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Das Autorenduo Mike Almara zeigt mit den Bunten Geschichten, dass in banalen Situationen eine überraschende Skurrilität und auch Tragik stecken kann. Manchmal tun sich unerwartet menschliche Abgründe auf. Die Kurzgeschichten handeln von einer Peinlichkeit bei der ärztlichen Untersuchung, von Bürokratismus bei Erstattung von Behandlungskosten oder der dunklen Vergangenheit, die einen Ex-Agenten einholt. Alte Kumpel kommen nach langer Zeit letztmalig zusammen, ein Räuber entlarvt sich selbst, ein altes Brautkleid weckt Erinnerungen, ein Mordkomplott endet überraschend und eine nette Aufmerksamkeit im Straßenverkehr wird belohnt. Man sollte die Polizei auch einmal loben, zeigt ein Ereignis, und Verbrecher sind oft dümmer als die Polizei erlaubt. Am Muttertag brechen Abgründe auf, dann sorgen Weihnachtsgeschenke für Verwirrung und ein Putzjob in der Bank sorgt für unerwartete Aufregung. Nach einem Alibi klärt sich ein Fall von selbst und in der nächsten Story wird ein Handtaschenräuber ausgetrickst. Eine mörderische Altenpflegerin überführt sich selbst und eine Diebesbeute geht in Rauch auf. Einem blinden Bettler gehen in Jericho die Augen auf und ein Buchhalter feiert seinen letzten Triumph.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Der rote Schlüpfer
Die Arztrechnung
Schatten der Vergangenheit
So jung kemma nimmer z'amm
Das perfekte Fahndungsfoto
Das Hochzeitskleid
Totholz
Es gibt noch nette Menschen
Pizza – Service
Ein fast perfektes Foto
Happy Birthday
Muttertag
Das Weihnachtsgeschenk
Die weißen Knöpfe
Ein »amtliches« Alibi
Handtaschenraub lohnt sich nicht
Schattenengel
Vom Winde verweht
Der blinde Bettler von Jericho
Der Abschluss
Wir, also Mike M. und Roger Rako, bilden das Autorenduo Mike Almara.
Nach einer Romanbiografie und zwei lyrischen Sachbüchern veröffentlichen wir nun mit diesem Kurzgeschichtenband eine Sammlung von skurrilen Banalitäten und banalen Skurrilitäten. Ein paar menschliche Abgründe durchbrechen hierbei auch durchaus mal die Banalität.
Die Geschichten sind so buntgemischt, wie das Leben, und wir denken, dass für jeden etwas Passendes dabei ist.
Viel Vergnügen beim Lesen.
Mike M. und Roger Rako aka Mike Almara Mai 2018
Dieter war mal wieder in der Psychiatrie gelandet. Diagnose: Bipolar - manisch/depressiv!
Er hatte wieder eine manische Phase und wurde nun mit neuen Tabletten eingestellt. Das ging nun schon seit seiner Jugend so, mittlerweile hatte er schon die 50 überschritten. Hätte er seine ganzen Psychiatrieaufenthalte zusammengezählt, wäre er auf einige Jahre gekommen. Keine schöne Bilanz.
Immer wieder verhalfen ihm Tabletten zu einem fast normalen Leben, aber manchmal liess er die Tabletten einfach weg, oder sie wirkten von alleine nicht mehr. Eigentlich fühlte er sich ja in einer manischen Phase gut, um nicht zu sagen sehr gut. Setzten aber die Depressionen ein, war dies schon nicht mehr so lustig. Es wurde auch wieder einmal versucht, ihn mit Psychotherapie zu behandeln. An die Dinge, die er alle in seiner manischen Phase gemacht hatte, wollte er sich lieber nicht mehr erinnern. Er hatte wieder mit Geld, das er eigentlich nicht hatte, um sich geschmissen. Er hatte sich einen neuen Porsche gekauft und einiges Geld mit ein paar jungen Mädchen durchgebracht, auf der Reise durch Italien, auf die er sie eingeladen hatte. Der Streit wegen seines Erbes mit seiner Mutter und seinen Geschwistern, war in eine neue Runde gegangen und mit seiner Freundin hatte es auch gehörig gekracht, als sie von seinen Liebschaften mit den jungen Damen erfuhr.
Nun versuchte er in der Klinik zur Ruhe zu kommen und saß vor einigen Rechnungen, die er wieder einmal nicht bezahlen konnte. Das Erbe seiner Manie. Nachts konnte er immer noch nicht richtig schlafen und untertags hielt er sich lieber in einer nahegelegenen Kneipe auf, als an den Therapien teilzunehmen.
