre engste Freundin zu besuchen, die Vikarsfrau Mrs Bloxby. Die beiden Frauen könnten kaum unterschiedlicher sein.

Mrs Bloxby kleidete sich altmodisch »damenhaft« mit schlichten Röcken und Blusen im Sommer und verwaschenen Wollkleidern im Winter. Sie hatte braunes Haar, sanfte Augen und sehr schöne Hände. Agatha hatte kleine Augen, die an die eines Bären erinnerten, und ein rundes Gesicht, sehr gesunde Haut und hielt ihr schimmernd braunes Haar kurz geschnitten. Ihre Figur war nicht übel, abgesehen von ziemlichen Rundungen um die Taille, und sie hatte sehr hübsche Beine.

»Kommen Sie rein, Mrs Raisin«, sagte Mrs Bloxby. »Ich habe eben Kaffee aufgebrüht. Wir können uns in den Garten setzen.« Die Frauen siezten sich, wie es in dem mittlerweile aufgelösten Landfrauenverein Sitte gewesen war.

Agatha nahm auf einem der Stühle im sonnigen Pfarrhausgarten Platz. Hinter der Gartenmauer lag der Friedhof, der die Detektivin, die Anfang fünfzig war, mit seinen moosbewachsenen Grabsteinen brutal an die Endlichkeit des Lebens erinnerte.

Mrs Bloxby kam mit einem Tablett heraus, auf dem sich Kaffee und ein Teller Eccles-Cakes befanden. »Die habe ich heute Morgen gebacken«, sagte sie.

»Ich würde ja gern einen nehmen, aber ich darf nicht«, antwortete Agatha finster. »Das ganze Nichtstun schlägt mir direkt auf die Hüfte. Ach, was soll’s!«

Sie nahm einen der kleinen Kuchen auf und biss hinein.

Mrs Bloxby musterte ihre Freundin besorgt. Sie konnte schlecht beten, Gott möge Agatha einen Fall schicken, denn das würde beinahe zwangsläufig Unglück für andere bedeuten. Obendrein klagte ihr Mann oft, wie närrisch es war, wenn Menschen um sehr Spezifisches beteten. Doch Mrs Bloxby fand oft allein den Versuch tröstlich, denn natürlich könnte die Antwort »Nein« lauten, aber vielleicht geschah ja etwas.

Scotland Yard hatte einmal behauptet, manche Leute wären die prädestinierten Mordopfer; allerdings konnte Mrs Bloxby unmöglich ahnen, dass genau so jemand in einem Dorf unweit von Carsely lebte: eine Witwe, die solch einen Hass auf sich zog, dass sie ermordet wurde und Agatha Raisin damit einen neuen Fall bescherte.

Mrs Gloria French wohnte in Piddlebury, einem charmanten Dorf voller alter Cottages, das sich in die Cotswolds-Hügel schmiegte. Sie war eine burschikose Witwe mit blond gefärbtem Haar, rosigen Wangen und einem lauten Lachen. Das Dauerlächeln ihres breiten Mundes erreichte nie ganz die auffallend blassblauen Augen. Kürzlich war sie aus London in die Cotswolds gezogen und hatte sich mit großem Elan ins Dorfleben gestürzt.

Sie backte Kuchen für das Women’s Institute, trug die Kirchenzeitung aus und organisierte Partys, um Geld für die Reparaturen an der alten Kirche aufzutreiben. Mit anderen Worten: Sie war unermüdlich in ihrem Engagement.

Glorias Cottage war reetgedeckt und hatte alte Gitterfenster, wobei Letztere neu eingebaut worden waren, da Gloria fand, einfache moderne Fenster wären nicht Cottage-mäßig. Zwischen der Blütenpracht vor und hinter dem Haus standen bunte Gartenzwerge aus Plastik.

Drinnen waren Wohnzimmer und Küche mit reichlich Kupferkochgeschirr und unechtem Pferdezaumzeug dekoriert. An den Wänden hingen schlechte Aquarelle, war Gloria doch eine begeisterte Hobbymalerin. »Wenn Sie sehr brav sind«, sagte sie gern, »schenke ich Ihnen eines meiner Bilder.« Leider hofften die undankbaren Dorfbewohner ausnahmslos, sie würden niemals für brav genug befunden werden.

Gloria bevorzugte enge Kleider aus schimmerndem Stoff über einem Bodystocking, was ihre Figur wie in eine Wurstpelle gequetscht wirken ließ. Und sie war wild entschlossen, wieder zu heiraten. Deshalb flirtete sie erbarmungslos mit den wenigen verfügbaren Männern im Dorf, ausgenommen Jerry Tarrant, Kirchenvorstand, der die Menge an Parfüm, die sie auftrug, einmal mit den Worten kommentiert hatte: »Wir sollten nur eine leichte Note wahrnehmen, wenn wir an Ihnen vorbeigehen, und nicht das Gefühl haben, als würden wir von einer Duft-Dampfwalze überrollt.« Und das bloß, weil Gloria sich täglich von Kopf bis Fuß mit L’Air du Temps einsprühte.

Jeder hoffte, dass sie mit der Zeit zur Ruhe kommen würde, waren die Dorfbewohner doch schon an einige Neuzugezogene gewöhnt, die versucht hatten, alles an sich zu reißen und sich mit Verve auf das einzulassen, was sie für authentisches Dorfleben hielten.

