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Kate und Jamie sind seit ihrer gemeinsamen Kindheit im australischen Busch unzertrennlich. Sie träumen von einer Zukunft miteinander. Doch dann erfährt Jamie, dass er eine verschollene Zwillingsschwester hat und macht sich auf, sie zu suchen. Sein Weggang stürzt Kate in eine schwere Krise und wird zur Zerreißprobe für das junge Paar. Erst nach Jahren sehen die beiden sich wieder. So viel ist seitdem geschehen: Ihre Familien zerbrochen, die Träume von damals geplatzt wie Seifenblasen. Doch langsam finden Kate und Jamie wieder zueinander. Gibt es für ihre Liebe noch eine Chance?
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Die AutorinMelanie Horngacher wurde 1982 geboren und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in St. Jakob in Haus in Tirol. Sie ist gelernte Köchin und Konditorin und arbeitet als solche in der Kreativabteilung einer Schokoladenmanufaktur. So geduldig wie das Papier ist auch die Schokolade und daher liebt sie das Handwerk mit der süßen Köstlichkeit gleichermaßen wie das Jonglieren mit Worten. Auch die Musik hat in ihrem Leben einen hohen Stellenwert. Lesen, Schreiben, Musizieren und Genießen gehören zu ihren liebsten Hobbies.
Das BuchKate und Jamie sind seit ihrer gemeinsamen Kindheit im australischen Busch unzertrennlich. Sie träumen von einer Zukunft miteinander. Doch dann erfährt Jamie, dass er eine verschollene Zwillingsschwester hat und macht sich auf, sie zu suchen. Sein Weggang stürzt Kate in eine schwere Krise und wird zur Zerreißprobe für das junge Paar. Erst nach Jahren sehen die beiden sich wieder. So viel ist seitdem geschehen: Ihre Familien zerbrochen, die Träume von damals geplatzt wie Seifenblasen. Doch langsam finden Kate und Jamie wieder zueinander. Gibt es für ihre Liebe noch eine Chance?
Melanie Horngacher
Die Weite deines Herzens
Roman
Forever by Ullsteinforever.ullstein.de
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Originalausgabe bei Forever.Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinNovember 2015 (1)© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2015Umschlaggestaltung:ZERO Werbeagentur, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © privat
ISBN 978-3-95818-064-2
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Für mein Kind, das den Hauch eines Lächelns in meine Fantasie zaubert,für meinen Vater, dessen Worte Spuren der Erinnerung in mein Herz zeichnen,für meine Familie, von der ich mich durch ihre Liebe getragen fühle.
Der Fluss des Lebens
Wie Wasser rinnt das Leben fort,wie Tropfen die Sekunden.Wo geht es hin, an welchen Ort?Für uns bleibt es verschwunden.
Doch neues Leben strebt emporund Quellen neu entspringen.So folgt das Nachher dem Davor,so ist’s in allen Dingen.
Drum greif nicht ein in die Natur,versuch’ auf sie zu hören.Du würdest damit Eines nur,den Fluss des Lebens stören.
Es war ein plötzlicher Impuls, dem er folgte; das Streben nach Höherem oder die Suche nach etwas vielleicht Vollkommenerem, als ihm das Leben bisher zu bieten hatte. Wie man es auch immer nennen mochte, es war der erste Schritt auf einem Weg, den er nicht anders gehen konnte, weil es ihn wie ein Sog in genau diese Richtung zog. Trotz aller Widrigkeiten, trotz allem, was dagegen sprach. Oder vielleicht gerade deshalb.
Jamie McKay stand im Arbeitszimmer seines Vaters, in dem er sich Bewerbungsunterlagen zusammensuchen wollte, am Fenster und beobachtete, wie sich der Himmel verdunkelte und einige weit entfernte Blitze ein Unwetter ankündigten. Es hatte schon lange nicht mehr geregnet, hier im australischen Outback. Einerseits sehnten die Farmer den Regen herbei, doch andererseits musste man mit riesigen Überschwemmungen rechnen, weil die ausgedörrte Erde nicht so viel Wasser auf einmal aufnehmen konnte.
Das Gewitter kam immer näher, und schon fielen auch die ersten schweren Tropfen auf die umliegenden Blechdächer des großen Farmhauses von Canola-Field und erzeugten einen beinahe harmonischen Rhythmus, der von ungleichmäßigem Donnergrollen und dem pfeifenden Wind, der an den Fensterläden rüttelte, begleitet wurde.
Jamie nahm den unheimlichen Klang des Unwetters kaum wahr. Er stand wie gebannt am Fenster, betrachtete die kleinen Wasserrinnsale, die an der Fensterscheibe entlangflossen, und lauschte seinen eigenen Gedanken.
»Wie Wasser rinnt das Leben fort, wie Tropfen die Sekunden …«, murmelte er geistesabwesend.
Nun, er hatte bestimmt nicht vor, sein eigenes Leben zu verschwenden. Jenes kostbare Leben, das ihm seine Mutter, die vor über zwanzig Jahren ebendiese Zeilen verfasst hatte, geschenkt und ihr eigenes dafür gegeben hatte. Dieses Gedicht, das sich »Der Fluss des Lebens« nannte, war eines der wenigen Dinge, die ihm von ihr geblieben waren. Ein kleiner Einblick in ihre Seele, den sie nur dem gewährte, der die Zeilen las oder sie – wie Jamie – in seinem Herzen bewahrte und jederzeit hervorkramen konnte.
Mit einem tiefen Seufzer riss er sich vom Fenster los und ging an den Schreibtisch. Er zog seine lederne Dokumentenmappe hervor und durchforstete sie. Schulzeugnisse, alle möglichen Urkunden, die er einmal bei verschiedenen Wettbewerben, hauptsächlich zu Pferd, gewonnen hatte … Wo, zum Teufel, war die Geburtsurkunde? Sein Vater hatte sie doch nicht etwa herausgenommen? Ihm kamen sämtliche vorangegangenen Diskussionen in den Sinn, die er mit seinem Vater über das Thema Studium geführt hatte. Noch immer verstand er nicht, warum George sich so sehr dagegen sträubte. Okay, es war viel Arbeit auf der Farm, aber was war so schlimm daran, wenn einer seiner Söhne seinen Weg ein wenig anders beschritt? Jamie wollte Pferdewirtschaft studieren, seit er ein kleiner Junge war. Und Kate Harrison, seine große Liebe, die auf der benachbarten Farm Queenshill aufgewachsen war, wollte diesen Weg mit ihm gehen, damit sie danach gemeinsam eine Pferdezucht aufbauen konnten. Das war der Plan.
Doch George, sein Vater, war der Meinung, dass er alles, was er wissen musste, genauso gut hier zu Hause lernen konnte.
Ein neuer Farmarbeiter musste eingestellt werden, doch daran würde es nicht scheitern. An Geld hatte es schließlich die letzten Jahre nicht gemangelt. Gönnte sein Vater es ihm etwa nicht?
Und was war mit Kate? Warum waren ihre Eltern dagegen, besonders ihre Mutter? War der Wunsch zu studieren so absurd? Waren sie vielleicht gar gegen ihre Verbindung? Aber nein, diesen Gedanken verwarf Jamie sofort wieder. Schließlich waren er und Kate schon fast vier Jahre zusammen, und wenn das für ihre Eltern oder seinen Vater ein Problem gewesen wäre, hätten sie es schon lange angesprochen. Fragen über Fragen, die ihn schon seit geraumer Zeit beschäftigten. Aber … er hatte den Entschluss gefasst, einmal in seinem Leben an sich zu denken. Und an Kate. Auf die gemeinsame Zukunft mit ihr auf der Uni freute er sich unbändig.
Das Unwetter war nun noch heftiger geworden. Blitze zuckten unablässig und erhellten das Zimmer. Die Lampe begann gespenstisch zu flackern. Jamie klappte seine eigene Mappe zu und begann Georges Dokumente durchzusehen. Ohne Erfolg. Er beschloss, sein Vorhaben auf einen weniger düsteren Abend zu verschieben, und wandte sich dem riesigen Bücherregal zu. Er zog das Lieblingsbuch seiner Mutter heraus, einen Gedichtband von William Blake, unzählige Male gelesen und von ihren Händen berührt. Fast kam es ihm vor, als würde sie neben ihm stehen, als er mit seinen Fingern über den glatten, kühlen Ledereinband strich.
Er stellte es wieder an seinen Platz zurück, griff nach weiteren Bänden, befreite sie von einer dicken Staubschicht, blätterte darin und schob sie hustend wieder ins Regal. Ein anderer beachtlicher Wälzer weckte plötzlich sein Interesse. Er musste seinem Vater gehören, Jamie hatte ihn aber noch nie gesehen. Es war ein Buch über alte englische Familien, deren Nachnamen und Familienwappen und die Bedeutung dazu. Jamie hatte gar nicht gewusst, dass sein Vater sich für solche Dinge interessierte! Nun ja, er wusste so einiges nicht über seinen Vater. Während er in dem dicken Buch blätterte, fiel plötzlich etwas zu Boden. Er bückte sich und erkannte es als zusammengefaltetes Schriftstück. Vorsichtig faltete er es auseinander und fuhr erschrocken zusammen, als ein ohrenbetäubender Donnerschlag die Stille zerriss.
