Flora Magica (Band 1) - Das Geheimnis der Nachtschatten - Vanessa Walder - E-Book

Flora Magica (Band 1) - Das Geheimnis der Nachtschatten E-Book

Vanessa Walder

0,0
12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Wo Magie wächst Als Flora Cunabula mit 107 Jahren stirbt, hinterlässt sie riesige Ländereien und ein noch größeres Geheimnis. Seit Generationen hüten die Cunabulas magische Pflanzen und bewahren sie vor der Ausrottung durch eine gnadenlose Organisation. Ein uraltes Buch hilft Floras Urenkeln Tierra, Sol, Avia und Zacharias, ihr Erbe zu begreifen. Doch sie können nur ahnen, wie berauschend die Magie der Pflanzen ist und wie groß die Gefahr, in der sie schweben. Die Zeit drängt: Eine mächtige Firma verspricht der Familie Unglaubliches. Floras Urenkel müssen eine Entscheidung treffen, die ihr Leben verändern wird. Der Auftakt einer mitreißenden und außergewöhnlichen Fantasy-Reihe Mächtige Geheimnisse, magische Entdeckungen und vier Kinder, die alles entscheiden. Flora Magica ist der Auftakt einer nostalgischen und spannendenFantasy-Reihe für Jungs und Mädchen ab 9 Jahren mit All-Age-Charakter. Bestseller-Autorin Vanessa Walder entführt die Leser in die wundersame und abenteuerlicheWelt der Pflanzen, verwoben mit einer einfühlsamen Familiengeschichte und einem brandaktuellen Blick auf Pharmakonzerne. Großflächige Schwarz-Weiß-Illustrationen schaffen ein unvergleichliches Leseerlebnis und machen dieses Buch zu einem wahren Schmuckstück. Der Titel ist bei Antolin gelistet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



In loving memory of the extraordinary

RAYMOND PEAT

Antwort.

Damit du hier bist – damit es das Leben gibt und das Selbst,

damit dies gewaltige Spiel weitergeht

und du einen Vers beitragen kannst.

Inhalt

Floras Erben

Fast Familie

Zu den Wurzeln

Die Bestimmung

Hüter und Bewahrer

Die vierte Gabe

Arca Semina

Floras Freunde

Mitternachts-Mondlicht

Blütezeit

Wahrheit säen

Die letzte Ähre

Asche und Glut

Die Entscheidung

Floras Erben

Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, der hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen.

Rabindranath Tagore

Es ist eine mondlose Nacht im April, als die vier Urenkel von Flora Cunabula alle gleichzeitig wach werden. Um genau zu sein, ist es zwei Uhr zweiundzwanzig in London und drei Uhr zweiundzwanzig in Berlin. Keiner von ihnen weiß, was sie geweckt hat. Wenn man zwölf Jahre alt ist und am nächsten Morgen zur Schule muss, gibt es keinen Grund, um zwei Uhr zweiundzwanzig oder um drei Uhr zweiundzwanzig wach zu sein. Wenigstens keinen guten.

Trotzdem ist Tierra nicht überrascht. Den ganzen Tag schon hat sie dieses komische Kribbeln in den Ohrläppchen gespürt. Als würde etwas Großes auf sie zukommen. Als würde ihr etwas bevorstehen. Sie hätte nicht sagen können, ob es etwas Gutes oder etwas Schlechtes war. Nur, dass es alles verändern würde. Natürlich gibt es viele Menschen, die so was behaupten: dass sie tagelang unruhig waren, bevor etwas Außergewöhnliches vorgefallen ist. Dabei vergessen sie, dass sie dieses Gefühl schon tausend Mal hatten und dass danach neunhundertneunundneunzig Mal absolut nichts passiert ist. Schon gar nichts Außergewöhnliches. Beim tausendsten Mal ist es dann bloßer Zufall. Irgendwann im Laufe eines Lebens muss schließlich mal was passieren. Bei Tierra ist das anders. Ihre Ohrläppchen täuschen sich nie. Und nun ist sie wach und weiß nicht, warum. Sie hört das Schnarchen ihres Vaters durch die dünnen Wände, aber das ist sie gewohnt. Tierra steht auf und öffnet das Fenster in ihrem kleinen Zimmer. Der Vorhang bauscht sich in der Frühlingsbrise. Sie holt tief Luft.