Der Vikar Guy Enderbury hingegen war entzückt über ihre Bemühungen. Nicht nur trieb Gloria eine beachtliche Menge an Spenden für die Kirchenrenovierung ein, sie las auch noch den alten Leuten vor und fuhr mit ihnen einkaufen.

Er verstand nicht, warum sie beständig unbeliebter wurde. Deshalb wandte er sich an seine Frau Clarice.

Und die erklärte ihm: »Sie ist aufdringlich, aber das ist es nicht allein. Sie leiht sich Sachen und gibt sie nicht zurück. Und wenn die Leute nachfragen, schwört sie Stein und Bein, dass die Dinge ihr gehören.«

Was der Wahrheit entsprach. Die einzelnen Gegenstände waren nicht Besonderes, eine Teekanne hier, ein Messerset da, solche Sachen.

Wäre sie eine weniger Furcht einflößende Erscheinung, würden die Leute aufhören, ihr irgendetwas zu leihen; doch stand sie direkt vor ihrer Haustür, gaben sie oft nach, um sie schnellstens wieder loszuwerden.

Während Agatha mit Mrs Bloxby beim Kaffee saß, trug Gloria eine zweite Schicht roten Lippenstift auf ihren breiten Mund auf und begab sich zu Peter Suncliffs Cottage. Peter war Ingenieur im Ruhestand, verwitwet, in den frühen Sechzigern und hatte schlohweißes, dichtes Haar und ein faltiges Gesicht. Bei Gloria stand er ganz oben auf der Liste potenzieller Ehemänner.

Er öffnete die Tür und blickte auf Gloria herab. »Was?«, fragte er schroff.

»Der Vikar kommt zu Besuch, und mir ist der Sherry ausgegangen«, antwortete Gloria. Sie versuchte, sich an ihm vorbei in sein Cottage zu drängen, doch er versperrte ihr den Weg. »Ich habe mich gefragt, ob Sie mir eine Flasche leihen könnten.«

»Ist nicht nötig«, entgegnete Peter. »Der Dorfladen hat noch geöffnet, oder haben Sie das vergessen? Die verkaufen Sherry, falls Sie das auch nicht mehr wissen.« Und mit diesen Worten knallte er ihr die Tür vor der Nase zu.

Verdutzt drehte Gloria sich um. Dann dachte sie, dass er wahrscheinlich schüchtern war und sich nicht traute, seine Gefühle zu zeigen.

Sie wollte eben gehen, da fing Jenny Soper sie ab. Jenny war gleichfalls Witwe, klein und zierlich mit einer hübschen Figur, einem runden Gesicht mit Wangengrübchen und lockigem schwarzen Haar. »Ah, Gloria«, sagte sie. »Wissen Sie noch, dass Sie sich eine Tüte Mehl von mir geliehen hatten? Könnten Sie mir die bitte ersetzen?«

»Was? Ach das? Was ist schon eine Tüte Mehl unter Freundinnen?«

»Wir sind nicht befreundet«, erwiderte Jenny.

Gloria ignorierte sie und marschierte zum Dorfladen.

»Hören Sie mal«, rief Jenny, »ich will, dass Sie mir das Mehl ersetzen. Kaufen Sie jetzt eine Tüte und geben Sie sie mir!«

»Nein, ich habe im Moment nicht genug Geld bei mir«, sagte Gloria. »Also wirklich, Jenny! Was für Theater wegen einer Tüte Mehl!«

»Sie sind eine gierige Kuh!«, schimpfte Jenny. »Ach, ich wünschte, jemand würde Sie umbringen!« Sie stapfte von dannen.

Gloria schaute strahlend in die Runde der erschrockenen Dorfbewohner im Laden. »Die gute Jenny«, bemerkte sie kopfschüttelnd. »Aber da kann man mal sehen, was die Menopause bei manchen Frauen anrichtet.«

»Für die ist sie zu jung«, widersprach die alte Mrs Tripp. »Menopause, von wegen! Und kommen Sie nicht wieder zum Vorlesen zu mir, haben Sie verstanden?«

Gloria blickte sie entsetzt an. Stundenlang hatte sie der müffelnden Alten vorgelesen! »Außerdem«, ergänzte Mrs Tripp und bewegte sich mittels zweier Gehstöcke ein Stück vor, »haben Sie doch längst die Wechseljahre hinter sich, würde ich sagen.«

Gloria wollte ihren Ohren nicht trauen. Sie war Anfang fünfzig und bildete sich ein, mindestens zehn Jahre jünger auszusehen. Unverdrossen lächelte sie die aufmerksam beobachtenden Dorfbewohner an. »Die Hitze scheint heute Morgen allen zuzusetzen.«

Die anderen kehrten ihr den Rücken zu. Gloria war nicht gerade empfindsam, doch selbst sie fühlte eine gewisse Bedrohung in der Luft um sich herum, die hier so alt war wie die Cotswolds selbst.

Im Gegensatz zu anderen Dörfern dieser Tage, in denen es von Zugezogenen wimmelte, entstammten beinahe alle Bewohner von Piddlebury Familien, die seit Generationen hier lebten.

