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Das Schicksal der Villa Sommerwind: Das aufregende Finale der großen Familiensaga Der historische Roman »Die Frauen der Villa Sommerwind. Die Liebe am Horizont« ist der dritte Band der Timmendorfer-Strand-Saga, der auch unabhängig von Band 1 und 2 lesbar ist. Timmendorfer Strand, 1951. Zusammen mit ihrer Tante Julia führt Gerda Grabens dasHotel Villa Sommerwind, obwohl sie viel lieber Ärztin werden würde. Die Nachkriegszeit stellt die Frauen immer wieder vor große Aufgaben, und Gerda leidet sehr darunter, dass das Schicksal ihrer Eltern nach wie vor ungewiss ist. Zwar könnte Henning Ahrens etwas über ihre Mutter wissen, immerhin hat er vor ein paar Jahren einen Brief von ihr überbracht. Allerdings macht das Hotel der Ahrensʼ der Villa gehörig Konkurrenz. Hennings Familie ist strikt dagegen, dass die beiden jungen Leute sich miteinander abgeben. Trotzdem will Henning Gerda bei der Suche nach ihren Eltern helfen. Bevor sie jedoch aufbrechen können, geschieht ein Unglück … Auch im dritten Band ihrer Familiensaga im zauberhaften Ostsee-Kurort begeistert Anna Husen mit nostalgischer und atmosphärischer Unterhaltung und willensstarken Frauen, die man gern als Freundinnen hätte. Die historischen Romane um das Kurbad Timmendorfer Strand sind in folgender Reihenfolge erschienen: - Die Frauen der Villa Sommerwind. Das Glück am Horizont - Die Frauen der Villa Sommerwind. Die Hoffnung am Horizont - Die Frauen der Villa Sommerwind. Die Liebe am Horizont»Historische Familiensaga voller mitreissender Schicksale und starker Frauen. Spannend und fesselnd.« Orell Füssli Magazin über Die Hoffnung am Horizont Erlebe Gerdas Geschichte in Band 3 der Familiensaga um die Villa Sommerwind: Die Liebe am Horizont
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Seitenzahl: 552
Veröffentlichungsjahr: 2025
Anna Husen
Die Liebe am Horizont
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Timmendorfer Strand, 1951. Zusammen mit ihrer Tante Julia führt Gerda Grabens das Hotel Villa Sommerwind, obwohl sie viel lieber Ärztin werden würde. Die Nachkriegszeit stellt die Frauen immer wieder vor große Aufgaben, und Gerda leidet sehr darunter, dass das Schicksal ihrer Eltern nach wie vor ungewiss ist. Zwar könnte Henning Ahrens etwas über ihre Mutter wissen, immerhin hat er vor ein paar Jahren einen Brief von ihr überbracht. Allerdings macht das Hotel der Ahrensʼ der Villa gehörig Konkurrenz. Hennings Familie ist strikt dagegen, dass die beiden jungen Leute sich miteinander abgeben. Trotzdem will Henning Gerda bei der Suche nach ihren Eltern helfen. Bevor sie jedoch aufbrechen können, geschieht ein Unglück …
Herrlich nostalgische und atmosphärische Unterhaltung mit starken Frauen und dramatischen Schicksalen im zauberhaften Ostsee-Kurort.
»Historische Familiensaga voller mitreißender Schicksale und starker Frauen. Spannend und fesselnd.«
Orell Füssli Magazin über Die Hoffnung am Horizont
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Widmung
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Teil 2
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Teil 3
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Epilog
Nachwort und Danksagung
Für Herrn Schmidt,weil ich es versprochen habe.
Und für Döschi und Fiete,weil ihr uns sehr glücklich macht.
… müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass Ihrem Antrag auf Zulassung zum Medizinstudium nicht entsprochen werden kann …
Weiter wollte Gerda nicht lesen und konnte es auch gar nicht, denn in ihren Augen sammelten sich Tränen und ließen ihre Sicht verschwimmen. Sie zerknitterte den Brief in der Hand, und ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle.
»Verdammt …«, murmelte sie und wischte sich eilig über die Wangen, als die Tür zur Dachterrasse mit einem Quietschen aufgestoßen wurde.
»Gerda? Ist alles in Ordnung?«, erklang die Stimme ihrer Tante Julia. Langsam drehte Gerda sich um.
»Ja …«, log sie und versteckte den Brief, den sie heute in der Frühe dem Postboten beinah aus der Hand gerissen hatte, hinter dem Rücken.
Tante Julia hatte ihr rotes Haar zu einem Dutt hochgebunden, und ein paar lose Strähnen umrahmten ihre feinen Gesichtszüge. Mit nun Mitte vierzig strahlte sie immer noch eine jugendliche Frische aus.
Sie kam näher, zog die Stirn in Falten und musterte Gerda eingehend. »Du lügst«, stellte sie fest, und ehe Gerda sich’s versah, griff ihre Tante hinter ihren Rücken und entriss ihr den Zettel.
»Nicht!«, rief Gerda, doch da hatte Julia die Zeilen auf dem Papier schon überflogen.
»Oh, mein Kind … Das tut mir leid«, murmelte sie und zog Gerda in ihre Arme.
»Mir auch.« Gerda schniefte und genoss für einige Sekunden diese tröstliche, mütterliche Umarmung. Obwohl Julia nicht ihre Mutter war, war sie doch zu der Person geworden, die dieser am nächsten kam, nachdem ihre Eltern sie im Jahr 1938 verlassen hatten. Sie hatte sie durch die Kriegsjahre begleitet, durch die Angst und Verzweiflung, die Trauer und die Grausamkeit, als 1945 beim Angriff auf die Cap Arcona so viele der Schiffsinsassen getötet wurden, und nicht zuletzt durch die Nachkriegszeit, in der die Wirtschaft voller Mühen und Stück für Stück wieder einen Aufschwung erlebte, genau wie die Menschen.
Der Geruch ihrer Tante, nach all den Gewürzen der Küche, gab Gerda Sicherheit, sorgte dafür, dass sie sich geborgen fühlte. Noch immer war sie ein wenig kleiner als Julia und hob sich bei der Umarmung auf die Zehenspitzen.
Julia strich ihr sanft über den Rücken, löste sich nach einigen Sekunden von Gerda und wischte ihr vorsichtig die Tränen von den Wangen.
»Du weißt, dass du es im nächsten Jahr noch mal versuchen kannst?«
»Ein weiteres Mal?«, brauste Gerda auf, ein Grollen lag in ihrer Stimme. Dies war die altbekannte Wut, die sie in sich trug, seit ihre Eltern sie verlassen hatten. »Ich wurde doch bereits zum zweiten Mal abgelehnt! Ein ganzes Jahr habe ich gewartet, und nun muss ich noch einmal …« Sie biss sich auf die Unterlippe.
Sie hatte sich so sehr gewünscht, endlich Medizin studieren zu können. Und damit in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten. Auf ihren Pfaden zu wandeln – egal, wie blass diese mittlerweile waren.
»Nun …« Julia räusperte sich und sah Gerda abwartend an. »Jedenfalls wirst du in der Zwischenzeit …«
Gerda stöhnte auf und wandte sich ab. Mit den Händen das Geländer der Dachterrasse umklammernd, schaute sie auf die Strandpromenade von Timmendorf herab. Auf die Menschen, die am frühen Morgen geschäftig umherwuselten. Auf das Meer, das ruhig und glatt wie ein Spiegel vor ihr lag. Möwen kreisten über ihrem Kopf, und die Sonne hatte sich gegen die Wolken durchgesetzt.
Gerda legte eine Hand auf ihre Brust. Spürte ihren pulsierenden Herzschlag unter den Fingerkuppen.
»Gerda …« Tante Julia legte eine Hand auf ihre Schulter. »Ich weiß, dass du gerne Medizin studieren willst, aber du kannst kein weiteres Jahr nur warten, es ist genug des Müßiggangs. Ich habe dir dieses eine Jahr erlaubt, weil du verschiedene Praktika gemacht und uns in der Villa unterstützt hast, aber …«
Ich weiß doch selbst nicht, was ich will, dachte Gerda und schloss kurz die Augen.
Diese Zerrissenheit raubte ihr beinah den Atem. Sie hatte mit ihrer Tante die Abmachung getroffen, dass sie eine Lehre zur Hotelfachfrau in der Villa Sommerwind beginnen würde, falls die Universität in Kiel sie erneut ablehnte. Nun war genau dies geschehen, und Gerda fühlte sich machtlos.
Sie wollte ihre Eltern suchen, sie wollte wissen, was mit ihnen geschehen war, und hatte gehofft, dass ein Studium in der Stadt, in der ihre Mutter gelernt und gelebt hatte, sie weiter voranbringen würde. Doch nun … nun schien alles so weit entfernt.
Warum gibt mir die Welt kein Zeichen, was ich tun soll?, fragte Gerda sich. Welcher Weg der richtige ist? Alle Zelte abbrechen und meine Eltern suchen oder hierbleiben bei der einzigen Familie, die ich kenne, und diese Lehre machen?
»Gerda …« Die Stimme ihrer Tante drang wie durch Watte zu ihr durch. Sie drehte sich um, konnte ihrer Tante aber nicht ins Gesicht schauen, sondern ließ den Blick über die Dachterrasse schweifen.
Gleich würden die Bediensteten hier auftauchen, damit beginnen, die Stühle aus geflochtenem Korb mit blauen Kissen zu bestücken, die Windlichter auf die Tische zu stellen und die Sonnenschirme aufzuspannen. Später würden die Gäste der Villa Sommerwind hier oben Erfrischungen zu sich nehmen und das herrliche Wetter genießen.
