Auf der Suche nach Anglos - Judith Parker - E-Book

Auf der Suche nach Anglos E-Book

Judith Parker

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Die Nacht war wie verzaubert. Der Vollmond leuchtete hell am wolkenlosen, mit Sternen übersäten Himmel. Sein Licht versilberte den Park von Schoeneich. Andrea von Schoenecker stand am Fenster ihres Zimmers und blickte verträumt auf das zauberhafte Bild. Dabei dachte sie an den kommenden Tag. Für sie war es noch immer wie ein Wunder, dass es ihr Hochzeitstag sein sollte. Wenn man ihr vor wenigen Monaten gesagt hätte, dass sie Hans-Joachim von Lehn heiraten würde, hätte sie es nicht geglaubt. Denn er hatte sie immer wie ein Kind behandelt und sie niemals wirklich ernst genommen. Sie aber hatte ihn schon seit langem heimlich geliebt. Andrea dachte auch an die zahlreichen Gedichte, zu denen Hans-Joachim sie inspiriert hatte. Ein Gedicht war sogar von einer Frauenzeitschrift abgedruckt worden. Zu dieser Zeit hatte sie unsagbar gelitten, weil Hans-Joachim mit einer Studentin auf Urlaub gefahren war. Sie hatte sich vorgenommen, nicht mehr an ihn zu denken und deshalb mit anderen jungen Männern geflirtet – auch mit dem jungen Freiherrn von und zu Eschenbach. Aber sie hatte sich in keinen ihrer Verehrer verlieben können, weil sie immer an Hans-Joachim hatte denken müssen. Schon damals hatte sie gewusst, dass sie nur mit ihm würde glücklich werden können – so glücklich, wie ihre Eltern es waren. Darum hatte sie es kaum fassen können, als Hans-Joachim dann plötzlich doch Interesse für sie gezeigt hatte. An einem herrlichen Frühsommertag hatte er sie gefragt, ob er sie zu einer Auto-fahrt abholen dürfe. Mit Freuden hatte sie zugesagt. Dann waren sie lange spazierengegangen. Hans-Joachim war plötzlich stehengeblieben.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sophienlust – 523 –

Auf der Suche nach Anglos

Judith Parker

Die Nacht war wie verzaubert. Der Vollmond leuchtete hell am wolkenlosen, mit Sternen übersäten Himmel. Sein Licht versilberte den Park von Schoeneich.

Andrea von Schoenecker stand am Fenster ihres Zimmers und blickte verträumt auf das zauberhafte Bild. Dabei dachte sie an den kommenden Tag. Für sie war es noch immer wie ein Wunder, dass es ihr Hochzeitstag sein sollte. Wenn man ihr vor wenigen Monaten gesagt hätte, dass sie Hans-Joachim von Lehn heiraten würde, hätte sie es nicht geglaubt. Denn er hatte sie immer wie ein Kind behandelt und sie niemals wirklich ernst genommen. Sie aber hatte ihn schon seit langem heimlich geliebt.

Andrea dachte auch an die zahlreichen Gedichte, zu denen Hans-Joachim sie inspiriert hatte. Ein Gedicht war sogar von einer Frauenzeitschrift abgedruckt worden. Zu dieser Zeit hatte sie unsagbar gelitten, weil Hans-Joachim mit einer Studentin auf Urlaub gefahren war. Sie hatte sich vorgenommen, nicht mehr an ihn zu denken und deshalb mit anderen jungen Männern geflirtet – auch mit dem jungen Freiherrn von und zu Eschenbach. Aber sie hatte sich in keinen ihrer Verehrer verlieben können, weil sie immer an Hans-Joachim hatte denken müssen. Schon damals hatte sie gewusst, dass sie nur mit ihm würde glücklich werden können – so glücklich, wie ihre Eltern es waren. Darum hatte sie es kaum fassen können, als Hans-Joachim dann plötzlich doch Interesse für sie gezeigt hatte. An einem herrlichen Frühsommertag hatte er sie gefragt, ob er sie zu einer Auto-fahrt abholen dürfe. Mit Freuden hatte sie zugesagt. Dann waren sie lange spazierengegangen.