Rasch kaufte Gloria eine Flasche vom billigsten Sherry, den sie finden konnte, und machte sich auf den Heimweg.

Als sie ihr Cottage betrat, klingelte das Telefon, und sie eilte hin.

Es war der Vikar. »Meine liebe Mrs French«, sagte er, »leider kann ich heute Vormittag nicht zu Ihnen kommen. Es hat sich etwas ergeben.«

»Was?«, fragte Gloria.

»Gemeindeangelegenheiten.«

»Was für Gemeindeangelegenheiten?«

Dann jedoch hörte sie laut und deutlich, wie die Vikarsfrau im Hintergrund rief: »Konntest du sie abwimmeln?«

»Das erzähle ich Ihnen, wenn ich Sie das nächste Mal sehe«, antwortete Guy Enderbury. »Ich muss mich beeilen.« Und hiermit beendete er das Gespräch.

Gloria legte langsam den Hörer auf. Sie brauchte einen Drink. Aber nicht diesen scheußlichen, billigen Sherry. Sie hatte genau das Richtige unten im Keller. Also stieg sie die schmale Treppe hinunter. Dort stand eine Kiste mit mehreren Flaschen Holunderwein. Gloria hatte die Erfrischungen für einen Kirchenbasar vor einem Monat organisiert, und eine Farmersfrau aus der Gemeinde, Mrs Ada White, hatte den Wein zum Verkauf beigesteuert. Da Gloria wusste, dass er besonders gut war, hatte sie die Kiste mitgenommen, die Ada als Nachschub unter den Tisch gestellt hatte. Auf einer der Flaschen in der Ecke der Kiste hatte sie das auffällige rote Etikett mit der Aufschrift Sehr besonders! bemerkt.

Der wird es tun, dachte Gloria. Sie griff nach der Flasche und nahm sie mit nach oben.

Dort schenkte sie sich ein großes Glas ein, trank mit gierigen Schlucken und keuchte. Der Wein musste schlecht geworden sein. Krämpfe schüttelten sie, und sie übergab sich heftig. Als Nächstes revoltierte ihr Darm. Sie versuchte, aus ihrem Sessel aufzustehen und zum Telefon zu gelangen, doch sobald sie aufstand, knickten ihre Beine ein, und sie fiel hin. Ihre Sicht wurde verschwommen und alles dunkel, als sie sich auf allen vieren in den kleinen Flur schleppte. Sie unternahm einen letzten Versuch, sich aufzurichten, sank jedoch schon in ein Koma.

Drei Stunden später traf Jenny in der Hauptstraße Peter Suncliff. Im Grunde bestand das Dorf nur aus dieser einen Straße, von der lediglich zwei kleine Seitengassen abgingen. Die Cottages an der Straße hatten keine Gärten nach vorn.

»Wie geht es Ihnen heute Morgen, Jenny?«, fragte Peter.

»Ich bin immer noch wütend. Diese verflixte French! Sie hat sich von mir eine Tüte Mehl geliehen und will die nicht ersetzen. Im ganzen Dorf läuft sie herum und borgt sich Sachen aus, aber das ist kein Borgen, sondern Stehlen! Nie gibt sie was zurück. Ich meine, es ist nur eine Tüte Mehl, aber jemand muss ihr mal Paroli bieten.«

»Ich komme mit Ihnen«, sagte Peter, der die hübsche Jenny mochte.

Gemeinsam gingen sie zu Glorias Cottage und läuteten.

Mrs Ada White blieb neben ihnen stehen, einen Einkaufskorb über dem Arm. »Sie macht oft nicht auf«, sagte sie. »Ich weiß, dass sie meinen Holunderwein geklaut hat, aber als ich zu ihr wollte, hat sie nicht aufgemacht, dabei hatte ich sie erst Minuten vorher ins Haus gehen sehen.«

»Lassen wir es einfach«, erwiderte Jenny.

»Nein, es wird Zeit, dass ihr eine Lektion erteilt wird.« Peter bückte sich und rief durch den Briefschlitz: »Machen Sie auf! Wir wissen, dass Sie da sind.« Dann richtete er sich stirnrunzelnd wieder auf.

»Was ist?«, fragte Jenny.

Er antwortete nicht, sondern bückte sich wieder und spähte nun durch den Briefschlitz. Peter drehte den Türknauf, aber es war abgeschlossen. »Rufen Sie einen Krankenwagen, Jenny«, sagte er. »Sie ist zusammengebrochen. Ich versuche, die Tür aufzubrechen.«

Die Haustür hatte eine Glasscheibe. Während Jenny auf ihrem Mobiltelefon den Notruf wählte, hob Peter einen Stein vom Straßenrand auf und schlug die Scheibe ein. Vorsichtig streckte er einen Arm durch das Loch, ertastete das Schloss und öffnete.

Glorias Make-up wirkte grell in dem bleichen Gesicht. Peter fühlte nach einem Puls, konnte jedoch keinen finden.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis der Krankenwagen da war, und prompt begannen sich Leute vor den Cottages zu sammeln.

Zwei Sanitäter liefen in Glorias Haus; Peter und Jenny warteten nervös draußen.