Wenn er auf der Station bleiben würde, so meinte er, würde er nur auch bald so depressiv werden, wie seine Mitpatienten und das wollte er nicht. Nachts hatte er oft solche Albträume, dass er laut um Hilfe rief und so schwitzte, dass sein Bett neu bezogen werden musste.
Er stand jeden Morgen zum Wecken auf und frühstückte erst einmal kräftig, las die Zeitung und rief seine Emails auf dem Laptop ab. Durch sein Verhalten beim Frühstück fühlten sich einige Patienten gestört, aber ihn störte das weniger. Dann machte er sich auf in die nahegelegenen Kneipe und verbrachte dort seinen Tag am Laptop, las Zeitung, redete mit anderen Gästen, oder sah einfach den Leuten bei ihrem Treiben zu, während die anderen Patienten an den Gruppengesprächen, Ergo- und Physiotherapie, Einzelgesprächen, usw. teilnahmen. Da die Kneipe in der Nähe des Hauptbahnhofes lag, herrschte hier eine ganz andere Atmosphäre. In dieser Gegend hatten sich viele Ausländer niedergelassen und so kam man sich eher wie in einer Stadt im Orient, als in einer deutschen Stadt vor. Überall roch es nach orientalischen Gewürzen und das Treiben der Händler war von überall her zu hören. Die Menschen verbrachten den Großteil ihres Lebens auf der Straße.
Immer wieder ging ihm sein Streit mit seiner Freundin durch den Kopf. Er wusste zwar noch, was der Auslöser war und dann hatte ein Wort das andere ergeben und es war zu einem handfesten Streit gekommen.
»Du hast mich wieder mal betrogen, du Schuft! Aber diesmal kommst du mir nicht so leicht davon. Ich werde mich von dir trennen, der Hund bleibt natürlich bei mir und die Hälfte der Wohnung gehört auch mir. Diesmal kannst du sehen wo du bleibst!« Sie betitelte ihn noch mit einigen Schimpfwörtern und warf ihm sämtliche Dinge an den Kopf, die ihr gerade so in die Hände kamen. Geschirr, Zeitung, einen Blumentopf, usw.. Nur bei der Stereoanlage hielt sie inne, die war ihr dann doch zu schwer und außerdem zu viel wert. Stattdessen wurde sie noch handgreiflich und schlug ihm ein blaues Auge.
Leider hatten sie sich gemeinsam diese Eigentumswohnung gekauft. Auf den ersten Blick schien es damals ein Schnäppchen zu sein, von einem befreundeten Arzt, der sich ein größeres Haus gebaut hatte. Die Wohnung war schön groß, barg aber auf den zweiten Blick einige Nachteile. Die Größe der Wohnung ließ zu, dass man sie in zwei getrennte Wohnungen teilen konnte, von jeweils ca. 60 qm. Glücklicherweise war auch noch eine Türe vorhanden, die zur Teilung der Wohnung beitrug. Auch für einen eigenen Eingang über die große Terrasse war gesorgt. Man stand dann zwar gleich im Wohnzimmer, aber da würde sich schon noch eine Idee finden.
Nun saß Dieter also wieder in der Psychiatrie. In den ersten Tagen war er noch auf der geschlossenen Abteilung und konnte sich deshalb keine Klamotten oder sonstige Dinge von zu Hause holen. Er war ja nur mit dem, was er am Leib trug, eingeliefert worden. Trotz des Streits mit seiner Freundin, rief er sie an und bat sie, ihm doch ein paar Klamotten und einige andere Sachen zu bringen. Das tat sie dann auch etwas widerwillig. Allerdings behauptete sie, dass sie keine Unterwäsche von ihm gefunden habe und gab ihm stattdessen einen roten Schlüpfer von sich.
Irgendwann zog Dieter diesen auch an.
Dann musste er zu einer Oberbauchsonografie. Er wurde von einem Pfleger begleitet, der einmal die bayerische Meisterschaft im Ringen gewonnen hatte, so dass Dieter auf keinen falschen Gedanken kam. Er sah sich schon unter diesem Koloss aus Fett und Muskeln verschwinden, sollte er einen Fluchtversuch machen.
Da hörte er eine freundliche Stimme sagen: »Guten Tag, mein Name ist Obermayer!« Mit diesen Worten stellte sich die junge hübsche Ärztin vor, die einem der Mädchen glich, die er in seiner Manie in seinem neuen Porsche mit nach Italien genommen hatte. Sie war von schlanker, aber doch athletischer Figur, hatte langes blondes Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden trug und wunderschöne blaue Augen. Kurzum, genau Dieters Beuteschema. Diese Frau war ein wahrer Genuss für seine Augen.