Hans-Joachim war plötzlich stehengeblieben. »Andrea, du bist wunderschön«, hatte er leise gesagt. »Du hast herrliches Haar.« In seiner Stimme hatte ein unendlich zarter Ton mitgeschwungen, und in seinen Augen hatte es hell aufgeleuchtet. »Ich liebe dich, Andrea. Ich liebe dich mit der ganzen Kraft meines Herzens. Lange habe ich mich gegen diese Liebe gewehrt. Vergeblich, Andrea. Meine Liebe zu dir ist stärker als jedes andere Gefühl in mir. Bitte, schau mich an«, hatte er sie gebeten und sanft ihr Kinn angehoben. »Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt.«

»Ich dich auch, Hans-Joachim«, hatte sie erwidert. Ihre Stimme hatte ihr bei diesen Worten kaum gehorchen wollen vor seliger Erregung. Süße Schauer waren ihr über den Rücken gerieselt.

»Andrea!« Ihr Name hatte wie ein Aufschrei geklungen, und dann hatte er sie geküsst.

Von diesem Augenblick hatte Andrea schon oft geträumt. Doch dann hatte sie jeden Gedanken ausgeschaltet und seine Küsse leidenschaftlich erwidert.

Von diesem Tag an hatten sie beide gewusst, dass sie für immer zusammengehörten, dass es nichts gab, was sie trennen konnte – außer dem Tod.

Mit tiefer Dankbarkeit dachte An-drea an die Güte ihrer Eltern, die ihrem Glück keine Hindernisse in den Weg gestellt hatten und mit einer baldigen Hochzeit einverstanden gewesen waren. Dann wandte sie sich vom Fenster ab und trat vor den Spiegel. Eingehend musterte sie ihr Spiegelbild. Ja, sie war schön, stellte sie mit innerer Befriedigung fest. Und sie wollte schön sein. Schön für den geliebten Mann.

Fast andächtig strich sie über ihr dunkles, volles Haar, das sie in der Mitte gescheitelt trug und das so lang war, dass es ihr weit über Schultern und Rücken fiel. Dominierend in ihrem ovalen Gesicht mit der kleinen geraden Nase und mit den auffallend langen Wimpern. Ihre Taille war so schmal, dass ein Mann sie leicht mit beiden Händen umfassen konnte. Obwohl sie groß war, war sie doch zierlich gebaut. Auch war sie nicht mager. Neulich hatte Hans-Joachim gesagt, dass sie eine wunderschöne Figur habe.

Es klopfte leise an die Tür. Auf ihr »Herein« steckte Dominik seinen Kopf mit dem dunklen Haarschopf ins Zimmer. »Störe ich?«, fragte er, trat aber bereits ein. Er war schon im Pyjama, über dem er einen dunkelroten kurzen Morgenmantel trug.

»Aber nein, Dominik, du störst nicht!«, rief Andrea lächelnd. »Setz dich nur«, forderte sie ihn freundlich auf.

Das ließ der Junge sich nicht zweimal sagen. Er sank erleichtert auf einen Sessel und zog die Beine an. Andrea setzte sich aufs Bett.

»Ja, Nick?«, fragte sie gespannt.

»Ach, eigentlich wollte ich nichts Besonderes von dir«, brummte er. »Ich bin nur noch mal zu dir gekommen, weil du doch die letzte Nacht in Schoen­eich bist. Nicht wahr, der Polterabend war toll?«

»Ja, es war sehr schön heute«, gab Andrea zu. »Aber morgen wird es noch viel, viel schöner werden, Nick.«

»Ja, morgen.« Nick räusperte sich. »Ich werde mich nur schwer daran gewöhnen können, dass du ab morgen Andrea von Lehn heißt. Komisch, dass du heiratest.« Er stieß einen herzerweichenden Seufzer aus. »Eigentlich gefällt es mir nicht sehr, dass du nicht mehr in Schoeneich wohnen wirst«, bekannte er verlegen. »Weißt du noch, Andrea, wie oft ich am Abend heimlich zu dir ins Zimmer gekommen bin? Für ein Mädchen warst du immer ein pfundiger Kumpel«, setzte er rau hinzu.