Verwirrt starrte Jamie auf das Dokument vor seinen Augen. Ihm stockte der Atem, als er las, was ihm gerade in die Hände gefallen war. Geburtsurkunde stand da. Aber es war nicht seine Geburtsurkunde. Auch nicht die, seines älteren Bruders Matthew. Der Name lautete Julia, der Geburtsort war Adelaide, und das Datum …. Jamie schluckte schwer, er schloss für einen Moment die Augen und öffnete sie wieder. Er konnte nicht glauben, was er dort sah. Die Kopie war sehr schlecht und verblichen. Das Dokument musste anscheinend in all den Jahren sehr oft auseinander- und wieder zusammengefaltet worden sein. Dennoch war das Geburtsdatum deutlich erkennbar.
14. November 1982. Das war der Tag seiner Geburt. Und der Tag, an dem seine Mutter starb. All die Jahre hatte er sich immer wieder gefragt, was für ein Leben er geführt hätte, hätte er sie nur kennenlernen dürfen. Ihre sanfte Stimme, ihre zärtliche Umarmung, ihre tröstenden Worte, ihre klugen mütterlichen Ratschläge, all das hatte er sein ganzes Leben lang vermisst. Matt, der gut fünf Jahre älter war, hatte ihm oft von ihr erzählt. George hatte nie von ihr geredet. Er hatte seine Söhne gewissenhaft und streng erzogen, aber er hatte ihnen nie die Liebe geben können, die sie gebraucht hätten. Und er hatte es immer irgendwie geschafft – manchmal sogar ohne ein Wort zu sagen –, dass Jamie sich schuldig fühlte.
»Julia …«, flüsterte er. Immer noch starrte er fassungslos auf das Blatt in seinen Händen. Zärtlich strich er mit seinen rauen Fingern über das vergilbte Papier. Und plötzlich begann er zu begreifen.
George McKay wartete in der geräumigen, hell möblierten Küche am Tisch, während Mary, die Haushälterin, das Lammsteak auftrug. Mary war die gute Seele des Hauses, seit fast zwanzig Jahren im Dienst der McKays, war sie richtig in die Familie hineingewachsen. Sie hatte früh ihren Mann im Vietnamkrieg verloren und war als junge, kinderlose Witwe sehr froh über diese gut bezahlte Stelle gewesen. Und George konnte sich glücklich schätzen, eine so lebenslustige und tüchtige Frau gefunden zu haben, die ihm im Haushalt, auf der Farm und vor allem bei der Erziehung seiner beiden Kinder unter die Arme griff.
Mary liebte Jamie und Matt, als wären sie ihre eigenen Söhne. Oft dachte sie an die Zeit zurück, als sie auf der Farm angekommen war. Die Jungen waren noch ganz klein gewesen, drei und acht Jahre alt. Die charakterlich unterschiedlichsten Haushälterinnen hatten sich seit drei Jahren die Klinke in die Hand gegeben, aber George war dennoch guter Hoffnung gewesen, mit ihr endlich einen Glücksgriff gemacht zu haben. Und siehe da, offenbar hatte er recht behalten, wie die letzten Jahre bewiesen hatten.
Und jetzt waren die Jungen erwachsen. Matt hatte zum Großteil die Verantwortung und die Geschäfte auf der Farm übernommen, um George zu entlasten. Jamie hatte sich in den Kopf gesetzt, Pferdewirtschaft zu studieren. Er war ein kluger Bursche, aber sie wusste, sie würde ihn sehr vermissen. Er wollte eben …
Ein lautes Poltern riss Mary aus ihren Gedanken. Jamie kam krachend hereingestürmt. Er war offensichtlich sehr aufgebracht. Seine Miene war grimmig, und seine Hände zitterten, als er seinem Vater ein Schriftstück auf den Tisch donnerte.
»Wer ist Julia McKay?« Jamie sprach die Worte langsam, wütend und fordernd. Obwohl er sicher war, dass er mit seiner Vermutung recht hatte; er wollte die Wahrheit von seinem Vater hören.
Georges Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig, obgleich er nicht sehr überrascht zu sein schien. Er hielt einen Moment inne und räusperte sich dann.
»Setz dich!«, sagte er, um Ruhe bemüht, ohne dem Blatt Papier Beachtung zu schenken. Mary hatte beide Hände vor den Mund geschlagen und stand erschrocken am Herd, bewegungslos.
»Wer ist sie, Vater?«, fragte Jamie wieder, diesmal noch ungehaltener.
»Ich wusste, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommen würde«, murmelte George. Im selben Moment betrat auch Matt die Küche. Der Lärm hatte sogar den in der Ferne grollenden Donner übertönt.
»Was ist denn hier los?«, fragte Matt und verdrehte die Augen. Er war an Streit gewöhnt, doch meistens ging es nur um Kleinigkeiten, wie etwa die Frage, wo die Schafe weiden sollten oder mit welchem Hengst irgendeine Stute gedeckt werden sollte. Diese nichtigen Streitpunkte nervten ihn. Als er jedoch die Gesichter seines Vaters und seines jüngeren Bruders sah, wusste er, dass es diesmal um etwas weit Wichtigeres gehen musste.
»Das solltest du besser ihn fragen!«, rief Jamie, und seine Stimme klang messerscharf.
»Ich sagte, du sollst dich setzen. Du auch Matthew.« Georges Gesichtsfarbe hatte eine ungesunde Blässe angenommen, und er verschränkte die Hände vor sich auf dem Tisch, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Es schien fast so, als müsste er sich selbst festhalten.
Nun war also der Moment gekommen, in dem George seinen Söhnen reinen Wein einschenken musste. Er hatte sich schon seit Jahren auf dieses Gespräch vorbereitet. Doch das machte es nun auch nicht leichter. Matt studierte schweigend die Urkunde und runzelte irritiert die Stirn. Er verstand überhaupt nichts mehr.
Jamie konnte die Anspannung nicht mehr ertragen. Er marschierte ruhelos in der Küche auf und ab. Er wollte sich nicht setzen und ignorierte den Befehl seines Vaters; er wollte nur die Wahrheit erfahren. Er wollte, dass jemand Ordnung in das Chaos seiner Gedanken brachte.
»Rose«, begann George und suchte nach den richtigen Worten, » eure Mutter … ihr seid Zwillinge.« Seine Augen glitten suchend über den Tisch, als fände er dort irgendetwas, das im helfen konnte weiterzureden.
»Julia ist deine Zwillingsschwester, Jamie.« Jamie ließ sich kraftlos auf einem Sessel nieder. Er hatte also recht gehabt mit seiner Vermutung. Er fühlte sich plötzlich unendlich erschöpft. Der Regen prasselte unaufhörlich an die Fensterscheiben, und der Wind hatte an Stärke zugenommen. Draußen erklang ein lautes, schepperndes Geräusch. Alle zuckten kurz zusammen, doch niemand sprach ein Wort. Vermutlich hatte sich ein Stück Wellblech vom Dach des Schafspferches verselbstständigt. Matt hatte schon lange vorgehabt, es zu reparieren. Mary, die ihre Hände unentwegt nervös an der Vorbindeschürze abwischte, schickte sich an hinauszulaufen, doch noch bevor sie die Tür erreicht hatte, gebot George ihr Einhalt. »Bleib, Mary. Auch du solltest endlich die Wahrheit kennen.« Sie blieb stehen, doch ihr Blick war unheilvoll. Intuitiv wusste sie, dass die nächsten Minuten alles verändern würden. Dass auf Canola-Field bald nichts mehr war wie vorher. Wieder ließ der Lärm draußen sie aufhorchen. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag ließ sie unwillkürlich in sich zusammensinken. Unwetter waren schon unheimlich genug, fand Mary, auch ohne Schauergeschichten, ob sie nun erfunden waren oder nicht. Einen Augenblick überlegte sie, ob es nicht doch klüger wäre, die Küche zu verlassen, aber, nein, das war jetzt ihre Familie, und hier wurde sie gebraucht. Also blieb sie.
Nach einem langen Moment des Schweigens fand Matthew als Erster die Sprache wieder: »Ist sie … ähm, Julia«, er brach ab, »ist sie … auch gestorben?«, fragte er fassungslos.
George schwieg einen Augenblick, weil er plötzlich begriff, was für einen riesigen Fehler er gemacht hatte, indem er seinen Söhnen all die Jahre die Existenz ihrer Schwester verschwiegen hatte.
»Nein. Sie lebt.« Es dauerte eine ganze Weile, bis die jungen Männer registrierten, was ihr Vater eben gesagt hatte. Sie lebt.
Jamie war es, als würde sein Herz einen Schlag aussetzen. Sein Kopf begann zu dröhnen, weil so viele Gefühle auf ihn einstürmten. Er fühlte sich maßlos überfordert. Doch er hielt alle Emotionen zurück, weil seine Vernunft ihm sagte, dass es besser war, erst einmal Ruhe zu bewahren.
