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Der BOOKTOK-Hype geht weiter!
Kris will nur eines: ihre zukünftige Stiefmutter loswerden. Sie ist überzeugt, dass die Verlobte ihres Vaters nur auf sein Geld aus ist, und beschließt, die Hochzeit zu verhindern. In dem bislang unbekannten Schauspieler Nate sieht sie aufgrund seines verführerischen Charmes den perfekten Komplizen. Sie bietet ihm einen hohen Betrag, damit er ihre zukünftige Stiefmutter verführt. Nate hat das Geld bitter nötig, sorgt er doch für seine kleine Schwester und seinen Vater, und erklärt sich einverstanden. Er hat nur eine zusätzliche Bedingung: einen Kuss von Kris — zu einem Zeitpunkt, den er wählt. Kris stimmt zu und ahnt nicht, dass sie mit diesem Deal ihr Herz aufs Spiel setzt ...
»Die Beziehung zwischen Kris und Nate ist fantastisch. Ihre Verbindung ist stark und die Chemie unglaublich. Ich habe die Entwicklung ihrer Beziehung geliebt!« ONE BOOK MORE
Band 3 der Debütreihe von SPIEGEL-Bestseller-Autorin Ana Huang
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Seitenzahl: 556
Veröffentlichungsjahr: 2025
Titel
Zu diesem Buch
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Epilog
Danksagung
Die Autorin
Die Bücher von Ana Huang bei LYX
Impressum
ANA HUANG
If Love Had A Price
Roman
Ins Deutsche übertragen von Anika Klüver
Als reiche Erbin schwimmt Kris Carrera im Geld und hat die Erfahrung gemacht, dass sie damit jedes Problem aus der Welt schaffen und sich alles kaufen kann. Daher ist das auch ihre Lösung, als sie den Plan schmiedet, ihre zukünftige Stiefmutter loszuwerden. Gloria ist kaum älter als Kris und hat es in deren Augen nur auf das Geld ihres Vaters abgesehen. Um ihm das zu beweisen und die Beziehung zu sprengen, engagiert Kris den unbekannten Schauspieler Nate Reynolds. Sie bietet ihm viel Geld, damit er die Verlobte ihres Vaters verführt. Und wie gelingt das am besten? Ganz einfach: Indem sie vorgeben, ein Paar und schrecklich verliebt zu sein. Denn Kris weiß, dass Gloria immer das will, was sie hat. Nate willigt nach einigem Zögern ein, braucht er doch zum einen das Geld, weil er nach dem Tod seiner Mutter für seine kleine Schwester und seinen trauernden Vater sorgt, zum anderen aber auch, weil ihn etwas an Kris und ihrer kühlen Art fasziniert. Neben dem Geld hat er nur eine zusätzliche Bedingung: einen Kuss von Kris zu einem Zeitpunkt seiner Wahl. Doch mit jedem Fake Date kommen sich die beiden näher, und schon bald sind echte Gefühle im Spiel, die den ganzen Plan gefährden und alles ins Wanken bringen, das Kris für sicher hielt.
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Deshalb findet ihr hier eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler
für das gesamte Buch!
Wir wünschen uns für euch alle
das bestmögliche Leseerlebnis.
Euer LYX-Verlag
Price Tag – Jessie J
California Gurls – Katy Perry
Billionaire – Travie McCoy
Heart Attack – Demi Lovato
California Love – 2Pac
All I Know – DaniLeigh
West Coast – Lana Del Rey
Beautiful Dirty Rich – Lady Gaga
Summer Love – Justin Timberlake
Money Honey – Lady Gaga
Love Don’t Cost a Thing – Jennifer Lopez
Bleeding Love – Leona Lewis
»Ich werde dir zehntausend Dollar dafür zahlen, dass du es mit meiner Stiefmutter treibst.«
Kris verzog den Mund zu einem leichten Lächeln, als der grünäugige Adonis stehen blieb und sich zu ihr herumdrehte. Sein attraktives Gesicht war zu einer merkwürdigen Maske aus Langeweile und Fassungslosigkeit verzogen.
Er hatte sie den Großteil des Sommers über ignoriert, was sie nicht gerade zu schätzen wusste.
Niemand ignorierte Kris Carrera.
Aber er war perfekt für ihren Plan, also war sie bereit, nett zu sein. Und mit »nett« meinte sie, dass sie ihm nicht die Eier abreißen würde, um sie den Silberlöwinnen vorzuwerfen, die als Rudel über den Rodeo Drive pirschten und leicht an ihren miesen Botoxbehandlungen und geschmacklosen Versace-Accessoires zu erkennen waren.
Oh, und ihr Angebot in Höhe von zehntausend Dollar war auch nicht übel. Aber für die Tochter eines der reichsten Männer in Amerika waren zehn Riesen kaum mehr als Peanuts.
»Du verwechselst mich mit jemand anderem.« Adonis’ träge, gedehnte Worte glitten so glatt und dunkel wie Onyx über ihre Haut. Auf den ersten Blick wirkten sie geschliffen, aber unter der Oberfläche waren sie rau. »Ich bin kein Prostituierter.«
Kris’ Lächeln nahm scharfe Züge an. Sie überwand den Abstand zwischen ihnen, bis sie jede einzelne sonnengeküsste Strähne seines welligen braunen Haars zählen und den nur leicht verhüllten Zorn sehen konnte, der in seinen grünen Augen funkelte.
Der Zorn war interessant. Sie ging davon aus, dass es den wenigsten Leuten gefallen würde, als jemand abgestempelt zu werden, der sich prostituierte. Aber die Anspannung in seinem Kiefer verriet ihr, dass hinter seiner Verärgerung noch mehr steckte.
Hätte es Kris interessiert, hätte sie sich Gedanken über den Grund gemacht.
Doch es interessierte sie nicht.
Kris interessierte sich einzig und allein dafür, ihre zukünftige Stiefmutter, die nicht nur falsche Brüste hatte, sondern auch noch eine Goldgräberin war, auf die Straße zu setzen, und Adonis würde ihr dabei helfen, das zu bewerkstelligen.
Er war genau Glorias – auch bekannt als das Stiefmonster – Typ: braun gebrannt, muskulös und so umwerfend, dass er aussah, als wäre er gephotoshopt. Bonuspunkte gab es dafür, dass er in der Lage war, mehr als zwei Wörter in einem zusammenhängenden Satz zu verbinden, ohne den Ausdruck »Alter« zu verwenden.
Tatsächlich war er der Typ jeder heterosexuellen Frau und der perfekte Kandidat für den Job. Sie musste ihn nur noch davon überzeugen.
»Ich hätte mich deutlicher ausdrücken sollen«, schnurrte Kris. »Ich werde dir zehntausend Dollar zahlen, damit du sotust, als würdest du es mit meiner Stiefmutter treiben. Ob du sie tatsächlich vögelst, interessiert mich nicht.«
Adonis stieß ein bellendes Lachen aus – es war ein tiefer, heiserer Laut, der ihren Magen dazu brachte, einen seltsamen Hüpfer zu vollführen.
Hoffentlich ist das nicht das Sandwich, das ich vorhin gegessen habe, dachte sie.
Falls sich Kris eine Lebensmittelvergiftung eingefangen hatte, würde sie das Café, das sie gerade verlassen hatten, in Grund und Boden klagen, was eine verdammte Schande wäre, denn sie mochte den Laden. Das Alchemy lag zwischen der Beverly-Hills-Villa ihrer Familie und ihrem Ferienjob als Assistentin bei Bobbi Rayden, der Spitzenpressesprecherin für Leute aus Hollywood. Es war ein luftiger Hafen aus perfekt gemachtem Latte Macchiato und attraktiven Hinguckern – darunter auch der kantige Traumtyp, der vor ihr stand.
Seinen richtigen Namen kannte sie nicht, also hatte sie ihn insgeheim Adonis getauft, nach dem schönen griechischen Jüngling, der sogar den Göttern den Kopf verdreht hatte. Er arbeitete als Kellner im Alchemy, allerdings würde sie ihren letzten Dollar darauf verwetten, dass er außerdem ein aufstrebender Schauspieler oder Rockstar war.
Schließlich war das hier L. A.
»Süße, du musst auf Drogen sein. Ich werde mich nicht einmal in die Nähe deiner Stiefmutter begeben, falls du überhaupt eine hast.« Adonis zog die Augenbrauen zusammen. »Wenn das hier so was wie ›Versteckte Kamera‹ sein soll, dann verschwendest du meine Zeit. Ich mache keine Sachen fürs Reality-TV – vor allem keine, denen ich nicht zugestimmt habe.«
In Kris sträubte sich alles, einerseits, weil er sie so spöttisch »Süße« genannt hatte, und andererseits, weil er ihre Zeit verschwendete, indem er sich so stur aufführte.
Außerdem ärgerte es sie, dass er gegen ihren Charme immun zu sein schien. Kris ließ sich nur selten auf einen Flirt oder romantische Affären ein, aber sie erwartete schon eine gewisse Menge an Begeisterung, wenn sie ihren Charme voll aufdrehte. Große braune Augen, volle Lippen und eine zierliche, kurvige Figur – zu der zwei natürliche Brüste in Körbchengröße 80 D gehörten – genügten normalerweise, um die Aufmerksamkeit eines Kerls auf sich zu ziehen.
Aber nein, Adonis wirkte in etwa so interessiert wie ein Eunuch aus Pappe.
Verärgerung machte sich in ihr breit.