Schließlich kam einer der Rettungssanitäter heraus und sagte: »Wir haben die Polizei verständigt.«

»Warum?«, wollte Peter wissen.

»Es sieht nach einer Vergiftung aus. Im Haus darf nichts angefasst werden.«

Agatha las am nächsten Tag in einer Lokalzeitung davon. Ihr Interesse flammte auf und erlosch gleich wieder. Sie konnte sich nicht leisten, in einem Fall zu ermitteln, der ihr kein Geld einbrachte.

Am Wochenende blickte sie finster in ihren Garten. Sie sollte wohl versuchen, in einigen der Blumenbeete Unkraut zu jäten, entschied sich aber stattdessen, sich mit einem Gin Tonic und einer Zigarette nach draußen zu setzen. In diesem Moment klingelte es an der Tür.

Sie öffnete und fand sich ihrem Freund Detective Sergeant Bill Wong gegenüber. »Komm rein!«, sagte Agatha. »Ich dachte schon, alle meine Freunde hätten mich vergessen.«

»Es ist sehr viel zu tun«, antwortete Bill.

Bill Wong war der erste Mensch, mit dem Agatha sich angefreundet hatte, als sie in die Cotswolds gezogen war. Bills Vater war Chinese, seine Mutter stammte aus Gloucestershire. Er hatte ein rundes Gesicht, mandelförmige Augen und einen angenehmen hiesigen Akzent.

»Möchtest du einen Drink?«, fragte Agatha, die voraus in den Garten ging, wo ihre beiden Kater Hodge und Boswell die eigenen Schatten über den ungepflegten Rasen jagten.

»Nein, zu früh für mich und für dich auch.« Bill setzte sich auf einen Gartenstuhl. Die Kater kamen angeflitzt, um ihn zu begrüßen.

»Es ist elf«, erwiderte Agatha, »und die Pubs haben geöffnet. Sei nicht so puritanisch.«

»Ich nehme einen Kaffee.«

Als Agatha mit einem Becher Kaffee aus der Küche zurückkam, hatte sich Hodge um Bills Nacken drapiert. Boswell lag schnurrend auf seinem Schoß. Agatha betrachtete das Bild angesäuert. Über sie schienen sich die Kater nur zu freuen, wenn Zeit fürs Futter war.

»Was gibt’s Neues?«, fragte sie und setzte sich neben Bill.

»Einen komischen Fall drüben in Piddlebury.«

»Ah, der Verdacht auf Vergiftung? War es Vergiftung?«

»Scheint so. Wir warten noch auf den Bericht der Gerichtsmedizin. Eine vorläufige Untersuchung hat ergeben, dass Gloria French kurz vor ihrem Tod Holunderwein getrunken hat.«

»Ein bisschen was von dem selbst gemachten Zeug reicht, um jeden zu vergiften«, bemerkte Agatha.

»Aber es ist nirgends ein Glas oder eine Flasche zu finden. Im Keller steht eine Kiste mit vier Flaschen. Die sind ins Labor gebracht worden. Die Hintertür des Cottage war nicht abgeschlossen. Jemand muss reingegangen sein und die Beweise entfernt haben.«

»Irgendwelche Verdächtigen?«

Bill schüttelte den Kopf. »Bisher nicht. Die Frau scheint eine Heilige in dem Dorf gewesen zu sein, hat Spenden für die Kirche gesammelt und lauter gute Werke getan.«

»Warte ab«, sagte Agatha zynisch. »Anfangs redet keiner schlecht über die Toten. War sie reich?«

»Sie stand sich sehr gut. Ihr Haus ist mindestens eine halbe Million wert. Sie hatte recht viele Aktien und Anleihen und ein großes Guthaben auf der Bank. Ihrem Mann gehörte die Firma, die Crispy Crisps herstellt, Kartoffelchips in allen möglichen Geschmacksrichtungen.«

»Und wer erbt?«, wollte Agatha wissen.

»Es gibt einen Sohn und eine Tochter. Aber die haben beide ein Alibi und hatten sich von der Mutter entfremdet. Der Sohn, Wayne, war Geschäftsführer bei Crispy Crisps, doch nach dem Tod des Ehemannes hat Gloria die Firma verkauft, und Wayne wurde arbeitslos.«

»Aha!«

»Nichts ›aha‹«, erwiderte Bill düster. »Er hat einen guten Job als Geschäftsführer der Konkurrenz, Neat Nibbles. Und er ist erst neunundzwanzig. Zum Tatzeitpunkt wurde er von Hunderten von Leuten in der Fabrik gesehen.«

»Was ist mit der Tochter?«, fragte Agatha.