»Wo ist sie?«, fragte er mit zugeschnürter Kehle.
»Ich weiß es nicht!«
Das war das nächste Eingeständnis, mit dem niemand gerechnet hatte. Ein Vater, der nicht wusste, wo sein Kind ist?
»Was meinst du damit? Was heißt das, du weißt es nicht? Du hast … « Die Worte blieben Matt im Hals stecken, als er erst jetzt begriff, was Jamie von Anfang an klar gewesen war.
»Ich hatte keine Wahl!« George versuchte sich zu verteidigen.
»Du hast deine eigene Familie auseinandergerissen!« Matt war entsetzt.
»Hört mir doch zu, nur einen Augenblick«, bat George gequält. Er atmete schwer, und sein Herz raste. Er wünschte sich weit weit weg in diesem Moment, aber es half nichts. Er musste sich hier und jetzt seinen Erinnerungen stellen. Für seine Söhne und vielleicht auch für sich selbst.
»Rose hatte schrecklich viel Blut verloren.« Er rang um Fassung. »Die Ärzte konnten nichts mehr für sie tun, und ich musste zusehen, wie ihre Kräfte langsam schwanden und sie mich für immer verließ!« Aus seinen Worten konnte man seine Verzweiflung hören. »Und da stand ich nun mit drei kleinen Kindern, keine Ahnung, wie ich euch großziehen, geschweige denn ernähren sollte. Ich wusste nicht mehr weiter. Und da … hab ich sie … hergegeben.« George sprach sehr leise und zitternd, aber seine beiden Söhne konnten trotz der vielen Nebengeräusche jedes Wort verstehen.
»Wieso sie und nicht uns beide?«, fragte Jamie schließlich nach langem Schweigen mit bebender Stimme.
»Ich brachte es nicht übers Herz. Und ich dachte mir, dass ein Mädchen es auf dem Land noch viel schwerer hat. Sie war so zierlich und klein …!«
George hatte Tränen in den Augen, als er sich in der Erinnerung an seine einzige Tochter verlor. Noch nie zuvor hatten seine Söhne ihn weinen gesehen.
»Du hättest mich damals auch hergeben sollen!«, sagte Jamie voller Verachtung. »Ich war dir immer nur ein Klotz am Bein.«
»Was redest du für einen Unsinn! Du weißt, dass ich euch beide sehr schätze.« George war aufgestanden, und Jamie trat zu ihm und sah ihm tief in die Augen. »Dann kann man Julia nur wünschen, dass sie eine Familie gefunden hat, die sie auch liebt und nicht nur schätzt.« Mit diesen bitteren Worten stürmte er aus der Küche.
Kate Harrison saß auf ihrem Bett und starrte ins Leere. Sie bemerkte es nicht einmal, als der Strom ausfiel. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um diesen Test. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Wenn nur Jamie hier wäre. Positiv. Der Test war positiv. Sie konnte nicht einmal zu ihm. Bei diesem Unwetter war es viel zu gefährlich, einen Fuß vor die Haustüre zu setzen. Wie würde er es aufnehmen, grübelte sie. Er wollte studieren. Das wollten sie beide, aber jetzt war alles anders. Natürlich würde er im ersten Moment ziemlich verblüfft sein, sie waren schließlich vorsichtig gewesen.
Aber dieses Kind, oder wie man dieses winzige Etwas in ihrem Bauch nennen sollte, würde ein Kind der Liebe sein. Ja, dachte Kate, wenn der erste Schock überwunden wäre, würde er sich bestimmt freuen, und dann würden sie gemeinsam eine Lösung finden. Und außerdem waren da ja auch noch ihre Eltern. Sie würden ihnen sicher helfen. Okay, sie und Jamie waren noch sehr jung, gerade mal zwanzig, aber sie würden das schon schaffen. Auf ihrem Gesicht breitete sich ganz langsam ein Lächeln aus und der Gedanke, mit Jamie eine Familie zu haben, begann immer mehr Gestalt anzunehmen.
Seit Wochen schon war Kate noch erschöpfter als sonst; jetzt wusste sie auch, warum. Mitsamt ihren Klamotten legte sie sich auf ihr Bett und beschloss, Jamie die Neuigkeiten zu erzählen, sobald das Gewitter vorbei war. Erst noch ein bisschen schlafen, dachte sie, während ihr schon die Augen zufielen.
Der Sturm hatte etwas nachgelassen, aber es regnete in Strömen. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen, doch auf Canola-Field brannten noch die Lichter, weil niemand Schlaf fand. George saß immer noch an derselben Stelle, das unberührte Abendessen vor sich auf dem Tisch.
Er sah vergrämt aus und schien an diesem Abend um Jahre gealtert zu sein. Sein silbergrauer Bart ließ die Blässe um seine Augenpartie fast unheimlich wirken. Mary hatte sich zu ihm gesetzt und versuchte vergebens, ihn zu ein paar Bissen zu überreden. Auf nüchternen Magen konnte man nicht gut über Sorgen nachdenken, war stets ihre Devise gewesen. Schließlich gab sie auf und streichelte ihm immer wieder tröstend über den Rücken. Einmal hatte er kurz aufgesehen und ihr gesagt, sie solle schlafen gehen. Aber Mary hatte sich geweigert, und George hatte von da an wieder ins Leere geblickt.
Matt hatte eine Weile im strömenden Regen Holz gehackt. Es schien ihm die beste Methode, den Kopf frei zu bekommen. Als er völlig durchnässt war, sowohl vom Regen als auch vom Schweiß, ging er unter die Dusche. Dann machte er sich auf die Suche nach Jamie.
Er fand ihn schließlich im Pferdestall bei Maestoso, seinem braunen Hengst. Er saß auf dem Boden, die Knie angezogen, den Kopf darauf gelegt. Als er Matt kommen hörte, blickte er auf. Seine Augen waren rot gerändert. Matt kam näher und sah, dass Jamie sich an der rechten Hand verletzt hatte. Er blutete ein wenig, doch das schien ihn nicht zu stören. Gerade als Matt fragen wollte, fiel ihm eine faustgroße Delle in der Bretterwand auf, und er vermutete, dass Jamie ein paarmal darauf eingedroschen hatte, um sich abzureagieren. Matt nahm den Verbandskasten von der Wand neben der Stalltüre und hockte sich neben Jamie auf den Boden. Dieser hielt ihm die Hand hin, und Matt begann sie vorsichtig zu säubern und zu verbinden. Jamie zuckte hin und wieder zusammen. Die Wunde war nicht tief, aber doch schmerzhaft, wenn auch nicht so sehr wie die Wunde in seinem Herzen.
»Ich hab es nicht gewusst, Jamie!«, sagte Matt plötzlich.
»Das weiß ich. Woher solltest du auch?« Jamie sah seinen Bruder verwundert an und erkannte, dass es Matt genauso quälte wie ihn.
»Ich frage mich die ganze Zeit, ob Mum irgendwann erwähnt hat, dass sie mit zwei Babys schwanger war! Aber ich weiß es einfach nicht mehr. Ich kann mich nicht erinnern!« Seine Stimme klang trostlos.
»Matt!«, sagte Jamie und griff mit der unverletzten Hand nach Matts Handgelenk. »Du warst erst fünf. Du konntest es nicht wissen!«
»Er hätte uns nicht belügen dürfen.«
Matt hatte seine Arbeit beendet und setzte sich nun mit hängenden Schultern auf einen Strohballen.
»Was machen wir denn jetzt?«
»Ich werde sie suchen!«, sagte Jamie entschlossen.
»Ja!«, sagte Matt nach einer Weile, doch es war nicht mehr als ein heiseres Krächzen. Er wollte noch so vieles sagen, doch er fand keine Worte. Nun sollte er also auch noch Jamie verlieren. Denn wenn er jetzt ginge, wer wusste schon, wann und ob er wiederkäme. Ihn zu begleiten wäre unmöglich. Das würde seinem Vater das Herz brechen. Und ganz gleichgültig, was er getan hatte, er war und blieb ihr Vater.
»Wann?«, fragte Matt tonlos.
»Im Morgengrauen!«, antwortete Jamie.
»Und Kate?«
»Ich werde zu ihr gehen und mit ihr reden. Ich hoffe, sie begleitet mich. Vielleicht kommt sie ja auch später nach«, erwiderte Jamie und strich nachdenklich über seinen Verband.
»Ich bin also nicht allein!«, fügte er hinzu, als er Matts gequälten Gesichtsausdruck sah. Matt nickte und verschwand.
Auch Jamie ging zurück zum Haus, um seine wichtigsten Habseligkeiten zu packen. Er würde Matt bitten, gut auf Maestoso aufzupassen. Gott, wie würde er das alles hier vermissen! Zum Glück würde er Kate dabeihaben – daran hegte er keinen Zweifel –, die ihm das Liebste auf der Welt war.
Nach etwa einer halben Stunde kam Matt in sein Zimmer und reichte ihm ein Bündel. Bei genauerem Hinsehen, erkannte Jamie, dass es sich um einen Briefumschlag mit einigen – oder eher ziemlich vielen – Banknoten handelte.