»Das hier ist nicht ›Versteckte Kamera‹.« Als würde sich Kris mit so etwas Geschmacklosem wie Reality-TV abgeben. »Meine Zeit ist kostbar, und ich werde sie nicht damit verbringen, mit dir zu diskutieren, also hier die Kurzfassung: Mein Vater wird diesen Herbst seine Verlobte heiraten, die nichts anderes als eine Goldgräberin ist, und weigert sich, das zu erkennen, also werde ich ihn dazu zwingen, Vernunft anzunehmen. Mit anderen Worten: Ich werde sie mit nichts als den billigen Klamotten am Leib vor die Tür setzen, die sie trug, als sie ihn in dieser Bar, in der sie arbeitete, verführte.«
»Und das willst du fertigbringen, indem du jemanden anheuerst, der es mit deiner zukünftigen Stiefmutter treibt … entschuldige, der sotut, als ob er es mit ihr treibt.« Der Sarkasmus war nicht zu überhören.
»Und indem ich sie dabei fotografieren lasse.« Kris zuckte mit den Schultern. »Sie würde meinen Dad betrügen, ohne mit der Wimper zu zucken, sobald sie Mrs Carrera ist. Ich bewahre ihn vor zukünftigem Herzschmerz.«
Kris liebte ihren Dad, auch wenn er so beschäftigt war, dass sie ihn nur ein paar Wochen im Jahr sah. Sie wusste, dass er etwas Besseres abbekommen konnte als dieses rothaarige Miststück Gloria.
Ganz zu schweigen davon, dass Kris dem Stiefmonster immer noch nicht dafür vergeben hatte, dass es ihren Vater davon überzeugt hatte, ihr während der Weihnachtsferien den Geldhahn zuzudrehen.
Zum Glück war Roger Carrera bald eingeknickt, nachdem seine Tochter ihn mit Schweigen gestraft hatte, und hatte Kris’ Kreditkartenprivilegien wieder freigegeben – wenn auch mit einem monatlichen Limit –, doch Kris vergaß nie eine Kränkung.
Sie würde dafür sorgen, dass Gloria für diese Einmischung bezahlte.
»Warum bist du dir so sicher, dass sie ihn betrügen wird?« Der Zorn war aus Adonis’ Augen gewichen, und nun schimmerte spöttische Belustigung in ihnen.
Kris zählte die Gründe an ihren Fingern ab. »Erstens: Sie ist halb so alt wie er und sieht wie Jessica Rabbit aus, während mein Dad trotz all seiner Liebenswürdigkeit nicht gerade George Clooney ist. Zweitens: Sie hat keinerlei Moral. Drittens: Der Art nach zu urteilen, wie sie andere Kerle mit den Augen auszieht, steht sie auf junge, muskulöse Schönlinge.« Sie ließ den Blick über Adonis’ geschwungene Lippen, kantigen Kiefer und breite Schultern wandern. »Jemanden wie dich.«
Auch wenn sie sich nicht sicher war, ob Adonis als Schönling durchging. Er war schön, aber er strahlte eine rohe, intensive Männlichkeit aus, die den meisten der perfekten glatten Ken-Puppen in L. A. versagt war.
Als ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, verzog Kris das Gesicht zu einer kleinen Grimasse.
Sie war eindeutig zu lange in der sogenannten Stadt der Engel gewesen, denn ihr innerer Dialog ähnelte langsam, aber sicher dem einer schlecht geschriebenen Figur aus einer romantischen Komödie.
»Ich fühle mich geschmeichelt.« Der Sarkasmus war zurück. Eine Brise wehte vorbei und zerzauste Adonis’ Haar. »Aber die Antwort lautet immer noch Nein.«
Kris schnappte ungläubig nach Luft. »Soll das ein Witz sein? Wir reden hier von zehntausend Dollar. Du musst sie nicht mal küssen. Lass es einfach so aussehen, als würdest du es mit ihr treiben. Du bist doch Schauspieler, oder etwa nicht?«
Adonis zog ruckartig die Augenbrauen hoch. »Woher weißt du das?«
»Bitte. Das hier ist L. A. Wenn du ein gut aussehender Kellner bist, besteht eine fünfundachtzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass du gleichzeitig ein aufstrebender Schauspieler bist.«
»Gut getroffen.« Er rieb sich den Kiefer. »Aber warum ich? In L. A. gibt es jede Menge Schauspieler, die sich auf eine solche Gelegenheit stürzen würden.«
»Das habe ich dir doch schon erklärt. Du entsprichst dem Typ meines Stiefmonsters.« Kris würde es niemals zugeben, aber auch sie fand Adonis interessant. Seitdem sie vor drei Wochen in L. A. gelandet war, war sie Stammkundin im Alchemy, und er war das einzige männliche Mitglied des Personals, das sie nie beachtet hatte, außer um zu fragen, ob er ihr nachschenken solle. Das und die Tatsache, dass er gerade zehntausend Dollar abgelehnt hatte – Geld, das er dringend brauchte, wenn das heruntergekommene alte Auto, in das er gerade hatte steigen wollen, als sie ihn aufgehalten hatte, ein Hinweis war –, machten ihn ein klein wenig interessanter als all die anderen Y-Chromosomenträger.
Kris wandte den Blick von dem ramponierten alten Auto ab. Der bloße Anblick seines zerkratzten Lacks und seiner verbeulten Fahrertür löste ein unangenehmes Jucken ihrer Haut aus. Dieses traurige alte Ding war wie die visuelle Entsprechung von Polyester.
»Und ich habe dir erklärt, dass ich keine männliche Hure bin«, erwiderte Adonis sanft.
Die Luft zwischen ihnen knisterte vor Anspannung, und die feinen Härchen in Kris’ Nacken prickelten vor Unbehagen. Ihre Sinne waren noch nie wacher gewesen. Sie nahm alles wahr: von der Art, wie sich Adonis’ muskulöse Brust hob und senkte, bis hin zu dem kein bisschen unangenehmen Duft nach Kaffee und Leder, den seine Kleidung verströmte.
»Wir drehen uns im Kreis.« Kris hatte Mühe, ihre kühle Miene aufrechtzuerhalten. »Wie ich schon sagte, du musst nicht wirklich mit ihr schlafen. Das ist ein Schauspieljob. Du würdest die Rolle ihres Liebhabers spielen. Verführe sie, bring sie in eine kompromittierende Situation, von der mein Privatdetektiv ein paar schnelle Fotos schießen kann, und schon wirst du um zehntausend Dollar reicher sein. Einen einfacheren Job könnte man sich doch gar nicht wünschen!«
Adonis lehnte sich an sein Auto und verschränkte die Arme vor der Brust. Mit seinem durchdringenden Blick und seiner lässigen, sorglosen Haltung ähnelte er einem modernen James Dean mit einer Prise Liam Hemsworth.
»Mach fünfzehntausend draus, dann werde ich darüber nachdenken.«
Fassungslosigkeit überkam Kris. »Du willst mich wohl auf den Arm nehmen. Du verhandelst mit mir?« Für wen zum Teufel hielt er sich? »Zehn Riesen sind bereits eine Menge für einen minimalen Arbeitsaufwand. Für diesen Preis könnte ich jeden Möchtegernschauspieler in dieser Stadt anheuern.«
»Dann tu das.« Als sie daraufhin einfach nur schwieg, zupfte ein spöttisches Lächeln an Adonis’ Mundwinkeln. »Wenn es so leicht wäre, würdest du nicht mit einem Kellner auf einem Parkplatz diskutieren.« Irgendwie ließ er das Wort »Kellner« wie eine Beleidigung Kris gegenüber klingen, obwohl er selbst es war. »Was darf es sein, Prinzessin?«
Sie biss die Zähne zusammen. »Für fünfzehntausend machst du es?«
»Ich werde darüber nachdenken.«
Kris war kurz davor, ihm einen Schlag in sein perfektes Gesicht zu verpassen. Sie hätte heute ihren Cocktailring von Dior tragen sollen – dann hätte ihr Schlag richtig wehgetan.
»Meinetwegen.« Ihre Zustimmung überraschte sie selbst. »Gib mir dein Handy.«
Adonis kam der Aufforderung wortlos nach – eine weitere Überraschung. Kris hatte damit gerechnet, dass er ihre Bitte ablehnen würde, wenn sie bedachte, wie fest entschlossen er zu sein schien, ihr das Leben schwer zu machen.
Sie fügte ihre Nummer seinen Kontakten hinzu und schrieb sich selbst eine Nachricht von seinem Handy. »Wie heißt du?«
»Nate.«
Nate. Irgendwie passte das zu ihm.
»Ich bin Kris mit K.« Sie gab ihm das Handy zurück. Ihr Ton war knapp und entschlossen. »Du hast achtundvierzig Stunden, um dich zu entscheiden. Wenn ich bis fünf Uhr am Montagnachmittag nichts von dir höre, geht das Angebot an jemand anderen – an jemanden, der nicht dumm genug ist, sich das beste Geschäft seines Lebens durch die Lappen gehen zu lassen.«
»Prinzessin, damit das hier das beste Geschäft meines Lebens wäre, müsstest du mir deutlich mehr als fünfzehntausend anbieten.« Nate lenkte seinen Blick auf ihre Lippen, und die winzige Bewegung lud seine Worte mit einer erotischen Kraft auf, die einen unerwarteten Schwall Hitze durch Kris’ Körper jagte. Sein spöttisches Lächeln kehrte zurück. »Wir sprechen uns in achtundvierzig Stunden. Oder auch nicht.«
Er stieg in sein Auto und fuhr davon. Kris blieb wutentbrannt und seltsam erregt auf dem Parkplatz zurück.
Nate Reynolds’ gute Laune verflüchtigte sich schlagartig, als er sein Haus betrat. Die von Alkohol durchtränkte Luft verstopfte seine Nasenlöcher, und der vertraute Anblick seines Vaters, der bewusstlos und mit einer halb leeren Flasche Jack Daniel’s in der Hand auf der Wohnzimmercouch lag, verscheuchte jegliche noch verbliebene Belustigung, die Nate nach seiner Unterhaltung mit der schönen Brünetten vom Parkplatz verspürt hatte.