»Sieh mich an«, bat ihre Tante, und Gerda hob wider Willen den Blick.
Sie wollte nicht mit Julia streiten, aber irgendein Teil von ihr – dieser eine, der immerzu wütend war – wollte ihrer Tante an den Kopf werfen, dass sie keine Lust auf diese Lehre hatte. Dass sie die Belange der Villa nicht kümmerten. Dass sie aufbrechen wollte in die weite Welt.
Doch wie sollte sie das anstellen? Ohne Plan und ohne Ziel? Sie wusste ja nicht einmal, wohin es ihre Eltern vor vierzehn Jahren verschlagen hatte. Das wusste nur Tante Julia, und die sagte es ihr nicht, weil Hoffnung ihrer Ansicht nach nur trügerisch war.
Und dieser Henning Ahrens, der weiß es auch, wisperte eine leise Stimme in Gerdas Kopf. Sie erinnerte sich an das Aufeinandertreffen im Wald, daran, wie dieser junge Mann plötzlich vor ihrer Tante gestanden und ihr die Briefe von Gerdas Mutter überreicht hatte. Gott, wenn er nur hier wäre, vielleicht würde sie mit ihm sprechen können und …
»Gerda!«, riss Julias Stimme sie aus ihren Gedanken.
»Mhm?«, machte Gerda und zuckte verzweifelt mit den Schultern. »Ja, ich weiß. Ich werde diese Lehre machen, wenn es das ist, was du verlangst.«
»Was ich verlange?« Julia schüttelte den Kopf. »Ich würde dir jeden Weg erlauben, den du gehen willst. Nur lasse ich nicht zu, dass du ein weiteres Jahr nichts tust. Nicht in dieser Zeit, wo das Land langsam wieder zur alten Stärke zurückfindet. Jeder von uns muss seinen Teil dazu beitragen. Wenn du keine Lehre zur Hotelfachfrau machen möchtest, schön und gut, dann entscheide dich für etwas anderes, aber kein weiteres Jahr ohne eine handfeste Ausbildung.«
»Jaaa …«, antwortete Gerda gedehnt und unterdrückte den Impuls, ihre Augen zu verdrehen.
Tante Julia meinte es nur gut mit ihr, das wusste sie. Und trotzdem … Gerda wünschte sich, alles wäre anders.
»Nun gut …« Julia trat an sie heran und ergriff Gerdas Hand. »Ich weiß, dass du im Moment aufgewühlt und traurig bist, aber ich bin mir sicher, dass deine Chance, Medizin zu studieren, noch kommen wird. Doch für den Augenblick brauchst du eine Alternative.«
»Ich weiß.« Gerda seufzte ergeben. »Ich werde die Lehre machen …«
… auch wenn ich nicht will, setzte sie in Gedanken hinzu.
»Schön.« Julia zog sie erneut in ihre Arme. »Dann genieß noch die nächsten zwei Monate ohne Verpflichtungen, bevor die Lehre beginnt.« Sie zwinkerte ihr zu und verließ die Dachterrasse mit eiligen Schritten.
Gerda stieß die angestaute Luft aus ihren Lungen und schaute erneut zur Ostsee. »Ach Mama …«, flüsterte sie, »ich wünschte, du hättest mich niemals verlassen.«
Doch natürlich erhielt sie keine Antwort auf ihre Worte, nicht mal mehr der Wind sprach zu ihr, und Gerda fühlte sich so allein.
Sie blieb auf der Dachterrasse, bis die ersten Bediensteten auftauchten, dann trat sie eilig den Rückzug an und ging die Treppen hinunter ins Foyer der Villa Sommerwind. Einige Gäste tummelten sich auf den Sitzgelegenheiten rechts und links von der Rezeption. Goldene Sonnenstrahlen tänzelten über den dunklen Holzfußboden. Alles in der Villa war in verschiedenen Blautönen gehalten – wie die Farbe des Meeres. Aus dem Speisezimmer konnte Gerda das Geklapper von Geschirr vernehmen, und sie schaute sich suchend um. Da griff jemand nach ihrem Handgelenk.
»Guten Morgen …« Es war Hannes, der leise wie eine Katze neben ihr aufgetaucht war.
»Morgen …«, erwiderte Gerda leise.
»Du bist betrübt«, stellte ihr bester Freund fest und sah sich um. Er zog sie mit sich zur Tür nahe dem Speisesaal, die in die Küche führte, dann mehrere Gänge entlang, bis sie den Seiteneingang erreicht hatten, durch den die Mitarbeiter das Hotel betraten.
Hannes stieß die Tür auf, und warme Sommerluft schlug Gerda entgegen. »Also …?« Er sah sie auffordernd an. »Was ist los?«
Verzweifelt zuckte Gerda mit den Schultern, und ihre Unterlippe bebte. Sie wollte nicht schon wieder weinen, sie wollte sich nicht so machtlos fühlen.
»Oh …«, machte Hannes da und schlug sich gegen die Stirn. »Ich bin ein Dummkopf, komm her, Frau Doktor …«
Er legte seine Arme um sie, und erneut brachen bei Gerda alle Dämme. »Das werde ich niemals sein!«, sagte sie voller Zorn und krallte ihre Finger in Hannes’ Jacke. »Ich werde niemals Ärztin sein und in Mamas Fußstapfen treten.«
»Ach, das ist doch nicht wahr, Gerda …« Hannes hielt sie ganz fest, ließ sie nicht los – so, wie sie ihn damals nicht losgelassen hatte, als sein Vater am Niendorfer Hafen beim Abwurf der Bomben gestorben war. In den Armen ihres besten Freundes fühlte sie sich geborgen, sicher in dieser viel zu großen Welt.
Vorsichtig löste Hannes sich von ihr und lächelte sie an. »Irgendwann wirst du auf die Suche nach deinen Eltern gehen und herausfinden, was mit ihnen geschehen ist. Und du wirst eine Medizinstudentin sein, hab nur Mut.«
»Meinst du …?« Sie schniefte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, schmeckte salzige Traurigkeit.
»Natürlich.« Hannes neigte den Kopf zur Seite und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr, dabei glitt sein Daumen zärtlich über ihre Wange, und in seinen braunen Augen lag ein merkwürdiger Glanz. »Außerdem hat es auch etwas Gutes, wir arbeiten ab Sommer beide im Hotel.«
Hannes hatte seine Lehre zum Koch im Winter begonnen und arbeitete mit großem Tatendrang und Eifer in der Küche. Er schien ein Naturtalent zu sein und genau zu wissen, wohin er im Leben wollte.
»Das ist der einzige Lichtblick in diesem Dilemma …«, erwiderte Gerda und zwang sich zu einem Lächeln. »Trotzdem wünschte ich mir, dass mir die Welt ein Zeichen schicken würde, wie ich es anstellen soll, meine Eltern zu finden.«
»Vielleicht wird dieses Zeichen kommen, aber wenn nicht …« Hannes zog sie erneut in seine Arme, sie konnte seinen Atem auf ihrer Haut spüren. »Dann wirst du irgendwann einfach so auf die Suche gehen, und ich begleite dich dabei …«
»Danke, Hannes«, murmelte Gerda an seiner Schulter.
»Immer, aber nun muss ich mit der Arbeit beginnen.« Er drückte ihr einen Schmatzer auf die Stirn und hob lächelnd die Hand. »Nicht aufgeben, Gerda, du schaffst alles, was du willst.«
Sie sah ihm hinterher, bis die Tür zuschlug und sie allein im Seitengang stand. Leise seufzend hob sie den Blick zum Himmel, über den einige Schäfchenwolken gemächlich hinwegzogen.
Ich hoffe, Hannes hat recht, dachte sie. Dass ich irgendwann weiß, wie mein Weg in dieser Welt aussehen wird.
Mein Engel, du bist mein größtes Geschenk auf dieser Erde, und ich will dich nicht zurücklassen.Aber ich verspreche dir, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden. Hörst du, Gerda? Ich verspreche es dir.
Ein Schauer rieselte über ihren Rücken, und Gerda setzte sich unvermittelt auf, als die Worte wie ein greller Blitz durch ihre Gedanken zuckten.
Warum sie jetzt, in diesem Augenblick an die letzten Worte denken musste, die ihre Mutter an sie gerichtet hatte, wusste sie nicht. Diese letzten Worte, an die sie sich manchmal nur schwer erinnern konnte. Seit einem Monat versuchte sie, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie nicht Medizin studieren, sondern als Hotellehrling in Timmendorf bleiben würde.
»Alles in Ordnung?«
Gerda zuckte zusammen, als eine vertraute Stimme ihre Gedanken durchbrach, und schaute nach links. Ihre beste Freundin Anja lag neben ihr auf einem Strandhandtuch und blinzelte zu ihr hoch.
»Ja …«, antwortete Gerda abwesend und fuhr sich über die nackten Unterarme, eine Gänsehaut huschte über ihre Glieder, und trotz der warmen Sommersonne war ihr urplötzlich eiskalt.
»Du lügst«, stellte Anja fest und hievte sich ebenfalls hoch. Sie hatte ihre schwarzen Haare zu einem kleinen Zopf gebunden, aus dem mehrere Haarsträhnen hervorlugten. Letzten Monat hatte sie sich einen feschen Bob schneiden lassen, sodass ihre Haare, wenn sie offen waren, nur noch bis zur Schulter reichten. Sie trug einen roten Bikini mit schwarzen Punkten und breitem Hosensaum, der ihre Hüften betonte. Ihre Nase war gerötet von der Sonne.