»Nein, Matt!«, wehrte er ab. »Ich hab genug Geld.«
»So, wovon denn?«
»Ich hab die letzten Jahre viel gespart, genau wie du!«, sagte Jamie, während er seinen Seesack mit Klamotten vollstopfte.
»Das wird dir bald ausgehen. Nimm es.«
Doch Jamie beachtete Matt gar nicht, der ihm das Bündel immer noch hinhielt.
»Jamie, ich kann … ich kann nichts tun. Ich wünschte, ich könnte mit dir gehen, aber das kann ich nicht.« Müde ließ er sich auf Jamies Bett sinken und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
»Aber das musst du nicht!«
»Sie ist aber auch meine Schwester! Verstehst du! Das wird mein Beitrag sein!« Er warf den Umschlag achtlos auf das Bett und stand auf. Da trat Jamie zu ihm und umarmte ihn. »Ich danke dir!«
Weit nach Mitternacht hatte er alles für seinen plötzlichen Aufbruch vorbereitet, so gut er konnte.
Matt hatte Jamie inständig gebeten, sich von George zu verabschieden, doch er wollte davon nichts wissen. Als Mary die Unruhe vor dem Haus bemerkte, eilte sie hinaus und sah erschrocken, wie Jamie sich auf seine Straßenmaschine schwang. Sie stieß einen verzweifelten Laut aus und lief zu ihm, um ihm noch einmal die Hände auf die Wangen zu legen und ihn kräftig zu drücken, gerade rechtzeitig, bevor er seinen schwarzen Helm aufsetzte. Auch Matt umarmte ihn noch einmal, während Mary wieder ins Haus lief, um George zu holen.
»Soll ich ihm noch etwas sagen?«, fragte Matt.
Doch sein Bruder schüttelte nur den Kopf und stand auf, um mit einer ruckartigen Fußbewegung den Kickstarter hinunterzutreten. Der Motor setzte sich ratternd in Gang.
»Pass auf euch alle auf, Matthew!«, rief er über den Lärm hinweg. »Und sag ihm, dass ich sie zurückhole!«
Als George sich endlich dazu durchringen konnte, aufzustehen und nach draußen zu gehen, war Jamie gerade vom Hof gefahren.
Helen Harrison war von einer seltsamen inneren Unruhe erfüllt, die sie – wie so oft – nachts wach liegen ließ. Selbst Johns gleichmäßiges monotones Schnarchen konnte sie nicht beruhigen. Was war es, das so an ihren Nerven zerrte?
Sie stand auf und ging ruhelos im Zimmer hin und her. Dann trat sie ins Badezimmer und nahm eine Dose mit Pillen aus dem Schrank. Sie lagen ganz unten, zwischen den Handtüchern, vor Kates und Johns Augen verborgen. Es waren Beruhigungstabletten, und Helen wollte nicht, dass jemand davon wusste. Schon seit geraumer Zeit halfen sie ihr, wenn die Existenzangst oder die Einsamkeit wieder einmal die Oberhand gewann. Unter keinen Umständen durfte ihre Familie von ihren kleinen Helferlein erfahren; sie würden sich nur unnötige Sorgen machen. Helen schüttete zwei Tabletten auf ihre Handfläche und nahm sie in den Mund, spülte mit Wasser nach, schloss die Pillendose und verstaute sie wieder sorgfältig im Schrank.
Schließlich beschloss sie, nach den neugeborenen Lämmern zu sehen. Sie waren erst ein paar Tage alt, neunzehn an der Zahl, und Helen hoffte, dass sie das Unwetter gut überstanden hatten. Immer noch regnete es, und sie warf sich ihr Regencape über und setzte ihren breitkrempigen Akubra auf, den sie sich tief ins Gesicht zog. Bevor sie lautlos aus dem Haus schlüpfte, ging sie noch einmal zurück und steckte ihre Pillendose in die Tasche ihrer schiefergrauen Jogginghose.
Brownie, ihr dunkelbrauner Treibhund – Kate hatte ihm diesen Namen gegeben, als sie zwölf war –, der in der Hundehütte lag, nahm das Geräusch binnen Sekunden wahr, machte aber sofort seine Herrin aus und rannte schwanzwedelnd auf sie zu.
»Schscht, leise Brownie!«, flüsterte Helen und streichelte ihn. »Jaaa, bist ja mein Guter!«
Mit einem kurzen Blick zum Himmel schritt sie zum Schafstall – dankbar, dass sie daran gedacht hatte, Gummistiefel anzuziehen – und hinterließ ein schmatzendes Geräusch im aufgeweichten Boden.
Den Lämmern ging es allen gut. Helen verweilte ein wenig im Schafspferch und betrachtete die winzigen Wollknäuel. Sie war bei unzähligen Geburten dabei gewesen, und dennoch war es immer wieder ein außergewöhnliches Erlebnis. Ein Geschenk, ein Wunder der Natur, an dem sie teilhaben durfte. Für Helen gehörte dies zu den schönsten Dingen am Landleben. Wie die Sonnenauf- und -untergänge, die sie am liebsten mit ihrem Mann genoss. Sie hatte allen Grund, glücklich zu sein. Und dennoch …
John und Kate waren die einzigen Gründe, warum sie noch hier war. Helen war in der Stadt groß geworden, in Adelaide. Sie hatte John dort kennengelernt, als er einen Geschäftstermin hatte. Sie war Studentin an der Kunstakademie gewesen und hatte irgendwann an einem heißen Sommermorgen einen jungen Mann auf der Straße getroffen, der sich verlaufen hatte. Er bat sie um Hilfe, und schon war es um sie beide geschehen. Von da an schrieben sie sich regelmäßig feurige Liebesbriefe. Sehen konnten sie sich nur sehr selten, weil John viel Arbeit auf der Farm hatte. Doch schon damals hatten sie gewusst, dass sie füreinander bestimmt waren, und ein Jahr später hatte Helen ihre Zelte in Adelaide abgebrochen und war zu ihrem Liebsten aufs Land – nach Queenshill – gezogen. Nie hatte sie diese Entscheidung bereut, aber manchmal vermisste sie das pulsierende Leben der Großstadt. An manchen Tagen machte ihr die unendliche Weite des Landes Angst, und die Stille und Einsamkeit erdrückten sie beinahe. In letzter Zeit wurde sie auch oft von schlimmen Kopfschmerzen und Panikattacken heimgesucht, doch bis jetzt hatte sie diese zum Glück noch vor Kate und John verbergen können. Nicht zuletzt dank der Pillen, die ihr Doktor Ramsey verschrieben hatte. Von Depression hatte er des Öfteren gesprochen und ihr eine – ihm zufolge – ausgezeichnete Therapeutin empfohlen. Doch Helen wollte davon nichts wissen. Depression … lächerlich! Sie hatte ihre Tochter, ihren Mann, ihre Tiere und ihre Malerei. Es fehlte ihr an nichts; also warum sollte jemand wie sie depressiv sein?
Während Helen an den Toren des Schafspferches lehnte, kam ihr Kate in den Sinn. In den letzten Tagen war ihre Tochter besonders still gewesen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, dessen war sich Helen sicher. Als Mutter spürte man so etwas. Gleich heute würde sie mit ihr darüber reden, nahm sie sich vor, während sie beobachtete, wie in der Dunkelheit ein einzelnes Licht auf Queenshill zukam. Es schien von einem Motorrad zu stammen.
Das musste Jamie sein, dachte sie verwundert, weil er der Einzige in der Gegend war, der eine Straßenmaschine besaß. Als er auf den Hof fuhr und seinen schwarzen Helm abnahm, trat sie von hinten an ihn heran und berührte ihn an der Schulter.
»Himmel, Helen!«, rief er erschrocken.
»Jamie, was in Gottes Namen machst du hier um diese Zeit?«
Jamie stieg von seiner Honda, und erst als er ihn abnahm, fiel Helen der große durchnässte Seesack auf.
»Ich muss zu Kate!«, antwortete er knapp, und offenbar war er gar nicht überrascht, Helen um diese unchristliche Zeit hier anzutreffen.
»Jetzt?« Eine Vorahnung beschlich sie, und Helen überlegte panisch, wie sie Jamie davon abhalten konnte, zu Kate zu gehen.
»Ja, jetzt«, unterbrach Jamie Helens Überlegungen.
»Willst du mir nicht erst sagen, was passiert ist?« Ihre Stimme nahm einen alarmierten Unterton an.
»Tut mir leid, Helen. Erst muss ich mit Kate reden.«
»Du willst weg, hab ich recht?«, fragte Helen beunruhigt und stellte sich Jamie in den Weg. Er wich ihr aus und ging mit großen Schritten an ihr vorbei, doch sie lief ihm nach. Jamies seltsame Stimmung löste in Helen Beklommenheit aus; er, der sonst eine Ruhe und Wärme ausstrahlte, war nicht derselbe wie sonst, und Helen machte sich langsam Sorgen.