Kris.
Sie war eine Lieblingskundin der männlichen Mitarbeiter im Alchemy, seit sie vor ein paar Wochen zum ersten Mal im Café aufgetaucht war. Mittlerweile war sie ein Stammgast, aber ihr perfektes Haar und ihre Designerklamotten schrien förmlich »verwöhnte Prinzessin«, weswegen Nate darauf verzichtet hatte, auch nur ansatzweise mit ihr zu flirten. Seine Kollegen konnten von ihrem sinnlichen Aussehen und ihrer reservierten Überheblichkeit schwärmen, soviel sie wollten, aber hochnäsige reiche Gören waren nicht sein Typ.
Allerdings hatte sie sich nun als interessanter herausgestellt, als er vermutet hatte – sie hatte Feuer und eine scharfe Zunge und war keinesfalls so langweilig und hohl wie die wenigen Erbinnen, auf die er sich in der Vergangenheit eingelassen hatte. Kris’ extravagantes fünfstelliges Angebot hatte dabei auch nicht geschadet. Nate mochte verwöhnte reiche Gören nicht ausstehen können, aber er hatte kein Problem damit, ihr Geld anzunehmen. Und Gott wusste, dass seine Familie dringend Kohle brauchte. Allerdings wurde ihm bei der Vorstellung übel, seinen Körper für Bargeld zu verkaufen – selbst wenn er nur so tun sollte.
Nate hatte achtundvierzig Stunden, um zu entscheiden, ob seine Moralvorstellungen und sein Selbstwertgefühl das Dach über seinem Kopf wert waren.
Darum werde ich mich später kümmern.
Jetzt gerade hatte er dringendere Probleme – er musste seinen Vater nach oben in sein Zimmer schaffen und das Haus lüften, um den widerlichen Whiskeygestank loszuwerden, bevor Skylar nach Hause kam.
Michael Reynolds ächzte und bewegte sich im Schlaf. Er war einmal ein attraktiver Mann gewesen, mit dem gleichen ausgeprägten Knochenbau und der gleichen olivfarbenen Haut wie sein Sohn. Doch Alter, Trauer und Alkohol hatten ihn in die Hülle der Person verwandelt, die er einst gewesen war.
Eine vertraute Mischung aus Verbitterung, Resignation und Erschöpfung brodelte in Nates Adern, als er alle Fenster öffnete und im Wohnzimmer ein zitronig duftendes Spray versprühte, das Skylar bei ihrer letzten Tour zum Walmart gekauft hatte. Er brachte die Sachen in Ordnung, die Michael umgestoßen hatte – den Schirmständer in dem winzigen Flur, das gerahmte Bild eines zehnjährigen Nate und einer vierjährigen Skylar auf dem Beistelltisch –, bevor er sich an den Versuch machte, seinem Vater den guten alten Jack aus den Händen zu reißen.
Michael regte sich. Nichts brachte ihn so sehr in Fahrt wie die Bedrohung, dass er von seinem kostbaren Alkohol getrennt werden könnte.
»Nate?« Er blinzelte seinen Sohn mit wässrigen, blutunterlaufenen Augen an. »Was machst du hier?«
»Ich wohne hier«, erwiderte Nate knapp. »Hast du das hier etwa den ganzen Tag gemacht?«
Michael hätte eigentlich auf Jobsuche sein sollen. Die Baufirma, für die er gearbeitet hatte, hatte ihn gefeuert, weil er zu spät und betrunken zur Arbeit erschienen war, und er hatte behauptet, dass er bald einen neuen Job finden würde.
Das war vor zwei Monaten gewesen.
»Ich hab ein paar Lebensläufe rausgeschickt«, murmelte Michael. »Was danach passiert ist, weiß ich nicht. Muss eingeschlafen sein.«
Nate atmete beherrscht aus. Seine Geduld mit seinem Vater war schon lange aufgebraucht. Er verstand Michaels Herzschmerz – er und Skylar kämpften gegen dieselbe Trauer an. Egal wie viele Jahre vergingen, die Trauer hielt sich in ihrem Haushalt wie ein dunkler Nebel, der einfach nicht verschwinden wollte.
Doch das Leben blieb nicht stehen, nur weil man traurig war, und Michael hatte zwei Kinder, um die er sich kümmern musste. Seit er seine Verantwortung zugunsten eines Vergessens eingetauscht hatte, das er nur in der Flasche fand, hatte Nate faktisch die Rolle des Familienoberhaupts übernommen.
Er war dreiundzwanzig, verhielt sich aber Michael gegenüber mehr wie ein Vater als umgekehrt.
»Geh duschen und zieh dich an. Skylar wird bald zu Hause sein«, befahl Nate.
Er wusste, wann sich ein Kampf lohnte. Michael wegen der Jobsuche Druck zu machen, wenn er in diesem Zustand war, hatte keinen Zweck – er würde Nate einfach nur mit diesem leeren Ausdruck in den Augen anstarren, als hätte er jeglichen Lebenswillen verloren.
Im Grunde genommen war vor fünf Jahren genau das passiert, als Joanna Reynolds in ein Flugzeug nach Hause einstieg, nachdem sie ihre beste Freundin in Chicago besucht hatte. Sie war nie angekommen. Ihr Flugzeug versagte aufgrund einer mechanischen Fehlfunktion und stürzte in den Rocky Mountains ab. Keiner der Insassen überlebte das Unglück, und zurück blieben Dutzende am Boden zerstörte Familien, darunter auch Nates.
Michael hatte Mühe, sich aufzusetzen. »Hast du diese Woche irgendwelche neuen Rollen bekommen?«, fragte er.
Sowohl er als auch Nate träumten davon, dass Nate ein erfolgreicher Schauspieler werden würde, allerdings hatten sie dafür vollkommen unterschiedliche Beweggründe. Schon seit seiner Kindheit bestand Nates größter Wunsch darin, die große Leinwand zu erobern. Michael dagegen wollte einfach nur, dass sein Sohn genug Geld verdiente, um ihn weiterhin mit Alkohol versorgen zu können.
Tja, das konnte er sich abschminken.
Sobald Nate das nötige Bargeld hatte, würde er seinen Vater in die beste Entzugsklinik verfrachten, die er fand. Vielleicht konnte er auf diese Weise die Bruchstücke seiner Familie wieder zu einem Ganzen zusammenfügen.
»Ich hatte einen Auftrag als Model«, sagte Nate und wich damit der Frage aus, während er einen Arm um Michaels Schulter schlang und diesen auf die Füße zog.
Nate nahm hin und wieder einen Gelegenheitsjob an, um das Gehalt vom Café aufzubessern – er arbeitete dann als Model, Caterer oder Barkeeper. Was genau er machte, spielte keine Rolle, solange man ihn bezahlte. Jeder Dollar zählte.
Die Reynolds waren nicht bettelarm. Andere Familien befanden sich in sehr viel größeren finanziellen Schwierigkeiten als sie. Aber mit Michaels Arbeitslosigkeit und Alkoholsucht, Skylars Ausgaben für das letzte Jahr auf der Highschool vor dem Abschluss und Nates Schauspielambitionen waren sie ziemlich knapp bei Kasse. So sehr, dass Nate jeden Monat schreckliche Angstzustände plagten, wenn es auf den Tag zuging, an dem die Miete fällig wurde.
Wäre Nate selbstlos gewesen, hätte er ihre Ausgaben drastisch beschränkt und seine Träume von einer Hollywoodkarriere aufgegeben. Karriere im Filmgeschäft zu machen, war nicht billig – man brauchte Porträtaufnahmen, Schauspielunterricht und eine unverhältnismäßig große Menge Benzin, um quer durch L. A. zu Vorsprechterminen und Veranstaltungen zu fahren, auf denen man Kontakte knüpfen konnte. Das summierte sich. Mit dem Schauspielunterricht hatte er zwar aufgehört, als Michael seinen Job verlor, aber es reichte trotzdem nicht.
Allerdings war Nate weder ein Finanzgenie noch ein Heiliger. Er war ein Dreiundzwanzigjähriger mit einem Traum. Man mochte ihn egoistisch nennen, aber er wollte verdammt sein, wenn er sich seine Hoffnungen ebenso leicht nehmen lassen würde wie seine Jugend.
Seit seinem achtzehnten Lebensjahr schaffte er es, die Verantwortung eines Erwachsenen zu tragen, der doppelt so alt war wie er. Nun musste er nur noch den großen Durchbruch in seiner Karriere schaffen.
Nur einer. Mehr brauche ich nicht.
Draußen schlug eine Autotür zu.
Nate versteifte sich und legte an Tempo zu, bis er das Schlafzimmer seines Vaters erreichte und Michael unbeholfen auf das Bett verfrachtete. Als er ihm endlich die Schuhe ausgezogen, ihn unter die Bettdecke gesteckt und die Vorhänge zugezogen hatte, war Michael schon wieder vollkommen weggetreten.
»Dad? Bist du zu Hause?« Skylars Stimme hallte die Treppe hinauf bis in den ersten Stock.
Nate schloss die Tür des Schlafzimmers seines Vaters hinter sich und fing seine Schwester im Wohnzimmer ab. Sie trug ein blau-weißes Trikot und dazu passende Shorts und hatte einen Fußball unter dem Arm. Ihr lächelndes Gesicht war gerötet und ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie hatte die grünbraunen Augen und goldenen Locken ihrer Mutter geerbt, und manchmal brach diese Ähnlichkeit Nate fast das Herz.