Im ebenso kleinen Zimmer nebenan schwingt ihr Zwillingsbruder Sol die Beine aus dem Bett und reibt sich die Augen. Seine Ohrläppchen haben keine magischen Fähigkeiten, darum ist er sehr überrascht, dass er nicht mehr schläft. Er muss nicht aufs Klo, das kann er immerhin schon mal ausschließen. Hat er etwa Hunger? Gestern ist er nach dem Fußballtraining noch zehn Kilometer gelaufen und hat vor dem Schlafengehen mit Gewichten trainiert. Vielleicht braucht er Protein? Sol lauscht in seinen Körper, doch sein Magen verhält sich genauso ruhig wie seine Ohrläppchen. Leise geht er zum Fenster, um nachzusehen, ob ihn möglicherweise ein bellender Hund geweckt hat oder eine Gruppe betrunkener Jugendlicher. Im Licht der Straßenlaternen ist jedenfalls niemand zu sehen. Die geparkten Autos scheinen alle leer zu sein. Keine Hunde weit und breit. In ein paar Wohnungen der Häuser gegenüber flackert das blaue Licht von Fernsehern. Im zweiten Stock sitzt eine Katze auf dem Balkongeländer und beobachtet Sol. Er wollte schon immer gern eine Katze haben. Und einen Balkon. Sol atmet die kühle Frühlingsluft tief ein. Alles ist wie immer in London-Wandsworth.

Etwas ist anders in Berlin-Moabit. Avia weiß nicht, ob es der Luftdruck ist oder die Temperatur, aber um genau drei Uhr zweiundzwanzig hat sich etwas verschoben. Sie merkt es daran, dass ihr linkes Auge sticht und dass ihre Bettwäsche unangenehm riecht. Natürlich riecht die nicht wirklich schlecht. Es ist das Waschmittel mit dem leichten Lavendelduft, der für Avia plötzlich fast unerträglich ist. Sie weiß genau, was das bedeutet: dass sie den ganzen kommenden Tag Migräne haben wird. Dabei hat sie nichts gegessen oder getrunken, was die Kopfschmerzen auslösen könnte. Schon gar nicht hat sie vergessen, zu essen oder zu trinken. Das passiert ihr längst nicht mehr. Sie weiß, dass die Schmerzen dann unausweichlich sind. Also was hat sich verändert? Die Wetter-App für Profis hat keine Luftdruckschwankungen angekündigt, aber das heißt nicht viel. In Berlin kommen die Stürme im Frühjahr oft aus dem Nichts. Das Einzige, was Avia jetzt noch helfen kann, ist ein Sanfter Engel: eine Mischung aus Vanilleeis und Orangensaft. Die Kombination aus dem Eiweiß und dem Kalzium im Eis mit dem Fruchtzucker und dem Magnesium im Orangensaft kann manchmal das Schlimmste verhindern. Deshalb sorgt Avias Mutter immer dafür, dass beides vorrätig ist. Genauso wie die einzigen Schmerztabletten, die helfen und deren Beipackzettel mit den tausend Nebenwirkungen sie deshalb ignoriert. All ihre Hausmittel und Naturheilmethoden haben bei Avia versagt. Das ist eine schreckliche und seltene Niederlage für Diligentia Cunabula.

Avia schwingt die Beine aus dem Bett und sieht, dass sie sich nicht bemühen muss, leise zu sein. Das Bett auf der anderen Seite des Zimmers ist leer und das Schlafsofa im Wohnzimmer garantiert auch noch. Avias Mutter hat heute Nachtschicht im Pflegeheim. Avia und ihr Bruder konnten sie überzeugen, dass sie mit zwölf Jahren zu alt sind für einen Babysitter.

Als Avia in die kleine Küche kommt, ist die Lampe über der Spüle bereits eingeschaltet und auf der zerkratzten Arbeitsplatte der Kücheninsel steht ein großes Glas Orangensaft mit zwei Kugeln Vanilleeis. Avias Zwillingsbruder Zacharias schiebt ihr das Glas wortlos zu und begutachtet dabei ihr Gesicht. Wenn die Migräne kommt, schwellen Avias Augenlider so an, dass sie kaum sehen kann. Offenbar hat es zumindest angefangen, denn Zacharias nickt nur. Geräusche können wehtun. Genauso wie Gerüche und Licht, Hitze und Kälte. Reden kann wehtun. Und atmen auch. Als bester Bruder der Welt weiß Zacharias das. Er hat den Posten schon sein ganzes Leben lang, jede Wiederwahl gewinnt er spielend.

