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Wissenschaftlich fundiert und vor dem Hintergrund langjähriger Lehrerfahrung macht Wolfgang Schad die Waldorfpädagogik aus der Anthropologie und der Anthroposophie heraus verständlich. Besonders anschaulich durch die Betrachtung verschiedener konkreter Themen, ist dieses Buch eine aufschlussreiche Lektüre für alle, die sich mit den Grundfragen der Erziehung beschäftigen.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2025
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WOLFGANG SCHAD
WOLFGANG SCHAD, geboren 1935, studierte Biologie, Chemie und Physik sowie Pädagogik. Er unterrichtete als Klassen- und Oberstufenlehrer und war anschließend Dozent am Seminar für Waldorfpädagogik in Stuttgart. Von 1992 bis 2005 leitete er das Institut für Evolutionsbiologie und Morphologie an der Universität Witten/Herdecke. Er hat zahlreiche Bücher und Zeitschriftenartikel veröffentlicht; u. a. Goethes Weltkultur; Evolution als Verständnisprinzip in Kosmos, Mensch und Natur; Die verlorene Hälfte des Menschen sowie sein Opus magnum: Säugetiere und Mensch. Wolfgang Schad verstarb am 15. Oktober 2022.
WOLFGANG SCHAD
Vorwort
Geleitwort
Erziehung ist Kunst
Kinderzeichnung und Organwachstum
Sinnesentwicklung und Sozialfähigkeit
Das Kind im Sog der Zivilisation
Zahnwechsel und Schulreife
Die Zeitordnung im Menschen und ihre pädagogische Bedeutung
Zur Organologie und Physiologie des Lernens. Aspekte einer pädagogischen Theorie des Leibes
Zur Hygiene des Unterrichts
Die Selbsterfahrung des jungen Menschen in der Weltbegegnung
Der Umschwung in der Reifezeit. Lebensprozesse und Seelengeburt
Was können Eltern und Lehrer für die künftige Umwelt tun?
Zur Geländegestaltung von Kindergärten und Schulen
Vom Rätsel des Ich
Literatur
Quellennachweise
Anmerkungen
Ein junger Bewunderer Bachs soll einmal den Meister gefragt haben, wie man es dahin brächte, so wie er Orgel spielen zu können. Die geistesgegenwärtige Antwort des Meisters war schlicht: Im rechten Augenblick die richtigen Tasten greifen.
Dieses sichert keine Berechnung, keine Partitur und auch keine Improvisation, sondern der übende Einsatz aller Fähigkeiten und Kräfte. Damit wird nichts anderes umschrieben als ein pädagogisches Grundprinzip.
Es gibt nichts Pädagogischeres für den Schüler, als wenn der Lehrer während des Unterrichts die besten Einfälle hat. Das ist aber keine Aufforderung zur Spontanpädagogik. Der fruchtbare Moment wird dadurch geschenkt, dass er intensiv vorbereitet wird. Die Vorbereitung braucht Sondierung und Planung; der Vollzug ist schöpferisches Risiko. Die Vorbereitung steht so auf der Nachbereitung der bisherigen Vorkommnisse, sie bedarf insofern der Wissenschaft. Erziehung und Unterricht im Vollzug aber sind Kunst im ursprünglichen Sinne.
In diesem Sinne ist eine Wissenschaft zu suchen, die die Gegenwart aus ihrer Vergangenheitsbestimmung, Zukunftsverwendung und ihrer eigenen schöpferischen Einmaligkeit begreift und so den Geistgehalt differenzieren kann. Anthroposophie als Wissenschaft versteht sich als eine solche Geisteswissenschaft. Sie sucht eine solche Wirklichkeitsbegegnung und Verarbeitung, dass sie dem fragenden Bewusstsein die drohende Gefahr der Weltentfremdung nicht verstärkt, sondern diese vielmehr abbaut. Dadurch kann sie menschliche Lebenspraxis vorbereiten. Es helfen die Formalismen der Modelle und Systeme ebenso wenig wie die sich ausbreitende Wissenschaftsflucht. Wir brauchen eine Wissenschaftserweiterung hin zur Erfahrung und Beschreibung lebendiger Geistesgegenwart. Diese Wissenschaft muss sich inhaltlich nicht im Gegensatz zur Naturwissenschaft sehen, sondern kann sich von ihr ergänzen lassen, wie sie diese ergänzt.