Skylars Gesicht erhellte sich, als sie ihn entdeckte.
»Nate! Du bist schon früher zu Hause.« Sie überrumpelte ihn mit einer verschwitzten Umarmung und lachte, als er so tat, als würde er angewidert das Gesicht verziehen.
Sie umarmte ständig Leute, egal zu welchem Zeitpunkt und in welcher Situation.
»Verzieh dich. Du stinkst.« Der neckende Tonfall in seiner Stimme milderte seine Worte.
»Kein Wunder. Ich komme ja auch gerade vom Fußball.« Skylar verdrehte die Augen und rümpfte dann die Nase. »Eigentlich stinkt dieses ganze Zimmer. Igitt.«
»Daran ist dein Körpergeruch schuld.«
»Halt die Klappe. Ich habe keinen Körpergeruch.« Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. »Dad hat wieder getrunken, oder?«
»Nein, hat er nicht«, log er.
»So ein Bockmist. Hier stinkt es doch nach Whiskey.« Skylar richtete die Augen auf etwas, das sich hinter Nate befand. Er folgte ihrem Blick und fluchte lautlos, als er die Flasche Jack Daniel’s auf dem Wohnzimmertisch entdeckte. Er hatte vergessen, sie zu verstecken, bevor er seinen Vater nach oben beförderte.
Skylar wusste, dass ihr Vater trank, aber Nate versuchte, sie so gut er konnte vor den schlimmsten Auswirkungen der Sucht abzuschirmen. Sie klammerte sich immer noch an die romantische Vorstellung, dass Michael seine Benommenheit schlagartig abschütteln und sich in einen liebenden Vater zurückverwandeln würde, obwohl es nun schon seit fünf Jahren so ging. Und Nate brachte es nicht über das Herz, ihre Fantasien zu zerschlagen.
»Keine Kraftausdrücke«, sagte er warnend und konzentrierte sich auf ihre Verwendung des Wortes »Bockmist« statt auf die halb leere Whiskeyflasche, die sich nur ein paar Schritte entfernt befand.
Skylar verdrehte erneut die Augen. »Was auch immer. Ich habe dich schon schlimmere Sachen sagen hören.«
»Wie war’s beim Training?« Nate wechselte das Thema. Er und Skylar konnten sich stundenlang zanken, aber nach einem anstrengenden Tag im Café war er erschöpft. Außerdem brauchte er Zeit, um über Kris’ Angebot nachzudenken.
»Es war toll!« Skylars Pferdeschwanz wippte vor Aufregung hin und her. Nichts begeisterte sie mehr als Fußball, außer vielleicht eine neue Ausgabe der Scientific American. Nate hatte keine Ahnung, woher sie ihre Liebe für Wissenschaft hatte – ihre Mutter war Englischlehrerin gewesen, und ihr Vater war nicht gerade ein Genie. »Ich habe zwei Tore geschossen, und die Trainerin sagte, dass sie mir am Ende des Sommers eine Empfehlung für Stanford schreiben wird, wenn ich weiterhin so gute Leistungen erbringe.«
»Das ist ja großartig.« Ein inniges Lächeln erhellte Nates Gesicht. Nach dem Tod ihrer Mutter und dem Totalabsturz ihres Vaters hatte er das College geschmissen, um zu arbeiten. Obwohl seine Noten auf der Highschool bestenfalls durchschnittlich gewesen waren, vermisste er die Erfahrungen, die er auf dem College gemacht hatte – die verrückten Mitbewohner und neuen Freundschaften, die Partys und die Mädchen und die durchgemachten Nächte, die Möglichkeit, einfach jung und wild und frei zu sein.
Er hatte nicht das Vergnügen gehabt, sein Leben so zu führen, wie es ein Achtzehnjähriger führen sollte, aber er würde alles in seiner Macht Stehende tun, um dafür zu sorgen, dass Skylar diese Gelegenheit nicht entgehen würde. Sie war klug und lebhaft, hatte nur Einsen und träumte davon, Biologie in Stanford zu studieren. Das war ein teurer Traum – sogar noch teurer als Nates –, und ein vollständiges Stipendium zu bekommen, war die einzige Hoffnung, die sie hatten, denn nur so würden sie es sich leisten können, falls sie angenommen wurde.
Um das Stipendium zu bekommen, musste Skylar einen Vorsprung vor den anderen Bewerberinnen und Bewerbern haben. Zum Glück war sie beim Fußball ebenso talentiert wie in den akademischen Fächern. Deswegen hatte Nate nicht zweimal überlegt und eine unmenschlich hohe Summe für die Teilnahme an einem prestigeträchtigen Fußballtrainingslager lockergemacht, das den Sommer über stattfand und sich mit Absolventinnen und Absolventen brüstete, die später an den Olympischen Spielen oder an der Weltmeisterschaft teilgenommen hatten.
Er hatte wochenlang geschuftet, um das klaffende Loch in ihrem Bankkonto wieder aufzufüllen, aber das war es wert gewesen. Hoffentlich.
»Übrigens.« Skylar zog an ihrem Pferdeschwanz, und ihre Stimme klang so beiläufig, dass Nate sofort misstrauisch wurde. »Kannst du mich morgen Abend zum Kino fahren? Ich treffe mich dort mit einer neuen Freundin aus dem Trainingslager.«
Seine Schultern entspannten sich angesichts der banalen Bitte. Zum Glück hatte sie keine Verabredung mit einem Jungen oder etwas in der Art. Nate hatte schon genug Sorgen, ohne dass er hormongesteuerte Teenager von seiner Schwester wegscheuchen musste. »Klar.«
»Danke!« Skylar umarmte ihn noch einmal und rannte dann die Treppe hoch. »Ich werde duschen, während du Pizza bestellst.«
»Wer hat gesagt, dass ich Pizza bestelle?«, rief ihr Nate hinterher.
Sie ließ lediglich ein wissendes Lachen hören.
Essen zu bestellen war in letzter Zeit ein Luxus, aber der samstägliche Pizzaabend war schon seit ihrer Kindheit eine Familientradition. Manchmal fiel er aus, weil irgendeine Veranstaltung stattfand oder sonst irgendetwas los war, aber sie hielten sich so oft wie möglich daran. Das war die einzige nicht notwendige Ausgabe, für die Nate jeden Monat das nötige Geld zurücklegte.
Sobald Skylar aus dem Zimmer verschwunden war, blieb nur Stille zurück.
Nate lehnte sich an die Wand, zog sein Handy aus der Tasche und scrollte ziellos darauf herum, bis er bei Kris’ Namen innehielt.
Erinnerungen an ihre riesigen dunklen Augen und üppigen Kurven jagten eine Mischung aus Erregung und Herausforderung durch seinen Körper. Sie bedeutete Ärger. Das war bei diesen Prinzessinnentypen immer so.
Aber fünfzehntausend Dollar … Das war genug Geld, um die Miete für mehrere Monate zu bezahlen. Nate hätte die nötige Ruhe und Zeit, um sich auf seine Vorsprechen zu konzentrieren. Und wer konnte schon sagen, was dann passieren würde? Vielleicht würde ja eines dieser Vorsprechen zu seinem großen Durchbruch führen.
Außerdem hätte er nichts dagegen, Kris wiederzusehen.
Natürlich nur, damit sie ihn bezahlen konnte.
Nate spannte den Kiefer an, als der logische Teil seines Hirns gegen seinen Widerwillen ankämpfte, seinen Körper für Geld zu verkaufen. Und dann war da natürlich noch das moralische Dilemma, dass er jemanden verführen sollte, um eine Beziehung zu zerstören.
Vielleicht verhielt er sich heuchlerisch, denn die Arbeit als Model und Schauspieler bedeutete im Grunde genommen auch, dass er seinen Körper verkaufte, und Nate war kein Heiliger. Aber er hatte seine Wertvorstellungen, und der Gedanke daran, für kaltes, hartes Bargeld Interesse an einer Frau vorzutäuschen, lag ihm so schwer im Magen wie fettige Pizza.
Nachdem er noch weitere zehn Minuten lang gegrübelt hatte, steckte er sein Handy zurück in die Tasche und ging nach oben, wo er die Kopfschmerzen des Tages mit einer langen heißen Dusche wegwusch.
Er musste sich nicht jetzt entscheiden.
Kris hatte ihm achtundvierzig Stunden gegeben.
Ihm blieben noch fünfundvierzig.
Kris’ Verärgerung und unerklärliche Erregung, die sie nach ihrer Begegnung mit Nate verspürt hatte, hielten an, während sie sich zum Frustshoppen auf den Rodeo Drive begab. Als sie anschließend zu Hause ankam, war die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden, aber sie war immer noch erregt, weil in ihr diese untypische Unruhe rumorte.
Achtundvierzig Stunden – sie hatte noch nie in ihrem Leben so lange auf etwas gewartet. Und die Tatsache, dass sie Nate einen so großen Spielraum gewährt hatte, obwohl sie an seiner Stelle jeden beliebigen hirnlosen Schönling hätte anheuern können, verblüffte sie.
Es war ein Job. Sie war eine Arbeitgeberin, die einen Angestellten engagierte – und das auch nur auf Zeit. Warum kümmerte Kris, wer es war, solange derjenige den Job erledigte?
Ihre schlechte Laune wurde nur noch schlimmer, als sie den roten Ferrari Spider des Stiefmonsters in der Garage geparkt sah, die Platz für zehn Autos bot. Der Ferrari und Kris’ silbernes Mercedes Cabrio gehörten zu den drei Autos, die Roger in L. A. zur Verfügung standen, wenn er in der Stadt war.