»Tracey Altrop ist mit einem wohlhabenden Farmer verheiratet. Sie war zur Tatzeit in der Dorfkirche von Ancombe und hat den Blumenschmuck arrangiert.«

»Könnte jemand eine der Flaschen vergiftet haben, weil die Person wusste, dass sie den Wein irgendwann trinken würde?«

»Daran haben wir auch schon gedacht. Mrs Ada White hatte den Holunderwein hergestellt, und Gloria hat ihn von einem Kirchenbasar vor einer Woche mitgehen lassen. Als sie darauf angesprochen wurde, hat Gloria steif und fest behauptet, sie hätte die Kiste nicht gesehen.«

»Also gibt es da einen Sprung in ihrem makellosen Wohltäterinnenimage«, folgerte Agatha. »Wenn sie den Wein geklaut hat, könnte sie auch schon andere Sachen gestohlen haben.«

Bill grinste. »Wünschst du dir, du wärst an dem Fall dran?«

»Er wäre allemal interessanter als der Mist, mit dem ich mich abgeben muss«, antwortete Agatha. »Würde mich doch jemand bezahlen, damit ich es mir mal ansehe!«

»Kopf hoch. Der Sohn und die Tochter sind reich. Vielleicht bitten sie dich um Hilfe.«

Eine Woche verging, und Agatha hatte den Fall beinahe vergessen, als Jerry Tarrant, Kirchenvorstand von Piddlebury, sie in ihrem Büro aufsuchte.

Er war ein unglaublich adretter Mann, trug ein blaues Hemd und eine Seidenkrawatte zu einer Jeans mit messerscharfen Bügelfalten und schimmernden weißen Turnschuhen. Als hätte er versucht, sich leger zu kleiden, es aber nicht ganz hinbekommen. Sein dünnes braunes Haar war notdürftig über eine kahle Stelle auf seinem Kopf gekämmt. Alles in seinem Gesicht wirkte klein: kleine braune Augen, eine kleine Nase und ein kleiner Mund.

Er stellte sich vor, nahm Agatha gegenüber Platz und arrangierte die Bügelfalten seiner Jeans, bis sie exakt vertikal fielen. Als er seinen Namen nannte, schlug Agatha strahlend die Akte mit entlaufenen Haustieren zu.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie. »Geht es um den Mord in Ihrem Dorf?«

»Ja, genau.« Seine Stimme klang hoch und flötend. »Normalerweise würden wir die Angelegenheit der Polizei überlassen, aber es ist nötig, dass der Fall schnell aufgeklärt wird. Wir sind bisher ein glückliches Dorf gewesen, doch jetzt scheint jeder jeden zu verdächtigen.«

»Was für ein Mensch war Gloria French?«, fragte Agatha. »Und sprechen Sie bitte schlecht von der Toten, falls nötig.«

»Sie hat vor einem Jahr ein Haus im Dorf gekauft und wirkte zunächst wie eine vorbildliche Frau. Sie hat den alten Leuten vorgelesen, für sie eingekauft, Geld für die Kirchenrenovierung aufgetrieben, solche Dinge. Aber dann entwickelte sie die Angewohnheit, sich Sachen zu borgen und sie nicht zurückzugeben. Nie etwas Wertvolles, Weingläser für eine Party, die sie gab, Scheren, eine Teekanne und alle möglichen Kleinigkeiten. An ihrem letzten Tag hat sie versucht, sich eine Flasche Sherry von einem der Dorfbewohner zu leihen.«

»Wer finanziert diese Ermittlung?«, fragte Agatha. »Meine Gebühren sind ziemlich hoch.«

»Ich werde Sie persönlich bezahlen«, antwortete Jerry. »Ich will, dass wieder Ruhe im Dorf einkehrt. Wenn Sie den Mörder finden, werde ich Ihnen einen großzügigen Bonus zahlen. Ich bin kein armer Mann.«

Agatha bat Mrs Freedman, einen Vertrag aufzusetzen. Nachdem sie ihr Honorar und die Spesen besprochen hatten, fragte Agatha: »Haben Sie eine Ahnung, wer diesen Mord begangen haben könnte?«

»In unserem Dorf haben wir im Augenblick keine Zugezogenen. Na ja, bis auf Gloria und Peter Suncliff, ein Ingenieur im Ruhestand. Aber sonst fällt mir niemand ein.«

»Sie sagten, die Leute beschuldigen sich gegenseitig. Gibt es eine Person, die besonders ins Visier genommen wird?«

»Es geht die lächerliche Vermutung um, dass es Jenny Soper gewesen sein könnte. Sie ist gehört worden, wie sie gedroht hat, Gloria umzubringen. Aber Jenny ist eine liebenswerte, zierliche Person und würde keiner Fliege etwas zuleide tun.«

»Ich bin noch nie in Piddlebury gewesen«, bemerkte Agatha. »Wie ist es so?«

»Sehr klein. Eher ein Weiler als ein Dorf. Es gibt eine Hauptstraße mit einer Kirche am einen Ende und einem Pub am anderen.«

In diesem Moment kam Toni Gilmour ins Büro. Mit altmodischer Höflichkeit sprang Jerry auf. Agatha stellte ihn vor und sagte, Toni helfe ihr bei den Ermittlungen.

Toni war jung und hübsch mit blondem Haar, großen blauen Augen und einer perfekten Figur. Jerry strahlte sie an. Männer strahlen Toni immer an, dachte Agatha mit einem Anflug von Eifersucht. Wahrscheinlich lebe ich nicht mehr lange genug, um zu sehen, wie sie altert, überlegte sie unglücklich und sehnte sich prompt nach einer Zigarette. Aber sie kämpfte gegen das Verlangen an, denn wieder einmal bemühte sie sich verzweifelt, das Rauchen aufzugeben.