Als die erste Waldorfschule am 7. September 1919 in Stuttgart eröffnet wurde, sprach Rudolf Steiner das Anliegen aus:
«Nach einer Wissenschaft suchen wir, die nicht bloß Wissenschaft ist, die Leben und Empfindung selber ist, und die in dem Augenblick, wo sie als Wissen in die Menschenseele einströmt, zu gleicher Zeit die Kraft entwickelt, als Liebe in ihr zu leben, um als werktätiges Wollen, als in Seelenwärme getauchte Arbeit auszuströmen, als Arbeit, die insbesondere übergeht auf das Lebendige, auf den werdenden Menschen. Wir brauchen eine neue Wissenschaftsgesinnung. Wir brauchen einen neuen Geist in erster Linie für alle Erziehungs-, für alle Unterrichtskunst.»
Im vorliegenden Buch sind pädagogische Themenbereiche angesprochen, die in das Selbstverständnis der Waldorfpädagogik ebenso wie in die Erziehungs- und Unterrichtspraxis von Familie, Kindergarten und Schule hineinreichen. Erziehung als eine Kunst im Medium des Sozialen aufzufassen, ist zugleich ein neuer Zugang zu ihrem eigenen Selbstverständnis. Dieses Motiv bildet den Einstieg. Fragen der Kleinkind-Entwicklung und Schulreife leiten zu mehreren Themen der Waldorfschulpraxis über, unter Einbeziehung der engen Zusammenarbeit von Medizin und Pädagogik. Motive der Pubertät schließen sich an. Ein vertiefter Einblick in das anthroposophische Verständnis des Menschen leitet über zu den pädagogischen Fragen der Umwelterziehung.
Wolfgang Schad
Waldorfpädagogik will den ganzen Menschen in den Blick nehmen. Die Wirklichkeit der leiblichen und seelischen Entwicklung wird genauso berücksichtigt, wie die geistige Individualität jedes werdenden Menschen. Darüber hinaus kann Waldorfpädagogik vermitteln, wie der Mensch mit allen Lebewesen, der Erde und dem Kosmos eine Einheit, eine evolutive Ganzheit bildet. Dadurch ist Waldorfpädagogik per se eine pädagogische Praxis, die in Entwicklung denkt und ökologisches Bewusstsein und Handeln weckt. Wolfgang Schad macht Waldorfpädagogik auf lebendige Art anschaulich, indem er in vielfältiger Weise den Zusammenhang von Anthropologie und Anthroposophie aufzeigt.
1986 hat Wolfgang Schad den Band Erziehung ist Kunst im Fischer Verlag erstmals veröffentlicht. Die Mehrzahl der Texte waren schon in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht worden. 1991 und 1993 erschienen weitere Auflagen im Verlag Freies Geistesleben. Die Fragen der Erziehung sind seitdem nicht einfacher aber gesellschaftlich umso relevanter geworden. Der hier vorliegende neue Band enthält überwiegend Kapitel aus den ersten Auflagen, wurde aber durch einige Artikel mit Motiven zu aktuellen Erziehungsfragen ergänzt.
Erziehung ist Kunst sei allen Pädagogen und Eltern ans Herz gelegt, die aus einem aufmerksamen, menschenzugewandten Blick heraus die Gunst des Augenblickes in der Begegnung mit Kindern und Jugendlichen entdecken wollen. Wir möchten uns herzlich dafür bedanken, dass der Verlag Freies Geistesleben diese Neuauflage möglich gemacht hat.
Albrecht Schad und Friedemann Schad
Innerhalb der Naturwissenschaften gilt heute als wissenschaftlich, was, durch eine Theorie gesichert, beliebig wiederholt werden kann. Erziehung wäre auf solcher wissenschaftlichen Basis möglich, wenn der Mensch ein im Prinzip im Voraus festlegbares Wesen wäre. Dem ist nicht so – zum Leidwesen der Erziehungswissenschaften. Jede Erziehungstheorie muss deshalb davon ausgehen, dass der Mensch durch keine Typologie völlig erfasst werden kann. Die Würde seiner Person beginnt da, wo seine Nummerierbarkeit endet. Erziehungswissenschaften haben Begleitwert, können Erziehung aber nicht sichern. Erziehung ist Kunst. Sie gelingt erst im Felde des Nicht-Vorhersagbaren.