Die Villa der Carreras in Beverly Hills war, wie all ihre anderen Anwesen auch, riesig, und Kris hatte es bislang fast immer geschafft, dem Stiefmonster aus dem Weg zu gehen. Trotzdem löste das Wissen, dass sich der Rotschopf zur gleichen Zeit auf dem Anwesen aufhielt wie sie, in Kris eine unerträgliche Anspannung aus.
Sie schlug die Autotür zu und betrat das Hauptgebäude. Auf dem Weg zu ihrer Suite ging sie durch die mit einem Kuppeldach ausgestattete Eingangshalle, vorbei an dem gewaltigen Wohnzimmer und der Gourmetküche. Einkaufstaschen aus Dutzenden Designerboutiquen hingen an ihren Armen, doch Kris war zu sehr mit ihren Gedanken an smaragdgrüne Augen und eine träge, gedehnte Stimme beschäftigt, um Trost in dem Gewicht der Kleidung und der Accessoires zu finden, die zusammen viele Tausend Dollar gekostet hatten.
Sie versuchte, das Bild von Nate aus ihrem Kopf zu verbannen, aber es klebte an ihrem Bewusstsein wie Frischhaltefolie.
Verdammt.
Kris erreichte das untere Ende der Treppe genau in dem Moment, als Glorias widerlich süße Stimme durch die Luft waberte.
»Wie war es bei der Arbeit, Liebling?«
Der übertriebene Südstaatenakzent bewirkte, dass sich die feinen Härchen in Kris’ Nacken aufstellten.
Sie straffte die Schultern, drehte sich um und richtete einen desinteressierten Blick auf das Stiefmonster.
Gloria war noch nicht ihre Stiefmutter – zum Glück –, aber zukünftiges Stiefmonster rollte ihr nicht ganz so glatt über die Zunge.
Die siebenundzwanzigjährige Verlobte ihres Vaters trug ein grünes Bikinioberteil mit Blumenmuster, das die besten Brüste in Körbchengröße F präsentierte, die man für Geld bekommen konnte. Um die Hüften hatte sie sich einen durchscheinenden Sarong gebunden, der ihr bis zur Mitte der Oberschenkel reichte. Mit ihrem flammend roten Haar, ihrer Sanduhrfigur und ihren klimpernden Wimpern ähnelte sie Jessica Rabbit, nur dass sie noch unechter war als die Zeichentrickfigur.
»Du tust mir so leid, weil du den ganzen Tag arbeiten musst.« Gloria verzog die schimmernden Lippen zu einem Schmollmund. »Das muss so … mühsam sein. Aber du weißt ja, was dein Vater gesagt hat. Du musst den Wert von Geld und harter Arbeit kennenlernen, Liebling. Schließlich kannst du nicht einfach das Familienvermögen für Designerhandtaschen und -schuhe verplempern.« Mit einer hochgezogenen Augenbraue warf sie einen Blick auf Kris’ zahlreiche Einkaufstaschen.
Zorn brodelte in Kris’ Adern. Das musste Gloria mit ihrer Sucht nach Sachen von Hermès und Louis Vuitton gerade sagen. Sie hatte als Cocktailkellnerin in einer schicken Bar gearbeitet und sich mit Trinkgeldern von lüsternen Männern über Wasser gehalten, bevor sie sich ihren großen Fisch geangelt hatte: Roger Carrera, auch bekannt als Kris’ Dad. In den achtzehn Monaten, die vergangen waren, seit sie und Roger sich kennengelernt hatten, hatte sie sich von einem ungebildeten Nichts, das Target für das Nonplusultra hielt, in einen Designersnob verwandelt. Mittlerweile brachte sie mit ihren Einkäufen monatliche Rechnungen heim, deren Summe dem Jahresgehalt eines Durchschnittsamerikaners entsprach.
Doch Kris ließ sich nicht unterkriegen. Sie und Gloria befanden sich in einem kalten Krieg miteinander und führten keine offene Auseinandersetzung. Sie schlugen ihre Schlachten im Verborgenen – mithilfe subtiler giftiger Bemerkungen und Strippen, die sie hinter den Kulissen zogen. Wer auch immer zuerst die Fassung verlor, würde sich in eine ernsthaft schlechte Position hineinmanövrieren.
»Danke für deine Sorge. Ich bin mir sicher, dass du genug Erfahrung mit … harter Arbeit gemacht hast, dass es für uns beide reicht. Und es besteht kein Grund, sich Sorgen zu machen, dass ich das Familienvermögen ›verplempere‹. Ich habe vor, das Geld der Carreras vor allem und jedem zu beschützen, der es bedrohen könnte.«
Die wahre Bedeutung hinter ihren Worten hing glasklar in der Luft.
Gloria war eine Bedrohung, und Kris würde sie vernichten, bevor sie auch nur den Gang zum Traualtar antreten konnte.
Ein Teil dieses Vorhabens war aus reiner Rachsucht entstanden. Kris’ Vater hatte darauf bestanden, dass sie sich in diesem Sommer einen »richtigen« Job suchte und den Wert des Geldes zu schätzen lernte, weil ihm Gloria diesen Floh ins Ohr gesetzt hatte. Roger war durchaus damit zufrieden gewesen, Kris mit so viel Geld und Freiheit zu versorgen, wie sie haben wollte – bis das Stiefmonster auf der Bildfläche erschienen war.
Statt zu widersprechen, hatte Kris eingewilligt und ihren Vater davon überzeugt, ihr für den Sommer einen Job als Assistentin bei Bobbi Rayden zu verschaffen. Sie wusste, wann sie ihre Schlachten schlagen musste, und wenn sie schon wie eine aus dem gemeinen Volk arbeiten musste, dann konnte sie ebenso gut einen glamourösen Job in L. A. übernehmen, wo sie in ihrer Freizeit die Strände und Boutiquen unsicher machen konnte. Das war deutlich angenehmer als die Vorstellung, im Hauptsitz der Firma ihres Vaters in Seattle Akten zu wälzen.
Zu ihrer Überraschung und Bestürzung hatte Gloria angeboten, sich ihr in Kalifornien anzuschließen. Sie hatte behauptet, dass es eine gute Gelegenheit sei, vor der Eheschließung im November eine Beziehung zu ihrer zukünftigen Stieftochter aufzubauen. Roger, der sich Glorias und Kris’ gegenseitiger Abneigung gegenüber vollkommen blind stellte und unbedingt wollte, dass sie sich gut verstanden, hatte den Vorschlag sofort lebhaft unterstützt. Da spielte es keine Rolle, dass Kris und Gloria absolut keine Beziehung miteinander aufbauen wollten und Kris stattdessen lieber in einem Meer aus kratzigen Polyesterpullovern ertrunken wäre.
Nein, das Stiefmonster hatte lediglich die Gelegenheit ergriffen, einen Sommer im sonnigen Südkalifornien statt im trüben Seattle zu verbringen, während Roger ein wichtiges Geschäft in Manila abschloss. Dieses Geschäft hatte in den letzten paar Monaten seine ganze Aufmerksamkeit beansprucht, und er hatte beschlossen, auf den Philippinen zu bleiben, bis alles in trockenen Tüchern war, statt alle paar Wochen zwischen Washington und Manila hin- und herzufliegen.
»Oh, mein süßer Liebling. Wie naiv du bist«, sagte Gloria sanft. »Zu glauben, dass du irgendetwas vor irgendjemandem beschützen könntest. Du bist mit einem silbernen Löffel im Mund aufgewachsen. Du hast keine Ahnung, wie es ist, wenn man um sein Überleben kämpfen muss.«
Kris bleckte die Zähne, um den Anschein eines Lächelns zu erwecken. »Willst du darauf wetten?«
»Oh, ich wette nicht. So was ist albern.« Gloria winkte abschätzig ab. Ihr gewaltiger Verlobungsring mit zehn Karat von Cartier funkelte dabei im Licht, und ein kaltes zufriedenes Schimmern schlich sich in ihren Blick, als sie sah, wie Kris’ Augenlid bei dem Anblick vor Wut zuckte. »Außerdem wirst du nicht genug Geld haben, um es zu verwetten«, sagte sie gedehnt.
Das Stiefmonster drehte sich auf dem Absatz um und marschierte in Richtung Pool davon. Ihre Hüften schwangen dabei wie ein Pendel hin und her.
Außerdem wirst du nicht genug Geld haben, um es zu verwetten.
Was zum Teufel sollte das bedeuten? Gloria hatte ihren Vater davon überzeugt, ihr den Geldhahn zuzudrehen, nachdem Kris während eines Auslandssemesters eine übertrieben große Summe für das Geburtstagswochenende ihrer Freundin Courtney Taylor ausgegeben hatte. Aber aus lauter schlechtem Gewissen hatte Roger Kris’ Kreditkartenprivilegien schon bald darauf wieder freigegeben. Sie bezweifelte, dass Gloria es noch einmal mit diesem Trick versuchen würde.
Außerdem waren Kris’ Giro- und Sparkonten mit jeder Menge Geld gefüllt, und sobald sie dreiundzwanzig wurde, würde sie einen Treuhandfonds erhalten, der so groß war, dass sie keinen einzigen Tag in ihrem Leben mehr würde arbeiten müssen.
Sie kam zu dem Schluss, dass Gloria sie nur auf die Palme bringen wollte, und stieg die Treppe hoch, um in ihr Zimmer zu gehen. Sobald Nate Kris’ Angebot annahm – und er würde es annehmen –, würde Gloria für immer aus ihrem Leben verschwinden. Kris vertraute auf seine Fähigkeit, das Stiefmonster zu verführen.
Trotz ihres albernen Getues und der Tatsache, dass sie gern die Jungfrau in Nöten spielte, war Gloria nicht dumm. Aber sie hatte ihren Verlobten auch seit über einem Monat nicht mehr gesehen, und Nate war attraktiv genug, um sogar eine Nonne in die Knie zu zwingen. Eine lüsterne, gelangweilte Hausfrau in spe würde ein Kinderspiel sein.