Avia nimmt einen Schluck von ihrer Orangensaft-Eis-Mischung und deutet fragend auf die große grüne Küchenuhr. Die zeigt drei Uhr dreißig an, aber sie geht nie genau. Man muss auf einen Hocker klettern, um sie zu stellen, und das hat keiner mehr gemacht, seit der Vater der Zwillinge vor fünf Jahren gestorben ist. Die Mikrowelle behauptet, es wäre drei Uhr dreiundzwanzig, auf dem Display der Kaffeemaschine blinkt zwei Uhr achtundzwanzig, während der Backofen wie immer null Uhr und null Minuten anzeigt. Niemand hat sich je die Mühe gemacht, diese Uhrzeit einzustellen.

Zacharias dreht sich um und blickt auf die große Uhr, auf die seine Schwester deutet. Dann sieht er Avia an und zuckt mit den Schultern. Er hat keine Ahnung, warum er sich mitten in der Nacht plötzlich in seinem Bett aufgesetzt hat. Erst dachte er, eines der Bücher auf seinem Nachttisch wäre runtergefallen. Doch der Stapel lag noch genauso da wie vor dem Einschlafen. Es war etwas anderes, das ihn geweckt hat.

Zacharias öffnet das Küchenfenster und betrachtet den Parkplatz darunter. Nichts und niemand bewegt sich. Nicht einmal ein Berliner Stadtfuchs ist unterwegs. Zacharias legt den Kopf in den Nacken und schaut hoch zu den Wolken, die am Mond vorbeiziehen. Eine Frühlingsbrise weht in die Küche und in die Gesichter der Geschwister. Beide atmen tief ein.

Sie ahnen nicht, dass ihre Cousine und ihr Cousin in London zur selben Zeit ebenso ratlos an den Fenstern ihrer Zimmer stehen und tief einatmen. Was um zwei Uhr zweiundzwanzig Londoner Zeit und um drei Uhr zweiundzwanzig Berliner Zeit passiert ist, werden sie alle erst in sechs Stunden erfahren …

Viele Hundert Kilometer südlich, in einem kleinen Ort in Österreich, atmete zur selben Zeit eine schlafende alte Dame sanft aus und nicht mehr ein. Der Tod kam nicht überraschend zu Flora Cunabula. Ihr Fenster stand weit offen. Und so streifte sacht eine Frühlingsbrise über ihr friedliches Gesicht und trug ihren letzten Atemzug hinaus in den Garten. Dort ließ er Birkenblätter rascheln, Apfelblüten zu Boden segeln und Tulpenknospen wippen.

Der Wind trug Floras Atem wie einen Abschiedsgruß über die Blumenbeete, das alte Gewächshaus und den See, an dessen Ufern sich die gelben Sumpf-Schwertlilien wiegten. Dann wirbelte er höher und höher und Floras Atem löste sich auf und wurde Teil von allem: der ersten Morgenröte über dem Horizont, des Taus auf den Gräsern und der Wolken über den Bergen. Teil der Blumen in ihren Gärten und des Himmels über London und Berlin, wo ihre Urenkel ihr die Fenster öffneten.

Pflanzen spüren immer, wenn sich rund um ihre Wurzeln etwas verändert. Manchmal spüren Menschen es auch.

Cunabula

Latein für Heimat, Geburtsort, Wiege

In der Pflanzen- und Tierwelt gibt es Endemiten und Kosmopoliten. Endemiten kommen nur in einem bestimmten, abgegrenzten Gebiet der Erde vor. Österreich hat den höchsten Anteil endemischer Arten in Mitteleuropa:

150 Pflanzen- und 575Tierarten.

Die Familie Cunabula hingegen gehört zu den Kosmopoliten: Man findet ihre Mitglieder auf allen Kontinenten. Wendelin Cunabula soll 1829 nach Neuguinea ausgewandert sein und die Nachkommen von Maletta Cunabula leben bis heute in Grönland. Ihr Ursprung aber lässt sich Jahrhunderte zurückverfolgen:

nach Bergklammheim am Saphirsee.