Aber was ist Kunst? Die etymologische Bedeutung des Wortes kommt von «können». Der Künstler weiß, dass sein Können nicht im Voraus gesichert ist, sondern erst im Vollzug gelingt – oder nicht. Wo Kunst heute gelingt, ist sie nicht um ihrer selbst willen gelungen. Zum einen gewinnt der Kunstschaffende selbst daran in seiner menschlichen Existenz, und es gewinnt der Beschauer, der Empfänger.
Der Beschauer ist in einem besonderen Ausmaße das treibende Motiv heute im Künstler selbst. Man will die ästhetische Kunst aus ihrer Isolation herauslösen und mit ihr soziale Wirkung ausüben. Viele der modernen Kunstausstellungen, so z. B. die «documenta» in Kassel, die regelmäßig den aktuellen Querschnitt moderner Kunstproduktion sichtbar zu machen versucht, haben den sozialen Impetus als Dauerthema.1
Gerade in früheren Kunstepochen bemerkt man noch mehr das Anliegen jener sozialen Wirkung der Kunst. So z. B. galt die Zeusstatue von Phidias im Tempel von Olympia als «heilbringend», die gotischen Dome hatten eine mitreißende soziale Wirkung. Raffaels Madonnen haben Achtung und Offenheit für das Wesen des Kindes ausgelöst. Goethes Sprache ist Selbstheilung eines an seinem Genie leidenden Großen, um die eigenen Zerreißproben durchzustehen. Vielen großen Literaten, ob Kleist, Dostojewski oder Ingeborg Bachmann, erging es bis heute nicht anders.
Um Erziehung als Kunst denken zu können, soll hier einer von vielen Wegen verfolgt werden. Es soll dabei einmal weniger auf die künstlerische Leistung, das Maß an Höhe und Umfang genialer Produktivität, sondern auf das künstlerische Medium geachtet werden: das reine Material. Danach unterscheiden wir die Künste seit eh und je.
Kunst ist immer sinnlicher Natur, sie hat es immer mit dem im Hier und Jetzt vorhandenen Material zu tun. Und zugleich besteht sie darin, dasselbe nicht wie vorgefunden zu belassen, sondern es weiter zu gestalten, dass es menschliche Qualität gewinnt. Sie verliert dabei nicht ihr sinnliches Medium, aber sie gestaltet es so, als ob es Idee, menschliche Antwort sei, ohne eine Idee im begrifflichen Sinne zu sein. Aber die menschliche Sphäre wird erreicht, die den Menschen als sinnliches Wesen selbst mehr als Natur sein lässt.
Die Kunst trat in vor- und frühgeschichtlichen Zeiten in den verschiedensten Formen auf. Wir können nur noch die Überreste bestaunen. Aus dem Megalithikum ragen tonnenschwere Einzelsteine, Steinreihen und Steinkreise in unser Bewusstsein. Von Rujum Heiri auf den Golanhöhen im Nahen Osten bis zu Stonehenge in England, um die eindrucksvollsten zu nennen, spannte sich der Bogen dieser frühbronzezeitlichen Kultur. Gleichzeitig entstanden die ägyptischen Pyramiden und die assyrischen Prozessionsstraßen. Die Baukunst bewegte gewaltige Massen. Ein Stück Welt wird eingegrenzt und zu menschlichem Raum gestaltet. Durch die Kunst der Architektur schuf sich der Mensch schon früh seine eigene Umwelt.
Der Bildhauer formt den massiven Stoff nicht mehr zu einer peripheren Hülle, sondern zu einer in sich geschlossenen Gestalt. Im Flachrelief bleibt sie oft noch Ornament am architektonischen Element Wand. Im Tiefrelief beginnt sie sich abzulösen. In der frontalen Figur lebt noch der letzte architektonische Bezug. In der freistehenden Figur hat die plastische Kunst zu sich selbst gefunden. Aber auch schon dadurch, dass sie mit weniger Masse auskommt als das Bauwerk, konzentriert und individualisiert die Plastik sich als Kunstwerk zu einem in sich geschlossenen Gebilde. Das Bauwerk ist immer noch Grenze zum kosmischen Raum, die Plastik wird um einen weiteren Schritt menschennäher und findet im Menschenmaß ihre Erfüllung.