Kris schlüpfte aus ihren Jimmy Choos und strich mit den Füßen über den flauschigen Teppich. Ihr Magen verkrampfte sich schon wieder ein wenig, als sie sich Nates perfekte breite, starke Schultern und schön geformtes Gesicht vorstellte. Sie fragte sich, welche armen Verlierer mit Warzen und Hängebacken herumlaufen mussten, damit Nate zu seinem Übermaß an Schönheit kommen konnte. Gott musste bei seiner Erschaffung die Attraktivität von mindestens drei Männern verwendet haben. Anders ließ sich sein umwerfendes Aussehen nicht erklären.
Kris versuchte, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen, indem sie ihre Einkäufe auspackte. Doch sie war so abgelenkt, dass sie noch nicht einmal ihr neues Beutegut von Rag & Bone gebührend bewundern konnte.
Immer wieder wanderte ihr Blick zu der Uhr auf dem Nachttisch.
»Die Zeit läuft ab, Nate«, flüsterte sie. »Ich mag es nicht, wenn man mich warten lässt.«
Den nächsten Morgen verbrachte Kris im Alchemy, wo sie knietief in Recherchearbeit steckte. Sie war sich sicher, dass Nate ihr Angebot annehmen würde, aber für den Fall, dass er es nicht tat, brauchte sie einen Ersatz.
Als es auf Mittag zuging, hatte sie sich so viele Porträtfotos von Schauspielern angesehen, dass ihre Sicht ganz verschwommen war. Waschbrettbäuche, starke Kieferpartien, perfekte Bräune. Bla, bla, langweilig.
Nate hatte das alles auch, aber bei ihm kamen noch eine Selbstsicherheit und eine Arroganz hinzu, die einen vom ersten Augenblick an fesselten. Die Typen, die Kris online gefunden hatte, waren das Gegenteil von fesselnd.
Fairerweise musste man sagen, dass das nur Bilder waren. Vielleicht waren sie in natura charmanter. Aber Kris brauchte jetzt eine Pause, bevor sie noch vor lauter Frustration ihren Kopf auf den Tisch hämmerte.
»Vanille-Hafer-Latte mit einem doppelten Schuss Espresso.« Der blauhaarige Barista/Kellner mit dem beeindruckenden Nasenpiercing stellte das Getränk vor sie hin.
»Danke.« Kris ließ den Blick über den Rest des Personals wandern. Keine Spur von Nate. Normalerweise hatte er sonntags Frühschicht – nicht dass sie darauf achtete oder so was.
Er war ihr sofort aufgefallen, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, aber sie hatte nie darüber nachgedacht, ihn anzusprechen, bis sie sich vor einer Woche diesen brillanten Plan überlegt hatte, mit dem sie Gloria loswerden wollte.
Dass er heute nicht da war, enttäuschte Kris.
»Sieht aus, als wäre heute viel los«, sagte sie beiläufig. »Ich bin überrascht, dass ihr nur zu dritt arbeitet.«
Unter der Woche war das Café ein ruhiger Ort, aber an den Wochenenden wurde es von Schickimickileuten, die zum Brunch herkamen, förmlich überrannt. Kris war früh genug eingetroffen, um sich einen Ecktisch zu sichern, und nun rechtfertigte sie ihren alleinigen Anspruch auf diesen Tisch, indem sie ständig Kaffee und Gebäck und außerdem eine Portion köstlichen French Toast bestellte.
»Das ist schon okay. Heute ist nicht mehr los als an anderen Wochenenden.« Blauhaar wirkte überrascht, dass Kris plötzlich so gesprächig war. Sie hatte noch nie zuvor eine Unterhaltung angefangen, die über das übliche »Hi«, »Danke« und »Tschüss« hinausging. »Heute Morgen sollte eigentlich noch ein weiterer Kellner hier sein, aber er wurde ganz plötzlich von einem Notfall überrascht und wechselte in die Nachmittagsschicht.«
Kris nippte an ihrem Latte. »Ich hoffe, dass bei ihm alles in Ordnung ist.«
»Ja, ihm geht es gut.« Eine Gruppe betrunkener Blondinen verlangte nach mehr Mimosas und zog Blauhaars Aufmerksamkeit auf sich. Er schenkte Kris ein entschuldigendes Lächeln. »Gib mir Bescheid, falls du noch irgendetwas brauchst.«
Nachdem sie noch ein paar Minuten lang Porträtfotos durchgegangen war, ohne überhaupt richtig hinzusehen, klappte Kris ihren Laptop zu und begegnete dem Blick einer älteren Dame, die einen Tisch weiter saß. Sie war schön und hatte hohe Wangenknochen und gebräunte Haut. Sie war ebenfalls Stammkundin im Alchemy.
Kris wurde das Gefühl nicht los, dass sie diese Frau zuvor schon einmal gesehen hatte, bevor sie in L. A. in dasselbe Café gestolpert waren. War sie vielleicht eine weniger bekannte Schauspielerin?
Die Dame lächelte. Doch Kris erwiderte die freundliche Ouvertüre nicht. Nur weil sie sich vom Sehen her kannten, waren sie nicht automatisch Freundinnen oder gute Bekannte. Diese Frau konnte genauso gut eine Stalkerin sein.
Kris verstaute ihren Laptop in ihrer Tasche, warf einen Zwanzigdollarschein auf den Tisch und verließ das Café. Für heute hatte sie genug gearbeitet. Ihr nächster Termin war erst um achtzehn Uhr, sodass sie jede Menge Zeit hatte, um … was zu machen?
Einzukaufen? Das hatte sie gestern schon gemacht.
Ins Spa zu gehen? Auch das hatte sie bereits gestern gemacht.
An den Strand zu gehen? Dort war es zu heiß und zu voll. Kris bevorzugte Privatstrände, die zu Fünfsternehotels am Mittelmeer gehörten.
Oh Mann.
»Ich bin ein gottverdammtes Klischee«, murmelte sie und stieg in ihren Mercedes.
Das arme, kleine reiche Mädchen hat nichts zu tun.
Da kommen einem ja gleich die Tränen.
Kris wünschte sich, dass ihre Freundin Farrah, die sie während eines Auslandssemesters in Shanghai kennengelernt hatte, hier wäre, damit sie ihre Zeit miteinander verbringen könnten. Farrah wohnte in L. A., aber sie machte diesen Sommer zusammen mit ihren anderen Auslandssemesterbekanntschaften Olivia Tang und Sammy Yu ein Praktikum in New York.
Kris kannte nur eine Handvoll Leute in der Stadt, hauptsächlich die Nachkommen von Prominenten, die dieselben angesagten Resorts besuchten wie die Carreras. Aber ihr war nicht danach, diese Leute zu treffen. Teague war der Einzige von ihnen, den sie ertrug, und er verbrachte seine Sommer immer mit Surfen auf Hawaii oder im Südpazifik.
Nachdem sie einen Augenblick lang darüber nachgedacht hatte, fuhr sie nach Osten Richtung La Brea. Keine halbe Stunde später war sie an einem zweistöckigen Bürogebäude angekommen, in dem sich neben anderen Unternehmen eine Zahnarztpraxis, eine Filiale der Chase Bank und eine Zweigstelle von Allstate-Versicherungen befanden. Das ganze Gebäude war so nichtssagend und vorstädtisch, dass es sie enorm deprimierte.
Kris stellte den Motor ab und stieg aus dem Auto. Erst als sie versuchte, die Tür des Gebäudes zu öffnen, und merkte, dass sie abgeschlossen war, wurde ihr klar, dass heute Sonntag war. Und das bedeutete, dass hier niemand arbeitete.
Sie stöhnte. »Ich bin eine Idiotin.«
»Sei nicht so streng mit dir.«
Kris wirbelte herum und war bereit, die Person, die sich hinter ihr befand, sofort mit Pfefferspray zu attackieren. Doch dann entspannte sie sich, als sie Susan sah, die sie mit funkelnden Augen und einem warmen Lächeln anschaute.
»Was machst du hier?«, verlangte Kris zu wissen. »Heute ist Sonntag.«
Susan zog eine Augenbraue hoch. Sie trug alte Jeans und ein gelbes T-Shirt, das schon bessere Tage gesehen hatte. Außerdem hielt sie einen großen Pappkarton in den Händen, der aussah, als enthielte er Bastelmaterialien. »Das Gleiche könnte ich dich fragen.«
Wäre Kris der Typ gewesen, der leicht errötete, wäre sie in diesem Moment knallrot angelaufen. »Ich habe die Tage verwechselt. Ich dachte, heute sei Montag.«
»Verstehe.« Susan war zu nett, um sich über sie lustig zu machen, aber ihr wissender Blick bewies, dass sie Kris’ dreiste Lüge durchschaute. Denn normalerweise tauchte Kris erst am frühen Abend auf, weil sie tagsüber arbeiten musste, und jetzt war es gerade einmal kurz nach Mittag. »Da du schon mal hier bist, sei so gut und mach die Tür für mich auf, ja?« Sie deutete mit dem Kinn auf die Schlüsselkarte, die an einem Band von ihren Fingerspitzen baumelte.
Kris nahm die Karte, wedelte damit vor dem elektronischen Sicherheitsfeld des Gebäudes herum und hielt die Tür auf, sobald sich das Schloss summend entriegelte. Sie folgte Susan zum Büro von MentHer, das sich im hinteren Bereich des Gebäudes befand. Irgendwie kam sie sich dabei wie eine Tochter vor, die ihre Mutter zur Arbeit begleitete.