»Ach, Nick, mir fällt es ja selbst ein bisschen schwer, von hier fortzugehen. Aber ich bin auch sehr, sehr glücklich darüber, dass ich Hans-Joachims Frau werde. Unser Leben wird einmalig schön werden. Und was für ein Glück, dass das Tierheim noch vor unserer Hochzeit fertig geworden ist.«

»Ja, ich freue mich auch ganz närrisch auf euer Tierheim. Da habt ihr eine großartige Idee gehabt. Wirklich toll, dass die Anlage noch fertig geworden ist. Aber das ist in der Hauptsache wieder einmal Muttis Verdienst. Selbst die Handwerker, die sich ja im allgemeinen hundertmal bitten lassen, bevor sie erscheinen, fressen ihr aus der Hand.«

»Ja, Nick, Mutti ist die liebste und beste Mutter auf der ganzen weiten Welt. Sie ist eine wunderbare Frau. Ich möchte genauso werden wie sie. Aber ich glaube, ich werde das nie schaffen«, fügte sie mit einem unterdrückten Seufzer hinzu.

»Warum nicht?« Dominik musterte seine Stiefschwester nachdenklich. »Obwohl du nicht ihre leibliche Tochter bist, siehst du ihr doch erstaunlich ähnlich. Das hat neulich auch einer meiner Freunde festgestellt, der sich in dich verknallt hat. Dein Haar wäre wunderschön, hat er gesagt, und du hättest eine tollte Figur. Es wäre alles da. Und du hättest Augen wie … wie … ist ja auch egal. Ja, du sähst aus wie eine Prinzessin aus dem Morgenland, hat er gesagt.«

Andrea lachte. »Geh, übertreib doch nicht so!«

»Ein bisschen hat er schon recht«, brummte Nick und blickte sich um. »Hast du eigentlich noch Kekse da? Ich habe einen Mordshunger.«

»Natürlich habe ich Kekse da. Aber dass du noch Hunger hast, ist mir unverständlich. Heute Abend hast du doch sehr viel gegessen. Immer, wenn ich dich gesucht habe, standest du am kalten Büfett.«

»Mein Magen muss ein Loch haben«, meinte der Junge vergnügt und griff nach der Keksdose. »Ich finde es auch große Klasse, dass Vati den Ausbau eurer Wohnung in der Lehnschen Villa veranlasst hat.«

»Ja, Vati ist sehr großzügig. Eigentich wäre das gar nicht nötig gewesen. Mit meiner zukünftigen Schwiegermutter verstehe ich mich ausgezeichnet. Aber es ist auch herrlich, eine eigene Wohnung zu haben.«

»Die Villa von Herrn Doktor von Lehn ist riesengroß«, stellte Nick mit vollem Mund fest.

»Ja, so ist es. Auch der Garten ist sehr groß. Jedenfalls war genug Platz für das Gebäude des Tierheims.« An-drea gähnte verstohlen hinter der Hand.

Da klopfte es wieder. Denise trat ins Zimmer. »Ach, Nick, du bist da«, stellte sie fest.

»Ja, Mutti, aber ich geh schon wieder.« Mit sichtlichem Bedauern stellte er die Keksdose wieder auf ihren Platz. »Gute Nacht, Andrea.« Er gab ihr einen scheuen Kuss. »Gute Nacht, Mutti.« Einen Augenblick blieb er noch stehen und lachte verlegen, dann zog er die Tür leise hinter sich zu.

»Mein Kleines, ich wollte nur noch einmal nach dir schauen!« Denise sah ihre bildhübsche Stieftochter mit einem kleinen wehmütigen Lächeln an.

»Ich bin glücklich, Mutti, dass du noch einmal gekommen bist.« Andrea schmiegte sich an Denise. »Ach, Mutti, mir kommt das alles noch wie ein Traum vor.«

»Mir auch, mein Kleines. Für Vati und mich ist es nicht einfach, dich so früh herzugeben. Aber jung gefreit hat noch niemand bereut, besagt ein altes Sprichwort. Außerdem wissen wir, dass du bei Hans-Joachim in guten Händen bist, Andrea. Er ist ein Schwiegersohn, wie wir ihn uns immer gewünscht haben.«

»Ja, Mutti, er ist einfach wunderbar.« Ein schwärmerischer Ausdruck trat in Andreas Augen. »Und ich liebe ihn.« Ihr Blick suchte ihr Hochzeitskleid, das am Kleiderschrank hing. »Ich kann es kaum erwarten, das Kleid zu tragen.«