Der Maler dagegen verlässt das Raumvolumen. Die Fläche allein ist das Raumelement des Bildes. Darauf erscheinen Farben, Licht und Schatten. Zwar kann er mit Farb- und Linienperspektive noch den Eindruck von Räumlichem schildern, aber eben nur als Schein. Die Malerei am Anfang unseres Jahrhunderts verlässt auch die Raumillusion der Perspektive und bringt die Elemente der Malerei, Farbe und Form, selbst zum Ausdruck. Wo van Gogh nicht mit dem Pinsel, sondern mit der Tube «malt», wird das Bild fast wieder zum Relief. Wenn Paul Klee von der Fläche hin zur gespannten Linie als Ausdrucksmittel zielt, entmaterialisiert sich das Medium in die andere Richtung: von der Zwei- zur Eindimensionalität.
Die Musik enträumlicht sich für das Erlebnis völlig. Ihr Medium ist die Melodie, der Rhythmus, die Ausdrucksdynamik im Nacheinander der Töne: ein Zeitliches. Materialmäßig sind es Bewegungen der Lufterschütterung in feinsten Schwingungen. Aber den Lufthauch meint der Musiker gar nicht. Er streicht oder bläst sein Instrument, um die Zeit, das eigentliche Element der Musik, zu gestalten. Er gibt ihr Rhythmus, lässt sie im Nacheinander der Töne zur Melodie werden und hält sie im Nebeneinander im Akkord wieder an. In der Dissonanz drängt die Zeit weiter, in der beruhigenden Konsonanz lässt sie uns wieder Atem holen. Bestätigung und Überraschung der musikalischen Erwartung, das Spiel zwischen Vorbestimmung und Unbestimmtheit der Zukunft, kommt in jedem Moment hinzu. Die Musik ist eine Januskunst.
Sieht man nicht auf das Medium, sondern auf das Werkzeug, so ist das Musikinstrument noch ein Gerät außerhalb des Menschen. In der Vokalmusik, im Gesang, wird der menschliche Kehlkopf selbst zum Instrument. Die mechanischen Musikinstrumente können Saiten- oder Blasinstrumente sein, im menschlichen Kehlkopf sind beide Prinzipien vereinigt. Die Saiten der Stimmbänder werden vom Atemstrom angestrichen. Nur die Äolsharfe, ein Instrument, dessen gestimmte Saiten durch den Wind zum Klingen gebracht werden, kommt dem Funktionsprinzip der menschlichen Stimme nahe.
In der Dichtung nun wird das Wort zur Kunst. Der akustische Wohlklang allein tut es hier nicht. Wird in der Musik noch ein Unpersönliches empfunden, so spricht durch das Wort stärker der persönliche Mensch. Seine eigene, individuelle Befindlichkeit, seine Gedanken selber kann er in der Sprache kundtun.
Zur Lautgestalt und emotionalen Färbung tritt der Sinngehalt hinzu. Hier kann sich die Eigenseele noch menschlicher aussprechen als in der anonymer bleibenden Welt der Musik. Aber auch im gesprochenen Wort ist die Luft das äußere Medium.
Die angeführte Reihe der Künste bringt uns immer näher an den Menschen heran. Kann er nicht selber zum ausschließlichen Instrument werden? Der menschliche Leib wird zum künstlerischen Material in jeder Bewegungskunst. Mit ihr treten wir fast gänzlich zum Menschen über. Schon die Gebärden des Schauspielers, ebenso die Pantomime und der Tanz machen den sich bewegenden Menschen zum Kunstmedium. Seine Bewegung selbst wird zur Kunst. Rudolf Steiner hat diese Form der Kunst zur Eurythmie weiterentwickelt. Musik und Sprache sind die ihr nächsten Künste. An sie schließt sie sich als Ton- und Lauteurythmie an.
Die bisherige Darstellung wirft aber noch weitere Fragen auf. Welche Kunst gibt es, die sich zu ihrem Gestaltungsfeld etwas von dem zentralsten Bereich des Menschen selbst wählt? Hier ist der große Bereich der sozialen Kunst zu nennen. Sie ist bereit, an der Lebenskonfiguration des anderen Menschen, an seiner Biografie, an seinem Schicksal mitzuarbeiten. Die Heilkunst, die Medizin, ist – bei aller Wissenschaft und Technik – eine solche soziale Kunst, wenn sie von Menschen für Menschen umfänglich betrieben wird.