Nicht dass Kris überhaupt gewusst hätte, was das für ein Gefühl war. Ihre Mutter hatte sie und ihren Dad im Stich gelassen, als Kris zwei Jahre alt gewesen war.
Vielleicht hatte sich Kris deshalb so sehr von dem MentHer-Flyer angesprochen gefühlt, als sie ihn vor zwei Wochen im Alchemy entdeckt hatte. MentHer war eine gemeinnützige Organisation für Mädchen, die ihre Mutter verloren hatten, und bot Veranstaltungen, Mentorschaften und Kurse für junge Mädchen bis zum Alter von zweiundzwanzig an.
Mit einundzwanzig war Kris zu jung, um schon Mentorin zu sein – nicht dass sie sich für eine solche Rolle beworben hätte, selbst wenn sie vom Alter her dafür qualifiziert gewesen wäre. Sie zog es vor, ihre wohltätigen Beiträge in Form von Schecks zu leisten, besten Dank auch. Kris war immer sehr gut ohne Mutter zurechtgekommen, während sie aufgewachsen war. Sie hatte diese ganze Sache mit der Periode hinbekommen, hatte sich nie das Herz brechen lassen und besaß herausragende Fähigkeiten, wenn es um Make-up und Styling ging.
Allerdings hatte irgendetwas Seltsames in ihr sie dazu veranlasst, einen der Flyer mitzunehmen und am Tag darauf bei MentHer aufzutauchen, um ihre Dienste als ehrenamtliche Helferin anzubieten. Sie wollte bei Veranstaltungen, bei der Büroarbeit und ähnlichen Dingen aushelfen. Obwohl es überhaupt keinen Sinn ergab. Kris hasste Büroarbeit. Damit musste sie sich schon in ihrem regulären Job viel zu oft herumschlagen.
Anders als sie gedacht hatte, bestand die Arbeit für Bobbi Rayden weniger aus Partys auf dem roten Teppich, als eher darin, die Erwähnungen von Bobbis prominenten Klientinnen und Klienten in den Medien nachzuverfolgen. Das war zum Gähnen langweilig.
Susan schaltete das Licht an, das den leeren Empfangsschreibtisch und den abgewetzten marineblauen Teppich beleuchtete. Sie gingen am Empfangsbereich vorbei und hielten direkt auf den hinteren Bereich des Büros zu, wo Poster mit motivierenden Sprüchen und Fotos von Mentorinnen und ihren Schützlingen auf diversen Veranstaltungen die orangefarbenen Wände bedeckten.
»Also.« Susan stellte den Pappkarton auf einen Tisch und betrachtete Kris mit ihren klugen Augen. »Willst du mir dabei helfen, die Materialien für die Gruppenaktivität nächste Woche zu sortieren, oder willst du mir lieber mitteilen, warum du an einem Sonntagnachmittag wirklich hergekommen bist?«
Kris setzte eine finstere Miene auf. Sie mochte Susan, die ihren Job in der Filmbranche vor vier Jahren gekündigt hatte, um sich ihrer neuen Berufung als Gründerin von MentHer zu widmen. Aber so sehr mochte sie sie nun auch wieder nicht. Außerdem wusste Kris eigentlich immer noch nicht genau, warum sie an einem Sonntag hier war, wenn sie stattdessen im Chateau Marmont mit süßen Jungs hätte flirten können.
»Ich will die Materialien sortieren.« Kris strich sich eine dichte Haarsträhne aus den Augen. Sie hatte ihre von Natur aus schwarzen Locken komplett dunkelbraun färben und sie dann mit schimmernden schokoladenbraunen und karamellfarbenen Balayage-Strähnchen durchziehen lassen. Zum Glück hatte sie in L. A. eine Stylistin gefunden, die den Fähigkeiten ihrer Friseurin in Seattle gerecht wurde.
Susan verzog die Lippen zu einem ironischen Lächeln. »Also gut.«
Die nächsten paar Stunden über arbeiteten sie schweigend. Die Materialien zu sortieren dauerte nicht lange, doch Susan brauchte auch noch Hilfe dabei, das von MentHer veranstaltete jährliche Sommerfest im August zu planen. Dabei unterstützte Kris sie nur zu gern – sie liebte es, Veranstaltungen zu planen, und hatte ihrem Vater in der Vergangenheit dabei geholfen, Dutzende von Wohltätigkeitsveranstaltungen zu organisieren. Das Budget von MentHer befand sich natürlich nicht auf dem gleichen Level wie das der Wohltätigkeitsbälle, die fünftausend Dollar Eintritt pro Person kosteten, aber mit ein wenig Kreativität konnte man dennoch viel erreichen.
»Warum machst du das hier an einem Wochenende?« Kris kritzelte eine Liste mit Mottoideen für das Fest auf einen gelben Schreibblock. Disney. Geheimer Garten. Nautisch. Das war alles nichts Aufregendes, passte aber zu dem großen Altersunterschied der Schützlinge. »Ich dachte, dass die Veranstaltungsplanung Melindas Aufgabe ist.«
»Es macht mir nichts aus. Wenn man etwas liebt, kommt es einem nicht wie Arbeit vor.« Um Susans Augen herum bildeten sich kleine Fältchen, als sie lächelte. »Aber ich weiß es zu schätzen, dass du geblieben bist, obwohl du stattdessen unterwegs sein könntest, um irgendeinem armen Jungen das Herz zu brechen.«
Kris ignorierte einfach die Stichelei der anderen. »Ich bitte dich. Jungs machen mehr Ärger, als sie wert sind.«
Schon wieder blitzte das Bild von Nate vor ihrem inneren Auge auf. Es war wie eine nervtötende Mücke, die einfach nicht verschwinden wollte. Durchaus verärgert wischte sie es fort.
»Die meisten sind es nicht wert«, stimmte Susan zu. »Aber warte nur, bis du den einen findest, für den du bereit bist, durchs Feuer zu gehen.«
»Ich warte nicht gern.« Für Kris war dieses Thema damit beendet. »Steht das mit dem Kino heute Abend noch?«
»Ja. Danke, dass du mich daran erinnerst.« Susan blickte auf ihre Uhr. »Wir sollten jetzt aufbrechen, wenn wir es noch rechtzeitig schaffen wollen. Du kennst ja den Verkehr in L. A.«
Wenn es eine Sache im Leben gab, die Kris noch mehr hasste als gefälschte Designerprodukte, dann war es der Verkehr in Los Angeles. Sie hätte sich für den Sommer einen privaten Hubschrauber mieten sollen, statt den Mercedes zu nehmen. Damit hätte sie viele Stunden ihres Lebens eingespart.
Zehn Minuten nach der verabredeten Uhrzeit trafen sie am Kino ein. Zum Glück war Melinda, die Programmleiterin bei MentHer, bereits vor Ort gewesen, um die Mädchen und ihre Mentorinnen in Empfang zu nehmen.
Auf ihrem Gesicht malte sich ein erleichtertes Lächeln, als sie Susan und Kris sah. Ganz allein zwei Dutzend Leute unter Kontrolle zu halten, war vermutlich nicht leicht.
Während sich Susan und Melinda über etwas Geschäftliches unterhielten, betrachtete Kris die Paare aus Mentorin und Schützling mit kühler Distanz. Die meisten der Mädchen nervten sie nicht, was schon eine Menge wert war, aber ein paar von ihnen hätten eine Typveränderung gebrauchen können. Hatten diese Leute etwa noch nie etwas von Tiefenpflegespülungen gehört?
»Kris!« Eine quirlige Blondine in Jeansshorts und einem weißen T-Shirt mit pastellfarbenem Regenbogenaufdruck kam hüpfend auf sie zu. »Ich bin so froh, dass du hier bist!«
Kris’ Miene wurde ein klein wenig sanfter. »Das hätte ich mir um nichts auf der Welt entgehen lassen.«
Skylar, die sich MentHer etwa zum gleichen Zeitpunkt angeschlossen hatte, als Kris ihre ehrenamtliche Arbeit dort aufgenommen hatte, war der einzige Schützling, den sie ganz gut leiden konnte. Kris’ freundschaftliche Neigung für das Mädchen verblüffte sie, wenn sie bedachte, dass ihre Toleranz für Lebhaftigkeit auf einer Skala von eins bis zehn gegen null ging. Bislang war Courtney die einzige Person gewesen, deren Quirligkeit nicht dazu führte, dass sich Kris die Augen ausstechen wollte.
»Weiß dein Bruder immer noch nicht, dass du zu diesen Treffen kommst?« Kris folgte dem Rest der Gruppe ins Kino. Susan hatte ihre Eintrittskarten online gekauft, also konnten sie an den langen Schlangen vorbei und direkt auf die gelangweilt wirkenden Mitarbeiter auf der linken Seite zugehen.
»Nein. Er glaubt, dass ich mit einer Freundin aus dem Fußballtrainingslager hier bin.« Skylars Wangen liefen pink an. »Das ist albern. Vermutlich würde es ihm gar nichts ausmachen, aber ich will ihn nicht verletzen, verstehst du? Er hat so viel für mich getan, seit unsere Mutter starb, und ich will ihm auf keinen Fall das Gefühl geben, dass er nicht gut genug ist. Aber es gibt eben Dinge …«
»Über die man mit einer anderen Frau reden muss«, beendete Kris den Satz für sie.
Skylar schenkte ihr ein dankbares Lächeln. »Ja.«
Für eine Siebzehnjährige, die in L. A. aufgewachsen war, der Stadt der hinterhältigen Schlangen und falschen Lächeln, war sie erschreckend unschuldig und ausgeglichen. Sie war nicht unbedingt naiv, aber sie verfügte über eine frische, optimistische Sicht auf das Leben, die Kris einfach nicht begreifen konnte. Vielleicht mochte sie das Mädchen deswegen so sehr. Skylar war eine Rarität, ein seltener Diamant in einem Meer aus grob behauenen Steinen.