»Tue ich nicht.« Gerda verschränkte die Arme vor der Brust und starrte hinaus auf die Ostsee. Kinder badeten im Wasser, spielten mit Bällen und rannten kreischend durch die Gegend. Um sie herum herrschte reges Treiben. Die Strandkörbe waren reichlich besetzt mit Familien, andere – wie Gerda und Anja – hatten sich nahe dem Wasser auf Handtücher gelegt. Eine Möwe flog schreiend über ihre Köpfe hinweg, und aus der Ferne hörte sie das Klingeln des Eisverkäufers, der seine Ware am Strand verkaufte.
»Gerda.« Anja legte eine Hand auf ihre Schulter, und ihre Stimme hatte einen ernsten Unterton angenommen.
Nur mit Mühe drehte Gerda sich zu ihrer Freundin um und sah sie an. Anja lächelte vorsichtig, ihre blauen Augen schienen Gerda zu durchdringen wie Wasser.
»Ich habe an meine Mama gedacht«, gab Gerda zerknirscht zu und ballte die Hand zur Faust.
Anja nickte schweigend und lehnte ihren Kopf an Gerdas Schulter. Ohne weitere Worte zu verlieren, verschränkte sie nur ihre Finger mit denen von Gerda. So saßen sie da und starrten auf die Ostsee, ließen sich vom Lärm der Kinder, dem Geruch von Salz und dem Klingeln des Eisverkäufers einlullen. Anjas Schweigen beruhigte Gerdas Herz.
So war es schon immer gewesen. Ihre Freundin war – neben Hannes – eine der wenigen, die Gerdas Wut im Zaum zu halten vermochte. Nur wenige Menschen wussten, wie schmerzlich Gerda ihre Eltern vermisste und wie frustriert sie war, dass sie in den letzten Jahren nichts Neues über ihren Verbleib erfahren hatte. Und dazu kam die Absage von der Universität, das war in manchen Augenblicken zu viel für sie.
»Ich glaube, ich werde sie nie wiedersehen«, flüsterte Gerda heiser, und eine Träne rann ihre Wangen hinab, ihre Kehle zog sich schmerzhaft zusammen.
Im selben Augenblick, als sie diese Worte gesagt hatte, ärgerte sie sich über sich selbst. Sie wollte diese Traurigkeit nicht empfinden. Sie wollte darüber hinwegkommen, nicht mehr an ihre Eltern denken, die doch nicht zu ihr zurückkehrten. Die sie vielleicht einfach vergessen hatten.
»Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben«, erwiderte Anja sanft, »niemals, hörst du? Wenn alle Menschen in den letzten Jahren aufgegeben hätten, dann wäre ich heute auch nicht hier …«
Gerda schluckte schwer und fuhr sich mit einer Hand über die Lippen. Sie wusste, dass ihre Freundin recht hatte. Ihr Verlust war beinahe winzig klein im Vergleich zu all den Menschen, die ihr Leben während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland durch den Terror der Nazis verloren hatten. Anjas Vater, Marius Silberstein, lebte nur, weil weder er noch Gerdas Tante Julia die Hoffnung aufgegeben hatten. Weil sie alles getan hatten, um Anja zu beschützen, die aufgrund der Tatsache, dass sie und ihr Vater Juden waren, sonst den Nazis zum Opfer gefallen wäre.
»Tut mir leid …« Beschämt senkte Gerda den Kopf. »Du musst immer meine Traurigkeit aushalten, obwohl die Kriegsjahre für dich viel schlimmer gewesen sind.«
»Entschuldige dich nicht für deine Gefühle«, entgegnete Anja, erhob sich und zog Gerda sanft mit sich auf die Füße. »Außerdem hatte ich in diesen schlimmen Jahren immer dich an meiner Seite, mein Vater war immer noch bei mir, und er sowie deine ganze Familie haben alles getan, um mir die Angst zu nehmen und mir ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Ohne euch hätte ich das nicht geschafft.«
Nur schwerlich ließ Gerda sich hochziehen und grub ihre Zehen in den warmen Sand. »Denkst du wirklich, dass du es ohne uns nicht geschafft hättest?«, fragte sie unsicher.
»Natürlich, vor allem nicht ohne dich! Und genau deswegen darfst du niemals die Hoffnung aufgeben. Vielleicht wirst du die Briefe, die deine Tante von diesem Kerl erhalten hat, irgendwann finden, oder dieser … wie hieß er noch gleich?«
»Henning Ahrens …«, erwiderte Gerda und musste unwillkürlich wieder an den Augenblick denken, als sie diesen jungen Mann auf dem Waldfriedhof Timmendorfer Strand gesehen hatte. Als sie seine an Tante Julia gerichteten Worte gehört hatte.
Ich kenne Ihre Schwester Christine.
Gott, was würde sie dafür geben, wenn sie nur diesen Henning Ahrens wiedersehen könnte. Wenn sie wüsste, ob er tatsächlich mit seiner Familie nach Timmendorfer Strand ziehen würde. So, wie er es damals gesagt hatte.
»Genau!« Anja schnipste und grinste Gerda an. »Wenn dieser Henning hierherkommt, dann kannst du ihn nach deiner Mutter fragen! Du hast doch gesagt, er sah ganz gut aus.«
»Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«, fragte Gerda und verdrehte die Augen. »Sei doch nicht so oberflächlich.«
Anja lachte auf und zog Gerda mit sich zum Wasser. »Hast du schon vergessen, dass ich eine Ausbildung zur Lehrerin mache? Was glaubst du, wie oberflächlich die Mädchen an der Oberschule Timmendorf sind? Dagegen bin ich ein Engel!«
Ein Lächeln zupfte an Gerdas Lippen, als sie ihrer Freundin hinterherlief. Gemeinsam stürmten sie ins kühle Wasser, und für einen kurzen Augenblick konnte Gerda ihre Sorgen vergessen. Zusammen mit ihrem Kreischen, als Anja sie nass spritzte, flogen sie davon wie die kleinen Wölkchen am Himmel. Sie schmeckte Salzwasser auf ihrer Zunge und watete selig durch die Ostsee. Spürte den sandigen Boden unter ihren Füßen, die Kälte, die ihre Gedanken unterbrach, während ihre Arme durch das Wasser glitten, auf dessen Oberfläche die Sonne glitzerte.
Mit ihrem Papa hatte sie früher auch oft in der Ostsee gebadet. Er hatte sie immer Frechdachs genannt und ihr jeden Wunsch von den Lippen abgelesen. Die Erinnerung wärmte Gerda wie die Strahlen der Sonne, und ihr Lachen flog in den Himmel hinauf.
Und vielleicht … ganz vielleicht, dachte Gerda, wird sich eines Tages wirklich meine Hoffnung erfüllen und ich werde meine Eltern finden, deren Worte ich immer noch im Herzen bei mir trage.
»Wollen wir noch einen Kaffee trinken und ein Stück Kuchen essen?«, fragte Anja, als sie aus dem Wasser gingen und begannen sich abzutrocknen.
»Klingt gut, wo wollen wir denn hin?« Gerda wuschelte mit dem Handtuch über ihre Haare und schaute sich am Strand um. »Zur Strandhalle?«
»Das ist eine gute Idee, da gibt es die beste Erdbeertorte.« Anjas Augen leuchteten auf, und Gerda fragte sich nicht zum ersten Mal, wie verrückt ein Mensch nach Erdbeeren sein konnte. Anja verspeiste die saftig-süße Frucht bei jeder Gelegenheit und in jeder Form. Sie hatte sich sogar mit einem der Erdbeerbauern in Warnsdorf angefreundet und fuhr am Wochenende dorthin, um mit ihm gemeinsam auf dem Feld die Früchte zu pflücken.
»Dann los!«
Gemeinsam packten sie ihre Strandtaschen und zogen sich in einer Strandkabine um. Gerda streifte ihr luftiges hellblaues Sommerkleid über und schlüpfte in die Sandalen. Arm in Arm mit Anja ging sie den kleinen Strandweg hinauf zur Promenade und steuerte die Strandhalle an.
Das Gebäude wurde errichtet, als ihre Großmutter mit ihrer Familie hierhergezogen war, und hatte sich im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt. Zuletzt war die Fassade frisch gestrichen worden, sie glänzte wie Schnee in der Sonne. Im unteren Teil des Gebäudes befanden sich kleine Geschäfte, und der Schriftzug Kuddel Muddel besagte, was dort alles zu finden war: Strandspielzeuge für die Kinder, Bälle, allerlei Krimskrams sowie kleine Souvenirs, die die Touristen mit nach Hause nahmen, sowie Postkarten und Badebekleidung.
Über der Ladenzeile befand sich – natürlich mit Blick auf die Ostsee – die Terrasse, die im Laufe der Jahre vergrößert worden war. Dahinter ragte der kleine Turm mit dunklen Dachschindeln hervor, auf dem Bei Denker stand – damit auch niemand vergaß, dass die Strandhalle der Familie Denker gehörte.
Auf der Terrasse gab es seit letzter Saison mehrmals wöchentlich Musikveranstaltungen und Tanztees, welche von den Gästen des Kurorts zahlreich besucht wurden. Aber auch die Einheimischen erfreuten sich an ihren freien Wochenenden an der Strandhalle.
Als Gerda und Anja das Café betraten, erhaschten sie einen Blick auf den Aushang.