So ist auch jede umfassende Erziehung eine soziale Kunst. Sie steht der Hilfsbedürftigkeit des heranwachsenden Menschen bei. Kein Tier hat eine so lange Kindheit und ist so lange auf Hilfe angewiesen. Aber durch die lange Kindheit findet der Mensch zu einer eigeneren, selbstständigeren Existenz als alle Tiere. Seine große Freiheit ist der Erfolg einer besonders langen, gegenseitig verbindlichen Abhängigkeit. Soziale Kunst konstituiert erst den Menschen.
Die Staatskunst als höchste Form der Gemeinschaftskunst wird, wenn sie einmal bewusst soziale Kunst geworden ist, sich auch an den zukünftigen Menschen wenden. Dann wird sie die gegenwärtigen sozialen Strukturen so einrichten, dass das soziale Leben sich offen hält für die Impulse jeder nachkommenden Generation.
Doch sind die sozialen Künste heute vielfach mehr Zukunft als Gegenwart. Das bisherige soziale Geschehen der letzten Jahrhunderte spielte sich weitgehend entweder nach naturgegebenen Bindungen oder nach religiös vorgegebenen Rechtsgewohnheiten (Sittenkodex) ab. Jeder, der mit Kindern lebt und arbeitet, aber fragt sich neu, wie er ihnen gerecht werden kann. Welchen Wert geben wir der Familiengestaltung? Ist nicht auch die Kochkunst oder die Feriengestaltung für die Kinder eine soziale Kunst? An den praktischen Beispielen sollte man sich klarmachen, was soziale Kunst ist. So ist Erziehung Kunst. Alle soziale Kunst besteht in dem verbindlichen Einsatz, Wagnis, Unterfangen, helfend das Miteinander der Menschen aktiv zu gestalten und es nicht bei einem ehrerbietig oder wissenschaftlich verbrämten Fatalismus zu belassen. Hier liegen weite Wege offen. Und doch gewinnt die soziale Kunst in der Reihe der Künste jetzt schon ihre Qualität: Die Schöpfungen der Architektur, Plastik und Malerei stehen im Raum. Musik, Dichtung und Bewegungsgebärde leben im Element der Zeit, sind die Zeitkünste. Die sozialen Künste bilden am Menschen und an Menschengemeinschaften in Raum und Zeit, aber darüber hinaus im Unräumlichen und Unvergänglichen an uns: am seelischen und geistigen Inhalt menschlicher Biografien.
So können wir die Reihe der Künste in der folgenden Anordnung zusammenfassen:
Auf die Stufenfolge der ersten sechs der ästhetischen Künste wies 1909 Rudolf Steiner hin.2 Bei Adalbert Stifter finden sich dahingehend auch erste Anklänge, wenn er auch nur bis zur Dichtkunst kam.3 Erich Schwebsch, eine zentrale Gestalt der Waldorflehrer nach dem Tode Rudolf Steiners, hat sich als Musiker und Kunstgeschichtler immer wieder damit beschäftigt. Er berichtete, dass Rudolf Steiner selbst von einer Kunst sprach, die erst in der Zukunft in innerer Korrespondenz zur Architektur noch entstehen werde. In den Aufbaujahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese Frage unter den sozial engagierten Anthroposophen stark bewegt. Ernst Weißert, der nach dem Tode von Erich Schwebsch (1953) die Waldorfschulbewegung bis 1980 wesentlich mitgestaltete, führte einen regen Gedankenaustausch darüber mit Erich Schwebsch. Schwebsch vertrat die Meinung, dass die siebte Kunst noch nicht da sei und man noch gar nicht sagen könne, was für eine Kunst es sein werde. Ernst Weißert hingegen fühlte, dass diese Kunst jetzt im Ansatz, im Keimzustand, doch schon da sei: in aller sozialen Kunst. Er verstand seinen ganzen Lebenseinsatz für die Pädagogik Rudolf Steiners als eine soziale Baukunst.