Fast Familie

Jeder für sich sind wir Tropfen. Zusammen sind wir ein Ozean.

Ryunosuke Satoro

Ich verstehe nicht, warum wir am Flughafen auf sie warten müssen.“ Sol sieht sich leicht genervt in der kleinen Ankunftshalle des Klagenfurter Flughafens um. „Was glaubst du, wie die Leute uns anglotzen, wenn hier plötzlich drei Zwillingspärchen rumstehen?“

Tierra reibt sich die Augen. „Da hat er recht.“

Ihr Vater Lakus seufzt und lässt seinen Rucksack auf den Boden gleiten. „Oh Mann, ich hab wohl richtig Mist gebaut, wenn meine Kinder mal einer Meinung sind.“ Er nimmt einen Schluck aus seiner Wasserflasche. „Der Flughafen ist so winzig, da kommen sicher nicht rasend viele Leute vorbei.“

„Immer noch genug“, brummt Sol. Er fährt sich mit den Fingern über die Haut zwischen Nase und Oberlippe und bedauert wieder einmal, dass er sich keinen Bart wachsen lassen kann. Aus irgendeinem Grund wollen die schwarzen Härchen nur auf der linken Seite seines Munds wachsen. Und selbst da sind es nicht viel mehr als bei seiner Schwester, die sie immer laut schreiend auszupft. Dabei wäre der Bart ein schneller Weg, ihr nicht ganz so ähnlich zu sehen. Der andere wäre, sich die langen schwarzbraunen Haare abschneiden zu lassen, aber das ist natürlich undenkbar.

„Träumst du wieder von einem Schnäuzer?“, fragt Tierra grinsend. „Du würdest aussehen wie ein mexikanischer Drogenbaron.“

„Eher wie einer von den Village People“, murmelt ihr Vater.

„Wer?“, fragen Sol und Tierra gleichzeitig.

Ihr Vater verdreht die Augen. „Das hab ich davon! Ich hätte mich nicht von euch fertigmachen lassen dürfen und weiter meine Musik laut hören sollen. Dann hättet ihr wenigstens ein bisschen kulturelle Bildung.“

Er wirft einen Blick auf sein Handy und sieht sich suchend um, als wäre seine Schwester mit ihren Zwillingen vielleicht schon angekommen und hätte sich unbemerkt an ihn herangeschlichen.

„Wir dich fertiggemacht?“ Tierra lacht schnaubend. „Die Nachbarn haben an Wände und Decke geklopft!“

„Der Obdachlose vor dem Haus ist auf eine andere Parkbank umgezogen“, ergänzt Sol.

„Das hatte nichts mit meiner Musik zu tun.“

Sol grinst. „Da hat er mir was anderes gesagt.“

Lakus lacht und strubbelt ihm durch die Haare, was Sol hasst und was sein Vater weiß. Sol lässt es ihm trotzdem durchgehen. Seit die Firma ihres Vaters vor vier Monaten pleitegegangen ist, lacht Lakus nicht oft. In sein jungenhaftes Gesicht haben sich Falten gegraben, die vorher nicht da waren. Tierra findet es doppelt unfair, dass ausgerechnet er arbeitslos ist. Ihr Vater gehört zu den wenigen Erwachsenen, die ihren Beruf wirklich lieben. Er ist mit Leib und Seele Chemiker.

In dem Moment bleibt Lakus’ Blick an einem Punkt hinter ihnen haften und erneut breitet sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Cunabulas!“

Er lässt seinen Rucksack achtlos liegen und läuft los. Tierra und Sol schauen ihm hinterher, beide mit klopfendem Herzen. Da sind sie!

Was für ein eigenartiges Gefühl, dass sie gleich Menschen begegnen werden, mit denen sie so nah verwandt sind – und die sie trotzdem nicht kennen. Obendrein treffen sie sich nicht auf einer Hochzeit oder einer Geburtstagsfeier, sondern wegen einer Beerdigung. Weil jemand tot ist, den keiner von ihnen richtig gekannt hat.