»Es ist ein bezauberndes Kleid, mein Liebling.«

»Ja, Mutti, du hast es ja auch für mich ausgesucht. Dass der Stoff einen zarten bläulichen Schimmer hat, gefällt mir gut.«

»Ich weiß, mein Kleines. Aber nun musst du schlafen. Damit du morgen mit blanken Augen aufwachst.«

»Ja, Mutti. Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast. Meine richtige Mutter hätte ich niemals so lieb haben können wie dich.«

»Und ich liebe dich wie meine eigene Tochter, mein Kleines.« Denise zog das Mädchen an sich. »Mir ist es, als sei es erst gestern gewesen, dass ich dich zum erstenmal sah.«

»Ich kann mich noch gut an diesen Tag entsinnen, Mutti. Damals war ich acht Jahre alt.«

»Ich weiß. Aber nun marsch ins Bett.« Denise gab ihr einen liebevollen Klaps.

Dann war Andrea wieder allein mit ihren Träumen. Endlich forderte die Natur ihr Recht. Sie schlief ein.

*

Denise und Alexander von Schoenecker unterhielten sich noch ein Weilchen. Für sie würde der kommende Tag nicht leicht sein. Dass Andrea so jung und so schnell heiraten würde, hätten sie sich nicht träumen lassen. Besonders Alexander fiel es schwer, seine einzige Tochter, die stets sein ganzer Stolz gewesen war, schon herzugeben. Er tröstete sich damit, dass Andreas Wahl auf einen Würdigen gefallen war. Sonst hätte er auch niemals erlaubt, dass sie schon heiratete. Denise, die ebenfalls mit offenen Augen im Bett lag vernahm Alexanders unterdrückten Seufzer. Ihre Hand suchte die seine. »Alexander, sei nicht traurig«, bat sie zärtlich. »Andrea war reif für die Ehe.«

»Das sage ich mir ja auch immer wieder. Trotzdem hätten wir sie vielleicht doch überreden können, noch ein Jahr mit der Hochzeit zu warten.«

»Vielleicht wäre uns das gelungen, weil Andrea immer ein nachgiebiges, anschmiegsames Kind gewesen ist. Aber damit hätten wir sie unglücklich gemacht. Ich halte alle Eltern, die darauf bestehen, dass ihre Kinder nicht so früh heiraten, für hartherzig. Besonders dann, wenn sie wissen, dass die Wahl ihrer Kinder auf einen anständigen Menschen gefallen ist.«

Alexander drückte die Hand seiner Frau. »Ja, Denise, da ist etwas Wahres dran«, gab er zu. »Aber wir Väter sind oft eifersüchtig auf unsere Töchter. Auch hätte ich mir gewünscht, dass alles so geblieben wäre, wie es war. Ich war immer stolz auf unsere große Familie.«

»Alexander, du musst das alles von einer anderen Seite betrachten. Du verlierst Andrea doch nicht, sondern bekommst noch einen Sohn dazu. Hans-Joachim ist ein reizender Mann und sehr tüchtig in seinem Beruf. Auch ist er sehr rücksichtsvoll. Nicht jeder junge Mann würde wie er auf die Hochzeitsreise verzichten, nur weil sein Vater momentan nicht ganz auf dem Damm ist und die Praxis nicht ausüben kann. Auch Andrea hat es als ganz selbstverständlich empfunden, die Hochzeitsreise zu verschieben. Außerdem kann sie es kaum erwarten, sich um das Tierheim zu kümmern. Die Hauptverantwortung für das Heim wird doch auf ihren Schultern liegen.«

»Ich weiß, Denise. Du verstehst es doch immer wieder, mich aufzuheitern«, erklärte er um vieles glücklicher und nahm seine Frau in die Arme.

*

Auch in Sophienlust schliefen noch nicht alle Kinder. Andreas Hochzeit war für sie alle eben ein sensationelles Ereignis.

Isabel und Pünktchen saßen noch bei Malu beisammen. Isabel würde morgen in der Dorfkirche, in der die Trauung stattfinden würde, die Solopartien singen. Pünktchen, Angelika und Vicky würden Rosen streuen, wenn das Paar nach der Trauung die Kirche verlassen würde. Zu diesem Zweck hatte Denise für die drei Mädchen lange duftige Kleider in unterschiedlichen Pastellfarben gekauft. Malus Aufgabe war es, die langen Haare der drei morgen Früh zu Krönchen aufzustecken.