»Schau nur!«, rief Anja begeistert. »Nächste Woche gibt es wieder eine Jazzmusik-Veranstaltung, und es kommt sogar Ekkehard Fritsch!«
Gerda hob irritiert eine Augenbraue und neigte fragend den Kopf zur Seite. »Macht der nicht Kabarett?«
Anja verdrehte die Augen und schnaubte. »Er ist Humorist! Mein Vater war bei einem seiner Auftritte. Er hat mir erzählt, dass er ihn sehr lustig fand. Ihm hat es sehr gefallen. Lass uns hingehen!«
»Mal sehen …«, erwiderte Gerda ausweichend, doch Anja trat an sie heran und schaute ihr tief in die Augen.
»Bitte …« Flehend sah sie Gerda an.
Belustigt schüttelte sie den Kopf. »In Ordnung, wenn du möchtest. Ich frage Tante Julia, ob sie im Hotel auch Karten verkauft, ansonsten gehe ich zur Kurverwaltung und hole uns welche.«
»Ich freue mich.« Anja fiel ihr um den Hals, löste sich aber eilig von Gerda, als ein junger Kellner ihnen entgegenkam.
»Guten Tag, die Damen … möchten Sie draußen sitzen?«
»Wenn noch ein Tisch bei diesem herrlichen Wetter frei ist«, antwortete Gerda lächelnd.
Der junge Mann, dessen blonde Locken wirr in alle Richtungen abstanden, schaute sich auf der Terrasse um und nickte dann freundlich. »Dort hinten ist gerade ein Tisch frei geworden, mein Kollege räumt noch ab, dann können Sie sich setzen. Darf ich Ihnen schon etwas bringen?«
»Zwei Kaffee und zwei Stück Erdbeertorte«, erwiderte Anja wie aus der Pistole geschossen, und der Kellner nickte grinsend.
»Eine gute Wahl, kommt sofort!«
»Du hättest mich wenigstens fragen können, ob ich auch Erdbeertorte will«, murmelte Gerda halbherzig.
Anja hakte sich bei ihr ein und grinste sie an. »Muss ich gar nicht, weil ich weiß, dass du Erdbeertorte sehr gern magst.«
»Auch wieder wahr …« Gemeinsam gingen sie zu ihrem Platz am hinteren Ende der Terrasse.
Fast alle der weißen Tische waren besetzt, Stimmengewirr erfüllte die Terrasse, die durch eine flache helle Mauer abgegrenzt war, und der herrliche Duft von frisch gebrühtem Kaffee drang in Gerdas Nase. Von hier hatte man einen herrlichen Blick auf die Ostsee und konnte die Menschen am Strand beobachten. Gerda setzte sich auf einen der dunkelbraunen Holzstühle, die mit weichen Kissen bestückt waren, und schaute nachdenklich Richtung Wasser.
»Hast du dich eigentlich entschieden, was du nun tun wirst?«, riss Anja sie aus ihren Gedanken, und Gerda wandte sich zu ihr um.
»Was meinst du?«
Anja verdrehte die Augen, verschränkte die Hände auf dem Tisch ineinander und seufzte leise. »Na, was aus dir wird«, präzisierte sie, und Gerda wurde schmerzlich bewusst, wovon ihre Freundin sprach.
Sie hatte ihrer Freundin zwar erzählt, dass die Universität Kiel sie abgelehnt hatte – jedoch nicht, dass sie ihre Lehre in der Villa beginnen würde.
»Ich werde wohl oder übel meine Ausbildung zur Hotelfachfrau bei Tante Julia im Hotel beginnen …« Gerda biss sich auf die Unterlippe und wich dem neugierigen Blick ihrer Freundin aus. Sie wollte nicht über dieses Thema sprechen und hatte schon so viel geweint wegen dieser vertanen Chance. Die altbekannte Wut stieg in ihr auf, während sie fieberhaft darüber nachdachte, wie sie dieser Situation entfliehen sollte, doch da sprach Anja schon wieder.
»Aber das willst du doch gar nicht wirklich …«, sagte Anja in ihr Gefühlschaos hinein.
»Das weiß ich doch selbst!«, brauste Gerda auf, donnerte unbewusst eine Faust auf den Tisch und zuckte selbst erschrocken zusammen. Anja verschränkte die Arme vor der Brust, und das Lächeln war wie fortgewischt von ihren Lippen.
»Mist …«, murmelte Gerda betroffen, Hitze stieg in ihre Wangen, und ihr Herz schlug viel zu schnell. »Das wollte ich nicht, bitte entschuldige, Anja, ich habe nicht …«
»Schon in Ordnung«, unterbrach die Freundin sie, als der Kellner an ihren Tisch kam und den Kaffee sowie die zwei Stück Kuchen vor sie hinstellte.
Er schaute irritiert von Gerda zu Anja. Eine bleierne Schwere hatte sich über sie gelegt.
»Gefällt Ihnen der Platz nicht, die Damen?«, fragte er irritiert.
»Doch, der Platz ist wunderschön. Haben Sie vielen Dank für den Kaffee und die Torte«, erwiderte Anja und lächelte den Mann an, doch nichts an diesem Lächeln war echt. Das konnte Gerda genau erkennen.
»Dann wünsche ich Ihnen guten Appetit.« Der Kellner neigte den Kopf und wandte sich ab, um den nächsten Tisch zu bedienen.
»Anja …«, setzte Gerda an, als das Schweigen in ihren Ohren zu dröhnen schien, und streckte die Hand nach ihrer Freundin aus.
»Nein …« Anja schüttelte den Kopf und trank bedächtig einen Schluck Kaffee. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, ich weiß, dass du wütend bist. Dass diese Wut dich manchmal auffrisst und dass viele Worte, die du sagst, gar nicht so gemeint sind. Es ist in Ordnung.«
»Das ist es nicht.« Darum bemüht, die Tränen fortzublinzeln, die ihr in die Augen traten, ergriff Gerda nun doch Anjas Hand. »Du hasst Streit, du hasst es, wenn Menschen sich anschreien, und ich wollte nicht …«
»Das weiß ich doch, Gerda, und ich bin dir auch nicht böse, nun trink deinen Kaffee und iss deine Torte, du griesgrämige Person«, unterbrach Anja sie bestimmt und nahm ihre Kuchengabel in die Hand.
»Aber …«, setzte Gerda an, doch Anja schüttelte erneut vehement den Kopf. Das Thema war für sie erledigt, und Gerda wusste, dass sie gar nicht wieder davon anfangen musste.
Anja war kein Mensch, der lange über Konflikte sprechen wollte. Sie nahm Gerdas Wut hin, denn sie kannte sie nun lange genug, um zu wissen, dass Gerda sie seit ihrer Kindheit mit sich herumtrug. Anja hatte diese Wut als Teil von Gerda akzeptiert und erinnerte sie immer wieder, dass sie sich deswegen nicht schuldig fühlen sollte.
»Verrat mir lieber«, sagte Anja zwischen zwei Bissen, »warum du jetzt doch auf den Wunsch deiner Tante eingehst, obwohl du keine Hotelfachfrau werden willst und dich die Villa nicht interessiert.«
»Weil ich Tante Julia versprochen habe, dass ich die Ausbildung machen werde, wenn die Bewerbung an der Universität in Kiel nichts wird«, gab Gerda kleinlaut zu und senkte den Kopf, denn von dieser Abmachung hatte sie ihrer besten Freundin nichts erzählt.
»Bitte was?« Anja verschluckte sich beinahe am Kuchen. »Wieso weiß ich davon nichts?«
»Weil du nicht alles wissen musst.« Gerda verschränkte die Arme vor der Brust und presste die Lippen aufeinander.
»Das ist mir neu.« Anja fuchtelte mit der Gabel vor Gerda herum und sah sie grinsend an. »Normalerweise erzählst du mir und Hannes immer alles, einfach weil du ohnehin nicht deinen Mund halten kannst.«
Darauf wusste sie keine Erwiderung, denn das stimmte leider. Gerda hatte ihrem besten Freund nicht mal verschweigen können, dass sie im Zweiten Weltkrieg Herrn Silberstein auf dem Dachboden des Hotels versteckt hielten, hatte Anja sofort von der Begegnung ihrer Tante mit Henning Ahrens beim Waldfriedhof berichtet, und ohnehin stand ihr Mund selten still.
»Ich habe gedacht, dass die Universität mich ohnehin annimmt, immerhin habe ich ein gutes Abitur abgelegt …« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber so leicht ist das dann doch nicht gewesen. Deswegen beginne ich jetzt die Ausbildung bei meiner Tante, denn noch ein weiteres Jahr Müßiggang, bis ich mich erneut bewerben könnte, gehört sich wohl nicht.«
»Mhm …«, machte Anja unbestimmt und aß ihr letztes Stück vom Kuchen auf. »Das bedeutet, in einem Monat beginnst du deine Ausbildung?«
»Wohl oder übel.« Es behagte Gerda nicht, aber sie hatte keine Wahl. Entweder die Ausbildung, oder sie konnte sich irgendwo eine Arbeit in den vielfältigen Geschäften der Ladenzeilen in Timmendorf suchen.
»Das ist …«, setzte Anja an, als jemand an ihren Tisch trat und sich als Schatten vor die Sonne schob.
»Fräulein Gerda! Wie schön, Sie hier zu sehen.«
Gerda hob irritiert den Kopf und brauchte einige Sekunden, bis sie den Mann, der vor ihr stand, erkannte. Eilig erhob sie sich und streckte ihm eine Hand entgegen.
»Herr Wegner, es ist mir ebenfalls eine Freude.«
»Nun seien Sie nicht so förmlich!« Der ältere Mann lachte leise auf.