„Krass, sind die blond!“, platzt es aus Sol heraus. „Hast du gewusst, dass sie sooo blond sind?“

Tierra sagt nichts, aber das ist auch ihr erster Gedanke. Das sind also ihr Cousin Zacharias und ihre Cousine Avia. Ihre Tante Dilli haben sie schon ein paarmal gesehen. Die Zwillinge sind so blond, dass ihr Haar im Licht der Nachmittagssonne fast silberweiß aussieht.

„Und ich hab gedacht, Papa und Dilli haben helle Haare!“, flüstert Tierra. „Aber im Vergleich …“

Sol starrt immer noch. „Mann, das ist praktisch Farbton Santa Claus, oder? Meinst du, dass sie deshalb alle so kurze Haare haben? Damit’s weniger auffällt?“

Wenn das tatsächlich die Strategie der anderen Cunabulas sein sollte, schlägt sie fehl. Als gäbe es rund um die Zwillinge eine Zeitlupen-Zone, werden die Leute langsamer, einige bleiben sogar stehen. Man könnte meinen, sie wären in eine klebrige Masse getreten und darin hängen geblieben. Die blassen Geschwister mit den weißen Haaren werden von Blicken durchbohrt, als wären sie Außerirdische.

„Wir sehen aus, als wenn wir ihnen die Farben geklaut hätten“, flüstert Sol mit einem vergleichenden Blick auf die langen, glatten Haare seiner Schwester und ihre olivbraune Haut.

„Hör auf, so peinlich zu glotzen!“, zischt Tierra. „Die merken das doch!“

Das tun sie allerdings.

Auch wenn Zacharias und Avia es ihr Leben lang gewohnt sind, angestarrt zu werden, macht es das nicht einfacher. Sie haben die Fähigkeit entwickelt, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie die Blicke der Leute wahrnehmen. Nicht, wenn es Fremde sind. Es gibt keinen Lerneffekt, wenn man die niederstarrt. So was kann man in einem Restaurant machen oder in der Schule. Einfach so lange zurückstarren, bis es dem anderen unangenehm wird und er wegschaut. Aber so lästig das Angestarrtwerden auch ist – Zacharias und Avia ist klar, dass sie außergewöhnlich aussehen. Es gibt nicht viele Zwölfjährige mit weißblonden Haaren und fast durchscheinend blasser Haut. Beides haben sie von ihrer Mutter. Nur die braunen Augen erinnern an ihren Vater, den sie selbst beinahe schon vergessen haben. Avia versteckt die Augen hinter einer großen Pilotensonnenbrille. Sie hat immer noch Kopfschmerzen, wenn auch nicht schlimm. Das Sonnenlicht scheint trotzdem wie feine Nadeln durch ihre Augen in ihr Gehirn zu stechen.

„Denkt bitte daran, Sol und Tierra nicht auf ihre Mutter anzusprechen!“

Avias Mutter hat sie noch ein letztes Mal daran erinnert, als sie das Gepäck vom Band hievten. Als hätte sie es nicht zu Hause schon mehrfach angesprochen.

„Oh!“ Avia tat überrascht. „Gut, dass du’s sagst. Da hätten wir nie dran gedacht. Warum sollen wir denn nicht nach ihrer Mutter fragen?“

Auch das hatte ihre Mutter ihnen in den letzten zwei Tagen mehrfach erklärt, als wären sie schwer von Begriff. Zacharias grinste, aber ihre Mutter versteht keine Ironie und Sarkasmus hält sie für einen persischen Nachtisch. Sinn für Humor ist einfach nicht Diligentias Stärke. Obwohl sie sich für schreiend komisch hält, weil sie Witze auswendig lernt, die sie dann bei der Arbeit ihren Kollegen und den Senioren im Heim erzählt. Die lachen angeblich darüber. Avia vermutet, dass sie ihre Mutter gernhaben und aus Mitleid lachen.

„Weil ihre Mutter die beiden verlassen hat“, erklärte Dilli schlicht noch einmal. „Sie ist zurück nach Mexiko. Schon vor Jahren, kurz nach der Scheidung von Lakus. Das muss ganz schrecklich gewesen sein für die armen Kinder. Jetzt sehen sie sich nur zu Weihnachten und in den Sommerferien.“

Zacharias sah seine Schwester an. Fremde hätten nicht bemerkt, dass einer der beiden auch nur einen Gesichtsmuskel bewegte. Dabei führten die Geschwister in Gedanken ein ganzes Gespräch.