Dieter stellte sich ebenfalls vor und sagte: »Angenehm, mein Name ist Schreiber, Dieter Schreiber.« In seiner manischen Phase hätte er alles versucht, ein Date mit dieser Frau zu bekommen.
»Herr Schreiber, würden Sie bitte ihren Oberkörper freimachen, damit ich eine Oberbauchsono bei ihnen machen kann?«
»Gerne!«, antwortete Dieter und spürte den harten Blick des bulligen Pflegers in seinem Nacken, der seine Gedanken zu lesen schien. Er machte seinen Oberkörper frei und legte sich auf die Liege. Die Ärztin rollte mit ihrem Stuhl zu ihm.
»So, nun wird es etwas kalt werden. Ich mache ihnen nun etwas Gel auf den Bauch, damit ich alles besser untersuchen kann.« Schon fuhr die Ärztin mit ihrem Untersuchungsgerät über Dieters Oberbauch. Es dauerte nicht lange. Sie beruhigte ihn und sagte, dass alles in Ordnung sei. Sie habe keinerlei krankhafte Veränderungen seiner untersuchten Organe gefunden.
Nun wolle sie nur noch kurz die Blase untersuchen und dann sei sie mit ihrer Untersuchung auch schon durch. Aber dazu müsse Dieter seine Hose und seine Unterhose etwas herunterziehen. Er öffnete den Gürtel und zog seine Jeanshose etwas herunter. Siedendheiß fiel ihm ein, dass er ja das rote, mit Spitzen besetzte, Höschen seiner Freundin trug. Das hatte nun auch die Ärztin bemerkt. Dieter schoss das Blut in den Kopf, der dunkelrot wurde.
»Es ist nicht so, wie es aussieht, Frau Doktor!«, sagte er zu der Ärztin und beide fingen laut an zu lachen. Selbst der bullige Pfleger musste schmunzeln.
Tom war Beamter. Daran war nichts Außergewöhnliches. Nach der mittleren Reife hatte er sich für diesen Beruf entschieden, da er krisensicher war.
Er hatte immer noch die Stimmen seiner Eltern in seinen Ohren: »Tom, schlage die mittlere Beamtenlaufbahn ein, das ist ein krisensicherer Beruf. Wenn dir mal was passieren sollte, bist du abgesichert. Frag deinen Onkel Harald, der ist doch auch Beamter bei der Polizei geworden. Außerdem hat er sich noch in den gehobenen Dienst hochgearbeitet. Das war schon eine Leistung in diesem Alter damals, mit Frau und Kind. Das kannst du ja dann auch noch machen!«
Nachdem in der Schule für diesen Beruf geworben wurde, hatte er schließlich die mittlere Beamtenlaufbahn eingeschlagen. Hierzu musste er sich zu 50 % privat versichern. Die anderen 50 % würden von der sogenannten Beihilfe abgedeckt werden.
Tom war ein junger gesunder Beamter und ging deshalb nie zu einem Arzt, warum auch? Er benötigte keinerlei Medikamente.
So vergingen die Jahre und er musste dann doch einmal einen Arzt aufsuchen. Keine große Sache. Er hatte sich den Knöchel beim Fußballspielen verstaucht. Nach der Untersuchung stellte der Arzt an Tom seine Rechnung über 89,68 Euro für seine Konsultation. Der reichte diese Rechnung bei seiner Versicherung und bei der Beihilfe ein. Die Versicherung zahlte ihm die vertraglich vereinbarte 50 %. Doch was war das?
Die Beihilfe schickte ihm die Rechnung mit folgenden Worten zurück:
»Sehr geehrter Herr Altmann! Die von Ihnen eingereichte Rechnung in Höhe von 89,68 Euro können wir für eine Erstattung leider nicht berücksichtigen. Anträge mit einem Gesamtbetrag unter einer Höhe von 100 Euro können leider nicht erstattet werden.