Das alles ließ Pünktchen einfach nicht müde werden. Sie war viel zu aufgeregt, um an Schlaf zu denken. Mit angezogenen Beinen hockte sie auf Malus Bett. Benny hatte es sich neben ihr bequem gemacht, obwohl er eigentlich nicht aufs Bett hinaufspringen durfte. Aber Malu übersah heute großzügig seine kleine Ungezogenheit.

Auch Malu war innerlich aufgewühlt. Sie war nur zwei Jahre jünger als Andrea und liebte sie wie eine Schwester. Dass Andrea morgen heiratete, war für Malu nicht leicht. Als verheiratete Frau würde sie nicht mehr der Welt der jungen Mädchen angehören.

»Weißt du, Malu«, riss Pünktchen sie aus ihrem Sinnen, »es gibt schon drei Patienten in dem Tierheim. Der erste war der Igel Mumps, den Nick verletzt auf der Autobahn gefunden hatte. Als er wieder gesund war, hatte ihn Hans-Joachim von Lehn ausgesetzt, aber er war wieder zurückgekommen, weil er bei den Lehns so gutes Fressen bekommen hatte. Milch und Eier und sonstige Leckereien. Jedenfalls ist Mumps so zahm geworden wie ein Haustier. Aber noch zahmer ist der Feldhase Langohr. Vicky und ich haben ihn ja in der Falle gefunden. Es war einfach schrecklich. Ich habe gedacht, ihm müsste der untere Teil des Hinterlaufes amputiert werden. Doch Hans-Joachim hat es geschafft, dass der Unterschenkel heilte. Aber auch der Hase möchte nicht mehr fort.«

»Warte nur ab, bis der Frühling kommt«, erwiderte Malu und kraulte Benny selbstvergessen hinter den Ohren, der diese Zärtlichkeitsbezeugung als Zustimmung auslegte, auf dem Bett liegen zu dürfen. Erst jetzt schloss er mit einem zufriedenen Schnaufer die Augen.

»Auch das Reh Bambi, das seine Mutter verloren hatte und von Andrea mit der Flasche aufgezogen wurde, wird sicher im Tierheim bleiben«, überlegte Pünktchen. »Bambi ist auch ganz zahm. Das Tierheim ist wie ein kleiner Zoo. Gestern nachmittag war ich mit Nick und Andrea dort und habe mir den Bau angeschaut. Innen ist ein langer Gang, und auf beiden Seiten gibt es große und kleine Käfige. Auch Käfige für Vögel. Draußen sind dann noch die Gehege für die Waldtiere. In dem einen lebt Bambi. Ja, und auch Langohr war gestern draußen. Ach, Andrea hat es fein! Wenn ich einmal so groß bin und Nick heirate, möchte ich auch ein Tierheim haben.« Für Pünktchen war es schon lange eine Selbstverständlichkeit, dass Nick und sie einmal heiraten würden.

Malu lachte. »So, aber nun müsst ihr ins Bett. O je, es ist schon bald elf Uhr. Wenn Tante Ma wüsste, dass wir noch wach sind, würde sie sehr ärgerlich werden. Darum seid ganz leise, wenn ihr in eure Zimmer geht. Gute Nacht.« Sie gab den beiden jüngeren Mädchen einen Kuss und ließ sie dann leise aus ihrem Zimmer. Als sie sich überzeugt hatte, dass sie in ihren Zimmern waren, zog sie die Tür wieder behutsam ins Schloss.

Doch noch lange fand Malu keinen Schlaf. Sie hörte, wie die alte Standuhr in der Halle Mitternacht schlug. An-dreas Hochzeitstag war angebrochen.

*

Als glühender Ball ging die Sonne auf und vergoldete mit ihren Strahlen die Wälder und Wiesen. Trotz der frühen Morgenstunde herrschte in Sophienlust und Schoeneich bereits reges Treiben.

Frau Rennert, ihre Schwiegertochter Carola, Schwester Gretli und zwei Praktikantinnen hatten alle Hände voll zu tun, um mit den aufgeregten Kindern fertig zu werden. Die Kleinen lachten und jubelten voller Freude, aber auch den Größeren fiel es schwer, sich ruhig zu verhalten.