Zacharias: Oh Mann.

Avia: Ja. Sie erzählt die ganze Geschichte noch mal!

Zacharias: Die ganze Geschichte.

Avia: Hättest du die beiden nach ihrer Mutter gefragt, wenn Mama nichts gesagt hätte?

Zacharias: Niemals.

Avia: Wer fragt denn andere Leute nach ihren Eltern?

Zacharias: Niemand.

Avia: Sie redet immer noch.

Zacharias: Oh ja.

„Hört ihr mir überhaupt zu?“, beschwerte sich ihre Mutter schließlich.

Erst als sie halbwegs überzeugt war, dass ihre Kinder kapiert hatten, was sie von ihnen erwartete, durften sie ihre Koffer Richtung Ausgang ziehen. Kaum hatten sich die automatischen Türen hinter ihnen geschlossen und sie standen in der Ankunftshalle, schoss auch schon ihr Onkel auf sie zu.

„Cunabulas!“

Als sie jetzt mit Lakus auf ihren Cousin und ihre Cousine zugehen, wird Avia plötzlich klar, dass ihr Onkel seinen Kindern garantiert dasselbe über ihren Papa eingetrichtert hat: „Sprecht Avia und Zacharias bloß nicht auf ihren Vater an! Er ist gestorben, als sie noch klein waren. Das muss ganz schlimm gewesen sein für die Armen!“

Schnell schaut sie auf ihre Schuhe, um das Lachen zu verstecken. Eltern sind schon komische Wesen. Fast zeitgleich hört sie ihren Bruder neben sich schnauben. Er muss den gleichen Gedanken gehabt haben. Wie üblich.

„Also!“, sagt Lakus übertrieben fröhlich. „Das sind meine Zwillinge: Tierra und Sol.“

Dilli umarmt erst Tierra und dann Sol. Avia wünschte, ihre Mutter würde das nicht tun. Es ist den beiden offensichtlich unangenehm. Avia spürt es, als wären es ihre eigenen Gefühle. Wie oft haben die beiden Avias Mutter in ihrem ganzen Leben gesehen? Fünf Mal? Jedenfalls nie länger als ein, zwei Tage. Wie merkwürdig, eine Nähe spielen zu müssen, die man nicht empfindet. Familie hat etwas mit Vertrautheit zu tun. Damit, dass man sich lange und gut kennt, Dinge übereinander weiß, die Fremde nicht wissen. Nichts davon trifft auf diese Gruppe zu, denkt Avia.

Schließlich stehen alle im Kreis und sehen einander abwechselnd an. Die anderen Passagiere in der Ankunftshalle helfen fleißig mit. Natürlich! Wer hat denn je drei Zwillingspärchen auf einem Haufen gesehen außer vielleicht bei einer medizinischen Studie? Eine rothaarige Frau im schwarzen Anzug mit grüner Krawatte macht sogar ein Handyfoto von ihnen. Avia sieht, dass Sol der Frau hinter dem Rücken den Mittelfinger zeigt. Die zieht eine Augenbraue hoch und schüttelt empört den Kopf, als wäre es Sol, der sich unmöglich benimmt.

„Hi“, sagt Tierra schließlich und Avia lächelt sie an.

„Hi“, sagt Sol.

Avia lacht. „Auch hi.“

Zacharias hebt die Hand und lächelt.

Daraufhin tauschen Diligentia und Lakus einen Blick. Dilli wirkt etwas enttäuscht, Lakus ungeduldig. Was haben sie erwartet? Freudentänze und Tränen der Rührung? Keiner von beiden hätte es zugegeben, aber die Antwort lautet: Ja, ein bisschen zumindest. Als wäre Familie ein Instantpulver, das man nur anrühren muss.

„Ihr seid übrigens Cousins und Cousinen ersten Grades“, sagt Lakus. „Also fast wie Geschwister.“

Alle Augen richten sich auf ihn. Selbst Dilli scheint die Aussage merkwürdig zu finden.

„Und warum sind wir uns dann noch nie begegnet?“, fragt Sol.

Zacharias nickt, Tierra verschränkt die Arme.

„Gute Frage“, sagt Avia.

Lakus hebt verlegen seinen Rucksack hoch und wirft ihn sich über die Schulter. Er findet die Frage gar nicht gut.