Darin kommen die weittragenden Entsprechungen zwischen den Künsten zutage. Wie jedes menschliche Gemeinschaftsleben eine Art soziale Architektur braucht und umgekehrt alle Architektur sozial wirksam ist, so haben auch die plastisch-bildenden Künste eine besondere Verwandtschaft zur Bewegungskunst und umgekehrt. Eurythmie ist der in die Zeitdimension, in Bewegung getauchte Ausdruck des ganzen Menschen. Plastiken wirken entsprechend wie eine zur Ruhe gekommene Bewegungssprache. – Es stehen auch Malerei und Dichtung in einer intimeren Beziehung zueinander. Was die eine Kunst im Raume malt, malt die andere in der Zeit. – Die Musik aber ist ihr eigenes Pendant. Ihre Janusköpfigkeit haben wir schon berührt. In ihr verschmelzen Welt und Mensch im besonderen Ausmaß.
Die sieben Künste gehören zusammen. Jede bringt ein, was die anderen erwarten lassen. Sie bilden wie das Gesamt lebendiger Organe einen Organismus. Die immanente Ordnung der Künste zueinander führt den Menschen aus seinem Weltzusammenhang immer weiter zu sich selber. Architektur, Plastik und Malerei stehen im äußeren Raum, wenn sie sich auch aus diesem schon stufenweise herausziehen. Von der Musik an leben alle weiteren Künste in der strömenden Zeit. Von der Sprachkunst an tritt das Innermenschliche hinzu. Der Mensch selbst wird mehr und mehr zu seinem eigenen Gestaltungsobjekt. In den ersten drei Künsten lebt mehr ein imaginatives Element, in der Musik die Inspiration, während die letzten drei Künste in ihrem Charakter wie intuitiv auf die Personalität des Menschen ausgerichtet sind.
Wir haben schon davon gesprochen, dass die klassischen Künste mittelbar soziale Künste waren. So haben Dürers «Vier Apostel» und Lessings «Nathan» immer Menschenveränderung bewirkt. Aber diese zwischenmenschliche Wirkung der musisch-ästhetischen Künste nimmt ab. Sie degenerieren zur netten Zugabe und bloßen Verzierung neben dem eigentlichen Leben, Gipsstuck an der Zivilisationsfassade. Aus dem modernen Kopiergerät ertönt Beethovens Musik, um anzuzeigen, dass das Gerät gebrauchsfertig ist. Das Wort Kunst hat heute unter Nichtkünstlern einen verspielten Klang. Man gesteht dem Künstler gerade noch zu, etwas abseits von den anstehenden Tagesproblemen seine persönlichen Konflikte zu wälzen. Kunst ist flächendeckend zum Selbstgespräch, Selbstexperiment und zur Selbstdarstellung geworden. Nie war der Abstand zwischen Künstler und Publikum problematischer als heute. Im gängigen Kunstbetrieb steht eine gesellschaftliche Wirkung noch am ehesten am Theater zur Debatte. Dieses bildet schon den Übergang von der reinen Sprache zur Bewegungskunst und führt so zum Menschen als gemeintem Zielobjekt hin. Und doch erstirbt den ästhetischen Künsten vielfach die soziale Funktion.
In der Gegenwart liegt nun das Zukünftige darin, dass eine Veränderung der menschlichen Produktivität vor sich geht. Nicht allein im Material der Welt, sondern am Geschick des Menschen mitzugestalten, ist die zu leistende Wendung. Eine solche Kunst erst erhält in der Gegenwart und Zukunft eine greifende Wirkung, so wie sie die musischen Künste einst besaßen. Bach schuf «ad maiorem Dei gloriam». Dann hieß es «l’art pour l’art». Jetzt können wir beginnen, das Menschliche schöpferisch zu gestalten.
In diesem Sinne versteht sich die Waldorferziehung als soziale Kunst. Die künstlerische Erziehung wird missverstanden, wenn damit die bloße Betonung der musisch-ästhetischen Erziehung gemeint wird. Es ist anders: Der Bildhauer, der Maler, der Musiker, der Dichter wird als Waldorflehrer in der Schule seine Kunst der Erziehungskunst zur Verfügung stellen, ja sie in ihrer bisherigen Motivation zurückzunehmen haben. Sein Künstlertum wird ihm zum Werkzeug für die Kunst, an der er arbeiten darf: an der Erziehung für den jungen Menschen, am Kind.