»Warte. Du siehst ja fürchterlich aus. Lass uns einen Kaffee trinken und über alles reden. Es bringt doch nichts, Kate jetzt zu wecken.«
»Ich hab keine Zeit!« Jamies Gesichtsausdruck war entschlossen und grimmig, das konnte Helen sogar im fahlen Licht, das durch die Fenster des Schafspferches drang, erkennen. Jamie hastete weiter in Richtung Farmhaus.
»Du weißt, dass es nichts ändert, wenn du wegläufst!«
»In diesem Fall schon!« Er war jetzt fast an der Tür, wo eine kleine Außenlampe brannte, doch Helen hatte ihn eingeholt und versperrte ihm wieder den Weg. Sein Gesicht lag nun im Schatten, und er stand vor ihr, wie ein Hüne, sodass sie zu ihm aufschauen musste. Sie sah ihn direkt an, doch in ihrem Blick lag etwas Unergründliches.
»Es gibt für alles eine Lösung!«, sagte sie.
»Du hast ja keine Ahnung!«
Helen wusste nicht, was Jamies Problem war, aber er wollte offensichtlich nicht mit ihr darüber reden. Wenn er jetzt fortging, würde Kate, ohne zu zögern, alles stehen und liegen lassen und mit ihm gehen. Das konnte er ihr, Helen, nicht antun. Sie musste mit allen Mitteln verhindern, dass Kate von dem Tumult, der hier gerade vor sich ging, etwas erfuhr.
Ohne Kate, ihrer Tochter, ihrer besten Freundin, mit der sie alles teilte und über alles reden konnte, war sie hier in dieser Einöde verloren.
»Jamie! Du warst für mich immer wie ein Sohn! Aber wenn du mir jetzt Kate wegnimmst …, das ertrage ich nicht!«
Jamie sah Helen bestürzt an.
»Aber ich nehme sie dir doch nicht weg. Sie wird doch wiederkommen!«, sagte er sanft.
Helen stand ganz gerade vor ihm. Sie war eine schöne, anmutige Frau Anfang vierzig, ein Stück kleiner als Jamie, mit schulterlangen blonden Locken und intensiven indigoblauen Augen, die jedoch in den letzten Jahren sehr viel von ihrer Leuchtkraft eingebüßt hatten. Sie hatte die Stirn sorgenvoll in Falten gelegt und sah ihn unverwandt an.
»Ich nehme sie dir nicht weg, Helen!«, sagte Jamie ein zweites Mal.
»Ich flehe dich an, Jamie, wo auch immer du hinwillst, geh alleine!«
Jamie überlegte fieberhaft. Helen hatte recht, sie hatte ihn immer wie einen Sohn behandelt. Doch ohne Kate gehen? Das konnte er sich nicht vorstellen. Andererseits … würde Kate überhaupt so plötzlich mit ihm kommen?
»Sollten wir Kate nicht selbst fragen?«, bat Jamie.
»Sie ist jung, und sie ist verliebt in dich! Wie wird sie sich schon entscheiden?!«
»Aber du … hast noch John. Und Kate wird …«
»Sie wird hierbleiben, Jamie. Meine Tochter ist alles für mich. Sie ist das Einzige, was mich hier hält!«
Jamie trat ein paar Schritte zurück und sah zu Kates dunklem Fenster hinauf. Bei dem Gedanken, sie zurückzulassen, begann er zu frösteln. Noch nie hatte er Helen so verzweifelt erlebt, aber er verstand ihre Panik nicht. Kate war erwachsen. Spätestens im Herbst würde sie Queenshill für ihr Studium ohnehin verlassen.
Als Jamie erneut versuchte, sich an Helen vorbeizudrängeln, fiel eine kleine Dose aus ihrer Hosentasche und öffnete sich, als sie auf dem Boden aufprallte. Weiße Pillen kullerten heraus, und Helen riss erschrocken die Augen auf. Sie bückte sich und sammelte die Arznei hastig wieder ein.
Während Helen in dem diffusen Licht hektisch ihre Pillen und gleichzeitig einen Vorwand suchte, wie sie Jamie loswerden konnte, ohne dass Kate ihn hörte, flackerte unverhofft ein Gedanke in ihr auf. Jamie ging ebenfalls in die Hocke, um ihr zu helfen, und wie erwartet, fragte er sie nach den Tabletten.
»Das ist nichts!«, wehrte sie ab, doch Jamie suchte ihren Blick. Er nahm ihr die Dose aus der Hand und hielt sie ins Licht.
»Das sind keine Kopfschmerztabletten«, stellte er besorgt fest, und Helen registrierte erfreut, dass er angebissen hatte.
»Gib her, es ist wirklich nichts!«, entgegnete sie und entriss ihm die Arznei.
»Bist du krank?«
Helen schüttelte energisch den Kopf. »Ich wollte nicht, dass es jemand erfährt! Bitte, Jamie, vergiss, was du gesehen hast!«
»Helen!« Jamie nahm ihre zitternden Hände in seine. »Was ist mit dir?«
»Du hast recht. Ich bin krank«, sprudelte es aus ihr heraus. »Ich habe nicht mehr lange zu leben.« Das war eine glatte Lüge, aber wenn es ihr half, dass ihre Tochter bei ihr blieb, war ihr jedes Mittel recht. Vielleicht konnte man es ja auch als Notlüge verbuchen.
Jamie stand fassungslos vor ihr. »Was hast du?«, brachte er mühsam hervor.
»Einen Tumor«, log Helen weiter. Sie konnte ja schlecht sagen, eine Depression, davon starb man schließlich nicht. Zumindest nicht in den meisten Fällen. »Inoperabel!« Nie hätte sie gedacht, dass Lügen so einfach sein konnte. Selbst Jamie gegenüber konnte sie unaufrichtig sein, obwohl er beinahe zur Familie gehörte. Es war nur ein Mittel zum Zweck, beruhigte sie sich.
»Warum hat Kate nichts gesagt?«
»Sie weiß es nicht. Niemand weiß es. Jamie, ich flehe dich an, lass mir meine Katie. Ich wünsche mir nichts mehr, als die Zeit, die mir noch bleibt, mit meiner Familie zu verbringen.«
»Du musst mit ihr …«
»Nein!«, fiel Helen ihm ins Wort. »Wenn sie es wüssten, würden sie mich von einem Krankenhaus ins nächste schleppen, nur um mir zu helfen. Ich möchte, dass Kate ein unbeschwertes Leben führt! Meine letzten Tage sollen glücklich sein! Verstehst du das?«
Jamie nickte langsam, seine Gedanken fuhren Achterbahn.
»Wie lange?«
»Ein paar Monate.«
Für Jamie waren ihre Worte wie ein Schlag ins Gesicht. Und nicht der erste in dieser Nacht.
»Kann ich mich von ihr verabschieden?«
Helen schüttelte den Kopf. »Sie würde alles stehen und liegen lassen, um mit dir zu gehen!«
Es schien fast, als würde sich Jamies Gesicht noch mehr verdunkeln, als er seine endgültige Entscheidung traf.
Er liebte Kate so sehr, er konnte ihr unmöglich die letzte Zeit mit ihrer Mutter nehmen. Als Dank für alles, was Helen für ihn in seinem Leben getan hatte, würde er dieses Opfer bringen.
»Versprichst du mir was?«, fragte Jamie. »Bitte sag Kate, dass ich bald wiederkomme und dass sie auf mich warten soll! Sie muss mir in dieser Sache einfach vertrauen! Matt wird euch über alles aufklären!«
Helen nickte, und die Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und umarmte ihn. »Danke!«, flüsterte sie. »Das werde ich dir nie vergessen!«
»Du musst wieder gesund werden, Helen. Hörst du? Du musst kämpfen!« In diesem Moment wurde ihm bewusst, dass er Helen möglicherweise das letzte Mal in den Armen hielt, und er versuchte, dieses Gefühl, eine Mutter zu umarmen, in sein Herz zu schließen.
Helen legte eine Hand auf Jamies Wange. »Pass auf dich auf!«
Jamies Augen brannten, als er sich zum Gehen umdrehte und einen letzten Blick auf Kates Schlafzimmerfenster warf.
»Sag ihr, dass ich sie liebe!«, bat er, bevor er sich auf seine Maschine schwang.
Nach diesem Ereignis war Helen noch ruheloser als vorher. Sie löschte im Schafspferch das Licht, und plötzlich überkam sie eine Verzweiflung, die sie am ganzen Körper erzittern ließ. Jamie war doch wie ein Sohn für sie! Hatte sie das nicht gerade noch zu ihm gesagt? Er war doch schon ohne Mutter aufgewachsen und hatte ihr vertraut, und sie hatte ihn belogen und im Stich gelassen. Helen drückte sich an die kalte, regennasse Mauer und begann leise zu schluchzen.
Nach einer Weile hörte sie ein Geräusch, und als sie sich mit dem Rücken zur Wand drehte, sah sie jemanden zu den Pferdeställen huschen. Der Morgen brach langsam an, und der Regen und die Dämmerung tauchten die Welt in ein fahles, gespenstisches Licht. Helen erkannte Kate und fragte sich, wo ihre Tochter um diese Stunde hinwollte. Hatte sie etwa doch ihr Gespräch mit Jamie mit angehört und wollte ihm nun nach? Aber das war ausgeschlossen. Jamie war seit etwa einer Stunde weg, und Kate könnte ihn mit ihrer Stute niemals einholen.