Jerry öffnete eine Aktentasche und zog einen Stapel Fotos heraus. »Die hier wurden beim letzten Gemeindefest gemacht«, erklärte er. »Ich habe die Namen auf die Rückseiten geschrieben. Und ich habe eine Liste mit den Namen der meisten Dorfbewohner getippt und einer kurzen Beschreibung von jedem.«

Ein Mann nach meinem Geschmack, dachte Agatha.

»Wann wollen Sie anfangen?«, fragte Jerry.

»Oh, ich denke, wir können heute beginnen«, antwortete Agatha, die vorhatte, die entlaufenen Haustiere Simon Black aufzudrücken.

Jerry unterschrieb den Vertrag und ging. Fünf Minuten später kam Patrick Mulligan herein. Nicht zum ersten Mal dachte Agatha, dass Patricks Erscheinung förmlich »Polizist« schrie, angefangen von seinem schwermütigen Gesichtsausdruck über den grauen Anzug bis hin zu den auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhen.

Nachdem sie Patrick von dem neuen Auftrag erzählt hatte, bat Agatha ihn, seine alten Polizeikollegen zu kontaktieren und alles zu dem Fall herauszufinden, was er konnte. »Weiß man schon, was sie vergiftet hat?«

»Rhabarber.«

»Rhabarber! Aber ich hatte erst letzte Woche ein Rhabarbertörtchen, und mir geht es gut.«

»Rhabarberblätter sind hochgiftig«, erklärte er, »vor allem, wenn sie mit Soda gekocht werden. Wie sich herausgestellt hat, hatte Gloria French ein schwaches Herz, sonst hätte sie es vielleicht überlebt. Ich habe mit einem alten Kumpel in der Polizeizentrale darüber geredet. Er sagte, die Küchentür hinten war unverschlossen. Jemand muss hereingekommen und die Flasche und das Glas entfernt haben. Es gab Flaschen von dem Wein in einer Kiste im Keller. Da waren Fußspuren, die nach unten führten, von denen einige von Gloria stammen. Außerdem sind da einige größere, frische.«

Er wiegte den Kopf. »Was der Polizei Rätsel aufgibt, ist die Tatsache, dass es aussieht, als hätte der Mörder einfach eine Flasche von dem vergifteten Zeug zu den anderen gestellt und dann abgewartet. Woher hätte er wissen wollen, dass Gloria aus dieser Flasche trinken würde und wann, um zur Stelle zu sein, wenn die Beweise verschwinden mussten? Außerdem sagt der Vikar, dass Gloria ihn oft zu sich eingeladen und ihm den billigsten Drink eingeschenkt hat, den sie auftreiben konnte. Zuletzt hat sie ihm auch Holunderwein angeboten. Anscheinend war es dem Mörder gleich, wen er umbringt, solange eines der Opfer Gloria war.«

»Bleiben Sie dran, Patrick«, sagte Agatha, die sich hastig Notizen machte. »Toni und ich fahren hin und schauen uns den Ort mal an.«

Als die beiden Frauen auf der Hauptstraße von Piddlebury aus Agathas Wagen stiegen, fand Toni, dass es dort wie auf einer Postkarte aussah. Zu beiden Seiten duckten sich wenige reetgedeckte Cottages zwischen solchen mit neueren Schieferdächern. Wahrscheinlich georgianisch, dachte Toni, nicht aus der Tudor-Zeit wie die anderen. Der Kirchturm am Dorfende war wie der Zeiger einer gewaltigen Sonnenuhr und ließ seinen Schatten über die Häuser wandern.

Glorias Cottage war leicht an dem Polizeiabsperrband vorn und dem weißen Zelt über der Tür zu erkennen.

»Wo fangen wir an?«, fragte Toni.

»Im Pub«, antwortete Agatha. »Ich habe Hunger.«

Der Pub, The Green Man, war ein kastenartiger Bau aus mattgoldenem Cotswolds-Stein. Eine alte Glyzinie bedeckte den Großteil der Fassade. Der gemalte grüne Mann, das uralte Fruchtbarkeitssymbol, hatte ein einzigartig böse wirkendes Gesicht, und Weinranken sprossen ihm aus den Nasenlöchern.

Agatha und Toni betraten den kühlen, dunklen Schankraum. »Da das Dorf nicht auf der Touristenkarte zu finden ist, hoffe ich, dass sie richtiges Essen haben«, flüsterte Agatha. Sie näherte sich dem Tresen. »Bieten Sie Mittagessen an?«

Der große hagere Grauhaarige hinter dem Tresen reichte ihr die Hand. »Sie müssen die Detektivinnen sein, von denen uns Mr Tarrant erzählt hat.«

»Ja, die sind wir«, bestätigte Agatha. »Und Sie sind …?«

»Moses Green, der Besitzer dieses Etablissements.«

»Wir haben Hunger. Was haben Sie da für uns?«

Er gab Agatha eine Karte, und zu ihrem Verdruss bot sie die gleiche furchtbare Auswahl wie alle Touristen-Pubs: Lasagne mit Pommes frites, Eier mit Pommes frites, Würstchen mit Pommes frites, Kochschinken mit Pommes frites, Ploughmans und Tomatensuppe.