Damit ist zugleich eine Wandlung der klassischen Künste sichtbar, nach der sie in der Moderne längst selbst verlangen und die ihrem Solipsismus nur guttun würde. Die museale Isolation, das genusshaft Ästhetisierende fällt von ihnen ab. Den ästhetisierenden Selbstdarsteller wollen Schüler nicht haben. Innerhalb der sozialen Künste gewinnen die ästhetischen Künste plötzlich wieder einen wenn auch ganz neuartigen Lebensraum. Zwar wird die Virtuosität nicht mehr gefeiert, aber die Substanz bildet lebendige Menschen. Dadurch könnten die bisherigen Künste den inneren Nerv ihrer Daseinsberechtigung wiedergewinnen. Musiker hätten eine viel größere, eingreifendere Wirkung im Schulzimmer als im Konzertsaal. Wo finden sich die Maler, die den Bilderschmuck für den Raum einer ersten, einer achten, einer zwölften Klasse malen, sodass ihre Kunst vor den jeweiligen Altersstufen inneren Bestand hat? Dort hätten sie mehr Erfolg, wenn auch nicht sofort fassbaren. Was Rudolf Steiner an Künstlerischem hinterlassen hat, trägt das Leben solcher sozialen Kunst in sich.
Das gilt in besonderem Maße für die noch junge Bewegungskunst, die Eurythmie. Ihrem Wesen nach vermittelt sie zwischen den klassischen Künsten und der sozialen Hinwendung. In der Bühneneurythmie neigt sie den Ersteren, in der Heileurythmie und Laieneurythmie der Letzteren zu. Zwischen der Bühnen- und Heileurythmie steht eigenständig die pädagogische Eurythmie als Erziehungskunst. Ihr kommt die Eurythmie aus sich selbst unmittelbar entgegen. Keine ästhetische Kunst kann so leicht in die sozialen Künste übergehen wie die Eurythmie. So kann schon die Bühneneurythmie eine sinnestherapeutische Kunst für den Zuschauer sein.
Waren im bisherigen die einzelnen Künste in ihren Besonderheiten und ihren Beziehungen zueinander kurz charakterisiert worden, so sei noch das allen Gemeinsame herausgestellt. Die Grundfrage aller Ästhetik, was denn ein Kunstwerk erst zu Kunst macht, hat die verschiedensten Auslegungen erfahren. Rudolf Steiner hielt 1888 im Wiener Goetheverein einen seiner ersten Vorträge unter dem Titel «Goethe als Vater einer neuen Ästhetik»4 und kennzeichnete dort das künstlerische Schaffen in einer verblüffenden Weise. In Auseinandersetzung mit Friedrich Theodor Vischer5 lehnt er die naturalistische Kunstauffassung eines Gustav Theodor Fechner ebenso ab wie die idealistische Ästhetik von Friedrich Wilhelm Schelling und Georg Wilhelm Fr. Hegel. Fechners «Ästhetik von unten» reduziert den Kunstgenuss auf eine Physiologie des Geschmacks, Schellings und Hegels «Ästhetik von oben» sieht Kunst allein als die sinnliche Illustration von Ideeninhalten. Im einen Falle ist Kunst umso mehr Kunst, je naturalistischer sie wird, und es ist nicht mehr einzusehen, warum sie mit der Natur noch konkurrieren will, die doch immer vollendeter ist als ihre naturalistische Wiedergabe. Im anderen Falle wären die höchsten Kunstformen die Allegorie oder didaktische Poesie und dienten nur der leichteren Verbreitung irgendwelcher Ideen, wären dann also bestenfalls eine Art Pseudowissenschaft. Diese Ästhetik leitet das Künstlerische von einem Wahrheitsgehalt ab, den der Künstler sich erst zu eigen macht und dem er dann das sinnliche Gewand gibt. Kunst ist dann nur mehr Ideenkunst.
Steiner erkennt im echten künstlerischen Prozess etwas anderes: «Das ist nicht die ‹Idee in der Form der sinnlichen Erscheinung›, das ist gerade das Umgekehrte, das ist eine ‹sinnliche Erscheinung in der Form der Idee›.» Er greift dabei gezielt auf Goethe zurück. Dieser erzählt in «Dichtung und Wahrheit»6 aus einem Gespräch mit dem Jugendfreund Johann Heinrich Merck, dass dieser zu ihm treffend sagte: «Dein Bestreben, deine unablenkbare Richtung ist, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben, die andern suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen, und das gibt nichts wie dummes Zeug.»