Trotz der Wärme trug er einen Anzug mit schwarzer Krawatte und einem weißen Hemd darunter, auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen. Die Halbglatze und sein meist strenger Gesichtsausdruck mit den buschigen Augenbrauen ließen ihn sehr herrisch erscheinen, doch Herr Wegner war ein sehr gütiger Mann.
Gerda erwiderte sein Lächeln höflich. »Sie sind schließlich unser Bürgermeister, Herr Wegner, da ist Förmlichkeit doch wohl angemessen.«
»Fragen Sie mal Ihre Tante, die hält auch nichts von Förmlichkeit.«
»Das glaube ich Ihnen gerne.« Wider Willen musste Gerda grinsen, denn obwohl ihre Tante Julia eine gestandene Dame war, hatte sie ihr loses Mundwerk nicht abgelegt.
»Sind Sie denn schon ein wenig nervös?«, fragte Herr Wegner neugierig. »Ich habe gehört, Sie beginnen Ihre Ausbildung in der Villa Sommerwind, und jetzt durch die Konkurrenz, die ins alte Hotel Falkenstein neben Ihrem einzieht …«
»Konkurrenz?« Gerda warf einen Seitenblick auf Anja, die nur mit den Schultern zuckte und den Bürgermeister nun auch höflich begrüßte, jedoch, wie es schien, kein Interesse hatte, etwas zum Gespräch beizutragen.
»Haben Sie es noch nicht mitbekommen? Die Familie, die das Hotel Falkenstein gekauft hat, ist vorhin hier angekommen. Die Bauarbeiten sind abgeschlossen, und die Familie Ahrens möchte ihr Hotel Seestern noch Ende des Sommers eröffnen.«
Es dauerte einige Sekunden, bis Herrn Wegners Worte in Gerdas Verstand sickerten. Und noch weitere Sekunden, bis sie die Tragweite dessen begriff, was er gerade gesagt hatte. Dann zog sie scharf die Luft ein, erhob sich und trat auf den Bürgermeister zu.
»Haben Sie gerade Ahrens gesagt?« Hitze kribbelte in ihren Gliedern wie eine Schar Ameisen.
»Ja, habe ich.« Herr Wegner hob eine Augenbraue und musterte Gerda skeptisch. »Die Familie Ahrens hatte ein Hotel auf …«
»Sylt«, wisperte Gerda und schlug sich eine Hand vor den Mund.
Ich kenne Ihre Schwester Christine.
Die Stimme, die da in ihren Ohren widerhallte, war wie ein alter Bekannter. Eine ferne Erinnerung, die nun langsam an die Oberfläche ihres Bewusstseins glitt. Bilder tanzten vor ihrem inneren Auge umher.
Ein junger Mann mit weizenblonden Locken und eisblauen Augen. Wie Wasser, das einen durchdrang, das einen völlig in seinen Bann zog.
»Also haben Sie doch mitbekommen, dass die Familie Ahrens nun Ihre direkte Konkurrenz ist?« Herr Wegner deutete ihre Worte völlig falsch, doch Gerda nickte nur mechanisch.
»Ja … natürlich …« Sie stieß die angestaute Luft aus ihren Lungen und zwang sich zu einem Lächeln, obwohl alles in ihr danach schrie zu weinen. »Ich war nur einen Augenblick irritiert, und ebenso bin ich ein wenig aufgeregt, dass meine Ausbildung bald beginnt. Bitte entschuldigen Sie die Verwirrung.«
Herr Wegner winkte ab. »Keine Ursache, dann genießen Sie noch diesen herrlichen Sommertag, die Damen!« Er verabschiedete sich mit einem Nicken und ging zu einem Tisch in der Mitte der Terrasse, an dem offenbar ein paar Bekannte des Bürgermeisters saßen.
Gerda starrte dem Mann einige Zeit hinterher und ließ sich dann wortlos auf den Holzstuhl fallen, der ein protestierendes Knacken von sich gab.
»Gott, warum stellt man hier auch diese billigen Klappstühle auf?«, beschwerte sie sich und schaute zu Anja, die sie eindringlich ansah, aber kein Wort sagte. »Ich …«, setzte Gerda an, doch ihre Freundin hob die Hand und brachte sie zum Schweigen.
»Darf ich wenigstens noch meinen Kaffee austrinken, bevor wir hinunter zur Villa rennen?«, fragte Anja.
»Was lässt dich glauben, dass ich da hinwill?«
»Dieser Glanz in deinen Augen, deine kleine Stirnfalte und deine zitternden Hände. Eventuell auch die Tatsache, dass du die ganze Zeit mit den Beinen wackelst, weil du es kaum aushältst, hier noch eine Minute länger zu sitzen.«
»Anja …«
»Sei still, trink deinen Kaffee aus, und dann machen wir uns auf den Weg. Immerhin will ich diesen Henning Ahrens auch endlich sehen und mich selbst davon überzeugen, ob er wirklich so gut aussieht.«
Trotz all der widersprüchlichen Gefühle, die wie ein Orkan durch Gerdas Inneres tobten, musste sie grinsen und trank eilig ihren Kaffee aus.
Denn vielleicht war dies das Zeichen, auf das sie so lange gewartet hatte.
Die Tatsache, dass Henning Ahrens und seine Familie wirklich nach Timmendorfer Strand gekommen waren.
Er war es wirklich.
Henning Ahrens.
Gerda starrte auf die andere Seite der Promenade hinüber, völlig gebannt von seinem Anblick, während Automobile an ihr vorbeirauschten.
Er trug eine helle Stoffhose und ein dunkelblaues Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren. Zwei größere Lieferwagen standen vor dem alten Hotel Falkenstein, das diesen Namen nun nicht mehr trug. Ein neues Messingschild prangte stattdessen an der rotbraunen Fassade: Hotel Seestern.
»Immerhin sieht es nicht aus wie euer Hotel«, merkte Anja schnippisch an, doch Gerda hörte ihr gar nicht wirklich zu.
Sie sah immer nur Henning Ahrens.
Diesen jungen Mann, der ein paar Jahre älter war als sie – etwa Mitte zwanzig – und der ihre Mutter sowie ihren Vater kannte aus einer Zeit, als Gerda selbst sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Der ihrer Tante Julia mit den Briefen die letzten Worte ihrer Eltern überreicht hatte.
»Ich muss zu ihm«, sagte Gerda und wollte schon blindlings über die Straße laufen, doch Anja bekam sie am Ärmel zu fassen und zog sie zurück, als ein Auto an ihnen vorbeifuhr und laut hupte.
»Herrgott!«, rief Anja. »Pass doch auf, du sollst dich nicht für irgendeinen Kerl überfahren lassen.«
»Du klingst wie meine Tante Julia«, murrte Gerda und riss sich los. »Außerdem geht es doch gar nicht um ihn, sondern darum, dass er meine Mutter kennt und …«
»Ich weiß«, unterbrach Anja sie, schaute nach links und rechts und zog Gerda dann sanft mit über die Straße.
Sie blieben in der Nähe der Villa Sommerwind stehen, schauten hinüber zum Hotel Seestern und Henning Ahrens. Bei ihm waren ein halbwüchsiger Junge, ungefähr dreizehn oder vierzehn Jahre alt, und ein kleines Mädchen, die beide um Henning herumtobten und ihm etwas zuriefen, als er Kisten von dem Transporter hob.
Henning lachte leise auf, stellte eine Kiste vor der gläsernen Eingangstür des Hotels ab und wuschelte dem Jungen, der sein Ebenbild war, durch die Haare.
Gerda befeuchtete ihre spröden Lippen, und ihr Atem beschleunigte sich, ihr Herz schlug heftig gegen die Rippen, und sie war wie festgefroren am Boden. Sie wollte so gerne zu ihm gehen. Sie wollte ihm so viele Fragen stellen, und doch konnte sie sich nicht bewegen.
Angst huschte durch ihr Herz, als sie an ihre Mama und ihren Papa dachte, daran, dass sie Gerda eiskalt zurückgelassen hatten. Ein winziger Teil von ihr wollte gar nicht mehr wissen, wo ihre Eltern abgeblieben waren. Und doch … da war diese Wut in ihr. Wie eine Flamme, die an Holz leckte, alles verzehrend. Roh und gefährlich.
Sie biss sich auf die Unterlippe, ballte die Hand zur Faust und trat einen Schritt vor. Langsam bewegte sie sich auf Henning Ahrens zu, konnte nun die Worte der Kinder verstehen.
»Das ist also unser neues Zuhause?«, fragte das Mädchen aufgeregt.
Sie war vielleicht acht oder neun Jahre alt und reichte Henning Ahrens bis kurz über die Hüfte. Ihre blonden Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten, und sie trug ein weißes Sommerkleid mit Rüschen am Saum.
»Genau, Annabella … das ist unser neues Zuhause. Hier führen wir jetzt ein Hotel anstatt auf Sylt …«, erwiderte er und kniete sich, mit dem Rücken zu Gerda, vor sie. »Gefällt es dir?«
Das Mädchen schaute über die Schulter an der Fassade des Hotels hoch, und ein nachdenklicher Gesichtsausdruck zeigte sich auf den feinen, kindlichen Zügen. »Ich glaube schon … aber ich mag Sylt irgendwie lieber …«
Er lachte leise auf. Gerda war nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Sie wollte die Stimme erheben, sich ihm vorstellen und ihn nach ihrer Mutter fragen. Aber als sie den Mund öffnete, entkam nur ein raues Krächzen ihren Lippen, und sie stolperte über ihre eigenen Füße. Im gleichen Moment drehte sich Henning Ahrens, der sich wieder erhoben und die Kiste aufgenommen hatte, nach dem unzusammenhängenden Gestammel, das sie von sich gegeben hatte, um.