„Hm. Also, ihr habt doch immer Fotos gesehen.“ Er blickt sich nach dem Ausgang um, als wäre der schwer zu finden. Es sind die großen Glastüren Richtung Straße. Man kann sich hier eigentlich nicht verlaufen, aber Lakus hat ein Talent dafür.

„Ja, das ist fast dasselbe“, meint Sol. „Hast du Hunger, Papa? Dann zeig ich dir ein Foto von einem Hamburger.“

Avia prustet los und Sol grinst sie erfreut an. Im Gegensatz zu seiner Tante ist er tatsächlich witzig. Und über Publikum freut er sich immer.

„Soll ich deine Tasche nehmen?“, fragt er seine Cousine auch sofort ritterlich, als ihre Eltern losmarschieren.

„Sol trainiert seit einem Jahr mit Gewichten“, erklärt Tierra Zacharias extralaut. „Er hat Angst, dass das nicht jeder sofort merkt, deshalb hebt er gern schwere Dinge auf, um zu zeigen, wie leicht ihm das fällt.“

Zacharias grinst und Avia lacht wieder.

„Tierra ist nervig und zickig“, ergänzt Sol hilfreich. „Aber das merken alle sofort.“

Die Geschwister strecken sich gegenseitig die Zunge raus. Avia und Zacharias tauschen grinsend einen Blick.

Avia: Ich glaub, ich mag die beiden.

Zacharias: Ich auch.

Lakus legt seiner Schwester Dilli den Arm um die Schultern. „Gott sei Dank“, sagt er laut zu ihr. „Sol und Tierra haben nicht ein Mal gestritten, seit die Nachricht von Omas Tod gekommen ist. Ich hab schon gedacht, es stimmt was nicht.“

Sol sagt nichts dazu. Tierra verdreht nur die Augen.

Als Lakus und Dilli vor dem Flughafen zielstrebig nach rechts gehen, pfeift Sol sie zurück.

„Hier entlang. Wir brauchen doch ein Taxi, oder?“

Lakus dreht um und folgt seinem Sohn. Niemand widerspricht Sol, wenn es um seinen Orientierungssinn geht. Lakus hingegen hat überhaupt keinen. Wenn er in einem Restaurant auf die Toilette geht, findet er meistens den Tisch nicht mehr wieder, an dem seine Kinder sitzen. Sol winkt einem Großraumtaxi, dessen Fahrer sofort aussteigt. Dabei hält er das rechte Bein etwas steif von sich gestreckt. Der Mann hat graue Locken und blaue Augen. Sein Gesicht ist von feinen Falten durchzogen und wirkt freundlich. Als er ums Auto herumkommt, wird klar, dass er leicht humpelt. Ungefragt hilft Sol ihm, das Gepäck im Bus zu verstauen.

„Ist eure Mutter auch so total humorlos wie unser Vater?“, erkundigt sich Tierra inzwischen bei Zacharias.

Der nickt, ohne zu zögern.

„Unsere Mutter ist brüllend komisch“, antwortet Avia ironisch.

„Och, danke, Schatz“, erwidert Dilli geschmeichelt, während sie auf die Rückbank des Taxis klettert. „Das hast du noch nie gesagt.“

Avia steigt hinter ihr ein und verdreht dabei die Augen. Natürlich hat sie das Gegenteil gemeint. Doch Zacharias stößt seine Schwester mit dem Ellenbogen an und schüttelt streng den Kopf. Er mag es nicht, wenn Avia ihre Mutter auf den Arm nimmt. Oder ihr widerspricht. Oder wegen irgendeiner Entscheidung diskutiert. Zacharias ist immer auf Avias Seite. Es sei denn, es geht um ihre Mutter, dann ist er auf Dillis Seite. Avia versteht zwar, warum das so ist, aber es stört sie trotzdem manchmal.

Lakus setzt sich neben den Fahrer.

„Es ist ein bisschen weiter weg“, erklärt er. „Wir müssen nach Bergklammheim am Saphirsee.“

„Ja, das ist schon ein Stück“, meint der Fahrer. Die Zwillinge erkennen den Kärntner Dialekt ihrer Urgroßmutter Flora, obwohl er mit ihnen Hochdeutsch redet. Der Mann fährt los und reiht sich in den Feierabendverkehr ein. „Da werden wir länger wie eine Stunde brauchen. Welche Adresse ist es genau?“

„Quellweg acht.“

Der Fahrer sieht Lakus mit plötzlichem Interesse an. „Zur Villa Cunabula?“

„Die kennen Sie?“, fragt Dilli vom Rücksitz her überrascht.