Die beiden Schulbusse, mit denen die Kinder zur Kirche gefahren werden sollten, standen, mit Blumen geschmückt, im Gutshof von Sophienlust startbereit. Vor dem Gutshaus in Schoeneich aber wartete die alte Kutsche, die einstmals Sophie von Wellentin gehört hatte, auf die junge Braut. Die Kutsche war bekränzt mit dunkelroten und weißen Rosen. Alexander hatte dafür gesorgt, dass seine schönsten Pferde, vier prachtvolle Goldfüchse, vorgespannt worden waren.

Zu dieser Zeit setzte Denise ihrer bildschönen Stieftochter das Brautkrönchen auf das dunkle Haar. Kaum merklich zitterten ihre Hände bei diesem Liebesdienst, und ihre Augen standen voller Tränen.

Alexander, der seine Tochter kurz darauf bewunderte, fühlte es ebenfalls heiß in seine Augen steigen. Wie schön Andrea war! Sie glich wirklich einer Märchenprinzessin. Das zartblaue Brautkleid brachte ihre Taille reizvoll zur Geltung, der weitfallende Rock reichte bis zu den Knöcheln. Nur die Spitzen der silbernen Schuhe wurden sichtbar, als die Braut graziös die leichtgeschwungene Treppe, die von der Galerie zur Halle hinabführte, hinunterstieg. Wie gebannt richteten sich die Blicke der bereits anwesenden Gäste auf die zauberhafte Braut.

Dominik, der sich in seinem dunklen Anzug nicht mehr wohl fühlte, hielt ebenfalls den Atem an. Fast hätte er sich vergessen und laut gepfiffen – ein Zeichen seiner inneren Erregung. Seine schöne Schwester beeindruckte ihn zutiefst. Er stieß den neben ihm stehenden Sascha an und raunte ihm zu: »Was, Andrea ist ganz einfach klasse!«

»Ja, Nick. Hans-Joachim hat großes Glück, dass er sie zur Frau bekommt.«

Das fand auch Michael Langenbach, der Bruder von Angelika und Vicky. Seit er mit Sascha in Heidelberg studierte, hatte er bei den Schoeneckers in Schoeneich eine zweite Heimat gefunden. Denn er und seine Schwestern hatten ihre Eltern bei einem Lawinen-unglück verloren. Andrea hatte ihm von der ersten Stunde an gefallen. Besonders in letzter Zeit hatte er viel an sie denken müssen, und manchmal hatte er sie auch in seine Zukunftsträume eingeschlossen. Ihre plötzliche Verlobung war für ihn ein arger Schock gewesen. Aber dann hatte er sich damit getröstet, dass es noch viele schöne Mädchen auf der Welt gab. Dies sagte er sich auch jetzt wieder, wobei sein Blick Kati von Wellentin suchte, die reizende Adoptivtochter von Dominiks Großeltern. Zwar war Kati in seinen Augen noch ein halbes Kind, aber lange würde es nicht mehr dauern, bis sie zu den jungen Damen zählte.

Andrea sah sich mit leuchtenden Augen um. Ihr kam dieser Tag, ihr Ehrentag, wie ein wunderschöner Traum vor. Sie hatte das Gefühl zu schweben. Die festlich gekleideten Menschen um sie herum – Henrik sah in den langen hellgrauen Hosen und der dazu passenden Weste mit den Silberknöpfen wie ein kleiner Gentleman aus vergangenen Jahrhunderten aus – verschwammen immer wieder vor ihren Augen.

Denise, die ein bildschönes weinrotes Samtkostüm für die kirchliche Trauung trug, beobachtete Andrea besorgt. Die unnatürliche Blässe führte sie auf die seelische Erregung der Braut zurück. Sie wusste, dass Andrea sehr sensibel und leicht erregbar war. »Alexander«, bat sie ihren Mann leise. »Bitte, bringe doch deiner Tochter ein Glas Champagner, sonst kippt sie uns noch um.«

Andrea trank das Glas in schnellen, kleinen Zügen aus. Wenig später waren ihre Wangen sanft gerötet. Der Glanz in ihren Augen war nun noch intensiver.