Gerda wollte sich abfangen, doch da machte ihr Gesicht schon Bekanntschaft mit der Kiste, und sie fiel rückwärts auf den Boden, die Hände haltlos nach hinten ausstreckend.
»Ah …« Schmerz schoss durch ihr Steißbein und ihre Handgelenke, und Tränen traten in ihre Augen.
»Was tun Sie da?«, fragte Henning Ahrens, und seine Augenbrauen zogen sich irritiert zusammen. Eine kleine Falte bildete sich auf seiner Stirn, und er presste die Lippen zusammen. »Können Sie nicht aufpassen?«
»Wie bitte?«, fragte Gerda erbost und kam eilig wieder auf die Füße. »Sie haben mich mit dieser Kiste getroffen! Sie verdammter …«
Gerda hielt inne, als sie sah, wie Annabella, das kleine Mädchen, sie erschrocken, aber auch irgendwie neugierig ansah.
»Bitte fluchen Sie nicht vor meinen kleinen Geschwistern, das darf ich am Ende nur wieder ausbaden, Fräulein.« Das letzte Wort betonte er mit einem süffisanten Unterton und zuckte mit den Schultern.
»Nun …« Gerda straffte die Schultern und funkelte Henning Ahrens an. »Wenn Sie nicht so unfreundlich wären, dann müsste ich gar nicht fluchen.«
»Ach?« Ein kleines Lächeln zupfte an seinen Lippen, und er stellte die Kiste vor sich auf den Boden. »Ich bin unfreundlich?«
»Offensichtlich ist es Ihnen nicht mal bewusst!«, ereiferte Gerda sich und verschränkte die Arme vor der Brust.
Gutes Aussehen bedeutet wohl nicht, dass er ein netter Kerl ist, dachte sie verdrossen.
»Sie haben nicht aufgepasst und sind in mich hineingelaufen, Fräulein …?« Er ließ den Satz auströpfeln, und Gerda zuckte zusammen.
»Gerda …«, sagte sie und musste sich räuspern, denn ihre Stimme klang rau, und die Worte lagen schwer auf ihrer Zunge. »Gerda Grabens.«
Sie beobachtete ihn ganz genau, wollte jede Veränderung in seinem Gesichtsausdruck bemerken. Und siehe da, das süffisante Lächeln verschwand von seinen Lippen. Er neigte den Kopf irritiert, beinahe erschrocken zur Seite. Die eisblauen Augen musterten Gerda nun nicht mehr mit Abschätzigkeit, nein, da war etwas in diesem Blick, das Gerda vage bekannt vorkam. Etwas, das sie schon bei vielen Menschen gesehen hatte, wenn sie erfuhren, dass ihre Eltern sie allein gelassen hatten: Mitleid.
Und genau dieser Ausdruck machte Gerda erneut wütend, denn sie wollte dieses Mitleid nicht.
»Das …«, setzte ihr Gegenüber an und schaute auf seine kleinen Geschwister. Der halbwüchsige Junge musterte seinen großen Bruder und Gerda argwöhnisch und schien mehr zu begreifen, als man von Jungen in seinem Alter annehmen konnte. »Heinrich, sei so gut und geh schon mal mit Annabella hinein. Mutter und Vater sollten im Speisezimmer sein, um mit den Angestellten zu sprechen.«
»Aber …«, setzte Heinrich an, doch ein einziger Blick von Henning Ahrens genügte, um den Jungen zum Schweigen zu bringen.
»Bitte«, presste er durch zusammengebissene Zähne hervor, und sein Bruder schnappte sich das kleine Mädchen und zog es durch die Glastür ins Hotel.
»Sie sind …« Henning Ahrens schien mit sich zu ringen, dann trat er einen Schritt auf Gerda zu und streckte eine Hand nach ihr aus, doch Gerda wich zurück.
Diese plötzliche Nähe wollte sie nicht. Diesen verdammten Blick konnte sie nicht ertragen.
»Schauen Sie mich nicht so mitleidsvoll an«, zischte Gerda. »Ich brauche Ihre Sorge nicht.«
Henning betrachtete sie noch einen Augenblick, dann zog er seine Hand zurück und lachte leise auf. Schmunzelnd sah er sie an und fuhr sich über das glatt rasierte Kinn. »Sie ähneln Ihrer Mutter sehr. Von ihr wurde ich auch so zurechtgewiesen, als ich mich danebenbenommen habe.«
Gerda zog scharf die Luft ein, ihr Herz machte einen seltsamen Hüpfer, und die Wut, die sie eben noch empfunden hatte, schien zu verpuffen. Tränen brannten in ihren Augen, die sie jedoch tapfer wegblinzelte.
»Sie kannten sie …«, flüsterte Gerda und verknotete ihre Finger ineinander. »Sie kannten sie wirklich.«
Henning fuhr sich durch die blonden Locken und seufzte leise. »Ich denke nicht, dass dies der richtige Ort ist, um darüber zu sprechen, Fräulein Grabens. Außerdem …« Sein Blick glitt zur Villa Sommerwind und zurück zum Hotel Seestern seiner Eltern. »Wir sind jetzt wohl Konkurrenten, und im Übrigen gibt es nichts, was ich Ihnen über Ihre Eltern erzählen könnte.«
Als hätte man einen Schalter in ihrem Kopf umgelegt, begann die Wut in Gerda wieder zu brodeln. Sie ballte die Hände zu Fäusten und sah Henning an. »Sie sind ein Lügner«, würgte sie hervor.
»Bin ich das?« Sein Gesichtsausdruck verschloss sich wieder, und dieses süffisante Lächeln erschien erneut auf seinen Lippen. »Nun, dann sollten Sie sich nicht mit mir abgeben, Fräulein Grabens.«
Er hob die Kiste wieder hoch und drehte sich um. Kurz bevor Henning Ahrens jedoch durch die Tür schritt, schaute er noch einmal über die Schulter zu Gerda zurück. »Haben Sie noch einen schönen Tag, Fräulein. Und passen Sie nächstes Mal besser auf, wohin Ihre Füße Sie führen. Das kann sonst ganz schnell ins Auge gehen, und Ihr wunderschönes Gesicht soll doch genauso bleiben, wie es ist.«
Mit offenem Mund stand Gerda da und konnte nichts erwidern. Wie gerne hätte sie Henning Ahrens wilde Flüche hinterhergebrüllt, aber sie blieb stumm. Sie starrte ihn an, war wie zur Salzsäule erstarrt, als er sie noch einmal anlächelte und dann schulterzuckend im Hotel Seestern verschwand.
»Das ging wohl gehörig schief.« Anja, die in der Nähe der Villa Sommerwind gewartet hatte, tauchte neben Gerda auf. Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und sah ihre Freundin mit einem Seitenblick an. »Du hast ihn vergrault.«
»Als ob! Dieser arrogante Ochse hält sich eh für etwas Besseres«, wetterte Gerda los. »Und er hat mir ins Gesicht gelogen, er wüsste nichts über meine Eltern. Mit dem spreche ich nie wieder ein Wort!«
Ihre Worte waren nicht die Wahrheit, denn auch, wenn Henning Ahrens ein Ochse war, musste sie einfach erneut versuchen, mit ihm zu sprechen. Er hatte ihre Mutter kennengelernt, er musste mehr wissen.
Sie wirbelte herum und ging mit schnellen Schritten zur Villa Sommerwind, hielt jedoch abrupt inne, als sie ihre Tante auf der Terrasse sah. Sie stand gemeinsam mit Hannes an einem Tisch und schien mit einigen Gästen zu plaudern, beide lachten herzlich.
»Also …«, setzte Anja an, als sie Gerda eingeholt hatte, und stieß ihr den Ellenbogen in die Seite. »Dafür, dass du nie wieder mit diesem Ochsen reden möchtest, hat dein Gesicht aber eine bedenklich rote Farbe angenommen, und deine Augen glänzen so komisch … geradezu entzückt.«
»Anja!«, rief Gerda entrüstet, und ihre Freundin hob abwehrend die Hände.
»Ich sag ja nur. Du hast ihn angestarrt, als wäre er eine reife Frucht, und diese Gesichtsfarbe zeugt definitiv nicht nur von Wut. Denn wenn du richtig wütend bist, dann hast du auf deiner Stirn so eine kleine steile Falte. Genau da!« Anja tippte ihr zwischen die Augenbrauen und grinste. »Ich kann’s dir nicht verübeln, er sieht gut aus.«
»Darum geht es doch gar nicht«, brauste Gerda auf und schüttelte den Kopf. »Er ist unfreundlich und herablassend! Dieser Kerl ist mir egal, er wird mir sowieso nichts über meine …«
»Gerda.«
Erschrocken zuckte sie zusammen. Unbemerkt war ihre Tante auf sie zugekommen. Hinter ihr stand nun auch Hannes, und innerlich verfluchte Gerda sich für ihr lautes Mundwerk. Sie war kein kleines Kind mehr, sondern gerade großjährig geworden, und sollte sich nicht so fühlen, als ob ihre Tante sie gleich maßregeln würde.
»Hallo, Tante Julia …«, sagte Gerda, um einen neutralen Ton bemüht.
»Ist etwas nicht in Ordnung?«
»Nein, alles bestens. Anja und ich wollten gerade nach oben gehen, um uns abzuduschen, wir waren schwimmen.« Sie deutete auf ihre Strandtasche, fasste ihre Freundin am Arm und eilte an ihrer Tante vorbei.