Außerdem erhaschte Kris hin und wieder einen Blick auf eine tiefe Einsamkeit, die sich hinter Skylars sonnigem Lächeln verbarg. Und die konnte sie nachempfinden. Das Gefühl, auf der Welt ganz allein zu sein, selbst wenn man von Leuten umgeben war, konnte wirklich ätzend sein.
»Ich würde mich nicht mehr ganz so schlecht fühlen, wenn er eine Freundin hätte«, sagte Skylar, als sie sich auf ihre Plätze begaben. »Eine Person, die ihn von der Familie und der Arbeit ablenkt. Er steht immer so sehr unter Stress, dass ich Angst habe, dass er einen Herzstillstand erleiden wird, bevor er dreißig ist.« Sie legte den Kopf schief und schaute Kris mit zusammengezogenen Augen an. »Ihr beide seid ungefähr im gleichen Alter …«
»Denk nicht mal daran.« Kris’ Ton ließ keinen Widerspruch zu. »Mit Romantik habe ich nichts am Hut, und ich bin ohnehin nur den Sommer über hier.«
Skylars Beschreibung nach schien ihr Bruder ein verlässlicher Kerl zu sein. Aber er klang auch verflucht langweilig.
Familie und Arbeit.
Bei der bloßen Vorstellung musste Kris schon gähnen.
»Aber Sommerromanzen machen Spaß!«, beharrte Skylar.
Kris zog eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch. »Hattest du je eine?«
»Nein. Aber …«
»Psst. Der Film fängt an.«
Und tatsächlich gingen gerade die Lichter aus, und erwartungsvolles Schweigen legte sich über den Kinosaal.
Da ein paar der Schützlinge jünger als elf waren, hatte Susan einen süßen, kinderfreundlichen Film ausgesucht. Nach fünfundvierzig Minuten wollte Kris den Drehbuchschreiber, die Synchronsprecher, den Regisseur und die Person, die das Konzept des Animationsfilms erfunden hatte, erschießen.
Sie konnte nur ein gewisses Maß an Regenbögen und Einhörnern ertragen.
Dass Skylar während des gesamten Films immer wieder heimlich in ihre Richtung schaute, machte es nicht besser. Sie hatte ein schelmisches Funkeln in den Augen, das Kris ganz und gar nicht gefiel.
Nach neunzig Minuten war der Film zum Glück vorbei. Susan und Melinda blieben bei den Mädchen, die darauf warteten, dass ihre Familienmitglieder sie abholten. Doch Kris hatte für heute Abend genug Gruppenspaß gehabt. Sie verabschiedete sich von den MentHer-Mitarbeiterinnen und Skylar – wobei sie die verzweifelten Versuche des Mädchens, Kris ihren Bruder anzupreisen, ignorierte – und fuhr nach Hause.
Sie war schon halb in Beverly Hills, als ihr Handy klingelte. Es war mit ihrem Auto verbunden, also konnte sie den Namen des Anrufers auf der Anzeige des Radios aufleuchten sehen.
Nate.
Kris’ Herz vollführte einen albernen kleinen Hüpfer, und sie legte die Finger fester um das Lenkrad.
»Du machst es ganz schön knapp«, sagte sie und verzichtete auf die üblichen Begrüßungsfloskeln.
»Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, blieben mir immer noch vierundzwanzig Stunden.« Nates rauchige gedehnte Stimme erfüllte das Auto. Sie war so tief und samtig, dass Kris sie beinahe spüren konnte.
Ihre Brustwarzen wurden unter dem Stoff ihres dreihundert Dollar teuren Seiden-BHs ganz hart, und zwischen ihren Oberschenkeln sammelte sich Hitze. Sie unterdrückte ein überraschtes Keuchen.
Kris erlag irrationaler Lust nicht. Niemals.
Ja, sie war gestern nach ihrer Begegnung mit Nate auf dem Parkplatz erregt gewesen, aber das hier war eine ganz andere Dimension.
Nach nur einem Satz von einem Kerl, bei dem sie sich nicht einmal sicher war, ob sie ihn mochte, war sie ganz feucht.
Was zum Teufel stimmte nicht mit ihr?
Du und ich müssen uns mal über angemessene Reaktionen unterhalten, teilte sie ihrem verräterischen Körper mit, der sich als Reaktion darauf nur noch mehr aufheizte.
»Hast du angerufen, um mit mir über die Frist zu diskutieren, oder hast du eine Entscheidung getroffen?«
Kris beglückwünschte sich zu ihrem unnahbaren Ton. Anhand ihrer Stimme konnte niemand erkennen, dass sie in Wahrheit zitterte wie Espenlaub.
Nate lachte leise belustigt auf, und verdammt, das heisere Grollen erregte sie nur noch mehr.
Er könnte ein Vermögen als Telefonsexmitarbeiter machen.
»Ja. Ich werde es tun.« Er machte eine kurze Pause. »Unter gewissen Bedingungen.«
Bedingungen? Tatsächlich Bedingungen?
Wut dämpfte Kris’ Erregung. Sie hatte bereits nachgegeben, als er fünftausend Dollar mehr verlangt hatte. Fünfzehntausend Dollar waren verdammt viel Geld für das, was er tun musste, was im Grunde genommen nichts weiter war, als hübsch auszusehen und Gloria ein paar Komplimente zu machen.
»Du musst Crack rauchen, wenn du denkst …«
»Ich werde es für fünfzehntausend Dollar tun …«
Sie sprachen gleichzeitig, aber Nate war noch nicht fertig, und seine nächsten Worte verblüfften Kris so sehr, dass sie danach eine ganze Weile ihre Stimme nicht wiederfinden konnte.
»… und für einen Kuss. Von dir. Zu einem Zeitpunkt, den ich bestimme.«
Sie war sauer.
Nate verzog den Mund zu einem Grinsen, als er Kris im Hilltop Park stehen sah. Ihre Augen funkelten vor Wut, während sie dabei zuschaute, wie er sich ihr näherte. Mit ihrem weißen Kleid, dem dunklen Haar, das im Wind flatterte, und dem tiefen Stirnrunzeln ähnelte sie einem Racheengel, der kurz davor war, den armen Sterblichen zu zerschmettern, der es gewagt hatte, sie zu verärgern.
Nur dass Nate kein normaler Sterblicher war. Sie brauchte ihn. Wäre es nicht so, hätte sie nun nicht nach einem persönlichen Treffen verlangt, nachdem sie am Ende ihres Telefonats vor einer Woche ein paar kreative Stellen aufgelistet hatte, an die er sich sein Gegenangebot schieben könne, bevor sie einfach aufgelegt hatte.
Nate war mit dem Gegenangebot ein großes Risiko eingegangen, aber wenn er eine Sache über das Leben und das Geschäft gelernt hatte, dann das: Man musste immer verhandeln. Das Eröffnungsangebot war nur selten das beste. Deswegen hatte er die Lage sondiert und den Preis auf fünfzehntausend Dollar erhöht. Zusätzliche fünftausend Dollar mochten für Kris nicht besonders viel sein, aber für die Reynolds bedeutete diese Summe eine Menge.
Und was die Sache mit dem Kuss anging … Tja, Nate war ebenso überrascht wie Kris gewesen, als die Worte aus seinem Mund gekommen waren. Doch je mehr er darüber nachdachte, desto weniger hatte er gegen die Idee, sich davon zu überzeugen, ob ihre vollen Lippen so süß schmeckten, wie sie aussahen.
Er hatte sie seit ihrer Begegnung nicht mehr aus dem Kopf bekommen, und das trieb ihn in den Wahnsinn. Nate war nicht der Typ, der wegen eines Mädchens durchdrehte. Normalerweise musste er kaum einen Finger rühren, und schon warfen sich ihm die Vertreterinnen des anderen Geschlechts an den Hals und versprachen ihm alles – von Blowjobs über Dreier bis hin zu dem versauten Zeug, das man nur auf Pornoseiten fand.
Andererseits war an dieser Situation nichts normal.
»Du bist spät dran«, sagte Kris tonlos.
Nate zuckte mit einer Schulter. »Tut mir leid. Mein Vorsprechen dauerte länger, und Long Beach ist ein gutes Stück von Hollywood entfernt, außerdem ist Rush Hour.«
Das Vorsprechen war für eine kleine Nebenrolle in einem bevorstehenden Thriller gewesen, und er war sich sicher, dass er es genau richtig gemacht hatte. Die Rolle bestand zwar nur aus zwei Zeilen Text, doch er würde direkt mit Oscar Bravo zu tun haben, dem größten Actionstar der Welt.
Der Gedanke war für Nate mehr als aufregend. Oscar war eins seiner Idole.
Kris schnaubte. »Erst dein lächerliches Gegenangebot, und jetzt kommst du auch noch zu spät. Du forderst dein Glück wirklich heraus.«
»Wenn mein Gegenangebot so lächerlich ist, warum bist du dann hier?« Nate lehnte sich an eine der Steinsäulen, die die niedrige Betonmauer säumten.
Hilltop Park befand sich auf einem Hügel mit Blick auf Long Beach und Rancho Verde, und in der Ferne konnte man sogar noch die Innenstadt von L. A. erkennen. Der Park war nicht groß – nur ein runder Bereich, in dem hier und da ein paar Bänke standen und der von einem welligen Teppich aus üppigem Gras umgeben war. Die einzigen anderen Besucher waren ein Highschool-Paar, das zu sehr damit beschäftigt war, auf einer der Bänke zu knutschen, um Kris und Nate Beachtung zu schenken.