Wir empfehlen Ihnen noch Rechnungen zu sammeln, um über diesen Betrag zu kommen und diese dann komplett einzureichen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Beihilfestelle«
Tom legte also die Rechnung zurück. Nach ca. 1 1/2 Jahren musste Tom wieder einen Arzt aufsuchen und bekam natürlich wieder eine Rechnung. Die Versicherung erstattete ihm die Hälfte ohne Probleme und er wartete auf die Erstattung der Beihilfestelle für die neue und die alte - nun wieder mit eingereichte - Rechnung. Der Gesamtbetrag betrug ja nun über 100 Euro. Er erhielt dann den Beihilfebescheid mit folgendem Wortlaut:
»Sehr geehrter Herr Altmann! Leider kann Ihre eingereichte Rechnung in Höhe von 89,68 Euro nicht mehr berücksichtigt werden, da diese älter als 1 Jahr ist!
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Beihilfestelle«
Tom konnte nur ungläubig den Kopf schütteln über diese Auswüchse von Bürokratismus.
Hirschfeld verstaute den Blaumann im Kofferraum seines Kombis. Er schaute sich kurz um, und vergewisserte sich, dass er auch wirklich alleine war in der Tiefgarage des Hotel Esplanade. Mit raschen, wie einstudiert anmutenden, Handgriffen riss er sich den angeklebten Bart von Kinn und Oberlippe und entfernte die schwarze Perücke von seinem fast kahlen Schädel. Das Herausnehmen der farbigen Kontaktlinsen bereitete ihm etwas Mühe. Er würde sich nie an diese Fummelei gewöhnen können. Aber nun war es vorbei. Die Wochen der Vorbereitung mussten sich doch gelohnt haben! In wenigen Stunden würde er es wissen. Und dann war er frei, ja endlich frei. Hirschfeld rückte sich den Rückspiegel zurecht und entfernte die letzten Reste des Mastix-Klebers von der Oberlippe. Nachdem er sich nochmals die Krawatte zurechtgezogen hatte, startete er den Motor und fuhr aus der Garage. Er parkte in einer schwach beleuchteten Seitenstraße und nahm den Eingang der Jugendstilvilla am anderen Ende der Hauptstraße ins Visier. Den Eingang, den er eine Stunde zuvor als Monteur der »Brunner Gas- und Wasserinstallation-GmbH« verlassen hatte.
Der Aufkleber! Siedendheiß fiel es ihm ein. Er hatte vergessen den Firmenaufkleber von der Beifahrerseite zu entfernen. Hirschfeld stieg aus und schaute sich möglichst unauffällig um. Es war niemand zu sehen. Aus den Fenstern der Vorstadtvillen drangen in der Dämmerung die Lichtschemen der Fernsehgeräte. Es war Tagesschauzeit. Im Vorübergehen löste er mit einer Handbewegung den Aufkleber von der Wagentür und ließ ihn zusammengeknüllt unter dem Beifahrersitz verschwinden. Das hätte noch gefehlt! Und dabei hatte er alles so perfekt geplant. Er setzte sich wieder hinter das Lenkrad und starrte angestrengt auf den Hauseingang. Nie, nein niemals, hätte er gedacht, dass er zu so etwas fähig wäre. Einen Mord, ausgerechnet er, der es nicht mal fertigbrachte, eine Fliege zu töten. Aber nein, es ist etwas anderes, kein Mord, nein es ist reine Notwehr! Er musste sich schließlich wehren, es ging um seine Existenz, um sein Leben. Ja, dieser Bastard war dabei es zu zerstören. Alles, was er sich in den Jahren aufgebaut hatte, seit seiner Flucht aus der DDR, damals. Alle, wirklich alle hatten an seine angebliche Flucht mit dem Ballon geglaubt. War ja auch spektakulär damals, ging durch die Presse. Und dann die Karriere beim Verteidigungsministerium. Hatten sie geschickt eingefädelt, seine Verbindungsoffiziere bei der Staatssicherheit. Trotzdem war immer noch die Angst da. Und nach der Wende, da hatte er schon die Koffer gepackt, wollte nach Australien oder Paraguay. Aber Major Mayen, der hatte ihn zurückgehalten.
»Hirschfeld,«, sagte er damals, »das können Sie nicht tun! Wenn Sie flüchten, dann geht die ganze KoKo hoch, daran müssen Sie immer denken. Wir tun alles, um Ihre Deckung zu wahren. Es werden alle Spuren verwischt.« Er glaubte ihm. Er klammerte sich an die Hoffnung, wie an einen Strohhalm. Tatsächlich schien ja alles gut zu gehen. Bis zu diesem Donnerstag im Mai letzten Jahres, als er dieses Schreiben in seinem Briefkasten fand. Es war wie in einem schlechten Krimi: aus verschiedenen Zeitschriften ausgeschnittene Buchstaben zusammengeklebt zu einem kurzen Satz.