»Haben Sie kein richtiges Essen?«

»Da Sie es sind, können Sie etwas vom gebratenen Lammfleisch meiner Frau haben, falls Sie wollen.«

»Sehr gut.« Sie bestellten zwei halbe Pints Lager und zogen sich an einen Ecktisch zurück.

»Wir sind die einzigen Gäste«, flüsterte Toni.

Als Moses mit ihrem Essen kam, fragte Agatha: »Ist es hier immer so ruhig?«

»Oh, es sind Gäste da, aber die sitzen hinten im Garten. Die Raucher mögen es dort lieber.«

Agatha wollte schon vorschlagen, dass sie auch rausgingen, doch dann wurde ihr klar, wie dringend sie sich das Rauchen abgewöhnen wollte. Aber sie fand einen Kompromiss und sagte, sie würde nach dem Essen noch einen Kaffee draußen trinken. Schließlich war sie hier, um die Einheimischen zu befragen.

Das Lamm war hervorragend. Nach dem Essen gingen sie durch einen steingefliesten Flur zum Garten auf der Rückseite. Dort verstummten alle anderen Gäste, als sie nach draußen traten, und blickten zu ihnen.

»Ich bin Agatha Raisin, Privatdetektivin«, verkündete Agatha laut. Laut und herrisch, dachte Toni unglücklich. »Und ich bin hier, um zu dem Mord an Gloria French zu ermitteln. Kann mir jemand von Ihnen helfen?«

In diesem Moment wünschte Toni, jemand in ihrem Alter, zum Beispiel Simon Black, würde in diesem Fall mit ihr die Ermittlungen anstellen. Mit Agatha zusammenzuarbeiten fühlte sich an, als würde man in der Bugwelle eines Schlachtschiffes mitgezogen.

Alle neigten den Kopf über ihr Essen, und bald hoben die Unterhaltungen wieder an. Frustriert sah Agatha sie an, die Hände in die Hüfte gestemmt.

»Setzen wir uns, trinken wir unseren Kaffee, und ich nehme mir die Tische einzeln vor«, sagte Toni. »Ich glaube, Sie haben die Leute verschreckt.«

»Ich verschrecke niemanden«, entgegnete Agatha verärgert. »Menschen erwärmen sich für mich.«

»Die hier nicht«, widersprach Toni. »Setzen Sie sich, trinken Sie Kaffee, rauchen Sie eine und überlassen Sie es mir.«

»Sie vergessen, wer hier das Sagen hat«, erwiderte Agatha entrüstet.

»Nein, keine Sekunde lang, glauben Sie mir.«

»Ach, dann tun Sie Ihr Bestes«, brummte Agatha mürrisch.

Als Toni sich dem ersten Tisch näherte, schlug Agatha die Mappe mit den Fotos auf. Toni sprach mit Peter Suncliff und Jenny Soper. Agatha hoffte, dass sie Toni direkt abwiesen, doch leider zog Peter ihr einen Stuhl unter dem Tisch hervor, und bald waren die drei in ein Gespräch vertieft.

Agatha steckte sich eine Zigarette an, die erste des Tages, und ihr wurde ein wenig schwindlig. Leise fluchend drückte sie sie wieder aus, weil sie Visionen heimsuchten, in denen sie mit einem rollbaren Sauerstofftank herumlief.

Zu ihrer Erleichterung sah sie Toni nach ihr winken. Sie stand auf und ging hinüber.

Toni stellte sie vor. »Wir haben über Gloria gesprochen«, erklärte sie. »Viel helfen können sie nicht.«

»Und ich würde, wenn ich könnte«, versicherte Jenny. »Ich wurde gehört, wie ich sagte, dass ich hoffe, jemand würde sie umbringen. Natürlich hatte ich das nicht so gemeint, aber es hat alle wütend gemacht, dass sie ständig vorgegeben hat, Dinge leihen zu wollen, und in Wahrheit nie vorhatte, sie zurückzugeben oder jemanden für das zu bezahlen, was sie genommen hat. Sie werden Schwierigkeiten haben, jemanden zu finden, der mit Ihnen redet. Die Polizei hat alle im Dorf befragt, und das hat nur lauter Ärger verursacht. Jeder beschuldigt jeden.«

»Ja, das ist das Problem mit der Polizei«, sagte Agatha. »Sie geben jedem das Gefühl, schuldig zu sein. Keine Sorge, ich finde diesen Täter, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.«

Agatha konnte nicht ahnen, dass es um ein Haar das Allerletzte werden sollte, was sie tat.

Zwei

Als sie den Pub verließen, sagte Agatha: »Versuchen wir es beim Vikar. Jerry Tarrant hat erzählt, dass Gloria viel für die Kirche getan hat.«

Das Gotteshaus St Edmund’s war klein, hatte aber einen hohen Turm, der gen Sommerhimmel wies. Das Pfarrhaus, ein hübsches georgianisches Gebäude, stand direkt neben der Kirche.

Agatha klingelte. Eine barsch wirkende Frau mit sehr rotem Gesicht und dünnem grauen Haar öffnete.

»Mrs Enderbury?«, fragte Agatha.

»Nee, die ist drinnen«, antwortete die Frau. »Ich bin bloß die Hilfe. Besuch!«, brüllte sie in den kühlen dämmrigen Flur.