Anja stolperte ihr hinterher. Auf ihrem Gesicht lag immer noch dieses diebische Grinsen, was Gerda fast wahnsinnig machte.
Die Stimme ihrer Tante hielt sie jedoch zurück. »Wenn alles bestens ist, Gerda, frage ich mich, warum dein Gesicht so rot ist, du eine kleine Beule am Kinn hast und dort drüben anscheinend mit einem jungen Mann in Streit geraten bist.«
Großartig, sie hat einfach alles mitbekommen.
Gerda drehte sich zu Julia um und wiegte den Kopf hin und her. »Das war nichts, ich habe nur …« Sie stockte. Ihre Tante hatte keine Ahnung, dass Gerda sie vor Jahren beim Waldfriedhof belauscht hatte. Sie hatte keine Ahnung, dass Gerda von Henning Ahrens wusste. Sie hatte keine Ahnung … oder doch?
Ein schelmisches Funkeln spiegelte sich in den grünblauen Augen ihrer Tante Julia wider, und sie lächelte matt. »Nun, wenn nichts war, dann gibt es wohl auch nichts weiter zu besprechen. Aber ich wäre dir trotzdem dankbar, wenn du nicht mit unseren neuen Nachbarn in Streit gerätst, es ist ohnehin schon schwer genug, wenn wir jetzt mit direkten Konkurrenten im Wettstreit sind, die all ihre Zimmer vermieten können.«
»Natürlich … tut mir leid …«, stammelte Gerda und betrat hastig die Villa Sommerwind gemeinsam mit Anja.
Kurz blieb sie im Foyer stehen, wartete darauf, dass ihr viel zu schnell schlagendes Herz zur Ruhe kam, und schaute verstohlen über die Schulter. Dort unterhielt sich ihre Tante wieder mit Hannes, der sich verdächtig im Hintergrund gehalten hatte bei diesem Gespräch.
Sie seufzte leise und schaute sich in der Empfangshalle um, in der es geradezu gespenstisch ruhig war. Die meisten Gäste waren wahrscheinlich noch am Strand oder genossen irgendwo ein kühles Getränk in einem der Cafés an der Promenade. Außerdem war bisher nur die Hälfte der Zimmer mit Reisenden belegt, in den restlichen beherbergten sie Flüchtlinge aus den östlichen Gebieten, die einst zu Deutschland gehört hatten. Das war der Grund, warum die Konkurrenz, das Hotel Seestern, bessere Startbedingungen hatte. Alle Flüchtlinge waren in Pensionen und Hotels untergebracht, solange der Bau ihrer Unterkünfte in Klein und Groß Timmendorf noch andauerte. Das Hotel der Familie dieses vermaledeiten Henning Ahrens konnte mit seiner Neueröffnung hingegen sofort alle Zimmer vermieten.
Und obwohl ihre Tante in den letzten Jahren alles darangesetzt hatte, die Villa Sommerwind zu modernisieren – sie hatte fast alle Zimmer neu streichen lassen, sie mit neuen Möbeln und Einrichtungsgegenständen bestückt, die dem Geist der Zeit entsprachen, und auch das Foyer umdekoriert –, lief das Geschäft nur mäßig. Gerade Familien reisten im Augenblick nach Timmendorfer Strand und wollten alle gemeinsam in der Villa schlafen, doch meistens waren dann nur noch ein oder zwei kleine Zimmer verfügbar, was nicht für alle reichte. Die Familien, die sie nicht unterbringen konnten, buchten sich dann woanders ein.
»Erde an Gerda!«, schreckte Anja sie aus ihren Gedanken auf. »Was war das gerade?«
Gerda zuckte mit den Schultern und ging mit ihrer Freundin zur großen Treppe rechts vom Empfangstresen, die hinauf zu den privaten Räumlichkeiten ihrer Familie führte. Auch hier hatten sie einige Umbauarbeiten vorgenommen. Im alten Büro von Gerdas Urgroßvater Eberhart, der noch vor ihrer Geburt das Zeitliche gesegnet hatte, wurde nun Herr Silberstein, Anjas Vater, beherbergt, der Teil ihrer kleinen, kaputten Familie geworden war.
Gerda hingegen hatte ihr Zimmer behalten, und im angrenzenden Raum, zu dem es eine Verbindungstür gab, wohnte Anja. Dies waren die alten Räumlichkeiten ihrer Großmama Henriette und ihrer verstorbenen Schwester Sybille gewesen.
Gerade als sie den Flur erreicht hatten, öffnete sich die Tür zum ehemaligen Salon, der nun Speise- und Wohnzimmer in einem war, und Henriette trat heraus.
»Oma Henni!«, rief Anja aus. »Genießt du gar nicht die Sonne auf der Dachterrasse?«
»Nein, mein Kind. Dort oben ist es mir zu warm, und mein Kreislauf macht Mucken …«
Besorgt sah Anja sie an. »Aber es geht dir gut?«
Henriette lächelte die junge Frau an und fuhr ihr mit den Fingern über die Wange. »Aber natürlich, Kleines. Sehe ich denn nicht wie das blühende Leben aus?«
Gerda musste lächeln bei diesen Worten und begrüßte ihre Großmutter ebenfalls. Die ehemals schwarzen Haare waren nun grau und zu einem Dutt auf ihrem Kopf aufgetürmt. Ihre Brille mit dem dicken Rahmen hatte sie auf ihren Kopf geschoben, sie trug einen dunkelblauen Rock aus luftigem Stoff, und eine weiße Bluse mit Rüschen und Falten zierte ihre Haut. Aber der Blick aus ihren mitternachtsblauen Augen war immer noch klar und unverschleiert, während ein Schmunzeln an ihren Lippen zupfte. Sie war nun über siebzig Jahre alt und steckte immer noch voller Leben.
»Sag, Gerda … hast du dich mit jemandem gestritten?«
»Wie … wie kommst du darauf?«
Ihre Großmutter lächelte wissend, streckte die Hand aus und tippte gegen Gerdas Stirn. »Dein Gesicht ist ganz rot, und deine Zornesfalte ist noch ein wenig zu sehen, genau zwischen deinen Augenbrauen.«
»Sag ich doch!«, meinte Anja triumphierend. »Aber sie war nicht nur zornig, sondern auch …«
»Bist du wohl still!«, herrschte Gerda ihre Freundin an, die ihre Worte jedoch kaum zur Kenntnis nahm und sich zu Großmutter Henriette hinüberlehnte.
»Sie hat sich mit dem Sohn der Familie, der das neue Hotel Seestern gehört, gestritten und nennt ihn einen Ochsen, dabei ist er der…«
»Anja!«
»Derjenige, der deiner Mutter begegnet ist, als sie Timmendorf verlassen hat.«
Stille senkte sich über den Flur, und ein unangenehmes Prickeln machte sich in Gerdas Nacken breit. Sie starrte ihre Großmutter entgeistert an, konnte nicht glauben, was diese gerade gesagt hatte.
»Du … du weißt davon?«
Henriette lächelte gutmütig und legte eine Hand auf Gerdas Wange. »Denkst du denn wirklich, dass deine ungestüme Tante so ein Geheimnis für sich behält? Ich frage mich nur eher, woher du davon weißt.«
»Ich …«
»Schon gut, das muss ich auch nicht wissen, mein Engel. Aber ich kann dir auch nicht mehr sagen, als das, was du ohnehin schon weißt. Außerdem bin ich mir beinahe sicher, dass dieser Ochse gar kein so schlechter Kerl ist.« Sie zwinkerte Gerda zu, drehte sich auf dem Absatz um und ging in Richtung ihres Zimmers.
Schweigend blieben die Freundinnen im Flur zurück, bis Anja sich räusperte und Gerda ansah. »Denkst du, sie hat die Hoffnung aufgegeben, dass ihre zweite Tochter jemals zurückkehrt?«
Gerda schnaubte leise und verschränkte die Arme vor der Brust. »Du kennst Oma Henni, sie würde niemals aufgeben. Sie hat so viel grausame Dinge erlebt. Ich denke einfach, dass sie nicht mehr die Kraft hat, um nach ihr zu suchen. Und es ist in Ordnung, dafür bin ich ja da.«
»Ach?«, fragte Anja mit hochgezogenen Augenbrauen. »Das bedeutet, du wirst doch noch mal mit diesem Ochsen sprechen?«
»Das werde ich wohl oder übel müssen, wenn meine Tante mir nichts erzählt. Ich werde schon herausfinden, was Henning Ahrens über meine Mutter weiß.«
»Klingt nach einem soliden Plan, und ich unterstütze dich gerne dabei.« Anja ergriff ihre Hand und zog sie mit zu ihren Zimmern. »Aber jetzt komm … wir sollten endlich duschen.«
Gerda folgte ihr, schaute aber noch einmal über die Schulter zurück zur geschlossenen Tür, hinter der ihre Großmutter verschwunden war. Sie wurde dieses Gefühl nicht los, dass alle mehr wussten als sie. Dass alle sie schützen wollten vor diesem Schmerz, der sich seit Jahren Stück für Stück in ihr Herz eingegraben hatte.
Aber ich brauche keinen Schutz, dachte Gerda grimmig, ich brauche Antworten und ich werde sie bekommen.
Sie würde mit ihrer Tante sprechen, spätestens wenn sie ihre Lehre begann. Dann musste sie ihr zwar offenbaren, dass sie sie damals belauscht hatte im Wald mit Henning Ahrens, aber das wäre ein allzu kleiner Preis, wenn sie damit der Wahrheit ein Stück näher kommen würde.