Inzwischen hatte Kate ihre Stute Flower gesattelt und aus dem Stall geführt. Sie trug einen langen Mantel und einen breitkrempigen Hut zum Schutz vor dem Regen. Helen sah zu, wie sie aufsaß, und spielte mit dem Gedanken, Kate aufzuhalten. Aber sie stand wie in Stein gemeißelt und brachte auch kein Wort über die Lippen, während Kate vom Hof ritt – querfeldein in Richtung Canola-Field – und Flower bald schon in einen eiligen Galopp fiel.
Als Jamie von der Straße bog, die nach Queenshill führte, blickte er nicht zurück. Doch ein paar Kilometer weiter musste er anhalten und den Helm absetzen, weil er die Fahrbahn nicht mehr erkennen konnte. Aber weniger durch den immer noch anhaltenden Regen als durch die Tränenflut, die sich nun nicht mehr zurückhalten ließ.
»Jungen weinen nicht!«, sagte er laut zu sich selbst, während er rastlos am Straßenrand auf und ab ging, entschlossen und wütend zugleich. Er hatte diese Worte so oft von seinem Vater gehört, doch dieses Mal blieben sie ohne Bedeutung. Er weinte, ob Junge oder nicht, um so viele Dinge. Um seine Mutter, um seine unbekannte Schwester und alles, was er zurückließ. Um die schwer kranke Helen und um Kate, seine große Liebe, die er so bitter enttäuschen musste. Er weinte um der Tränen willen, die endlich ein Ventil suchten, entschlossen und wütend zugleich. Jamie wusste nicht, ob die Entscheidungen richtig waren, die er getroffen hatte. Er wusste, dass sie Leben verändern würden. Aber das war auch schon alles.
Er wusste auch nicht, wo er seine Suche nach Julia beginnen sollte, mit so wenigen Anhaltspunkten. Ein heftiger Windstoß peitschte ihm den Regen ins Gesicht, und plötzlich war ihm klar, dass er es trotz allem versuchen musste. Er musste Julia so schnell wie möglich finden und wieder nach Hause bringen. Er würde es schaffen, mit Gottes Hilfe. Und mit neuem Mut erfüllt, setzte er den Helm auf seinen durchnässten Kopf, stieg wieder auf sein Motorrad und ließ alles hinter sich.
Das Unwetter hatte Spuren der Verwüstung hinterlassen. Es war anscheinend noch niemand auf den Beinen, was angesichts dieser frühen Tageszeit auch kein Wunder war. Als Kate auf Canola-Field ankam, schlang sie die Zügel ihrer Stute um einen Zaunpflock, stellte sich unter das Fenster von Jamies Schlafzimmer und begann mit kleinen Steinchen danach zu werfen.
»Was machst du da?«
Kate zuckte zusammen, als hinter ihr Matts Stimme erklang. Dann lachte sie über seine absurde Frage.
»Glaubst du, dass ich ihn wach kriege?«
Matt sah sie verwirrt an. »War er denn nicht bei dir?«
»Doch, gestern. Wieso?« Kate war nun ihrerseits verwirrt.
»Und heute?«
»Nein. Warum sollte er!«
»Verdammter Mist!«, murmelte Matt, und seine Miene verdunkelte sich. Was hatte Jamie sich nur dabei gedacht? Wieso hatte er Kate denn nicht mitgenommen? Es sah Jamie gar nicht ähnlich, seine Meinung in der letzten Sekunde zu ändern. Er wäre doch niemals gegangen, ohne sich von Kate zu verabschieden! Oder etwa doch?
»Matt, was ist denn?«, fragte Kate nervös.
»Er ist nicht mehr da, Kate!«, sagte er leise.
»Was meinst du damit?«
»Er ist weg«, wiederholte er mit versteinerter Miene. »Abgehauen!«
»Aber …, wann kommt er wieder?«, fragte sie verständnislos.
»Keine Ahnung, Kate. Es tut mir so leid!«
»Aber warum? Ich verstehe das nicht!« Eine gefühlte Ewigkeit verstrich, ehe sie begriff.
»Es ist eine lange Geschichte. Ich werde dir alles erklären, aber du solltest …« Die letzten Worte prallten an Kate ab, wie an einer Betonwand. Sie fühlte plötzlich, wie sich eine eiskalte Hand um ihr Herz legte. Sie spürte einen stechenden Schmerz, als wäre binnen weniger Sekunden etwas in ihr zerbrochen. Das war es ja auch. Ihre Zukunft mit Jamie.
Sie sank auf den nassen Boden und schlang hilflos die Arme um ihren Körper. Alle möglichen Gedanken stürmten plötzlich auf sie ein, doch sie konnte sie nicht zuordnen. Ihr wurde schwindlig, sie wollte weinen, schluchzen oder wenigstens schreien, aber es ging nicht. Um sich herum nahm sie nichts mehr wahr, nur eine schreckliche Übelkeit, die sie erfolglos niederzukämpfen versuchte. Nach einigen Minuten – oder waren es vielleicht Stunden? – bemerkte sie Matt, der mit einer Tasse heißem Tee wieder aufgetaucht war. Er legte eine warme Decke um ihren zitternden Körper, der erschöpft am Boden kauerte, und nahm sie tröstend in die Arme.
Helen wartete inzwischen voller Sorge und Schuldgefühle auf ihre Tochter. Als sie endlich sah, wie Kate sich zu Fuß dem Haus näherte und ihre Stute am Halfter mitführte, lief sie sofort hinaus. Bei Kates Anblick wurde ihr das Herz schwer. Die letzten Meter lief sie ihr entgegen und nahm Flowers Zügel. Kate war blass und hatte einen leeren Blick. Helen wagte es nicht, sie anzusehen.
»Er ist weg, Mum.« Helen suchte verzweifelt nach Worten. Abrupt blieb Kate stehen und drehte sich zu ihrer Mutter. »Er ist gegangen, Mum. Jamie ist einfach verschwunden! Ohne mich!«, flüsterte sie, und Tränen schimmerten in ihren Augen. Helen nahm sie in die Arme und fühlte sich plötzlich unendlich hilflos.
»Du solltest dich hinlegen, Schatz. Ich versorge Flower und komme dann zu dir.«
Kate wandte sich ab und ging mit schweren, müden Gliedern zum Haus. Als Helen im Pferdestall ankam, konnte auch sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie lehnte sich eine Weile gegen Kates Pferd, dann wischte sie sich mit dem Ärmel die Wangen ab und atmete tief durch.
»Meine Katie ist stark. Sie wird darüber hinwegkommen!«, sagte sie laut, als müsste sie sich selbst davon überzeugen. Eine Pille noch, dachte sie, nur eine Beruhigungspille würde ihr helfen, das hier durchzustehen.
Als Helen wenig später mit einem Frühstückstablett in Kates Zimmer kam, lag diese nur da und starrte an die Decke. »Du solltest etwas essen. Dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus«, versuchte Helen so beschwingt wie möglich zu klingen. Sie stellte das Tablett auf den Nachttisch und setzte sich zu ihrer Tochter aufs Bett. Dabei fiel ihr Blick auf den Mülleimer, der neben dem Nachttisch stand. Plötzlich fuhr ihr der Schreck in alle Glieder.
»Das ist nicht das, wonach es aussieht, oder?«, fragte sie schockiert. Kates Blick war immer noch starr nach oben gerichtet. Helen bückte sich und holte den Schwangerschaftstest aus dem Mülleimer. »Oh mein Gott, Kate!«, flüsterte sie. Über Kates Wangen liefen erneut Tränen, während Helen sie in die Arme riss und drückte und wiegte, als wäre Kate selbst noch ein kleines Kind. Was habe ich getan?, dachte sie. Was habe ich nur angerichtet? Aber es war zu spät, um etwas zu ändern. Sie hatte ihre Entscheidung bereits getroffen. Und sie wusste weder, wo Jamie hingegangen war, noch, wann er wiederkommen würde.
»Ich bin bei dir. Dein Vater und ich, wir helfen dir. Wir schaffen das. Es wird alles gut.« Einen Augenblick später musste Kate ins Badezimmer rennen, weil die Übelkeit sie übermannte.
Je länger Helen darüber nachdachte, umso mehr freute sie sich auf ihr Enkelkind. Wäre Jamie hiergeblieben, wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er Kate zu sich nach Canola-Field geholt und womöglich geheiratet hätte. Und Helen wäre mit John alleine gewesen. Sie war überzeugt, dass es richtig gewesen war, Jamie zu belügen.
Für Kate waren die Tage ohne Jamie trostlos und furchtbar. Noch nie im Leben hatte sie so eine kalte, unbarmherzige Leere in ihrem Inneren gefühlt.