Eine große dünne Frau erschien aus einer Tür an der Seite und kam auf sie zu. »Danke, Mrs Pound«, sagte sie. Die Putzhilfe zog sich in den hinteren Teil des Hauses zurück, und die Vikarsfrau blickte Agatha fragend an.

Sie stellte sich und Toni vor.

»Kommen Sie herein«, bat Clarice. »Was für eine Hitze heute! Jerry hat uns erzählt, dass er Sie engagiert hat.« Sie erhob die Stimme. »Liebling! Es ist die Detektivin.«

Eine andere Tür zum Flur ging auf, und der Vikar kam heraus. Er war so groß und dünn wie seine Frau, hatte schwere Augenlider und eine lange Nase. »Ich bin fast fertig mit meiner Predigt«, sagte er, nachdem sich alle bekannt gemacht hatten. »Clarice, wie wäre es, wenn du mit den Damen in den Garten gehst und ihnen Limonade anbietest? Ich komme bald zu euch.«

»Eine gute Idee«, antwortete seine Frau. Sie ging voraus den Korridor mit Steinboden entlang und nach draußen in einen sonnigen Garten voller Blumen. Auf einer kleinen Terrasse stand ein Tisch, der von einem Sonnenschirm beschattet war. »Setzen Sie sich«, forderte sie sie auf. »Limonade?«

»Nein, danke«, antwortete Agatha. »Wir haben eben im Pub zu Mittag gegessen.« Sie nahmen am Tisch Platz.

Die Vikarsfrau legte ihren Sonnenhut ab, unter dem dichtes rotes Haar zum Vorschein kam, das zu einem Knoten aufgebunden war. Sie hatte sehr große grüne Augen, ein längliches Gesicht und einen kleinen Mund. Und sie trug ein altes geblümtes Kleid und Sandalen.

»Was können Sie uns über Gloria French erzählen?«, fragte Agatha.

»Sie hat eine Menge gute Arbeit für die Kirche geleistet«, antwortete Clarice. »Guy war ihr sehr dankbar dafür.«

»Aber was haben Sie von ihr gehalten? Ganz ehrlich«, hakte Agatha nach.

Clarice zögerte. Zu Agathas und Tonis Überraschung griff sie in ihren Ausschnitt und zog eine zerknickte Zigarettenpackung und ein Feuerzeug hervor. Sie steckte sich eine Zigarette an und blickte der Rauchwolke nach, die durch den Garten davonwehte.

»Wir müssen es wirklich wissen«, sagte Toni ruhig. »Es muss etwas an ihrem Charakter gewesen sein, dass jemand sie umbringen wollte.«

»Nun, ich schätze, in dem Fall … Sie war eine dumme Kuh«, gestand Clarice. »Eine gemeine, boshafte Frau. Guy meinte, sie müsse eine wahrhaft gute Christin sein, wenn sie bereit ist, so viel für die Kirche zu tun, aber es ging ihr nur um Manipulation und Kontrolle. Sie besaß sogar die Frechheit, vor meinen Augen mit meinem Mann zu flirten. Bei ihr kam mir das Frösteln. Die Leute erzählen sich, dass sie Sachen geliehen hat und sie nicht zurückgeben wollte. Ich denke, sie hat auch gestohlen. Ich hatte eine hübsche Crown-Derby-Schale in der Anrichte im Wohnzimmer. Eines Tages war sie weg. Als wir Gloria besucht haben, stand meine Schale da. Gloria hat es geleugnet, behauptet, es wäre ihre. Ich bin hartnäckig geblieben, da ist sie in Tränen ausgebrochen. Guy sagte, ich müsse mich täuschen. Guy und ich hatten einen entsetzlichen Streit deswegen. Ich habe diese Frau richtig gehasst. Vermutlich müssen Sie herausbekommen, wer sie umgebracht hat, nicht wahr?«

»Vergiften ist ein fieser, vorsätzlicher Mord«, antwortete Agatha. »Sehr heimtückisch.« Da sie es nicht aushielt, den Zigarettenrauch der Vikarsfrau zu riechen, zündete sie sich selbst eine Zigarette an. »Hätte ihr ›nur‹ jemand den Schädel eingeschlagen, wäre es etwas ganz anderes.«

Sie hörte Schritte nahen. Hastig flüsterte Clarice: »Hier!«, und drückte Toni ihre Zigarette in die Hand, bevor sie die Packung und das Feuerzeug wieder in ihrem Dekolleté verschwinden ließ.

Der Vikar kam zu ihnen an den Tisch. »Du lieber Himmel«, sagte er mit Blick zu Toni. »Ich dachte, die jungen Leute wüssten Bescheid über die Gefahren des Rauchens.«

Agatha winkte rasch ab. »Ist egal. Ich versuche, alles über Gloria French zu erfahren, was ich kann. Der Charakter eines Mordopfers kann nämlich Hinweise auf die Identität des Mörders geben.«

»Die Frau war eine Heilige«, erklärte der Vikar mit einem warnenden Blick zu seiner Frau. »Sie hat unermüdlich Spenden für die Kirche eingeworben. Eine sehr emsige Arbeiterin.«

»Genau das habe ich auch eben gesagt, Liebling«, warf Clarice ein.