„Die kennt jeder bei uns“, lautet die Antwort. Er blinkt und fährt auf die Autobahn auf. „Haben Sie am Ende die Frau Cunabula selber gekannt?“, fragt er neugierig.

„Sie war unsere Großmutter“, sagt Lakus ebenso verblüfft wie seine Schwester. „Die Urgroßmutter der Kinder.“

Der Taxifahrer betrachtet die Zwillingspärchen im Rückspiegel.

„Seid’s ihr zum ersten Mal da?“

„Ja“, antwortet Dilli an ihrer Stelle. „Sie sind zum ersten Mal überhaupt in Österreich.“

„Na dann“, sagt der Mann. „Willkommen daheim.“

Vielleicht sollten Zacharias, Avia, Tierra und Sol überrascht sein, dass man sie „daheim“ willkommen heißt, wo sie doch zum ersten Mal hier sind. Sie sind es nicht. Auch wenn nur Tierra darüber nachdenkt, woran das liegen mag.

„Sollen wir ein Spiel spielen?“, fragt Lakus vom Beifahrersitz aus. „Ich sehe was, was du nicht siehst?“

„Oder ich erzähl Witze“, bietet Dilli an. „Ruft ein Mann einen Bekannten an und sagt: ‚Meine Frau hat mich verlassen, weil ich ihr zu pessimistisch war.‘ Fragt der Bekannte: ‚Sehen Sie denn wirklich immer gleich schwarz?‘ Sagt der Mann: ‚Oh, Moment – meine Frau kommt grad zur Tür rein. Offenbar hat sie nur den Müll rausgebracht …‘“

Der Taxifahrer lacht, was ehrlich klingt. Lakus grinst. Sol stöhnt und Zacharias sieht ihn warnend an.

„Hey“, sagt Avia laut und zwinkert Tierra zu. „Was ich unbedingt fragen wollte: Wie geht’s eigentlich eurer Mutter?“

Eine Sekunde lang beherrscht Dillis entsetztes Schweigen das Auto. Dann platzen Tierra, Sol und Zacharias fast vor Lachen. Sogar Lakus stimmt mit ein. Nur Dilli und der Taxifahrer verstehen nicht, was gerade passiert. Niemand wird Diligentia Cunabula je erklären können, warum irgendjemand so etwas völlig Unpassendes lustig findet.

Doch sogar sie merkt, dass dieses Lachen der Anfang von etwas ist. Vielleicht von etwas, das auszusprechen sich noch nicht ganz richtig anfühlt. Es gibt einen Grund, warum das meiste, was wächst, erst mal im Dunkeln anfängt zu keimen.

Heb vorm Holler den Hut

Schwarzer Holunder – Sambucur nigra

Die Muttergöttin der Germanen hatte viele Namen: Frigg, Frigga, Freya, Holla, Frau Holle, Percht. Aber nur eine Lieblingspflanze: Schwarzen Holunder.

Er gibt uns köstliche Blüten und herrliche Beeren (die roh giftig sind!). Er schützt Familie und Haus vor Blitz und Feuer und bösen Einflüssen. Der Holunder im Garten ist ein Lebensbaum. Zolle ihm Respekt und ziehe stets den Hut vor ihm! Keinesfalls darfst du ihn schneiden oder verletzen! Willst du Blüten oder Beeren sammeln, musst du zuvor stets die Hexe in seinem Stamm um Erlaubnis bitten.

Der Holunderbusch ist ein Tor zur Anderwelt. Deshalb wohnen angeblich gern Hauskobolde unter seinen Zweigen. Zur Zeit der Raunächte nach der Wintersonnenwende bringt man ihm Geschenke dar – Gebäck, Süßigkeiten oder einen Schluck Bier.

Doch wisse: Wenn der Holunder verdorrt, holt der Tod einen aus der Familie fort.

Zu den Wurzeln

Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir drinnen oder nirgends.

Hermann Hesse

D