Das Unwetter hatte an mehreren Orten Überschwemmungen verursacht und die Schotterstraßen ausgespült. Die endlosen Weiden glichen Schlammwüsten, doch bald schon würde alles in sattem Grün erstrahlen und viele bunte Wildblumen sprießen. Es war die Zeit, die Kate jedes Jahr am meisten herbeisehnte, doch diesmal würde sie sie ohne Jamie erleben müssen. Würde er wiederkommen? Warum war er ohne sie gegangen? Und ohne eine Nachricht zu hinterlassen? Liebte er sie etwa nicht mehr? Diese Fragen quälten sie Tag und Nacht. Doch wie alle anderen Bewohner auf Queenshill beteiligte auch Kate sich an den Aufräum- und Reparaturarbeiten. Es mussten Zäune erneuert, Rinder und Schafe auf höher gelegene Weiden gebracht werden und so fort. Es blieb keine Zeit, um auszuruhen, obwohl die ständige Übelkeit Kate manchmal dazu zwang. Und ihre Gedanken kreisten unentwegt um Jamie, ihren Geliebten und besten Freund.
Die folgenden Wochen verbrachte Jamie damit, alle möglichen Ämter in Adelaide abzuklappern, um irgendeinen Hinweis auf seine Schwester zu finden. Er ging auf das Einwohnermeldeamt und das Jugendamt und versuchte verbissen, die Menschen, auf die er in den vielen Büros traf, zu überreden, nur einen winzigen Millimeter von ihrer Schweigepflicht abzurücken. Das Ergebnis war eine Liste, auf der alle Frauen mit dem Namen Julia McKay standen,die in und im Umkreis von Adelaide wohnten. Es waren siebenunddreißig, davon die Julies, Jules, Julianas und Juliettas schon ausgenommen. Jamie besorgte sich ein Telefonbuch und begann sie der Reihe nach anzurufen. Die ersten Anrufe waren wenig erfolgreich, weil – so vermutete Jamie – die meisten Menschen wahrscheinlich bei der Arbeit waren. Die Nummer sieben auf der Liste war die erste Person, die ans Telefon ging, doch als Jamie erklärte, dass er eine Julia McKay suchte, die erst zwanzig Jahre alt war, wurde er herb enttäuscht. Seine Gesprächspartnerin war zwar äußerst unterhaltsam, aber schon zweiundneunzig.
Ein anderes Mal hatte er einen Mann mit einer sehr tiefen Stimme in der Leitung, der ihm beharrlich einzureden versuchte, dass er Julia McKay war.
Jamie verbrachte Stunden am Telefon; ohne Erfolg.
Eines Tages beschloss Jamie, es in dem Krankenhaus zu versuchen, in dem er und Julia geboren worden waren. Er fragte eine ältere Krankenschwester auf der Entbindungsstation, ob sie sich an Rose McKay erinnern könne. Auf dem Schild, das an ihrer linken Brusttasche hin und her wippte, stand »Schwester Ruth«. Sie war ihrem Aussehen nach eine halbe Aborigine, korpulent, fast einen Kopf kleiner als Jamie und hatte kurze dunkle Locken. Ihre runden Wangen und das gutmütige Lächeln, das ihre Lippen umspielte, verliehen ihr ein sanftes, mütterliches Aussehen.
Sie war bestimmt eine sehr gute und beliebte Krankenschwester, dachte Jamie. Sie überlegte einen Moment, und ihr Blick schien auf einmal weit weg zu sein.
Sie nickte kaum merklich. »Ja«, sagte sie leise. »Ja, das tue ich. Ich erinnere mich. Die arme Rose. Eine so junge Frau mit einem so tragischen Ende.« Sie riss sich von ihren Erinnerungen los und sah Jamie mitten ins Gesicht. »Ich kann mich noch genau an ihre Augen erinnern. Ich hatte Dienst an diesem Tag.« Schwester Ruth betrachtete Jamie eingehend. »Sie haben ihre Augen. Sie sind ihr Sohn, hab ich recht?«
»Ja, das bin ich.« Jamie war überwältigt. Er glaubte fest daran, dass Ruth ihm helfen konnte, Julia zu finden.
Ruth lächelte ihn freundlich an.
»Können Sie sich vielleicht noch an etwas anderes erinnern?«
»Ach, junger Mann. Das ist so viele Jahre her!«, seufzte sie.
»Ich bin auf der Suche nach meiner Zwillingsschwester. Können Sie mir vielleicht etwas über sie sagen?«
Schwester Ruth sah ihn erst verständnislos an, doch dann schien es ihr wieder einzufallen. »Oh ja! Sie wurde zur Adoption freigegeben!« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Es tut mir sehr leid, Mr McKay. Ich weiß nicht, wo sie sein könnte.«
»Aber gibt es denn nirgends irgendwelche Unterlagen? Wissen Sie vielleicht, wie sie jetzt heißt oder wo die Familie lebt?«
»Ich kann Ihnen wirklich nicht weiterhelfen. Glauben Sie mir, ich würde es tun, wenn ich könnte!« Schwester Ruth sah, wie das kurze, hoffnungsvolle Aufflackern in seinen Augen wieder verschwunden war. Sie hatte nicht gelogen. Sie würde ihm helfen, wenn sie könnte. Doch er war nicht der Erste, der mit solch einem Anliegen vor ihr stand, flehend und verzweifelt. Wie jedes Mal war sie machtlos, denn selbst die Krankenschwestern hatten keinen Einblick in die Adoptionsakten. Und wie jedes Mal ging ihr die Traurigkeit dieses jungen Mannes tief unter die Haut.
Jamie ging niedergeschlagen zurück zu der kleinen Pension, in der er nun schon seit über einem Monat einquartiert war. Langsam wurde sein Geld knapp, und er fühlte sich ausgelaugt und leer. Was, wenn er Julia mithilfe der Telefonliste nicht fand? Er wusste ja nicht mal, ob sie in Adelaide wohnte. Vielleicht lebte die Familie, die sie adoptiert hatte, ja ganz woanders. Vielleicht waren sie weggezogen. Und was war, wenn er sie fand? Darüber hatte er noch gar nicht richtig nachgedacht. Er konnte ihr ja schlecht am Telefon sagen, dass er ihr Bruder war!
Jamie zog die Vorhänge in dem karg möblierten Zimmer zu. Er hatte das billigste genommen, das er finden konnte, weil er von Anfang an auf jeden Cent achten musste. Rastlos wanderte er im Zimmer auf und ab, nach wenigen Minuten öffnete er die Vorhänge wieder. Von der Sonne geblendet, kniff er die Augen zu und wandte sich ab. Wie in den letzten Wochen schon öfter fühlte er ein beklemmendes Gefühl in der Brust, und das Atmen fiel ihm schwer. Er zog sich hastig seine schweißnassen Sachen aus und stieg unter die Dusche, doch auch das kühle, prickelnde Wasser auf seiner Haut konnte dieses schreckliche Gefühl nicht lindern.
Eine Weile später fand Jamie sich auf der Straße wieder. Erst ging er mit schnellem Schritt in alle möglichen Richtungen, bog in kleine Seitenstraßen ein, stets darauf bedacht, in Bewegung zu bleiben. Dann begann er zu laufen, immer schneller, und spürte, wie der Druck in seiner Brust langsam nachließ. Er sehnte seinen Hengst herbei, doch bald begriff er, dass sein Sehnen noch viel mehr Kate galt. Wieder, zum etwa tausendsten Mal, verfluchte er sich dafür, auf Helen gehört zu haben. Aber im Grunde hatte er keine Wahl gehabt. Er sehnte sich danach, Kate anzurufen, aber er wusste, dass er dann nicht mehr die Kraft hätte, ohne sie weiterzumachen, und er durfte Helens Geheimnis nicht verraten. Das musste sie selbst tun, aber er hoffte so sehr, dass sie wieder gesund werden würde.
Als ihm der Schweiß aus allen Poren drang und sich in seinem ganzen Körper Erschöpfung breit machte, blieb er vor einem Häuserblock stehen. Mit jedem tiefen Atemzug drang schmerzhaft die Luft in seine Lungen, doch sein Kopf schien endlich ein wenig freier zu sein. Es dauerte eine Weile, bis er registrierte, dass er ziemlich weit von seiner Unterkunft entfernt war. Als er sich umsah, stach ihm die schillernde Leuchtreklame einer Bar ins Auge. »Sheperd’s« stand in gelben, blinkenden Buchstaben auf einem dunklen Untergrund. Er rannte bei Rot über die Straße, wurde von etlichen Autos angehupt, doch er merkte es nicht einmal. Er schlüpfte durch die Tür in das Lokal und setzte sich an die Theke. Außer ihm waren noch etwa ein Dutzend anderer Leute hier. Er sah sich im diffusen Licht um. Die Vorderseite des Sheperd’s war mit einer Glasfront ausgestattet, an der runde Tische mit hohen Barhockern standen. Im hinteren Teil standen niedrige Rattansessel mit weichen hellbraunen Kissen und dazu passende Tische mit Glasplatten. Die Wände waren in warmen Braun- und Beigetönen gehalten. Im Hintergrund erklang Popmusik, gerade so laut, dass man sich noch gut unterhalten konnte.