Echte Kunst im Sinne Goethes ist der Umgang mit dem sinnlichen Material so, dass es seine eigene Natur vollkommener offenbaren kann, als es ihm von Natur aus möglich ist. Reine Kunst missbraucht nicht den Gegenstand zur Demonstration einer ihm wesensfernen Idee, sonst merkt man die Absicht und wird verstimmt. Sie ist dann ideologisiert und degradiert sich bis zur Fremdbestimmung. Nein, echte Kunst ist immer materialehrlich. Ein Granitblock fordert vom Bildhauer andere Formen als ein Marmorblock, Beton vom Architekten andere Gestaltung als ein Holzbau, Farbevom Maleranderesalsdas Schwarz-Weiß-Medium. Und das alles nicht aus technischen Gründen, sondern aus dem künstlerischen Prozess in der Auseinandersetzung mit dem Material selbst heraus, das gleichsam durch den Künstler sich erst besser aussprechen kann, als es dies von Natur aus könnte. Das offenbare Geheimnis künstlerischer Produktivität ist, dass das Material zum Anlass und der Künstler zum Medium dafür wird. Das Material ist für den Künstler viel mehr als nur Material. Er möchte ihm nur helfen, sich durch ihn besser aussprechen zu können.
Für Hegel galt: «Das Schöne ist das sinnliche Scheinen der Idee», für Goethe dagegen: «Das Was bedenke, mehr bedenke Wie.» Und das greift Rudolf Steiner auf, «denn in dem Wie liegt es, worauf es ankommt. Das Was bleibt ein Sinnliches, aber das Wie des Auftretens wird ein Ideelles … Die Ästhetik nun, die von der Idee ausgeht: ‹das Schöne ist ein sinnliches Wirkliches, das so erscheint, als wäre es Idee›, diese besteht noch nicht. Sie muss geschaffen werden. Sie kann schlechterdings bezeichnet werden als die Ästhetik der Goetheschen Weltanschauung. Und das ist die Ästhetik der Zukunft.»7
Erst in diesem Sinne sind die sozialen Künste wirklich sozial. Werden sie als «Ideenkunst» betrieben, so wird die Idee dem Leben übergestülpt. Erst die Wahrnehmung und Annahme des konkreten Sozialfeldes, als motivierender Anlass sozialen Handelns, erlaubt soziales Können. Im Sinne der Ästhetik Goethes versteht sich die Waldorfpädagogik als Erziehungskunst. Darin liegt ihre heutige Einzigartigkeit. Es gilt nicht, das Kind nach einer vorherigen Idee, mag sie auch noch so bedeutend sein, zu formen, sodass zum Schluss es deren Verleiblichung als illustrativer Abklatsch darstellt. Es geht um Wichtigeres: Kinder und Jugendliche so zu erziehen, dass wir ihnen im Unterricht zu helfen versuchen, die in jedem verborgene eigene «Idee», die als das eigene Wesen mitgebracht wird, in die Erscheinung treten zu lassen.
Rudolf Steiner drückte es einmal so aus: «Da müssen wir unterscheiden lernen die Intentionen des Erziehers von dem, was aus dem Zögling wird. Wenn wir nur richtig gestimmt sind, werden wir die größten Freuden erleben, wenn wir uns bemühen, etwas ganz Bestimmtes an den Zögling heranzubringen, und wir uns sagen können: Nun, das, was du gewollt hast, ist er nicht geworden, aber er ist etwas geworden. Das ist das Eigentümliche, dass der Erzieher nur dadurch seinen Erzieheregoismus abstreifen kann, wenn er den Wunsch überwindet, dass das, was er als gut und recht ansieht, und namentlich, was er selber gerne denkt, in dem Zögling ein Abklatsch werde. Wenn wir als Erzieher die Gelassenheit erreichen, dass der Zögling uns so unähnlich als möglich werden kann, dann haben wir das Schönste erreicht.»8
Bis zur Konsequenz dieser Haltung hin ist menschengemäße Erziehung soziale Kunst, Erziehungskunst.