Wann immer sie hier oben auf der Dachterrasse stand und den Blick über Timmendorfer Strand gleiten ließ, schien ihr Herz zur Ruhe zu kommen. Es war früh am Morgen, die Sonne kletterte schüchtern über den Horizont und erhellte das kleine Kurbad. Ein leichter Wind zerrte an Julias Haaren, und sie konnte das Rauschen der Ostsee vernehmen, der Geruch von Salz und Fisch lag in der Luft. Die Welt schien hell und strahlend, voller Zuversicht und Hoffnung. Aber das war nur eine Illusion, und Julia wusste das genau. Sie schaute zum benachbarten Hotel Seestern, und ihre Stirn legte sich in Falten. Henning Ahrens hatte vor Jahren angedeutet, dass seine Familie möglicherweise nach Timmendorf ziehen würde. Doch dass es wirklich so kommen würde, das hatte Julia nicht erwartet. Es gab doch schon genügend Hotels in Timmendorf, es war schwer, hier Fuß zu fassen. Auch hatte sie sich nicht vorstellen können, dass die Familie Ahrens wirklich von Sylt – diesem prestigeträchtigen Urlaubsort – ins kleine Timmendorfer Strand umsiedeln würde.
Das Hotel war bereits ein arger Konkurrent der Villa Sommerwind. Es hatte den Vorteil, dass es keine Flüchtlinge beherbergen musste, die immerhin alle schon in den übrigen Hotels und Pensionen untergebracht waren. Stammgäste der Villa Sommerwind sprangen ihnen ab, weil sie nicht genug Zimmer frei hatten oder sie das exquisite Hotel Seestern mit der neumodischen Einrichtung, den Tanztees und Veranstaltungen bevorzugten. Die waren in der Villa Sommerwind nur sporadisch möglich, denn der Platz war begrenzt.
Den Flüchtlingen wollte Julia keinen Vorwurf machen, dass sie hier waren. Sie hatten weitaus schlimmere Dinge erlebt als die Einwohner von Timmendorf. Es war ihre Pflicht, ihnen eine Zuflucht zu geben. Dennoch wünschte Julia sich, dass die Siedlungen in Klein und Groß Timmendorf schneller fertig gebaut wurden. Damit die Villa Sommerwind wieder zu ihrer alten Blüte zurückfinden konnte.
Die Tür hinter Julia quietschte leise, und sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer sich da auf leisen Sohlen an sie heranschlich. Starke Arme legten sich um ihre Taille, und warmer Atem huschte kribbelnd über ihre Haut.
»Mein Sturmmädchen«, wisperte Johannes ihr zu und küsste die empfindliche Haut in ihrem Nacken.
Julia lächelte versonnen und drehte sich in seinen Armen um. Ihre Finger strichen über sein Gesicht, und sie küsste ihn leidenschaftlich. »Mein Kämpfer …«, flüsterte sie mit rauer Stimme, als sie sich von ihm löste, und lehnte ihren Kopf an seine Brust.
Gott, sie waren alt geworden in den letzten Jahren. Jedenfalls fühlte es sich für Julia so an, obwohl sie gerade mal Mitte vierzig war. Aber es war so viel geschehen, die Zeit war viel zu schnell an ihr vorbeigerannt. Doch Johannes war geblieben. Sie liebte ihn immer noch wie am ersten Tag. Konnte sich nicht sattsehen an diesem verschmitzten Lächeln, das seine Lippen umspielte. Wollte immerzu in seiner Nähe sein und seinen Worten lauschen, wenn er mit den Küchenjungen über neue Rezepte sprach und sie in ihre Arbeit einwies.
»Alles in Ordnung?«, fragte Johannes und legte sanft seine Hand unter ihr Kinn, damit sich ihre Blicke trafen.
Julia nickte seufzend. »Ich bin nur ein wenig müde und ich sorge mich …« Sie schaute erneut zum Hotel Seestern, und ein unangenehmer Knoten zog sich in ihrem Magen zusammen.
Johannes’ Hände wanderten ihre Arme hinauf, er lächelte liebevoll. »Du sorgst dich immer viel zu sehr um alles, mein Sturmmädchen. Unsere Villa wird schon bald wieder florieren. Alles wird gut.«
Alles wird gut.
Diese drei Worte waren so unscheinbar und klein, doch trotzdem sorgten sie dafür, dass sich Julias Augen mit Tränen füllten. Vielleicht, weil diese Worte nur eine Lüge waren, weil sie niemals etwas anderes sein konnten als eine Lüge. Denn nichts wurde jemals nur gut, so war das Leben nicht.
»Außerdem hast du heute keine Zeit, Trübsal zu blasen und dir Sorgen zu machen. Gerda wartet unten im Foyer auf dich, sie sieht ziemlich nervös aus und zupft die ganze Zeit an ihrer Uniform herum, aber sie hat immerhin keine schlechte Laune.«
»Was ein Wunder«, erwiderte Julia trocken und musste nun doch leise auflachen.
Gerda wollte keine Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnen. Sie wollte Ärztin werden wie ihre Mutter, aber dies war nun um einiges schwieriger als zu Christines Zeiten. Doch ihre Nichte konnte sich in den folgenden Jahren wieder bewerben, und wenn sie angenommen würde, dürfte sie die Lehre sofort beenden.
Julia wollte Gerda nicht aufhalten, aber sie würde auch nicht zulassen, dass ihre Nichte ein zielloses Leben führte. Das hätte Christine auch nicht gewollt.
»Dann sollte ich wohl hinuntergehen und meiner Nichte alles zeigen, damit sie ordentlich was lernt.«
»Das klingt sehr gut.« Johannes küsste sie erneut und strich über ihre Wange. »Aber ich habe noch etwas für dich, schau, es ist eine Postkarte von Hardi angekommen.«
Ein Lächeln huschte über Julias Gesicht, als Johannes ihr die Karte hinhielt. Ihr kleiner Bruder hatte es nicht lange zu Hause ausgehalten. Das Trauma des Krieges wog schwer auf seiner Seele. Daher hatte er sich nur wenige Jahre nach seiner Rückkehr entschieden, die Welt zu bereisen. Frei zu sein und viele Orte zu entdecken.
»Frankreich«, murmelte Julia entzückt und strich über das Bild des Eiffelturms. »Er genießt sein Leben wirklich in vollen Zügen, da bin ich froh.«
Hardi schrieb, dass er Arbeit in einer Bäckerei gefunden hatte und den ganzen Tag erlesene Baguettes und Küchlein verkaufte. Dass er sich treiben ließ durch diese große, unendlich weite Stadt mit dem hübschen Flair. Er schien glücklich zu sein. Er hatte im Krieg einen Unterschenkel verloren und war auf Krücken angewiesen, doch das schien ihn von keiner Reise abzuhalten.
»Sehen wir uns heute zum Mittagessen?«, riss Johannes sie aus ihren Gedanken, und Julia steckte die Postkarte weg.
»Natürlich«, murmelte sie und seufzte leise. Wie gerne wäre sie hier oben mit Johannes geblieben. Nur diese Stille und ihre schlagenden Herzen. Aber dafür war keine Zeit. »Ich komme in der Küche vorbei, ich muss doch mit eigenen Augen sehen, was ihr Leckeres zaubert für uns und die Gäste, und wie Hannes sich macht.«
»Er ist ein Naturtalent«, erwiderte Johannes, und gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter in den Salon. »Wenn er so weitermacht, dann gehört der Posten des Küchenchefs bald ihm.«
»Das ist gut, ich bin froh, dass er so voller Tatendrang ist, obwohl ihm so viel Leid widerfahren ist.«
Johannes nickte schweigend, denn es gab vermutlich keine Worte für all die Dinge, die auch ihm im Krieg widerfahren waren. Ihr Mann hatte bisher kaum darüber gesprochen, aber das akzeptierte Julia, sie wollte ihn nicht drängen, immer wieder an diese schlimmen Dinge zu denken. Genauso wenig wie Hannes – Gerdas bester Freund, mit dem sie seit den Kriegszeiten durch dick und dünn ging. Beim Bombenabwurf in Niendorf hatte er seinen Vater verloren, doch Gott sei Dank war seine Mutter Eva aus England zurückgekehrt, wohin sie als Jüdin geflüchtet war. Das Ehepaar Goldmann hingegen war nicht nach Timmendorfer Strand zurückgekehrt, sondern hatte sich ein Leben in England aufgebaut. Und all das verdankten diese Menschen dem Mut und der Willenskraft ihrer Schwester Christine und ihrem Mann Maximilian.
Julia hielt inne, und erneut entkam ein Seufzen ihren Lippen. Wann immer sie an ihre Schwester dachte, war es, als würde eine dunkle Wolke über ihr schweben. All die Trauer, die sie seit ihrem Verschwinden begleitete, nahm ihr die Luft zum Atmen.
»Bis später, mein Sturmmädchen«, sagte Johannes und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. Er schien zu spüren, dass die Gedanken an ihre Schwester sie betrübten, doch ein Lächeln von Johannes genügte, um ihr Herz wieder mit Liebe zu füllen.
Sie winkte Johannes noch kurz zu und ging dann zum Empfang, vor dem Gerda stand. Sie tippelte von einem Fuß auf den anderen und zupfte an ihrer weißen Bluse herum. Sie trug einen dunkelblauen Bleistiftrock und schwarze Schuhe mit einem kleinen Absatz.