Jamie sah auf sein linkes Handgelenk, an dem sich normalerweise seine Armbanduhr befand. Normalerweise. Er fluchte leise vor sich hin, während er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn wischte. Wahrscheinlich hatte er nach dem Duschen vergessen, sie wieder anzulegen.
Ein junges Mädchen – Jamie schätzte sie auf keine zwanzig – kam an den Tresen und schaute ihn ein wenig seltsam von oben bis unten an. Sie war nicht sehr groß, ihr brünettes Haar war zu einem dicken Knoten im Nacken gebunden, und sie hatte auffallend große hellblaue Augen.
»Was kann ich für sie tun?«
»Eine Uhrzeit?«, murmelte er ein wenig unfreundlich.
»Halb sechs!«
Jamie gab ein Brummen von sich, und die junge Frau schickte sich an zu gehen.
»Warte!«
Sie blieb stehen, drehte sich aber nicht um.
Die junge Frau hinter der Theke hasste solche übellaunigen Kunden. Machten meistens nichts als Ärger. Am besten, sie sah zu, wie sie ihn so schnell wie möglich wieder loswurde, sonst war der Abend gelaufen. Sie hoffte inständig, dass ihr Boss nicht auftauchte, denn der legte besonders viel Wert auf diesen »Der Gast ist König«-Mist.
»Einen doppelten Whiskey!«, sagte Jamie mit seiner tiefen Stimme, und ohne es zu beabsichtigen, klang er bedrohlich.
Nicht jedoch für dieses Mädchen. Sie war eine von der weniger ängstlichen Sorte. Sie baute sich vor ihm auf, verengte ihre Augen zu Schlitzen und fragte so laut, als wäre er schwerhörig: »Geht das auch ein bisschen freundlicher?«
Jamie sah sie einen Augenblick verdutzt an, dann hellte sich seine Miene auf, und er begann zu grinsen. Die Leute an den Tischen, die plötzlich innegehalten und neugierig diese Szene beobachtet hatten, wandten sich wieder ab und nahmen ihre Gespräche wieder auf.
Die junge Frau sah Jamie mit finsterer Miene unverwandt an.
»Darauf solltest du einen mittrinken!«, sagte Jamie lachend. »Bitte!«, fügte er hinzu, als sie sich immer noch nicht rührte.
»Ich will nicht meinen Job verlieren wegen so einem, wie Sie es sind!«, rief sie über die Schulter, während sie seinen Whiskey einschenkte. Sie drehte sich wieder um und knallte das Glas unsanft auf die Theke.
»Du kennst mich doch gar nicht!«
»Ich lege auch keinen Wert darauf!«
»Du bist ganz schön ehrlich!«
Sie hatte noch nicht viel zu tun um diese Zeit, deshalb wischte sie ein wenig halbherzig mit einem Geschirrtuch am Tresen herum.
»Übrigens …, wenn wir schon von Ehrlichkeit reden …« Sie ging nahe an ihn heran und sagte dann halblaut: »Sie sollten dringend unter die Dusche!« Sie ließ ihre Augen über ihn schweifen und rümpfte die Nase. »Ist nur ein kleiner Tipp!«
Jamie kratzte sich etwas verlegen am Dreitagebart, trank sein Glas in einem Zug aus, stand auf und legte ein paar Münzen auf den Schanktisch. Ihm war klar, dass sie recht hatte, und er fühlte sich ertappt. Er stank bestimmt ein paar Meter gegen den Wind. Wie so oft war er, ohne lange nachzudenken, seinem ersten Frust-Impuls gefolgt, der ihn fast mit Gewalt in diese Bar gezerrt hatte. Er griff noch einmal in seine Hosentasche und brachte eine weitere Münze zum Vorschein, die er als Trinkgeld dazulegte. Sozusagen als Wiedergutmachung. Er wollte ihr ja nicht die Kunden vergraulen und machte sich deshalb so schnell wie möglich davon.
Trotz ihrer schnippischen Art – und vielleicht gerade wegen ihrer Schlagfertigkeit – hatte sie ihm imponiert, und er war sich sicher, dass er diese junge Frau nicht zum letzten Mal gesehen hatte.
Die 18-jährige Louisa bemerkte ziemlich schnell, dass der unfreundliche, verschwitzte junge Mann seine Jacke auf dem Barhocker vergessen hatte, doch als sie ihm nachlief, war er gerade in einem Taxi verschwunden und davongebraust. Sie durchforstete die Taschen und fand darin eine Karte, auf der »Pension La Vita« stand und eine Adresse. Ihr Chef würde bestimmt darauf bestehen, dass sie dafür sorgte, dass der Kunde die Jacke zurückbekam. Bei dem Gedanken verdrehte Lou die Augen.
Jamie wollte sich gerade auf den Weg machen – auf welchen Weg wusste er selbst nicht genau –, als er in dem wunderschön angelegten Garten der Pension das Barmädchen vom Vorabend entdeckte. Zu allem Überfluss kam sie direkt auf ihn zu. Schon gestern war sie ihm ein bisschen überheblich vorgekommen, wenn auch amüsant.
Jedenfalls war es für weitere Belehrungen noch ein bisschen früh am Tag, wie er fand. Dennoch hatte sie irgendetwas an sich, das ihn nicht sofort kehrtmachen ließ.
»Hey!«, grüßte sie ihn keck. »Hier wohnst du also!«
»Mir scheint entgangen zu sein, dass wir schon beim Du sind!«
»Also erstens, Mister Griesgram, ist es kein Männerprivileg, jemanden zu duzen. Zweitens bist du heute ja nicht mehr mein Kunde, und drittens kann ich deine Jacke auch gerne wieder mitnehmen!« Sie blickte ihn triumphierend an.
Jamie war vorher noch gar nicht aufgefallen, dass er seine braune Lieblingslederjacke vergessen hatte, darum war er völlig überrumpelt, worunter seine Schlagfertigkeit erheblich litt.
»Aber gut«, sagte sie, nachdem sie einen Moment wartend dagestanden und ihm die Jacke provozierend unter die Nase gehalten hatte, »ich kann sie auch behalten!« Sie schwang sich die Lederjacke lässig über die Schulter und drehte sich auf dem Absatz um.
»Sie mieft zwar ein bisschen«, rief sie frech zurück, »aber ansonsten ist sie nicht übel!«
»Halt! Warte!«, schrie Jamie, der endlich seine Sprache wiedergefunden hatte, und Louisa blieb stehen.
»Bist du extra wegen der Jacke hergefahren?«, fragte er mit einem Seitenblick auf ihr rostiges Fahrrad, das an einer Ecke an der Einfahrt lehnte.
»Sieht ganz so aus!«
»Kann ich sie nun wiederhaben?«
Louisa rührte sich nicht von der Stelle.
»Es tut mir leid. Vergiss einfach, was ich vorhin gesagt habe. Ist nicht gerade mein Tag heute«, meinte er entschuldigend und zuckte ein wenig mit den Schultern.
»Und gestern anscheinend auch nicht, oder?«
»Nein, gestern auch nicht. Würdest du mir jetzt bitte meine Jacke wiedergeben? Ich lade dich dafür auf einen Kaffee ein, wenn du willst!«
»Na, bitte! Es geht doch!«, rief Louisa mit einem überlegenen Lächeln und warf ihm geschickt seine Jacke zu.
Sie gingen in ein Café, ganz in der Nähe der Pension La Vita, setzten sich an einen kleinen Tisch am Fenster und bestellten beide Cappuccino.
»Sagst du mir jetzt auch, wie du heißt?«, fragte Jamie.
»Lou Bennet!«, sagte sie und streckte ihm ihre Hand entgegen. Sie hatte einen kräftigen Händedruck, und das gefiel ihm.
»Jamie McKay!«
»Jamie? Wie James der Butler?«, zog sie ihn auf.
»Na Lou ist ja auch nicht gerade sehr …«
»Weiblich? Stimmt. Ich heiße ja auch eigentlich Louisa Catherine Mary Bennet.« Jamie machte große Augen.
»Tja, meine Großmutter bestand darauf, dass ich nach meinen Vorfahren benannt werde. Waren anscheinend ziemlich starke Frauen, wenn ich Grandma’s Geschichten glauben darf. Sie behauptet sogar, wir stammen von der berühmten Familie Bennet ab!« Als sie Jamies fragenden Gesichtsausdruck sah, fügte sie noch hinzu: »Die von Jane Austen … aus dem Roman!«
»Jane wer?«
»Na Jane Austen! Stolz und Vorurteil! Klingelt da was?«
»Nein, da klingelt gar nichts!«
Louisa schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.
»Oh, ich sehe schon, ich hab es hier mit einem ungebildeten Cowboy zu tun!«
»Das würde ich so nicht sagen. Ist vielleicht einfach nicht mein Genre! Wie kommst du eigentlich auf die Idee, dass ich ein Cowboy bin?«
»Hast du nie vor einem großen Spiegel gestanden und deine extremen O-Beine gesehen?«
Das brachte Jamie zum Lachen, und er stellte fest, wie gut es ihm tat, mit Louisa zu schäkern. Außerdem fiel ihm auf, dass sie einen starken Akzent hatte, deshalb fragte er sie, wo sie herkam.